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Aufstehen gegen Kapitalismus

Wenn Wahlen etwas ändern würden, währen sie verboten‘ spottete der russische Revolutionär Lenin. So war es dann auch vor wenigen Wochen, als in Deutschland ein neuer Bundestag gewählt wurde. Viele Menschen drückten ihren Frust mit der herrschenden Politik dadurch aus, indem sie der scheinbaren „Alternative“ AfD ihre Stimme gaben. Auch unter den gewerkschaftlich organisierten WählerInnen kam die AfD vor der Linkspartei auf Platz drei. Gegen eine Merkel-Regierung, die ihre Politik als „alternativlos“ bezeichnet und für eine „marktkonforme Demokratie“ eintritt. Das Ergebnis war auch ein Schlag gegen eine angeblich soziale und linke SPD, die den größten Sozialabbau vorrangetrieben und deutsche Soldaten im Ausland wieder salonfähig gemacht hat. Während die etablierten Parteien ihre niedrigen Wahlergebnisse schönreden, freuen sich die neuen Abgeordneten von der AfD. Sie haben trotz ihres rassistischen und arbeiterfeindlichen Programms Unterstützung von Leitmedien und den Regierungsparteien bekommen, die alle Kritik an Merkels Grenzöffnung nutzten, um der AfD nach dem Maul zu reden. Doch vor und nach der Wahl bleibt klar, dass sich so schnell nichts verändern soll. Dabei bräuchte es so viel Widerstand in diesem Land. Zum Glück sind die Momente zur Gegenwehr nicht an die Wahltermine der Herrschenden gebunden. Und Beispiele für die Veränderbarkeit der Welt gibt es genug. Vor hundert Jahren fand das größte dieser Beispiele statt und startete eine Epoche des erfolgreichen Kampfes gegen den Kapitalismus. Daran wollen wir mit diesem Heft anknüpfen.

Euer Zeitungskollektiv

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Parlamentarischer Rechtsruck

Erklärung der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjungend (SDAJ) zum Ergebnis der Bundestagswahlen 2017

Faschistoide AfD im Parlament
12,6 % für die rassistische, völkische und faschistoide AfD; das ist das mediale Thema seit Schließung der Wahllokale gestern um 18 Uhr. Doch auch in den letzten Wochen waren viele Leitmedien damit beschäftigt die AfD als „Alternative“ zur Merkel-Regierung aufzubauen und die Aussicht auf den dritten Platz zu öffnen. Die neue Rechtspartei hat es geschafft viele enttäuschte Wähler für sich zu gewinnen, in Sachsen ist sie damit bei der Wahl stärkste Kraft und Brandenburg zweitstärkste geworden. Seit ihrem Parteitag hat sie beim Stimmenfang auf antisemitische, fremdenfeindliche und faschistische Stimmungsmache gesetzt. So sitzen jetzt für diese Partei viele Abgeordnete im Bundestag, die Kontakte zu Burschenschaften, Identitären und rechte Gruppen, wie ‚Die Freiheit‘ oder zur österreichischen FPÖ haben. Mehrere Abgeordnete leugnen die deutsche Geschichte und bezeichnen die industrielle Menschenvernichtung im deutschen Faschismus als Mythos bzw. ‚jüdische Wahrheit‘. Einer, der nun mit der AfD im Bundestag sitzt hat sogar ein Auto mit dem symbolträchtigen Kennzeichen AH 1818 (Das steht symbolisch für „Adolf Hitler“: 1 und 8 bezeichnet die Stelle der Buchstaben A und H im Alphabet).

Ende der „Volksparteien“
Wenn auch die Merkel-CDU stärkste Partei bleibt, so hat ihr bayerischer Ableger CSU massive Verluste von über zehn Prozent eingefahren. Trotz ihrer Zielstellung, die Bundespolitik durch den Abbau der Grundrechte und wirtschaftsfreundliche Politik mitzugestalten, hat Seehofer heute intern über ein Ende der gemeinsamen CDU-CSU-Fraktion abstimmen lassen; er konnte sich jedoch mit seinem Kurs an der Seite der CDU durchsetzen. Hintergrund dieser Überlegungen sind zum einen die bayerischen Landtagswahl nächstes Jahr , zum anderen aber auch die Debatte um eine „Obergrenze“ für Flüchtlinge. Schließlich wird aktuell über eine Koalition aus CDU/CSU-FDP-Grüne diskutiert und hier muss sich die CSU behaupten, die schon lange vor der AfD im Scharfmachen mit rechten Parolen geübt war. Klar ist: wer über den Rechtsruck und die fremdenfeindliche AfD redet, sollte nicht vergessen, dass der CSU-Chef schon vor Jahren dazu aufgerufen hat, sich „gegen Zuwanderung in deutsche Sozialsysteme zu wehren – bis zur letzten Patrone“.
Die SPD kommt mit 20,5 % auf das historisch tiefste Ergebnis seit Jahrzehnten und knüpft damit an den schlechtesten Ergebnissen ihrer Partei in der Weimarer Republik an. Es ist die Unglaubwürdigkeit einer Partei, die für Sozialabbau und Konzernpolitik steht und sich gleichzeitig als sozial und gerecht verkauft, die dazu geführt haben, dass der Schulz-Zug aufgehört hat zu Rollen. Wer mit Martin Schulz einen Kandidaten aufstellt, der seit Jahrzehnten in der Parteispitze mitverantwortlich ist und im EU-Parlament bei der Kürzungs- und Austeritätspolitik vorne mit dabei war, kann keinen Politikwechsel erreichen. Jetzt in die Opposition zu gehen, wird der nächste Versuch sein, sich das Image einer sozialen Partei zu geben. Die praktische Politik der letzten Jahrzehnte spricht jedoch eine andere Sprache.

Wahl zwischen Pest und Cholera
Die SPD hat in den letzten Wochen darauf gesetzt, Stimmen dadurch zu gewinnen, indem sie davor gewarnt hat, dass mit der AfD „erstmalig“ Nazis in den deutschen Bundestag kommen würden. Mal abgesehen von hunderten NSDAP-Mitgliedern, teilweisen mit Funktionen und Verantwortung, die nach 1945 in westdeutschen Parlamenten, Regierungen und Ministerien saßen, wird dabei verschwiegen, dass mit der „Deutschen Volkspartei“ schon einmal eine Rechtsaußen-Partei im Bundestag saß. Damals hat sie Kanzler Adenauer sogar in die Regierung geholt. Das ist die Warnung für fortschrittliche Kräfte heute: Den Rechten müssen die Anhänger und ihr Einfluss genommen werden, denn es gibt keinen Grund zu glauben, dass die etablierten Parteien nicht doch bereit wären, mit der AfD zusammenzuarbeiten.
Für diese Leute werden nun viele Gelder locker gemacht, um Mitarbeiter und Büros zu finanzieren. Diese werden, zusätzlich zu den Millionen Euro Parteienfinanzierung, aus unseren Taschen gezahlt. So werden über öffentliche Gelder Aufstieg und Spaltung der reaktionären Parteien ermöglicht. AfD-Chefin Frauke Petri, die den Begriff „völkisch“ wieder positiv besetzen möchte, erklärte vor wenigen Stunden, dass sie nicht Teil der AfD-Fraktion werden möchte. Grund dafür ist der Rechtsruck unter dem neuen Führungsduo der Partei. Mit Alice Weidel, die in der Wirtschaft für Goldman Sachs und die Allianz tätig war, und Alexander Gauland, der aus reaktionären CDU-Kreisen kommt, hat die Partei eine Spitze bekommen, die ihre Hand schützend über faschistische Sprücheklopfer wie Bernd Höcke gelegt hat. So verwundert es doch auch nicht, dass der ehemalige Staatssekretär und Mitarbeiter für Bürgermeister, Bundespresseamt und Bundesministerium, Alexander Gauland von der AfD gestern auf ihrer Wahlparty erklärte: „Wir werden sie jagen. Wir werden unser Volk zurückholen“.

