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Der fol­gen­de Bei­trag be­ruht auf ei­nem Dis­kus­si­ons­bei­trag in „Theo­rie und Pra­xis“ Nr. 41 vom Juni 2016, der vom Ver­fas­ser er­wei­tert wur­de nach Dis­kus­sio­nen mit Le­sern. Zu nen­nen ist hier be­son­ders ein Bil­dungs­tag des Be­triebs­ak­tivs der DKP München und ein Tref­fen der Ar­beits­grup­pe „Kri­se“ der KAZ.

Olaf Harms, im Se­kre­ta­ri­at der DKP zuständig für Be­triebs- und Ge­werk­schafts­ar­beit, rech­net zu Recht den Kom­plex „Di­gi­ta­li­sie­rung der Ar­beit“ zu den The­men, die die Ar­bei­ter­be­we­gung für eine länge­re Zeit vor Her­aus­for­de­run­gen stel­len wird und for­dert auf, Grund­po­si­tio­nen dazu zu be­stim­men[1]. Die fol­gen­den Über­le­gun­gen sol­len dazu bei­tra­gen, ent­spre­chen­de Fra­ge­stel­lun­gen zu ent­wi­ckeln – im An­schluss an die Dis­kus­si­on ge­gen die The­sen vom Zu­sam­men­bruch des Ka­pi­ta­lis­mus, „dem die Ar­beit aus­geht“ (zu­letzt in „Theo­rie und Pra­xis“ Nr. 38 und KAZ Nr. 353) und die fol­gen­de Dis­kus­si­on im April 2016 zur „All­ge­mei­nen Kri­se“ im Rah­men der Marx-En­gels-Stif­tung im MEZ, Ber­lin (s.a. KAZ Nr. 352).

Die Di­gi­ta­li­sie­rung ändert Pro­duk­ti­on und Ver­tei­lung, greift also in die Re­pro­duk­ti­on des Ka­pi­tal­verhält­nis ein: Bricht da­durch der Ka­pi­ta­lis­mus zu­sam­men, wie ei­ni­ge be­haup­ten, oder sucht sich der Ka­pi­ta­lis­mus ent­spre­chend sei­ner Ent­wick­lungs­stu­fe im Im­pe­ria­lis­mus, als staats­mo­no­po­lis­ti­scher Ka­pi­ta­lis­mus (SMK) sei­nen Über­le­bens­weg? Das letz­te­re ist in der Dis­kus­si­on um den SMK und die All­ge­mei­ne Kri­se klar ge­wor­den.

An­zu­stre­ben wäre mei­ner Mei­nung nach in ei­ner wei­te­ren Dis­kus­si­on mehr Klar­heit zu fol­gen­den Punk­ten:

1. Ein­ord­nung des Cha­rak­ters der Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräfte un­ter dem Stich­wort „Di­gi­ta­li­sie­rung“

2. Zeit­ab­lauf des Pro­zes­ses – wir sind ja mit­ten drin

3. Be­deu­tung für das Ka­pi­tal

4. Be­deu­tung für die Ar­bei­ter­klas­se

5. Be­deu­tung für die Zwi­schen­schich­ten

6. Rol­le des Staats – im Im­pe­ria­lis­mus im Fo­kus: die Rüstung

7. Rück­bin­dung zur all­ge­mei­nen Kri­se

Zu die­sen Punk­ten sol­len hier Ansätze für Fra­ge­stel­lun­gen auf­ge­zeigt wer­den.

Mit der Di­gi­ta­li­sie­rung ist ein Ent­wick­lungs­schub der Pro­duk­tiv­kraft der Ar­beit un­ter­wegs, der wahr­schein­lich um­fas­sen­de Verände­run­gen für den Klas­sen­kampf zur Fol­ge hat. Die Fra­ge ist, wie die­se Pro­duk­tiv­kraft­ent­wick­lung in den Ge­samt­zu­sam­men­hang ein­zu­ord­nen ist. Dass die Fra­ge­stel­lung weit über das Re­gie­rungs­pro­jekt „In­dus­trie 4.0“ hin­aus­geht, hat auch das wei­te Spek­trum der Beiträge der Mar­xis­ti­schen Blätter 3/2016 un­ter dem Ti­tel „Ar­beit 4.0“ ge­zeigt, z.B. der Bei­trag des er­fah­re­nen Ge­werk­schaf­ters und Ko-Vor­sit­zen­den der Par­tei „Die Lin­ke“, Bernd Ri­ex­in­ger.

1. Zum Charakter der „Digitalisierung“

Ar­beit, nach Marx „ein Pro­zess, wor­in der Mensch sei­nen Stoff­wech­sel mit der Na­tur durch sei­ne ei­ge­ne Tat ver­mit­telt, re­gelt und kon­trol­liert[2], wird durch die Di­gi­ta­li­sie­rung neu be­stimmt. Die Li­nie ist zu zie­hen von der Pro­duk­tiv­kraft­stei­ge­rung durch Zer­le­gung von Ar­beits­schrit­ten in der Ma­nu­fak­tur über die Ma­schi­ne und die „große In­dus­trie“[3], die Takt­s­traße so­wie die elek­tro­ni­sche Ma­schi­nen­steue­rung bis hin zur di­gi­ta­len Steue­rung des ge­sam­ten Pro­duk­ti­ons- und Ver­tei­lungs­ab­laufs von der Roh­stoff­ge­win­nung zum Kon­su­men­ten. Die Tren­nung von Hand- und Kopf­ar­beit wird auf eine neue Stu­fe ge­ho­ben durch die Zer­le­gung bis­he­ri­ger Be­triebs­lei­tungs- und tech­ni­scher Ent­wick­lungs­schrit­te, die da­durch zu­neh­mend au­to­ma­ti­sier­bar und in­dus­tria­li­sier­bar wer­den. Während die Ma­schi­ne zunächst das „De­tail­ge­schick“ des Hand­ar­bei­ters überflüssig mach­te[4], geht die Ent­wick­lung nun da­hin, dass das „De­tail­ge­schick“ des Kopf­ar­bei­ters im­mer mehr durch die Ma­schi­ne er­setzt wird. Marx zeig­te auf, wie die Ar­beits­ma­schi­ne die be­reits in der Ma­nu­fak­tur in Teil­funk­tio­nen zer­leg­ten Ar­beits­schrit­te über­nimmt und der Ma­schi­nen­ar­bei­ter dem Ar­beits­ab­lauf un­ter­wor­fen wird, der von der Ma­schi­ne vor­ge­ge­ben wird. Die Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kraft im Ka­pi­tal­verhält­nis be­freit den Ar­bei­ter nicht von ermüden­der Rou­ti­ne­ar­beit. Im Ka­pi­ta­lis­mus wird so nicht freie Zeit für die Ar­bei­ter­klas­se ge­schaf­fen, son­dern „dis­po­sa­ble time“ (engl. Verfügba­re Zeit), die das Ka­pi­tal ge­gen den Ar­bei­ter dis­po­niert. Er wird als In­dus­trie­ar­bei­ter zum Anhäng­sel der Ma­schi­ne. Ähn­lich wer­den heu­te Be­triebs­or­ga­ni­sa­ti­on und tech­ni­sche Ent­wick­lung in Teil­schrit­te zer­legt und di­gi­ta­li­sier­bar ge­macht. Nicht nur ein­fa­che Ar­bei­ter und An­ge­stell­te, auch Tech­ni­ker und Be­triebs­or­ga­ni­sa­to­ren wer­den den Ar­beits­abläufen un­ter­wor­fen, die vom Rech­ner bzw. sei­ner Soft­ware vor­ge­ge­be­nen sind.

Die elek­tro­ni­sche Da­ten­ver­ar­bei­tung, in den 1940er Jah­ren ent­wi­ckelt, durch­dringt das ge­sam­te Wirt­schafts­le­ben und alle Be­rei­che der Re­pro­duk­ti­on. Sie be­stimmt die Pro­duk­tiv­kraft­ent­wick­lung in prak­tisch al­len Be­rei­chen der Kon­sum- wie In­ves­ti­ti­onsgüter­wirt­schaft, auch außer­halb der Elek­tro­nik und der In­for­ma­ti­ons- und Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik. Das gilt in der Che­mie und im ge­sam­ten Ma­schi­nen­bau, in der in­dus­tri­el­len Pro­duk­ti­on wie in der Land­wirt­schaft, in Stand­ort­ent­wick­lung und im Trans­port-, Ver­kehrs- und Nach­rich­ten­we­sen, eben­so wie für For­schung und Aus­bil­dung. In­so­fern ist die Be­zeich­nung ei­ner neu­en in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on na­he­lie­gend, je­den­falls geht es um eine neue Pha­se des Ma­schi­nen­zeit­al­ters.

Die zen­tra­le Fra­ge zum Cha­rak­ter der ge­genwärti­gen Pro­duk­tiv­kraft­ent­wick­lung scheint zu sein: Ist die Ver­net­zung der be­reits di­gi­tal ge­steu­er­ten Din­ge „nur“ eine Er­wei­te­rung der be­ste­hen­den Tech­nik oder ist die di­gi­ta­le In­fra­struk­tur be­reits Grund­la­ge ei­ner neu­en Stu­fe der Ent­wick­lung, von der aus „sys­te­misch“ alle we­sent­li­chen wei­te­ren Ent­wick­lun­gen aus­ge­hen? Gibt es durch die Ver­bin­dung der ein­zel­nen be­trieb­li­chen Clus­ter CNC/DNC-Ma­schi­nen welt­weit zu­sam­men mit Dis­po­si­ti­on und Be­reit­stel­lung von Werk­stof­fen und Fer­tig­pro­duk­ten und de­ren Ver­tei­lung ei­nen Um­schlag von Quan­tität in Qua­lität?

Die Be­deu­tung die­ser zunächst sehr abs­trakt klin­gen­den Fra­ge kann man ab­se­hen, wenn man sich die Fol­gen der in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on im Gan­zen und in ih­ren Ab­schnit­ten (die oft eben­falls als in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­tio­nen be­zeich­net wer­den) an­sieht, be­son­ders im Über­gang in den Im­pe­ria­lis­mus um 1900.

Zur Dis­kus­si­on um den Cha­rak­ter der ge­genwärti­gen Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräfte kann glück­li­cher­wei­se auf die Ar­bei­ten der DDR-Wis­sen­schaft, be­son­ders aus der Schu­le von Jürgen Kuc­zyn­ski am In­sti­tut für Wirt­schafts­ge­schich­te (letz­te­res wird dar­ge­stellt in „jun­ge Welt“ vom 19.5.2016, S. 10) und am IPW zurück­ge­grif­fen wer­den, die z.T. von der BRD Wis­sen­schaft pla­gi­iert wur­den[5]. Erwähnens­wert sind be­son­ders zwei Wer­ke: Zum ei­nen die „Die Pro­duk­tiv­kräfte in der Ge­schich­te – Von den Anfängen in der Ur­ge­mein­schaft bis zum Be­ginn der in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on“, die un­ter Lei­tung von Wolf­gang Jo­nas von ihm, Va­len­ti­ne Lins­bau­er und Hel­ga Marx in den 60er Jah­ren er­ar­bei­tet wur­de. Zum an­de­ren sind un­ver­zicht­bar als Grund­la­ge der wis­sen­schaft­li­chen Ein­ord­nung der der­zei­ti­gen Pro­duk­tiv­kraft­ent­wick­lung die drei in Um­fang und In­halt ein­drucks­vol­len Bände „Ge­schich­te der Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräfte in Deutsch­land 1800 bis 1945“, in de­nen der Stand der For­schung un­ter dem Dach der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten der DDR fest­ge­hal­ten wur­de und de­ren zu­sam­men­fas­sen­de Einführun­gen Tho­mas Kuc­zyn­ski 1990 noch fer­tig­ge­stellt hat.

2. Geschwindigkeit der „Digitalisierung“

Der nächs­te Schritt der Di­gi­ta­li­sie­rung, die un­mit­tel­ba­re Steue­rung von phy­si­schen Sys­te­men un­ter­ein­an­der, d.h. Ma­schi­nen, Ver­kehrs­mit­teln oder Kon­sumgütern, wird häufig als der tech­ni­sche Kern des ge­genwärti­gen Pro­duk­tiv­kraft­schubs an­ge­se­hen. Das wird die Ar­beits­pro­zes­se stark verändern. Wie schnell wird sich die­se Ände­rung durch­set­zen? Das wird da­von abhängen, wie schnell die dazu not­wen­di­ge In­fra­struk­tur ge­schaf­fen wird. Be­steht die­se ein­mal, können sich die neu­en Pro­zes­se schnell durch­set­zen.

Der Präsi­dent der Fraun­ho­fer-Ge­sell­schaft Rai­mund Neu­ge­bau­er hat al­ler­dings im März 2016 dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die In­fra­struk­tur für den in­dus­tri­el­len Da­ten­raum über­haupt noch nicht be­steht[6]. Die Fraun­ho­fer-Ge­sell­schaft ist die staat­li­che Or­ga­ni­sa­ti­on der BRD, die die Trans­for­ma­ti­on wis­sen­schaft­li­cher For­schung in die Pri­vat­wirt­schaft gewähr­leis­ten soll, ein cha­rak­te­ris­ti­sches Ele­ment des ge­genwärti­gen staats­mo­no­po­lis­ti­schen Ka­pi­ta­lis­mus.

Bei­spie­le für die feh­len­de „In­fra­struk­tur des in­dus­tri­el­len Da­ten­raums“:

Es gibt kei­ne ver­bind­li­chen Stan­dards für die dafür not­wen­di­gen Da­ten­net­ze. We­der po­li­tisch noch recht­lich sind die ent­schei­den­den In­ter­es­sen geklärt. Der Streit um Staats- und da­durch Kon­kur­renz­zu­grif­fe auf Da­ten ist im Zu­sam­men­hang mit den NSA-An­grif­fen of­fen ge­wor­den zwi­schen den Macht­blöcken, in­ner­halb der EU, zwi­schen den Mo­no­po­len eben­so wie zwi­schen den Mo­no­po­len und dem auf die In­fra­struk­tur an­ge­wie­se­nen nicht­mo­no­po­lis­ti­schen Ka­pi­tal. Hier wird der Wi­der­spruch zwi­schen der ge­sell­schaft­li­chen Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kraft und der pri­va­ten An­eig­nung durch die ka­pi­ta­lis­ti­schen Ei­gentümer sicht­bar.

Die Tech­no­lo­gie für die not­wen­di­gen Da­ten­net­ze ist noch nicht voll ent­wi­ckelt. Die Ge­schwin­dig­keit zu­verlässi­ger Da­tenüber­tra­gung (La­tenz­zeit) z.B. von Bra­si­li­en nach Deutsch­land liegt noch bei über 80 Mil­li­se­kun­den. Nötig wäre max. 1 Mil­li­se­kun­de.

Lösun­gen zu die­sen Pro­blem­be­rei­chen gibt es noch nicht. Stan­dar­di­sie­rung und Zu­verlässig­keit sind aber Vor­be­din­gung der ge­plan­ten In­dus­tria­li­sie­rungs­schrit­te, d.h. Vor­be­din­gung für mas­sen­haf­te ein­heit­li­che An­wen­dung. Um in der Ent­wick­lung der In­fra­struk­tur ei­nen Vor­sprung vor dem US-geführ­ten Pro­jekt IIC (In­ter­na­tio­nal In­ter­net Con­sor­ti­um) zu be­kom­men, ha­ben sich die in der Di­gi­tal­wirt­schaft führen­den deut­schen Mo­no­po­le Sie­mens, Bosch, Te­le­kom und SAP mit der Fraun­ho­fer-Ge­sell­schaft zur Ent­wick­lung des RAMI (Rah­men­ar­chi­tek­tur­mo­dell-In­dus­trie­stan­dard) zu­sam­men­ge­schlos­sen. Es geht da­bei nicht um An­wen­dung von be­ste­hen­den For­schungs­er­geb­nis­sen, son­dern wich­ti­ge Ele­men­te der Ba­sis­tech­nik für das Da­ten­netz zur „Ver­net­zung der Din­ge“ müssen von der Wis­sen­schaft erst noch er­ar­bei­tet wer­den. Er­geb­nis­se sind eher in ei­nem 10-Jah­res- als in ei­nem 2-Jah­res­zeit­raum zu er­war­ten. Die ak­tu­el­le Durch­set­zung der be­ste­hen­den Da­ten­tech­nik geht da­bei wei­ter. Mit ei­nem Um­schlag von Quan­tität zu Qua­lität, ei­ner schub­wei­sen Durch­set­zung von Pro­duk­tiv­kraft­ent­wick­lung ist zu rech­nen, so­bald die In­fra­struk­tur ge­schaf­fen ist. Auch in die­ser Fra­ge, wann und wie schnell sich tech­ni­sche Umwälzun­gen durch­set­zen, ge­ben die oben erwähn­ten DDR-Quel­len wert­vol­le Hin­wei­se.

3. Entwicklung der kapitalistischen Konkurrenz und Rolle der Banken

Die Ent­wick­lung wird an­ge­trie­ben von der Kon­kur­renz der staats­mo­no­po­lis­tisch herr­schen­den Fi­nan­zo­lig­ar­chen. Wer zu spät und zu we­nig in­ves­tiert, ver­schwin­det vom Markt. Die Di­gi­talöko­no­mie ver­langt, wie jede neue Stu­fen­lei­ter der In­dus­tria­li­sie­rung, Ka­pi­ta­le neu­er Größen­ord­nung. Im Be­reich der Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­on und ih­rer An­wen­dungsmöglich­kei­ten ha­ben US-Kon­zer­ne Führungs­po­si­tio­nen über­nom­men. Zum Bei­spiel ha­ben App­le oder Goog­le größen­ord­nungsmäßig etwa den 10-fa­chen Börsen­wert von deut­schen Mo­no­po­len wie Sie­mens oder Daim­ler. Die Di­gi­ta­li­sie­rung schafft auch neue Abhängig­kei­ten. Bei­spiel: App­le pro­du­ziert selbst nicht, son­dern hat dazu die Tai­wan-Ge­sell­schaft Fox­conn hoch­ge­zo­gen, die in der VR Chi­na Be­trie­be mit ca. 1 Mil­li­on Ar­bei­tern hat. Der Spre­cher der Leit­kon­zer­ne der Di­gi­ta­li­sie­rung in Deutsch­land, Hen­ning Ka­ger­mann (bis 2009 Chef von SAP) sprach auf der Han­no­ver Mes­se 2016 un­ver­blümt aus, dass es bei „In­dus­trie 4.0“ auch um die Un­ter­ord­nung der „mit­telständi­schen“, d.h. nicht-mo­no­po­lis­ti­schen In­dus­trie un­ter die Leit­kon­zer­ne geht. Die Fra­ge, wer die Da­ten­ho­heit z.B. über die von ei­nem mit Sen­so­ren bestück­ten Auto hat, sei eine Macht­fra­ge.

Der hohe Ka­pi­tal­be­darf der Di­gi­talöko­no­mie hat zu tun mit den dort star­ken Ska­len­erträgen, d.h. hohe Fix­kos­ten für Soft­ware­ent­wick­lung und stark mit dem Um­fang der her­ge­stell­ten Men­ge sin­ken­de Stück­kos­ten. So ent­schei­det sich die Pro­fi­ta­bi­lität ei­ner Gründung erst, wenn sie zu­min­dest zeit­wei­se eine Mo­no­pol­stel­lung er­ringt. Bis da­hin muss ohne Pro­fit, we­gen des Ren­nens um die Mo­no­pol­stel­lung aber schnell und viel in­ves­tiert wer­den. Bei Er­folg gibt es hohe Ex­tra­pro­fi­te. So ge­nann­te Start-ups wer­den des­halb im Dut­zend fi­nan­ziert, um mit dem Er­folg ei­nes Über­le­ben­den den Ver­lust von zehn Flops aus­zu­glei­chen. Durch die­se verstärkt un­glei­che Ent­wick­lung ändert sich die Struk­tur der Großbank­wirt­schaft und ihre Ver­bin­dung zur In­dus­trie, da­mit also die Struk­tur der Fi­nan­zo­lig­ar­chie. So zie­hen z.B. Bosch und Sie­mens ei­ge­ne Start-ups hoch und über­neh­men da­mit wei­te­re Bank­funk­tio­nen.

