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Gegenstand dieses Beitrags ist die Auseinandersetzung mit Domenico Losurdos Artikel „Palmiro Togliatti und der Friedenskampf gestern und heute“. [1] Losurdos These ist, die innerimperialistischen Widersprüche seien anders als vor dem ersten Weltkrieg nicht mehr prägend. Prägend sei vielmehr der Widerspruch zwischen einer imperialistischen Hegemonialmacht und den von ihr kolonial oder neokolonial abhängigen oder bedrohten Ländern, zu denen auch die schwächeren imperialistischen Länder gehören. Er beruft sich hauptsächlich auf eine angebliche Wende in der Strategie durch den VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale (KI), besonders auf die Rede Togliattis. Um Doppelungen zu vermeiden, beziehe ich mich in der Kritik an Losurdo auf den in enger Abstimmung entstandenen Artikel „Der Hauptfeind steht im eigenen Land“ von Inge und Harald Humburg.

1. Die angebliche Wende des VII. Weltkongresses

Losurdo schreibt: „Togliatti (war) einer der großen Protagonisten der Wende von 1935, mit der die KI den Nazi-Faschismus zum Hauptfeind erklärte und gegen ihn die Politik der Einheitsfront und der Volksfront betrieb.“ „… die beiden damaligen großen Kolonialimperien (das britische und das französische)“ wurden „somit zu sekundären Gegnern und sogar zu möglichen Verbündeten der Sowjetunion erklärt“. [2]In den zwei Sätzen stecken gleich drei Fehler:

– Losurdo bezieht für die Zeit vor dem 2. Weltkrieg die gleiche Position wie Andreas Wehr für unsere Zeit [3]. Er behauptet, die KI habe 1935 in Abkehr von der Linie Liebknechts den deutschen Faschismus zum Hauptfeind der Arbeiterklassen aller Länder erklärt. Das im Artikel „Der Hauptfeind …“ am Ende wiedergegebene Togliatti-Zitat belegt demgegenüber, dass die KI den japanischen Militarismus und den deutschen Faschismus als die Hauptkriegstreiber eingeschätzt hat. Auf sie müsse der Kampf für den Frieden und für die Verteidigung der Sowjetunion konzentriert werden. Der Hauptschlag des Proletariats in einem imperialistischen Land richte sich aber weiter gegen die eigene Bourgeoisie.

– Auf gleicher Linie unterstellt er der KI, die Einheits- und Volksfrontpolitik z.B. der französischen Arbeiterklasse richte sich gegen den deutschen Imperialismus. Dabei hat die Einheits- und Volksfront in Frankreich natürlich in erster Linie die französische Bourgeoisie und ihren drohenden Übergang zur faschistischen Herrschaftsform im Visier. Pieck drückte das in seiner Rede auf dem VII. Weltkongress so aus: Mit dem politischen Generalstreik von 1934 „hat das französische Proletariat den ersten großen Vorstoß der Faschisten in Frankreich zurückgeschlagen“. Die „Kommunistische Partei Frankreichs hat sich nicht mit der Herstellung der Einheitsfront mit den Sozialisten begnügt, sondern ein Programm von Forderungen aufgestellt, die die Bourgeoisie ins Fleisch schneiden.“ [4]

– Schließlich vermischt Losurdo die Außenpolitik der sozialistischen Sowjetunion, die unter Ausnutzung der innerimperialistischen Widersprüche ein Bündnis z.B. mit Frankreich zu erreichen suchte, mit der Haltung der französischen Arbeiterklasse. Togliatti schlägt auf dem VII. Weltkongress den französischen Kommunisten vor, zum Abschluss des Vertrages über gegenseitige Hilfe zwischen der UdSSR und Frankreich an ihre Bourgeoisie gerichtet zu erklären: „Ihr … habt einen Vertrag … mit der Arbeiterklasse der Sowjetunion … unterzeichnet. Aber mit der Arbeiterklasse unseres Landes … habt ihr keinerlei Vertrag geschlossen. Wir besitzen keinerlei Garantie, dass ihr eure Armee, die nach wie vor eine Klassenarmee ist, nicht gegen die Arbeiterklasse unseres Landes und gegen die Kolonialvölker, die unsere Verbündeten im Kampf gegen den Imperialismus sind, einsetzen werdet. Wir haben keinerlei Garantie, dass ihr nicht nach wie vor die Armen und nicht die Reichen zwingen werdet, die zur Organisierung dieser Armee erforderlichen Mittel aufzubringen. … Wir haben nicht einmal irgendeine Garantie, dass ihr dem Vertrag, den ihr heute unterzeichnet, treu bleiben werdet. Aus all diesen Gründen können wir, meine Herren, weder für euren Militäretat stimmen noch auf den Kampf gegen eure Regierung verzichten. Aber das bedeutet nicht, … dass wir an dem Pakt, den ihr mit der Sowjetunion abgeschlossen habt, desinteressiert sind…“ „Wir … werden diesen Pakt mit allen Kräften verteidigen, weil er ein Instrument des Kampfes für den Frieden und für die Verteidigung der Sowjetunion ist. Wir werden im Parlament für die Unterzeichnung dieses Vertrages stimmen und jegliche Versuche entlarven, eine Politik zu treiben, die vom Vertrag abweicht…“. [5]

Togliatti zeigt mit diesem Beispiel sehr plastisch, wie Kommunisten den Kampf gegen die Hauptgefahr für den Frieden und für die Verteidigung der sozialistischen Sowjetunion mit dem Kampf gegen den Hauptfeind im eigenen Land verbinden müssen. Nur wenige Seiten vorher hat er die Politik des VII. Weltkongress ausdrücklich in die Kontinuität der Linie von Lenin und Liebknecht gegen den imperialistischen Krieg gestellt. Breitester Kampf für die Verteidigung des Friedens und Umwandlung eines nicht verhinderten Krieges in den Bürgerkrieg: „Wir verschleiern nicht … die Losung der Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg, die im Kriegsfall … die zentrale Losung der Bolschewiki bleibt, sondern wir wollen im erbitterten Kampf für den Frieden … die Massen der Arbeiter, der werktätigen Bauern und auch des Kleinbürgertums um die revolutionäre Avantgarde scharen, welche die Massen … den Weg der Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie führen soll.“ [6]Losurdo hingegen legt nahe, der Vertrag zwischen der Sowjetunion und Frankreich müsse auch zu einem Bündnis der französischen Arbeiterklasse mit der Bourgeoisie gegen den jeweiligen Hauptkriegstreiber führen und unterschiebt seine Vorstellung einer Blockbildung fälschend Togliatti und dem VII. Weltkongress.

