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Rat bei Marx und Engels

Der Be­griff wur­de in der Neu­zeit ursprüng­lich in den USA geprägt, als sich dort 1889/​90 eine „Po­pu­list Par­ty“ (auch „Peop­le’s Par­ty“ ge­nannt) bil­de­te, um den Pro­test ge­gen die Aus­plünde­rung der klei­ne­ren Far­mer durch Ban­ken und Han­del zu or­ga­ni­sie­ren. Sie such­te sich für kur­ze Zeit mit der auf­stre­ben­den Ar­bei­ter­be­we­gung zu ver­bin­den. Wie vie­le mo­der­ne Be­we­gun­gen ver­such­te die Po­pu­list Par­ty schon im Na­men eine his­to­ri­sche Tra­di­ti­ons­li­nie her­zu­stel­len, die der Be­we­gung Le­gi­ti­mität und Glanz ver­lei­hen soll­te.

So auch im Be­griff Po­pu­lis­mus, der nicht nur an das la­tei­ni­sche Wort po­pu­lus = Volk an­zu­knüpfen sucht, son­dern auch an die Po­pu­la­res, eine Grup­pe von Po­li­ti­kern im al­ten Rom, de­ren berühm­tes­te Ver­tre­ter die re­bel­li­schen Brüder Ti­be­ri­us und Ga­jus Sem­pro­ni­us Grac­chus (2. Jahr­hun­dert vor Null) wa­ren. Zu den Po­pu­la­res wird aber auch Gai­us Ju­li­us Cae­sar (100 – 44 vor Null) gezählt, der Er­obe­rer Gal­li­ens und To­ten­gräber der römi­schen Skla­ven­hal­ter-Re­pu­blik. Die Po­pu­la­res be­rie­fen sich auf die Ple­be­jer, de­ren In­ter­es­sen sie ver­tre­ten woll­ten; im Ge­gen­satz zu den Op­ti­ma­ten, die of­fen für die römi­schen Pa­tri­zi­er foch­ten. Po­pu­la­res wie Op­ti­ma­ten ka­men aus der römi­schen Se­nats­a­ris­to­kra­tie. Der Ap­pell an das Volk ent­hielt des­halb auch den dem­ago­gi­schen As­pekt, durch Be­ru­fung auf das Volk die ei­ge­ne Stel­lung stärken zu wol­len.

Seit Über­win­dung der an­ti­ken Skla­ven­hal­ter­ge­sell­schaft, nach Über­win­dung des Feu­da­lis­mus und der Her­aus­bil­dung des mo­der­nen Pro­le­ta­ri­ats und der Bour­geoi­sie als der Haupt­klas­sen im Zeit­al­ter des Ka­pi­ta­lis­mus ver­bie­tet sich ei­gent­lich der Rück­griff auf sol­che über­hol­ten For­men und Verhält­nis­se; es sei denn man will da­mit die mo­der­nen, heu­ti­gen Verhält­nis­se ver­un­kla­ren und die wirk­li­chen Klas­sen­verhält­nis­se übertünchen.[1]

Und das scheint be­reits am Ur­sprung in den USA so ge­we­sen zu sein.

Das Jahr 1886 mar­kiert vor dem Hin­ter­grund ei­ner ra­san­ten ka­pi­ta­lis­ti­schen Ent­wick­lung mit der Her­aus­bil­dung rie­si­ger Mo­no­po­le ei­nen un­ge­mei­nen Auf­schwung in der jun­gen nord­ame­ri­ka­ni­schen Ar­bei­ter­be­we­gung. Im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis der in­ter­na­tio­na­len Ar­bei­ter­klas­se ver­bin­det sich mit den Er­eig­nis­sen die­ses Jah­res die Her­aus­bil­dung des 1. Mai als in­ter­na­tio­na­ler Kampf­tag. Al­lein in Chi­ca­go streik­ten am 1. Mai 1886 etwa 90.000 Ar­bei­ter; am 3. Mai schoss die Po­li­zei – sechs tote Ar­bei­ter. Bei ei­ner Pro­test­ver­samm­lung am 4. Mai auf dem Hay­mar­ket in Chi­ca­go wur­de (ver­mut­lich von Pro­vo­ka­teu­ren) eine Bom­be gezündet – 12 Men­schen star­ben, dar­un­ter auch Po­li­zis­ten. Dar­auf­hin eröff­ne­te die Po­li­zei das Feu­er auf die Men­ge und rich­te­te ein Blut­bad an. Es kam zu ge­ziel­ten Ver­haf­tun­gen von an­ar­chis­ti­schen Ar­bei­tern, die schließlich ohne Be­wei­se zum Tod oder zu ho­hen Frei­heits­stra­fen ver­ur­teilt wur­den. Vier der ver­ur­teil­ten Ar­bei­ter wur­den gehängt. Mit Re­pres­si­on al­lein war der sich in Ge­werk­schaf­ten und po­li­ti­schen Or­ga­ni­sa­tio­nen for­mie­ren­den Ar­bei­ter­be­we­gung in den USA aber nicht mehr bei­zu­kom­men. Zwei Va­ri­an­ten der Zähmung des pro­le­ta­ri­schen Kampf­po­ten­zi­als er­ga­ben sich für die Bour­geoi­sie: Kor­rum­pie­rung der Führer und Durch­set­zung des Op­por­tu­nis­mus in der Ar­bei­ter­be­we­gung – das war und ist die be­vor­zug­te Va­ri­an­te nicht nur in den USA. Oder: Zer­set­zung durch kleinbürger­li­che Ein­flüsse.

