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10. Oktober 2016

SDAJ

41-0_4-16_int-venezuela2Interview mit Gabriel von der Kommunistischen Jugend (JCV) über aktuellen Auseinandersetzungen in Venezuela

POSITION: In Venezuela sieht sich die linke Regierung um Präsident Nicolás Maduro einer rechten Parlamentsmehrheit gegenüber. Diese versucht auf parlamentarischem Weg und durch Destabilisierung, die fortschrittliche Entwicklung zu stoppen. Wie verhalten sich Jugendliche in Venezuela zu der Situation?
Gabriel Aguirre: Viele nähern sich der Opposition an. Sie hoffen darauf, dass eine rechte Regierung für sie ein gewisses Lebensniveau garantieren oder es sogar verbessern kann. Das haben diese Kräfte mit einem betrügerischen Diskurs in den letzten Jahren erreicht. Sie haben behauptet, dass die Krise, in der wir uns befinden, nicht die Krise des Kapitalismus ist, sondern des sozialistischen Modells. Dafür finden sie Zuspruch, weil es große Schwächen im politischen Bewusstsein der Jugend gibt, wie auch in der gesamten Bevölkerung.

Was meinst du damit?
Gabriel: Der Bolivarianische Prozess, der bereits 17 Jahre andauert, ist ein Projekt der nationalen Befreiung, ein Kampf gegen die imperialistische Beherrschung, für Unabhängigkeit und soziale Gerechtigkeit. Aber es wurden keine größeren Schritte zum Aufbau des Sozialismus unternommen. Zwar ist die Bevölkerung heute politisch bewusster und organisierter, aber es fehlt ein Verständnis dafür, was Sozialismus wirklich ist. Aus unserer Sicht bedeutet Sozialismus, dass die Arbeiterklasse den Prozess leitet und damit auch an der Spitze der ökonomischen Umgestaltungen steht. Viele dachten dagegen, dass Sozialismus darin besteht, das Konsumtionsniveau aufrechtzuerhalten, wie es vor sieben oder acht Jahren war – mit einem Erdölpreis von über 100 Dollar. Damals hatte ein Jugendlicher hier ein Handy der neuesten Generation und trug Markenklamotten – wir hatten einen sehr hohen Lebensstandard.

Gabriel Aguirre lebt in der venezoelanischen Hauptstadt Caracas und ist Sekretär für internationale Beziehungen bei der kommunistischen Jugend (JCV). Das Interview wurde am Rande der internationalen Solidaritätsmission des Weltbundes der demokratischen Jugend (WBDJ) in Venezuela geführt.

Gabriel Aguirre lebt in der venezoelanischen Hauptstadt Caracas und ist Sekretär für internationale Beziehungen bei der kommunistischen Jugend (JCV). Das Interview wurde am Rande der internationalen Solidaritätsmission des Weltbundes der demokratischen Jugend (WBDJ) in Venezuela geführt.

Der Erdölpreis ist jetzt ja in den Keller gerutscht. Was bedeutet das für Venezuela, das von dessen Export stark abhängig ist?
Gabriel: Wir sprechen davon, dass sich hier gerade die Krise des kapitalistischen Modells der Rentenakkumulation zuspitzt. Nach diesem Modell ist das Land ausschließlich von der Erdölgewinnung und dessen Export abhängig. Wir haben es nicht geschafft, die Produktivkräfte zu entwickeln. Deswegen importieren wir jetzt 75 Prozent aller Lebensmittel. Die Krise zeigt sich auch in anderen Regionen der Welt, in Europa, Asien oder Afrika. Hier drückt sie sich entsprechend der Rolle aus, die Venezuela in der internationalen Arbeitsteilung innehat – als Land, das nur Rohstoffe zur Verfügung stellt. Sogar die Weiterverarbeitung übernehmen die Zentralmächte. Der Staatshaushalt ist jetzt auf einen Ölpreis von 40 Dollar pro Barrel auslegt, im Moment liegt er aber bei etwa 20 Dollar. Die Auswirkungen bekommen vor allem die ärmeren Arbeiter und die Jugend zu spüren. Die Errungenschaften des Bolivarianischen Prozesses sind in Gefahr – beispielsweise die kostenfreie Bildung. Zwar steigt in Venezuela gerade die Arbeitslosigkeit nicht, aber die Bedingungen, zu denen Jugendliche Arbeit finden, werden immer schlechter.

Besonders schwierig ist ja die Versorgungslage. Auf den Straßen der Hauptstadt Caracas kann man lange Schlangen vor den Geschäften sehen, manche Güter bekommt man fast nur noch auf dem Schwarzmarkt.
Gabriel: Die Regierung unternimmt viele Anstrengungen, um die Versorgung aufrechtzuerhalten. Allerdings liegt der Vertrieb der Waren in privater Hand – etwa bei dem Monopol „Empresas Polar“, das 16 von 23 der grundlegendsten Produkte herstellt und verkauft. Das heißt, dass auch von der Regierung importierte Güter an Unternehmen gegeben werden, die sie verpacken und die Auslieferung an die Supermärkte organisieren. Unserer Meinung nach sollte die Kontrolle darüber in den Händen des Volkes liegen und die Ausgabe über Räte direkt in den Wohnvierteln organisiert werden. Der private Sektor spekuliert dagegen mit den Preisen und schafft einen Schwarzmarkt. Maismehl als Grundnahrungsmittel kostet regulär 80 Bolívares, auf der Straße findet man es dagegen für 1.500 Bolívares. In Venezuela heißt das „Bachaqueo“: Jemand stellt sich beim Supermarkt an, wartet dort die notwendige Zeit, erwirbt die Waren zum regulären Preis, der für den Geldbeutel der meisten Leute sehr verträglich ist. Dann verkauft er die Produkte außerhalb des Supermarkts zu einem höheren Preis weiter. An diesen kriminellen Machenschaften sind die privaten Unternehmen beteiligt. Sie nutzen bei der Preisspekulation außerdem aus, dass sie bestimmte Zutaten und Rohstoffe mit Devisen zum offiziellen Wechselkurs einkaufen, also sehr günstig.

In welchen konkreten Auseinandersetzungen steht die venezolanische Jugend gerade?
Gabriel: Angesichts der drohenden Auswirkungen der Krise müssen wir einerseits unsere Rechte verteidigen, aber auch die erkämpfen, die wir noch nicht haben. Im Bildungsbereich betrifft das vor allem die Qualität. Mit den Arbeiterjugendlichen müssen wir den Kampf gegen Outsourcing und die Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen führen.