2. Verwirrspiel um die Begriffe Kolonie, Halbkolonie, potentielle Halbkolonie und Neokolonialismus

Losurdo verwendet zwei Kapitel seines Artikels darauf, für alle Formen der Abhängigkeit eines Landes von einer Großmacht, egal, ob das Land in den Anfängen der kapitalistischen Entwicklung steht und eine Kolonie ist, oder schon das imperialistische Stadium erreicht hat, die Perspektive eines nationalen Befreiungskampfes gegen die ausländische Unterdrückung zu verkünden und zwar in ausdrücklicher Abgrenzung zum „zwischenimperialistischen Widerspruch, der charakteristisch für den Ersten Weltkrieg war“.

Das gilt bei ihm für Portugal 1916, für Frankreich 1939, für Italien und Frankreich 1952 und wohl auch für die „wenn schon nicht Vasallen, so doch subalternen Partner der Vereinigten Staaten“ Deutschland, Frankreich und Italien 2017. Losurdo verabschiedet sich so weit von Lenin, dass er den Ausdruck Imperium (oder „Imperialismus“) nur für die USA gebraucht, alle anderen seien „Vasallen“ oder „subalterne Partner“. [7]

Unabhängig von dem von Losurdo angerichteten Begriffswirrwarr ist auch hier wieder das völlige Absehen von der Frage der sich in den einzelnen Ländern gegenüber stehenden Klassen, ihren Interessen und der Entwicklung des Klassenkampfes der entscheidende Fehler.

Lenin setzt sich 1916 mit der Position auseinander, die dem ersten Weltkrieg „ein nationales Programm“ entgegenstellen wollte. Er sagt, dass es im Zeitalter der bürgerlichen Revolutionen richtig gewesen sei, „den feudal-dynastischen Kriegen“ „objektiv revolutionär-demokratische Kriege, nationale Befreiungskriege“ entgegenzustellen. „Jetzt ist für die führenden, größten Staaten Europas die objektive Lage eine andere. Die Vorwärtsentwicklung – wenn man von möglichen, vorübergehenden Rückschlägen absieht – ist zu verwirklichen nur in der Richtung der sozialistischen Gesellschaft, der sozialistischen Revolution. Dem imperialistisch-bürgerlichen Krieg, dem Krieg des hochentwickelten Kapitalismus, kann … objektiv nur ein Krieg gegen die Bourgeoisie entgegengestellt werden, d.h. der Bürgerkrieg des Proletariats gegen die Bourgeoisie um die Macht, der Krieg, ohne den es eine ernste Vorwärtsbewegung nicht geben kann …“. [8] Lenin sagt hier also in klarer Abgrenzung zu einer Position wie sie Losurdo vertritt, dass es im gesamten Stadium des Imperialismus vom Standpunkt der Arbeiterklasse keine Blockbildung mit der Bourgeoisie mehr geben kann, auch dann nicht, wenn der imperialistische Gegner stärker und aggressiver ist oder das schwächere imperialistische Land in ein Abhängigkeitsverhältnis gebracht hat.

3. Losurdo stellt Stalin auf den Kopf

Losurdo meint, Stalin habe 1952 zwei widersprüchliche Positionen zur Friedensfrage vertreten: In seiner Schrift „Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR“ [9] eine falsche und auf dem 19. Parteitag der KPdSU [10] eine richtige.

Falsch sei, was Losurdo so zusammenfasst: „Schärfer als selbst der Widerspruch zwischen Kapitalismus und Sozialismus seien die zwischen-imperialistischen Widersprüche und würden früher oder später zu einem neuen Weltkrieg führen und all dies bestätige die Unvermeidlichkeit des Krieges im Kapitalismus.“ [11]

Stalin setzt sich in den „Ökonomischen Problemen“ mit Strömungen in der kommunistischen Weltbewegung auseinander, die meinten, dass „Kriege zwischen den kapitalistischen Ländern, aufgehört (hätten) unvermeidlich zu sein“ und dafür drei Argumente anführten: Der Gegensatz zwischen Kapitalismus und Sozialismus sei stärker als die innerimperialistischen Widersprüche, die USA hätten sich die europäischen Vasallen so nachhaltig untergeordnet, dass ein Krieg zwischen ihnen ausgeschlossen sei und die starke Friedensbewegung in der Welt könne die Kriege verhindern. Gegen alle drei Argumente wendet sich Stalin sehr grundsätzlich: Er erklärt es (anders als Losurdo behauptet) für allgemein richtig, dass der Gegensatz zwischen Kapitalismus und Sozialismus stärker ist als der zwischen den kapitalistischen Ländern. „Dennoch brach der Zweite Weltkrieg nicht als Krieg mit der UdSSR aus, sondern als ein Krieg zwischen den kapitalistischen Ländern. … Folglich erwies sich der Kampf der kapitalistischen Länder um die Märkte … praktisch als stärker denn die Gegensätze zwischen dem Lager des Kapitalismus und dem Lager des Sozialismus.“ [12]

Zur Friedensbewegung schreibt Stalin, sie kämpft „für die Verhütung eines neuen Weltkrieges. … sie beschränkt sich auf die demokratischen Ziele des Kampfes für die Aufrechterhaltung des Friedens. … im Erfolgsfall (führt sie) zur Verhütung eines bestimmten Krieges, zu seinem zeitweiligen Aufschub … Das ist natürlich gut. Sogar sehr gut. Aber das ist dennoch nicht hinreichend, um die Unvermeidlichkeit von Kriegen zwischen den kapitalistischen Ländern überhaupt aufzuheben. … Um die Unvermeidlichkeit von Kriegen zu beseitigen, muss man den Imperialismus vernichten.“ [13]

Losurdo erkennt zwar, weil er sich nicht mit Lenin anlegen möchte, an, dass der Erste Weltkrieg aus zwischenimperialistischen Widersprüchen entstanden ist und sich Kommunisten deshalb nicht auf die Seite einer der Kriegsparteien schlagen konnten. Seitdem aber habe sich das geändert. Jetzt dürfe man mit seiner ‚eigenen‘ Bourgeoisie ein bisschen schmusen, weil sie dauerhaft unterdrückte Halbkolonie und nicht mehr imperialistischer Player im Kampf um die Weltherrschaft ist. Demgegenüber betont Stalin, dass sich die Kräfteverhältnisse zwischen den imperialistischen Staaten ständig ändern und deshalb innerimperialistische Bündnisse oder Abhängigkeiten nur Durchgangsstationen im ständigen Wechsel friedlichen und nichtfriedlichen Kampfes zwischen den imperialistischen Ländern sein können. Togliatti hatte dies auf dem VII. Weltkongress so ausgedrückt: „Eine Stabilität in den gegenseitigen Beziehungen der kapitalistischen Großmächte hat es niemals gegeben und kann es nicht geben. Das findet seine Erklärung in dem Gesetz der Ungleichmäßigkeit der kapitalistischen Entwicklung.“ [14]