Alternative Linkspartei?
Mit der Partei Die Linke wurden im Wahlkampf soziale Fragen in den Mittelpunkt gestellt und damit auch ein paar Stimmen dazu gewonnen. Unklar blieb aber ihre Haltung zu einer Teilnahme an einer Bundesregierung mit den Sozialabbau- und Kriegsparteien SPD und Grüne. Solche Koalitionen kennen wir leider schon aus Berlin und Thüringen. Länder, in denen weiter privatisiert wird, in denen Wohnraum teilweise unbezahlbar ist, aus denen Flüchtlinge in Kriegsländer abgeschoben werden, in denen Angestellte im öffentlichen Dienst, wie an der Berliner Charité, seit Jahren für bessere Löhne kämpfen. Parteichefin Kipping hat im Wahlkampf erklärt, dass sie auf eine starke SPD hoffe und auch Wagenknecht erklärte heute, dass sie auf einen Wandel der SPD hin zu einer echten sozialdemokratischen Partei hoffe. Gründe das zu hoffen, gibt es wenige, schließlich hat die SPD bewiesen, dass sie lieber besserer Sachverwalter des kapitalistischen Wahnsinns gewesen wäre, als nun niedergeschlagen in die Opposition zu gehen.
Und trotzdem orientiert die Linkspartei im Zweifel lieber auf den Parlamentarismus und Illussionen in die Möglichkeiten der Politikveränderung durch Einbindung in den bürgerlichen Politikbetrieb. Dazu gehören auch die seit Jahren andauernden Aufweichungen ihrer Positionen, v.a. der Entsorgung einer antimilitaristischen Haltung gegen Aufrüstung und Krieg – Prominente Parteimitglieder wie Gysi und Liebich dürfen seit Jahren Politik machen, die sich nicht grundsätzlich gegen die NATO und gegen imperialistische Kriegspolitik stellt, dabei wäre das das Gebot der Stunde. Sie ist damit als Partei unglaubwürdig für all jene, die kein Vertrauen in den parlamentarischen Politikbetrieb haben und die sich grundsätzlich gegen Sozialabbau und kriegerische Aggressionen stellen. Eine konsequente Orientierung auf Eigenaktivität hingegen ist der Hebel um soziale Kämpfe zu beleben.
Hier liegt wohl auch der Grund dafür, dass die Linkspartei zwar mit etwas mehr Prozent als bei der letzten Wahl in den Bundestag einziehen wird, dem Rechtsruck in diesem Land jedoch nichts entgegen setzen konnte. So wurde aus der bisherigen Oppositionsführerin in Berlin die schwächste Fraktion im neuen Parlament. Und aus einem Parlament mit einer rot-rot-grünen Mehrheit – auf die so viele ihre Illusionen gesetzt haben, für deren Konsolidierung seit Oktober hochrangige Treffen stattgefunden haben und die sich trotzdem in vier Jahren nicht bemerkbar gemacht hat – wird nun eine mehrheitlich aggressiv neoliberales und reaktionäres Parlament mit sieben statt bisher fünf Parteien und mindestens ebensovielen Fraktionen.

Jubel bei den Herrschenden
Mit den nun laufenden Diskussionen um eine sogenannte Jamaica-Koalition, also CDU/CSU-FDP-Grüne, werden uns wirtschaftsfreundliche Reformen und verschärfte Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtum von unten nach oben erwarten. Mit dem möglichen Einzug der Grünen in eine schwarz-gelbe Bundesregierung wird sich die aggressive deutsche Außenpolitik innerhalb der Europäischen Union als auch gegenüber Russlands zuspitzen. Dazu hat die aktuelle Grünen-Spitze während der Euro-Krise und währemd dem Ukraine-Krieg viele Beispiele geliefert. Doch auch ohne die Grünen, hat der EU-Kurs des deutschen Kapitals eine Bestätigung bekommen, gegen die sich bei unseren europäischen Nachbarn seit Jahren Widerstand formiert. Und auch der vermeindliche Image-Wechsel der FDP war nicht mehr als das Hinzufügen einer neuen Parteifarbe, die Inszenierung von Sunnyboy Christian Lindner und der Einkauf einer schicken Marketingstrategie. Doch das hat gewirkt und eine Partei zurück in den Bundestag geholt, die vor vier Jahren wegen ihrer platten neoliberalen Politik, durch die unzählige Menschen in die Armut gedrengt wurden, abgewählt worden war. Ob die Jamaica-Koalition zu Stande kommt, wird sich wohl an den Fragen nach einer „Obergrenze“ und „Ehe für alle“ entscheiden. Unabhängig davon ist schon jetzt klar, dass der politische Kurs für eine „marktkonforme Demokratie“ fortgesetzt wird. Das heißt: ändern wird sich de facto wenig. Der Wahlkampf war ein organisiertes Spektakel, in dem sich ähnliche Typen ähnliche Inhalte um die Ohren gehauen haben und damit beim medialen Aufputschen der AfD mitgemacht haben. Begleitet wurde das ganze von Angstmacherei, die BILD-Zeitung redete sogar von einer russisch-beeinflussten Wahlmanipulation.
Doch neben dem ganzen Spektakel bleiben die realen Probleme drängend: Das Hartz-IV-Zwangssystem, fehlende Gelder bei Gesundheit, Bildung, Kultur, ein riesengroßer Niedriglohnsektor dank Zeit- und Leiharbeit und befristete Verträge sowie Arbeitslosigkeit. Alle etablierten Parteien haben diesen Kurs mitgemacht und versucht Menschen in den kapitalistischen Wahn einzubinden. Das ist auch gut gelungen; selbst dort wo die Linkspartei in Verantwortung mitreden durfte, hat sie sich daran beteiligt. Dagegen haben tausende Menschen ihre Stimme den Kommunisten gegeben. Als kleine, aber deutliche Demonstration in der Wahlkabine gegen das parlamentarische Theater bei dem – dank 5%-Hürde und verschiedenen sozialen Gruppen, denen kein Wahlrecht zugesprochen wird – Proteststimmen unter den Tisch fallen

Weiter den Weg des Widerstandes
Die tausenden Proteststimmen für die Liste der Kommunistischen Partei (DKP) sind noch viel zu wenige. Wir müssen mehr werden, die gemeinsam den Weg des Widerstandes gehen. Dafür ist es noch nicht zu spät, denn entscheidend ist für uns kein Kreuz auf dem Stimmzettel, sondern das aktive Eintreten für die eigenen Interessen. Nicht nur die Stimme abgeben – danach, und besonders bei diesem Wahlergebnis, heißt es: die Stimme erheben! Die zu erwartende Politik in Berlin und von der neuen Bundesregierung – ob Jamaica oder doch die stabile und bewährte große Koalition – erfordert von uns, dass wir uns fürdie Verteidigung unserer sozialen und demokratischen Grundrechte selber stark machen und dazu viele Mitstreiter finden und sammeln.
Dabei bieten die Sofort-Vorschläge der Kommunisten weiterhin die richtige Grundlage: Sofortige Investition in öffentliches Eigentum (Neubau von Sozialwohnungen, Schulen, Jugendzentren und Kindertagesstätten), Schaffung von Arbeitsplätzen (Zusätzliche LehrerInnen, ErzieherInnen, Krankenhauspersonal und SozialarbeiterInnen), Verbesserung der Sozialleistungen, Konsequente Friedenspolitik (Rücknahme der Aufrüstungspläne, Kürzung der Militärausgaben, Stopp aller Waffenexporte), Besteuerung der Reichen (Erhöhung der Spitzensteuer auf Unternehmensgewinne, Einführung einer Millionärssteuer); Wählt den Weg des Widerstands! Werdet selber für eure Interessen aktiv!