Dieser Artikel ist aus der aktuellen POSITION, dem Magazin der SDAJ. Du kannst es für 10€ jährlich abonnieren unter position@sdaj-netz.de

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Wie kriegt ihr Jugendliche dazu, sich politisch zu engagieren und zu organisieren?
Gabriel: Wir versuchen, in den Massenorganisationen zu arbeiten und breite Bündnisse zu schaffen, beispielsweise in den Wohnvierteln. Dort haben wir als Kommunistische Jugend eine Organisation, die Arbeitsbrigade Antonio José de Sucre. Das ist eine Organisation, die freiwillige Arbeit in den Gemeinden organisiert und verschiedene Teile der venezolanischen Jugend einbezieht. Wir haben auch Räume geschaffen, wo die Jugendlichen zusammenkommen können, um ihre Probleme zu diskutieren und Kämpfe zusammenzuführen. Für die Arbeiterjugend gibt es etwa die Nationalversammlung junger Arbeiter, für die Studenten eine kürzlich gegründete Föderation. Als kommunistische Jugend haben wir auch ein politisch-kulturelles Festival, „Die junge Garde“. So nutzen wir Kultur als Instrument, um aus einer konkreten Situation heraus Kämpfe zu entwickeln. Diese Strukturen stärken müssen wir stärken, in den Wohnvierteln, in den Sekundarschulen und Universitäten, in den Fabriken. Dann können wir gemeinsam kämpfen – für die nationale Souveränität, die Vertiefung des Prozesses und schließlich den Aufbau des Sozialismus.

Das Interview führte Lena, Berlin

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29. September 2016

POSITION, Magazin der SDAJ

Vor 60 Jahren sprach die westdeutsche Regierung unter Kanzler Adenauer ein allgemeines Verbot über die größte antifaschistische Jugendorganisation, die „Freie Deutsche Jugend (FDJ)“ aus. Wir haben darüber mit Herbert Mies gesprochen, der die FDJ in Westdeutschland in der Illegalität leitete.

39-2_4-16_cb_interview-mies2POSITION: Du hast deine Kindheit unter der faschistischen Diktatur erlebt. Danach hat dich dein Weg direkt zu den Kommunisten geführt. Wie kam das, wo Du doch sicher alltäglich der Hitler-Propaganda ausgesetzt warst?
Herbert Mies: Naja, ich war ja nicht nur der faschistischen Propaganda ausgesetzt. In meinem kommunistischen Elternhaus wurde ich zu selbstständigem humanistischen Denken erzogen. Ich lernte den Krieg mit seinen Opfern und Zerstörungen hassen und begann ihn im Kopf zu bekämpfen. Damals wollte ich Lehrer werden, doch die Nazis verhinderten das. Da ich mich nicht nicht freiwillig als Offizier beworben habe, haben sie mich für „unwürdig“ eingestuft deutscher Lehrer zu werden – ich musste das Seminar verlassen.
Bei uns in Mannheim gab es die Lechleitner-Widerstandsgruppe, sie waren aktiv gegen Hitler und die nazistische Terrorherrschaft. 1942 und 1943 wurden 19 Mitglieder von ihnen auf dem Schafott ermordet. Mit ihrem Mut zum Widerstand sind sie Vorbild für mich geworden. Denn sie haben mir gezeigt, dass Gegenwehr auch in dunkelster Zeit möglich ist. Das hat mir auch mein Vater immer wieder bewusst gemacht. Überhaupt hat die kämpferische Ausstrahlung von kommunistischen Persönlichkeiten mich stark geprägt. Im Juni 1945 habe ich mich dann in Mannheim-Schönau als Gründungsmitglied der kommunistischen Ortsgruppe angeschlossen. Dort war ich dann für die Jugendarbeit zuständig. Der Zulauf von Jugendlichen direkt nach der Befreiung vom Hitlerfaschismus war nicht überwältigend, aber immerhin beachtlich!

Bei der Befreiung 1945 waren Gewerkschaften und die fortschrittlichen Organisationen nicht mehr existent. Doch für viele galt „Nie wieder Krieg – nie wieder Faschismus“. Wie können wir uns die Entstehung der Freien Deutschen Jugend (FDJ) vorstellen?
Herbert: Ja das war die Losung von Sozialdemokraten, Antifaschisten und einem beachtlichen Teil der Jugend. Die jungen Emigranten, die 1945/46 aus dem antifaschistischen Exil nach Deutschland zurück kehrten wie auch die jungen Antifaschisten, die aus den Konzentrationslagern kamen, sie alle brachten die Devise mit: Kein kommunistischer Jugendverband, sondern eine breite antifaschistische Freie Deutsche Jugend. Und so bildeten sich überall verschiedene Jugendgruppen, mal als kommunistische oder sozialistische, mal als Freie Jugend oder auch Freie Deutsche Jugend. Die erste „Freie Jugend“ entstand in Bremen, im Dezember 1945 wurde in der britischen Besatzungszone ein Landesverband gegründet. Weit komplizierter war es in der amerikanischen und französischen Besatzungszone. So sahen die Gruppen überall anders aus. Wir wollten uns damit aber nicht abfinden und traten überall für die einheitliche, gemeinsame, antifaschistische Jugendorganisation ein.

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Herbert Mies, geboren 1929, kommt aus einer Arbeiterfamilie in Mannheim und war Vorsitzender der FDJ in Westdeutschland. Schon als Jugendlicher schloss er sich den Kommunisten an, war ab Mitte der 50er-Jahre Mitglied des Zentralkomitees der KPD und später Sekretär von Max Reimann und des Politbüros der illegalen KPD. Von 1973 bis 1990 war er Vorsitzender der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), dessen Mitbegründer er war. Über seine Erfahrungen hat er 2009 eine lesenswerte Biographie geschrieben: „Mit einem Ziel vor Augen. Erinnerungen“ (19,90€)

Die FDJ stand gegen Faschismus und Militarismus, gegen Monopolmacht und für die sozialen Rechte von Kindern und Jugendlichen. Das muss doch so kurz nach dem Faschismus begrüßt worden sein – doch ihr wurdet staatlicher Repression ausgesetzt.
Herbert: Der Großteil der Jugendlichen hatte die Wirkungen des Faschismus noch nicht bewältigt. Doch nicht wenige der antifaschistisch-demokratisch Denkenden orientierte sich an uns Kommunisten. Es deutete sich an, dass die FDJ eine der stärksten Jugendorganisationen werden würde. Doch in den Westzonen ging der Zuwachs alles andere als rasant vor sich. Die schnelle Herausbildung einer sozialdemokratischen Jugendbewegung, die große Zurückhaltung der kirchlichen Institutionen gegen eine einheitliche Jugendorganisation und die Haltung der Besatzungsmächte machten die Hoffnung auf eine zentrale Massenorganisation der Jugend zunichte. Auch der Druck der Parteien tat sein übriges. Unvergessen bleibt mir das Teufelswort von Kurt Schumacher, dem westdeutschen SPD-Vorsitzenden, der meinte wir Kommunisten seien nur „rotlackierte Nazis“. Und so gab es immer wieder Verweigerungen unserer Zulassung, wurden Publikationen von uns verboten und unsere Aktionen schikanös behindert. 1951 dann waren die Drangsalierungen gegen uns westdeutsche FDJ‘ler sehr hoch. Dennoch: Unsere FDJ war Anfang der 50er-Jahre ein Jugendverband der Aktion, von politischer Bedeutung und Wirkung. Wir wurden zu einer starken, öffentlich beachteten Kraft gegen die Wiederherstellung der alten Machtverhältnisse.