Für richtig erklärt Losurdo dagegen, dass Stalin auf dem 19. Parteitag „… die Unterwürfigkeit der westlichen Verbündeten oder Vasallen Washingtons (beklagte)“ und „die kommunistischen Parteien auf(rief), das Banner der nationalen Unabhängigkeit und der demokratischen Freiheiten, das die Bourgeoisie ihrer Länder über Bord geworfen hatte, aufzuheben und voranzutragen.“ [15] Tatsächlich hat Stalin aber auf dem 19. Parteitag festgestellt (und nicht beklagt), dass die Bourgeoisie heute sowohl das Banner der bürgerlich-demokratischen Freiheiten als auch das Banner der nationalen Unabhängigkeit über Bord geworfen hat. [16] Losurdo versteht Stalin jedoch so, als ob dieser sich gegen den kriecherischen Charakter speziell der italienischen oder französischen Bourgeoisie gegenüber den USA wendet und meint die Arbeiterklasse dieser Länder müsse dafür sorgen, dass sich ihre Bourgeoisie endlich wieder gerade macht. Stalin meint aber etwas ganz anderes. Er meint, dass die Bourgeoisie im imperialistischen Stadium des Kapitalismus, anders als im aufstrebenden, keine Sachwalterin der Interessen der Nation und der demokratischen Freiheiten mehr sein kann. Das gilt keineswegs nur für die Bourgeoisie eines abhängigen imperialistischen Landes, die ihre Profitinteressen zeitweilig als Vasall verfolgt. Das gilt erst recht für eine Bourgeoisie, die eigenständig um die Weltherrschaft kämpft.

Diese Argumentation verfolgte auch der VII. Weltkongress – insbesondere Dimitroff im Kapitel über den ideologischen Kampf gegen den Faschismus: „Natürlich muss man überall und in allen Fällen den Massen … konkret beweisen, dass die faschistische Bourgeoisie unter dem Vorwand, die gesamtnationalen Interessen zu verteidigen, ihre egoistische Politik der Unterdrückung und Ausbeutung des eigen Volkes sowie der Ausplünderung und Versklavung anderer Völker betreibt,“ und dies „den Interessen einer freien und glücklichen Zukunft der Nation“ widerspricht. „Man muss gleichzeitig durch den Kampf der Arbeiterklasse … zeigen, dass das Proletariat … der einzige wirkliche Kämpfer für die nationale Freiheit und Unabhängigkeit des Volkes ist.“ [17]

Zwischen den beiden Äußerungen Stalins besteht also kein Widerspruch. Sie betonen nur verschiedene Aspekte derselben Sache. Das Beispiel der deutschen Bourgeoisie zeigt, wie schnell durch die ungleichmäßige Entwicklung die verschiedenen Formen des nationalen Verrats (Hauptkriegstreiber 1914, unterwürfiger und abhängiger Imperialismus 1919 bis zum Zusammenbruch der Versailler Ordnung, Hauptkriegstreiber 1939 und als BRD zeitweise wieder Halbkolonie der USA) ineinander übergehen können. Es ist immer die gleiche Bourgeoisie, die ihre Klasseninteressen mal auf dem einen, mal auf dem anderen Weg verfolgt. Die Arbeiterklasse muss natürlich die verschiedenen Formen beachten. Vergisst sie aber das reaktionäre Wesen, das diesen Formen und ihren Übergängen zu Grunde liegt, dann ist das ein schwerer theoretischer Fehler.

Politisch wird daraus aber gerade jetzt, in einer Zeit, in der der deutsche Imperialismus seine tendenzielle Eigenständigkeit stärker entwickelt (Leitantrag des 22. Parteitages der DKP), bzw. diese immer klarere Konturen annimmt, eine verhängnisvolle Klassenversöhnung. Losurdo betreibt diese Klassenversöhnung zweimal, indem er den Hauptfeind im eigenen Land hinter den USA verschwinden lässt, und indem er die nationale Frage – anders als Dimitroff – nicht an die Durchsetzung der Interessen der Arbeiterklasse und ihrer Bündnisschichten knüpft, sondern die Klassenfrage ausspart. Die historischen Fehler, offensichtlichen Fehlinterpretationen von Zitaten, und die Begriffsverwirrung dienen diesem Ziel funktional. Der politische Sinn des Abdrucks dieser Positionierung in der Bildungszeitung, die den Positionen des Leitantrags des 22. Parteitages der DKP widerspricht, erscheint mehr als fraglich.

Quellen und Anmerkungen:

[1] Domenico Losurdo „Palmiro Togliatti und der Friedenskampf gestern und heute“ Marxistische Blätter 2/2017.

[2] ebd. S. 96.

[3] Andreas Wehr „Der Hauptfeind sind die USA“, wiedergegeben auch in diesem Heft.

[4] Rede von Togliatti, zitiert nach Pieck, Dimitroff, Togliatti „Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunisten …“ VII. Kongress der Kommunistischen Internationale 1935, Berlin 1957 S. 49.

[5] ebd. S.239 f.

[6] ebd. S. 220.

[7] Domenico Losurdo „Wenn die Linke fehlt“, 2017, S. 83.

[8] Lenin „Über die Junius Broschüre“, LW Bd. 22, S.321 f.

[9] Stalin „Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR“ StW Bd. 17.

[10] Stalin „Rede auf dem XIX. Parteitag…“ 1952 StW Bd. 17.

[11] Losurdo „Togliatti…“, S. 98.

[12] Stalin „Ökonomische Probleme…”, S. 286 f.

[13] ebd. S.287 f.

[14] Togliatti, S.181.

[15] Losurdo „Togliatti…“, S. 98

[16] Stalin „Rede…“, S.189 f.

[18] Rede von Dimitroff, zitiert nach Pieck, Dimitroff, Togliatti, S.164 f.