Als Bin­de­glied von Po­pu­list Par­ty und nord­ame­ri­ka­ni­scher Ar­bei­ter­be­we­gung wird in der eng­lisch­spra­chi­gen Li­te­ra­tur häufig Hen­ry Ge­or­ge (1839 – 1897) ge­nannt[2]. Sein Buch „Pro­gress and Po­ver­ty“ (Fort­schritt und Ar­mut) spiel­te eine in­spi­rie­ren­de Rol­le für die „Po­pu­list Par­ty“ in die­ser Zeit; er begründe­te dar­in die Ab­schaf­fung al­ler Steu­ern – außer der Steu­er auf den großen Grund­be­sitz. Außer­dem ver­trat er „Glei­ches Recht für alle!“

Karl Marx zum „Populisten“ Henry George 1881

In sei­nem Brief vom 20. Juni 1881 an Fried­rich Adolph Sor­ge nimmt Karl Marx Stel­lung: „Vor Dei­nem Ex­em­plar des Hen­ry Ge­or­ge hat­te ich schon 2 and­re er­hal­ten, eins von Swin­ton und eins von Wil­lard Brown; gab also eins an En­gels, eins an La­far­gue. Ich muss für heu­te mich dar­auf be­schränken, mein Ur­teil über das Buch ganz kurz zu for­mu­lie­ren. Der Mann ist theo­re­tisch to­tal arrière (zurück­ge­blie­ben). Von der Na­tur des Mehr­werts hat er nichts ver­stan­den und treibt sich da­her, nach eng­li­schem Vor­bild, in da­bei noch hin­ter den Engländern zurück­ge­blieb­nen Spe­ku­la­tio­nen über die ver­selbständig­ten Stücke des Mehr­werts um – über das Verhält­nis von Pro­fit, Ren­te, Zins etc. Sein Grund­dog­ma, dass al­les in Ord­nung wäre, würde die Grund­ren­te an den Staat be­zahlt. (Du fin­dest sol­che Zah­lung auch un­ter den im „Kom­mu­nis­ti­schen Ma­ni­fest“ ent­halt­nen Über­g­angs­maßre­geln.) Die­se An­sicht ist ursprüng­lich den Bour­geoisöko­no­men an­gehörig; sie wur­de zunächst gel­tend ge­macht (ab­ge­sehn von ähn­li­cher For­de­rung Ende des 18. Jahr­hun­derts) von den ers­ten ra­di­ka­len Anhängern Ri­car­dos, gleich nach des­sen Tod. Ich sag­te darüber 1847 in mei­ner Schrift ge­gen Proud­hon: ‚Wir be­grei­fen, dass Öko­no­men, wie Mill …, Cher­bu­liez, Hil­ditch und an­de­re, die For­de­rung ge­stellt ha­ben, dass die Ren­te dem Staa­te über­wie­sen wer­de be­hufs Auf­he­bung der Steu­ern. Es ist dies der un­verhüllte Aus­druck des Has­ses, den der in­dus­tri­el­le Ka­pi­ta­list ge­gen den Grund­be­sit­zer hegt, der ihm ein nutz­lo­ses, überflüssi­ges Ding in dem Ge­trie­be der bürger­li­chen Pro­duk­ti­on ist.’[3]

Wir selbst, wie be­reits erwähnt, nah­men die­se An­eig­nung der Grund­ren­te durch den Staat un­ter zahl­rei­che and­re Uber­gangs­maßre­geln auf, die, wie eben­falls im „Ma­ni­fest“ be­merkt, in sich selbst wi­der­spruchs­voll sind und sein müssen.

Aber aus die­sem de­si­de­ra­tum (Wunsch) der ra­di­ka­len eng­li­schen Bour­geoisöko­no­men die so­zia­lis­ti­sche Pa­na­cea (All­heil­mit­tel) ma­chen, die­se Pro­ze­dur für Lösung der in der heu­ti­gen Pro­duk­ti­ons­wei­se ein­ge­schlos­se­nen Ant­ago­nis­men erklären, das ge­schah erst von Co­lins … Nach ih­nen und ne­ben ih­nen hat u.a. auch der preußische Ban­kier und eh­ma­li­ge Lot­te­rie­kol­lek­tor Sam­ter aus Ost­preußen, ein Flach­kopf, die­sen „So­zia­lis­mus“ in ei­nen di­cken Band aus­ge­patscht.

Alle die­se „So­zia­lis­ten“ seit Co­lins ha­ben das ge­mein, dass sie die Lohn­ar­beit , also auch die ka­pi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­on be­stehn las­sen, in­dem sie sich oder der Welt vor­gau­keln wol­len, dass durch Ver­wand­lung der Grund­ren­te in Steu­er an den Staat alle Missstände der ka­pi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­on von selbst ver­schwin­den müssen. Es ist das Gan­ze also nur ein so­zia­lis­tisch ver­brämter Ver­such, die Ka­pi­ta­lis­ten­herr­schaft zu ret­ten und in der Tat auf noch wei­te­rer Ba­sis als der jet­zi­gen neu zu begründen .

Die­ser Pfer­de­fuß, der zu­gleich ein Esels­fuß ist, guckt auch un­ver­kenn­bar aus den De­kla­ma­tio­nen von Hen­ry Ge­or­ge her­vor. Bei ihm um so un­ver­zeih­li­cher, als er sich um­ge­kehrt die Fra­ge hätte stel­len müssen: Wie ging‘s zu, dass in den United Sta­tes, wo re­la­tiv, d. h. ver­gli­chen mit dem zi­vi­li­sier­ten Eu­ro­pa, der Bo­den der großen Volks­mas­se zugäng­lich war und to a cer­tain de­gree (bis zu ei­nem ge­wis­sen Gra­de)(wie­der re­la­tiv) noch ist, die Ka­pi­tal­wirt­schaft und die ent­spre­chen­de Knech­tung der Ar­bei­ter­klas­se sich ra­scher und scham­lo­ser ent­wi­ckelt ha­ben als in ir­gend­ei­nem an­dern Land?

And­rer­seits hat das Buch des Ge­or­ge, wie die Sen­sa­ti­on, die es bei Euch ge­macht, die Be­deu­tung, dass es ein ers­ter, wenn auch fehl­ge­schlagner Ver­such ist, sich von der or­tho­do­xen po­li­ti­schen Öko­no­mie zu be­frei­en.