1952 wurde das FDJ-Mitglied Philipp Müller beim Demonstrieren erschossen. 1953 wurde der damalige FDJ-Vorsitzende Jupp Angenfort wegen „Hochverrat“ ins Zuchthaus gesteckt. Ab dann leitetest Du die FDJ in Westdeutschland. 1956 folge das komplette Verbot.
Herbert: So war es, der erste Kampftote der FDJ! Und die erste Einkerkerung in ein Zuchthaus – das waren schmerzhafte, harte, politische und psychologische Schläge gegen unseren Verband. Doch wir mussten das verkraften. Ich musste dann die Führung des Verbandes übernehmen, das war wahrlich keine leichte Aufgabe. Doch mithilfe eines starken Kollektivs meisterten wir das. Ich würde heute als Lebenslehre mitnehmen: Mit starken Kollektiven kann man Bäume versetzen und auch der Gewalt und Macht eines Adenauer-Regimes widerstehen. Und in diese Zeit fällt ja auch die Kommunisten-Jagd in Westdeutschland nach dem US-amerikanischen Vorbild McCarthy. Und wir in Westdeutschland organisierten auch Solidarität, z.B. mit den Rosenbergs. Die waren ein Ehepaar in den USA, denen man Spionage für die Sowjetunion vorgeworfen hat. Sie wurden hingerichtet!

Dem Verbot der FDJ folgte dann das Verbot der Kommunistischen Partei in der Bundesrepublik. Doch viele GenossInnen machten trotzdem weiter. Arbeitete dann jeder für sich selbst oder wie konntet ihr Euch in der Illegalität weiter organisieren?
Herbert: Das gleichzeitige Verbot eines Jugendverbandes und der sie unterstützenden Partei schuf eine besonders schwierige Situation. Welcher verbotenen Organisation sollte man seine unteilbare Kraft geben? Vor dieser Frage stand jeder von uns. Doch keiner brauchte auf sich selbst gestellt zu arbeiten, denn bei aller Eigeninitiative und individueller Arbeit hatten wir ja immer unsere Genossinnen und Genossen im Rücken. Das animierte zur Selbsttätigkeit, die ja eben zu den Fähigkeiten eines Kommunisten gehört.
Einige ältere Genossinnen und Genossen, die die Erfahrungen aus der Zeit des Faschismus hatten, lehrten uns entsprechend dem Grundsatz zu arbeiten: „Illegalisierung, das heißt so wenig Konspiration wie notwendig und so viel legale Arbeit und Organisation wie möglich!“. Mit dieser Maxime sind wir in der Praxis sehr gut gefahren. 1968 dann, als die Neukonstituierung einer legalen, kommunistischen Partei auf der Tagesordnung stand, wurde das besonders sichtbar. Junge Gewerkschafter, Aktivisten in den verschiedenen, legalen Jugendorganisationen, alles was wir in der Zeit der Illegalität geworden waren, setzten wir jetzt ein. Und so konnten wir im Jahr 1968 einen neuen Jugendverband und eine neue Kommunistische Partei gründen. Das gehört zu den historischen Verdiensten dieser Genossinnen und Genossen.

Dieser Artikel ist aus der aktuellen POSITION, dem Magazin der SDAJ. Du kannst es für 10€ jährlich abonnieren unter position@sdaj-netz.de

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Kurz nachdem sich die SDAJ gegründet hat, kam es auch zur Konstituierung der DKP, deren Vorsitzender Du später wurdest. War damit die Illegalität und Repression gegen die fortschrittlichen Bewegungen und speziell die Kommunisten vorbei?
Herbert: Die Kommunisten-Verfolgung ist seit dem Adenauer-Regime Staatsdoktrin, zum Lex-Kommunisten, also zum umfassenden Gesetz des Antikommunismus geworden. Das KPD-Verbotsurteil ist zu einer Art Ewigkeitsgesetz erhoben worden. Es verbietet ja jegliche Fortsetzung von KPD-Tätigkeiten. Während also die Illegalität der KPD geblieben ist, wurde die Konstituierung der DKP erkämpft. Doch die Repressionen gegen fortschrittliche Bewegungen und speziell gegen die Kommunisten sind geblieben, auch die Berufsverbote blieben in Kraft. Solange die FDJ- und KPD-Verbotsurteile nicht aufgehoben werden, sind die Repressionen nicht vorbei. Denn wir dürfen nicht vergessen: Wir Kommunisten haben in einem Land wie der Bundesrepublik nur so viele Freiheiten wie wir sie uns tagtäglich nehmen und erkämpfen!

Das Interview führte Mark, München

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Einmischung abgelehnt

 

Von Volker Hermsdorf

26. September 2016

Kubanische Schüler und Studenten protestieren gegen als Jugendaustausch getarnte Regime-Change-Programme der USA

Zahlreiche Schüler und Studenten haben am Freitag in verschiedenen Bildungseinrichtungen Havannas gegen den jüngsten Versuch der USA-Regierung protestiert, Jugendliche anzuheuern, um in Kuba einen Systemwechsel herbeizuführen. Die jungen Kubaner wehren sich mit ihren Protesten gegen ein Programm der Organisation »World Learning« mit Sitz in Washington und Vermont. Die vorgebliche NGO hatte Mittel- und Oberstufenschüler von der Insel im Juli und August mit einem »Stipendium« geködert und zu einem vierwöchigen Seminar in die USA eingeladen. Dort ging es aber nicht um klassische Studieninhalte, sondern darum, die Schüler als Akteure für einen Regime-Change in ihrer Heimat anzuwerben. »World Learning« übernahm dafür die Visa- und Reisekosten, organisierte Unterkünfte, zahlte Verpflegung, Spesen und ein Taschengeld.