Zur Un­ter­su­chung der Stra­te­gie un­se­res Haupt­fein­des, des deut­schen Im­pe­ria­lis­mus, wird zu fra­gen sein, wel­che Kon­se­quen­zen sich für die Stra­te­gi­en der deut­schen Mo­no­po­le durch die Ge­setzmäßig­kei­ten der Di­gi­talöko­no­mie er­ge­ben.

4. Entwicklung der Arbeiterklasse …

Mit der Tech­no­lo­gie verändern sich die Ar­beits­be­zie­hun­gen. Die Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on folgt dem von der Tech­nik vor­ge­ge­be­nen Pro­zess. Das Zu­sam­men­wir­ken der Beschäftig­ten in ei­ner Wertschöpfungs­ket­te bil­det eine mo­no­po­lis­ti­sche Abhängig­keits­struk­tur. Zum Bei­spiel bei BMW: Die Me­cha­tro­ni­ke­rin in der Werk­statt beim Au­tohänd­ler am Ende der Wertschöpfungs­ket­te und der Gal­va­nis­eur beim Klein­tei­le­zu­lie­fe­rer am An­fang der Ket­te sind letzt­lich abhängig von der Pro­fi­tak­ku­mu­la­ti­on bei BMW. Sie sind also kon­kret da­von abhängig, was die Ge­schwis­ter Ste­fan Quandt und Su­san­ne Klat­ten, die Mehr­heits­ei­gentümer des stärks­ten Glieds in der Ket­te, ent­schei­den. Die­se mo­no­po­lis­ti­sche Abhängig­keits­struk­tur wird durch die Di­gi­ta­li­sie­rung verstärkt. Zum Bei­spiel der kon­kre­te Ser­vice­auf­trag der Me­cha­tro­ni­ke­rin wird in Zu­kunft di­rekt vom BMW Zen­t­ral­da­ten­netz kom­men, mit dem das Auto des Kun­den fest ver­bun­den ist. Die Di­gi­ta­li­sie­rung be­stimmt die neue Art der Ar­beits­tei­lung, die auf der lo­gi­schen Zer­le­gung (Di­gi­ta­li­sie­rung) von Ar­beits­schrit­ten be­ruht, auch von Tätig­kei­ten, die bis­her der Steue­rungs-, Ent­wick­lungs- und Lei­tungs­ar­beit vor­be­hal­ten wa­ren. Schlag­wor­te dazu sind Crowd­sour­cing – Teil­ar­bei­ten wer­den im Netz aus­ge­schrie­ben – und Cloud­wor­king – Ar­beits­grup­pen wer­den im Netz ge­bil­det, mögli­cher­wei­se ohne sich je­mals im glei­chen Zim­mer zu tref­fen. Kon­kret zu un­ter­su­chen ist, wel­che Ar­beitsplätze sich im lau­fen­den Pro­zess der Di­gi­ta­li­sie­rung wie verändern, wel­che weg­fal­len und wel­che neu ent­ste­hen und wo. Da­bei muss die Zu­sam­men­ar­beit für die klein­tei­lig zer­leg­ten „Tasks“ ört­lich, zeit­lich und in­halt­lich nicht zu­sam­menhängen[7]. Es ist aber wei­ter das Ka­pi­tal, wel­ches das Pro­le­ta­ri­at „an sich“ or­ga­ni­siert, schult und dis­zi­pli­niert[8], am Bild­schirm wie in der Fa­brik­hal­le. Das In­dus­trie­pro­le­ta­ri­at, der Kern der Ar­bei­ter­klas­se, verändert sich auch in Deutsch­land. Aus­bil­dung, Ar­beit und Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on ha­ben sich für vie­le schon geändert. Die Zahl der di­rekt vom Großka­pi­tal or­ga­ni­sier­ten Beschäftig­ten in der (oben im Bei­spiel BMW be­schrie­be­nen) mo­no­po­lis­ti­schen Abhängig­keits­ket­te nimmt zu, sie­he dazu auch die Be­mer­kun­gen zur Ent­wick­lung der Zwi­schen­schich­ten im fol­gen­den Ab­schnitt. Bei der Fra­ge zur Ent­wick­lung der Ar­bei­ter­klas­se wird man da­her da­von aus­ge­hen können, dass sie größer und nicht klei­ner wird, al­ler­dings in ei­ner sich ändern­den Zu­sam­men­set­zung, die wir be­reits jetzt lau­fend ver­fol­gen.

Die ideo­lo­gi­sche und or­ga­ni­sa­to­ri­sche Stärke der ge­werk­schaft­li­chen Or­ga­ni­sa­ti­on wird ent­schei­den, in­wie­weit die Las­ten der kom­men­den „Ra­tio­na­li­sie­rungs­wel­le“ auf die Ar­bei­ter­klas­se ab­ge­la­den wer­den können. Die­se Stärke wird wie bis­her abhängen vom Kräfte­verhält­nis der klas­sen­be­wuss­ten Kräfte ge­gen die Klas­sen­versöhnungs­kräfte, die in Deutsch­land vor al­lem durch die Ver­bin­dung der SPD-Führung mit Be­triebsräten der Großin­dus­trie noch stark sind. Sicht­bar wird das der­zeit in den ver­schie­de­nen In­itia­ti­ven des Ka­pi­tals, un­se­re Ge­werk­schaf­ten in der Art der „Agen­da“ in das Re­gie­rungs­pro­jekt „In­dus­trie 4.0“ ein­zu­bin­den. Der ent­spre­chen­de Ein­fluss der Fi­nan­zo­lig­ar­chie hat aber mit der Agen­da-2010-Po­li­tik die he­ge­mo­nia­le ideo­lo­gi­sche Ein­bin­dungs­kraft der SPD über­spannt und zur Ent­ste­hung der Par­tei „Die Lin­ke“ geführt. Auch dort wird natürlich der Kampf der Fi­nan­zo­lig­ar­chie um Ein­fluss auch in der Di­gi­ta­li­sie­rungs­fra­ge sicht­bar. Das Kräfte­verhält­nis Klas­sen­be­wuss­te zu Klas­sen­versöhn­lern wird sich im Pro­zess der schritt­wei­sen Neu­for­mie­rung der Ar­bei­ter­klas­se durch die Di­gi­ta­li­sie­rung neu bil­den. In der Tech­nik der Di­gi­ta­li­sie­rung ist auf der ei­nen Sei­te die in­halt­li­che und ört­li­che Zer­le­gung der Ar­beits­schrit­te an­ge­legt und da­durch eine Ten­denz zur Zer­split­te­rung der Ar­bei­ter­klas­se. An­de­rer­seits bringt die Di­gi­ta­li­sie­rung Ver­net­zung auch für die in ihr Ar­bei­ten­den und da­durch die Ten­denz zum Zu­sam­men­schluss. Ohne die Her­stel­lung der in­ter­na­tio­na­len Ar­bei­ter­ein­heit in un­se­ren Ge­werk­schaf­ten kann die seit den 80er Jah­ren an­hal­ten­de Ten­denz zur Zer­split­te­rung der Ar­bei­ter­klas­se nicht auf­ge­hal­ten wer­den.

Die Fra­ge­stel­lung nach ent­spre­chen­den Kampf- und Or­ga­ni­sa­ti­ons­for­men liegt auf der Hand. Ers­te Ant­wor­ten bzw. Er­fol­ge sind zu be­ob­ach­ten. Ent­schei­dend wird aber die Fra­ge nach der Per­spek­ti­ve: Wie kann in der Her­aus­bil­dung der Ar­bei­ter­ein­heit die kom­mu­nis­ti­sche Par­tei ideo­lo­gisch he­ge­mo­ni­al wer­den? Wie kann es ihr als Vorkämp­fer der Ar­bei­ter­ein­heit ge­lin­gen, deut­lich zu ma­chen, dass wir aus dem schein­bar end­lo­sen De­fen­siv­kampf her­aus­kom­men können, weil die ka­pi­ta­lis­ti­sche Ver­ge­sell­schaf­tung der Pro­duk­tiv­kräfte alle Vor­aus­set­zun­gen für den Über­gang zu ei­ner „ra­tio­nel­len Re­ge­lung des Stoff­wech­sels mit der Na­tur[9], d.h. zum So­zia­lis­mus ge­schaf­fen hat?

5. … und die Entwicklung der Zwischenschichten

Die al­ten Zwi­schen­schich­ten, Händ­ler, Hand­wer­ker und selbständi­ge Aka­de­mi­ker wer­den durch die Di­gi­talöko­no­mie wei­ter re­du­ziert, ver­schwin­den oder wer­den – als „Fre­e­lan­cer“, Schein­selbstständi­ge, – Teil ei­ner mo­no­po­lis­ti­schen Abhängig­keits­ket­te. Das gilt auch für die Land­wirt­schaft. Die­ser Vor­gang der ob­jek­ti­ven Pro­le­ta­ri­sie­rungs­ten­denz ist in sei­ner ers­ten Wel­le im 19. Jahr­hun­dert, in sei­ner zwei­ten Wel­le im 20. Jahr­hun­dert mit den ent­spre­chen­den Pha­sen der in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on be­kannt, muss aber den heu­ti­gen kon­kre­ten Zu­sam­menhängen und Quan­titäten ent­spre­chend be­grif­fen wer­den. Dazu kommt, dass die neue­ren Zwi­schen­schich­ten des 20. Jahr­hun­derts, die in größerem Um­fang bei der Tren­nung von Ei­gen­tum und Be­triebs­lei­tung im Im­pe­ria­lis­mus ent­stan­den sind, In­ge­nieu­re (Ent­wick­lungs­funk­tio­nen) und Ma­na­ger al­ler Art (Lei­tungs- und Or­ga­ni­sa­ti­ons­funk­tio­nen), durch die Di­gi­ta­li­sie­rung zu­neh­mend de­qua­li­fi­ziert und überflüssig ge­macht wer­den. Mit der neu­en Be­triebs­wei­se ent­ste­hen aber auch neue Ent­wick­lungs- und Lei­tungs­funk­tio­nen und da­mit auch neue pri­vi­le­gier­te Schich­ten.

6. Rolle von Recht, Kultur und Politik – Rolle des Staates

Die Ent­wick­lung von Recht, Kul­tur und Po­li­tik wird im Im­pe­ria­lis­mus stark vom Rin­gen der Haupt­klas­sen um Ein­fluss auf die Zwi­schen­schich­ten und darüber hin­aus auf die Ränder der Ge­gen­klas­sen be­stimmt. Mit den Verände­run­gen, mit de­nen bei den Haupt­klas­sen zu rech­nen ist, ist auch mit Verände­run­gen im Über­bau der Ge­sell­schaft, im Klas­sen­kampf, zu rech­nen.

Zu se­hen ist be­reits, dass die erwähn­ten neu ent­ste­hen­den „Di­gi­talz­wi­schen­schich­ten“ hoch­qua­li­fi­zier­ter Ent­wick­ler und Ma­na­ger von der so­zi­al- und de­mo­kra­tie­feind­li­chen Ideo­lo­gie der Di­gi­tal­mo­no­po­le wie Goog­le, Face­book oder Ama­zon be­ein­flusst wer­den[10]. Der Aus­le­se­pro­zess der Start-ups der Di­gi­talöko­no­mie, ein Über­le­ben­der auf Zehn oder Zwan­zig, erhält Vor­bild­cha­rak­ter im Sinn des So­zi­al­dar­wi­nis­mus. Da­mit können Ver­tei­di­ger der von der Ar­bei­ter­klas­se erkämpf­ten so­zia­len und po­li­ti­schen Rech­te als „Ver­lie­rer­ty­pen“ aus­ge­grenzt wer­den.

Die wei­te­re Ent­wick­lung staats­mo­no­po­lis­ti­scher Ele­men­te wird in Deutsch­land sicht­bar durch das Pro­jekt „In­dus­trie 4.0“ und sei­ne Pro­pa­gan­da nach dem Vor­bild der Agen­da 2010.

Da­bei wer­den die fol­gen­den The­men eine Rol­le spie­len:

a. Zu­neh­mend di­rek­ter Ein­be­zug von Wis­sen­schaft und Aus­bil­dung in den lau­fen­den Pro­zess der Di­gi­ta­li­sie­rung der be­ste­hen­den Wirt­schaft.

b. Fi­nan­zie­rung von Ent­wick­lung und In­fra­struk­tur: Hier be­steht die Kon­kur­renz der Mo­no­po­le z.B. in der Fra­ge der Sub­ven­tio­nie­rung von E-Au­tos.

c. Re­gu­lie­rung der an­ge­spro­che­nen Wi­dersprüche im In­ne­ren, zwi­schen den Mo­no­po­len, zwi­schen Mo­no­po­len und nicht­mo­no­po­lis­ti­schen Ka­pi­ta­lis­ten, Zwi­schen­schich­ten und Ar­bei­ter­klas­se.

d. Auf­stel­lung in der in­ter­na­tio­na­len Kon­kur­renz: Di­gi­ta­li­sier­te Pro­duk­ti­on und Ver­tei­lung schafft neue Abhängig­kei­ten zwi­schen Ländern, zwi­schen den Großmäch­ten eben­so wie ge­genüber abhängi­gen Ländern. Im deut­schen Im­pe­ria­lis­mus gibt es dazu auch nach 1990 und der Auflösung der Nach­kriegs­ord­nung wei­ter zwei stra­te­gi­sche Haupt­ten­den­zen, die sich in der Ta­ges­po­li­tik oft tak­tisch über­schnei­den, wie in der Russ­land/Ukrai­ne-Fra­ge. Stra­te­gisch ori­en­tie­ren die „Trans­at­lan­ti­ker“ auf eine Ju­ni­or­po­si­ti­on hin­ter den USA, die in der Ent­wick­lung der Di­gi­talöko­no­mie führend sind, seit sie nach 1945 die Ent­wick­lung der IT do­mi­niert und kon­trol­liert ha­ben, während die „Eu­ropäer“ durch Un­ter­ord­nung der EU eine von den USA un­abhängi­ge di­gi­ta­le In­fra­struk­tur ent­wi­ckeln wol­len. Die Ent­schei­dung von VW, Daim­ler und BMW, die es­sen­ti­el­le Soft­ware für das fah­rer­lo­se Fah­ren, das Land­kar­ten­sys­tem, nicht von Goog­le zu über­neh­men, son­dern ge­mein­sam ei­nen Kar­ten­dienst zu kau­fen, zeigt eine Verstärkung der „eu­ropäischen Li­nie“ an. Eben­so, dass Daim­ler und BMW die Ver­hand­lun­gen mit App­le über eine Ko­ope­ra­ti­on ab­ge­bro­chen ha­ben, nach­dem App­le auf die Da­ten­ho­heit nicht ver­zich­ten woll­te. Die Rich­tung der Ge­samt­stra­te­gie wird letzt­lich, wenn auch in po­li­ti­schen Kämp­fen und mögli­cher­wei­se wech­seln­den Bünd­nis­sen, durch die Stra­te­gie der Ein­zel­kon­zer­ne ent­spre­chend ih­rer Stärke an­ge­ge­ben.

Das Re­gie­rungs­pro­jekt „In­dus­trie 4.0.“ ist aus­drück­lich dazu da, zu ver­hin­dern, dass die in Pro­duk­ti­ons­tech­nik führen­de deut­sche In­dus­trie zur Werk­bank, zum „Fox­conn“ der US-In­dus­trie wird. Der Vor­sprung in der Tech­no­lo­gie der elek­tro­ni­schen Ma­schi­nen­steue­rung soll ge­hal­ten und aus­ge­baut wer­den. Der deut­sche EU-Di­gi­tal­kom­mis­sar Oet­tin­ger setzt die „Di­gi­tal­uni­on“ auf die Ta­ges­ord­nung der EU, um eine von den USA un­abhängi­ge Netz-In­fra­struk­tur un­ter deut­scher Führung im Bünd­nis mit dem französi­schen Im­pe­ria­lis­mus durch­zu­set­zen.

e. Rüstung: Aus dem oben ge­sag­ten, der Ent­wick­lung der Wi­dersprüche im ge­genwärti­gen staats­mo­no­po­lis­ti­schen Ka­pi­ta­lis­mus, er­gibt sich die zen­tra­le Be­deu­tung der Rüstung. Da­ten­ho­heit ist eine Macht­fra­ge, Macht­fra­gen sind Fra­gen letzt­lich der mi­litäri­schen Stärke, zunächst des mi­litäri­schen Po­ten­ti­als. Die NSA-Dis­kus­si­on hat ge­zeigt, dass hier­bei die Di­gi­ta­li­sie­rung eine we­sent­li­che Rol­le spielt. Nach der Tren­nung der Cy­ber­spar­te von Air­bus fin­det in Deutsch­land auch in die­ser Rich­tung ein Um­bau der Rüstungs­in­dus­trie statt im Zu­sam­men­hang mit der Ent­wick­lung des Kräfte­verhält­nis­ses zwi­schen den Großmäch­ten (NATO/EU-Ar­mee). Da­bei ist die für ei­nen drit­ten An­lauf zur Welt­macht dies­mal bes­ser ver­deck­te Ag­gres­si­vität des deut­schen Im­pe­ria­lis­mus und sei­ne hohe Or­ga­ni­sa­ti­on in Verbänden und an­de­ren Macht­zir­keln zu berück­sich­ti­gen.

7. Durch Produktivkraft­entwicklung aus der Krise?

Der deut­sche Im­pe­ria­lis­mus steckt, wie sei­ne Kon­kur­ren­ten, in der Kri­se. Die etwa 10-jähri­gen zy­kli­schen Kri­sen seit 1958 wur­den von Mal zu Mal tie­fer. Seit 2007 folgt auf die Kri­se nur noch eine Be­le­bung, ohne ech­ten Auf­schwung. Rie­sen­ge­win­ne wer­den nicht in Pro­duk­ti­ons­er­wei­te­rung in­ves­tiert. Das Markt­pro­blem des deut­schen Im­pe­ria­lis­mus, der Man­gel an kauf­kräfti­ger Nach­fra­ge, war eine Zeit­lang vom star­ken Wachs­tum in Chi­na übertüncht wor­den. Re­la­tiv zur Aus­wei­tung der Märkte ist, wie in je­dem ka­pi­ta­lis­ti­schen Zy­klus zu viel Ka­pi­tal ak­ku­mu­liert wor­den. Die mas­sen­haf­te Er­neue­rung des fi­xen Ka­pi­tals (Ma­schi­nen und An­la­gen), Vor­aus­set­zung für ei­nen zy­kli­schen Auf­schwung, bleibt aber man­gels neu­er Ab­satzmöglich­kei­ten aus. Wie im vo­ri­gen Ab­schnitt an­ge­spro­chen, soll nun der Staat als „ide­el­ler Ge­samt­ka­pi­ta­list“, d.h. re­la­tiv un­abhängig von den Ein­zel­in­ter­es­sen der Mo­no­po­le, ei­nen Aus­weg aus der Kri­se fin­den. Um die Aus­wahl der Mit­tel geht der po­li­ti­sche Kampf zwi­schen den Mo­no­po­len, wor­aus sich tak­ti­sche Möglich­kei­ten der or­ga­ni­sier­ten Ar­bei­ter­klas­se er­ge­ben.

Wenn nun durch Staats­ein­grif­fe mas­siv in di­gi­ta­le In­fra­struk­tur in­ves­tiert wird, um die Nach­fra­ge­schwäche aus­zu­glei­chen, wird die oben an­ge­spro­che­ne Ra­tio­na­li­sie­rungs­wel­le be­schleu­nigt. Das Er­geb­nis wäre, wie nach der Ra­tio­na­li­sie­rungs­wel­le der 20er Jah­re, eine höhere Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zität mit we­ni­ger Nach­fra­ge nach Ar­beits­kraft, we­ni­ger Lohn­sum­me, an der die Nach­fra­ge nach Kon­sumgütern hängt – al­les in al­lem also eine Verschärfung der der­zei­ti­gen Kri­sen­si­tua­ti­on, auf die wir Ant­wor­ten fin­den müssen.

