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In der marxistischen Tradition

Die Aufnahme einer Debatte über den Charakter der gegenwärtigen Krise – in der UZ, seitens
der DKP – finde ich an sich gut, weil sie sich in der Tradition des Marxismus bewegt: Probleme/
Widersprüche des Kapitalismus nicht schlechthin, sondern unter dem Gesichtspunkt ihrer
gesellschaftlichen Form zu analysieren. Frage sollte immer sein, ob sie historisch spezifisch
sind, ob sie sie nur unter der Bedingung auftreten, dass ein kapitalistisches Verhältnis des
Eigentums zu den Produktivkräften bzw. zur Arbeit im Allgemeinen besteht?

Damit ergibt sich die Frage nach einer anderen, alternativen Gesellschaft automatisch. Diese Art
der Fragestellung kennzeichnet ja den Marxismus, er bleibt also angewendet nicht nur auf den
vergangenen Kapitalismus, sondern auch auf den gegenwärtigen, zukünftigen.

Man hat manchmal den Eindruck, dieser Gesichtspunkt würde – auch aufgrund der Aufgabe der
sozialistischen Alternative – in den Hintergrund getreten sein oder gar nicht mehr bedient
werden. Insofern ergibt sich ein Wert der Debatte an sich unabhängig davon, zu welchen
konkreten Ergebnissen wir schon gelangen.

Aber auch dazu kurz eine – auch wieder allgemeine – Überlegung: „Normale zyklische Krise
(aus Gründen einer Überproduktion)“ oder „Zyklische Überproduktionskrise plus
Überakkumulation“ sollte kein Unterschied sein, sondern ein Zusammenhang. Überakkumulation
muß immer einer Überproduktion vorangehen bzw. die eine Erscheinung ist nur die Folge der
anderen Form. Die Frage sehe ich mehr darin, ob das so genannte Finanzkapital (also Kapital in
der Form des Geldes) nicht an sich die Form einer Überproduktion angenommen hat –
Überproduktion von zur Kapitalisierung bereitem Geld. Sparvolumen oder allgemeines Kapital;
also Geld-Kapital, das bereit steht, in jedes Kapital in Warenform zu strömen, gab es schon
immer; es ist eine Bedingung, die ökonomische Aneignung, die zunächst nach dem
Äquivalenzprinzip erfolgt, mit der konkreten Form der ökonomischen Bewegung auszusöhnen,
die vom Prinzip der proportionalen, also unterschiedlichen Entwicklung geleitet ist. Die
Entstehung eines allgemeinen Kreditfonds ist Bedingung, dass dieser Wechsel vom Geld, wie
es angeeignet, und Geld, wie es ausgegeben wird, stattfinden kann. Aber das ist nicht
Überproduktion von allgemeinem Geld-Kapital.

Überproduktion des freien Geld-Kapitals tritt erst ein, wenn seine Menge jene Menge übersteigt,
die als notwendig gilt, die proportionale Produktion von Kapital in der Warenform zu vermitteln.
Dann lagert es dem Waren vermittelnden Kapital in einer übermäßigen Menge auf und übt einen
permanenten, ungehörigen Druck auf die Akkumulationsmöglichkeit aller Kapitale an sich aus.
Denn jedes Kapital verlangt seinen Anteil am gesellschaftlichen Mehrwert, auch das
überflüssige. Da die Übermenge an freiem Kapital inzwischen permanent geworden ist, haben
wir von einem permanenten Widerspruch zwischen den beiden Kapitalformen zu sprechen – mit
der Folge, dass die Überproduktionskrisen (d. h. die „normalen zyklischen Krisen“) bei dem
Kapital, welches unmittelbar in Waren involviert ist (wenn sie dann auftreten), allgemeiner,
tiefgreifender, längerfristig auftreten. Die Dauer/Permanenz der einen Krise macht die Länge der
anderen, die des Geldes vertieft die der Waren – und das ist „jetzt“ neu, zusätzlich zum
gewohnten Kapitalismus.

Der Umstand, dass immer zuviel Geld-Kapital im Angebot ist, dass Kapital in Waren ja im
Grunde gegen sein eigenes Geld expandieren kann (denn es nimmt die Kreditform an), drängt
jedem Waren- Kapital eine permanent-latente Form der Überproduktion auf, oder drängt es zu
immer neuen Anlagen resp. zu immer neuen Märkten, zur Ausdehnung der Märkte über die
Binnenmärkte hinaus. Außenmärkte beginnen, Binnenmärkte zu dominieren (oder Außenmärkte
werden im Verhältnis zu Binnenmärkten „überproduziert“). Was, wie wir sehen, bis zur
Zerstörung der Außenmärkte gehen kann – wenn es zur Überproduktion der Kreditform des
Kapitals kommt. Immer ist „zu viel Kapitalismus“ der Grund, die Ursache der Krise im/des
Kapitalismus. Und die Frage nur: Wann hört das auf, und: Wie kann das aufhören? D. h. welche
andere Gesellschaft muss her, um an keine „Krise aus Überproduktion“ mehr zu geraten?
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Quelle: Unsere Zeit, Wochenzeitung der DKP, Ausgabe 30. August 2013