Vertreter von Schüler- und Studentenorganisationen empörten sich in der kubanischen Hauptstadt über den Betrug und den Mißbrauch des Jugendaustausches. Die Protestaktionen fanden am Freitag unter anderem an der Universität von Havanna, der polytechnischen Universität (CUJAE), der polytechnischen Schule für Chemie, Informatik und Pharmazeutik »Mártires de Girón« und an einer Reihe weiterer Ausbildungsstätten statt. Hintergründe und Ziele des Subversionsprogramms seien zuvor in mehr als 460 Versammlungen thematisiert worden, berichtete Suzanne Santiesteban Puertas, die Vorsitzende der FEEM (Federación de Estudiantes de la Enseñanza Media), einer Organisation von Mittel- und Oberstufenschülern, in der Zeitung »Juventud Rebelde«. Sie und andere Studentenführer wie Joan Palmero von der Universität Havanna betonten, daß ihr Protest sich nicht gegen den akademischen Austausch richte. Die Initiative von »World Learning« sei jedoch als Trojanisches Pferd konzipiert, indem ihre Teilnehmer später zur Destabilisierung der kubanischen Gesellschaft eingesetzt werden sollen.

Bereits bei der Auswahl der kubanischen Stipendiaten hatte die USA-Organisation sich über die kubanischen Gesetze hinweggesetzt. Zur Auswahl und Vorbereitung der »Stipendiaten« auf ihr Training in den USA hatte »World Learning« aus Panama vier ausländische »Experten« geschickt, die unter falschen Angaben und mit einem einfachen Touristenvisum in Kuba eingereist waren. Sie wurden wegen Verstoßes gegen die Aufenthaltsbestimmungen den Behörden übergeben. Auch die Art der Anwerbung deutet auf die subversiven und illegalen Absichten der angeblichen NGO hin.

Laut Ausschreibung sollten die 16- bis 18-jährigen Kubaner während ihres vierwöchigen Aufenthalts in den Vereinigten Staaten »zusammen mit USA-Studenten« an Aktivitäten in Klubs, Organisationen und anderen Jugendeinrichtungen teilnehmen. In »informativen Veranstaltungen« sollten sie unter anderem lernen, »öffentlich aufzutreten«, in »Teams zu arbeiten«, »Verhandlungen zu führen, Konflikte zu lösen und Konsens herzustellen« sowie »die eigenen Rechte zu verteidigen«. Während ihres Trainings würden die Stipendiaten von speziell dafür ausgebildetem Personal betreut, heißt es auf der Internetseite von »World Learning«.

Dort finden sich auch Informationen über Donald Steinberg, den Chef der Organisation und ihrer internationalen Ausbildungsaktivitäten, über die es heißt: »Unsere Programme unterstützen die nächste Generation der Weltführer (…) bei der Veränderung ihrer Länder.« Steinberg war unter anderem Abteilungsleiter im Weißen Haus, arbeitete im Außenministerium der USA und als ihr Botschafter in Angola. Dem guatemaltekischen Journalisten und früheren kubanischen Under-Cover-Agenten Percy Alvarado Godoy zufolge werden mindestens 40 Programme von »World Learning« direkt vom USA-Dienst USAID finanziert.

Die heutige Organisation »World Learning« ist Nachfolger der »Delphi International Group«, deren weltweite Trainingsprogramme ebenfalls von der USAID und dem USA-Dienst NED mit Millionen von Dollar finanziert wurden. Gegen diese Art »Hilfe« richtete sich der Protest der kubanischen Schüler und Studenten. »Wir fordern«, verlangte dabei Studentensprecherin Suzanne Santiesteban Puertas in Richtung Washington, »daß sie unsere Prinzipien achten und die kubanischen Gesetze respektieren.«

Volker Hermsdorf

Montag 26. September 2016
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23. September 2016

Jonas, Witten

POSITION, Magazin der SDAJ
38-3_4-16_th_arbeiterkindEin angeblich wesentliches Ziel der meisten Parteien in Deutschland ist es allen Kindern gleich gute Bildungschancen zu ermöglichen. „Kein Kind zurücklassen, kein Kind beschämen: Jedes Kind zählt und verdient Unterstützung.“ hieß es etwa 2012 im Landtagswahlkampf der SPD in Nordrhein-Westfalen. Gleichzeitig bekommen wir überall zu hören, wer hart genug arbeite, könne alles erreichen.
In Wahrheit sieht es anders aus: Egal, welche Partei regiert, das Schulsystem in Deutschland sortiert gnadenlos nach der sozialen Herkunft aus und Leistung bringen, können in der Regel nur diejenigen, die es sich leisten können. Sogar die bürgerliche PISA-Studie stellt regelmäßig fest, dass die Möglichkeiten eines Kindes im deutschen Bildungswesen vor allem von Einkommen und Bildung der Eltern abhängen.
Wer ohnehin schon aus prekären Verhältnissen kommt, wird also noch weiter benachteiligt. Kinder aus Arbeiterfamilien bekommen zum Beispiel schon in der Grundschule bei gleicher Leistung schlechtere Noten und Empfehlungen für die weiterführende Schule. Wer aus der arbeitenden Klasse kommt, soll in der arbeitenden Klasse bleiben – und nur so viel Bildung erhalten, wie es nötig ist, um später eine möglichst billige Arbeitskraft zu sein. Und dies, obwohl wir doch eigentlich alle „frei“ und „gleich“ sind. Die Selektion findet statt, weil bei ungleichen Ausgangsbedingungen eine Gleichbehandlung automatisch zu Benachteiligung führt.
Aber auch der Weg aufs Gymnasium bedeutet nicht, dass man Selektion und schlechten Verhältnissen entkommen ist. Die große Mehrheit der AbiturientInnen wird später lohnabhängig sein und in mehr oder weniger unsicheren Umständen leben und arbeiten. Dafür sorgt der Numerus Clausus an der Uni: bestimmte, begehrte Studienfächer, deren AbsolventInnen später gut bezahlt werden, kann man nur mit einem entsprechend guten Abiturschnitt studieren. Und dieser NC liegt inzwischen nicht selten bei 1,0. Für die KonzernbesitzerInnen von morgen spielt das keine Rolle, sie gehen oft ohnehin auf teure Privatschulen und -unis, die sich sonst kaum einer leisten kann.
Die Selektionsmaschinerie läuft also auf der weiterführenden Schule knallhart weiter. Wer dem Leistungsdruck nicht standhält, sich in seinen Problemfächern keine Nachhilfe leisten kann oder permanent aus Geldgründen mit schlechter Ausstattung arbeiten muss, wird fallengelassen oder muss sich mit einem schlechten Schulabschluss zufriedengeben.

