Nachrichten
Zeige alle Artikel in Kultur & Geschichte
0

Von Prof. Dr. sc. med. Herbert Kreibich

RotFuchs, Mai 2016

Von den Eltern, Lehrern und Hochschullehrern wie auch durch ältere Freunde wurden mir im Prozeß des Erwachsenwerdens immer wieder Humanität und Rationalität als Maßstäbe menschlichen Denkens und Handelns vorgegeben. Das galt in privater, beruflicher und politischer Hinsicht. Wenn Bundeskanzlerin Merkel zur enormen Zuspitzung gesellschaftlicher Widersprüche in der BRD geradezu mantramäßig „Wir schaffen das!“ predigt, kommt mir unwillkürlich der Gedanke, daß sie das vielleicht nicht nur aus christlicher Nächstenliebe, sondern auch auf Grund ihrer Erfahrungen als eine in der DDR Aufgewachsene tut. Die humanitäre Komponente nehme ich ihr ab, die politische Rationalität fehlt jedoch völlig – nicht nur bei Angela Merkel, sondern mehr noch bei jenen, die sich als „politische Klasse“ der BRD verstehen.

Die ökonomisch gegenüber der Alt-BRD schwächere DDR hat mit ihrer Solidarität gegenüber Einzelpersonen, Gewerkschaften, staatlichen und kirchlichen Stellen unterentwickelter Länder, ausgebeuteten und verfolgten Menschen, Kämpfern gegen Kolonialismus und imperialistische Kriege Geschichte geschrieben.

Auch die derzeitige Asyl- und Flüchtlingspolitik besitzt auf ihre Weise Tradition. Geschürt durch Konflikte und Kriege sowie unter Ausspielung des vermeintlichen „Wirtschaftswunders“ wurden in der alten BRD in großer Zahl Ankommende, oftmals durch Schleuserbanden organisiert, vor allem zur Deckung des eigenen Arbeitskräftebedarfs gebraucht. Damals strömten sie aus Griechenland, Italien, der Türkei, Jugoslawien, Polen, Rumänien, Südkorea und Südvietnam in die weitaus wohlhabendere BRD. Gezielt wurden qualifizierte Fachkräfte aus der DDR in großer Zahl abgeworben. Besonders perfide war der von den traditionellen Einwanderungsländern USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, der Schweiz und Australien seit jeher betriebene „Brain drain“, die „intellektuelle Enthauptung“ der Herkunftsländer. Zu keiner Zeit stand echte Hilfe vor Ort einschließlich Hilfe zur Selbsthilfe in den Heimatländern der Flüchtlinge zur Debatte.

Als Arzt, der über einige Jahre Verantwortung für die Koordinierung der DDR-Solidaritätsleistungen auf diesem Gebiet trug, möchte ich im Folgenden knapp und sachlich schildern, auf welchen Gebieten unser untergegangener Staat zur Beseitigung des Flüchtlingselends und zum Zurückdrängen der Entsolidarisierung beitrug.

Die medizinische Hilfe der DDR erfolgte über staatliche, darunter auch kommerzielle Verträge oder Gesundheitsabkommen in Form umfangreicher materieller und finanzieller Solidaritätsleistungen ohne Gegenleistung über Nichtregierungsorganisationen.

Es gab derartige Unterstützungsleistungen u. a. für Empfänger in folgende Staaten in Europa: BRD, Berlin-West, Griechenland, Rußland, Spanien, Ukraine und Ungarn; in Asien: Indien, Irak, Jemen, Kambodscha, Laos, Mongolei, Nordkorea, Palästina, Syrien und vor allem Vietnam; in Afrika: Ägypten, Äthiopien, Algerien, Angola, Guinea Bissau, Kongo-Brazzaville, Libyen, Moçambique, Namibia, Sansibar und Pemba – später Tansania –, São Tomé und Principé, Simbabwe, Sudan und Südafrika; in Lateinamerika: Chile, Kuba und Nikaragua. Die Arten der Unterstützung waren vielfältig:

1. Politisch Verfolgten wurde Asyl gewährt, um in der DDR lernen, arbeiten und leben zu können. Hierzu gehörte auch die unentgeltliche medizinische Betreuung. (Als prominenteste Beispiele sind unter Tausenden griechischen Kommunisten, die ins DDR-Exil gehen mußten, die Professoren Kritsikis und Phoutopoulos von der Berliner Charité zu nennen.) Aus der alten BRD kamen nach dem KPD-Verbot und den Prozessen, die sich u. a. auch gegen die FDJ richteten, sowie nach dem berüchtigten „Radikalen-Erlaß“ ebenfalls Tausende Flüchtlinge in die DDR. Aus Chile konnten nach dem Pinochet-Putsch gegen Salvador Allende Tausende Verfolgte in die DDR entkommen, wo sie ein normales Leben führten. Unter ihnen war auch die derzeitige chilenische Präsidentin Michèle Bachelet, die in der DDR Medizin studierte und Kinderärztin wurde, sowie Allendes Gesundheitsminister Dr. Concha.

2. Tausende und aber Tausende Kriegs- und Bürgerkriegsopfer erhielten in DDR-Krankenhäusern oder durch chirurgische Behandlung in den Heimatländern durch Spezialisten der DDR medizinische Hilfe. Dies traf besonders für Indochina (Kambodscha, Laos und Vietnam), Nikaragua sowie Angola, Moçambique, Namibia und Südafrika zu. Nelson Mandela äußerte sich dazu in seiner Autobiographie mit Dank für die Unterstützung zahlreicher ANC-Kämpfer.

3. Es erfolgten medizinische Voruntersuchungen an Ort und Stelle sowie integrierte medizinische Betreuung innerhalb der DDR von mehr als 100 000 jungen Frauen und Männern aus Ungarn, Nordkorea, Vietnam, Laos, Kambodscha, Palästina, Algerien, Angola, Moçambique, Namibia, Südafrika und Kuba, die sich zur Berufsausbildung und zum Studium im Lande befanden. Die Ausgebildeten kehrten in ihre Heimat zurück, bauten ihr Land wieder auf, wobei einige heute führende Positionen in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik bekleiden.

4. Entwicklungshilfe vor Ort. Markante Beispiele sind dafür: Beim Bau der internationalen Erdgastrasse „Drushba – Freundschaft“ vom Ural nach Zentraleuropa betrieb die DDR in der RSFSR und in der Ukraine Ambulatorien und Arztpraxen für die Monteure, aber auch für die Zivilbevölkerung. Gleiches gilt für das Urwaldkrankenhaus Moatize (Moçambique), wo Ärzte und Schwestern aus der DDR zusammen mit einheimischem Pflegepersonal die Betreuung von Bergleuten und der Bevölkerung im Norden des Landes bis zum Sambesi sicherten. In Gouda (Äthiopien) wurde die Medizinische Fakultät maßgeblich von Wissenschaftlern und Ärzten der Leipziger Karl-Marx-Universität getragen.