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Die Hamburger Komission für Marxistische Theorie und Bildung bekam vom Bezirksvorstand den Auftrag, die Leitantragsdiskussion für die Hamburger Bezirksorganisation und die Grundorganisationen zu organisieren und zu strukturieren. Anstelle einer Orientierung auf das nötige Kontextwissen zur Diskussion des Leitantrags, anstelle einer gliedernden Zusammenfassung oder eines Abgleichs mit den bekannten Dokumenten, etwa dem Parteiprogramm – all das hätte den Gruppen geholfen – stellten die Autoren eine Sammlung von Kritikpunkten am Papier zusammen. Da das Papier nun im Referat von Hans-Peter Brenner auf der PV-Tagung auftauchte, ist es Teil der Diskussion und sollte also zumindest nicht unkommentiert stehen bleiben.
Zunächst zu einer Begrifflichkeit: Direkt in den ersten Sätzen des Textes wird behauptet, durch die Kontinuität in den Aussagen zur Antimonopolistischen Demokratie solle eine inhaltliche Brücke zur Parteiopposition geschlagen werden. Nun gehe ich davon aus, dass hier die „rechte“ Opposition gemeint ist, soweit sie sich noch in der Partei befindet. Sicher ist es richtig, dass, wie der Text weiter schreibt, nicht inhaltliche Kompromissformulierungen, sondern politische Praxis Wahrheitsfindung bringen. Damit würde dem PV unterstellt, er würde Kompromissformulierungen suchen anstatt die Wahrheit erkennen zu wollen. Harter Tobak, und ein Beleg dafür? Keine Spur. Vielmehr bewegt sich diese Anschuldigung auf der Ebene einiger Beiträge aus Tübingen und Frankfurt. Auch dort findet sich kein Beleg. Dafür aber eine andere Parallele: geringe Quellenkenntnis.
Die DKP strich in der Programmdebatte bis 2006 bewusst die Formulierung der antimonopolistischen Demokratie. Das Herankommen wurde nun als Phase antimonopolistischer Umwälzungen beschrieben, das sollte dem Umstand abhelfen, dass in der Formulierung des 78er Programms die Prozesshaftigkeit der Beschreibung schließlich dazu führte, dass man zu genau, zu detailliert war. Nun ist es ja nicht schlimm, diese Debatten nicht zu kennen, live mitbekommen hat sie auch der Autor dieser Zeilen nicht. Aber nachlesen kann man das ganze schon, im Erklärungsband zum Programm von 1978 und in einem erklärenden Artikel in den Marxistischen Blättern von 2005 (Willi Gerns und Herbert Mies im Interview mit Robert Steigerwald: Weg und Ziel der DKP, Frankfurt am Main 1978, und Willi Gerns, Nina Hager: Kontinuität und Erneuerung im Programmentwurf der DKP, in: Marxistische Blätter 3/2005).
Kommen wir zum zweiten Punkt (obgleich es noch mehr gäbe, aber die Zeichenzahlbegrenzung fordert ihren Tribut): Der Frage der Monopole. Zum einen wird kritisiert, dass Marx nicht zitiert werde, die Erkenntnis der Produktionsverhältnisse müsse aber da beginnen. Es ließe sich leicht die Polemik entwickeln, dass oben im Papier die Übereinstimmung mit den Zitaten der Klassiker zugunsten der realen Politik herabgestuft wird, um nun zu kritisieren, dass Marx nicht auftaucht. Aber der Kern ist der, dass die Forderung nach Marx beinhaltet, das Monopol nicht als neues Produktionsverhältnis zu sehen, als das es durch Lenin beschrieben wurde. Es soll vielmehr eine Beschreibung des Kapitalismus der freien Konkurrenz auf den Monopolkapitalismus angewendet werden. Das wiederum geht – natürlich – schief.
Anstatt den Opportunismus aus den neuen Lebensverhältnissen (eben dem neuen Produktionsverhältnis, also umfassend) zu schließen, sind es die Monopole, die hier Teile der Arbeiterklasse bestechen. Eine ökonomistische Verkürzung, die nebenbei auch nicht die Ideologie analysiert, mit der das funktioniert, dies wird dann auch nicht auf die reale Praxis der Klasse und ihrer Interessenvertreter zurückgeführt, es bleibt Bestechung anstelle des „Ergebnisses einer ganzen sozialen Epoche“ (Lenin).
Dann wenden sich die Kritiker der Stamokap-Theorie zu: richtigerweise wird die Einbeziehung auch der kleinen und mittleren Bourgeoisie in den Bereich der Monopole beschrieben. Ähnlich wie das aber zum Beispiel die Tübinger analytische Glanzleistung vollbringt, resultiert hier aus einer Abhängigkeit kein Widerstandspotential: nach derselben Logik wären auch die Arbeiter abhängig vom Kapital und könnten sich nicht wehren. Eine Abhängigkeit erzeugt immer auch Widersprüche und damit die Widerstandspotenz. Aus der Formulierung des Programms herauslesen zu wollen es handle sich, nur weil die Potenz des Wiederstandes aufgrund von Widersprüchen vorhanden sei, auch um einen Widerspruchszwang, ist nun eine sehr freie Interpretation.
Im gleichen Absatz werden die Monopole in ein Interessengeflecht mit den Banken gestellt, ohne sich dabei auf Lenin zu beziehen. Die Verschmelzung des Industrie- und Bankkapital bringt die Monopole hervor. Banken gleichberechtigt neben die Monopole zu stellen zeugt davon, dass man diese für eine Art großen – oder auch besonders großen – Betrieb hält. Die Analyse des Produktionsverhältnisses Monopol fällt dabei weg.