Ste­phan Müller

Anmerkungen:
  1. O. Harms (2016): Herausforderungen für die Arbeiterbewegung. DKP-Informationen 3/2016, S. 9.
  2. Karl Marx, Das Kapital, Band 1, MEW 23, S. 192.
  3. Ebd., S. 331 ff.
  4. Ebd., S. 442, 446.
  5. Wikipedia-Eintrag „Wolfgang Jonas“.
  6. Interview mit Raimund Neugebauer, Handelsblatt, 14.03.2016, S.16.
  7. A. Boes et al. (2016): „Digitalisierung und ‚Wissensarbeit‘“, Aus Politik und Zeitgeschichte, 18-19/2016.
  8. MEW 23, S. 790-791.
  9. Karl Marx, Das Kapital, Band 3, MEW 25, S. 828.
  10. Interessant dazu z.B. Th. Wagner (2015): Robokratie. Google, das Silicon Valley und der Mensch als Auslaufmodell, Köln

KAZ Nr. 356, September 2016

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Olaf Harms rechnet zu Recht den Komplex „Digitalisierung der Arbeit“ zu den Themen, die die Arbeiterbewegung für eine längere Zeit vor Herausforderungen stellen wird und fordert auf, Grundpositionen dazu zu bestimmen [1]. Die folgenden Überlegungen sollen dazu beitragen, entsprechende Fragestellungen zu entwickeln – im Anschluss an die Diskussion gegen die Thesen vom Zusammenbruch des Kapitalismus, „dem die Arbeit ausgeht“ (zuletzt in T&P 38) und die folgende Diskussion im April zur „Allgemeinen Krise“ im Rahmen der Marx-Engels-Stiftung (im MEZ, Berlin). Einigkeit besteht, dass mit der Digitalisierung ein Entwicklungsschub der Produktivkraft der Arbeit unterwegs ist, der umfassende Veränderungen für den Klassenkampf zur Folge hat. Die Frage ist, wie diese Produktivkraftentwicklung in den Gesamtzusammenhang einzuordnen ist. Dass die Fragestellung weit über das Regierungsprojekt „Industrie 4.0“ hinausgeht, hat das weite Spektrum der Beiträge der Marxistischen Blätter 3/2016 unter dem Titel „Arbeit 4.0“ gezeigt.

Charakter, Umfang und Geschwindigkeit der Digitalisierung

Arbeit, nach Marx „ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt regelt und kontrolliert“ [2], wird neu bestimmt. Die Linie ist zu ziehen von der Produktivkraftsteigerung durch Zerlegung von Arbeitsschritten in der Manufaktur über die Maschine und die „großen Industrie“ [3], die Taktstraße sowie der elektronischen Maschinensteuerung bis hin zur digitalen Steuerung des gesamtem Produktions- und Verteilungsablaufs von der Rohstoffgewinnung zum Konsumenten. Die Trennung von Hand- und Kopfarbeit wird auf eine neue Stufe gehoben durch die Zerlegung bisheriger Betriebsleitungs- und technischer Entwicklungsschritte, die dadurch zunehmend automatisierbar und industrialisierbar werden. Während die Maschine zunächst das „Detailgeschick“ des Handwerkers überflüssig machte [4], geht die Entwicklung nun dahin, dass das „Detailgeschick“ des Kopfarbeiters immer mehr durch die Maschine ersetzt wird.

Die elektronische Datenverarbeitung, in den 1940er Jahren entwickelt, durchdringt das gesamte Wirtschaftsleben und alle Bereiche der Reproduktion. Sie bestimmt auch die Entwicklung anderer Produktivkraftentwicklungen, z.B. in der Chemie. Insofern ist die Bezeichnung einer neuen industriellen Revolution naheliegend, jedenfalls geht es um eine neue Phase des Maschinenzeitalters [5]. Wie schnell wird der nächste Schritt kommen: die unmittelbaren Steuerung von physischen Systemen untereinander, d.h. Maschinen, Verkehrsmitteln oder Konsumgütern? Dazu hat der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft im März darauf hingewiesen, dass die Infrastruktur für den industriellen Datenraum noch nicht besteht [6]. Beispiele: Es gibt keine verbindlichen Standards für Datennetze. Der Streit um Staats- und dadurch Konkurrenzzugriffe auf Daten ist im Zusammenhang mit den NSA-Skandalen offen geworden. Die Geschwindigkeit zuverlässiger Datenübertragung, z.B. von Brasilien nach Deutschland, liegt noch bei über 80 Millisekunden. Nötig wäre max. 1 ms. Lösungen zu diesen Problembereichen (Standardisierung und Zuverlässigkeit, Vorbedingungen von Industrialisierungsschritten) gibt es noch nicht. Um in der Infrastruktur einen Vorsprung vor dem US-geführten Projekt IIC (International Internet Consortium) zu bekommen, haben Siemens, Bosch, Telekom und SAP sich mit der Fraunhofer-Gesellschaft zur Entwicklung des RAMI (Rahmenarchitekturmodell-Industriestandard) zusammengeschlossen. Ergebnisse sind eher in einem 10-Jahres- als in einem 2-Jahreszeitraum zu erwarten.

Entwicklung der kapitalistischen Konkurrenz und Rolle der Banken

Die Entwicklung wird angetrieben von der Konkurrenz der staatsmonopolistisch herrschenden Finanzoligarchen. Wer zu spät und zu wenig investiert, wird vom Markt verschwinden. Die Digitalökonomie verlangt, wie jede neue Stufenleiter der Industrialisierung, Kapitale neuer Größenordnung. Apple oder Google haben etwa den 10-fachen Börsenwert von deutschen Monopolen wie Siemens oder Daimler. Die Digitalisierung schafft auch neue Abhängigkeiten. Beispiel: Apple produziert selbst nicht, sondern hat dazu die Taiwan-Gesellschaft Foxconn hochgezogen, die in der VR China Betriebe mit ca. 1 Million Arbeitern hat. Der Sprecher der Leitkonzerne der Digitalisierung in Deutschland, Henning Kagermann (bis 2009 Chef von SAP) sprach auf der Hannover Messe 2016 unverblümt aus, dass es bei „Industrie 4.0“ auch um die Unterordnung der „mittelständischen“, d.h. nicht-monopolistischen Industrie unter die Leitkonzerne geht. Die Frage, wer die Datenhoheit z.B. über die von einem mit Sensoren bestückten Auto hat, sei eine Machtfrage.

Der hohe Kapitalbedarf der Digitalökonomie hat zu tun mit den dort starken Skalenerträgen, d.h. hohe Fixkosten für Softwareentwicklung und stark mit der Größe sinkende Stückkosten. So entscheidet sich die Profitabilität einer Gründung erst, wenn sie zumindest zeitweise eine Monopolstellung erringt. Bis dahin muss ohne Profit investiert werden. Bei Erfolg gibt es hohe Extraprofite. Sog. Start ups werden deshalb im Dutzend finanziert, um mit dem Erfolg eines Überlebenden den Verlust von zehn Flops auszugleichen. Durch diese verstärkt ungleiche Entwicklung ändern sich die Struktur der Großbankwirtschaft und ihre Verbindung zur Industrie, damit also die Struktur der Finanzoligarchie. So ziehen z.B. Bosch und Siemens eigene Start-ups hoch und übernehmen damit Bankfunktionen.

Entwicklung der Arbeiterklasse und der Zwischenschichten

Mit der Technologie verändern sich die Arbeitsbeziehungen. Die Arbeitsorganisation folgt dem digitalen Prozess. Das Zusammenwirken der Beschäftigten eines Kapitalisten bzw. einer monopolistischen Abhängigkeitsstruktur wird durch die neue Art der Arbeitsteilung bestimmt, die auf der logischen Zerlegung (Digitalisierung) von bisher der Steuerungs-, Entwicklungs- und Leitungsarbeit vorbehaltenen Arbeiten beruht – bis hin zu Crowdsourcing und Cloudworking. Zu untersuchen ist, welche Arbeitsplätze im laufenden Prozess der Digitalisierung wo wegfallen und wo welche neu entstehen, aber auch, dass die Zusammenarbeit für die kleinteilig zerlegten „Tasks“ örtlich, zeitlich und inhaltlich nicht zusammenhängen muss [7]. Es ist aber weiter das Kapital, welches das Proletariat „an sich“ organisiert, schult und diszipliniert [8], am Bildschirm wie in der Fabrikhalle.

Die ideologische und organisatorische Stärke der gewerkschaftlichen Organisation wird entscheiden, inwieweit die Lasten der kommenden „Rationalisierungswelle“ auf die Arbeiterklasse abgeladen werden können. Diese Stärke wird wie bisher abhängen vom Kräfteverhältnis der klassenbewussten Kräfte gegen die Klassenversöhnungskräfte, die in Deutschland durch die Verbindung der SPD-Führung mit Betriebsräten der Großindustrie noch stark sind. Der entsprechende Einfluss der Finanzoligarchie hat mit der Agendapolitik, die ebenfalls im Zusammenhang der Produktivkraftentwicklung zu sehen ist, die hegemoniale Einbindungskraft der SPD überspannt und zur Entstehung der Partei „Die Linke“ geführt. Das Kräfteverhältnis wird sich im Prozess der schrittweisen Neuformierung der Arbeiterklasse durch die Digitalisierung bilden. Die kommunistische Partei kann in der Arbeitereinheit hegemonial werden, wenn es ihr gelingt, deutlich zu machen, dass die kapitalistische Vergesellschaftung der Produktivkräfte alle Voraussetzungen für den Übergang zu einer „rationellen Regelung des Stoffwechsels mit der Natur“ [9], d.h. zum Sozialismus geschaffen hat.

Die alten Zwischenschichten, Händler, Handwerker und selbständige Akademiker werden weiter reduziert, verschwinden oder werden – als „Freelancer“ – Teil einer monopolistischen Abhängigkeitskette. Die neueren Zwischenschichten des 20. Jahrhunderts, die aus der Trennung von Eigentum und Betriebsleitung im Imperialismus entstanden sind, Ingenieure und Manager, werden durch die Digitalisierung zunehmend dequalifiziert. Mit der neuen Betriebsweise entstehen aber auch neue Entwicklungs- und Leitungsfunktionen und damit auch neue privilegierte Schichten.

Rolle von Recht, Kultur und Politik – Rolle des Staates

Die Entwicklung von Recht, Kultur und Politik wird im Imperialismus stark vom Ringen der Hauptklassen um Einfluss auf die Zwischenschichten und darüber hinaus auf die Ränder der Gegenklassen bestimmt. Zu sehen ist bereits, dass die erwähnten neu enstehenden „Digitalzwischenschichten“ hochqualifizierter Entwickler und Manager von der sozial- und demokratiefeindlichen Ideologie der Digitalmonopole wie Google, Facebook oder Amazon beeinflusst werden [10]. Die weitere Entwicklung staatsmonopolistischer Elemente wird in Deutschland sichtbar durch das Projekt „Industrie 4.0“. Der Staat soll in der Konkurrenz der führenden Monopole die Digitalentwicklung absichern durch:

  1. Zunehmend direkten Einbezug von Wissenschaft und Ausbildung in den laufenden Prozess der Digitalisierung der bestehenden Wirtschaft.
  2. Finanzierung von Entwicklung und Infrastruktur: Hier besteht die Konkurrenz der Monopole z.B. in der Frage der Subventionierung von E-Autos.
  3. Regulierung der angesprochenen Widersprüche im Inneren, zwischen den Monopolen, zwischen Monopolen und nichtmonopolistischen Kapitalisten, Zwischenschichten und Arbeiterklasse.
  4. Aufstellung in der internationalen Konkurrenz: Digitalisierte Produktion und Verteilung schafft neue Abhängigkeiten zwischen Ländern, zwischen den Großmächten ebenso wie gegenüber abhängigen Ländern. In Deutschland gibt es dazu auch nach 1990 und der Auflösung der Nachkriegsordnung weiter zwei strategische Haupttendenzen, die sich in der Tagespolitik oft taktisch überschneiden, wie in der Russland/Ukraine-Frage. Strategisch orientieren die „Transatlantiker“ auf eine Juniorposition hinter den USA, die in der Entwicklung der Digitalökonomie führend sind, seit sie nach 1945 die Entwicklung der IT dominiert und kontrolliert haben, während die „Europäer“ durch Unterordnung der EU eine von den USA unabhängige digitale Infrastruktur entwickeln wollen. Die Entscheidung von VW, Daimler und BMW, die essentielle Software für das fahrerlose Fahren, das Landkartensystem, nicht von Google zu übernehmen, sondern gemeinsam einen Kartendienst zu kaufen, zeigt an, dass die Richtung letztlich durch die Strategie der Einzelkonzerne angegeben wird; ebenso, dass Daimler und BMW die Verhandlungen mit Apple über eine Kooperation abgebrochen haben, nachdem Apple auf die Datenhoheit nicht verzichten wollte. Das Regierungsprojekt „Industrie 4.0.“ ist ausdrücklich dazu da, zu verhindern, dass die in Produktionstechnik führende deutsche Industrie zur Werkbank, zum „Foxconn“ der US-Industrie wird. Der Vorsprung in der Technologie der elektronischen Maschinensteuerung soll gehalten und ausgebaut werden. Der deutsche EU-Digitalkommissar Oettinger setzt die „Digitalunion“ auf die Tagesordnung.
  5. Rüstung: Datenhoheit ist eine Machtfrage, Machtfragen sind Fragen letztlich der militärischen Stärke, zunächst des militärischen Potentials. Die NSA-Diskussion hat gezeigt, dass hierbei die Digitalisierung eine wesentliche Rolle spielt. Nach der Trennung der Cybersparte von Airbus wird in Deutschland an einem neuen cyber-militärisch-industriellen Komplex gebaut, im Zusammenhang mit der Entwicklung des Kräfteverhältnisses zwischen den Großmächten (NATO/EU-Armee). Dabei ist die zum dritten Mal entwickelte, diesmal besser verdeckte Aggressivität des deutschen Imperialismus und seine hohe Organisation in Verbänden und anderen Machtzirkeln zu berücksichtigen.

Durch Produktivkraftentwicklung aus der Krise?

Der deutsche Imperialismus steckt, wie seine Konkurrenten, in der Krise. Die etwa 10-jährigen zyklischen Krisen seit 1958 wurden von Mal zu Mal tiefer. Seit 2007 folgt auf die Krise nur noch eine Belebung, ohne echten Aufschwung. Riesengewinne werden nicht in Produktionserweiterung investiert. Das Marktproblem des deutschen Imperialismus, der Mangel an kaufkräftiger Nachfrage, war eine Zeitlang vom starken Wachstum in China übertüncht worden. Relativ zur Ausweitung der Märkte ist zu viel Kapital akkumuliert worden. Die massenhafte Erneuerung des fixen Kapitals (Maschinen und Anlagen), Voraussetzung für einen zyklischen Aufschwung, bleibt aus.

Wenn nun durch Staatseingriffe massiv in digitale Infrastruktur investiert wird, um die Nachfrageschwäche auszugleichen, wird die oben angesprochene Rationalisierungswelle beschleunigt. Das Ergebnis wäre, wie nach der Rationalisierungswelle der 20er Jahre, eine höhere Produktionskapazität mit weniger Nachfrage nach Arbeitskraft, weniger Lohnsumme, an der die Nachfrage nach Konsumgütern hängt – alles in allem also eine Verschärfung der derzeitigen Krisensituation, auf die wir uns einstellen müssen.

 

Quellen und Anmerkungen:

[1] O. Harms (2016): Herausforderungen für die Arbeiterbewerung. DKP-Informationen 3/2016, S. 9.
[2] MEW 23, S. 192.
[3] Ebd., S. 331 ff.
[4] Ebd., S. 442, 446.
[5] Zur Diskussion um den Charakter der gegenwärtigen Entwicklung der Produktivkräfte kann auf die Arbeiten der DDR-Wissenschaft, besonders aus der Schule von Jürgen Kuczynski am Inst. f. Wirtschaftsgeschichte (vgl. jW vom 19.5.2016, S. 10) und am IPW zurückgegriffen werden, die z.T. von der BRD Wissenschaft plagiiert wurden (s. Wikipediaeintrag „Wolfgang Jonas“).
[6] Interview mit Raimund Neugebauer, Handelsblatt, 14.03.2016, S. 16.
[7] A. Boes et al. (2016): „Digitalisierung und ‚Wissensarbeit‘“, Aus Politik und Zeitgeschichte, 18-19/2016.
[8] MEW 23, S. 790-791.
[9] MEW 25, S. 828.
[10] Interessant dazu z.B. Th. Wagner (2015): Robotokratie. Google, das Silicon Valley und der Mensch als Auslaufmodell, Köln.

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MEZ 17.10.2015 Seminar: Geht dem Kapitalismus die wertbildende Arbeit aus?

Referat von Stephan Müller

 

Vie­len Dank für das In­ter­es­se an der De­bat­te, vie­len Dank an das Marx En­gels Zen­trum (MEZ), das zu die­ser De­bat­te ein­ge­la­den hat. Zu dan­ken ist auch Inge Hum­burg von der Ham­bur­ger Masch, die die De­bat­te in der Zeit­schrift „Theo­rie und Pra­xis“ (T&P) an­ges­toßen hat. Vor al­lem ist hier an Re­na­te Münder zu er­in­nern, die am 8. Au­gust ge­stor­ben ist und die uns zu die­ser De­bat­te er­mu­tigt und in­spi­riert hat­te. Ein Licht­blick auf der Trau­er­fei­er für Re­na­te am 16. Sep­tem­ber in München war die Ver­si­che­rung aus dem Kreis der T&P Re­dak­ti­on, dass die Zeit­schrift im Kampf­geist von Re­na­te wei­ter­geführt wird.

Ich wer­de ver­su­chen, un­se­re Ar­gu­men­te noch ein­mal über­sicht­lich dar­zu­stel­len, die wir in T&P ge­gen die The­sen von Man­fred Sohn vor­ge­bracht ha­ben. Wir, das heißt die Ar­beits­grup­pe der Kom­mu­nis­ti­schen Ar­bei­ter­zei­tung, der KAZ, für die ich un­se­re Ar­gu­men­ta­ti­on zu­sam­men­ge­fasst habe.

Die Dis­kus­si­on kon­zen­triert sich auf die Fra­ge, ob dem Ka­pi­ta­lis­mus die wert- und mehr­wert­bil­den­de Ar­beit aus­geht. Die Pro­duk­ti­ons­wei­se, die auf dem Pro­duk­ti­ons­verhält­nis des Ka­pi­tals und der da­mit not­wen­di­gen Pro­duk­ti­on und Ak­ku­mu­la­ti­on von Mehr­wert be­ruht, wäre da­mit am Ende. Des­halb spricht Man­fred von der „fi­na­len Kri­se“, die den „Epo­chen­bruch“ der Epo­che des Ka­pi­ta­lis­mus ein­lei­tet.

Es geht dar­um, die ge­genwärti­ge Kri­se rich­tig zu cha­rak­te­ri­sie­ren, um dar­aus Schluss­fol­ge­run­gen für den Klas­sen­kampf zu zie­hen.

„Für die un­ter dem Ban­ner von Marx und En­gels strei­ten­den Kräfte“, sagt Man­fred, ist die Fra­ge nach dem Cha­rak­ter der ge­genwärti­gen Kri­se not­wen­dig zur Stra­te­gie­ent­wick­lung. Dem ist zu­zu­stim­men. Ob sie „der Dreh- und An­gel­punkt für alle stra­te­gi­schen und da­von ab­ge­lei­tet auch tak­ti­schen Fra­gen“ ist, darüber müsste man dis­ku­tie­ren. Der Streit­punkt hier ist aber, ob Man­freds The­se von der „fi­na­len Kri­se“ zur Klar­heit über die Lage beiträgt.