Mit einem Aufwand von vielen Millionen Mark – überwiegend monatlichen Spenden von FDGB-Gewerkschaftern – wurde das „Karl-Marx-Hospital“ in Managua (Nikaragua) gegründet. Auf Jahre hinaus sicherten Ärzte, medizinisches und technisches Fachpersonal sowie ausgebildete „Nikas“ die unentgeltliche Versorgung auf hohem Niveau.

5. Nicht unbedeutenden Anteil an der solidarischen Unterstützung für die Entwicklungsländer, oft im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation, hatte eine Vielzahl von Experten, welche in einigen dieser Länder massenhaft verbreitete Erkrankungen und Seuchen (z. B. Tuberkulose, Malaria, Schlafkrankheit, Geschlechtskrankheiten, Trachom, Pocken, Lepra) bekämpften, Impfungen durchführten, diagnostische Medizintechnik einführten und die Landesbehörden bei der Planung und Organisation als Berater unterstützten.

0

Zu den Vorwahlen in den USA

Kolumne von Manfred Idler 

 Der Zirkus neigt sich dem Ende zu. Bei den Vorwahlen zu den US-Präsidentschaftswahlen hat Donald Trump die Mitbewerber aus seiner Partei abgehängt – er ist der erste unter der „Bande von Halsabschneidern“, wie ein US-amerikanischer Genosse die anfänglich 16 republikanischen Kandidaten charakterisierte. Bei den Demokraten scheint der Vorsprung von Hillary Clinton vor Bernie Sanders uneinholbar. Möglich, dass den Anhängern Sanders‘ damit eine Enttäuschung erspart bleibt. Denn der Spielraum eines US-Präsidenten ist sehr klein, wenn das Kapital sich angegriffen fühlt.

Das chauvinistische Trumpeltier gegen die Lady, die schon acht Jahre lang ihrem Land als White-House-Drachen und vier Jahre als Außenministerin gedient hat: für den (neo-)liberalen Medien-Mainstream ist das die ideale Paarung. Dessen Votum ist eindeutig: Trump ist die Hassfigur. Hinter seiner „America first“-Fahne sammeln sich die reaktionärsten isolationistischen Kräfte der USA, religiöse Fundamentalisten und Unterschichtsrassisten, der absturzbedrohte Mittelstand, lokale kleine und mittlere Industrie. Die Wall Street dagegen ist weltoffen: für das weltweite Absaugen der Produktivkraft Intelligenz, vorwiegend aus den Ländern der „dritten Welt“, für die Möglichkeit, durch Freihandel die eigene technologische Überlegenheit profitbringend einzusetzen. Für die profitabelste Vernutzung von Arbeitskraft ohne Ansehen von Religion, Hautfarbe oder Geschlecht. Und natürlich für den militärisch gestützten und auch durchgesetzten Export von „Freedom and Democracy“. Für diese Art imperialistischen Fortschritts steht Hillary Clinton.

So gesehen ist sie tatsächlich die Fortschrittlichere der beiden. Ein „kleineres Übel“ ist sie bestenfalls graduell. Für die Menschheit wäre ein klassisch-konservativer Kandidat – der nicht zur Verfügung steht – vielleicht noch die beste Wahl gewesen. Konservative haben bisweilen eine ethische Bremse aufgrund religiöser Überzeugung oder humanistischer Tradition. Eine Bremse, die „Progressiven“ auf dem Weg von Mitte-links nach rechts fehlt. In Europa haben wir diese Erfahrung mit Schröder und Blair und deren Kriegen nach innen und außen gemacht.

0

USA sollen den übrigen Ländern die Regeln für den internationalen Handel diktieren

Von Willi Gerns

13. Mai 2016

US-Präsident Barak Obama hat kürzlich in einem in der Zeitung „The Washington Post“ veröffentlichten Artikel seine Besorgnis über die Versuche Chinas zum Ausdruck gebracht, Handelsverträge mit Partnern in der asiatisch-pazifischen Region abzuschließen. Sie laufen dem Bestreben der USA zuwider, diese Region mit ihrem transpazifischen Freihandelsabkommen TTP unter ihre möglichst vollständige Kontrolle zu bringen. Dem TTP-Abkommen gehören inzwischen die USA, Kanada, Mexico, Peru, Chile, Malaysia, Brunei, Singapur, Vietnam, Japan, Australien und Neuseeland an. Konkreter Anlass für den besorgten Artikel Obamas was ein wenige Tage vorher in Australien durchgeführtes Treffen von Vertretern Chinas mit den Repräsentanten von 15 weiteren Staaten, vorwiegend aus der asiatisch-pazifischen Region, bei dem der Aufbau einer regionalen Wirtschafts-Partnerschaft erörtert wurde.

Obama bemerkte dazu, dieses Handelsübereinkommen werde die unredliche Konkurrenz mit den staatlichen Unternehmen nicht behindern. Es werde das freie und offene Internet nicht verteidigen und außerdem könne es das, was amerikanischen Handeltreibenden, Künstlern und Filmemachern gebühre, nicht gewährleisten. Vielmehr sei es eine Bedrohung für amerikanische Arbeitsplätze und für Absatzmöglichkeiten amerikanischer Waren.

Und dann lässt der US-Präsident sein Credo mit Blick auf den globalen Handel aus dem Sack, ein Credo, das nicht nur das Handeln der USA beim TTP-Abkommen bestimmt, sondern ebenso bei den Verhandlungen über TTIP, wie die kürzlich von Greenpeace veröffentlichten Verhandlungsdokumente belegen. Der US-Präsident schreibt ohne Umschweife: „Amerika muss die Regeln schreiben. Amerika muss die Entscheidungen treffen. Die anderen Länder müssen nach den Regeln spielen, die Amerika und ihre Partner aufstellen, und nicht umgekehrt. … Die Welt hat sich verändert. Damit verändern sich auch die Regeln. Die Vereinigten Staaten – und nicht Länder von der Art Chinas müssen sie schreiben.“ Das sind offene Worte eines US-amerikanischen Chauvinisten, dem das Streben nach uneingeschränkter Weltherrschaft der USA den Blick für die tatsächlichen Veränderungstendenzen in der Weltwirtschaft verstellt.