Wer keine hochverdienenden Eltern hat, ist also im Nachteil. Gleichzeitig müssen Arbeiter- und Migrantenkinder, in naturwissenschaftlichen Fächern auch Frauen, auch auf der weiterführenden Schule bessere Leistungen bringen, um die gleiche Note zu erreichen, wie Kinder aus akademischen Familien.
Auch wenn es immer wieder Ausnahmen gibt, zeigt sich in der Tendenz doch deutlich: Es wird an deutschen Schulen nicht in erster Linie nach Leistung, sondern nach der Klassenzugehörigkeit sortiert und Topleistungen bringen zu können, ist vor allem ein finanzielles Privileg.

 

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19. September 2016

Jens, Nürnberg

POSITION, Magazin der SDAJ

38-1_4-16_th_seinesglueckes2Das wird uns schon in der Grundschule eingetrichtert. Wenn du also nur genug ranklotzt, klappt das schon mit deinen Zielen und Wünschen. Aber was für Ziele eigentlich?

Mein Banknachbar in der Grundschule kommt aufs Gymnasium, ich auf die Hauptschule. Pech gehabt. Hätte ich etwas mehr gelernt, hätte ich das auch gepackt. Sein Vater ist Arzt, meiner Bäcker. Was für ein Zufall. Und jetzt kommt er zum Klassentreffen im Porsche vorgefahren. Warum er, warum nicht ich? Er hat alles, was ich wollte. Dabei habe ich geackert bis zum Umfallen, mich angestrengt. Für die Firma in eine andere Stadt ziehen? Kein Problem. Gute Leistung allein reicht schließlich nicht mehr. Flexibel muss man sein! Und dann kommt das schon, der Porsche, die Traumfamilie, der Managerjob – nur eben nicht bei mir. Da kann ich dran rumschmieden so viel ich will. Der Traumurlaub fällt auch mal wieder ins Wasser. Da bleibt mehr Zeit zu lernen, sich anzustrengen, was zu werden. Jeder ist seines Glückes Schmied – nicht zu vergessen!

„Wenn ich groß bin, werde ich Spießer!“ erzählt das kleine Kind in der Bankwerbung. Traumhafte Aussichten! So wird es uns von Kindesbeinen an eingeprägt: Wenn wir viel leisten und Erfolg haben, dann sind wir etwas, dann werden wir etwas. Also wollen wir alle gute Noten schreiben und auch mal Porsche fahren. Moment mal, wollen wir das? Nach ein paar Bier ist alles wieder easy: weiter schuften, weiter ackern, dann wird das schon.

Dieser Artikel ist aus der aktuellen POSITION, dem Magazin der SDAJ. Du kannst es für 10€ jährlich abonnieren unter position@sdaj-netz.de

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Für die Herrschenden ist das ganz praktisch. Während wir uns den Kopf zerbrechen, warum der Traum vom Porsche geplatzt ist, lachen sie sich symbolisch ins Fäustchen. Was wir als unsere Wünsche und Ziele beanspruchen dürfen, wird früh bestimmt. Nicht über Leistung, sondern darüber, wessen Arbeitskraft die Unternehmen gerade brauchen. Das sind ein paar hervorragend ausgebildete Fachkräfte und eine Menge flexibel einsetzbarer, billiger Arbeitskräfte. Solche wie ich. Und damit wir alle schön brav weitermachen, uns anstrengen, jederzeit verfügbar sind, wird weiter das Märchen vom individuellen Glück verbreitet. Wäre ja schön blöd, uns einfach ehrlich zu sagen: du kommst aus der Arbeiterklasse, du hast sowieso keine Chance deinen Lebenstraum zu leben. Also kannst du es auch gleich bleiben lassen, brauchst dich nicht mehr anstrengen. Aber die Nachfrage nach billigen Arbeitskräften bleibt. Glücklicherweise gibt es ja ausreichend Möglichkeiten, uns einen Riegel vorzuschieben, falls wir zu übermütig werden: die Empfehlung fürs Gymnasium, das 1.0-er Abi – ohne das der Studienplatz in Medizin flöten geht – und das tolle Förderprogramm an der Uni, das mal wieder nur die anderen bekommen. So viel zum Thema Zufall, Leistung und Glück.

Jetzt sitzen wir da mit den unerfüllten Wünschen, Träumen und Bedürfnissen, die sich vielleicht nie als unsere entwickelt hätten, wenn sie nicht vom System als Standard festgelegt worden wären. Was uns bleibt, ist der Kampf für unsere wirklichen Interessen und Bedürfnisse. Und das kann nur der Kampf für eine andere Gesellschaft sein.

Jens, Nürnberg

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Trotz strömenden Regen demonstrierten über 25000 Menschen gegen das geplante Ceta und Ttip Abkommen. Ein breites Bündnis von Jugendorganisationen in München stellten ihren Protest, aber auch ihre Zukunftsgedanken in einem tollen Beitrag im 2. Teil der Kundgebung vor.

Stop Ceta Ttip Demo München17.9.2016

JUGENDBLOCK

Video von Gerhard Hallermayer

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Gefährliche Freiheiten

15. September 2016

POSITION, Magazin der SDAJ

Mit den Freihandelsabkommen TTIP und CETA werden Arbeits-, Sozial- und Umweltstandards angegriffen

37-3_4-16_akt_ttip-cetaIn Europa, in Kanada, in den USA: Die Demonstrationen und Proteste gegen die geplanten Freihandelsabkommen werden immer stärker, der Druck auf die Herrschenden steigt. Das Abkommen zwischen der EU und Kanada (CETA) ist nun fertig und muss von den verschiedenen Ländern genehmigt werden. Doch in Belgien hat das wallonische Regionalparlament dagegen gestimmt, weshalb die Belgische Regierung Nein sagen muss. Auch das Luxemburgische Parlament hat seine Regierung aufgefordert abzulehnen. In den Niederlanden pocht das Parlament in Sachen CETA auf seine Rechte und Rumänien droht mit einem Veto. In Bayern wurde nun ein Volksbegehren gegen CETA gestartet. Sollte es erfolgreich sein, muss die bayerische CSU-Regierung im Bundesrat gegen CETA stimmen. Und bisher sieht es erfolgsversprechend aus: Für die erste Hürde des Verfahrens wurden alleine an einem Tag in Bayern doppelt so viele Unterschriften gesammelt als überhaupt nötig sind (50.000 Stück!). Auch in jüngsten Umfragen sehen mehr Menschen in Deutschland negative Folgen als positive Folgen mit den Abkommen CETA und TTIP. Doch worum geht es da eigentlich? In der neuen POSITION erklären wir, was es mit den beiden Freihandelsabkommen auf sich hat.