Das „Epi­zen­trum der Kri­se“ ist zu su­chen, wie Man­fred rich­tig sagt, „im Kern des gan­zen ka­pi­ta­lis­ti­schen Sys­tems.“

Ge­hen wir also zum „Kern“, dem Ka­pi­tal, das als Pro­duk­ti­ons­verhält­nis nur ak­ku­mu­lie­rend exis­tie­ren kann. Die Be­we­gungs­form der Ka­pi­ta­lak­ku­mu­la­ti­on ist der Kri­sen­zy­klus. Mit der Be­we­gung der Ak­ku­mu­la­ti­on über die Zy­klen ent­steht die Kon­zen­tra­ti­on und Zen­tra­li­sa­ti­on der Ein­zel­ka­pi­ta­le. Es ent­wi­ckelt sich der Mo­no­pol­ka­pi­ta­lis­mus, der Im­pe­ria­lis­mus. Der Qua­litäts­sprung vom Kon­kur­renz­ka­pi­ta­lis­mus zum Im­pe­ria­lis­mus kommt da­her, dass der Ka­pi­ta­lis­mus in sei­ner ge­setzmäßigen Aus­deh­nung an sei­ne his­to­ri­schen Gren­zen stößt. We­gen der rest­lo­sen Auf­tei­lung der Welt un­ter die im­pe­ria­lis­ti­schen Großmächte war um das Jahr 1900 her­um die Aus­deh­nung der Gren­zen durch den bis­he­ri­gen zy­kli­schen Ex­pan­si­ons­pro­zess nicht mehr möglich. Da­mit steht die Al­ter­na­ti­ve Krieg oder Re­vo­lu­ti­on. Der Ka­pi­ta­lis­mus tritt in sei­ne Nie­der­gangs­pha­se ein, in sei­ne ‚all­ge­mei­ne Kri­se‘. Die bil­det in der wei­ter­be­ste­hen­den Wech­sel­wir­kung mit der zy­kli­schen Kri­se die Grund­la­ge zur Cha­rak­te­ri­sie­rung der ge­genwärti­gen Kri­se.

Be­reits in der Ana­ly­se der zy­kli­schen Kri­se stim­men wir mit Man­fred bzw. Ro­bert Kurz, an den er sich an­lehnt, nicht übe­rein. Die zy­kli­sche Kri­se zeigt auf, dass sich Ka­pi­tal in Wa­ren­form auf dem Markt nicht in Geld­form zurück­ver­wan­deln lässt, je­den­falls nicht in der Wei­se, dass aus dem zur Pro­duk­ti­on der Wa­ren ein­ge­setz­ten Geld­ka­pi­tal ein rea­li­sier­tes, größeres Geld­ka­pi­tal er­zielt wird, d.h. die Ak­ku­mu­la­ti­on gerät ins Sto­cken. Die Pro­duk­ti­on wird ent­spre­chend ein­ge­schränkt, die Abwärts­pha­se des Zy­klus, die Kri­se, be­ginnt. Das an­dau­ern­de Ab­sin­ken von Pro­duk­ti­on und Nach­fra­ge, die De­pres­si­on, wird durch den Ver­drängungs­pro­zess der ka­pi­ta­lis­ti­schen Kon­kur­renz auf­ge­hal­ten. Durch neue Tech­no­lo­gie können Pro­duk­ti­ons­kos­ten und Prei­se ge­senkt wer­den. Die Pro­duk­tiv­kraft der Ar­beit wird im Ka­pi­ta­lis­mus im Kri­sen­zy­klus ent­wi­ckelt, auf Ba­sis der Er­neue­rung des Pro­duk­ti­ons­ap­pa­rats, der im Pri­vat­ei­gen­tum der Ka­pi­ta­lis­ten ist. Die Stei­ge­rung der Pro­duk­tiv­kraft der Ar­beit, die ja nichts an­de­res ist als die Ver­rin­ge­rung der not­wen­di­gen Ar­beits­zeit, rich­tet sich des­halb im Ka­pi­ta­lis­mus ge­gen die Ar­bei­ter­klas­se, Ar­beitsplätze wer­den ver­nich­tet, die Löhne gedrückt. Die mas­sen­haf­te Er­neue­rung des Pro­duk­ti­ons­ap­pa­rats, also des fi­xen Ka­pi­tals, löst aber Nach­fra­ge nach Pro­duk­ti­ons­mit­teln und Ar­beits­kraft aus, die Lohn­sum­me steigt, der Zy­klus tritt in die Be­le­bungs­pha­se ein. Die Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kraft be­dingt, dass neue Sek­to­ren im In­ne­ren der ka­pi­ta­lis­ti­schen Na­ti­on und neue Ge­bie­te außer­halb un­ter Zwang der Kon­kur­renz in den Ge­samt­markt und den Kreis­lauf des Ka­pi­tals ein­be­zo­gen wer­den. Die Aus­deh­nung zur Er­hal­tung des Ka­pi­tals ist nicht nur not­wen­dig, weil mit der Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kraft die Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zität pro Ar­beits­stun­de steigt. Darüber wer­den wir später nach Hel­muts Vor­trag zum „ten­den­zi­el­len Fall der Pro­fi­tra­te“ spre­chen.

Wich­tig ist hier noch, dass im Ren­nen um die Märkte der Kre­dit eine zu­neh­men­de Rol­le spie­len muss. Um auf höhe­rer Stu­fen­lei­ter zu in­ves­tie­ren, ist Zu­gang zu Kre­dit we­sent­lich. Eine drit­te Ge­setzmäßig­keit auf dem Bo­den des Pri­vat­ei­gen­tums ist die un­gleichmäßige Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kraft und folg­lich die un­gleichmäßige Ent­wick­lung von kon­kre­ten Pro­duk­ti­ons­sek­to­ren, Re­gio­nen und Ländern.

Ich fas­se zu­sam­men: Der Kern der der­zei­ti­gen welt­wei­ten Wirt­schafts-, Fi­nanz- und Währungs­kri­se liegt wei­ter­hin in der Übe­r­ak­ku­mu­la­ti­on, also der re­la­tiv zur Mas­sen­kauf­kraft zu großen Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zität. Hier wi­der­spre­chen wir der The­se der Grup­pe Kri­sis, die auch von Man­fred vor­ge­bracht wur­de, das Be­son­de­re der ge­genwärti­gen Kri­se sei im Kern nicht mehr die re­la­ti­ve Übe­r­ak­ku­mu­la­ti­on, son­dern die so­ge­nann­te 3. in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on, aus­gelöst durch die Mi­kro­elek­tro­nik. Es sei der Kern nicht zu su­chen im Zurück­blei­ben der kauf­kräfti­gen Nach­fra­ge hin­ter der ak­ku­mu­lier­ten Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zität, son­dern im Zurück­blei­ben des An­ge­bots an neu­ar­ti­gen Mas­sen­kon­sumgütern.

Das scheint aber nicht Man­freds Haupt­ar­gu­ment zu sein. Er ar­gu­men­tiert, dass auch un­abhängig vom Man­gel an neu­en Pro­duk­ten die neu­en Tech­no­lo­gie­zy­klen, an­ders als die Tech­no­lo­gie­zy­klen da­vor, mehr Ar­beitsplätze ver­nich­ten als neue schaf­fen. Das müsste min­des­tens em­pi­risch be­legt wer­den.

Für ei­ni­ge In­dus­tri­en und ei­ni­ge Länder ist das rich­tig, aber nicht für den heu­ti­gen Ka­pi­ta­lis­mus ins­ge­samt. Die Sta­tis­ti­ken der In­ter­na­tio­nal La­bour Or­ga­ni­sa­ti­on (ILO) zei­gen, dass geo­gra­phisch und über die Jah­re ver­teilt das Ge­gen­teil ein­ge­tre­ten ist. Das be­deu­tet, dass welt­weit das Pro­le­ta­ri­at sich wei­ter­hin ver­mehrt.

Ich habe bei Man­fred und an­de­ren, die die The­se vom Ver­schwin­den der Lohn­ar­beit verkünden, kein sta­tis­ti­sches Da­ten­ma­te­ri­al dazu ge­fun­den. Die The­se, dass dem Ka­pi­tal die Ar­beit aus­gin­ge, wur­de mei­nes Wis­sens ab An­fang der 90er Jah­re for­mu­liert. Für Deutsch­land lie­gen Zah­len vor aus dem sta­tis­ti­schen Jahr­buch 2014 für die Ent­wick­lung der ge­leis­te­ten Ar­beits­stun­den: Die Zahl sinkt von 60,1 Mil­li­ar­den Stun­den 1991 auf 57,7 Mil­li­ar­den Stun­den im Jahr 1995 und auf 55,8 Mil­li­ar­den Stun­den zehn Jah­re später. Sie steigt dann wie­der bis 2013 auf 58,1 Mil­li­ar­den.

Mei­ner Mei­nung nach se­hen wir hier nicht den Be­ginn der fi­na­len Kri­se auf­grund der Mi­kro­elek­tro­nik, son­dern das Platt­ma­chen der DDR-In­dus­trie mit der an­sch­ließen­den Ex­port­of­fen­si­ve des deut­schen Im­pe­ria­lis­mus auf Grund­la­ge der Agen­da 2010.

Da­mit sind die Nie­der­gangs­er­schei­nun­gen des Ka­pi­ta­lis­mus in und außer­halb Deutsch­lands, die zu Recht an­geführt wer­den, natürlich noch nicht erklärt. Fest­zu­hal­ten ist hier aber, dass die Erklärung aus der Ecke von Ro­bert Kurz nicht halt­bar ist, so­wohl im An­satz – man­geln­de Pro­dukt­in­no­va­ti­on – als auch in der em­pi­ri­schen Über­prüfung – Ver­schwin­den der mehr­wert­schaf­fen­den Lohn­ar­beit.

Wir sind der Mei­nung, dass es sinn­voll ist, zur La­ge­be­stim­mung der Nie­der­gangs­pha­se des Ka­pi­ta­lis­mus bei der Theo­rie der ‚All­ge­mei­nen Kri­se‘ des Ka­pi­ta­lis­mus zu blei­ben, die in Ver­bin­dung und in Wech­sel­wir­kung mit der zy­kli­schen Kri­se wirkt. Da­bei geht es um Fol­gen­des:

In der „nor­ma­len“ zy­kli­schen Kri­se würden die über­le­ben­den stärke­ren Ka­pi­ta­lis­ten, die Geld und Kre­dit ha­ben, in neue Tech­no­lo­gie in­ves­tie­ren. Der Zy­klus würde in Be­le­bung und durch die Aus­deh­nung in neue Geschäfts­fel­der in die Pha­se des Auf­schwungs über­ge­hen.

Die „stink­nor­ma­le“ zy­kli­sche Kri­se gibt es aber seit der Wen­de vom 19. zum 20. Jahr­hun­dert nicht mehr. Aus den Ge­setzmäßig­kei­ten der Ka­pi­ta­lak­ku­mu­la­ti­on, nämlich Ka­pi­tal­kon­zen­tra­ti­on (die hier die Zen­tra­li­sa­ti­on ein­sch­ließt), zu­neh­men­dem Ein­fluss des Kre­dits und der un­glei­chen Ent­wick­lung ent­wi­ckel­te sich, wie schon ge­sagt, der Mo­no­pol­ka­pi­ta­lis­mus und das Fi­nanz­ka­pi­tal, der Im­pe­ria­lis­mus, wie Le­nin ihn cha­rak­te­ri­siert. Das hat­te Fol­gen für den Kri­sen­pro­zess: Der Grund­pro­zess der Ak­ku­mu­la­ti­on blieb un­verändert, kam aber an sei­ne Gren­zen, als die Auf­tei­lung der Welt un­ter die Mo­no­pol­grup­pen und die im­pe­ria­lis­ti­schen Großmächte ab­ge­schlos­sen war. Zunächst ging des­halb der Mo­dus von In­be­sitz­nah­me der Ein­fluss­zo­nen über in Ver­tei­di­gung und Kon­so­li­die­rung. Die zu kurz ge­kom­me­nen, wie der deut­sche Im­pe­ria­lis­mus, muss­ten auf Neu­auf­tei­lung drängen. Der Ex­pan­si­ons­zwang der Ka­pi­ta­lak­ku­mu­la­ti­on bau­te not­wen­dig zu­neh­mend Druck auf. Die Zeit vor 1914 ist be­stimmt durch das Aus­tes­ten der Kräfte­verhält­nis­se in den di­ver­sen di­plo­ma­ti­schen Kri­sen und lo­ka­len Krie­gen. Das wie­der hat­te Fol­gen für das Kräfte­verhält­nis der Klas­sen im In­ne­ren: Aufrüstung, Mi­li­ta­ri­sie­rung der gan­zen Ge­sell­schaft, Er­zwin­gen oder Er­kau­fen von Ruhe im ei­ge­nen Land. Das Verhält­nis der Ka­pi­ta­lis­ten zum Staat änder­te sich. Die klei­ne Cli­que der Fi­nan­zo­lig­ar­chen be­stimmt seit­dem, wer wo mit­zu­re­den hat. Wir er­hal­ten die Kräfte­auf­stel­lung, die sich im 1. Welt­krieg entlädt, der von der Ar­bei­ter­be­we­gung nicht auf­ge­hal­ten wer­den konn­te we­gen des Op­por­tu­nis­mus, des­sen ma­te­ri­el­le Grund­la­ge Le­nin 1916 im „Im­pe­ria­lis­mus als höchs­tes Sta­di­um …“ zu ana­ly­sie­ren hat­te.

Das Er­geb­nis des 1. Welt­kriegs mo­di­fi­zier­te den Kri­sen­pro­zess wei­ter. Nach 1918 war ein neu­es in­ter­na­tio­na­les Kräfte­verhält­nis ent­stan­den, auch durch den Ro­ten Ok­to­ber.

Die Kom­mu­nis­ti­sche In­ter­na­tio­na­le (KI) hat sich zur La­ge­be­stim­mung ge­nau da­mit beschäftigt und hat mit Le­nin und auf der Grund­la­ge sei­ner Ana­ly­se die Theo­rie der ‚All­ge­mei­nen Kri­se‘ ent­wi­ckelt. Eu­gen Var­ga, der führen­de Po­litöko­nom der KI, hat das 1961 noch ein­mal in „Der Ka­pi­ta­lis­mus im 20.Jahr­hun­dert“ zu­sam­men­ge­fasst. Ich glau­be, dass wir uns mit ei­nem kri­ti­schen Zu­gang zu Var­ga die Me­tho­de zur Cha­rak­te­ri­sie­rung der Lage an­eig­nen können.

Die Dif­fe­renz zu Man­freds Dar­stel­lung wird dann viel­leicht klar.

Man­fred nennt drei Gründe, war­um der Ka­pi­ta­lis­mus bis­her sein Ende her­aus­schie­ben konn­te, jetzt aber in der fi­na­len Kri­se sei:

1. Un­ter­wer­fung neu­er Ge­bie­te in­ner­halb und außer­halb sei­nes na­tio­na­len Ter­ri­to­ri­ums der Ka­pi­tal­ver­wer­tung. Das sei seit 1989 nicht mehr möglich.

2. Krieg und Wie­der­auf­bau, heu­te auch nicht mehr möglich?

3. Neue Tech­no­lo­gi­en, die bis­her mehr Ar­beitsplätze er­zeugt als ver­nich­tet ha­ben, also das ein­gangs be­han­del­te Ar­gu­ment der Mi­kro­elek­tro­nik.

Ich mei­ne, dass das drei As­pek­te der glei­chen Ent­wick­lung sind, sehe aber den Bruch durch die 3. In­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on nicht. Wir den­ken, dass Man­fred mit sei­nem Bild des Epo­chen­bruchs den his­to­ri­schen Zu­sam­men­hang zer­reißt.

Der his­to­ri­sche Zu­sam­men­hang ent­steht durch den Über­gang vom Kon­kur­renz­ka­pi­ta­lis­mus zum Im­pe­ria­lis­mus und den da­mit ver­bun­de­nen qua­li­ta­ti­ven Ände­run­gen.

Die eben durch das Er­rei­chen der Gren­zen der Ex­pan­si­on be­son­ders star­ken Kri­sen mit den star­ken und sehr un­gleichmäßigen Pro­duk­tiv­kraft­ent­wick­lun­gen am Ende des 19. Jahr­hun­derts er­zeug­ten die nach in­nen und außen zu­neh­men­den Span­nun­gen, die sich im 1. Welt­krieg ent­lu­den. Le­nin stellt im „Im­pe­ria­lis­mus“ den Zu­sam­men­hang zwi­schen den in­ne­ren und äußeren Span­nun­gen her. Er muss die­sen Ana­ly­se­schritt ge­hen, weil der Op­por­tu­nis­mus in der Ar­bei­ter­be­we­gung, der den Krieg erst möglich mach­te an Stel­le der Re­vo­lu­ti­on, nur auf dem ma­te­ri­el­len Bo­den des Mo­no­pol­ka­pi­ta­lis­mus vorüber­ge­hend be­stim­mend wer­den konn­te. Letzt­lich we­gen der stark un­glei­chen Ent­wick­lung von Ka­pi­tal und Ar­beit und der ent­spre­chen­den un­gleich­zei­ti­gen Klas­senkämpfe gab es dann auch kei­ne syn­chro­ni­sier­te sieg­rei­che Welt­re­vo­lu­ti­on. Re­vo­lu­tio­nen gab es welt­weit, aber außer in der SU sieg­te die Kon­ter­re­vo­lu­ti­on. Die USA konn­ten ih­ren Ein­fluss aus­deh­nen und wur­den in der ka­pi­ta­lis­ti­schen Welt do­mi­nant. Die re­la­ti­ve Sta­bi­li­sie­rung ab 1924 mit der ent­spre­chen­den Er­neue­rung des Pro­duk­ti­ons­ap­pa­rats wur­de nicht vom Wunsch der Mas­sen nach Kon­sumgütern, son­dern von staats­mo­no­po­lis­ti­schen Ein­grif­fen und nicht zu­letzt von US-Kre­di­ten be­feu­ert. Die Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zität wuchs enorm, stieß aber 1929 an die Gren­ze der Kauf­kraft, die in der „Ra­tio­na­li­sie­rungs­of­fen­si­ve“ nicht ent­spre­chend mit­ge­wach­sen war. Der neu ver­teil­te Welt­markt war auch durch die SU und durch die Re­vol­ten der un­ter­drück­ten Völker be­ein­träch­tigt. Var­ga kon­sta­tiert: „Die Auf­nah­mefähig­keit des ka­pi­ta­lis­ti­schen Ab­satz­mark­tes genügte selbst in den Hoch­kon­junk­tur­pha­sen nicht, um eine vol­le Aus­nut­zung des Pro­duk­ti­ons­ap­pa­rats zu ermögli­chen.“

Ge­nau da­mit hat sich die KI in Theo­rie und Pra­xis beschäftigt. Die kon­kre­te Kräfteent­wick­lung im Klas­sen­kampf konn­te aber auch den 2. Welt­krieg nicht ver­hin­dern.

Die Hoff­nung der im­pe­ria­lis­ti­schen Großmächte, dass das fa­schis­ti­sche Deutsch­land und die SU sich ge­gen­sei­tig auf­rei­ben würden, rea­li­sier­te sich nicht. Der Wi­der­spruch zwi­schen den Im­pe­ria­lis­ten er­wies sich als stärker als der Wi­der­spruch zwi­schen dem Im­pe­ria­lis­mus im Gan­zen und dem So­zia­lis­mus.