Ähnlich sieht das offenbar auch das Außenministerium der VR China, dessen Vertreter in einer Stellungnahme zu den zitierten Auslassungen Obamas in seinem Washington-Post-Artikel bemerkte, dass dies nach Meinung Chinas sehr ambitiöse Erklärungen seien. Und weiter: „Ich befürchte aber, dass sie die langfristigen Perspektiven nicht berücksichtigen. Die Regeln des internationalen Handels müssen von allen Ländern der Welt gemeinsam festgelegt und nicht von irgendeinem einzelnen Land diktiert werden.“

Während Obama den Weltherrschaftsanspruch der USA für das Gebiet des Welthandels definierte, verkündete der Präsidentschaftskandidat der Republikaner, Donald Tramp, zur gleichen Zeit ausgehend von diesem Anspruch das Recht der USA auf ungehinderte Spionageflüge an den Grenzen Russlands. In einem Interview für den Sender „Indiana Radio“ erklärte er, dass „russische Flugzeuge, die sich amerikanischen Flugzeugen nähern, vernichtet werden müssen.“ Die Zwischenfälle mit russischen Flugzeugen“, so Tramp weiter, „zeugen von fehlender Achtung gegenüber den USA“. Der Milliardär kommentierte damit eine Episode vom 12. April 2016 bei der eine russische Su-27 aufgestiegen war, um ein US-Spionageflugzeug vom Typ RC-135 über der Ostsee nahe der russischen Grenze abzufangen. Es ging dabei also um eine Maßnahme, die die USA in der Nähe ihrer Grenzen für sich als selbstverständliches Recht in Anspruch nehmen.

Der scheidende Präsident der USA legt sich also als „Abschiedsgeschenk“ in provokatorischer Weise mit China an und einer seiner möglichen Nachfolger zündelt mit der Möglichkeit eines militärischen Konflikts zwischen den Atommächten USA und Russland. Wenn man ein gläubiger Mensch wäre, könnte man sagen: Gott bewahre uns vor solchen amerikanischen Präsidenten. Als Atheist bleibt mir und anderen Weltanschauungsgenossen nur über, gemeinsam mit Gläubigen und Nichtgläubigen in unseren Aktivitäten gegen TTIP und das brandgefährliche Säbelrasseln der NATO an den russischen Grenzen nicht nachzulassen und weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter dafür zu gewinnen.

0

 

Die Veränderungen, die in der letzten Etappe des XX. Jahrhunderts in Osteuropa stattgefunden haben, brachten einige Intellektuelle dazu, vom Ende der Geschichte und dem Beginn einer neuen Ära zu sprechen

Seit 1996 findet in jedem Jahr in Moskau auf dem Roten Platz die Siegesparade statt. FOTO: RT

Die Welt hat sich verändert. So viel steht fest. Sie verändert sich jeden Tag oder sie wird verändert, weswegen es wichtig ist, die Geschichte nicht zu vergessen, die uns jeden Augenblick daran erinnert, wie wir sind und vor allem, wie wir waren.

Wir befinden uns im Mai, den man schon nicht mehr den Regenmonat nennen kann, und auch darin lassen sich die Veränderungen, in diesem Fall die klimatischen, erkennen. Die aber, die mich veranlasst haben, diese Zeilen zu schreiben, haben mit Politik zu tun, mit Gesellschaft und ganz allgemein mit der Menschheit.

Die Veränderungen, die in der letzten Etappe des XX. Jahrhunderts in Osteuropa stattgefunden haben, brachten einige Intellektuelle dazu, das Ende der Geschichte und den Beginn einer neuen Ära zu prophezeien, was sich mit den aktuellen Empfehlungen von Staatsmännern wie Obama deckt, neu anzufangen und die Geschichte zu vergessen.

In der Praxis ist man nur bestrebt, die Veränderungen zu rechtfertigen, die von den Mächtigen hervorgerufen wurden, um deren Interessen schützen oder um deren Einkünfte zu steigern, ohne sich um die zu kümmern, die unter den oft todbringenden Folgen zu leiden haben.

Wie denken die Iraker, die Libyer, die Iraner, die Jemeniten und unzählige andereVölker darüber, die sich in Todesopfer oder Emigranten verwandelt haben, um nur die ganz aktuellen Fakten aufzuzählen. In diese lange Liste könnte man Tausende und Abertausende Personen einschließen, die auf die eine oder andere Art unter den Folgen, den Kriegen oder den Aggressionen zu leiden hatten und noch leiden.

Was unsere Region angeht, hat man schon die schreckliche Geschichte der Völker wie des argentinischen, des brasilianischen, des gualtemaltekischen oder salvadorenischen vergessen? Oder um es in zwei Worten zu sagen, hat man schon den Plan Condor vergessen, der Millionen Familien in ganz Lateinamerika mit Trauer erfüllte?

Wir befinden uns im Monat Mai und heute am 9. Mai gedenken wir des 71. Jahrestags des Sieges der damaligen UdSSR und ihrer Verbündeten über das faschistische Deutschland Hitlers. Den Russen und alle jenen Nationalitäten die die Sowjetunion bildeten, ist diese Geschichte, die die Menschheit von einem Übel befreite, das sie bedrohte, sehr präsent.

Sollte man alle jene Völker bitten, dass sie im Interesse eines Neuanfangs ihre Toten vergessen, den Hunger und das Elend, dessen sie in all den Jahres des Krieges ausgesetzt waren?

Ich denke nicht, nicht einmal in den anderen Ländern, die am Kampf beteiligt waren, können deren Bürger die Zerstörung ihrer Städte durch Bombardierung oder die auf deren blutigen Weg sie zu erobern, von der faschistischen Maschinerie begangenen Massaker vergessen.

Aber diese sich verändernde Welt präsentiert sich uns als eine, die die Realität, die uns bedroht, ignoriert. Die älteren unter uns werden sich noch an die wiederholten Klagen über die nukleare Bedrohung erinnern und an die Möglichkeit eines Endes der Menscheit als Gattung auf diesem Planeten. Sind die Nuklearwaffen verswchwunden?

Sie werden sich daran erinnern, dass es den Warschauer Pakt gab, der geschaffen wurde, um einem anderen Pakt , dem der NATO, entgegenzutreten und dass der erste mit den Resten der damaligen sozialistischen Ländern verschwunden ist. Jetzt müsste man sich fragen: Warum nimmt der übrig gebliebene Pakt immer neue Mitglieder auf, bedroht Russland und hat sich in eine weltweite Militärpolizei verwandelt. Wer sind seine Feinde?

Kommen wir auf die Region zurück, die sich seit zwei Jahrzehnten zum Guten hin verändert hat. Man kann jetzt bereits nicht mehr Kuba kritisieren, dass es die Revolution exportiert, was, wie man schon immer wusste, unmöglich ist, und es begannen dann verschiedene politische Prozesse zu entstehen, die wegen ihrer Verschiedenheit schwer zu bewerten sind, aber von denen einige an die Macht kamen, wovon die großen Massen der Besitzlosen ihren Nutzen hatten.

Dieser Monat Mai ist Zeuge weiterer Veränderungen, die man einigen progressiven Staaten der Region auferlegen möchte. Es sind jetzt nicht mehr Militärputsche, sondern weiche Putsche, die man im Namen der Demokratie führt, nicht im Namen einer partizipativen, sondern einer, die ihnen zupass kommt, egal ob man sie repräsentativ oder sonstwie bezeichnet.