Und TTIP? Übernimmt das US-Kapital nun die deutsche Wirtschaft?
Seit drei Jahren gibt es nun Zank um das geplante TTIP-Abkommen. TTIP, das steht für die „transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft“ zwischen den USA und 28-EU-Staaten, unter denen Deutschland als starke Exportwirtschaft heraussticht. Gegen TTIP gibt es breiten Widerstand, allein in Berlin waren letztes Jahr 250.000 Menschen auf der Straße. Die Gründe gegen TTIP sind vielfältig – oft hört man auch, dass jetzt die Amis mit dem Abkommen machen können, was sie wollen. Dabei wird verschwiegen, dass es ja deutsche Banken und Konzerne sind, die genauso nach einem Freihandelsabkommen schreien, weil sie sich damit riesige Profite sichern können. Einer der Hauptprofiteure wäre die deutsche Automobilindustrie, konkret VW und BMW. Ohne Zölle könnten diese ihre Autos leichter auf dem US-Markt verkaufen und die Wagen, die in den BMW-Werken in den USA produziert werden ohne Zölle nach Europa einführen. Damit fallen für die Branche jährlich 1 Milliarde Euro an Zöllen weg. Die US-Verhandlungsseite versucht das wohl zu verhindern und damit kommen von europäischer Seite mehr und mehr Zweifel auf, ob man sich auf ein Abkommen einigen kann. Was dabei rauskommt weiß noch niemand – schließlich kämpfen beide Seiten bis ins Kleinste um die Interessen ihrer eigenen Monopolindustrie.

Warum weiß niemand worüber eigentlich verhandelt wird?
Die Verhandlungen bezüglich TTIP, zwischen den USA und der EU, finden geheim und hinter geschlossener Tür statt. Nicht einmal die gewählten Abgeordneten dürfen Einblick in die Verhandlungen nehmen. Aber wie kann das sein? In der Europäischen Union (EU) haben das europäische Parlament oder die Parlamente der Mitgliedsstaaten kaum was zu melden. Es sind die Minister und Regierungschefs der Mitgliedsstaaten, die die politische Linie und de facto die Zusammensetzung der EU-Kommission bestimmen. Und diese Minister und die EU-Kommission haben nun 20 Arbeitsgruppen bestimmt, in denen um den TTIP-Vertragstext gestritten wird. Hier sitzen Wirtschaftslobbyisten wie z.B. von der Bertelsmann-Stiftung. Die Abgeordneten der Parlamente sind nicht dabei, für sie gibt es erst seit kurzem winzige Leseräume, in denen sie zu bestimmten Uhrzeiten den bisher verhandelten Text lesen dürfen. Kopieren anzufertigen oder das Aufschreiben von Notizen ist jedoch streng verboten! Es besteht wohl die Befürchtung, dass der Protest noch größer würde, wenn der genaue Text und die geplanten Bestimmungen konkret bekannt wären. Verhandelt wird in mehrtägigen Verhandlungsrunden, Ziel ist es noch in diesem Jahr einen Vertragstext für TTIP fertig zu stellen.

Freihandelsabkommen – was ist das überhaupt?
Das erste Freihandelsabkommen hat die Bundesrepublik 1959 mit dem damals neugegründeten Staat Pakistan geschlossen. Seitdem wurden von westdeutscher Seite über 130 Abkommen mit anderen Staaten geschlossen (in den 60er-Jahren mit vielen afrikanischen Ländern, in den 80er-Jahren auch mit sozialistischen Ländern) und ist damit Rekordmeister der Freihandelsabkommen. In den Abkommen geht es meist darum, möglichst gute Bedingungen für deutsche Investitionen in wirtschaftlich schwächeren Ländern festzulegen. Heute ist das am deutlichsten im Agrarhandel mit afrikanischen Staaten sichtbar: Die Agrarprodukte in den USA und der EU werden staatlich bezuschusst (subventioniert) und können deshalb dort günstiger hergestellt werden.Es entsteht gegenüber der afrikanischen Konkurrenz, die nicht bezuschusst wird, ein Preisvorteil. Doch diese Staaten sind mit Abkommen dazu gezwungen, die günstigeren Waren aus den USA und der EU zu importieren. Teilweise wird auch damit gedroht, Entwicklungsgelder zu streichen, wenn die gewünschten Waren nicht importiert werden.Damit wird der Markt einiger afrikanischer Länder mit billigen Gütern überschwemmt und die eigene Agrarproduktion kann der Konkurrenz nicht standhalten. Für sich selbst achtet die EU wiederum darauf, dass es Einfuhr-Obergrenzen für Agrar-Güter aus anderen Ländern gibt.

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Mit TTIP und CETA schließen nun die großen Imperialisten (EU, Kanada, USA) untereinander solche Abkommen. Sie wollen damit in ihren Kerngeschäftsbereichen den jeweils anderen Markt erobern. Das führt automatisch zu höherer Konkurrenz. Um trotzdem gegen die Rivalen zu gewinnen, drücken die Kapitalisten den Lohn, die Sozial- und Umweltstandards . Egal in welcher Form die Abkommen eingeführt werden, der Freihandel zwischen den imperialistischen Zentren wird sich direkt auf unsere Arbeits- und Lebensbedingungen auswirken.

Schiedsgericht – wer entscheidet über Recht und Unrecht?
Da den westdeutschen Konzernbossen schon beim ersten Abkommen klar war, dass wirtschaftlich schwächere Länder diesen Freihandel vielleicht nicht lange mit sich machen lassen würden, steht in den Verträgen der Schutz des deutschen Kapitals immer ganz weit oben. Das heißt, dass das andere Land keine Gesetzesänderungen, die negative Auswirkungen für den Investor hätten, oder Enteignungen des deutschen Kapitals , vornehmen darf („Investitionsschutz“). Für den Fall dass es zu Konflikten kommt, wurde schon damals bestimmt, dass dann eine nichtstaatliche Kommission entscheidet: Ein Schiedsgericht. Dieses Gericht ist jedoch nur an die Rahmenbedingungen des Vertrags gebunden und entscheidet also in jedem Fall für die großen Monopole. Vor allem südamerikanische Staaten werden von diesen Gerichten verurteilt und sollen blechen, weil sie sich nicht immer an die Spielregeln der Imperialisten halten wollen. Deswegen entsteht auch Gegenwind: Südafrika hat z.B. entsprechende Abkommen mit Deutschland aufgekündigt, wie auch Ecuador. Bolivien hat alle Freihandelsabkommen mit anderen Ländern gekündigt, ebenso wie Australien, denn beide wollen sich nicht von nicht-staatlichen Gerichten zu Milliardenstrafen verurteilen lassen.