Bundesgeschäftsführung der SDAJ
Essen, 25.09.2017

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5. September 2017

Post von der SDAJ

Jörg Hofmann ist Bundesvorsitzender der Industriegewerkschaft Metall und Mitglied der SPD. Chris ist in der SDAJ und der IG-Metall-Jugend Nürnberg aktiv. Er arbeitet in einem Autohaus im Teiledienst

Jörg Hofmann ist Bundesvorsitzender der Industriegewerkschaft Metall und Mitglied der SPD. Chris ist in der SDAJ und der IG-Metall-Jugend Nürnberg aktiv. Er arbeitet in einem Autohaus im Teiledienst

Lieber Jörg,

die IG Metall hat ja vor kurzem einen neuen Tarifvertrag zur Leiharbeit mit den Metall-Arbeitgeberverbänden verhandelt. Klingt vielleicht erst mal ganz gut, ist aber ziemlich kacke. Warum?

Naja, zum einen ist Leiharbeit von unserem Standpunkt aus, aus Sicht von ArbeiterInnen und Angestellten, grundsätzlich abzulehnen. Leiharbeitsplätze sind extrem prekär. Unsere Kolleginnen und Kollegen, die über eine Leiharbeitsfirma eingestellt sind, können jederzeit wieder gekündigt werden und verdienen meistens weniger Geld für die gleiche Arbeit. Das wird durch kleine Tricks ermöglicht, z.B. weil kein Anspruch auf Sonderzahlungen etc. besteht. Leiharbeit wird schon lange nicht mehr benutzt, um sogenannte Auftragsspitzen bewältigen zu können, sondern ist inzwischen gang und gäbe. Leiharbeit wird in Deutschland auch für den ganz normalen Arbeitsablauf eingesetzt. Aber auch das Argument mit den Auftragsspitzen zählt ja nicht so ganz. Jörg, wir zwei Gewerkschafter sollten doch nachdenklich werden, dass das unternehmerische Risiko auf die Beschäftigten abgewälzt wird, aber die Boni nicht. Versteht sich von selbst? Versteht sich von selbst!

Worum geht es dann also bei der Leiharbeit? Leiharbeit dient den Unternehmern als Spaltungsinstrument gegenüber den sogenannten „Arbeitnehmern“. Gleiche Arbeit und gleicher Lohn oder gar gleiche Rechte? Von wegen! Die Belegschaften, also wir, die wir ihnen unsere Arbeitskraft geben, werden gespalten in Leiharbeiter und Stammbelegschaft.
Dass man gemeinsam für die gleichen Interessen kämpfen muss und die Gegner nicht die Leiharbeiter sind, sondern die Gegner in der Chefetage sitzen, kann so leicht verschleiert werden. Dieses Problem kann auch nicht mit einem Tarifvertrag gelöst werden. Gewerkschaften sollten sich deshalb für ein Verbot von Leiharbeit einsetzen, statt zu versuchen diese zu regeln.

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Dieser Artikel ist aus unserem Magazin POSITION, Ausgabe #4/17. Du kannst das Heft einzeln bestellen (1,70€) oder abonnieren (ab 10€/Jahr): position@sdaj-netz.de

Dieser Artikel ist aus unserem Magazin POSITION, Ausgabe #4/17. Du kannst das Heft einzeln bestellen (1,70€) oder abonnieren (ab 10€/Jahr): position@sdaj-netz.de

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Also, was genau wird eigentlich mit dem neuen Tarifvertrag geregelt? Mit dem neuen Gesetz zur Leiharbeit, das seit dem 1. April gilt und immer noch vollkommen unzureichend ist, wird die maximale Ausleihdauer von Leiharbeitern in einem Betrieb ersteinmal auf 18 Monate begrenzt. Der Tarifvertrag der IG Metall erlaubt es jedoch, die Ausleihdauer auf 48 Monate zu verlängern. Das geht dann aber nur mit einer Betriebsvereinbarung (BV), die der Betriebsrat mit der Geschäftsleitung vereinbaren muss. Nach diesen 48 Monaten (also nach vier Jahren!) besteht dann ein Anspruch auf eine feste Übernahme. Wie allerdings verhindert werden soll, dass die Kolleginnen und Kollegen vorher abgemeldet werden – schließlich sprechen wir hier ja von Leiharbeit!!! – bleibt ein Rätsel. Feste Übernahme also am Arsch… Hoffen wir mal, dass sich nicht allzu viele Betriebsratsgremien für die zweifelhaften Abmachungen hergeben.

Lieber Jörg, du denkst wohl, wer für die Stammbelegschaft das Beste rausholen will, muss eben bei den Leiharbeitern Abstriche und Zugeständnisse machen. Da irrst du dich! Nur zur Erinnerung: Gewerkschaften sind stark durch ihre Einigkeit. Wer meint, bei den Leiharbeitern kann man ja Zugeständnisse machen, sollte aufpassen, dass die losgetretene Welle nicht als Bumerang zurückkommt. Wir bleiben dabei: Solidarität ist unsere Waffe!

Chris, Nürnberg
und das Zeitungskollektiv

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10. September 2017

SDAJ

Reportage: Wie der Leistungsdruck in der Schule verschärft wird

Das deutsche Schulsystem wird immer stärker nach Kriterien der Effizienz, Effektivität und im Sinne wirtschaftlicher Interessen gestaltet. Durch das achtjährige Gymnasium (kurz: G8) sollen SchülerInnen schneller durch die Schule geschleust werden, schneller zum Abitur kommen und dadurch früher eine Berufsausbildung beginnen. Das bedeutet nicht nur enormen Stress für die Schülerinnen und Schüler, sondern erhöht auch die Selektivität des Schulsystems. Denn der Wechsel von anderen Schularten aufs Gymnasium, der auch vorher schon sehr schwer war, ist dank G8 fast unmöglich geworden. Durch die langesame Umstellung von der Drei- auf die Zweigliedrigkeit wird der elitäre Charakter des Gymnasiums nicht aufgehoben. Diese Entwicklungen tragen also nicht dazu bei, mehr Bildungsgerechtigkeit zu schaffen.