Wir Revolutionäre sind von Natur aus keine Pessimisten, aber wir müssen realistisch sein. Die Rechte und die Reaktion sind in der Welt und auch in Lateinamerika vorgerückt, aber die Völker haben sich auch verändert und kennen ihre Rechte; deswegen wird es nicht so leicht sein, diesen ihre Bedingungen aufzunötigen.

Und wieder einmal wird die Geschichte das präsent haben, was gemacht wurde und was noch zu machen ist, denn es sind die Völker, die sie jeden Tag mit ihrem Kampf und in Verteidigung ihrer Rechte schreiben. Heute erinnern wir uns an den Zweiten Weltkrieg. Für viele befinden wir uns bereits in einem Dritten, mit seinen besonderen Merkmalen, denn wie die Welt sich verändert, verändert sich auch die Art, wie Weltkriege ausgelöst werden.

0

Kommunistische Partei ChilesKommunistische Partei Chiles, 6. Mai 2016

Die Kommunistische Partei Chiles hat vom Tod Margot Honeckers heute morgen in unserem Land erfahren. Sie spricht ihrer Tochter Sonia, ihren Familienangehörigen, Freundinnen und Freunden ihr tief empfundenes Beileid aus.

Es sind Hunderte ins Exil gezwungene chilenische Kommunisten, die sich voller Wertschätzung der Solidarität und Freundschaft erinnern, deren aktiver Teil Margot Honecker war. Diese Solidarität erreichte das chilenische Volk in der härtesten Phase der bürgerlich-militärischen Diktatur, die unser Land seit September 1973 geprügelt hat.

Schon in jungen Jahren widmete sie ihr Leben der Sache des Sozialismus und kämpfte für die Souveränität und Entwicklung der Deutschen Demokratischen Republik, in der sie das Amt der Bildungsministerin ausübte und führendes Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands war. Beim Zusammenbruch des Sozialismus in Europa erhielt sie politisches Asyl in Chile, wo sie freundschaftliche Verbindung zu unserer Partei und insbesondere zu denen unserer Mitglieder hielt, die ihr Leben in der DDR retten konnten und dort die Aufnahme und Herzlichkeit des deutschen Volkes empfingen.

In dieser Stunde gibt die Kommunistische Partei Chiles angesichts des Todes von Margot Honecker ihre Trauer Ausdruck und ist sich sicher, dass sie damit für viele Chileninnen und Chilenen spricht, die dazu gezwungen wurden, fern ihrer Heimat das Exil zu erleiden und eine Solidarität empfangen konnten, die niemals vergessen werden wird.

Kommunistische Partei Chiles
Santiago, 6. Mai 2016

Übersetzung: RedGlobe

0

 

DDRWie chilenische Medien unter Berufung auf der Familie nahestehende Quellen berichten, ist Margot Honecker am heutigen Freitag im Alter von 89 Jahren in Santiago de Chile verstorben. Die frühere Bildungsministerin der DDR, Ehefrau von SED-Generalsekretär Erich Honecker, lebte seit Januar 1993 in Chile. Das Ehepaar hatte in dem südamerikanischen Land Asyl erhalten und entging so der in Deutschland entfesselten antikommunistischen Hexenjagd.

Der Rundfunksender Radio Cooperativa erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass rund 2000 Chilenen in den 70er und 80er Jahren vor dem Terror der Pinochet-Diktatur in die DDR flohen. Zu ihnen gehörte die heutige Präsidentin Chiles, Michelle Bachelet.

Quelle: Radio Cooperativa / RedGlobe

0

Adieu, Genossen!

Von Klaus Steiniger

Rotfuchs, Mai 2016

Der französische Schriftsteller und Publizist André Wurmser, der für die damals kommunistische „Humanité“ viele Jahre eine stets mit Spannung erwartete tägliche Kolumne unter der Überschrift „Mais …“ („Aber …“) verfaßte, „überlebte“ seinen physischen Tod – zumindest journalistisch – um 24 Stunden. In jener Ausgabe der lieben alten „Huma“, die sein Ableben vermeldete, bat er noch einmal ums Wort. „Un dernier mais …“ („Ein letztes Aber …) stand über dem Text, der viele bewegte. Es war gewissermaßen ein Nachruf des Autors auf sich selbst.

Der überzeugte Materialist Wurmser, der natürlich um die Endlichkeit menschlichen Daseins wusste, verabschiedete sich auf beinahe surrealistische Weise von seinen Genossen. Er bat sie überdies, auf Sträuße und Kränze zu verzichten und das Geld statt dessen seiner in jenen Tagen tapfer kämpfenden Partei – der FKP – zu spenden.

Für Wurmser hatte sich der Kreis des Lebens, mit dessen Bilanz er durchaus zufrieden sein konnte, geschlossen. Sein literarisches Erbe ist beachtlich. Ein mit der Feder bewaffneter Klassenkämpfer, blieb er buchstäblich bis zum letzten Atemzug der revolutionären Sache des Proletariats verbunden.

Ohne mich mit dem bedeutenden Franzosen auf eine Stufe erheben zu wollen, habe auch ich das Verlangen, Euch Lebewohl zu sagen. Ich bin, wie man so sagt, mit mir im Reinen. Dazu gehört auch privates, persönliches Glück, das ich erfahren habe.

Seit 1948 stand ich in den Reihen der deutschen kommunistischen Bewegung. Ich bin der SED an meinem 16. Geburtstag – dem 28. Dezember jenes Jahres – als FDJler in Westberlin beigetreten.

Die andere entscheidende Koordinate meines Lebens will ich besonders hervorheben: Über 40 Jahre – von der ersten bis zur letzten Minute ihres Bestehens, wobei dieses für mich am 18. März 1990 sein Ende fand – war ich Bürger der Deutschen Demokratischen Republik, des besten Staates in der Geschichte unseres Volkes. Diese beiden Klammern haben alles zusammengehalten.

Zu besonderem Dank fühle ich mich meinem Vater verpflichtet, der mir auch als mein Lehrer an der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität in so mancher Hinsicht den Weg gewiesen hat. Er war ein treuer Kommunist. Als Mitglied des Deutschen Volksrates und Abgeordneter der Provisorischen Volkskammer zählte er 1948/49 zu den Bahnbrechern und Gründern der DDR. Er hat ihre erste Verfassung maßgeblich mit formuliert. Jahrzehntelang gehörte er dem Weltfriedensrat an. 1980 wurde er am Pergolenweg in der Gedenkstätte der Sozialisten beigesetzt.

Zu mir selbst nur soviel: An dem Tag, an dem die DDR entstand, war ich FDJ-Sekretär des traditionsreichen Berlinischen Gymnasiums zum Grauen Kloster, das Schinkel und Bismarck besucht hatten. Es galt damals als die reaktionärste Schule im Osten der Stadt. Stadtschulrat Ernst Wildangel hatte mich dort hingeschickt. Auf dem Schulhof hielt ich vor einem verblüfften und überwiegend feindseligen Zuhörerkreis die Festansprache zur Staatsgründung.