Zuerst erschienen in der UZ vom 15.12.2017

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Das Referat von Hans-Peter Brenner (UZ v. 10.11.2017, S. 17) war gerade in der Situation, in der sich die Debatte unter anderem auf news.dkp.de befindet, eine Wohltat. In der Auseinandersetzung mit Linksradikalen, die sich die Frage „Wie weiter?“ nun endlich, wenn auch leider erst zu Teilen außerhalb der Partei stellen, sind die angeführten Aussagen Lenins zum Zusammenhang zwischen dem demokratischen und dem sozialistischen Kampf ungeheuer wichtig.
Leider macht es sich Hans-Peter hier in der Darstellung doch etwas zu einfach. Die Einheit zwischen dem antifaschistischen, antikapitalistischen und antimonopolistischen Kampf ist eben nicht automatisch hergestellt. Demokratische und antifaschistische Kämpfe werden, und das gerade ist ja ihre Bedeutung (s. Leitantrag Z. 628 ff.), zu einem nicht geringen Teil von Leuten geführt, die eben kein Klassenbewusstsein haben bzw. verschiedenen Formen bürgerlicher Ideologie anhängen (was, wie Lenin in „Was tun?“ ausführt, ein- und dasselbe ist). Daraus folgt, dass sich das berechtigte Interesse, z. B. etwas gegen Nazis zu machen, in Formen ausdrückt, die die bürgerliche Herrschaft nicht angreifen, beispielhaft: in kleinbürgerlich-autonomen Formen individuellen Terrors, in Lichterketten-Umzügen oder in der Variante „Aufstehen gegen Rassismus“: „Wir ziehen die rote Linie neu“, moralisch, in letzter Instanz desorientierend.
Es ist vollkommen richtig, an diese Formen anzuknüpfen und dazu Teil der Bewegungen zu sein. Aber der im Referat von Hans-Peter Brenner aufscheinende Automatismus – weil der Kapitalismus die Demokratie verstümmelt wird der Kampf um Demokratie antikapitalistisch – stimmt eben schlicht nicht. Um diese Bewegungen wirklich in den Kampf um Demokratie zu führen, um wirklich einen antiimperialistischen, antimonopolistischen (und das ist der Antikapitalismus unserer Zeit) Kampf zu führen, bedarf es, wie Lenin für die Revolution von 1905 formuliert, der „Hegemonie des Proletariats“ in den demokratischen Bewegungen.
Das ist nicht so neu, wie es scheint, vielmehr ist es z. B. der Inhalt vieler Überlegungen der DKP zum Umgang mit den vor allem kleinbürgerlichen „neuen sozialen Bewegungen“ auf dem Parteitag von 1986. Um Bewegungen orientieren zu können, muss die Arbeiterklasse ihre führende Rolle in solchen Bündnissen oder Bewegungen erkämpfen. Das heißt konkret: Wer ist der Gegner? Die Monopole oder Straßen-Nazis (oder wie im Falle von „Aufstehen gegen Rassismus“ noch näher an der antideutschen Ideologie 13 Prozent der deutschen Bevölkerung). Die Arbeiterklasse (durch ihre Vertreter: die Kommunisten, aber auch konsequente Gewerkschafter und im Jugendbereich oft die DIDF) muss hier erklären, dass es nicht um die Bekämpfung falschen Bewusstseins geht, sondern um die Bekämpfung der Ursachen. Sie muss also ihre Weltanschauung vermitteln (vermitteln heißt nicht sie im Bündnis vorauszusetzen, es heißt, sie als Analyseinstrument der demokratischen Kräfte zu propagieren!).
Das heißt weiterhin: Was sind die Kampfformen? Ausschließende Formen gewaltorientierter Straßenkämpfer? Lichterketten? Die SDAJ hat in ihrem Beitrag zur Antifa-Debatte in der „jungen Welt“ dazu einen guten Beitrag geleistet: Die konkrete Form der Massenblockaden bringt die Massen, und für solche ist die Aktion tauglich, in Widerspruch mit dem Staat, der die Faschisten schützt, sie erleben Gemeinschaft, Solidarität usw. Solche Formen werden die Kommunisten nicht im Alleingang als Vorturner der Bewegung entwickeln, sie vorzusetzen überlassen wir dann, siehe „Aufstehen gegen Rassismus“, doch der „Interventionistischen Linken“, aber die demokratische Bewegung wird ohne den Beitrag der Kommunisten nicht in der Lage sein, die richtigen Kampfformen zu entwickeln.
Die Monopole sind die letzte Ursache der Einschränkungen der Demokratie. Eine demokratische Bewegung, will sie wirklich demokratisch sein, muss sich also gegen diese richten. Aufgabe der Partei ist es, die Hegemonie des Proletariats anzustreben, also selbstbewusst, werbend, orientierend in die Bewegungen einzugreifen. Nur so verwirklicht sich die Dialektik zwischen sozialistischem und demokratischem Kampf. Ich unterstelle Hans-Peter Brenner nicht, dass er das nicht weiß, aber die unglücklichen Formulierungen können wir hier dennoch nicht so stehen lassen. Gleichzeitig ist die Kritik von Lloyd und Mehner zwar richtig, aber der Fortschritt ist – dialektisch – immer relativ zu dem, was vorher da war. Die absolute Erkenntnis ist nicht zu erwarten, aber in langer, kämpfender Wieder-Aneignung der Historie, der Theorie und vor allem der Praxis der Partei lässt er sich nicht aufhalten. Diese Perspektive ist dann optimistischer.

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marx-lenin

„Die 27 Millionen Sowjetbürger, die im
Großen
Vaterländischen Krieg gestorben sind,
taten dies auch für
die Menschheit und für das
Recht zu denken und Sozialist zu sein,
Marxist-Leninist zu sein, Kommunist zu sein
und
die Vorgeschichte zu verlassen.“
Fidel Castro Ruz [1]

Anders als es der Bezirksvorstand der DKP Südbayern sieht, steht der Begriff des Marxismus-Leninismus nicht nur für die sowjetische Periode, in der Stalin Generalsekretär war, sondern in der internationalen kommunistischen Bewegung steht er ganz allgemein für die wissenschaftliche Weltanschauung der Kommunisten. Fidel setzt ihn sogar gleich mit dem Recht zu denken und Kommunist zu sein. Welche Bedeutung hat er für uns?

Hans Heinz Holz orientiert wie Engels auf den Gesamtzusammenhang, Lenin sucht die Wahrheit in der Konkretion. Beide Orientierungen scheinen einander zu widersprechen, scheinen andere Schwerpunkte zu setzen, anderes Handeln zu verlangen. Die Überbetonung einer der beiden Seiten führt zu ideologischen Unsicherheiten und zu politischem Opportunismus. Nur die Abstraktion zu theoriegeschwängertem Salbader ohne Nutzanwendung und Reichweite, nur die Konkretion zu Handwerkelei und dem Aufgehen in der nächsten Bewegung, dem Verlust der politischen Eigenständigkeit.

Die Dialektik fordert die Aufhebung dieses scheinbaren Widerspruchs entlang einer gemeinsamen Linie – konkret dem Marxismus-Leninismus (ML). Der Gebrauchswert des ML liegt demzufolge darin, dass er es schafft, die Einheit zwischen Konkretion und Abstraktion herzustellen und zu bewahren, dass er daraus handlungsanleitend wirkt, einen „geordnete[n] Sinn für Selbstverständnis und Verhalten“ entwirft, durch die die Erfahrung bestätigt wird und im Einklang mit den bekannten und bewährten Theorien steht [2].