Hausaufgaben statt Hobbies

Franka* besucht die 11. Klasse eines Gymnasiums in Hessen. Nächstes Jahr wird sie ihr Abi machen. Ihr Jahrgang ist der vorletzte an ihrer Schule, der noch G8 macht. Der Unterschied zu den G9-Klassen ist enorm. „Besonders krass war es in der Mittelstufe“, sagt Franka. „Wir hatten fast jeden Nachmittag Unterricht, zweimal pro Woche sogar bis halb fünf. Das war in der siebten Klasse!“ Trotz langer Schultage gab es einen riesigen Berg an Hausaufgaben, der kaum bewältigbar war. Nicht selten saßen die SchülerInnen abends noch mehrere Stunden daran. Zeit für Hobbies, Freizeit oder Erholung blieb dabei kaum. Viele aus Frankas Freundeskreis haben nach und nach ihre Hobbies aufgeben müssen, um in der Schule durchzukommen. „Richtig hart war auch der Übergang von der Mittel- in die Oberstufe. Da wurde stark selektiert. Von 105 Leuten in der Mittelstufe sind inzwischen noch 80 übrig“, stellt Franka fest. Die Übrigen haben den Sprung nicht geschafft, sind sitzengeblieben oder haben die Schule ganz abgebrochen. Franka führt das eindeutig auf G8 zurück. „In der Oberstufe gibt es klare Vorgaben, was gelernt werden muss. Aber bei G8 ist es gar nicht möglich, die Inhalte für die Oberstufe wirklich gut vorzubereiten. Man schafft den ganzen Stoff nicht“. Einige von Frankas Freundinnen sind aufgrund des Leistungsdrucks in der Schule in psychologischer Behandlung. Und die Klausuren sind teilweise nur zu schaffen, wenn man vorher die Schule schwänzt, um Zeit zum Lernen zu finden. Selbst das reicht oft nicht aus. „Während der Klausuren brechen immer wieder Leute weinend zusammen, haben Blackouts und können nicht weitermachen, weil sie mit dem ganzen Druck nicht zurecht kommen“, sagt Franka.

Krank durch Stress

Julia hat nach zwölf Jahren Schule im Juli ihr Abi in Nürnberg gemacht. Als sie in der siebten Klasse war, wurde in Bayern G8 eingeführt. „Man hat den Unterschied gleich nach den Sommerferien gespürt“, sagt Julia. Der Stress hat von da an kontinuierlich zugenommen. Das erste Jahr G8 war auch das Jahr, in dem die meisten Leute die Schule abgebrochen bzw. gewechselt haben. Immer mehr SchülerInnen haben schlechte Noten geschrieben. „Auch ich hatte plötzlich 5er und 6er in den Klassenarbeiten und konnte mir nicht erklären, warum“, sagt sie. Denn eigentlich war Julia immer eine gute Schülerin gewesen. Diejenigen, die mit dem neuen Stress und Druck nicht zurecht kamen, wurden nicht unterstützt, sondern einfach fallen gelassen. „Man hatte den Eindruck, dass die Überforderung mit der neuen Situation und dem vielen Stress dazu genutzt wurde, zu selektieren“. Für Julia begann die schwierigste Zeit in der Oberstufe. „Da wurde uns ständig nur noch erzählt, dass wir jetzt aufs spätere Leben vorbereitet werden sollen“. Und das hieß konkret: kein Spaß mehr am Lernen, sondern eine klare Orientierung auf Effizienz und Stress. Das sei aber gut so, hieß es. Denn nach der Schule gehe es genau so weiter. Da sei es gut, wenn die SchülerInnen sich möglichst früh dran gewöhnten.

Der Stress hatte auch Auswirkungen auf das Verhältnis der SchülerInnen untereinander. Während vorher noch ein solidarischer Umgang miteinander bestand und man sich mit Informationen und Materialien gegenseitig aushalf, wurden in der Oberstufe alle mehr und mehr zu EinzelkämpferInnen. „Jeder wollte selbst möglichst gut vor den Lehrern da stehen und alle haben nur noch geschaut, wo sie selbst bleiben“. Für Julia selbst bestanden die letzten Schuljahre fast ausschließlich aus Pauken und Büffeln. Besonders in den Wochen vor dem Abi war für kaum etwas Anderes mehr Zeit. Schule und Freizeit standen in einem ständigen Widerspruch zueinander und von Seiten der LehrerInnen wurde den SchülerInnen ständig ein schlechtes Gewissen vermittelt. Wurde man vor lauter Erschöpfung krank, dann wurde man sofort schief angeschaut. Es wurde unterstellt, dass man die Schule schwänzen würde. Auch in diesem Fall konnte man nicht auf Unterstützung hoffen, sondern hatte es noch schwerer, wieder einzusteigen. Um nach dem Abi ihr Wunschstudium beginnen zu können, brauchte Julia einen Notenschnitt von 1,5. Das erhöht den Druck, bei den Prüfungen gut abschneiden zu müssen. Auf der anderen Seite steht immer die Angst, es nicht zu schaffen, keine Zukunftsperspektive zu haben, das Leben nicht hinzubekommen. „Ich habe mir immer wieder überlegt, was passiert, wenn ich den Job später nicht bekomme, wenn ich nicht genug Geld verdienen werde. Man hört ja ständig, dass man studieren soll, weil Ausbildungen immer schlechter angesehen werden“. Diese Gedanken lassen Julia nach wie vor nicht los.

Auf dem Abstellgleis

Solche Zukunftsängste kennt auch Melissa. Seit wenigen Wochen hat sie ihren Realschulabschluss in der Tasche. Der Weg dorthin war alles andere als einfach. Ihre Noten waren nicht so schlecht. Trotzdem wurde ihr in der siebten Klasse nahegelegt, von der Realschule in der baden-württembergischen Kleinstadt Hechingen lieber auf die Hauptschule zu wechseln. Dort sei sie besser aufgehoben. Bis heute weiß sie nicht, warum, denn Unterstützung bekam sie keine, folgte jedoch der Empfehlung. Viele der SchülerInnen in der achten Hauptschulklasse, in die sie wechselte, hatten Probleme zuhause und die Klasse hatte insgesamt einen schlechten Ruf. „Uns wurde ständig gesagt: ‚Aus euch wird sowieso nichts, seid froh wenn ihr überhaupt irgendeine Ausbildung findet. Aber wahrscheinlich bekommt ihr später sowieso alle Hartz IV.‘ Das hat uns noch weniger motiviert“, sagt Melissa.

Nach dem Hauptschulabschluss wechselte sie auf eine Gesamtschule, um dort ihren Realschulabschluss zu machen. Die Klasse hatte einen hohen Anteil an SchülerInnen mit Mitgrationshintergrund. „Die LehrerInnen haben uns ihren Rassismus spüren lassen“. Während sich in den vorherigen Schuljahren niemand darum gekümmert hat, wenn die SchülerInnen schlechte Noten hatten, hieß es im letzten Jahr auf einmal: „Ihr müsst lernen, ihr müsstet das alles schon können, sonst schafft ihr den Abschluss nicht“. Unterstützung haben sie trotzdem nicht bekommen. Teure Nachhilfe außerhalb der Schule konnte sich sowieso niemand leisten. Und so haben Viele aus Melissas Klasse den Realschulabschluss nicht geschafft. „Ich glaube nicht, dass das daran lag, dass die Leute zu dumm sind. Aber uns wurde ja das ganze Jahr gesagt: ‚Ihr schafft es sowieso nicht.‘ Und manche haben es dann wirklich nicht geschafft“.