Nach dem Studium war ich zunächst Staatsanwalt und Bürgermeister, dann Journalist beim Fernsehen der DDR, Mitarbeiter des Außenministeriums und schließlich fast 25 Jahre Redakteur und Auslandskorrespondent des ND, das damals in einer Millionenauflage erschien. In der Zeitung, die seit Walter Ulbrichts Ausscheiden zwar oft hölzern, sperrig und blutarm daherkam, aber bis 1989 immerhin auf Klassenpositionen stand, habe ich etwa zweieinhalbtausend Artikel veröffentlicht, von unzähligen Beiträgen in „horizont“, „Weltbühne“ und anderen Publikationen ganz abgesehen. Das damals kommunistische Blatt entsandte mich als Reporter an viele Brennpunkte des internationalen Geschehens. Monatelang verfolgte ich als Berichterstatter – zugleich auch als Vertreter einer weltweiten Solidaritätsbewegung – im kalifornischen Gerichtssaal den Prozeß gegen die auf Leben und Tod angeklagte marxistische Philosophiedozentin Angela Davis. Damals besuchte ich auch junge Indianer in ihren Wigwams und Rundhäusern am Pit River in der Sierra Nevada. Es gab gute Gründe, ihren Mut zu bewundern. Ich genoß die Gastfreundschaft japanischer Fischer, stand auf einem Friedhof bei Tokio am Grab des Kundschafters Richard Sorge. Schon 1964 hatte ich – unmittelbar nach dem durch USA-Kriegsschiffe provozierten „Zwischenfall im Golf von Tonking“ – die Helden Vietnams kennengelernt. Später begleitete ich fünf Jahre lang Portugals Kommunisten durch Revolution und Konterrevolution.

Vielen Großen der Volks- und Arbeiterbewegung bin ich persönlich begegnet: so Brasiliens legendärem Luis Carlos Prestes und Chiles begeisternder Gladys Marin; den Generalsekretären der meisten kommunistischen Parteien Lateinamerikas; dem in der Haft erblindeten Nationalen Vorsitzenden der KP der USA Henry Winston, einem besonders liebenswerten Menschen; Portugals genialem Álvaro Cunhal wie auch dem roten General und zeitweiligen Lissabonner Regierungschef, meinem Freund Vasco Goncalves. Unvergeßlich blieb mir ein Gespräch zwischen dem Generalsekretär der KP Griechenlands, Harilaos Florakis, und Volkskammerpräsident Horst Sindermann, dem ich in Athen beiwohnen durfte.

Besonderen Wert legte ich immer auf den Kontakt mit der Basis der eigenen Partei – den sogenannten einfachen Genossen – und vielen Menschen ohne SED-Parteibuch. Unzählige Male habe ich vom Fleck weg die Fragen interessierter Bürger zu außenpolitischen und internationalen Themen beantwortet, von denen ich etwas zu verstehen glaubte. Allein im vogtländischen Plauen war ich 20 Jahre hintereinander auf „Propagandistischen Großveranstaltungen“ mit jeweils bis zu 1 000 Zuhörern zu Gast, die angesichts des oft kargen Informationsflusses jener Jahre auf zusätzliche Auskünfte warteten. Im benachbarten Reichenbach brachte ich es „nur“ auf 15 zusammenhängende Jahre.

Nach der Niederlage des Sozialismus habe ich – die vielen Karrieristen, Umgefallenen, Weggelaufenen und beim Gegner „Angekommenen“ nüchtern ins Kalkül ziehend – das kostbarste Gut in der Stunde des konterrevolutionären Sieges kennengelernt: die Standhaftigkeit der zusammengeschmolzenen Schar Übriggebliebener, die nicht aufgegeben hatten. Und auch jenen bewahrte ich meine Verbundenheit, welche sich nach anfänglichem Umherirren, verständlicher Frustration oder dem Rückzug in die eigene „Burg“ wieder bei uns einfanden.

Ich bin so manchen begegnet, mit denen ich mich selbst zwar nicht messen, die ich aber als Maßstab betrachten konnte: An erster Stelle möchte ich unter unseren Freuden den herausragenden marxistischen Philosophen Hans Heinz Holz mit seiner Kampf- und Lebensgefährtin Silvia erwähnen.

Andere Erfahrungen waren mehr peripherer Art. 1946 zählte ich als einer der Jüngsten zu jenen, deren Familien den Sarg des Dichters Gerhart Hauptmann im durch Marschall Shukow bereitgestellten Sonderzug von Schlesien in die Sowjetische Besatzungszone begleiten durften. Zwei Jahre später sandte mir der große expressionistische Maler Karl Hofer einen handschriftlichen Brief, mit dem er mich dazu ermunterte, dann leider rasch erloschene Ansätze zeichnerischer Begabung zur Reife gelangen zu lassen. 1950 befand ich mich im Treptower Reihenhaus von Ernst Busch – einem unserer damaligen Nachbarn –, als der unvergessene proletarische Künstler seinen gerade getexteten und vertonten Hit „Ami, Ami, go home!“ einem kleinen Freundeskreis erstmals zu Gehör brachte.

Und dann gab es da noch die mich aufwühlende Visite im Pariser Gartenhaus von Robert-Jean Longuet, zu dem wir gemeinsam mit dem UNESCO-Botschafter der ČSSR eingeladen worden waren. Der bereits über 80jährige Urenkel von Karl Marx – ein gestandener Kommunist – und seine deutsche Frau Christine boten uns ein vorzügliches Abendessen an. Vor allem aber: Longuet erzählte aus seinem bewegten Leben, so auch davon, daß bei seinem Vater Jean – dem außenpolitischen Redakteur der „Huma“ und Marxens Lieblingsenkel Jonny – Lenin als Freund des Hauses aus- und eingegangen sei.

Die Kette solcher Erinnerungen ließe sich wohl noch eine Weile fortsetzen. Doch ich will niemanden damit langweilen, sondern statt dessen selbst Bilanz ziehen. Meine Kinder, Enkel und Urenkel in Deutschland, Schweden und Brasilien müssen die Flamme des Lebens weitertragen.

Was ist die Quintessenz – außer Erfüllung im Privaten – für einen Menschen, der aus „unserem Holz geschnitzt“ wurde? Meine charakterlichen und politischen Prioritäten setze ich so: Prinzipienfestigkeit, die sich im Leben und Sterben bewährt; Unveräußerlichkeit einmal gewonnener Überzeugungen, Erkenntnisse, Einsichten und Haltungen; Berechenbarkeit für jedermann; unbedingte Verläßlichkeit; Fleiß; Mut im Umgang mit dem Klassenfeind, was nicht mehr heißt als Verdrängung der eigenen Angst; Kameradschaftlichkeit und Solidarität gegenüber Freunden; profunder Internationalismus; menschliche Wärme; Sinn für Humor. Ein Kommunist darf schwach werden, aber nicht umfallen, solange noch ein Funken Leben in ihm ist.