H. Ge­or­ge scheint übri­gens nichts von der Ge­schich­te der frühe­ren ame­ri­ka­ni­schen An­ti­ren­ters , die mehr Prak­ti­ker als Theo­re­ti­ker wa­ren, zu wis­sen. Er ist sonst ein Schrift­stel­ler von Ta­lent (auch Ta­lent ha­bend zur Yan­kee­re­kla­me), wie z.B. sein Ar­ti­kel über Ka­li­for­ni­en im „At­lan­tic“ be­weist. Er hat auch die wi­der­li­che Anmaßung und Über­he­bung, die alle sol­che Pa­na­cea­he­cker un­ver­brüchlich aus­zeich­net.“ [4]

Engels schreibt 1887 zu Henry George:

„Nun er­strebt in der Tat die neue ame­ri­ka­ni­sche Par­tei, wie alle und jede po­li­ti­sche Par­tei, kraft der bloßen Tat­sa­che ih­rer Bil­dung, die Er­obe­rung der po­li­ti­schen Herr­schaft. Aber sie ist weit ent­fernt da­von, mit sich ei­nig zu sein über das, wozu die­se po­li­ti­sche Herr­schaft ge­braucht wer­den soll. In New York und den an­dern Großstädten des Os­tens hat die Ar­bei­ter­klas­se sich nach Ge­werk­schaf­ten or­ga­ni­siert und in je­der Stadt eine mäch­ti­ge Cen­tral La­bor Uni­on ge­bil­det. In New York spe­zi­ell er­kor die Cen­tral La­bor Uni­on vo­ri­gen No­vem­ber Hen­ry Ge­or­ge zu ih­rem Ban­nerträger; in­fol­ge­des­sen war ihr da­ma­li­ges Wahl­pro­gramm stark von Hen­ry Ge­or­ges An­sich­ten durchtränkt. … Für Hen­ry Ge­or­ge ist die Ent­eig­nung der Volks­mas­se vom Grund­be­sitz die große, all­ge­mei­ne Ur­sa­che der Spal­tung des Volks in Rei­che und Arme. Das ist aber ge­schicht­lich nicht ganz rich­tig. … Nach Marx liegt die Ur­sa­che des ge­genwärti­gen Klas­sen­ge­gen­sat­zes und der ge­genwärti­gen Er­nied­ri­gung der Ar­bei­ter­klas­se in ih­rer Ent­eig­nung von al­len Pro­duk­ti­ons­mit­teln, wor­in der Bo­den natürlich ein­be­grif­fen ist.

Nach­dem Hen­ry Ge­or­ge ein­mal die Mo­no­po­li­sie­rung des Bo­dens zur ein­zi­gen Ur­sa­che der Ar­mut und des Elends ge­macht hat, fin­det er be­greif­li­cher­wei­se das Heil­mit­tel dar­in, dass die Ge­sell­schaft als sol­che den Bo­den wie­der in Be­sitz nimmt. Nun ver­lan­gen die So­zia­lis­ten der Marx­schen Schu­le eben­falls, dass die Ge­sell­schaft den Bo­den wie­der in Be­sitz nimmt, und nicht nur den Bo­den, son­dern alle an­dern Pro­duk­ti­ons­mit­tel eben­falls. Aber selbst wenn wir hier­von ab­se­hen, so bleibt noch ein an­de­rer Un­ter­schied. Was soll mit dem Bo­den ge­macht wer­den? Die heu­ti­gen So­zia­lis­ten, so­weit Marx sie repräsen­tiert, ver­lan­gen, dass er ge­mein­sam be­ses­sen und ge­mein­sam für ge­mein­sa­me Rech­nung be­ar­bei­tet wer­de, und dass das­sel­be mit al­len an­dern ge­sell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­ons­mit­teln, Berg­wer­ken, Ei­sen­bah­nen, Fa­bri­ken usw. ge­sche­hen soll. Hen­ry Ge­or­ge da­ge­gen ist da­mit zu­frie­den, dass der Bo­den, ganz wie jetzt, an Ein­zel­ne stück­wei­se ver­pach­tet wird, so­bald nur die Ver­pach­tung ge­re­gelt und die Bo­den­ren­te, statt wie jetzt in Pri­vat­ta­schen, in die öffent­li­che Kas­se fließt. Die For­de­rung der So­zia­lis­ten schließt eine vollständi­ge Umwälzung des ge­sam­ten heu­ti­gen Sys­tems der ge­sell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on ein. Die For­de­rung Hen­ry Ge­or­ges da­ge­gen lässt die heu­ti­ge ge­sell­schaft­li­che Pro­duk­ti­ons­wei­se un­berührt und ist auch in der Tat schon vor Jah­ren von der ex­trems­ten Rich­tung der Ri­car­di­a­ni­schen bürger­li­chen Öko­no­men auf­ge­stellt wor­den. Auch sie ver­lang­ten die Kon­fis­ka­ti­on der Bo­den­ren­te durch den Staat. …“ [5]

Nach Beratung mit Marx und Engels

Was lässt sich nach Be­ra­tung mit Marx und En­gels für un­se­re heu­ti­ge Auf­ga­ben­stel­lung ge­win­nen?

Sie ver­wen­den den Be­griff Po­pu­lis­mus nicht. Sie ver­su­chen nicht eine Be­we­gung un­ter klas­sen­un­spe­zi­fi­sche, in­halts­lee­re und un­wis­sen­schaft­li­che Be­grif­fe zu fas­sen, die viel­leicht zur Be­schimp­fung tau­gen, aber nicht zum Ver­ste­hen und zum Ein­grei­fen die­nen.

Statt­des­sen un­ter­su­chen sie bei ei­ner Be­we­gung kri­tisch:

– die theo­re­ti­schen Grund­la­gen (Stel­lung zum Mehr­wert und sei­nen „ver­selbständig­ten Stücken“)

– die klas­senmäßige Her­kunft („Bour­geoisöko­no­men“)

– die prak­ti­sche Be­deu­tung („Ban­nerträger“ für ei­nen Teil der Ar­bei­ter­be­we­gung)

– die Aus­wir­kun­gen („ … lässt die heu­ti­ge ge­sell­schaft­li­che Pro­duk­ti­ons­wei­se un­berührt …“)

Marx ver­all­ge­mei­nert in­so­weit, als er die­sen Be­we­gun­gen vorhält, dass sie die Lohn­ar­beit, die ka­pi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­wei­se be­ste­hen las­sen wol­len, dass sie (so­zia­lis­tisch – oder heu­te auch ras­sis­tisch und völkisch – ver­brämt) die Ka­pi­ta­lis­ten­herr­schaft ret­ten wol­len. Er kri­ti­siert, dass sie für die be­ste­hen­den Missstände ein All­heil­mit­tel (Pa­na­cea) präsen­tie­ren. Er wirft ih­nen darüber hin­aus vor, dass sie wi­der bes­se­res Wis­sen im Sin­ne der bürger­li­chen Ideo­lo­gen fal­sche Ur­sa­chen für die Missstände an­ge­ben.