Angst, nichts zu werden

Druck wurde auch gemacht, wenn es darum ging, wie es nach der Schule weitergehen soll. „Wir hatten ein Fach, da sollten wir Kompetenzen lernen, die man für Bewerbungen und fürs spätere Berufsleben braucht. Dort wurde uns empfohlen, zur Bundeswehr zu gehen, wenn wir sonst nichts finden“. In der Klasse wurde außerdem eine Runde gemacht, in der alle sagen sollten, was sie nach dem Realschulabschluss machen wollen. „Meine Freundin hat gesagt, sie möchte ihr Abitur machen. Unsere Lehrerin hat sie nur ausgelacht und gesagt, dass sie das sowieso nicht schafft“. Melissas Freundin hat sich daraufhin dagegen entschieden, sich auf einer weiterführenden Schule zu bewerben. Und so macht niemand aus Melissas Klasse mit der Schule weiter. Alle haben versucht, Ausbildungsplätze oder Ähnliches zu finden. „Viele haben einfach das Erstbeste genommen. Aus Angst, dass sie sonst nichts fänden. Egal ob der Job zu ihnen passt oder ihnen Spaß macht“, sagt Melissa.

Der immense Druck, den G8 auf SchülerInnen ausübt, steht fast seit Beginn der Reform in der Kritik. Der Widerstand von SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern dagegen wurde vielerorts so groß, dass die Tendenz inzwischen in vielen Bundesländern wieder zurück zu G9 geht. Der Leistungs- und Konkurrenzdruck für die SchülerInnen, egal welcher Schulart, wird bleiben. Denn die Tendenz bleibt, Schulen wie kleine Betriebe zu organisieren, um den Anforderungen des Kapitals nach entsprechenden Arbeitskräften gerecht zu werden.

Roxy, Tübingen

*Franka heißt eigentlich anders. Ihr echter Name ist der Redaktion bekannt

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Reich gegen Arm – Wir schlagen Alarm!

Jeden Tag erschien das „Zebra“, die Kinderzeitung der Roten Peperoni. Ihre Berichte über den Lageralltag fanden aufmerksame Leser. (Foto: Ballin)
Jeden Tag erschien das „Zebra“, die Kinderzeitung der Roten Peperoni. Ihre Berichte über den Lageralltag fanden aufmerksame Leser. (Foto: Ballin)

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Weitere Informationen über die Roten Peperoni, sowie Anmeldungen zu den Freizeiten:
mail@rotepeperoni.de
www.rotepeperoni.de

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Seit 1993 gibt es die Roten Peperoni – und genau so lange finden auch deren Ferienlager statt. Die Roten Peperoni sind eine sozialistische Kinderorganisation, in der Kinder, Jugendliche und Erwachsene mitmachen. Dementsprechend sah auch die Besetzung des Ferienlagers aus: Von Kleinkindern im Alter von vier Jahren bis zu Betreuerinnen und Betreuern über 60 Jahren war unter den über 65 Teilnehmenden jeder willkommen. Und dank zahlreicher Spenden waren auch in diesem Jahr wieder zwölf Kinder aus einem Freiburger Flüchtlingswohnheim mit dabei.
Auf dem Jugendzeltplatz Fuggerweiher in Babenhausen wurde das Lager aufgeschlagen, um den Kindern zwei Wochen lang Spiel, Spaß und Abenteuer zu bieten, aber auch das Jahresthema „Reich gegen Arm – Wir schlagen Alarm!“ zu behandeln.
Unter anderem gab es Tischtennis- und Volleyballturniere, eine spannende Nachtwanderung, eine Disco und einen Ausflug in die örtliche Falknerei. Der nahegelegene See sorgte für besonderen Spaß, denn was ist besser, als sich bei 30 Grad in der Mittagspause kurz abkühlen zu können?
Das Jahresthema wurde gemeinsam mit den Kindern in drei Themeneinheiten behandelt. Geld wurde durch Kartoffeln symbolisiert. Dass es nicht fair ist, dass sich fünf Personen ein Kilogramm Kartoffeln teilen müssen, während andere 18 kg für sich alleine zur Verfügung haben, war den Kindern schnell klar. Wenn es dann darum ging, die Kartoffeln gegen andere Waren einzutauschen, erkannten sie, dass es im echten Leben in Deutschland nicht viel anders zugeht.
Außerdem gab es ein Rollenspiel, das in verschiedenen Situationen zeigte, wo soziale Ungleichheit in unserem Umfeld herrscht. Gemeinsam mit den Kindern wurde überlegt, was gegen diese Ungleichheit getan werden kann – besser, getan werden muss!
Zum Schluss kreierten die Kinder noch Theaterstücke und Kurzfilme zum Thema, die beim thematischen Höhepunkt vorgetragen wurden.
Neben der Erarbeitung des Themas wurde auch das diesjährige „Soliprojekt“ vorgestellt, ein Projekt, das von den Roten Peperoni in diesem Jahr unterstützt wird. Es handelt sich um die „Offroad Kids“, eine Initiative, die sich dafür einsetzt, Straßenkindern eine neue Lebensperspektive zu verschaffen.
Um Kindern wie Erwachsenen die Möglichkeit zu geben, das Programm und das Lagerleben in gleichem Maße mitzugestalten, fanden regelmäßig Lagervollversammlungen statt, bei denen wichtige Fragen diskutiert und demokratische Lösungen gefunden wurden.
Dokumentiert wurde der gesamte Lageralltag von der Zebra, der Kinderzeitung der Roten Peperoni, die jeden Tag eine achtseitige Ausgabe mit Artikeln von Kindern und vielen Bildern von den Aktivitäten herausbrachte.
Den krönenden Abschluss des Ferienlagers stellte der Abschlussabend dar. Mit Theaterstücken, kleinen Sketchen und der Präsentation des Lagerfilms sorgte er noch ein letztes Mal für Ferienlagerstimmung, bevor es am nächsten Tag wieder nach Hause ging. Doch die meisten Kinder freuen sich schon auf das nächste Jahr, entweder wieder als Kind, oder schon als jugendlicher Betreuer. Wer nicht so lange warten will, kann aber auch zur Herbstfreizeit vom 28. Oktober bis 1. November in Bad Wildbad im Schwarzwald kommen. Wir laden ein zu Spätzle, Spaß und Spachteln!

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Die SDAJ hat ein Video zu der Bundestagswahl 2017 veröffentlicht.

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Bildmontage: HF

04.08.17
 

Von ver.di Jugend NRW-Süd

Fast der gesamte Jugendvorstand der ver.di Jugend NRW-Süd, mehrere weitere ver.di-KollegInnen und andere Bonner MitstreiterInnen wurden beim G20-Gipfel Opfer von politischer Verfolgung, von tagelanger Freiheitsberaubung und massiver Aushebelung der demokratischen Grundrechte durch Polizei und Staatsanwaltschaft.

In einer Gruppe von ca. 20 Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind wir am Donnerstag den 6. Juli in den frühen Morgenstunden nach Hamburg aufgebrochen. Trotz der wochenlang aufgebauten Drohkulisse durch Polizei und Regierung waren wir fest entschlossen, unser Recht auf Demonstrationsfreiheit wahrzunehmen.