Mein persönliches Resümee lautet: Ich habe einiges erreicht und manches verfehlt. Von den Defiziten will ich hier nicht sprechen.

Auf die Habenseite meines politischen Eingreifens buche ich an erster Stelle den „RotFuchs“. Er ist das gemeinsame Werk vieler, entsprang allerdings einer Idee von mir und Bruni. Ich durfte ihn auch in all den Jahren redigieren. Mit dieser kleinen und – wie inzwischen manche meinen – großen Zeitschrift haben wir in den finstersten Jahrzehnten seit dem Sturz des Faschismus einen Lichtschimmer an den Horizont geworfen. Der RF hat den Treuesten unter den Treuen die politische Heimat bewahrt. Dieses Leuchtfeuer darf mit dem Verschwinden einzelner Personen nicht erlöschen. Sicher wird der „RotFuchs“ künftig anders sein als bisher, bringt doch jeder an ihm Arbeitende seine eigene Handschrift, seinen persönlichen Stil, seine Art des Herangehens und das Maß seiner Kenntnisse ein. Das galt für mich ebenso wie es für meine Nachfolger gilt. Ich habe versucht, das Beste zu geben, und sie werden von dem gleichen Gedanken beseelt sein. Fortan sind ihre Erfahrungen und Fähigkeiten allein bestimmend.

Zögert keinen Augenblick, auch in Zukunft Eure ganze Kraft dafür einzusetzen, Kommunisten, Sozialisten und andere Weggefährten mit oder ohne Parteibuch beharrlich, geduldig und zielklar im Sinne von Marx, Engels und Lenin zu sammeln!

Wie einst für André Wurmser hat sich nun auch für mich der Kreis geschlossen. Ein winziges Detail führte mir das schon früher vor Augen: Bis zu meinem 5. Lebensjahr blickte ich in Charlottenburgs Knesebeckstraße aus unserem Küchenfenster auf einen engen Posthof. Jeden Morgen wurden dort in langer Reihe die damals gerade eingeführten und alle Welt frappierenden gelben Seitenwagen-Maschinen der Eilzusteller betankt. Das war ein aufregendes Ereignis meiner frühen Kindheit. Im letzten Abschnitt meines Lebens stand mir Tag für Tag ein ähnliches Bild vor Augen: der Blick aus unserer Karlshorster Wohnung fiel abermals direkt auf den Hof der Post, wo sich gelbe Transporter in rascher Folge ablösten. Eine Allegorie? Während ich aus Euren Reihen ausgeschieden bin, setzt Ihr die Stafette der Generationen fort. Ich möchte Euch meinen Leitgedanken ans Herz legen. Peter Hacks hat in seiner jahrelangen Korrespondenz mit mir den herrlichen Satz gefunden, der mich bis zuletzt motivierte: „Wessen sollten wir uns rühmen, wenn nicht der DDR!“

Ganz am Schluß noch eine sehr persönliche Bitte: Steht meiner Bruni bei, die unseren „RotFuchs“ mit inspiriert und all die Jahre zusammen mit mir gestaltet hat. Ihr habe ich viel zu verdanken.

Mit Joe Hill, dem 1915 von den Kupferbossen Utahs erschossenen amerikanischen Streikführer, sage ich: Trauert nicht, organisiert Euch! Adieu, Genossen!

Euer Klaus Steiniger

 

0

 

Der 1. Mai – Kampftag der Arbeiterklasse

Seit dem Beschluß des Internationalen Kongresses in Paris 1889 ist der 1. Mai ein Kampftag der Arbeiterklasse geworden, ein Tag der Bekräftigung des Bekenntnisses und des Willens der Arbeiterklasse für die siegreiche proletarische Revolution. Alle reformistischen Versuche, dem 1. Mai diesen revolutionären Charakter zu nehmen, sind an dem Widerstand der Arbeiterschaft gescheitert.

Mehr denn je muß der 1. Mai 1927 den revolutionären Charakter der Maifeier demonstrieren. Mehr als in den vergangenen Jahren steht der 1. Mai 1927 im Zeichen der schärfsten kapitalistischen Offensive. Er wird gekennzeichnet durch eine Zuspitzung der internationalen Situation, die bereits zur direkten, akuten Kriegsgefahr geführt hat.

Im Mittelpunkt der internationalen Ereignisse steht der gigantische Kampf der werktätigen Bevölkerung Chinas gegen den Imperialismus und gegen die imperialistischen Henkersknechte in China selbst. Der wuchtige Vormarsch der Südarmee hat die imperialistischen Großmächte veranlaßt, ihre militärischen Kräfte zu verstärken. Durch offene Provokationen, wie das Blutbad in Nanking, und die mit ihrem Einverständnis vorgenommene Besetzung sowjetischer Gesandtschaften und Konsulate haben sie den direkten Angriff auf die chinesische Revolution eingeleitet.

Gleichzeitig ist es ihnen gelungen, den bisherigen Heerführer der Südtruppen, Tschiang Kai-schek, zum offenen Verrat an der Sache des werktätigen Volkes Chinas zu bewegen. Der rechte Flügel der Kuomintang, in dem die chinesische Bourgeoisie sich zusammengeschlossen hat, versucht mit den ausländischen Imperialisten und mit Dschang Dso-lin zu paktieren. Tschiang Kai-schek und die mit ihm verbundenen Generale führen Pogrome gegen die chinesischen Kommunisten und Gewerkschaftsmitglieder durch und sind so der revolutionären Bewegung in den Rücken gefallen.

Aber die Arbeiter und Bauern Chinas haben nicht zum ersten Male den Übergang eines größenwahnsinnig gewordenen Generals ins Lager der Konterrevolution erlebt. Die Antwort der Kantonregierung ist die schärfste Anspannung aller revolutionären Kräfte, die Konzentrierung der revolutionstreuen Kerntruppen der Südarmee und die Aufnahme des Kampfes gegen den neuesten Söldling des ausländischen Imperialismus.

In diesem schweren Kampfe hat die chinesische Revolution nur zwei ernsthafte Freunde: die Sowjetunion, den Staat der Arbeiter und Bauern, der in der einen Hand die Kelle des wirtschaftlichen Aufbaus des Sozialismus, in der anderen Hand das Schwert der Verteidigung der Revolution gegen alle imperialistischen Angriffe hält. Die Einkreisungspolitik der imperialistischen Großmächte gegen die Sowjetunion ist in ein neues Stadium getreten. Der britische Imperialismus bietet alles auf, um den Ring, der die Sowjetunion erdrosseln soll, immer enger zu ziehen. Die Errichtung der faschistischen Diktatur in Litauen, Mussolinis Anerkennung der Annexion Bessarabiens, die britische Note an die Sowjetunion, die Organisierung der Überfälle in China, das Eingreifen Chamberlains für eine deutsch-polnische Verständigung in Genf, all das sind Maßnahmen der britischen Regierung zur Vorbereitung des bewaffneten Vorstoßes gegen die Sowjetunion.