En­gels zeigt auf, wor­in die Ur­sa­che des ge­genwärti­gen Klas­sen­ge­gen­sat­zes und der ge­genwärti­gen Er­nied­ri­gung der Ar­bei­ter­klas­se liegt: in ih­rer Ent­eig­nung von al­len Pro­duk­ti­ons­mit­teln ein­sch­ließlich des Bo­dens. Er weist dar­auf hin, dass nur eine vollständi­ge Umwälzung des heu­ti­gen Sys­tems der ge­sell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on, eine vollständi­ge An­eig­nung der Pro­duk­ti­ons­mit­tel durch die Ar­bei­ter­klas­se Ab­hil­fe schaf­fen kann – selbst­verständ­lich durch die po­li­ti­sche Macht des Pro­le­ta­ri­ats selbst.

Ge­ra­de Hen­ry Ge­or­ge, der von bei­den durch­aus dif­fe­ren­ziert be­ur­teilt wird, steht für ei­nen ers­ten Ver­such, die ame­ri­ka­ni­schen Bau­ern/​Far­mer mit den Ar­bei­tern zu ver­ei­nen und für die herr­schen­de Klas­se ge­mein­sam in die Irre zu führen.

Bedeutung für heute

Das be­deu­tet für heu­te: Statt sol­che Or­ga­ni­sa­tio­nen wie AfD, Pe­gi­da usw. un­ter dem Be­griff „Rechts­po­pu­lis­mus“ zu sub­su­mie­ren, ist es not­wen­dig und sinn­voll, sie näher zu cha­rak­te­ri­sie­ren. Deut­lich ist zu ma­chen, dass ihre Grund­la­gen aus der glei­chen Quel­le schöpfen wie die Na­zis.

Zur Phi­lo­so­phie des Fa­schis­mus weist die „Ge­schich­te der Phi­lo­so­phie“ dar­auf hin, dass „die re­ak­ti­onären Rich­tun­gen der bürger­li­chen Phi­lo­so­phie und So­zio­lo­gie die fa­schis­ti­sche Ideo­lo­gie vor­be­rei­te­ten und ihr als theo­re­ti­sche Quel­len dien­ten. Zu ih­nen gehören vor al­lem die Phi­lo­so­phie Nietz­sches, die of­fen men­schen­feind­li­chen Cha­rak­ter trägt, der Mal­t­hu­sia­nis­mus, die ras­sis­ti­schen so­zio­lo­gi­schen Kon­zep­tio­nen von Lud­wig Gum­plo­wicz, Hous­ton Ste­ward Cham­ber­lain u.a. Eine an­de­re theo­re­ti­sche Quel­le des Fa­schis­mus wa­ren re­ak­ti­onäre und na­tio­na­lis­ti­sche Ele­men­te des He­ge­lia­nis­mus. Cha­rak­termerk­ma­le der ‚Phi­lo­so­phie‘ und ‚So­zio­lo­gie‘ des Fa­schis­mus sind ihr mi­li­tan­ter An­ti­kom­mu­nis­mus, der re­ak­ti­onäre Idea­lis­mus, der ei­nen of­fen my­tho­lo­gi­schen Cha­rak­ter trägt, der bes­tia­li­sche Na­tio­na­lis­mus und Chau­vi­nis­mus, der sich auf die ‚bio­lo­gi­sche Kon­zep­ti­on der ge­schicht­li­chen Ent­wick­lung stützt und den Klas­sen­kampf durch den Kampf der Na­tio­nen und Ras­sen er­setzt, die so­zia­le Dem­ago­gie und die Mys­ti­fi­zie­rung der so­zia­len Verhält­nis­se,“[6]

Öko­no­misch ste­hen sie ent­we­der auf der Grund­la­ge des bürger­li­chen Li­be­ra­lis­mus, der den Mo­no­pol­ka­pi­ta­lis­mus durch die il­lu­si­onäre Wie­der­her­stel­lung von frei­en Märk­ten, der frei­en Kon­kur­renz be­sei­ti­gen will. Oder sie wol­len of­fen re­ak­ti­onär die Dik­ta­tur des Fi­nanz­ka­pi­tals mit Rück­grif­fen auf den mit­tel­al­ter­li­chen Stände­staat ver­klei­den und den gan­zen Klim­bim noch mit dem Eti­kett „so­zia­lis­tisch“ ver­se­hen.

Po­li­tisch ste­hen sie am rech­ten Rand des bürger­li­chen Spek­trums. Das be­deu­tet, dass sie die Be­reit­schaft fördern sol­len, den Bo­den der bürger­li­chen De­mo­kra­tie, der for­ma­len Gleich­heit vor dem Ge­setz zu­guns­ten der of­fen ter­ro­ris­ti­schen Dik­ta­tur zu ver­las­sen und dafür eine Mas­sen­ba­sis zu schaf­fen. Dafür spa­ren sie nicht an so­zia­ler Dem­ago­gie. Denn es hat sich in Krei­sen der herr­schen­den Mo­no­pol­bour­geoi­sie her­um­ge­spro­chen, dass es in der Ge­sell­schaft eine brei­te An­ti­pa­thie ge­gen den Ka­pi­ta­lis­mus gibt. Also muss vor­ge­spie­gelt wer­den, ge­gen den Ka­pi­ta­lis­mus zu sein, ge­gen das Eta­blier­te, ge­gen die al­ten ab­ge­wrack­ten Par­tei­en und ihr Per­so­nal, wenn man die Mas­sen an den Ka­pi­ta­lis­mus bin­den will.