1945 war die SU ge­schwächt, aber sieg­reich auch dank der un­erhörten Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kraft der Ar­beit dort seit 1917. Welt­weit wa­ren 1945 die kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en stark, wie auch die Hin­wen­dung der Mas­sen zum So­zia­lis­mus. Wie­der stand in fast al­len Ländern der Erde die so­zia­lis­ti­sche Re­vo­lu­ti­on auf der Ta­ges­ord­nung. Sie sieg­te in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten zwar in meh­re­ren Ländern, aber vor al­lem nicht in den im­pe­ria­lis­ti­schen Hauptländern. Die­se Kräfteent­wick­lung ist für uns der Aus­gangs­punkt zur Cha­rak­te­ri­sie­rung der ge­genwärti­gen Kri­se.

Auf der im­pe­ria­lis­ti­schen Sei­te do­mi­nier­ten 1945 die USA, die die an­de­ren Im­pe­ria­lis­ten mit dem Währungs­sys­tem von Bret­ton Woods de fac­to tri­but­pflich­tig ma­chen. Mit den an­de­ren Im­pe­ria­lis­ten hat­ten die US-Im­pe­ria­lis­ten das ge­mein­sa­me Ziel, die Ent­wick­lung des So­zia­lis­mus rückgängig zu ma­chen. Der Druck der Ka­pi­ta­lak­ku­mu­la­ti­on in den an­de­ren im­pe­ria­lis­ti­schen Ländern zwingt aber de­ren Fi­nan­zo­lig­ar­chi­en, nach We­gen zu su­chen, der US-Do­mi­nanz zu ent­kom­men. Die Eindämmung der Klas­senkämpfe, der Be­we­gung zum So­zia­lis­mus und ge­gen den Ko­lo­nia­lis­mus, er­zeugt ei­nen Dau­er­kriegs­zu­stand der USA. We­gen der an­dau­ern­den Hochrüstungs­pro­duk­ti­on ent­stand eine lan­ge Wie­der­auf­bau­pha­se ohne star­ke Un­ter­aus­las­tung. Die USA ex­por­tier­ten Ka­pi­tal nach Eu­ro­pa, wur­den aber schwächer we­gen ih­rer zu­neh­men­den Mi­litäraus­ga­ben. Sie konn­ten Gold­ab­fluss nicht ver­hin­dern, blie­ben aber wei­ter mi­litärisch do­mi­nant. Das Bret­ton-Woods-Sys­tem hielt bis An­fang der 70er Jah­re.

Man­fred ver­legt den „Be­ginn der Kern­schmel­ze“ auf die 70er Jah­re. Da wur­de eben mit dem Ende des Bret­ton-Woods-Sys­tems auch sicht­bar, dass die He­ge­mo­nie des US-Im­pe­ria­lis­mus im ka­pi­ta­lis­ti­schen Sys­tem ih­ren Höhe­punkt über­schrit­ten hat­te. Etwa gleich­zei­tig tra­ten in der SU Sta­gna­ti­ons­er­schei­nun­gen auf, mit Fol­gen für die so­zia­lis­ti­schen Länder und die Länder, die um ihre Un­abhängig­keit vom Im­pe­ria­lis­mus kämpf­ten. Die re­la­ti­ve Sta­bi­lität der Nach­kriegs­ord­nung im Kal­ten Krieg ging zu Ende.

Die skiz­zier­te Dy­na­mik be­stimm­te den Wie­der­auf­stieg der deut­schen Fi­nan­zo­lig­ar­chie. Sie konn­te so­wohl die Ag­gres­si­vität der USA ge­gen die SU nut­zen, als auch den Wunsch vor al­lem des französi­schen Im­pe­ria­lis­mus, von den USA un­abhängi­ger zu wer­den.

Die na­tio­na­len und in­ter­na­tio­na­len Kräfte­verhält­nis­se wur­den 1989 noch­mal neu auf­ge­stellt. Der Kampf um die Neu­ver­tei­lung – auch der bis 1989 we­gen des RGW nicht frei zugäng­li­chen Märkte – hält an. Die Märkte der Länder, die dem RGW an­gehört hat­ten, spie­len aber we­gen der durch die Kon­ter­re­vo­lu­ti­on schrump­fen­den Kauf­kraft eher eine Rol­le als Lie­fe­ran­ten von Roh­stof­fen und bil­li­ger Ar­beits­kraft. Die Öff­nung der Märkte Chi­nas da­ge­gen stellt ei­nen Großteil des Ex­pan­si­ons­po­ten­ti­als der ka­pi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­on dar, eben weil der Rest sta­gniert. Auf den Märk­ten, die dem RGW nicht an­gehörten, aber durch das Exis­tie­ren des RGW eine ge­wis­se Un­abhängig­keit ge­nos­sen, fin­det eine bru­ta­le Re­ko­lo­nia­li­sie­rung statt.

Die letz­te Ant­wort des Im­pe­ria­lis­mus auf das Er­rei­chen der Gren­zen ist Ge­walt. Die Gren­zen wer­den nicht von der tech­ni­schen Ei­gen­art der Mi­kro­elek­tro­nik ge­zo­gen, son­dern von den Ge­set­zen der Ka­pi­ta­lak­ku­mu­la­ti­on im Sta­di­um des Im­pe­ria­lis­mus, die be­reits im gan­zen 20. Jahr­hun­dert den Klas­sen­kampf geprägt ha­ben, na­tio­nal und in­ter­na­tio­nal.

Am deut­lichs­ten wird so­mit un­se­re Dif­fe­renz zu der Ar­gu­men­ta­ti­on von Man­fred, wenn er fest­stellt, dass der Ka­pi­ta­lis­mus de­fen­siv ge­wor­den sei.

Dan­ke für die Auf­merk­sam­keit.

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Im Rah­men ei­nes Bil­dungs­abends des Be­triebs­ak­tivs der DKP München zur Po­li­ti­schen Öko­no­mie wur­de das Buch „Staats­mo­no­po­lis­ti­scher Ka­pi­ta­lis­mus“ von G. Bi­nus, B. Lan­de­feld und A. Wehr dis­ku­tiert. Dar­in spielt der heu­te nur noch we­nig ver­wen­de­te Be­griff der „All­ge­mei­nen Kri­se des Ka­pi­ta­lis­mus“ eine wich­ti­ge Rol­le. Es ent­wi­ckel­te sich eine Dis­kus­si­on zu der Fra­ge, ob der Be­griff der „All­ge­mei­nen Kri­se“ zur Ana­ly­se des heu­ti­gen, des staats­mo­no­po­lis­ti­schen Ka­pi­ta­lis­mus brauch­bar und not­wen­dig ist, weil die Ana­ly­se der Kri­se natürlich ein zen­tra­ler Teil der Ge­samt­ana­ly­se sein muss. Das hier Fol­gen­de be­ruht auf An­halts­punk­ten, die der Ver­fas­ser für die oben ge­nann­te Dis­kus­si­on zu­sam­men­ge­stellt hat­te. Mit der Dar­stel­lung der Dis­kus­si­on und der Ele­men­te der Theo­rie der und ih­rer Grund­la­gen hof­fen wir zur Klar­heit in der Fra­ge der Kri­sen­ana­ly­se bei­zu­tra­gen.

Die Be­grif­fe zu klären“, schrieb Hans Heinz Holz[1]ist un­erläßlich, um zu wis­sen, wofür man kämp­fen will“.

In der stra­te­gi­schen Dis­kus­si­on um die Einschätzung der Kri­sen­si­tua­ti­on, die seit 2007 an­dau­ert wer­den Be­grif­fe wie „Große Kri­se“ oder „mul­ti­ple Kri­se“ ver­wen­det. Es hat sich ge­zeigt, dass sich hin­ter schwam­mi­gen, eher be­schrei­ben­den als ana­ly­sie­ren­den Be­zeich­nun­gen der ge­genwärti­gen Kri­sen­si­tua­ti­on in der Re­gel eine eben­so schwam­mi­ge Ge­samt­ana­ly­se steckt, während präzi­se­re Kri­sen­be­grif­fe auch präzi­se­re La­ge­ana­ly­sen er­lau­ben. Kann der Be­griff „All­ge­mei­ne Kri­se“ zur Präzi­sie­rung der ge­genwärti­gen La­ge­be­stim­mung im staats­mo­no­po­lis­ti­schen Ka­pi­ta­lis­mus bei­tra­gen?

Die Be­grif­fe „Staats­mo­no­po­li­ti­scher Ka­pi­ta­lis­mus“ und „All­ge­mei­ne Kri­se“ hängen eng zu­sam­men. Sie wur­den von­ein­an­der abhängig ent­wi­ckelt in der po­litöko­no­mi­schen Dis­kus­si­on der kom­mu­nis­ti­schen Welt­be­we­gung nach 1918, im Rah­men der von Le­nin in­iti­ier­ten Kom­mu­nis­ti­schen In­ter­na­tio­na­le (K.I.), auf Grund­la­ge der von Karl Marx und Fried­rich En­gels ent­wi­ckel­ten Po­li­ti­schen Öko­no­mie und ih­rer Wei­ter­ent­wick­lung durch W.I. Le­nin. Des­halb ist es sinn­voll, sich die ent­spre­chen­den Grund­be­grif­fe ins Gedächt­nis zu ru­fen.

Basis – Überbau – Klassenkampf

Aus­gangs­punkt sind die Be­grif­fe Ba­sis – Über­bau – Klas­sen­kampf, wozu wir auf das be­kann­te Vor­wort von Karl Marx „Zur Kri­tik der Po­li­ti­schen Öko­no­mie“ zurück­grei­fen:

In der ge­sell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on ih­res Le­bens ge­hen die Men­schen be­stimm­te, not­wen­di­ge, von ih­rem Wil­len un­abhängi­ge Verhält­nis­se ein, Pro­duk­ti­ons­verhält­nis­se, die ei­ner be­stimm­ten Ent­wick­lungs­stu­fe ih­rer ma­te­ri­el­len Pro­duk­tiv­kräfte ent­spre­chen. Die Ge­samt­heit die­ser Pro­duk­ti­ons­verhält­nis­se bil­det die öko­no­mi­sche Struk­tur der Ge­sell­schaft, die rea­le Ba­sis, wor­auf sich ein ju­ris­ti­scher und po­li­ti­scher Über­bau er­hebt und wel­cher be­stimm­te ge­sell­schaft­li­che Bewußtseins­for­men ent­spre­chen. Die Pro­duk­ti­ons­wei­se des ma­te­ri­el­len Le­bens be­dingt den so­zia­len, po­li­ti­schen und geis­ti­gen Le­bens­pro­zeß über­haupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Men­schen, das ihr Sein, son­dern um­ge­kehrt ihr ge­sell­schaft­li­ches Sein, das ihr Bewußtsein be­stimmt. Auf ei­ner ge­wis­sen Stu­fe ih­rer Ent­wick­lung ge­ra­ten die ma­te­ri­el­len Pro­duk­tiv­kräfte der Ge­sell­schaft in Wi­der­spruch mit den vor­han­de­nen Pro­duk­ti­ons­verhält­nis­sen oder, was nur ein ju­ris­ti­scher Aus­druck dafür ist, mit den Ei­gen­tums­verhält­nis­sen, in­ner­halb de­ren sie sich bis­her be­wegt hat­ten. Aus Ent­wick­lungs­for­men der Pro­duk­tiv­kräfte schla­gen die­se Verhält­nis­se in Fes­seln der­sel­ben um. Es tritt dann eine Epo­che so­zia­ler Re­vo­lu­ti­on ein. Mit der Verände­rung der öko­no­mi­schen Grund­la­ge wälzt sich der gan­ze un­ge­heu­re Über­bau lang­sa­mer oder ra­scher um. In der Be­trach­tung sol­cher Umwälzun­gen muß man stets un­ter­schei­den zwi­schen der ma­te­ri­el­len, na­tur­wis­sen­schaft­lich treu zu kon­sta­tie­ren­den Umwälzung in den öko­no­mi­schen Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen und den ju­ris­ti­schen, po­li­ti­schen, re­li­giösen, künst­le­ri­schen oder phi­lo­so­phi­schen, kurz, ideo­lo­gi­schen For­men, wor­in sich die Men­schen die­ses Kon­flikts bewußt wer­den und ihn aus­fech­ten.“ (Karl Marx, Zur Kri­tik der Po­li­ti­schen Öko­no­mie, Vor­wort, MEW 13, S. 8,9)

War­um die­ses lan­ge Zi­tat? Der Be­griff „All­ge­mei­ne Kri­se“, wer­den wir se­hen, kann nützen auf dem Weg von der abs­trak­ten Ana­ly­se der Not­wen­dig­keit des Um­stur­zes zur „kon­kre­ten Ana­ly­se der kon­kre­ten Si­tua­ti­on“, die Le­nin von Kom­mu­nis­ten ver­langt. Es geht da­bei um die ge­naue­re Orts­be­stim­mung in der „Epo­che der so­zia­len Re­vo­lu­ti­on“ von der Marx im zi­tier­ten „Vor­wort“ spricht. Da­bei, und dar­auf kommt es hier an, „muß man stets un­ter­schei­den zwi­schen der ma­te­ri­el­len, na­tur­wis­sen­schaft­lich treu zu kon­sta­tie­ren­den Umwälzung in den öko­no­mi­schen Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen und den ju­ris­ti­schen, po­li­ti­schen, re­li­giösen, künst­le­ri­schen oder phi­lo­so­phi­schen, kurz, ideo­lo­gi­schen For­men, wor­in sich die Men­schen die­ses Kon­flikts bewußt wer­den und ihn aus­fech­ten.

In sei­ner rot­fuchs-Fest­re­de zu Karl Marx stell­te Götz Dieck­mann[2] fest: „Marx-Verfälschung und Op­por­tu­nis­mus hat­ten – und ha­ben auch heu­te – stets mit Ver­zer­run­gen die­ser kom­pli­zier­ten Wech­sel­wir­kun­gen zu tun.“ Hans Heinz Holz[3] wur­de in sei­nem Bei­trag zum sel­ben An­lass eben­so deut­lich:„Wer nur die öko­no­mi­sche Ba­sis und tech­ni­sche Ent­wick­lung im Blick hat, wird ein öko­no­mis­ti­scher Me­cha­ni­zist und en­det in ei­nem re­vi­sio­nis­ti­schen Re­for­mis­mus. Der Weg der So­zi­al­de­mo­kra­tie von Bern­stein bis zu Schröder und Münte­fe­ring lie­fert uns die Bei­spie­le. Wer an­de­rer­seits meint, mit rich­ti­gen Zie­len und gu­ter Ge­sin­nung und Rein­heit der Theo­rie al­lein sei die Welt zu verändern, bleibt ein uto­pis­ti­scher Ideo­lo­ge. Gewiß sind die­se Bewußtseins­ei­gen­schaf­ten un­erläßlich, aber sie müssen sich mit der wi­der­spruchs­vol­len Wirk­lich­keit so ver­ei­ni­gen, dass sie den Op­por­tu­nis­mus ver­hin­dern und stu­ren Dok­tri­na­ris­mus ver­mei­den.“ Mit die­sen Hin­wei­sen an der Hand grei­fen wir wei­ter zurück auf die von Karl Marx und Fried­rich En­gels ent­wi­ckel­ten Be­grif­fe Wa­ren­pro­duk­ti­on, Ka­pi­ta­lis­mus und Kri­se.

Bewegung von Warenproduktion und Kapitalismus in der Krise

Die Men­schen ent­wi­ckeln die Pro­duk­tiv­kraft der Ar­beit durch Ar­beits­tei­lung in ih­rer Zu­sam­men­ar­beit, „in der ge­sell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on ih­res Le­bens“ (Marx/​En­gels, s.o.). „Die Ar­beit ist zunächst ein Pro­zeß zwi­schen Mensch und Na­tur“ schreibt Marx im „Ka­pi­tal“, „ein Pro­zeß, wor­in der Mensch sei­nen Stoff­wech­sel mit der Na­tur durch sei­ne eig­ne Tat ver­mit­telt, re­gelt und kon­trol­liert.“ (Karl Marx, Das Ka­pi­tal, Band 1, MEW 23, S. 192)

Mit der Ver­bes­se­rung der Ar­beits­werk­zeu­ge wuchs die Pro­duk­ti­vität, mit ihr der Aus­tausch der Pro­duk­te. Aus Mil­lio­nen und Mil­li­ar­den von Tausch­ak­ten von Pri­vat­ei­gentümern, die für den Tausch pro­du­zier­ten, ent­stand die ge­sell­schaft­li­che Grund­la­ge für Wa­ren­pro­duk­ti­on und -tausch. Ge­brauchs­wer­te wur­den nach ih­rem Tausch­wert gleich­ge­setzt ent­spre­chend der dafür auf­ge­wand­ten Ar­beits­zeit. Mit der wei­te­ren Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräfte, der Ar­beits­tei­lung und ent­spre­chend der Ent­wick­lung der Märkte setz­te sich ein all­ge­mei­nes Tausch­mit­tel durch, meist Edel­me­tall, als Geld (W-G-W). Aus städti­schen Händ­lern und Hand­wer­kern, die von der ge­stei­ger­ten Ar­beits­pro­duk­ti­vität pro­fi­tier­ten, ent­wi­ckel­te sich die Klas­se der Bour­geois. Sie setz­ten ih­ren an­ge­sam­mel­ten Geld­reich­tum nur noch ein, um ihn zu ver­meh­ren, zu ak­ku­mu­lie­ren; sie wur­den Ka­pi­ta­lis­ten (G-W-G‘). Da­bei trenn­te sich die Ge­sell­schaft zu­neh­mend in Ka­pi­ta­lis­ten, Ei­gentümern von Pro­duk­ti­ons­mit­teln und Ar­bei­ter, die auf dem Markt nur ihre Ar­beits­kraft als Ware an­bie­ten können. Die öko­no­mi­sche Rol­le der land­be­sit­zen­den Feu­dal­klas­se und der Bau­ern, die von ih­nen aus­ge­beu­tet wer­den, ging zurück. Die Feu­dal­klas­se be­hin­der­te die wei­te­re Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräfte. Ent­spre­chend ver­lor ihre Ideo­lo­gie, die auf Re­li­gi­on auf­bau­te, an Bo­den. In der Epo­che der bürger­li­chen Re­vo­lu­ti­on ver­lo­ren sie die po­li­ti­sche Macht, zu­erst dort, wo die Pro­duk­tiv­kräfte und mit ih­nen die Märkte am meis­ten ent­wi­ckelt wa­ren. Die Bour­geoi­sie bau­te sich im Kampf ge­gen die Feu­dal­klas­se ih­ren Na­tio­nal­staat auf. Die Pro­duk­tiv­kräfte ent­wi­ckel­ten sich wie nie zu­vor.

Die Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräfte brach­te mit der großen In­dus­trie ei­nen wei­te­ren Nie­der­gang der Zwi­schen­schich­ten (Hand­wer­ker, Kleinhänd­ler, Klein­bau­ern, d.h. klei­ne Be­sit­zer von Pro­duk­ti­ons­mit­teln) mit sich, das Ka­pi­tal kon­zen­trier­te sich. Die Größe der Un­ter­neh­men er­for­der­te zu­neh­mend Kre­dit.

Es bil­det sich, wie Marx sagt, „mit der ka­pi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­on eine ganz neue Macht, das Kre­dit­we­sen, das in sei­nen Anfängen ver­stoh­len, als be­scheid­ne Bei­hil­fe der Ak­ku­mu­la­ti­on, sich ein­schleicht, durch un­sicht­ba­re Fäden die über die Oberfläche der Ge­sell­schaft in größern oder klei­nern Mas­sen zer­split­ter­ten Geld­mit­tel in die Hände in­di­vi­du­el­ler oder as­so­zi­ier­ter Ka­pi­ta­lis­ten zieht, aber bald eine neue und furcht­ba­re Waf­fe im Kon­kur­renz­kampf wird und sich schließlich in ei­nen un­ge­heu­ren so­zia­len Me­cha­nis­mus zur Zen­tra­li­sa­ti­on der Ka­pi­ta­le ver­wan­delt“. (Karl Marx, Das Ka­pi­tal, Band 1, MEW 23, S. 655)

Wir wer­den dar­auf zurück­kom­men: Marx weist also be­reits in den 1860er Jah­ren dar­auf hin, dass sich in der Ent­wick­lung des Ka­pi­ta­lis­mus das Kre­dit­we­sen „in ei­nen un­ge­heu­ren so­zia­len Me­cha­nis­mus zur Zen­tra­li­sa­ti­on der Ka­pi­ta­le ver­wan­delt“!