Angriff auf die Arbeitsbedingungen und sozialen Rechte
In den USA werden Vertretungsstrukturen in Betrieben und Gewerkschaften auf besonders widerliche Weise bekämpft. Die USA hat von acht „Kernarbeitsnormen“ der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (ILO) nur zwei unterschrieben. Wer in den USA für seine Rechte oder besseren Lohn eintritt, wird oftmals mit allen Mitteln bekämpft. Mit dem TTIP-Abkommen drohen erkämpfte Arbeitsrechte der beteiligten Länder ungültig zu werden. Es ist nicht klar, wie die unterschiedlichen Bestimmungen in den verschiedenen Ländern im Arbeitsrecht angeglichen werden sollen. In der EU jedoch hat sich schon gezeigt, wie die Banken und Konzerne mit verschiedenen Standards umgehen: Mit dem Herkunftslandprinzip z.B. arbeiten viele OsteuropäerInnen mit Werk- oder Leiharbeitsverträgen zu unwürdigen Verhältnissen in deutschen Betrieben, was nach deutschen Rechten eigentlich nicht möglich wäre. Da wir nicht wissen was die Herrschenden mit TTIP genau verhandeln, dürfen wir nicht vergessen, was die Konsequenzen für uns ganz konkret bedeuten könnten: Betriebsversammlungen während der Arbeitszeit, tarifliche Löhne, Mindestlohn oder Lenk- und Ruhezeiten wären auf der Abschussliste.

Von Mark, München

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9. September 2016

Von António, Tübingen

POSITION, Magazin der SDAJ

Norbert Hansen hat es vorgemacht: Vom jahrelangen Vorsitzenden der Bahn-Gewerkschaft Transnet (heute EVG) wechselte er Ende 2008 ohne Umwege in den Vorstand des DB-Konzerns – als Personalchef. Auf die Frage eines Journalisten, ob ihn das Geld verführt habe (er bekam als DB-Vorstandsmitglied knapp eine halbe Million im Jahr), antwortete Hansen: „Nein. Ich kann und werde nie verstehen, warum man mit einem Einkommen, mit dem man ohne Schwierigkeiten seine Lebenswünsche erfüllen kann, immer noch mehr haben will. Viel wichtiger ist mir die Frage: Kannst du deine Ideale und Ziele, etwa die einer Sozialpartnerschaft, in der neuen Funktion weiterverfolgen? Wenn ich nicht davon überzeugt gewesen wä36-1_4-16_cb_sp-alle-haben-sich-lieb2re, hätte ich das auch für mehr Geld nicht gemacht.“

Die „Sozialpartnerschaft“ wie sie Hansen formuliert ist nichts anderes als alter Wein in neuen Schläuchen. Zwar als Konzept erst nach dem zweiten Weltkrieg entwickelt, steht dahinter die alte Vorstellung der Klassenzusammenarbeit: ArbeiterInnen und Chef hätten eigentlich ein gemeinsames Interesse, nämlich wahlweise „das eigene Unternehmen“, die „deutsche Wirtschaft“ oder gar „Deutschland“ voranzubringen. Denn dann ginge es allen gut. Auch Hansen wähnt sich sicher: „Denn eines galt für mich auch als Gewerkschaftsvorsitzender: Es kann keine Weiterentwicklung für Beschäftigte geben, wenn ein Unternehmen nicht erfolgreich ist.“

Hansens offenes Überlaufen auf die Seite des Kapitals war nur das I-Tüpfelchen – die Zitate zeigen, dass er schon lange vorher seine Vorstellungen entwickelt hatte. Die Ursachen dessen, dass sich solche Vorstellungen von „Sozialpartnerschaft“, also Klassenzusammenarbeit, bei Arbeiterinnen und Arbeitern (auch Hansen kam aus der Arbeiterklasse) entwickeln, müssen wir in der kapitalistischen Entwicklung selbst suchen: Die Herausbildung des Imperialismus und mächtiger Monopole Ende des 19. Jahrhunderts gab den Herrschenden neue Möglichkeiten, die Arbeiterbewegung im Zaum zu halten: Extraprofite, also solche die u.a. aus der Unterdrückung ganzer Nationen (ob ökonomisch oder militärisch) resultieren, gaben und geben den Monopolen den Spielraum, einzelne Abteilungen der Arbeiterklasse „zu bestechen“, darunter insbesondere jene Abteilungen, die Schlüsselpositionen innerhalb des Produktionsprozesses innehaben (z.B. Facharbeiter, Lokführer etc.): Deutlich höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen, besserer Kündigungsschutz u.a. (vor allem wenn sie nicht erkämpft wurden), verführen einen Teil der Klasse dazu, sich als Gewinner des Kapitalismus zu verstehen und ihn daher nicht mehr grundsätzlich in Frage zu stellen. Heute zählen zu dieser „Arbeiteraristokratie“ u.a. Facharbeiter und Vorarbeiter (insbesondere in den Großbetrieben), aber auch Hauptamtliche in den Gewerkschaften. Ihre Privilegien gegenüber dem Rest der Klasse sind noch immer enorm: Löhne, die weit über dem Durchschnittslohn liegen und bei Letzteren noch der faktisch lebenslange Kündigungsschutz.

Dieser Artikel ist aus der aktuellen POSITION, dem Magazin der SDAJ. Du kannst es für 10€ jährlich abonnieren unter position@sdaj-netz.de

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Die Vorstellung der Klassenzusammenarbeit verschleiert die wahren Verhältnisse, denn Arbeiterinnen und Arbeiter werden als Klasse nie dieselben Interessen haben wie ihre Chefs: Hier das Interesse an der Abschaffung des Zwangs zur Lohnarbeit um überleben zu können, dort das Interesse eben jenen Zwang zur Lohnarbeit aufrechtzuerhalten und auszuweiten um möglichst umfassend davon profitieren zu können. Die Arbeiterklasse kann ihre Interessen nur durch Konfrontation und Kampf durchsetzen – und letztlich nur durch den Bruch mit dem kapitalistischen System. Jeder wirtschaftliche Aufschwung zeigt, wie falsch die Losung „Wenn es meinem Betrieb gut geht, geht es auch mir gut“ ist: Gerade dann werden Rationalisierungsmaßnahmen ergriffen und Löhne gedrückt. Es ist eine zentrale Aufgabe, die Vorstellungen von Klassenzusammenarbeit in der Gewerkschaft, in Betriebsrat und JAV und generell bei den Kolleginnen und Kollegen zurückzudrängen und offen zu kritisieren. Die Gewerkschaften müssen wieder zu Kampforganisationen der Arbeiterklassen werden, Kolleginnen und Kollegen in Konfrontation mit den Chefs führen und sie so im Klassenkampf schulen. Sie sind die größten Klassenorganisationen und potentiell in der Lage die Macht der Arbeiter gegen das kapitalistische System zu bündeln und mit ihm zu brechen.