An­ti­ka­pi­ta­lis­mus steht aber auf dem Prüfstand – und das ha­ben Marx und En­gels oben klar­ge­stellt – ob Hand an die Ei­gen­tums­verhält­nis­se ge­legt wer­den soll, an das Pri­vat­ei­gen­tum an den Pro­duk­ti­ons­mit­teln, un­abhängig ob Bank, Han­del, In­dus­trie oder Großgrund­be­sitz, un­abhängig von deutsch oder ausländisch, un­abhängig von Haut­far­be, Re­li­gi­on oder Na­ti­on. Al­les was wir brau­chen, um zu pro­du­zie­ren, muss in die Hand der Pro­du­zen­ten bzw. in die Hand der Ar­bei­ter­klas­se als Gan­zes überführt wer­den. Dafür braucht die Ar­bei­ter­klas­se die kon­zen­trier­te Macht in Händen.[7]

An­ti­ka­pi­ta­lis­mus steht auch auf dem Prüfstand bei al­len Kon­zep­ten des so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Re­for­mis­mus und Trans­for­mis­mus, die auch eine Form der so­zia­len Dem­ago­gie sind, da sie Re­for­men ver­spre­chen, aber die Grund­la­gen der ka­pi­ta­lis­ti­schen Ge­sell­schaft nicht an­tas­ten wol­len. Da­bei ho­len sie Ar­bei­ter beim wun­den Punkt ab: Spon­tan müssen sie als Be­sit­zer der Ware Ar­beits­kraft dar­auf aus sein, um den Preis die­ser Ware, um den Lohn, zu mark­ten. Da­mit er­ken­nen sie aber auch den Käufer die­ser Ware, den Ka­pi­ta­lis­ten, an. In die­sem Verhält­nis ste­hen zu blei­ben, in dem die Ka­pi­ta­lis­ten alle Trümpfe, nämlich die Pro­duk­ti­ons­mit­tel, das Geld und die Wa­ren, in der Hand ha­ben, heißt die Ar­bei­ter dem Stärke­ren aus­zu­lie­fern, und da­mit selbst klei­ne­re Ver­bes­se­run­gen und Re­for­men auf länge­re Sicht er­schwe­ren. Erst wenn in spon­ta­nen Auf­schwüngen der Ar­bei­ter­be­we­gung die Be­reit­schaft wächst, Hand an die Macht- und Ei­gen­tums­grund­la­gen der Klas­sen­herr­schaft zu le­gen, ist ei­ner­seits grund­le­gen­de Ände­rung möglich. An­de­rer­seits wer­den sie dann auch wie­der alle Zu­geständ­nis­se ma­chen, um die Ar­bei­ter­klas­se vom Um­sturz ab­zu­hal­ten. Dann braucht es Ent­schluss­kraft, Kühn­heit und Führung durch die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei, um den Herr­schaf­ten nicht wie­der auf den Leim zu ge­hen (wie z.B. 1918).

Die Einordnung der AfD

Die Ein­ord­nung der AfD – aber auch vor­her schon die Be­we­gung um Ber­lus­co­ni, Le Pen, For­tuyn/​Wil­ders etc. – un­ter den Be­griff „Rechts­po­pu­lis­ten“ hat nur dazu geführt, dass die klas­senmäßigen Wur­zeln ver­steckt wur­den, da­durch die Ak­zep­tanz erhöht wur­de und die Fa­schis­ten dort leich­tes Spiel und De­ckung hat­ten, um ihre so­zia­le Dem­ago­gie mit Schein­ra­di­ka­lität wei­ter hin­ein­zu­trei­ben. So kann die AfD sich ei­ner­seits als Teil des Bürger­blocks und als künf­ti­ge Kraft an der Sei­te der CSU/​CDU präsen­tie­ren, an­de­rer­seits als Sam­mel­be­cken fun­gie­ren, um das po­li­ti­sche Kli­ma wei­ter nach rechts zu ver­schie­ben, um Krieg und Fa­schis­mus wie­der als Op­ti­on zu ver­an­kern.

„Rechts­po­pu­lis­mus“ ist die Phra­se zur Beschöni­gung die­ser Be­we­gung zur Samm­lung

– al­ler Fein­de der De­mo­kra­tie, weil sie statt Her­stel­lung der Gleich­heit vor dem Ge­setz die Un­gleich­heit for­dern,

– die ge­gen die Na­ti­on sind, weil sie letzt­lich nur Deutsch­land als Na­ti­on an­er­ken­nen,

– die ge­gen das Volk sind, weil sie al­les ver­spre­chen ohne die Pro­fit- und Ei­gen­tums­verhält­nis­se an­zu­tas­ten.

Sie bie­ten rückwärts­ge­wand­te Scheinlösun­gen an für alle wirt­schaft­li­chen, so­zia­len und kul­tu­rel­len Pro­ble­me, die der Ka­pi­ta­lis­mus auf­wirft. Sie sind kei­ne „Rechts­po­pu­lis­ten“, son­dern Fein­de des Mensch­seins. Von die­ser Ban­de im Ge­fol­ge des Hühnerzüchters Hein­rich Himm­ler sol­len wir uns vor­schrei­ben las­sen, wen wir sym­pa­thisch fin­den, wen wir lie­ben, mit wem wir uns ver­mi­schen dürfen, mit wem wir uns zu­sam­men­sch­ließen und kämp­fen dürfen! Nie­mals!

Denn un­se­re Zu­kunft liegt nicht in ge­gen­sei­ti­ger Kon­kur­renz und Ver­nich­tung, son­dern in Völker­verständi­gung, Völker­freund­schaft, Völker­ver­schmel­zung, So­li­da­rität. Dafür die Vor­aus­set­zung zu schaf­fen, ist die große Auf­ga­be, die uns an­spornt und nicht ru­hen lässt. Oder wie es ein großer Dich­ter aus­ge­drückt hat:

„Die Un­ter­drücker der Mensch­heit be­stra­fen, ist Gna­de; ih­nen ver­zei­hen, ist Bar­ba­rei.“(Ge­org Büchner, Dan­tons Tod).