Für die meisten von uns war dies allerdings kaum möglich. Nach der ersten Nacht auf dem Camp wollten wir am Freitag den 7. Juli gemeinsam an den angekündigten Blockaden gegen das Gipfeltreffen teilnehmen. Doch soweit kam es nicht: Nach nur 20 Minuten stoppte die Polizei den Zug von 200 Menschen, dem wir uns angeschlossen hatten, dann ging alles blitzschnell. Von zwei Seiten wurde unser Demonstrationszug von gepanzerten und schwer bewaffneten Polizisten und zwei Wasserwerfern angegriffen und regelrecht zerschlagen. Für uns kam der Angriff der Polizei völlig aus dem Nichts, die Menschen flohen in Panik. Wer nicht rechtzeitig wegkam, bekam den Polizeiknüppel zu spüren, wurde auf den Boden gedrückt und zum Teil sogar dann weiter mit dem Schlagstock traktiert. Man schrie uns an: „Halt die Schnauze sonst kriegst du noch eine rein!“

Ein solches Ausmaß von Polizeigewalt habe ich noch nicht erlebt. Das war keine Festnahme, sondern ein regelrechter Überfall der Polizei auf unsere Demonstration.“ erinnert sich Nils Jansen, Mitglied im Jugendvorstand der ver.di Jugend NRW-Süd

Im verzweifelten Versuch, vor den um sich schlagenden Beamten zu flüchten, kletterten DemonstrantInnen in Panik über einen Zaun und stürzten anschließend eine mehrere Meter tiefe Mauer hinunter, wobei sie sich zum Teil schwer verletzten. Niemand von uns hatte so etwas je erlebt: Menschen lagen mit zum Teil offenen Brüchen auf dem Asphalt, Polizisten schlugen immer weiter auf DemonstrantInnen ein. Es waren acht (!) Rettungswagen nötig, um die verletzten Aktivisten ins Krankenhaus zu bringen.

Nachdem die Polizei uns vor Ort zum Teil mehrere Stunden festgehalten hatte, wurden wir dann in die sog. „Gefangenensammelstelle“ (Gesa) gebracht. Die Zustände in der Gesa waren entwürdigend. Wir wurden mit bis zu 5 Personen in einen fensterlosen Container mit nichts als einer Holzbank und glatten weißen Wänden gesperrt. Die „Zellen“ waren durchgehend, auch nachts, mit zermürbendem Neonlicht beleuchtet und kaum belüftet. Die schlechte Luft, das Licht und die hohen Temperaturen haben es fast unmöglich gemacht, zu schlafen. Oft sind zusätzlich in regelmäßigen Abständen Polizisten in die Zelle gekommen oder haben an der Tür gerappelt, und uns angeschrien, sodass wir kaum schlafen konnten.

Wir alle mussten uns vor der Polizei nackt ausziehen, viele dann auch noch eine Kniebeuge machen. Eine junge Kollegin wurde gezwungen, unter den Augen der Beamten ihren Tampon herauszunehmen, und bekam anschließend keinen neuen. Einer weiteren Kollegin wurde von der Polizei bei der Festnahme ihre Brille entzogen, ohne die sie kaum etwas erkennen kann. Im Gefangenentransport wurden wir Zeuge, wie eine Gefangene von der Polizei verprügelt wurde, um ihr anschließend Fußfesseln anzulegen. Das sind nur einige Beispiele, für die Demütigungen und Erniedrigungen, denen wir und unsere Mitgefangenen in der Gesa ausgesetzt waren.

Alle außer den Minderjährigen KollegInnen wurden über 35 Stunden in der Gesa festgehalten. Bis wir einem Richter vorgeführt wurden mussten wir bis zu 30 Stunden warten, einen Anwalt sahen viele erst nach 12 Stunden und mehr. Der Anwalt eines Bonner Kollegen wurde in der Gesa von der Polizei tätlich angegriffen. Doch die Tortur endete nicht nach den 35 Stunden in der Gesa: Das provisorische „Schnellgericht“, das extra für den Gipfel eingerichtet wurde, kam der Forderung der Polizei nach, uns weitere 28 Stunden festzuhalten. Fast alle inhaftierten Bonner wurden in die JVA Billwerder verlegt und dort bis zum Sonntag den 9. Juli um 18 Uhr festgehalten. Aber damit nicht genug: Am Ende ist das provisorische Hamburger Amtsgericht der Forderung der Staatsanwaltschaft sogar soweit nachgekommen, dass drei KollegInnen in Untersuchungshaft gesteckt wurden! Unter Fadenscheinigen Gründen wurden den Bonnern „Fluchtgefahr“ attestiert, zwei von ihnen saßen von Freitag bis zum nächsten Freitag, also mehr als 170 Stunden, hinter Gittern.

Die ver.di Jugend NRW-Süd steht hinter den betroffenen MitstreiterInnen und ruft zu breiter Solidarität auf!

  • Schluss mit der Kriminalisierung des legitimen Protests gegen die G20! Freiheit für die inhaftierten G20-AktivistInnen!
  • Für die Erhaltung und Erweiterung der demokratischen Rechte! Polizei, Justiz und Bundesregierung: Finger weg vom Versammlungsrecht!
  • Kompromisslos für Frieden, für Umweltschutz, für grenzenlose Solidarität statt G20!

Spendet für von Repression betroffene AktivistInnen:
Rote Hilfe e.V.
IBAN: DE25 2605 0001 0056 0362 39
Sparkasse Göttingen
Stichwort „G20“

 

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Bild: IG BAU

31.07.17
Von DGB Düsseldorf

Für die ersten Jugendlichen beginnt das neue Ausbildungsjahr am 1. August, für andere geht es in den nächsten Wochen los. Gerade am Anfang stellen sich viele Fragen: Was ist beim Ausbildungsvertrag zu beachten? Wer regelt, wann und wo ich arbeiten muss? Muss ich wirklich Überstunden machen? Und was ist, wenn es einfach nicht passt – kann ich dann den Ausbildungsplatz wechseln?

Die DGB-Jugend hat seit über zehn Jahren ein kostenloses Online-Beratungsangebot, das Antworten auf diese Fragen gibt: Dr. Azubi. Auf www.dr-azubi.de  können Auszubildende anonym Fragen stellen. Sie erhalten innerhalb kurzer Zeit eine kompetente Antwort. „Sich schon vor der Ausbildung über seine Rechte und Pflichten zu informieren, ist hilfreich für einen guten Start“, sagt Sigrid Wolf, DGB- Regionsgeschäftsführerin Düsseldorf Bergisch-Land. Unterstützung erhalten die neuen Azubis bei den Gewerkschaften und auf der Berufsschultour der DGB-Jugend, die in den nächsten Wochen bundesweit startet. Vor Ort und in den Berufsschulen können sich Auszubildende dann direkt über ihre Rechte und Pflichten informieren.

Dr. Azubi beantwortet die häufigsten Fragen zum Ausbildungsstart unter www.jugend.dgb.de.

Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Was gilt es beim Abschluss des Ausbildungsvertrages zu beachten?

Der Ausbildungsvertrag muss noch vor Beginn der Ausbildung schriftlich geschlossen werden. Er wird von Azubi und Ausbilder unterschrieben und muss, falls der oder die Auszubildende nicht volljährig ist, zusätzlich von den gesetzlichen Vertretern – in der Regel den Eltern – unterschrieben werden. Betrieb und Azubi bekommen je ein Exemplar. Im Ausbildungsvertrag sind wichtige Punkte geregelt, wie z.B. die sachliche und zeitliche Gliederung der Berufsausbildung, der Ausbildungsort und die Ausbildungsmaßnahmen außerhalb der Ausbildungsstätte, aber auch die Dauer der täglichen Arbeitszeit und der Probezeit sowie die Zahlung und Höhe der Ausbildungsvergütung. Hier sind auch die Voraussetzungen beschrieben, unter denen der Berufsaus-bildungsvertrag gekündigt werden kann sowie ein allgemeiner Hinweis auf die geltenden Tarifverträge, Betriebs- oder Dienstvereinbarungen.