Der Grund­wi­der­spruch der ka­pi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se – pri­va­te An­eig­nung der ge­sell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on – ent­wi­ckelt sich in den nun ge­setzmäßig auf­tre­ten­den zy­kli­schen Kri­sen: Die ge­sell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­ons­mit­tel sind in Pri­vat­ei­gen­tum der Ka­pi­ta­lis­ten, die da­her pri­vat, also ohne ge­sell­schaft­li­che Pla­nung, über die Ver­wen­dung ent­schei­den. Da­her ent­wi­ckeln sich die Ka­pi­ta­le, die in der Kon­kur­renz zu ma­xi­ma­ler Ak­ku­mu­la­ti­on ge­zwun­gen sind, un­gleich. In der Kri­se zeigt sich, dass die zah­lungsfähige Nach­fra­ge der ka­pi­ta­lis­ti­schen Ge­sell­schaft, die letzt­lich von der Lohn­sum­me abhängt, nicht mit der ak­ku­mu­lier­ten Pro­duk­ti­onsmöglich­keit des er­neu­er­ten fi­xen Ka­pi­tals Schritt hält. In der Kri­se über­nimmt der Ka­pi­ta­list mit der stärke­ren Ka­pi­tal­kraft, und da­her auch mit der höhe­ren Kre­ditwürdig­keit, die Markt­an­tei­le schwäche­rer Kon­kur­ren­ten. Soll­te er sich aber im fol­gen­den Auf­schwung „vernünf­tig“ mit Pro­duk­ti­ons­aus­wei­tung zurück­hal­ten, würde er von ei­nem Kon­kur­ren­ten, der sich nicht zurückhält und mehr Pro­fit ak­ku­mu­liert, über­nom­men. Ge­sell­schaft­li­che Pla­nung, die eine gleichmäßige Ent­wick­lung ohne zy­kli­sche Kri­sen si­cher­stellt, ist mit dem Pri­vat­ei­gen­tum an Pro­duk­ti­ons­mit­teln nicht ver­ein­bar.

Das heißt, die im „Vor­wort“ ge­nann­ten ma­te­ri­el­len Pro­duk­tiv­kräfte der Ge­sell­schaft er­rei­chen eine Stu­fe in ih­rer Ent­wick­lung, wo sie in Wi­der­spruch mit den vor­han­de­nen Pro­duk­ti­ons­verhält­nis­sen ge­ra­ten, die auf dem Pri­vat­ei­gen­tum an Pro­duk­ti­ons­mit­teln be­ru­hen.

Le­nin be­stimmt nun ge­nau­er, wie sich, im Sinn des „Vor­worts“ „mit der Verände­rung der öko­no­mi­schen Grund­la­ge“ „der gan­ze un­ge­heu­re Über­bau lang­sa­mer oder ra­scher umwälzt“, d.h. wie sich aus der Be­we­gung des Ka­pi­ta­lis­mus in sei­nen Kri­sen der ka­pi­ta­lis­ti­sche Im­pe­ria­lis­mus als Vor­abend der pro­le­ta­ri­schen Re­vo­lu­ti­on ent­wi­ckelt. (W.I. Le­nin, Der Im­pe­ria­lis­mus als höchs­tes Sta­di­um des Ka­pi­ta­lis­mus, Le­nin Wer­ke Band 22, ab S. 189)

Imperialismus

Zwei Ent­wick­lun­gen wer­den in der Ent­wick­lung des Ka­pi­ta­lis­mus, wie wir ge­se­hen ha­ben, be­stim­mend: Zum ei­nen er­zwingt die Kon­kur­renz ge­setzmäßig die Kon­zen­tra­ti­on und Zen­tra­li­sa­ti­on von Ka­pi­tal und er­zeugt so die Ten­denz zum Mo­no­pol. Zum an­de­ren wird im Kon­kur­renz­kampf der Zu­gang zu Kre­dit ent­schei­dend. Das Kre­dit­we­sen hat­te sich in ei­nen un­ge­heu­ren so­zia­len Me­cha­nis­mus zur Zen­tra­li­sa­ti­on der Ka­pi­ta­le ver­wan­delt! In­dus­trie­ka­pi­tal ver­schmilzt mit Bank­ka­pi­tal zum Fi­nanz­ka­pi­tal. We­gen der un­glei­chen Ent­wick­lung der Ka­pi­ta­le wie auch der Länder, in de­nen die Mo­no­po­le zu­sam­men­wach­sen, ent­ste­hen we­ni­ge ka­pi­ta­lis­ti­sche Großmächte und vie­le schwäche­re abhängi­ge Länder.

Auf Grund­la­ge die­ser Ge­setzmäßig­kei­ten ent­wi­ckelt sich der Ka­pi­ta­lis­mus um 1900 her­um zum ka­pi­ta­lis­ti­schen Im­pe­ria­lis­mus.

Der ka­pi­ta­lis­ti­sche Kon­kur­renz­kampf wird mit al­len Mit­teln geführt, nur be­grenzt durch Ge­set­ze und Macht­mit­tel des bürger­li­chen Staats. Den bürger­li­chen Na­tio­nal­staat hat­ten die Bour­geois als ge­mein­sa­mes Klas­sen­in­ter­es­se durch­ge­setzt, zunächst zu­sam­men mit den Bau­ern im Klas­sen­kampf ge­gen den Feu­dal­staat: Glei­ches Recht für Alle auf Grund­la­ge des Pri­vat­ei­gen­tums an Pro­duk­ti­ons­mit­teln. Durch die bürger­li­che Re­vo­lu­ti­on wird der Na­tio­nal­staat Staat der Ka­pi­ta­lis­ten­klas­se, der Pri­vat­ei­gentümer von Pro­duk­ti­ons­mit­teln. Mit der Kon­zen­tra­ti­on des Ka­pi­tals und der Ent­wick­lung des Fi­nanz­ka­pi­tals bil­det sich ein Teil der Bour­geoi­sie mit mehr Ein­fluss her­aus – die Mo­no­pol­bour­geoi­sie oder po­li­tisch aus­ge­drückt, die Fi­nan­zo­lig­ar­chie. Sie führt den Kon­kur­renz­kampf nicht mehr nur mit kaufmänni­schen Mit­teln. Ab­spra­chen, Kar­tel­le, for­mel­le und in­for­mel­le Verbände wer­den ge­bil­det, um Märkte zu be­herr­schen und Ex­tra­pro­fi­te zu er­zie­len. Die Macht­mit­tel ih­res Na­tio­nal­staats wer­den ge­nutzt, je nach Ka­pi­talstärke der Mo­no­po­le bzw. Mo­no­pol­grup­pen.

Der Zwang zur Ak­ku­mu­la­ti­on, zur Er­obe­rung neu­er Märkte, gilt im In­ne­ren wie im Aus­land. Die ei­ge­ne Na­ti­on wird dem Ka­pi­tal zu eng. Auch in­ter­na­tio­nal or­ga­ni­sie­ren die Fi­nan­zo­lig­ar­chen Kar­tel­le, um sich die Weltmärkte auf­tei­len. Zu­neh­mend wird es pro­fi­ta­bler, Wa­ren in den Aus­landsmärk­ten zu pro­du­zie­ren, statt sie dort­hin zu ex­por­tie­ren: Ka­pi­tal­ex­port be­kommt ge­genüber dem Wa­ren­ex­port be­son­de­re Be­deu­tung. Die Welt wird un­ter die ka­pi­ta­lis­ti­schen Großmächte auf­ge­teilt mit den Macht­mit­teln des Na­tio­nal­staats ent­spre­chend der Ka­pi­talstärke. Die un­ter­drück­ten Völker in den abhängi­gen Ländern, de­nen in der Epo­che des Im­pe­ria­lis­mus kei­ne selbstständi­ge ka­pi­ta­lis­ti­sche Ent­wick­lung mehr zu­ge­stan­den wird, wer­den Bun­des­ge­nos­sen der Pro­le­ta­ri­er al­ler Länder. We­gen der un­glei­chen Ent­wick­lung der Ka­pi­ta­le ist in der ter­ri­to­ria­len Auf­tei­lung der Welt der Kampf um die Neu­auf­tei­lung mit den Welt­krie­gen an­ge­legt.

Die Ka­pi­ta­lis­ten tei­len die Welt nicht etwa aus be­son­de­rer Bos­heit un­ter sich auf, son­dern weil die er­reich­te Stu­fe der Kon­zen­tra­ti­on sie zwingt, die­sen Weg zu be­schrei­ten, um Pro­fi­te zu er­zie­len; da­bei wird die Tei­lung ,nach dem Ka­pi­tal’, ,nach der Macht’ vor­ge­nom­men – eine an­de­re Me­tho­de der Tei­lung kann es im Sys­tem der Wa­ren­pro­duk­ti­on und des Ka­pi­ta­lis­mus nicht ge­ben. Die Macht aber wech­selt mit der öko­no­mi­schen und po­li­ti­schen Ent­wick­lung; um zu be­grei­fen, was vor sich geht, muß man wis­sen, wel­che Fra­gen durch Macht­ver­schie­bun­gen ent­schie­den wer­den; ob die­se Ver­schie­bun­gen nun ,rein’ öko­no­mi­scher Na­tur oder außeröko­no­mi­scher (z.B. mi­litäri­scher) Art sind, ist eine ne­bensächli­che Fra­ge, die an den grund­le­gen­den An­schau­un­gen über die jüngs­te Epo­che des Ka­pi­ta­lis­mus nichts zu ändern ver­mag. Die Fra­ge nach dem In­halt des Kamp­fes und der Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen den Ka­pi­ta­lis­ten­verbänden durch die Fra­ge nach der Form des Kamp­fes und der Ver­ein­ba­run­gen (heu­te fried­lich, mor­gen nicht fried­lich, über­mor­gen wie­der nicht fried­lich) er­set­zen heißt zum So­phis­ten her­ab­sin­ken.“ (Kur­siv­set­zung im Ori­gi­nal: W.I. Le­nin, Der Im­pe­ria­lis­mus …, LW 22, S. 257/​258)

Zur Be­frie­dung der Klas­senkämpfe während der Kriegs­vor­be­rei­tung ver­wen­den die Fi­nan­zo­lig­ar­chi­en der ka­pi­ta­lis­ti­schen Großmächte ei­nen Teil ih­rer Ex­tra­pro­fi­te, um Ein­fluss auf die Ar­bei­ter­be­we­gung zu be­kom­men. In der Ar­bei­ter­klas­se der im­pe­ria­lis­ti­schen Großmächte ent­wi­ckelt sich ge­setzmäßig eine Ober­schicht, die Ar­bei­te­ra­ris­to­kra­tie und Ar­bei­terbüro­kra­tie.

Die Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräfte der Ar­beit wird im Im­pe­ria­lis­mus zeit­wei­se durch Kar­tell­ab­spra­chen ge­hemmt. Das Pri­vat­ei­gen­tum und da­mit die un­glei­che Ent­wick­lung wer­den aber da­durch nicht auf­ge­ho­ben. Die auf­ge­stau­ten Un­gleich­ent­wick­lun­gen ent­la­den sich dann im Plat­zen des Kar­tells und schar­fen Kon­kur­renz­aus­ein­an­der­set­zun­gen, in de­nen In­ves­ti­tio­nen in neue Tech­nik dank gefüll­ter „Kriegs­kas­sen“ be­son­ders schnell vor­an­ge­trie­ben wer­den.

Der Im­pe­ria­lis­mus spitzt den Grund­wi­der­spruch des Ka­pi­ta­lis­mus zu. Die Pro­duk­ti­on wird welt­weit ver­ge­sell­schaf­tet, das Pro­dukt der ge­sell­schaft­li­chen Ar­beit wird pri­vat an­ge­eig­net und stellt sich in Form re­ak­ti­onärer Macht ge­gen die Pro­du­zen­ten. Im­mer tie­fe­re und wei­ter aus­grei­fen­de Kri­sen und schließlich der Welt­krieg be­dro­hen die Ent­wick­lung der Ge­sell­schaft. Ge­sell­schaft­li­che Pla­nung und de­ren Vor­aus­set­zung, die Ablösung der Macht der Mo­no­pol­bour­geoi­sie un­ter Führung der Ar­bei­ter­klas­se wird drin­gen­der.

Die fort­schritt­li­che Rol­le der Bour­geoi­sie ist im Im­pe­ria­lis­mus be­en­det. Er ist das Nie­der­gangs­sta­di­um des Ka­pi­ta­lis­mus, die his­to­ri­sche Epo­che von Krieg und Re­vo­lu­ti­on.

Die Zu­spit­zung und Ent­la­dung der im­pe­ria­lis­ti­schen Wi­dersprüche im 1. Welt­krieg führte zum Zu­sam­men­bruch der 2. In­ter­na­tio­na­le. Die Ar­bei­ter­par­tei­en, die un­ter Führung von Op­por­tu­nis­ten den Kriegs­kre­di­ten zu­ge­stimmt hat­ten, wa­ren po­li­tisch bank­rott. Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei­en muss­ten gegründet wer­den und ihre Kom­mu­nis­ti­sche In­ter­na­tio­na­le (KI) un­ter Führung Le­nins. Zur po­litöko­no­mi­schen Ana­ly­se be­zog Le­nin den re­vo­lu­ti­onären Wis­sen­schaft­ler Eu­gen Var­ga in die Ar­beit ein. (Bio­gra­phi­sche Kurz­in­for­ma­ti­on zu Eu­gen Var­ga im Kas­ten) Be­reits zum II. Welt­kon­gress der KI wer­te­te Le­nin Var­gas Ar­beit aus, seit­her stützte sich die KI, ihre Welt­kon­gres­se und ihr Exe­ku­tiv­kom­mit­tee (EKKI) auf Var­gas Ana­ly­sen, die auch hef­tig kri­ti­siert wur­den. Doch Le­nin ver­tei­dig­te ihn: „Wir brau­chen vol­le und wahr­heits­ge­treue In­for­ma­ti­on …

Staatsmonopolistischer Kapitalismus

Als Begründer der Theo­rie des Staats­mo­no­po­lis­ti­schen Ka­pi­ta­lis­mus (oft ab­gekürzt als SMK oder Sta­mo­kap) und der „All­ge­mei­nen Kri­se“ gilt Eu­gen Var­ga. Jürgen Kuc­zyn­ski (1904-1997), zwei­fel­los ei­ner der be­deu­tends­ten deut­schen Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler des 20. Jahr­hun­derts, sag­te: „Mein Leh­rer Eu­gen Var­ga war der größte Po­litöko­nom des Ka­pi­ta­lis­mus in der Pe­ri­ode 1924 bis 1964. Er war der Po­litöko­nom der Kom­mu­nis­ti­schen In­ter­na­tio­na­le.“

In der fol­gen­den Dar­stel­lung der Grund­la­gen des SMK und der „All­ge­mei­nen Kri­se” be­zie­hen wir uns auf das Buch „Staats­mo­no­po­lis­ti­scher Ka­pi­ta­lis­mus“ von G. Bi­nus, B. Lan­de­feld und A. Wehr, S. 6-33, das in der Rei­he Pa­py­Ros­sa Ba­sis­wis­sen 2014 er­schien, im Fol­gen­den zi­tiert als BLW. Das Buch leis­tet ei­nen wich­ti­gen Bei­trag, um die wis­sen­schaft­li­che Dis­kus­si­on der Ent­wick­lung des ge­genwärti­gen Ka­pi­ta­lis­mus und des Cha­rak­ters sei­ner Kri­sen­haf­tig­keit vor­an zu brin­gen.

Marx und En­gels wie­sen auf die Wech­sel­wir­kung von Staat und öko­no­mi­scher Ent­wick­lung hin (BLW S. 8), wie wir be­reits im „Vor­wort“ ge­se­hen ha­ben. Le­nin prägte den Be­griff „staats­mo­no­po­lis­ti­scher Ka­pi­ta­lis­mus“, den be­son­ders Var­ga wei­ter­ent­wi­ckel­te (BLW S. 8,9).

Dass in dem Be­zie­hungs­ge­flecht von Öko­no­mie und Po­li­tik das spe­zi­fi­sche Verhält­nis von Mo­no­po­len und Staat zum ent­schei­den­den Kno­ten­punkt in der Ent­wick­lung des Ka­pi­ta­lis­mus wird, steht in ei­nem en­gen Zu­sam­men­hang mit drei his­to­ri­schen Ent­wick­lungs­strängen die­ses Sys­tems seit dem Über­gang zum 20. Jahr­hun­dert: dem Mo­no­pol­ka­pi­ta­lis­mus, dem Im­pe­ria­lis­mus und der all­ge­mei­nen Kri­se des Ka­pi­ta­lis­mus“. (BLW S. 8).

Von den ge­nann­ten Ent­wick­lungs­strängen sind als Be­grif­fe be­kannt der Mo­no­pol­ka­pi­ta­lis­mus als die öko­no­mi­sche Ba­sis des Im­pe­ria­lis­mus und die wich­tigs­ten Merk­ma­le des Im­pe­ria­lis­mus. Da­bei ent­wi­ckel­te Le­nin den Zu­sam­men­hang zwi­schen der öko­no­mi­schen Ba­sis und dem ideo­lo­gi­schen und po­li­ti­schen Über­bau: Fäul­nis und Kor­rup­ti­on, Wen­dung von der De­mo­kra­tie zur Re­ak­ti­on, „Ära der pro­le­ta­ri­schen, so­zia­lis­ti­schen Re­vo­lu­ti­on“.

Der SMK ent­wi­ckelt sich aus Mo­no­pol­ka­pi­ta­lis­mus und Im­pe­ria­lis­mus und aus ei­nem wei­te­ren ele­men­ta­ren Ent­wick­lungs­strang: „Die All­ge­mei­ne Kri­se des Ka­pi­ta­lis­mus ist ein drit­ter Strang in der theo­re­ti­schen Ab­lei­tung des SMK. Ihr Be­ginn wur­de mit der Her­aus­bil­dung des Mo­no­pol­ka­pi­ta­lis­mus als ‚Nie­der­gangs­pro­zess‘ der ka­pi­ta­lis­ti­schen Ge­sell­schafts­for­ma­ti­on begründet, ihr Her­vor­tre­ten mit den Fol­gen der un­gleichmäßigen öko­no­mi­schen und po­li­ti­schen Ent­wick­lung in Zu­sam­men­hang ge­bracht; … Der SMK gilt da­her mit sei­ner Funk­ti­on, die Ka­pi­ta­lak­ku­mu­la­ti­on zu si­chern, als An­pas­sung des Im­pe­ria­lis­mus an die veränder­te Ge­samt­si­tua­ti­on. Of­fen trat die all­ge­mei­ne Kri­se in der ka­pi­ta­lis­ti­schen Ent­wick­lung zum ers­ten Mal mit der äußers­ten Zu­spit­zung der im­pe­ria­lis­ti­schen Ge­gensätze im ers­ten Welt­krieg her­vor, den re­vo­lu­ti­onären Kämp­fen der Ar­bei­ter­klas­se in Eu­ro­pa und vor al­lem mit der rus­si­schen Ok­to­ber­re­vo­lu­ti­on 1917 so­wie der Bil­dung des ers­ten so­zia­lis­ti­schen Staa­tes. Von da an, be­son­ders aber nach dem zwei­ten Welt­krieg mit dem Ent­ste­hen des so­zia­lis­ti­schen Welt­sys­tems und dem Zu­sam­men­bruch des Ko­lo­ni­al­sys­tems, wird die all­ge­mei­ne Kri­se im mar­xis­ti­schen Theo­rie­gebäude über ei­ni­ge Jahr­zehn­te nicht nur aus den in­ne­ren Wi­dersprüchen des Ka­pi­ta­lis­mus, son­dern vor al­lem aus der Wech­sel­wir­kung des Kamp­fes bei­der Welt­sys­te­me ab­ge­lei­tet.“ (BLW S. 13/​14).