Anmerkungen:
  1. So verwenden Marxisten auch den Begriff Volk stets mit Bezug auf die Klassen, die in einer bestimmten Entwicklungs- und Kampfetappe zum Volk gehören. Es sind die Klassen, die objektiv an der Seite des Fortschritts bei der Überwindung überlebter gesellschaftlicher Verhältnisse und deren Nutznieße und Verteidiger stehen. So zählte bei den bürgerlichen Revolutionen seit 1776/1789 die Bourgeoisie noch zum Volk gegen den Adel. s. hierzu auch „Was verstehen wir unter ‚Volk‘“ in KAZ Nr. 353
  2. so z.B. die Harvard Professorin Jill Lepore, Here’s the guy who invented populism (Das ist der Kerl, der den Populismus erfand) in New York Times 15.10.2011. (www.nytimes.com/2011/10/16/opinion/sunday/heres-the-guy-who-invented-populism.html)
  3. MEW Bd. 4, S. 171 – Im Brief an Sorge lautet der Absatz aus „Elend der Philosophie“: „Nous concevons que des économistes, tels que Mill“ (der ältere, nicht sein Sohn John Stuart, der dies auch etwas modifiziert wiederholt), „Cherbuliez, Hilditch et autres, ont demandé que la rente soit attribuée ä l‘État pour servir à l‘acquittement des impôts. C‘est la franche expression de la haine que le capitaliste industriel voue au propriétaire foncier, qui lui parait une inutilité, une superfétation, dans I‘ensemble de Ia production bourgeoise.“
  4. s. MEW Bd. 35, S. 199 ff. (Hervorhebungen von Marx)
  5. s. Die Arbeiterbewegung in Amerika – Vorwort zur amerikanischen Ausgabe der „Lage der arbeitenden Klasse in England“ 1887, MEW Bd. 21, S. 338 ff. (Hervorhebungen von Engels)
  6. Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Geschichte der Philosophie, Berlin 1967, S. 267 – Das ist im Übrigen auch etwas anderes als wenn Genossen der Fraktion Dio in KAZ 358 die Bedeutung des Pragmatismus als Grundlage der faschistischen „Philosophie“ verabsolutieren.
  7. Das ist auch der Inhalt der „Diktatur des Proletariats“, die zugleich die breitesteste Demokratie für die Arbeiter und ihre Verbündeten entwickeln muss, wenn sie auf Dauer die gesellschaftlichen Verhältnisse gestalten will.
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KAZ Nr. 359, Juni 2017

Wenn wir mit Wah­len et­was grund­le­gend verändern könn­ten in heu­ti­ger Wirt­schaft, Ge­sell­schaft und Po­li­tik, wären sie schon längst ver­bo­ten. Eben­so rich­tig ist, dass wir alle vier Jah­re ent­schei­den dürfen, wer uns das Kreuz, un­ter dem wir äch­zen, auf die Schul­tern le­gen darf.

Was aber können wir bei Wah­len tatsächlich er­rei­chen? Den Rech­ten und Fa­schis­ten die­ser Re­pu­blik nicht auch noch die Recht­fer­ti­gung zu ge­ben, dass sie vom Volk ge­ru­fen und erwählt wur­den! Das heißt zur Wahl ge­hen und „de­mo­kra­tisch“ wählen ge­gen schwarz­brau­ne Re­ak­ti­on – Kei­ne Stim­me für NPD, AfD, FDP, CSU, CDU. Da­mit die Ul­tra­rech­ten und Fa­schis­ten nicht vor lau­ter Po­li­tik- und Wahl­ver­druss noch so stark wer­den und das Wählen ganz ab­schaf­fen.

Das ist die ne­ga­ti­ve Sei­te, was man nicht wählen darf. Was aber können wir po­si­tiv bei Wah­len, die im­mer Stim­mungs­ba­ro­me­ter sind, zum Aus­druck brin­gen?

Dazu soll kurz die Lage skiz­ziert wer­den, in der sich die deut­sche Ar­bei­ter­klas­se der­zeit be­fin­det.

„Ausgezeichnete“ Arbeit der Großen Koalition

Den herr­schen­den Krei­sen in Deutsch­land ist es ge­lun­gen die Last der Wirt­schafts­kri­se seit 2007 auf die Schul­tern der Werktäti­gen ab­zuwälzen. Nicht nur auf die Werktäti­gen im ei­ge­nen Land, son­dern vor al­lem auf die Werktäti­gen im un­mit­tel­ba­ren Ein­fluss­ge­biet des deut­schen Im­pe­ria­lis­mus in Grie­chen­land, Por­tu­gal, Spa­ni­en, Ita­li­en und in den meis­ten Ländern in Ost­eu­ro­pa. Deutsch­land ist im Verhält­nis zu sei­nen eu­ropäischen Kon­kur­ren­ten und zum USA-Im­pe­ria­lis­mus gestärkt aus der Kri­se her­vor­ge­gan­gen. Seit 2011 hat sich die BRD of­fen zur Führungs­macht in EU-Eu­ro­pa auf­ge­schwun­gen, die sich an­schickt, mit den USA „auf Au­genhöhe“ um die Neu­auf­tei­lung der Welt zu kol­la­bo­rie­ren und zu ri­va­li­sie­ren. So­lan­ge der Vor­marsch anhält, setzt das deut­sche Mo­no­pol­ka­pi­tal auf sta­bi­le Verhält­nis­se im In­nern: Auf die SPD-Führung, die die Ar­bei­ter mit klei­nen Zu­geständ­nis­sen und Ver­spre­chun­gen ru­hig hält, ein­ge­bun­den in die Große Ko­ali­ti­on, da­mit Kurs ge­hal­ten wird für die deut­sche Großbour­geoi­sie.

Die Er­geb­nis­se die­ser Re­gie­rung se­hen präch­tig aus – für die Rei­chen: Die Zahl der Mil­li­ardäre in der BRD ist von 2010 bis 2016 um über 30 Pro­zent ge­stie­gen; den 15 Reichs­ten gehört so viel wie das hal­be Deutsch­land und sie zah­len kei­ne Vermögens­steu­er und fast kei­ne Erb­schafts­steu­er!

Da­ge­gen schrei­tet die Ver­ar­mung von großen Tei­len der Bevölke­rung fort: Nied­riglöhner, al­lein­er­zie­hen­de Mütter, Er­werbs­lo­se, Rent­ner, Kin­der …: Nach der stark geschönten Sta­tis­tik le­ben in un­se­rem rei­chen Land 15,7 Pro­zent der Bevölke­rung = 12,9 Mil­lio­nen Men­schen un­ter der Ar­muts­gren­ze (2015) und da­bei sind Heim­be­woh­ner und Ob­dach­lo­se nicht ein­mal berück­sich­tigt.

Während für die deut­schen Olig­ar­chen­clans die Pro­fi­te reich­lich spru­deln und die Vermögen der obe­ren Nul­len ins Un­er­mess­li­che wach­sen, hat die Zahl der­je­ni­gen, die in Leih­ar­beit, Mi­ni­jobs, in be­fris­te­ten oder Teil­zeit-Ar­beits­verhält­nis­sen hart ar­bei­ten, von 11,44 Mil­lio­nen (2000) auf 18,5 Mil­lio­nen (2016) Kol­le­gIn­nen zu­ge­nom­men; das sind 42,5 Pro­zent der Lohn­abhängi­gen in der BRD. (Zah­len nach isw-Wirt­schafts­in­fo 51, April 2017) Wie lan­ge soll das so wei­ter­ge­hen?