Dr. Azubi rät: Vertrag vor der Unterzeichnung gut durchlesen und bei Unklarheiten sofort nachfragen. Es lohnt sich, den Vertrag von der Gewerkschaft prüfen zu lassen.

Was bedeutet die Probezeit?

Die Probezeit dauert ein bis maximal vier Monate und dient zum gegenseitigen Kennenlernen. Während dieser Zeit können sowohl Azubi als auch Betrieb von heute auf morgen und ohne Begründung das Ausbildungsverhältnis kündigen. Die Kündigung muss aber trotzdem schriftlich erfolgen.

Können Azubis den Ausbildungsplatz wechseln?

Azubis können kündigen oder einen Aufhebungsvertrag mit dem Betrieb vereinbaren und ihre Ausbildung in einem anderen Betrieb fortsetzen. Wenn der Betrieb mit ihrem Weggang nicht einverstanden ist, brauchen Azubis aber einen gravierenden Grund für eine fristlose Kündigung.

Dr. Azubi rät: Azubis sollten erst kündigen, wenn sie einen neuen Betrieb gefunden haben, der sie übernimmt!

Müssen Azubis Überstunden machen?

Überstunden sind in der Ausbildung eigentlich nicht vorgesehen, da die Azubis im Betrieb sind, um ihren Beruf zu erlernen – und dazu reicht die vertraglich festgelegte Ausbildungszeit aus. Wenn Überstunden geleistet werden, müssen die Regelungen des Jugendarbeitsschutzgesetzes und des Arbeitszeitgesetzes eingehalten werden. Alle Überstunden müssen der oder dem Azubi mit entsprechendem Überstundenzuschlag bezahlt oder in Freizeit ausgeglichen werden.

Wann dürfen Azubis in Urlaub gehen?

Wie viel Urlaub Azubis pro Jahr zusteht, kann man im Ausbildungsvertrag nachlesen. Azubis dürfen ihren Jahresurlaub im laufenden Kalenderjahr nehmen, mindestens zwei Wochen des Urlaubs müssen am Stück gewährt werden.

Dr. Azubi rät: Frühzeitig einen schriftlichen Urlaubsantrag stellen, der Arbeitgeber muss dann innerhalb eines Monats darauf reagieren.

Wie viel Ausbildungsvergütung steht Azubis zu?

Die Ausbildungsvergütung ist für viele Azubis in Tarifverträgen festgelegt. Aber auch wenn kein Tarifvertrag Anwendung findet, muss die Vergütung angemessen sein. Azubis in einer normalen dualen Ausbildung haben deshalb auf jeden Fall Anspruch auf mindestens 80 Prozent, Azubis in einer überbetrieblichen Ausbildung auf 55 Prozent der üblichen tariflichen Vergütung.

Wie reagiert man bei einer Abmahnung?

Mit einer Abmahnung gibt der Ausbilder dem Azubi zu verstehen, dass er mit der Leistung oder dem Verhalten nicht zufrieden ist. Eine Faustregel besagt, dass der Kündigung eines Azubis mindestens zwei Abmahnungen vorausgehen müssen.

Dr. Azubi rät: Den Inhalt der Abmahnungen genau prüfen und bei einer unberechtigten Abmahnung eine Gegendarstellung verfassen. Außerdem den Betriebsrat oder die Gewerkschaft einschalten.

Welche finanziellen Hilfen gibt es?

Auszubildende können bei der Arbeitsagentur Berufsausbildungsbeihilfe beantragen, wenn das Geld nicht reicht. Eltern von Azubis unter 25 Jahren erhalten außerdem weiterhin Kindergeld, solange ihr Kind eine Ausbildung absolviert. Wenn der Azubi nicht mehr zu Hause wohnt und den Eltern keine Kosten durch ihn entstehen, müssen die Eltern ihm das Kindergeld auszahlen.

 

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Was die IG Metall Azubis und Studis bietet

19.07.2017

IG Metall

Gewerkschaft?! Brauch ich nicht! Von wegen: Die IG Metall setzt sich nicht nur für ihre jungen Mitglieder ein – sie hat auch maßgeschneiderte Angebote für Auszubildende und (dual) Studierende auf Lager.

Ausreichender Jahresurlaub, angemessene Arbeitszeiten, faire Vergütungen – gute Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen fallen nicht vom Himmel. Sie werden zwischen den Tarifpartnern, also Arbeitgebern und Gewerkschaften, ausgehandelt. Dabei gilt eine einfache Formel: Je mehr Beschäftigte sich einer Gewerkschaft wie der IG Metall anschließen, umso besser kann sie die Interessen ihrer Mitglieder durchsetzen.

Vieles hat die IG Metall schon erreicht: Regelmäßige Anhebung der Ausbildungsvergütungen und Einkommen, mehr Urlaub, kürzere Arbeitszeiten und tarifliche Regelungen zur Übernahme nach der Ausbildung sind nur einige Beispiele.

Deshalb zählt die IG Metall auf Dich: Denn nur gemeinsam sind wir stark! Es geht um Deine Zukunft, Deine Ausbildung, Dein Studium! Werde zum WIR der IG Metall.

Angebote für Auszubildende

Wer neu im Betrieb ist, dem stellen sich viele Fragen: Wie hoch ist eigentlich mein Urlaubsanspruch? Wie läuft das mit der Berufsschule? Gibt es in meinem Betrieb eine Regelung zur Übernahme nach der Ausbildung? Wer hilft mir eigentlich, wenn mein Ausbilder oder meine Ausbilderin sich nicht richtig um mich kümmert?

Die IG Metall steht Dir bei allen Fragen rund um die Ausbildung Rede und Antwort. In mehr als 150 Geschäftsstellen bundesweit kannst Du Dich von Experten beraten lassen: Jugendsekretäre, lokale Jugendgremien aber auch betriebliche Ansprechpartner wie Vertrauensleute bilden ein starkes und zuverlässiges Netzwerk. Deine zuständige Geschäftsstelle findest Du hier.

Darüber hinaus bietet Dir die IG Metall ein Bildungsprogramm speziell zugeschnitten auf die Interessen junger Beschäftigter. Auch all denjenigen, die selbst aktiv werden wollen – ob für ihre Interessen im Betrieb, für demokratische Mitbestimmung, für soziale Gerechtigkeit – vermittelt die IG Metall in Seminaren das nötige Know-how. Neben dem inhaltlichen Lernen geht es immer auch darum, neue Leute kennenzulernen und sich zu vernetzen. Die Kosten für Seminare können in Abstimmung mit Deiner zuständigen Geschäftsstelle von der IG Metall übernommen werden. Mehr Infos zum Jugendbildungsprogramm gibt’s hier.

Der Mitgliedsbeitrag beträgt für Azubis 1 Prozent des monatlichen Bruttoverdienstes.

Angebote für Studierende

Ich will ein Praktikum absolvieren – worauf sollte ich achten? Muss ich als dual Studierender Sozialversicherungsbeiträge bezahlen? Wie läuft das mit der Studienfinanzierung? Oder wie hoch sind eigentlich die Einstiegsgehälter für Absolventen in der Branche, die ich nach dem Studium anstrebe?