Der zweite Freund des revolutionären Chinas, der zugleich Seite an Seite mit der Sowjetunion gegen die britische Einkreisungspolitik kämpft, das sind die werktätigen Massen aller Länder, die bereits ihre Sympathie und Solidarität mit den chinesischen Arbeitern und Bauern in machtvollen Demonstrationen bekundet haben. Der 1. Mai, der seit Jahrzehnten ein Kampftag des Proletariats gegen die Bourgeoisie ist, der trotz aller versuchten Verfälschungen seines Charakters durch die reformistische Bürokratie den Willen der Arbeiterklasse verkörpert, die kapitalistische Herrschaft zu stürzen, um die Diktatur des Proletariats aufzurichten, muß im Zeichen einer gewaltigen internationalen Kundgebung gegen den imperialistischen Unterdrückungsfeldzug, der gegen die chinesische national-revolutionäre Freiheitsbewegung im Gange ist, und gegen die neue 201E;Heilige Allianz“ unter der Führung Großbritanniens stehen.

Es genügt allerdings nicht, sich im Kampfe gegen die imperialistischen Bestrebungen auf bloße Demonstrationen und Solidaritätsbeteuerungen zu beschränken. Die Herstellung von Waffen und Munition für die Würger der chinesischen Revolution muß unterbunden und die Verschickung, wie sie nach einwandfreien Feststellungen auch von deutschen Hafenstädten aus erfolgt, muß verhindert werden. Es ist bezeichnend für die Haltung der Führer der II. Internationale, daß sie die Losung des Verbots von Waffentransporten an die imperialistischen Kriegstreiber in China abgelehnt haben. Diese Führer unterstützen auch heute in allen wesentlichen Fragen die imperialistische Politik ihrer Regierungen. Sie denken nicht daran, an Stelle billiger Phrasen, die nur dazu bestimmt sind, die Arbeiterschaft zu täuschen, wirkliche Solidaritätshandlungen zu setzen.

Auch die Regierung der deutschen Bourgeoisie ist an den imperialistischen Plänen gegen China und die Sowjetunion beteiligt. Bezeichnend dafür ist, daß die Mitglieder der deutschen Kolonie in Schanghai eine Dankadresse an die britischen Bevollmächtigten gerichtet haben, die für das Blutbad in Nanking und anderen Städten verantwortlich sind. Die deutsche Regierung lehnt es nach wie vor ab, die revolutionäre Kantonregierung anzuerkennen, und Breitscheid verteidigte sie als Sprecher der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion im Reichstag wegen ihrer imperialistischen Haltung in China. Durch die Verträge von Locarno und den Eintritt in den Völkerbund hat Deutschland seine Bereitschaft erklärt, die britische Einkreisungspolitik gegen die Sowjetunion zu unterstützen. Die gewaltige Steigerung der Ausgaben für militärische Zwecke im Etat für 1927 und die Subventionspolitik für die direkte und indirekte Rüstungsindustrie zeigen zugleich, daß sich die deutsche Bourgeoisie an der allgemeinen Aufrüstung im stärksten Ausmaße beteiligt.

Innenpolitisch bereiten die reaktionären Kräfte in Deutschland neue brutale Vorstöße gegen die werktätigen Massen vor. Die letzten Monate brachten eine weitere Verschlechterung der sozialen Lage aller werktätigen Schichten. Durch das Arbeitszeitnotgesetz wurde gesetzlich der Achtstundentag beseitigt, ohne daß der ADGB etwas unternahm, um die Arbeitermassen dagegen zu mobilisieren. Mietpreiserhöhungen und steigende Teuerung, weitere Steigerungen der Zölle drücken die Arbeiterschaft ins Elend, während die Unternehmer nicht daran denken, aus den Milliardenprofiten, die die Folge der Rationalisierung sind, durch Lohnerhöhungen den Lebensstandard der Arbeiterschaft zu steigern.

Zur Verschärfung der wirtschaftlichen Ausbeutung kommt die Verstärkung der politischen Unterdrückung. Um die wachsende Macht der Reaktion zu demonstrieren, hat der Stahlhelm zum 8. Mai einen großen Aufmarsch in der Arbeiterstadt Berlin organisiert. Unter dem Schutze der Polizei, der Herren Zörgiebel und Grzesinski, soll den faschistischen Banden gestattet werden, die Berliner Arbeiterbevölkerung zu provozieren. Die Führer der Berliner Gewerkschaften und der SPD haben es abgelehnt, den Widerstand gegen diese faschistische Provokation einheitlich zu organisieren. Sie ersuchen die Arbeiter, der Straße fernzubleiben und dem Stahlhelm am 8. Mai Berlin zu überlassen. Das darf unter keinen Umständen geschehen. Die Ehre der Berliner Arbeiterschaft gebietet ihr, am 8. Mai in Berlin zu bleiben und der Macht der Faschisten die eiserne Phalanx des Berliner Proletariats entgegenzustellen.

Der 1. Mai 1927 muß ein mächtiges Gelöbnis des Kampfwillens der deutschen Arbeiterklasse sein. Er muß den Willen der deutschen Arbeiter für die Einheit im revolutionären Klassenkampf gegen die reformistische Politik und die Zersplitterungsabsichten der Führer der SPD und des ADGB zum Ausdruck bringen. Neben der Bekundung der internationalen Solidarität muß im Mittelpunkt dieser Maikundgebung die Losung stehen: Eroberung des Achtstundentages und der Siebenstundenschicht im Bergbau durch die deutsche Arbeiterklasse! Zu Millionen müssen die Arbeiter an diesem 1. Mai aufmarschieren. Ihre Losungen müssen sein:

Gegen den imperialistischen Krieg!

Alles zur Unterstützung der chinesischen Revolution!

Keinen Soldaten, kein Gewehr für die Würger Chinas!

Hände weg von der Sowjetunion! Hoch die erste Republik der Arbeiter und Bauern!

Auf in den Kampf gegen Reaktion und Faschismus!

Kampf um den Achtstundentag!

Nieder mit dem Imperialismus! Hoch die Völkerverbrüderung!

Die Rote Fahne vom 1. Mai 1927.

0

 

Zu Christoph Heins Roman „Glückskind mit Vater“

Von Rüdiger Bernhardt

______________________
Christoph Hein
Glückskind mit Vater
Berlin, Suhrkamp Verlag 2016,
527 S., 22,95 Euro
______________________

Die Literaturkritik sucht lange nach dem „Wenderoman“. Nun gibt es ein wichtiges Ergebnis, Christoph Heins umfangreichen Roman „Glückskind mit Vater“. Hein verzichtet allerdings auf den Begriff „Wende“, der die Zeit um 1989 nicht trifft. Der parteilose Lehrer und Protagonist des Buches, Konstantin Boggosch, der Erzähler des Romans, nennt die Zeit vor 1989 nach seinem Blumenverkäufer „die andere Zeit“ (13, 17).