Lenin bezeichnet den Marxismus als System [3]. Der Begriff Marxismus-Leninismus beschreibt dieses System in seiner Entwicklung [4]. Duncker nennt diese „die Weiterentwicklung des Marxismus in der Staatsfrage, in der Bündnisfrage, der nationalen Frage, in den Fragen der konkreten Übergangsformen zum Sozialismus usw“ [5]. Fidel rühmt Lenin: „Lenin war ein genialer revolutionärer Stratege, der nicht zögerte, die Ideen von Marx anzunehmen und ihre Umsetzung in einem riesigen und nur zum Teil industrialisierten Land in Angriff zu nehmen, dessen proletarische Partei im Angesicht der größten Bedrohung, die der Kapitalismus über die Welt gebracht hatte, zur radikalsten und tapfersten des Planeten wurde“ [6]. Damit nennt er zentrale Gründe, warum das Studium der Leninschen Schriften und der Erfahrungen der Bolschewiki für die Entwicklung des ML als Weltanschauung der kommunistischen Parteien wesentlich ist.

Handlungsanleitung

Die Handlungsanleitung setzt die Systematisierung der konkreten Erscheinungen voraus. Sie benötigt ein „Modell von relativem Wahrheitsgehalt“ (Fellner), in dem die Annäherung an die absolute Wahrheit gelingen kann. (Hans Heinz Holz nutzte hier auch das Bild des „Teppichs“ oder des „Grundrisses“ einer Stadt, in der man sich sonst verläuft, in den alles eingearbeitet werden kann.) Eine Voraussetzung ist die immer weiter gehende Integration wissenschaftlicher Erkenntnisse. Ganz praktisch bedeutet das z.B.: Will ich die Kolleginnen und Kollegen zum Streik motivieren, muss ich die Lohnentwicklung im Verhältnis zur Profit- und Preisentwicklung darstellen, die subjektiven Erscheinungen erkennen (Resignation, Unwille usw.) und systematisieren (für und gegen das gemeinsame Streiken). Das Ziel ist, dass möglichst alle streiken sollten, damit der Effekt möglichst groß ist, Solidarität erlebbar wird und im Reformkampf Klassenbewusstsein entwickelt werden kann. Natürlich erkenne ich erst in der Reflexion, ob und wie meine Agitation sich ausgewirkt hat. Dazu brauche ich dann Organisation (die Gewerkschaft, aber besonders auch die SDAJ und DKP), um wissenschaftliche Erkenntnisse zu integrieren (von Auslegungen des Betriebsverfassungsgesetzes, über Streiktaktiken, bis hin zur Leninschen Lehre von Agitation und Propaganda).

Mit anderen Worten: „Wer sich nicht auf den Grundriss bezieht, verläuft sich; und ,verlaufen‘ heißt richtungslos umherlaufen und mithin in die Irre gehen” [7]. Den Grundriss zu zeichnen, zu aktualisieren und ihn an neue Mitglieder weiterzureichen, ist Aufgabe der Organisation. Deshalb darf ideologische Orientierung nicht von den konkreten Menschen und den Strukturen, die sie geben sollen, getrennt werden.

„Geordneter Sinn für Selbstverständnis und Verhalten“

Zurück zu unserem Widerspruch zu Beginn: Zwischen der allgemeinen Orientierung, also dem Grundriss, und der konkreten Erscheinung, also dem Tapetenmuster innerhalb der Stadt, besteht kein Widerspruch, weil wir das eine in das andere einordnen können und müssen. Die Arbeit dieser Einordnung ist die Erfassung der Realität (Widerspiegelung), das Schmieden von Plänen zu ihrer Veränderung, die eigene Handlung und schließlich die Überprüfung der Widerspiegelung anhand der eingetretenen Veränderung. Oder politisch ausgedrückt: Analyse der Ausgangslage, Bestimmung der Kampfinstrumente, Organisation politischer Träger der Veränderung und Durchführung der Aktion, Reflexion, Kritik, Veränderung sowie Anpassung der Analyse der Ausgangslage an die nun veränderte.

Wer sich auf die Position begibt, Lenins Werk, dessen Wirksamkeit sich gerade aus Realitätsnähe, Vielfalt und Widersprüchen ergab, sei in ein „geschlossenes System“ verwandelt worden und der Marxismus-Leninismus das Synonym für die von Stalin verkündeten Lehrsätze [8], der verlässt ganz bewusst den Ordnungsrahmen. Er will ihn ignorieren. Hier wird das Leninsche Schaffen und seine Lehren ganz bewusst bis zu dem Punkt historisiert, dass sich daraus keine Ableitungen für heute treffen lassen. Tür und Tor für Beliebigkeit werden geöffnet. Die Überbetonung der Konkretion gegen die bewusste Schaffung von Instrumenten zur Erkenntnis und Veränderung des Gesamtzusammenhangs (Imperialismus-Analyse und Parteifrage) führt konsequent zur Ablehnung des Begriffs für diese Vorhaben: Leninismus.

Was meint Lenin (nicht Stalin!), wenn er in seiner Schrift „Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus“ die Lehre vom Marxismus als „in sich geschlossen“ bezeichnet? Hannes Fellner hat uns darauf hingewiesen, dass es um die Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs geht: Ein Gesamtzusammenhang, der sich in den Bewegungsformen seiner Bestandteile herstellt und darstellt, hat die Gestalt des Systems. Da die Welt größer ist und mehr enthält, als wir je von ihr wissen können, darf ein System nicht als ein endliches, geschlossenes von sich behaupten, eine Abbildung des Ganzen zu sein, sondern muss sich offenhalten für Erweiterungen und für den Eintritt des Neuen.

„In sich geschlossen“ bezieht sich also gerade auf den einheitlichen Charakter von System und Methode des Marxismus als Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs. Für den Marxismus als Weltanschauung gilt natürlich, dass er im Fluss ist, wie es der antike Dialektiker Heraklit bildlich ausdrückte, wo stets anderes Wasser hinzuströmt und man deshalb nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann. In diesem Sinne ist er offen. Aber – um im Bild zu bleiben – ein Fluss ist ein Fluss und kein Berg, und ein Fluss hat ein Bett und einen Verlauf. In dieser Hinsicht ist der Marxismus „in sich geschlossen“ [9].

Fazit

Indem Fidel Castro in seiner Rede zum 7o. Jahrestag des Siegs über den Faschismus die Haltung Putins zu den Bolschewiki zumindest indirekt kritisiert, beweist er Prinzipienfestigkeit, die ihm der durch den Marxismus-Leninismus gegebene Gesamtzusammenhang eröffnet, gleichzeitig agiert er aber konkret und taktisch flexibel, wenn er feststellt, dass die Politik der EU und der NATO Russland objektiv an die Seite der Friedenskräfte geführt hat und dass folglich der Schulterschluss mit Russland zu suchen ist. So beweist er praktisch die Lebensfähigkeit des Marxismus-Leninismus. Den Kampf um die Anerkennung und die Aneignung dieser Weltanschauung werden wir in der und durch die Partei führen.