Die Theorie der „Allgemeinen Krise“

Eu­gen Var­ga ent­wi­ckelt Grundzüge und We­sen des Nie­der­gangs des Ka­pi­ta­lis­mus in der Epo­che des Im­pe­ria­lis­mus als „All­ge­mei­ne Kri­se“ in Ab­gren­zung zur „zy­kli­schen Kri­se“.

Er kenn­zeich­net den öko­no­mi­schen Kern der lang an­hal­ten­den Kri­se fol­gen­der­maßen: „Die Auf­nah­mefähig­keit des ka­pi­ta­lis­ti­schen Ab­satz­mark­tes genügt selbst in den Hoch­kon­junk­tur­pha­sen nicht, um eine vol­le Aus­nut­zung des Pro­duk­ti­ons­ap­pa­rats zu ermögli­chen.

Aus dem da­her chro­nisch ge­wor­de­nen Über­fluss an fi­xem Ka­pi­tal (An­la­gen­ka­pi­tal, Ma­schi­ne­rie etc.) fol­gen wei­ter schrump­fen­de Märkte (man­gels Neu­an­la­ge von Ka­pi­tal in Pro­duk­ti­ons­an­la­gen), chro­ni­sche Ar­beits­lo­sig­keit und Ver­ar­mung, Zu­sam­men­bruch des Kre­dit­sys­tems (na­tio­nal, Währung, in­ter­na­tio­nal) und auch eine welt­wei­te Agrarkri­se. Der Kri­sen­zy­klus wird de­for­miert.

Un­ter den ver­schie­de­nen Schich­ten der be­sit­zen­den Klas­sen geht ein verschärf­ter Kampf um die Ver­tei­lung des ver­min­der­ten ge­sell­schaft­li­chen Wert­pro­dukts vor sich“ schrieb Var­ga 1922 in sei­ner grund­le­gen­den Schrift „Die Nie­der­gangs­pe­ri­ode des Ka­pi­ta­lis­mus“[4]. Eine ständi­ge und zu­neh­men­de po­li­ti­sche und ge­sell­schaft­li­che Kri­se prägte sich aus. „Nur die Not­wen­dig­keit, das re­vol­tie­ren­de Pro­le­ta­ri­at nie­der­zu­hal­ten, ei­nigt zeit­wei­se die ha­dern­den Schich­ten und Par­tei­en“ (sie­he auch BLW S. 14/​15).

Die Aus­sa­gen Var­gas bzw. der Welt­kon­gres­se der K.I. zur all­ge­mei­nen Kri­se wur­den von der Ar­bei­ter­be­we­gung auf­ge­nom­men, z.B. in Thälmanns Rede im ZK der KPD am 15.1.1931, auf die auch das seit den 50er Jah­ren be­kann­te „Lehr­buch Po­li­ti­sche Öko­no­mie“ Be­zug nimmt[5].

Nach 1945 wur­de die Theo­rie des SMK und der all­ge­mei­nen Kri­se in Deutsch­land wei­ter­geführt u.a. vom IPW in Ber­lin (In­sti­tut für In­ter­na­tio­na­le Po­li­tik und Wirt­schaft der DDR, das sich schwer­punktmäßig mit der Ana­ly­se der ka­pi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft be­fass­te). In ei­ner Aus­ar­bei­tung des IPW von 1976 wird die All­ge­mei­ne Kri­se des Ka­pi­ta­lis­mus „als eine be­son­de­re his­to­ri­sche Pe­ri­ode im Nie­der­gangs­pro­zess des Ka­pi­ta­lis­mus“ be­zeich­net, „in der sich die Be­din­gun­gen der his­to­ri­schen Ablösung des Ka­pi­ta­lis­mus her­aus­bil­den.“ Sie sei da­her kein neu­es Sta­di­um, son­dern eine Sys­tem­kri­se des Ka­pi­ta­lis­mus, die alle Sei­ten des ge­sell­schaft­li­chen Le­bens, die Wirt­schaft, die Po­li­tik, die Ideo­lo­gie und die Kul­tur um­fasst. (BLW S. 15)

Im Ge­gen­satz zur Trans­for­ma­ti­ons­dok­trin, wie sie z.B. vom isw ver­tre­ten wird, stell­te das IPW fest: Als Sys­tem­kri­se kann sie auch nicht durch die Kräfte des herr­schen­den Sys­tems über­wun­den wer­den, son­dern nur durch eine grund­le­gen­de so­zi­alöko­no­mi­sche Um­ge­stal­tung zur Er­rich­tung so­zia­lis­ti­scher Pro­duk­ti­ons­verhält­nis­se.

Für eine sol­che Um­ge­stal­tung nann­te das IPW Be­din­gun­gen:

Ers­te ent­schei­den­de Be­din­gung dafür ist ein re­vo­lu­ti­onärer Über­gang und eine ent­spre­chen­de Stärkung des sub­jek­ti­ven Fak­tors. So­lan­ge die­se nicht ge­ge­ben sind, wird der Ka­pi­ta­lis­mus wei­ter be­ste­hen. Er wird Möglich­kei­ten fin­den, sich mit neu­en Be­we­gungs­for­men des Mo­no­pol­ka­pi­tals an­zu­pas­sen. Dar­in ein­ge­schlos­sen sind die wei­te­re Ver­tie­fung öko­no­mi­scher und po­li­ti­scher Wi­dersprüche, neue ge­sell­schaft­li­che Kon­flik­te und die zu­neh­men­de La­bi­lität und Fäul­nis des Ka­pi­ta­lis­mus.

Als eine zwei­te be­son­de­re Be­din­gung der his­to­ri­schen Ablösung des Ka­pi­ta­lis­mus wird die Ent­fal­tung der en­gen Wech­sel­wir­kung von in­ne­ren und äußeren Wi­dersprüchen her­vor­ge­ho­ben. Vor al­lem wird dem re­vo­lu­ti­onären Welt­pro­zess, ins­be­son­de­re der Ent­wick­lung des So­zia­lis­mus ein erst­ran­gi­ger Stel­len­wert zu­ge­ord­net, da die­ser so­wohl als Fak­tor zur Stärkung der Kampf­po­si­tio­nen der Ar­bei­ter­klas­se in den ka­pi­ta­lis­ti­schen Ländern als auch als Trieb­kraft für Kri­se und Zer­fall des im­pe­ria­lis­ti­schen Ko­lo­ni­al­sys­tems wirkt.“ (BLW S. 17-18).

Die „pro­non­ciert eu­pho­ri­sche Ori­en­tie­rung“ der Theo­rie der „All­ge­mei­nen Kri­se“ auf den So­zia­lis­mus als Trieb­kraft für die Kri­se, „oft ver­bun­den mit der Pro­phe­zei­ung des na­hen­den Zu­sam­men­bruch des Ka­pi­ta­lis­mus“ ent­fiel Ende der 80er Jah­re „mit dem Zer­fall des so­zia­lis­ti­schen Sys­tems in Eu­ro­pa“. Da­mit wur­de die mar­xis­ti­sche For­schung zur „All­ge­mei­nen Kri­se“ ab­ge­bro­chen. An­ge­sichts der of­fen­ba­ren Kri­sen­haf­tig­keit liegt aber kein an­de­res schlüssi­ges Kon­zept zur Klärung der Rea­lität vor. (BLW S. 17/​18)

Die wei­ter­hin be­ste­hen­de „Sys­tem­kri­se des Ka­pi­ta­lis­mus, die alle Sei­ten des ge­sell­schaft­li­chen Le­bens, die Wirt­schaft, die Po­li­tik, die Ideo­lo­gie und die Kul­tur um­fasst“ er­for­dert aber eine „wis­sen­schaft­li­che Ana­ly­se der Rea­lität als Grund­la­ge ei­ner an­ti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Stra­te­gie.“ Da­bei kann aber, nach 1989, nicht ein­fach auf die alte Theo­rie zurück­ge­grif­fen wer­den. (BLW S. 18)

Zu un­ter­su­chen wäre dem­nach zunächst, wel­che Rol­le die „pro­non­ciert eu­pho­ri­sche Ori­en­tie­rung“ der Theo­rie der „All­ge­mei­nen Kri­se“ auf den So­zia­lis­mus spielt, die, sie­he oben, „ent­fiel“. Das wird dis­ku­tier­bar an­hand der von Var­ga dar­ge­stell­ten „Etap­pen der all­ge­mei­nen Kri­se“.

Die Etappen der „Allgemeinen Krise“

In sei­ner letz­ten um­fas­sen­den Dar­stel­lung der „All­ge­mei­nen Kri­se“ in „Der Ka­pi­ta­lis­mus des 20. Jahr­hun­derts“[6] cha­rak­te­ri­siert Var­ga 1961 die Ent­wick­lung wie folgt:

1900-1917 Entwicklung von Elementen des SMK und der „Allgemeinen Krise”

Bei der Dar­stel­lung bis 1917 baut Var­ga auf den Cha­rak­te­ris­ti­ka des Im­pe­ria­lis­mus auf, wie Le­nin sie in sei­ner Schrift „Der Im­pe­ria­lis­mus …“ vor­ge­legt hat. Grund­la­ge ist also die hohe Ka­pi­tal­kon­zen­tra­ti­on und die Ent­wick­lung des Fi­nanz­ka­pi­tals.

Die ent­ste­hen­de größere Stu­fen­lei­ter der Pro­duk­ti­on er­laubt ei­nen Sprung in der sys­te­ma­ti­schen An­wen­dung von Wis­sen­schaft in der Pro­duk­ti­ons­tech­nik, be­son­ders sicht­bar in der Elek­tro-, und Che­mie­in­dus­trie und in der Fließband­pro­duk­ti­on.

Aus der schnel­len Aus­deh­nung der Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zität in ei­ni­gen Be­rei­chen folgt zu­neh­men­de Un­gleichmäßig­keit, aus der schärfs­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen in der Kon­kur­renz der sich aus­bil­den­den Kar­tell- und Kon­zern­grup­pen ent­ste­hen.

Die Aus­deh­nung der Märkte stößt an geo­gra­fi­sche Gren­zen, das Ko­lo­ni­al­sys­tem muss in der im­pe­ria­lis­ti­schen Kon­kur­renz be­fes­tigt und aus­ge­baut wer­den, mit der Fol­ge von po­li­ti­schen Kri­sen und Mi­li­ta­ri­sie­rung.

Die Fi­nan­zo­lig­ar­chie do­mi­niert die Bour­geoi­sie und den Staats­ap­pa­rat.

In der Ar­bei­ter­klas­se wird Spal­tung durch die Re­vi­sio­nis­ten sicht­bar, die, gestützt auf Ar­bei­terbüro­kra­tie und Ar­bei­te­ra­ris­to­kra­tie, ideo­lo­gisch auf die Sei­te der Mo­no­pol­bour­geoi­sie über­ge­hen. Mo­no­pol-Ex­tra­pro­fi­te sind die öko­no­mi­sche Grund­la­ge für die­se ge­setzmäßige Ent­wick­lung.

Die Zwi­schen­schich­ten verändern sich durch die zu­neh­men­de Tren­nung von Ka­pi­tal, Ei­gen­tum und Lei­tung der Ka­pi­tal­ver­wer­tung: Ent­wick­lung von Ren­tiers­schich­ten (Ka­pi­ta­lis­ten, die nicht Un­ter­neh­mer sind), Lei­tungs­schich­ten (Lei­ter/​Ma­na­ger, die nicht Ka­pi­tal­ei­gentümer sind), Ver­drängung der al­ten Zwi­schen­schich­ten (Hand­wer­ker, Klein­bau­ern, Kleinhänd­ler); Feu­dal­her­ren wer­den ver­drängt oder wer­den grund­be­sit­zen­de Ka­pi­ta­lis­ten.

Die zu­ge­spitz­ten Wi­dersprüche ent­la­den sich im 1. Welt­krieg. Ers­te Er­schei­nun­gen des SMK zei­gen sich in Deutsch­land, z.B. die Ein­rich­tung der Kriegs­roh­stoff­ab­tei­lung. Die zwei Me­tho­den der Herr­schaft des Ka­pi­tals wer­den in ih­rer Wi­dersprüchlich­keit deut­lich (Mi­litärzucht­haus/​Burg­frie­den).

1917-1945 Erste Etappe der „Allgemeinen Krise” des Kapitalismus

In der Ok­to­ber­re­vo­lu­ti­on ent­steht der Staat der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats und schränkt den be­reits auf­ge­teil­ten ka­pi­ta­lis­ti­schen Welt­markt ein. In­fol­ge der Kriegs­kos­ten und -zerstörun­gen er­gibt sich eine Kräfte­ver­schie­bung bei den im­pe­ria­lis­ti­schen Großmäch­ten zu­guns­ten der USA, die Ka­pi­tal nach Deutsch­land ex­por­tie­ren und dort die Re-Mi­li­ta­ri­sie­rung ge­gen die jun­ge SU fördern, auch im Wi­der­spruch zu Großbri­tan­ni­en und Frank­reich.

Ko­lo­ni­alvölker re­vol­tie­ren z.B. im Ex-Os­ma­ni­schen Reich, in Chi­na, im Iran.

Die neu­en Tech­no­lo­gi­en set­zen sich breit durch, be­son­ders sicht­bar in der Elek­tro- und Che­mie­in­dus­trie so­wie in der Pro­duk­ti­ons­au­to­ma­ti­sie­rung (For­dis­mus-Tay­lo­ris­mus). Im Mo­no­pol­ka­pi­tal fin­det ent­spre­chend eine Kräfte­ver­schie­bung von Koh­le/​Stahl zu Elek­tro/​Che­mie statt.

Die Er­neue­rung des fi­xen Ka­pi­tals im Wie­der­auf­bau er­zeugt Pro­duk­ti­vitätsschübe mit ent­spre­chen­den Ra­tio­na­li­sie­rungs­wel­len. We­gen der oben an­ge­spro­che­nen Be­schränkung des ka­pi­ta­lis­ti­schen Welt­markts fol­gen Un­ter­aus­las­tung, Über­pro­duk­ti­on und chro­ni­sche Ar­beits­lo­sig­keit, Kre­dit- und Währungs­kri­sen so­wie die welt­wei­te Agrarkri­se.

Var­ga zeigt die Si­tua­ti­on auf an­hand des In­dex der ka­pi­ta­lis­ti­schen Welt-In­dus­trie­pro­duk­ti­on. (sie­he obi­ge Ta­bel­le)

Der im­pe­ria­lis­ti­sche Staat spielt eine zu­neh­mend ak­ti­ve Rol­le in der Wirt­schaft. Der Kampf der Mo­no­po­le und Mo­no­pol­grup­pen um Zu­griff auf das Na­tio­nal­pro­dukt ändert das spe­zi­fi­sche Verhält­nis von Mo­no­po­len und Staat. Keynes´ Theo­rie der Staats­ein­grif­fe bie­tet dazu die Recht­fer­ti­gung. Da­mit, ver­bun­den mit der Dok­trin der „Wirt­schafts­de­mo­kra­tie“, wird auch ver­sucht, die Ar­bei­ter­klas­se ideo­lo­gisch zu ent­waff­nen.

Streik­wel­len und Re­vo­lu­tio­nen ma­chen Zu­geständ­nis­se an die Ar­bei­ter­klas­se not­wen­dig. Welt­weit nimmt die Zahl der Ge­werk­schafts­mit­glie­der in der ka­pi­ta­lis­ti­schen Welt von 8 Mil­lio­nen (1906) auf 43 Mil­lio­nen (1920) zu, in Deutsch­land von 2 auf 13 Mil­lio­nen. In den Re­vo­lu­tio­nen nach 1917 geht die Ar­bei­te­ra­ris­to­kra­tie/-​büro­kra­tie of­fen auf die Sei­te des Mo­no­pol­ka­pi­tals über. Die dar­auf­hin gegründe­ten kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en und die 3. In­ter­na­tio­na­le wach­sen, wer­den aber ge­schwächt durch die erwähn­ten Ra­tio­na­li­sie­rungs­wel­len, in de­nen vor al­lem re­vo­lu­ti­onäre Kräfte aus den Be­trie­ben ge­wor­fen wer­den. Der Mar­xis­mus-Le­ni­nis­mus ver­brei­tet sich welt­weit. Die re­vol­tie­ren­den un­ter­drück­ten Völker wer­den zu Verbünde­ten der „Pro­le­ta­ri­er al­ler Länder“.

Die al­ten Zwi­schen­schich­ten wer­den wei­ter rui­niert, der An­teil der neu­en Zwi­schen­schich­ten (An­ge­stell­te in Ver­wal­tung und Tech­nik, Be­am­te) nimmt zu.

Mi­litäri­sche Kon­ter­re­vo­lu­tio­nen (u.a. Russ­land, Bay­ern, Un­garn, Finn­land, Spa­ni­en, Chi­na) dämmen den So­zia­lis­mus an der Macht für 25 Jah­re auf die SU ein, der Im­pe­ria­lis­mus sucht – ge­setzmäßig – den Aus­weg aus der all­ge­mei­nen Kri­se in Fa­schis­mus und Krieg. Die „Pro­le­ta­ri­er al­ler Länder und un­ter­drück­ten Völker“ stel­len sich un­ter Führung der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en und ih­rer K.I. da­ge­gen auf.

ab 1945 Zweite Etappe der „Allgemeinen Krise” des Kapitalismus

Aus­gangs­punkt ist das neue Kräfte­verhält­nis nach 1945:

Die Hoff­nung der im­pe­ria­lis­ti­schen Großmächte, dass das fa­schis­ti­sche Deutsch­land und die SU sich ge­gen­sei­tig auf­rei­ben, rea­li­sier­te sich nicht. Der Wi­der­spruch zwi­schen den Im­pe­ria­lis­ten er­wies sich als stärker als der Wi­der­spruch zwi­schen dem Im­pe­ria­lis­mus im Gan­zen und dem So­zia­lis­mus.

Die SU ist 1945 ge­schwächt, aber sieg­reich auch dank der un­erhörten Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kraft der Ar­beit in der SU seit 1917. Die kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en sind 1945 welt­weit stark, wie auch die Hin­wen­dung der Mas­sen zum So­zia­lis­mus.

Das Haupt­in­ter­es­se der zur do­mi­nie­ren­den im­pe­ria­lis­ti­schen Macht ge­wor­de­nen USA ist

1. der Er­halt ih­rer im­pe­ria­lis­ti­schen Herr­schaft und der ka­pi­ta­lis­ti­schen Ord­nung ins­ge­samt. Dazu müssen sie

2. die Wi­dersprüche zwi­schen den Im­pe­ria­lis­ten un­ter Kon­trol­le brin­gen.

Den­noch ent­steht das so­zia­lis­ti­sche Welt­sys­tem mit dem RGW und in Chi­na, Viet­nam und Ko­rea. Be­frei­ungs­be­we­gun­gen ge­gen das Ko­lo­ni­al­sys­tem schränken den ka­pi­ta­lis­ti­schen Welt­markt wei­ter ein.

Die Eindämmung der Klas­senkämpfe, der Be­we­gung zum So­zia­lis­mus und ge­gen den Ko­lo­nia­lis­mus er­zeugt ei­nen Dau­er­kriegs­zu­stand der USA. In Frank­reich und Ita­li­en ge­lingt die Ent­waff­nung des an­ti­fa­schis­ti­schen Wi­der­stands v.a. durch star­ke US-Mi­litärpräsenz. Deutsch­land wird ge­teilt, West­deutsch­land wird zum „eu­ropäischen Flug­zeug­träger“ der USA.