Die Er­geb­nis­se der Gro­ko sind aus­ge­zeich­net – für die Rech­ten und Fa­schis­ten, die re­ak­ti­onäres Ge­dan­ken­gut, Ras­sis­mus, An­ti­se­mi­tis­mus und Frem­den­feind­lich­keit wie­der fast un­be­hin­dert in die Hir­ne tra­gen dürfen. Sie wer­den bei ih­ren Aufmärschen durch die Po­li­zei geschützt, der Ver­fas­sungs­schutz gibt durch sei­ne V-Leu­te Auf­bau­hil­fe mit Waf­fen, Geld und Ka­dern. Ter­ro­ris­ti­sche At­tentäter wer­den ge­ra­de­zu gehätschelt, da­mit sie end­lich los­schla­gen und den Vor­wand für neue Ge­set­ze lie­fern, für wei­te­re Aufrüstung des staat­li­chen Un­ter­drückungs­ap­pa­rats. Das Asyl­recht zu­schan­den ge­macht – so als ob es nicht auch So­zi­al­de­mo­kra­ten ge­ge­ben hätte, die vor dem deut­schen Fa­schis­mus aus dem Land flie­hen muss­ten. Die Gren­zen dicht ge­macht – so als ob nicht auch ein­mal mas­sen­haft deut­sche Ar­bei­ter aus pu­rem Elend aus­wan­dern muss­ten und deut­sche Flücht­lin­ge zu Mil­lio­nen aus ih­ren Sied­lungs­ge­bie­ten ab­ge­hau­en sind. Wann merkt denn die SPD, dass sie Ge­set­ze macht, mit de­nen bei veränder­ter po­li­ti­scher Lage ihre ei­ge­nen Leu­te ein­ge­sperrt wer­den können, wenn sie an­fan­gen Wi­der­stand zu leis­ten. Mit ih­rer Flücht­lings­po­li­tik hat die Gro­ko den Het­zern Steil­vor­la­ge ge­ge­ben, die AfD großge­macht und in die Land­ta­ge ka­ta­pul­tiert, flan­kiert durch Ge­set­ze, die die Flücht­lin­ge bekämp­fen, nicht die Flucht­ur­sa­chen. Denn zu den Flucht­ur­sa­chen trägt die Gro­ko sel­ber bei. Un­terstützung der re­ak­ti­onärs­ten Re­gimes in Sau­di-Ara­bi­en, in Ka­tar und an­de­ren Emi­ra­ten, in der Türkei, die dem IS Schützen­hil­fe ge­leis­tet ha­ben und z.T. noch leis­ten, im Je­men Krieg führen und auf krie­ge­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem Iran drängen. Un­terstützung mit Waf­fen, Geld und Kre­dit. Un­terstützung al­ler US-Ag­gres­sio­nen in Af­gha­nis­tan, Irak und Sy­ri­en. Ganz Afri­ka ist Aus­beu­tung von Roh­stof­fen und Müll­ab­la­de­platz im Dienst der im­pe­ria­lis­ti­schen Wirt­schaft. Aber al­les was recht ist: Man wird doch noch Pro­fit ma­chen dürfen und dann kom­men un­verschämter­wei­se Men­schen als Flücht­lin­ge …

Die Gro­ko hat es ge­schafft, zusätz­lich zur Be­tei­li­gung an zahl­rei­chen Kriegs­her­den in der Welt wie­der ag­gres­siv ge­gen Russ­land vor­zu­ge­hen. Sie hat die rech­ten und fa­schis­ti­schen Put­schis­ten in der Ukrai­ne un­terstützt. Sie hält an Sank­tio­nen ge­gen Russ­land fest, vor des­sen Gren­ze in­zwi­schen trotz hei­li­ger Ver­spre­chen die NATO wie­der steht. Die Bun­des­wehr hält Manöver in den bal­ti­schen Staa­ten ab. Eine neue Spi­ra­le der Rüstung wird ein­ge­lei­tet und Mi­li­ta­ris­ten, Rüstungs­in­dus­trie mit ih­rer Front­frau von der Ley­en ver­nei­gen sich dank­bar vor Do­nald Trump, der höhere Rüstungs­aus­ga­ben in Deutsch­land an­ge­mahnt hat.

Die Gro­ko hat aus­ge­zeich­ne­te Ar­beit ge­leis­tet – ge­gen De­mo­kra­tie, ge­gen Frie­den, ge­gen So­li­da­rität, ge­gen die Ar­bei­ter­klas­se und für die Ka­pi­ta­lis­ten, für die Rei­chen, für die Re­ak­ti­onäre und Fa­schis­ten, die Kriegs­trei­ber und Mi­li­ta­ris­ten.

Wenn die Zeiten noch „ungemütlicher“ werden

Und das sind noch die re­la­tiv ru­hi­gen Zei­ten. Was wird, wenn nach dem Brex­it, der die EU schon fast zum Aus­ein­an­der­fal­len ge­bracht hat, auch Ita­li­en oder Frank­reich das Wei­te vor dem Dik­tat des deut­schen Fi­nanz­ka­pi­tals und sei­nem Vor­tur­ner Wolf­gang Schäuble su­chen? Je­den­falls der Un­mut ge­gen den drit­ten An­lauf Deutsch­lands zur Welt­macht wächst al­lent­hal­ben. Was wird, wenn die nächs­te Wirt­schafts­kri­se kommt und wie­der Mil­lio­nen um den Ar­beits­platz ban­gen? Um auf die­sem Weg vor­an­zu­kom­men ver­su­chen die führen­den Kon­zer­ne das Pro­jekt In­dus­trie 4.0 vor­an­zu­trei­ben. Es be­deu­tet zu­sam­men mit der Pro­duk­tiv­kraft­ent­wick­lung Ver­dich­tung der Ar­beit, Re­du­zie­rung der Ar­beitsplätze, Druck auf Löhne und Ar­beits­be­din­gun­gen, vollständi­ge Fle­xi­bi­li­sie­rung und Pre­ka­ri­sie­rung, Rück­kehr des Taglöhners mit Auflösung von Ta­rif­struk­tu­ren; das heißt: Fort­schritt zu ih­rer Be­rei­che­rung und un­se­rer Ver­ar­mung. Aber es be­deu­tet auch: Ver­en­gung der Märkte, Über­pro­duk­ti­on, Kri­se. Und nichts ha­ben sie ler­nen können aus der letz­ten Kri­se. Denn Ka­pi­tal muss im­mer größere Räder dre­hen, denn je größer das Ka­pi­tal, des­to größer müssen die Pro­fi­te wer­den, da­mit die Ren­di­te stimmt. Selbst 150 Jah­re nach dem Er­schei­nen von „Das Ka­pi­tal“ eine of­fen­bar im­mer wie­der frisch ein­zu­pau­ken­de Er­kennt­nis