 

Quellen und Anmerkungen:
[1] F. Castro Ruz, „Bei dieser Feier durfte ich nicht fehlen“, jW vom 9./10.5.15.
[2] H. H. Holz, Orientierung in der Vielheit der Erscheinungen. Die Einheit des Marxismus auf dem Prüfstand, jW vom 26.08.06 (Beilage „Marxismus).
[3] H.Fellner, „In sich geschlossen und harmonisch“. Zu Lenins „Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus“, Teil 2, T&P 39, S. 26-27.
[4] H. Dunker, Einführungen in den Marxismus. Ausgewählte Reden und Schriften, 1959, Bd. 2, S.12-14.
[5] Ebd. S. 13.
[6] Castro Ruz, a.a.O.
[7] Holz, a.a.O.
[8] Referat des Kreisvorstandes zur Kreisdelegiertenkonferenz der DKP München, 25.04.15,http://www.dkp-muenchen.de/attachments/1208_Referat_KDK-MUC_2015-04-25.pdf
[9] Fellner, a.a.O.

Theorie & Praxis, Heft 40, November 2015

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Weltanschauung und Parteikonzeption

Die Auseinandersetzung in der DKP um den Charakter dieser Partei ist nach Erscheinen des Leitantrags auf die Formel des „marxistisch-leninistischen Partei“ gebracht worden. Hinter der Formel aber, und das zeigen die vielen Wortmeldungen in der UZ und diversen anderen Publikationsorganen, verstecken sich viele Auseinandersetzungen um Einzelfragen. Diese Auseinandersetzungen sind – beinahe in ihrer Gesamtheit – nicht neu, sondern haben ihren Anfang jeweils bereits vor dem 20. Parteitag.

Ich will in diesem Beitrag mir eine dieser Auseinandersetzngen herausgreifen und darauf weiter eingehen. Es geht um die Frage der Partei. In dieser Auseinandersetzung hat sich in den letzten Jahren eine unüberschaubare Flut an Publikationen ergeben, aus der allein geschlossen werden kann, dass es sich hierbei um eine der wesentlichen Auseinandersetzungen unserer Zeit handelt.

Diese Auseinandersetzung ist aber älter. In den Jahren 1989/1990, den Jahren der Konterrevolution in DDR und SU ergab sich in der DKP (wie auch in SDAJ und MSB) die Auseinandersetzung zwischen „Erneuerern“ und „Betonköpfen“. Nicht die personelle, aber die inhaltliche Nähe der heutigen Anhänger der rechtsopportunistischen Fraktion „Marxistische Linke“ zu den damaligen „Erneuerern“ ist derart deutlich, dass Sepp Aigner die Traditionslinie vor dem 20. Parteitag offen benannt hat.(1)

Deutlich wird diese inhaltliche Nähe – „aufgehängt“ an der Parteifrage durch folgendes: In drei Heften der Marxistischen Blätter erschien 1990 und 1991 eine Art organisationspolitisches Manifest der Erneuerer-Gruppierung innerhalb der DKP, der Text „Lenins Auffassung der Parteiorganisation“ von Josef Schleifstein. Passenderweise wurde er vom alten Parteivorstand (bis zum 20. Parteitag) erneut als Broschüre veröffentlicht. Der neuesten Veröffentlichung im Neue Impulse Verlag ist nur anzukreiden, dass die Auseinandersetzungen dieser Zeit nicht erklärt werden. Nur viel eigenständige Recherche erlaubt es jungen Mitgliedern diese Texte in ihre Zeit einzuordnen.(2) Inhalt dieses Textes ist trotz der Ankündigung das Leninsche Denken darzustellen, dass auf „Historizität und Dialektik“ beruht im wesentlichen die Historisierung. Zentral ist der Satz: „Was von ihr (Lenins Auffassung der Parteiorganisation d. Verf.) übrig bleiben sollte, ist nur konkret beantwortbar …“, denn sie sei wie Lenins ganzes Denken „geschichtliche bedingt und geschichtlich begrenzt“.(3) Nun würde es derzeit und hier in der BRD niemandem einfallen aufgrund der Lektüre von Lenins „Was tun?“ auf die Idee zu kommen, illegale Parteigliederungen aufzubauen, Parteikader zu deligieren, die ohne bekannt werden zu dürfen ebenso illegale Zirkel zum Studium marxistischer Literatur leiten und es auch übernehmen müssen, diese Literatur illegal aus dem Ausland zu beschaffen. Das hat aber auch niemand getan. Was haben wir getan? Die DKP hat aus Lenin unter anderem den demokratischen Zentralismus abgeleitet, sie hat nach 1990 daran festgehalten und verteidigt ihn bis in unsere Zeit.(4)

So richtig die Historisierung Lenins auch wäre, denn nicht aus der reinen Theorie, sondern aus der heute notwendig geschichtlich zu erfassenden Praxis ebenso, also auch durch Historisierung, müsste ja die Arbeit geleistet werden, die aus dem realen Wirken historischer Personen das ableitet, was Hans Heinz Holz ein „geordneten Sinn für Selbstverständnis und Verhalten“ nannte, als er die Herausforderungen an die wissenschaftliche weltanschauung benannte.(5) Diese Arbeit haben Engels und Lenin für Marx geleistet und dabei aus der historischen Person und deren Nachlass ein System: Marxismus entworfen. Stalin leistete diese Arbeit für die historische Person Lenins, hierbei ist wichtig, dass der Anteil der Praxis hierbei größer war. Der Leninismus stand am Endpunkt dieser Arbeit.

In der Parteifrage bedeutet dass, dass es eben nicht um „Buchstabengläubigkeit“ geht, sondern darum, die Arbeit zu leisten, die allgemeinen Prinzipien des Leninismus in der Parteifrage auf die heutige Zeit anzuwenden, ihre Umsetzung zu organisieren, zu kritisieren, zu verändern, sollte das notwendig sein. Wer aber, wie Schleifstein 1990f, die Beschäftigung mit Lenin zum Empirismus verkommen lässt, der wird ihm nicht gerecht. Der Unterschied zwischem dem Empirismus und der wissenschaftlichen Weltanschauung ist nun der, dass die Arbeit unternommen wird, Werte- und Ordnungssysteme zu schaffen, in die die einzelnen Erscheinungen eingeordnet, innerhalb derer ihre Analyse (die Erkenntnis ihres wesentlichen inneres Widerspruches, also ihres Wesens) und die Einordnung in den Gesamtzusammenhang vorgenommen werden kann. Dieses System, das also gleichzeitig Methode ist, heißt Marxismus-Leninismus. Der Kampf um das Selbstverständnis der Kommunisten ist letzten Endes der Kampf um unsere Weltanschauung.