Die USA ver­su­chen die Wi­dersprüche zwi­schen den Im­pe­ria­lis­ten durch NATO und EWG zu re­gu­lie­ren und zu do­mi­nie­ren: Die In­ter­es­sen sol­len dem Kampf ge­gen den So­zia­lis­mus un­ter­ge­ord­net wer­den. Die auf die BRD be­schränkte deut­sche Mo­no­pol­bour­geoi­sie nutzt den Wi­der­spruch zwi­schen bei­den Zie­len zum Wie­der­auf­stieg aus. West­deutsch­land wird re­mi­li­ta­ri­siert. Krie­ge sol­len in Eu­ro­pa und Asi­en aus­ge­foch­ten wer­den, von USA fi­nan­ziert: Die­se Dok­trin der US-Im­pe­ria­lis­ten wird durch die Atom-In­ter­kon­ti­nen­tal­ra­ke­ten der SU gestört.

Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräfte: Ein wei­te­rer Auf­schwung der Elek­tro-, Che­mie- und Fahr­zeug­tech­nik, auf Ba­sis zu­neh­mend au­to­ma­tisch ge­steu­er­ter Pro­duk­ti­on, setzt sich in den im­pe­ria­lis­ti­schen Ländern breit durch, während die Ent­wick­lung der abhängi­gen Länder be­hin­dert wird. Die mi­litärisch wich­ti­gen Wirt­schafts- und Tech­no­lo­gie­sek­to­ren Luft- und Raum­fahrt, Mi­kro­elek­tro­nik (IT), Atom­for­schung so­wie Ölpro­duk­ti­on und -ver­tei­lung wer­den von den USA kon­trol­liert.

We­gen der an­dau­ern­den Hochrüstungs­pro­duk­ti­on ent­steht eine lan­ge Wie­der­auf­bau­pha­se ohne star­ke Un­ter­aus­las­tung. Un­ter dem Bret­ton-Woods-Währungs­sys­tem set­zen die US-Im­pe­ria­lis­ten ei­nen fes­ten US-Dol­lar-Preis für Gold fest und ei­nen fes­ten Preis an­de­rer Währun­gen für den US-Dol­lar. Da­mit zah­len die an­de­ren Teil­neh­mer­na­tio­nen des Sys­tems de fac­to Tri­but an die USA.

Var­ga il­lus­triert auch die­se Si­tua­ti­on mit dem In­dex der ka­pi­ta­lis­ti­schen Welt-In­dus­trie­pro­duk­ti­on. (sie­he obi­ge Ta­bel­le)

Die USA ex­por­tie­ren Ka­pi­tal nach Eu­ro­pa, wer­den aber schwächer we­gen ih­rer zu­neh­men­den Mi­litäraus­ga­ben. Sie können Gold­ab­fluss nicht ver­hin­dern, sind aber wei­ter mi­litärisch do­mi­nant v.a. durch Atomrüstung. Die Su­ez­kri­se zeigt den Ab­stieg von Großbri­tan­ni­en und Frank­reich und die Be­deu­tung der Atomrüstung. Das Bret­ton-Woods-Sys­tem hält bis An­fang der 70er Jah­re.

Auf die Be­frei­ungs­be­we­gun­gen re­agie­ren die Im­pe­ria­lis­ten mit dem Neo­ko­lo­ni­al­sys­tem, Schein­un­abhängig­keit und Mi­litärin­ter­ven­tio­nen.

Ent­wick­lung der Klas­sen: wei­te­re Kon­zen­tra­ti­on der Mo­no­pol­bour­geoi­sie und auch der nicht-mo­no­po­lis­ti­schen Bour­geoi­sie. Wei­te­re Ab­nah­me der al­ten Mit­tel­schich­ten, Zu­nah­me der neu­en. Zur ideo­lo­gi­schen Be­frie­dung der im an­ti­fa­schis­ti­schen Wi­der­stand zum So­zia­lis­mus nei­gen­den Zwi­schen­schich­ten spie­len die Kir­chen eine große Rol­le.

Die Ar­bei­ter­klas­se der im­pe­ria­lis­ti­schen Großmächte wird in der länge­ren (als 1924-1929) re­la­tiv sta­bi­len Pha­se ideo­lo­gisch be­frie­det haupt­sei­tig durch eine So­zi­al­de­mo­kra­tie, die sich auf eine brei­te Ar­bei­terbüro­kra­tie stützen kann. Ge­werk­schafts-, Ver­wal­tungs- und Re­gie­rungs­pos­ten auf Ebe­nen eher un­ter­halb der Zen­tral­re­gie­rung ste­hen im Macht­be­reich der im­pe­ria­lis­ti­schen Großmächte in Mil­lio­nen­zahl für So­zi­al­de­mo­kra­ten zur Verfügung.

Var­ga for­mu­liert: „Der SMK reift zur vol­len Blüte“. In der Ak­ku­mu­la­ti­ons­be­we­gung des Ka­pi­tals spie­len Bank­ka­pi­tal und Staat eine zu­neh­men­de Rol­le. Durch ent­spre­chen­de Ge­setz­ge­bung grei­fen bei­de mit Staats- und Pri­vat­kre­dit zur Stärkung der Nach­fra­ge zu­neh­mend in den Re­pro­duk­ti­ons­pro­zess des Ka­pi­tals ein. Da­bei nimmt auch die Rol­le der Mi­li­ta­ri­sie­rung in der Pro­duk­tiv­kraft­ent­wick­lung und als Nach­fra­gestütze zu.

ab 1958 Dritte Etappe der „Allgemeinen Krise” des Kapitalismus?

Eu­gen Var­ga be­ginnt das Ka­pi­tel VI sei­nes Buchs von 1961[7], „die neue (drit­te) Etap­pe der all­ge­mei­nen Kri­se des Ka­pi­ta­lis­mus“ mit dem Hin­weis auf die Erklärung der Be­ra­tung von Ver­tre­tern der kom­mu­nis­ti­schen und Ar­bei­ter­par­tei­en im No­vem­ber 1960 in Mos­kau: Var­ga zi­tiert die „Erklärung“:

Das so­zia­lis­ti­sche Welt­sys­tem wird zum aus­schlag­ge­ben­den Fak­tor der Ent­wick­lung der mensch­li­chen Ge­sell­schaft“. Var­ga zi­tiert wei­ter: „Der Tri­umph des So­zia­lis­mus in ei­ner großen Grup­pe Länder Eu­ro­pas und Asi­ens, die etwa ein Drit­tel der Mensch­heit um­fasst; das mäch­ti­ge Wachs­tum der Kräfte, die für den So­zia­lis­mus in der gan­zen Welt kämp­fen und die ste­ti­ge Schwächung der Po­si­tio­nen des Im­pe­ria­lis­mus im öko­no­mi­schen Wett­be­werb mit dem So­zia­lis­mus; der neue ge­wal­ti­ge Auf­schwung des na­tio­na­len Be­frei­ungs­kamp­fes und der im­mer ra­sche­re Zer­fall des Ko­lo­ni­al­sys­tems; die zu­neh­men­de La­bi­lität des ge­sam­ten Wirt­schafts­sys­tems der ka­pi­ta­lis­ti­schen Welt; die die Zu­spit­zung der Wi­dersprüche des Ka­pi­ta­lis­mus in­fol­ge der Ent­wick­lung des staats­mo­no­po­lis­ti­schen Ka­pi­ta­lis­mus und des wach­sen­den Mi­li­ta­ris­mus; die Ver­tie­fung der Ge­gensätze zwi­schen den Mo­no­po­len und den In­ter­es­sen der ge­sam­ten Na­ti­on; der Ab­bau der bürger­li­chen De­mo­kra­tie; die Ten­denz zu au­to­kra­ti­schen und fa­schis­ti­schen Re­gie­rungs­me­tho­den; die tie­fe Kri­se der bürger­li­chen Po­li­tik und Ideo­lo­gie – all das sind Be­wei­se dafür, dass die Ent­wick­lung der all­ge­mei­nen Kri­se des Ka­pi­ta­lis­mus in eine neue Etap­pe ein­ge­tre­ten ist.“ (Her­vor­he­bung im Ori­gi­nal)

Das Zi­tat ist vollständig wie­der­ge­ge­ben, weil so klar wird, dass alle ge­nann­ten Fak­to­ren für die Ent­wick­lung der 3. Etap­pe eben­falls in der 2. Etap­pe vor­han­den sind. In der Dar­stel­lung der 2. Etap­pe nimmt Var­ga z.B. auch aus­drück­lich auf den Sput­nik-Schock und die In­ter­kon­ti­nen­tal­ra­ke­ten der SU Be­zug. Der qua­li­ta­ti­ve Un­ter­schied der 3. Etap­pe zur 2. Etap­pe muss also in der „ste­ti­gen Schwächung der Po­si­tio­nen des Im­pe­ria­lis­mus im öko­no­mi­schen Wett­be­werb mit dem So­zia­lis­mus“ lie­gen. Hier liegt ent­spre­chend die Fehl­einschätzung der Mos­kau­er Erklärung.

Fazit:

Die Theo­rie des SMK und der all­ge­mei­nen Kri­se baut im Kern bruch­los auf den von Marx und Le­nin ent­wi­ckel­ten Grund­la­gen der po­li­ti­schen Öko­no­mie auf. Mit ih­rer Hil­fe kann es ge­lin­gen, die ge­genwärti­ge Be­we­gung des Klas­sen­kampfs in sei­ner in­ter­na­tio­na­len und na­tio­na­len Form kon­kret zu un­ter­su­chen, be­son­ders durch die Ver­bin­dung der Ana­ly­se der zy­kli­schen Kri­sen mit der „All­ge­mei­nen Kri­se“.

Die qua­li­ta­ti­ven Ent­wick­lun­gen der 1. und 2. Etap­pe sind nach­voll­zieh­bar und auch nach 1989 gültig. Das gilt nicht für die 3. Etap­pe. Zur Re­ha­bi­li­tie­rung der Theo­rie der all­ge­mei­nen Kri­se ist des­halb auf die For­mu­lie­rung ih­rer Ent­wick­lung zurück zu ge­hen, die wir auf S. 14 des Buchs von Bi­nus/​Lan­de­feld/​Wehr fin­den: „… be­son­ders aber nach dem zwei­ten Welt­krieg mit dem Ent­ste­hen des so­zia­lis­ti­schen Welt­sys­tems und dem Zu­sam­men­bruch des Ko­lo­ni­al­sys­tems, wird die all­ge­mei­ne Kri­se im mar­xis­ti­schen Theo­rie­gebäude über ei­ni­ge Jahr­zehn­te nicht nur aus den in­ne­ren Wi­dersprüchen des Ka­pi­ta­lis­mus, son­dern vor al­lem aus der Wech­sel­wir­kung des Kamp­fes bei­der Welt­sys­te­me ab­ge­lei­tet.“ (BLW S. 13/​14).

Die Theo­rie der all­ge­mei­nen Kri­se soll­te ih­ren Platz im „mar­xis­ti­schen Theo­rie­gebäude“ ha­ben und kann frucht­bar an­ge­wandt wer­den zur Ana­ly­se des heu­ti­gen SMK, wenn man Ab­stand nimmt von der ein­sei­ti­gen Ab­lei­tung „aus dem Kampf bei­der Welt­sys­te­me“. Sie wird mit Le­ben erfüllt, wenn sie aus den Wi­dersprüchen des Ka­pi­ta­lis­mus in ih­rer Ge­samt­heit ab­ge­lei­tet wird.

These:

Auf den Ana­ly­sen zur 1. und 2. Etap­pe kann ana­log eine Ana­ly­se von den von Var­ga gründ­lich un­ter­such­ten 50er Jah­ren bis heu­te auf­ge­baut wer­den. Zu dis­ku­tie­ren wäre, ob man ab 1989 von ei­ner 3. Etap­pe spre­chen kann. Die Ent­wick­lung 1945-1989 ist durchgängig ge­kenn­zeich­net vom Haupt­in­ter­es­se des US-Im­pe­ria­lis­mus sei­ne Do­mi­nanz zu er­hal­ten, das Var­ga als grund­le­gend für die 2. Etap­pe fest­ge­stellt hat. Var­ga hat­te dort fest­ge­stellt, dass aus dem Haupt­in­ter­es­se, die Do­mi­nanz zu er­hal­ten, zwei wi­dersprüchli­che, aber un­auflösbar ver­bun­de­ne Un­ter­zie­le fol­gen:

1. ge­gen das so­zia­lis­ti­sche La­ger (das zurück­ge­drängt und ver­nich­tet wer­den soll),

2. ge­gen die im­pe­ria­lis­ti­schen Kon­kur­ren­ten (die un­ter Kon­trol­le ge­hal­ten wer­den müssen).

Hier ha­ben sich die Kräfte­verhält­nis­se nach dem Bruch 1989 ver­scho­ben. Bis 1989 war das Un­ter­ziel 2 dem Un­ter­ziel 1 leich­ter un­ter­zu­ord­nen. Nach 1989 ha­ben sich nicht nur die Kräfte­verhält­nis­se zwi­schen den Ländern und Staa­ten, son­dern natürlich auch in­ner­halb der­sel­ben ver­scho­ben. Das wird ge­ra­de uns in Deutsch­land 25 Jah­re später im­mer deut­li­cher.

Zu un­ter­su­chen wäre zunächst ent­spre­chend Var­gas Ana­ly­se­me­tho­de die Zu­spit­zung der Wi­dersprüche, die zum Bruch um 1989 geführt ha­ben. Dar­auf auf­bau­end wäre die Ent­wick­lung der Kräfte­verhält­nis­se nach 1989 ein­zuschätzen. Mit Rück­sicht auf das obi­ge „Fa­zit“ würde die­se neu be­leb­te Theo­rie der all­ge­mei­nen Kri­se „mit Le­ben erfüllt, wenn sie aus den Wi­dersprüchen des Ka­pi­ta­lis­mus in ih­rer Ge­samt­heit ab­ge­lei­tet wird“. Da­bei müsste der Zu­sam­men­hang her­ge­stellt wer­den zwi­schen den in­ne­ren Wi­dersprüchen – Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräfte und ent­spre­chend der Klas­sen und Schich­ten und den Re­sul­ta­ten ih­rer po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung – mit der Ent­wick­lung der äußeren Wi­dersprüche zwi­schen den im­pe­ria­lis­ti­schen Hauptmäch­ten, den abhängi­gen und um Un­abhängig­keit kämp­fen­den Ländern und den so­zia­lis­ti­schen Ländern.

Ste­phan Müller

Index der kapitalistischen Welt-Industrieproduktion
1880 1890 1900 1913 1920 1929 1932 1938
31 52 73 121 116 176 114 181
Index der kapitalistischen Welt-Industrieproduktion
1900 1913 1920 1929 1932 1938 1948 1958
73 121 116 176 114 181 258 411
Eugen Varga (1879 – 1964)

Als Begründer der Theo­rie des SMK und der All­ge­mei­nen Kri­se des Ka­pi­ta­lis­mus gilt Eu­gen Var­ga (un­ga­risch: Jenö, rus­sisch Je­w­ge­ni Sa­mui­lo­witsch War­ga / Евге́ний Самуи́лович Ва́рга, geb. 1879 in Bu­da­pest, gest. 1964 in Mos­kau).

Jürgen Kuc­zyn­ski (1904-1997): „Mein Leh­rer Eu­gen Var­ga war der größte Po­litöko­nom des Ka­pi­ta­lis­mus in der Pe­ri­ode 1924 bis 1964 … Er war der Po­litöko­nom der Kom­mu­nis­ti­schen In­ter­na­tio­na­le.

Eu­gen Var­ga wur­de 1879 in Un­garn bei Bu­da­pest als Sohn ei­nes Schreib­wa­ren­la­den­be­sit­zers ge­bo­ren. Er wur­de 1907 Han­dels­schul­leh­rer. Als Mit­glied der un­ga­ri­schen so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei schrieb er für de­ren Zei­tung und dann auch für die „Neue Zeit“, dem theo­re­ti­schen Or­gan der deut­schen So­zi­al­de­mo­kra­tie. 1918 wur­de er Pro­fes­sor für Na­tio­nalöko­no­mie an der Uni­ver­sität Bu­da­pest, 1919 Vor­sit­zen­der des Volks­wirt­schafts­rats der un­ga­ri­schen Räte­re­pu­blik. Nach de­ren Nie­der­schla­gung emi­grier­te er nach So­wjet­russ­land.

Eu­gen Var­ga wur­de von Le­nin voll in die Ar­beit der Kom­mu­nis­ti­schen In­ter­na­tio­na­len (KI) ein­be­zo­gen. Be­reits zum II. Welt­kon­gress wer­tet Le­nin Var­gas Ar­beit aus, seit­her stütz­ten sich die KI bzw. die Welt­kon­gres­se und das EKKI auf Var­gas Ana­ly­sen, die auch hef­tig kri­ti­siert wur­den. Doch Le­nin ver­tei­dig­te ihn: „Wir brau­chen vol­le und wahr­heits­ge­treue In­for­ma­ti­on …“.

Be­son­ders erwähnens­wert sind sei­ne Vier­tel­jah­res­be­rich­te zur Wirt­schafts­la­ge des Ka­pi­ta­lis­mus bis 1939, in de­nen er z.B. ge­gen alle bürger­li­chen Einschätzun­gen die Welt­wirt­schafts­kri­se 1929-1932 kon­kret vor­her­sag­te und sein Bei­trag in der Vor­be­rei­tungs­kom­mis­si­on zum VII. Welt­kon­gress 1935, auf den sich Di­mitroff bei sei­ner Ana­ly­se des Fa­schis­mus stützen konn­te. Eu­gen Var­gas wis­sen­schaft­li­che Nüchtern­heit war mit Kampf­geist ver­bun­den, so dass er Dis­kus­sio­nen mit dem EKKI und auch Sta­lin nicht aus­wich. In der Dis­kus­si­on um den Cha­rak­ter des Staats 1947 wich Var­ga al­ler­dings zurück. Er erklärte später, er habe das nicht ge­tan, weil ihn „dazu ir­gend­ein Druck in der So­wjet­uni­on zwang“, son­dern weil die ka­pi­ta­lis­ti­sche Pres­se ihn „in Ge­gen­satz zur kom­mu­nis­ti­schen Par­tei“ brin­gen woll­te. „Aber ich konn­te nicht zu­las­sen, dass ich nach ei­ner Tätig­keit von fast ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert in den Rei­hen der in­ter­na­tio­na­len Ar­bei­ter­be­we­gung vor der ka­pi­ta­lis­ti­schen Welt als Geg­ner mei­ner ei­ge­nen Par­tei hin­ge­stellt wur­de.“ (E.S.Var­ga, Aus­gewählte Schrif­ten Band 3, S. 134)

Eu­gen Var­ga hin­ter­ließ 65 Vier­tel­jah­res­be­rich­te (ca. 2.000 Sei­ten), 500 wis­sen­schaft­li­che Ar­ti­kel und 75 Bücher.

Die wich­tigs­ten Schrif­ten Eu­gen Var­gas, zu­sam­men mit ei­ner Bi­blio­gra­phie, wur­den 1979 vom In­sti­tut für in­ter­na­tio­na­le Po­li­tik und Wirt­schaft der DDR (IPW) her­aus­ge­ge­ben, Be­ar­bei­ter Horst Hei­nin­ger und Lutz Mai­er, bei Pahl-Ru­gen­stein er­schie­nen 1981, hier ver­wen­det 2. Auf­la­ge 1982: E.S. Var­ga Aus­gewählte Schrif­ten 1918 – 1964, 3 Bände.

Bio­gra­phi­sche Kurz­in­fo nach: „Her­vor­ra­gen­der Funk­ti­onär der in­ter­na­tio­na­len Ar­bei­ter­be­we­gung und be­deu­ten­der mar­xis­tisch-le­ni­nis­ti­scher Wis­sen­schaft­ler.“ Wis­sen­schaft­li­ches Kol­lo­qui­um an der Karl-Marx-Uni­ver­sität Leip­zig 1979, so­wie J. Kuc­zyn­ski: „Die Schu­le Eu­gen Var­gas“, ab­ge­druckt in J. Kuc­zyn­ski, Stu­di­en zu ei­ner Ge­schich­te der Ge­sell­schafts­wis­sen­schaf­ten, Bd. 7, Ber­lin 1977.

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