Für die­se Zei­ten sorgt die Bour­geoi­sie vor; wenn die So­zi­al­de­mo­kra­tie nicht mehr reicht, um den of­fe­nen Krieg nach In­nen und Außen vor­zu­be­rei­ten und zu führen, su­chen sie Un­terstützung bei den von den Fa­schis­ten geführ­ten Kleinbürgern und den ver­kom­me­nen Schich­ten der Ar­bei­ter­klas­se und der Bour­geoi­sie, Lum­pen­pro­le­ta­ri­at und Lum­pen­bour­geoi­sie. Und wie sor­gen wir vor?

Was tun, wen wählen?

Die Ar­bei­ter­klas­se ist die zen­tra­le ge­sell­schaft­li­che Kraft, die durch ihre Stel­lung in der Pro­duk­ti­on den gan­zen La­den am Lau­fen hält, aber auch zum An­hal­ten brin­gen kann – nicht nur durch Lahm­le­gen der Pro­duk­ti­on, son­dern auch durch Un­ter­bre­chung der Trans­port­li­ni­en oder Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­bin­dun­gen, der Da­tenüber­tra­gung, der wirt­schaft­li­chen Le­bens­ströme wie Öl, Gas, Strom, Was­ser und Geld. So­lan­ge die­se Kraft geführt wird von der auf Klas­sen­versöhnung, So­zi­al­part­ner­schaft aus­ge­rich­te­ten So­zi­al­de­mo­kra­tie, wird sich die Klas­se un­ter­ord­nen un­ter die von der Bour­geoi­sie ge­setz­ten Zie­le. Die Bour­geoi­sie sitzt auf den Kom­man­dohöhen der Wirt­schaft, und da­mit der Po­li­tik und des Mi­litärs, sitzt an den He­beln der Macht und kauft sich ihre Mi­nis­ter, Staats­se­kretäre, Landräte oder Bürger­meis­ter, Ab­ge­ord­ne­te.

Den Bruch mit der Bour­geoi­sie kann nur eine re­vo­lu­ti­onäre Par­tei der Ar­bei­ter­klas­se voll­zie­hen. Eine sol­che Par­tei ist not­wen­dig, um die Zie­le des Kampfs zu be­stim­men, die un­mit­tel­ba­ren und die zukünf­ti­gen – und den Weg zu wei­sen, wie sie zu er­rei­chen sind. Sie hat deut­lich zu ma­chen, wer Freund und Feind ist, wie man Freun­de ge­win­nen kann, um den Feind zu be­zwin­gen. Sie ist not­wen­dig, um die Schwach­punk­te des Geg­ners zu er­ken­nen und die ei­ge­nen Kräfte dort­hin zu len­ken; sie kann sa­gen wel­che Mit­tel und Me­tho­den des Kamp­fes wann ein­zu­set­zen sind, um Aus­sicht auf Er­folg und Sieg zu ha­ben. Sie weiß, wann an­zu­grei­fen ist und wann man sich zurück­zie­hen muss. Ohne eine sol­che Par­tei ist nicht nur ein Weg zum So­zia­lis­mus unmöglich, zur grund­le­gen­den Ände­rung der Ei­gen­tums- und da­mit Le­bens­verhält­nis­se in un­se­rem Land, ohne eine sol­che Par­tei wird auch das Auf­hal­ten von Fa­schis­mus und Krieg er­schwert und un­wahr­schein­lich.

Eine sol­che Par­tei war die KPD bis sie ge­schwächt durch Na­zi­ver­fol­gung, Krieg und Ade­nau­er-Ver­bot, dem An­sturm des Re­vi­sio­nis­mus nicht mehr ge­wach­sen war. Den­noch war sie und alle sich auf sie be­ru­fen­den Kräfte Sta­chel im Fleisch des deut­schen Im­pe­ria­lis­mus so­lan­ge es noch die So­wjet­uni­on und die DDR gab. Jetzt erst, mehr als 20 Jah­re nach Ein­ver­lei­bung der DDR in Größer-Deutsch­land und nach der Auflösung der UdSSR, gibt es wie­der ernst­haf­te An­stren­gun­gen un­ter den lin­ken Kräften der BRD eine Par­tei zu schaf­fen, die den Na­men re­vo­lu­ti­onär ver­dient. Seit dem 20. Par­tei­tag hat sich in der DKP eine sta­bi­le Führung her­aus­ge­bil­det, die die Er­kennt­nis­se des Mar­xis­mus und des Le­ni­nis­mus wie­der zur Leit­schnur ih­res Han­delns macht und deut­lich Po­si­ti­on ge­gen den Haupt­feind im ei­ge­nen Land be­zieht. Wir un­terstützen je­den Schritt, den die DKP auf die­sem Weg wei­ter geht.

Die DKP hat be­schlos­sen zur Bun­des­tags­wahl 2017 an­zu­tre­ten, da­mit die Stim­me wie­der hörbar wer­de zur Über­win­dung des ka­pi­ta­lis­ti­schen Sys­tems, des Sys­tems der rück­sichts­lo­sen Aus­beu­tung, des phy­si­schen und geis­ti­gen Elends, des Ras­sis­mus, des Chau­vi­nis­mus und der na­tio­na­len Un­ter­drückung, des Kriegs und Fa­schis­mus, der Bar­ba­rei!

Wir ru­fen des­halb zur Wahl der DKP auf.

KAZ-Frak­ti­on Aus­rich­tung Kom­mu­nis­mus