Der Marxismus ist ohne Aufforderung, die Welt zu verändern nicht zu denken, ohne eigene und fremde Praxis, die von Parteien und Klassen gibt es keine Entwicklung weil die bewusste Handlungsweise der Individuen dialektisch – und das heißt untrennbar – mit den Dingen verbunden ist, die, wie das Wertgesetz zum Beispiel, sich hinter dem Rücken der beteiligten Indiviuden vollziehen. Da die Praxis zur Weltanschauung gehört (unter anderem weil ich die Anschauung nur in der Praxis überprüfen kann), müssen wir uns fragen wie sie aussieht, nun sie hat in allen politischen Bereichen immer die Form, dass sie organisiert werden muss. Praxis ist ohne Partei also gar nicht zu denken. Der Kampf um das Verhalten der Kommunisten ist letzten Endes der Kampf um unsere Weltanschauung.

Wer heute die Partei, also den demokratischen Zentralismus ernst nimmt, der muss wissen, dass dieser nur auf der Grundlage der Einheit der Weltanschauung funktioniert (6), und daher die Wiederherstellung dieser gemeinsamen Weltanschauung, also das, was Hans-Peter Brenner als „Korrekturbewegung“ bezeichnet hat.(7) Diese Korrektur hat die gigantische Aufgabe, Selbstverständnis und Verhalten wieder zusammen zu führen. Dafür ist die Weltanschauung der Kommunisten, der Marxismus-Leninismus ein ganz wesentliches Instrument. Wenn sich also die Auseinandersetzung beinahe aller Teilgebiete um den Begriff (und das sich-selbst-begreifen der Kommunisten als) Marxisten-Leninisten gruppiert hat, so hat seinen guten Grund.

Da es sich bei der Frage des Selbstverständnisses auch immer um eine Frage von Tradition und Kontinuität geht, hier einige Streiflichter aus der Geschichte der DKP:

1970 im Zeitraum der Neukonstituierung der DKP und im Lenin-Jahr erschien im Verlag Marxistische Blätter das Buch des späteren Referenten für Literaturpolitik beim Parteivorstand der DKP, Hans Adamo(8), „Antileninismus in der BRD“(9). Darin wendet er sich unter anderem gegen die Verfälschung der Leninschen Parteitheorie. In der Auseinandersetzung mit dem Ex-Kommunisten Roger Garaudy sagte er: „Die revisionistischen Angriffe gegen die Partei sind heute in stärkerem Maße gegen ihre weltanschaulichen Grundlagen gerichtet.“(10) und hebt damit genau den Ansatz heraus, de wir oben auch vertreten haben. Ohne gemeinsame Weltanschauung keine kommunistische Partei, ohne kommunistische Partei keine gemeinsame Weltanschauung.
1995, im Laufe der Auseinandersetzungen mit der Erneuerer-Strömung vertritt Hans Heinz Holz, wenn auch nicht ausdrücklich, so doch inhaltlich die Gegenposition zu Schleifstein: „Die Einheit von wissenschaftlich-weltanschaulicher Orientierung und politischer Strategie als Wesensform und Organisationsprinzip einer Kommunistischen Partei hat Lenin in seiner für die Parteitheorie richtungsweisenden Schrift Was tun? (1901/02, LW 5, S.355 ff.) herausgearbeitet. Auch heute, nach fast hundert Jahren, sind seine Ausführungen noch hochaktuell.“ (11)
Mit der „Korrekturbewegung“ stellt sich der heutige PV in die Tradition und die Kontinuität der Kämpfe um die Neukonstituierung als kommunistische Partei (und nicht der Aufgabe aller Prinzipien, um, wie Garaudy oder die Eurokommunisten zu versanden), und in die Tradition der „Betonköpfe“, die uns diese Partei über die 90er Jahre hinweg retteten.

(1)Sepp Aigner: 45 Jahre DKP: Die Kommunisten vor ihrem 20. Parteitag, http://www.redglobe.de/deutschland/umwelt/1285 abgerufen am 11.07.15.
(2)Josef Schleifstein: Lenins Auffassung der Parteiorganisation, in Marxistische Blätter 6_1990, 1_1991 und 2_1991, als Broschüre 2012, neu in Josef Schleifstein: Reale Geschichte als Lehrmeister, Essen 2015 genutzt wurde letztere Ausgabe.
(3)Ebd. S. 248.
(4)Patrik Köbele: Verbessern, nicht verwässern, UZ vom 6.3.15 S. 12, Björn Schmitd: Kontrovers diskutieren, einheitlich handeln, https://theoriepraxis.wordpress.com/2014/12/29/kontrovers-diskutieren-einheitlich-handeln/ Zugriff am 16.04.15.
(5)Hans Heinz Holz: Orientierung in der Vielheit der Erscheinungen. Die Einheit des Marxismus auf dem Prüfstand, in junge Welt, Beilage Marxismus vom 26.08.2006.
(6)„Die Partei, das ist die bewusste, fortgeschrittene Schicht der Klasse, ihre Vorhut. Die Kraft dieser Vorhut übersteigt ihre Zahl um das Zehn-, das Hundertfache und mehr. Ist das möglich? Kann die Kraft von Hunderten die Kraft von Tausenden übersteigen? Sie kann es und sie übersteigt sie, wenn die Hunderte organisiert sind. Organisation verzehnfacht die Kräfte. Diese Wahrheit ist wahrhaftig nicht neu …
Die Bewusstheit des Vortrupps offenbart sich unter anderem darin, dass er sich zu organisieren versteht. Und indem er sich organisiert, erhält er einen einheitlichen Willen, und dieser einheitliche Wille der fortschrittlichen Tausend, Hunderttausend, Millionen wird zum Willen der Klasse.“ ( LW 19, S. 397f)
(7)Hans-Peter Brenner: Zu einigen grundsätzlichen und aktuellen ideologischen Fragen, http://news.dkp.suhail.uberspace.de/2015/06/zu-einigen-grundsaetzlichen-und-aktuellen-ideologischen-fragen/ abgerufen am 11.07.15
(8) https://www.jungewelt.de/2006/12-13/023.php
(9) Hans Adamo: Antileninismus in der BRD. Tendenzen, Inhalt und Methoden der Leninfälschung in der Bundesrepublik unter besonderer Berücksichtigung des Internationalen Leninjahres 1970, Frankfurt am Main 1970.
(10) ebd. S. 63.
(11) Hans Heinz Holz: Kommunisten heute. Die Partei und ihre Weltanschauung, Essen 1995, S. 57.