Auch (dual) Studierenden bietet die IG Metall Beratung zu Themen rund ums Studium. In den Hochschulinformationsbüros oder Campus Offices des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) und der IG Metall vor Ort bekommst Du Infos rund um die Themen Praktikum, Nebenjob und Berufseinstieg. Außerdem unterstützt Dich die IG Metall bei arbeitsrechtlichen Fragen zu studentischen Jobs und bietet Seminare, Veranstaltungen und Informationsbroschüren rund um die Themen Studium und Beruf. Studierende können sich vernetzen und im Austausch miteinander die Theorie aus der Hochschule mit der Praxis der Arbeitswelt verknüpfen.

Studierende ohne Erwerbseinkommen zahlen einen Monatsbeitrag von 2,05 Euro, Studierende im dualen Studium 1 Prozent des monatlichen Bruttoverdienstes.

Weitere Infos zum Service für Studierende findest Du hier.

Stipendien für Aktive

Jungen engagierten Menschen bietet die Hans-Böckler-Stiftung die Chance zu studieren: Wer gewerkschaftliches oder gesellschaftspolitisches Engagement vorweisen kann, wird mit monatlich bis zu 597 Euro gefördert, wenn damit ein Studium oder die Promotion finanziert werden soll. Hier kannst Du Dich informieren.

Die ISIC-Card kostenlos für Mitglieder

Sie ist mehr als nur ein Stück Plastik: Die ISIC-Card spart Stress und schont den Geldbeutel. Denn die ISIC-Card –  die International Student Identity Card – ist der weltweit akzeptierte Nachweis des Schüler/innen-, Auszubildenden- und Studierendenstatus. Mit ihr bekommst Du Zugang zu vielen Rabatten und Vergünstigungen. Außerdem: Bei Auslandsaufenthalten kannst Du in Notlagen eine Helpline in Anspruch nehmen. Und das Beste daran: Der Ausweis ist ab Ausstellung jeweils ein Jahr gültig und für Mitglieder der IG Metall kostenfrei erhältlich. Hier kannst Du Dich informieren und sie beantragen.

Rechtsschutz für Studierende bei Prüfungen

Seit Beginn des Jahres gibt es für Studierende, die Mitglied in der IG Metall sind, eine neue Satzungsleistung: den Rechtsschutz bei Prüfungsangelegenheiten. In welchen Fällen er greift und wer genau ihn in Anspruch nehmen kann, erklären wir hier.

Leistungen für alle Mitglieder

Egal ob im Betrieb, während der Ausbildung, im Studium, bei Erwerbslosigkeit oder in der Rente – die IG Metall bietet ihren Mitgliedern eine Vielzahl an Leistungen, um die Arbeits- und Lebensqualität zu verbessern.

Dazu gehören unter anderem:

  • DGB Rechtsschutz: kostenlose Rechtsberatung und Prozessvertretung
  • Streikgeld
  • Finanzielle Unterstützung in außerordentlichen Notlagen
  • Freizeit-Unfallversicherung (ab einem Jahr Mitgliedschaft)
  • kostenloses Seminarangebot zu gewerkschaftlichen und gesellschaftspolitischen Themen

Ausführliche Informationen zu den genannten Leistungen bekommst du hier.

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Schuldenfalle Studium

 

„Centrum für Hochschulentwicklung“ untersuchte Seriosität von Studienkrediten – Gewerkschaften fordern radikale Reform

Von Markus Bernhardt

Im Rahmen des „CHE-Studienkredit-Tests 2017“ ist das gemeinnützige „CHE Centrum für Hochschulentwicklung“ zu dem Schluss gekommen, dass die Finanzierungsangebote für Studienkredite in der Bundesrepublik „durchweg seriös und gut gestaltet“ seien. Unter den 43 untersuchten Studienkrediten, Studiendarlehen und Bildungsfonds hätten viele Spitzenergebnisse in mehreren der fünf Bewertungskategorien (Zugang, Kapazität, Kosten, Risikobegrenzung und Flexibilität) erreicht. Der diesjährige „CHE-Studienkredit-Test“ entstand in Zusammenarbeit mit dem Handelsblatt und bewertet die Vor- und Nachteile von 43 aktuell verfügbaren Studienkreditangeboten. Dadurch soll eine transparente Marktübersicht für Studierende und Studieninteressierte geschaffen werden. Ein gutes und seriöses Angebot erkenne man daran, dass bereits bei der Kreditaufnahme Klarheit über die späteren Rückzahlungsmodalitäten herrsche. Dies sei jedoch nicht bei allen untersuchten Angeboten im Test der Fall. „Der Zinssatz für die Rückzahlung ist eine ganz entscheidende Stellschraube des Kreditvertrages“, erklärte der CHE-Experte Ulrich Müller. Er wies darauf hin, dass Studierende, die einen Kredit aufnehmen, angesichts der aktuellen Niedrigzinsphase bei Vertragsabschluss auf Klarheit und Sicherheit des Zinsniveaus drängen sollten. Zudem warnte Müller, „neue innovative Angebote zur Studienfinanzierung besonders genau zu prüfen“. Hierzu gehörten etwa Peer-to-peer- oder Crowdfunding-Kredite, die im diesjährigen Studienkredit-Test nicht bewertet worden seien. Dabei würden die Kredite nicht von der Bank, sondern über ein Webportal von einzelnen oder mehreren Privatpersonen vermittelt. „Unter dem Label ‚Studienkredit‘ wird hier zu teils horrenden Zinssätzen von über 10 Prozent ein Kredit gewährt, der mit den Bedürfnissen eines Studierenden nichts zu tun hat“, warnte Müller.
Hingegen fordern der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und das Deutsche Studentenwerk, mehr Menschen in die Studienförderung einzubeziehen. Schließlich sei das BAföG in den vergangenen Jahren „systematisch vernachlässigt“ worden, kritisieren sie. Lag die Zahl der BaföG-Empfänger in den 70er Jahren noch bei knapp 50 Prozent, sei sie heute auf unter 20 Prozent gesunken. „Zu viele potentiell Studieninteressierte aus finanziell schwächeren Schichten nehmen kein Studium auf, weil sie gerade so eben keine Finanzierung über das BAföG mehr erhalten, ihre Eltern aber nicht in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren“, heißt es in einer Stellungnahme der beiden Organisationen. Um diese Gruppe für ein Studium zu gewinnen müsse „das BAföG bis weit in die soziale Mittelschicht hineinreichen“. Dafür müssten die Freibeträge der Förderung „regelmäßig und dynamisch an die Preis- und Einkommensentwicklung angepasst werden“.
Für weitreichende Reformen des BAföG sprachen sich im Februar dieses Jahres auch die DGB-Jugend, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sowie andere Gewerkschaften aus, als sie ihren „Alternativen BaföG-Bericht“ vorlegten. Darin kritisierten sie, dass die „gute wirtschaftliche Situation der letzten Jahre nicht für Zukunftsinvestionen genutzt“ worden sei. Stattdessen sei das BAföG erodiert und „wurde nicht mal auf das Niveau von 2012 gehoben“. „Die Förderung wurde in den vergangenen 45 Jahren nicht ausreichend erhöht. 2016 lagen die Bedarfssätze um 6,4 Prozentpunkte unter der Entwicklung der Lebenshaltungskosten seit 1971“, konstatierten die Gewerkschafter außerdem. Zudem seien geförderte Studierende aus finanzschwachen Elternhäusern mehrfach belastet. „Es kommt vermehrt zu einem Ende der Förderung oder Abbruch der Ausbildung“, warnen die Experten. Als erste Gegenmaßnahme fordern sie daher, die Fördersätze sofort um 6,5 Prozent anzuheben.

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