António (28), Tübingen

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Wer nichts wird, wird Wirt?

 

Von Lara, Berlin

POSITION, Magazin der SDAJ

1. September 2016

Kämpfen lohnt sich! Rückschläge sind aber garantiert, wenn wir das Erkämpfte nicht verteidigen!

Kämpfen lohnt sich! Rückschläge sind aber garantiert, wenn wir das Erkämpfte nicht verteidigen!

…bzw. Restaurantfachmensch. Oder Fleischer. Oder Bäcker. Oder Gerüstbauer. Oderoderoder. Laut dem Berufsbildungsbericht des Bundesministeriums für Bildung(-sabbau) und Forschung (am liebsten fürs Militär) sind das nämlich Berufe, für die noch massig Ausbildungsplätze frei sind. Na dann, ab ins Schlachthaus mit uns! Oder in die Mehltüte! Oder auf die Baustelle! Nicht?

Das muss dann diese ausbildungsunfähige und -unwillige Jugend sein, von der alle reden. Ein Schelm, wer behauptet, die freien Stellen hätten etwas mit der Kohle zu tun, die man fürs Malochen bekommt. Oder mit den Arbeitsbedingungen. Es muss auch reiner Zufall sein, dass einige dieser Berufe die sind, die beim Ausbildungsreport 2015 am schlechtesten bei den Azubis abschneiden. Aber Lehrjahre sind schließlich keine Herrenjahre. Fast keiner der obigen Berufe fällt unter einen Branchentarifvertrag.

Tarifverträge sind eh sowas von out! Wir kennen ja alle das Mantra des Neoliberalismus: Prekär ist das neue Normal! Das Angebot an Ausbildungsplätzen ist von 2015 auf 2016 zwar in einigen Bereichen gestiegen, aber auch hier sind es vor allem die Bereiche, in denen man (fast) nichts bekommt. Sie sind nicht an Tarifverträge gebunden, dominiert von Betrieben, die zu klein sind, um Interessenvertretungen gründen zu können und auf die Übernahmegarantie ist – gelinde gesagt – ähnlich viel Verlass wie auf das Horoskop der BILD im Pausenraum.

Aber: Hören wir mal auf, alles nur schlecht darzustellen. Immerhin gibt es ja auch zufriedene Azubis. Zerspanungsmechaniker zum Beispiel. Oder Elektroniker für Betriebstechnik. Na, wem fällt es zuerst auf? Nein, es hat nichts mit den schicken Blaumännern zu tun, die man da tragen darf. Die Berufe, in denen die Azubis am zufriedensten sind, sind die in Großbetrieben. Mit hart er- und umkämpften Tarifverträgen, da, wo sich viele Menschen organisieren und gemeinsam Druck aufbauen können. Aber psssst! Nicht weitersagen! Diese Ausbildungsplätze werden einfach massiv abgebaut. Konstant. Die letzten fünf Jahre. Verrückt, was es immer für Zufälle gibt!

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Nun zu den positiven Entwicklungen: Laut Ausbildungsreport mussten 2015 nur noch 12,6% der befragten Azubis unter 18 Jahren mehr als 40 Stunden/Woche arbeiten und 10,2% ausbildungsfremde Tätigkeiten ausüben. Das heißt, dass sich 0,6% bzw. 0,5% mehr der Arbeitgeber an das Jugendarbeitsschutzgesetz halten, im Vergleich zum Vorjahr! Nicht mal die von uns erkämpften Rechte werden also eingehalten, wenn wir den Geschäftsführungen nicht auf die Finger schauen und hauen!

Und die Moral von der Geschicht? Kämpfen lohnt sich! Rückschläge sind aber garantiert, wenn wir das Erkämpfte nicht verteidigen! Also ab in die JAV, in den Betriebsrat und die Gewerkschaft und zeigt den Kapitalisten und Sozialpartnern, wo der Hammer hängt! Früher gings um den 12-Stunden-Tag und das Verbot der Kinderarbeit, heute um die 30-Stunden-Woche und die Übernahme nach der Ausbildung!

Lara, Berlin

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Warum in die JAV gehen?

 

Von Roxy, Tübingen

3. September 2016

POSITION – Magazin der SDAJ

35.4_4-16_cb_sp_warum-in-die-JAVDeine Ausbildung fängt gerade an, alles ist neu und du weißt noch gar nicht, wie das so läuft? Sicherlich wirst du schon bald immer wieder in Situationen kommen, die dich ärgern oder die einfach gar nicht klar gehen. Sei es der Chef, der dich mies behandelt, sei es, dass du den ganzen Tag Sachen erledigen musst, die mit deiner Ausbildung eigentlich gar nichts zu tun haben oder dass du die teure Arbeitskleidung selbst bezahlen musst, obwohl die doch eigentlich von der Firma gestellt werden müsste. Du willst etwas dagegen tun, aber alleine bringt das sowieso nichts? In jedem Fall ist es sinnvoll, sich mit anderen zusammen zu tun, gemeinsam zu kämpfen. Die Möglichkeiten, etwas zu erreichen, steigen damit enorm!

Die JAV ist ein Gremium, in dem es darum geht, deine Ausbildung zu verbessern. Dazu musst du dich einbringen. Schließlich bist du selbst als Betroffener nah an der Ausbildung dran – oder eher mittendrin. Mit der JAV hast du das gesetzliche Recht, die Qualität deiner Ausbildung zu überwachen und zu verbessern, sowohl in Bezug auf die Inhalte der Ausbildung, als auch was die Behandlung der Azubis angeht. Du kannst beispielsweise an Betriebsratssitzungen teilnehmen und dich dort für deine Bedürfnisse und die deiner Mitazubis einsetzen. Die Zeit, die du für die JAV-Arbeit aufbringst, ist Arbeitszeit, das Material, das du benötigst Arbeitsmaterial – beides muss dir bereit gestellt werden!

Sicher wird das nicht immer einfach, sicher werdet ihr Rückschläge erfahren. Aber es zeigt sich doch immer wieder, dass nur wenn wir kämpfen und uns für unsere Rechte einsetzen, wir diese auch durchsetzen können. Und auch was wir einmal durchgesetzt haben, müssen wir weiter verteidigen. Wir haben es selbst in der Hand. Geschenkt wird uns nichts, so viel steht fest.

 

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