Christoph Hein

Christoph Hein

Hein beschreibt, dass es keinen Wenderoman geben kann: Die gesellschaftspolitischen Veränderungen von 1989/90 waren das Ergebnis einer deutschen Entwicklung, die im Faschismus einen Ursprung hatte, beeinflusst von internationalen Beziehungen und letztlich weiter zurückreichend. Der Bildungsroman des Konstantin Boggosch wird zum Familienroman der Familien Müller und Boggosch, dieser zum deutschen Gesellschaftsroman seit Ende des Kaiserreichs. In der Biografie eines Einzelnen spiegeln sich deutsche und andere Entwicklungen des 20. Jahrhunderts.
Es ist ein spannender Roman, ein Abenteuerroman, ein Schelmenroman, gut lesbar dazu, kurz: Es ist ein außerordentlich gelungener Roman. Aber solche Bewertungen sollten sich nicht vor seinen größten Wert stellen: Es ist ein Roman über die Gegenwart faschistischer Verbrechen, ein Roman, der nicht nur daran erinnert, sondern ihr Weiterleben aufdeckt, warnt und heutiges Denken dieser Art entlarvt.
Boggosch, der zuerst Müller hieß, wurde kurz nach Kriegsende 1945 geboren. Ein Brief vom Finanzamt löst 2012 Erinnerungen aus, warum Kons­tantin nun Boggosch und nicht mehr Müller heißt. Verfolgt wird in drei Vierteln des Romans Konstantins Entwicklung von 1945 bis zum Studium 1962, ein Viertel gehört der Zeit bis 2012.
Im Herbst 1989 wählen ihn Lehrer und Schüler zum Direktor, seine familiären Belastungen scheinen endgültig vorbei. Aber nach 17 Monaten wird er abgelöst: Zwar sei seine Wahl „ein revolutionärer Akt in den Wendewirren“ (491) gewesen, erklärt ihm der neue Schulrat, aber die Wahl entspreche nicht dem deutschen Beamtenrecht, „Recht muss Recht bleiben“ (491). Deshalb werde er durch jenen ehemaligen Vorgesetzten Konstantins ersetzt, der vor Jahren in die Bundesrepublik geflohen war. Die einem Schelmenroman eigenen ironisch-satirischen Akzente werden hier unüberbietbar zur Groteske zugespitzt.
Konstantin schlägt das riesige Erbe aus, das nach 1989 auf ihn käme, ist es doch erneut der verbrecherische Vater, der im Erbe wirksam würde. Sein Bruder, mit dem er keine Beziehung mehr hat, wird einflussreichster Mensch der Stadt und herrscht wie einst sein Vater. Konstantin muss sich am Ende einer Tumoroperation unterziehen. Er hat seinen Vater überwunden, nur in nächtlichen Träumen erscheint er.
Der Roman nimmt die verdrängte Frage auf, wie antifaschistische Haltungen nach ihrer grundlegenden Bedeutung 1945 allmählich in purem Formalismus erstarrten, in dessen Schatten sich alte Gedanken und Haltungen reproduzieren konnten bzw. latent erhalten blieben. Die Brüder repräsentieren diesen Unterschied: Während Konstantin sein Leben auf die Überwindung seines Vaters und seiner Vergangenheit ausgelegt hat und deswegen zahlreiche Schwierigkeiten bekommt, aber seinem Vorsatz bis hin zum Verzicht auf das väterliche Erbe treu bleibt, tritt sein Bruder, der ein Abbild des verbrecherischen Vaters wird, aus Karrieregründen in die SED ein. Konstantin sieht an der Entwicklung seines Bruders, wie antifaschistische Prinzipien zu erstarrenden Dogmen verkommen und letztlich sogar die Reproduktion der alten Verhältnisse ermöglichen.
Dennoch ist Konstantin ein Glückskind: Er wurde von seiner Mutter so genannt, weil ihre Schwangerschaft verhinderte, dass sie als Frau eines Kriegsverbrechers abgeführt wurde (47), vier französische Widerstandskämpfer, die seine Freunde wurden, betrachteten ihn als ihren „Glücksfall“ (242). Auch sonst hat er Glück; immer finden sich Menschen, die ihm helfen. Selbst den Ausschluss vom Wehrdienst wegen des verbrecherischen Vaters sehen die meisten als Glück. Er sieht sich als Glückskind, als ihm die Tür zum anfangs ungeliebten Lehrerstudium geöffnet wird und er erkennt, er ist „ein geborener Pädagoge“ (422).
Konstantins Schicksal ist die Folge eines ungelösten deutschen und europäischen Problems: „Wer waren dann die Nazis, wenn alle dagegen waren?“; alle waren angeblich in der Résistance oder im Widerstandskampf (217). Der Roman bringt es auf den Punkt: Der Faschismus „lebt und wird wiederkommen, und vielleicht schneller als wir es uns in den schlimmsten Albträumen vorstellen können. Und bei seinem nächsten Auftritt erscheint er vielleicht in Nadelstreifen.“ (204) Konstantins Vater tritt in den Albträumen des Sohnes, auf Fotos und in Erinnerungen „in seinem eleganten Gesellschaftsanzug“ (204) mit Nadelstreifen auf, bereits im eröffnenden Angsttraum: Es ist der Sommer-Gesellschaftsanzug der SS, der zu einem oft zitierten Attribut des Vaters wird.
Hein fügt wie in einem Panorama historische Vorgänge ein, die im Familiengeschehen politische Entwicklungen spiegeln. Bei Boggosch laufen zwei Traditionslinien zusammen: die großbürgerliche Herkunft der Mutter, zum anderen der erfolgreiche Vater, der Kapitalist Gerhard Müller, Besitzer der Vulcano-Werke, der späteren Buna-Werke (59), Freund von Gebhard Himmler, dem älteren Bruder von Heinrich Himmler usw. Dazu kommen historische Rückgriffe bis zum Ende des Ersten Weltkriegs – Konstantins Großvater sollte in den Adelsstand erhoben werden, lehnte das aber ab; dieser Großvater wurde Staatssekretär bei Adam Stegerwald (1874–1945, Zentrum, später Mitbegründer der CSU und Gewerkschaftler) (48). Ein anderer Rückgriff nennt Spartakusaufstand und Weimarer Republik – der Onkel eines Freundes von Konstantin war Adjutant des Generals von Lüttwitz (102), der den Spartakusaufstand niederschlug und den Kapp-Putsch ini­tiierte. Ein anderer Sohn eines Vaters wird ein Verbündeter Konstantins: Der Kreisschulrat Fritz Berger, der Konstantin um seiner Vergangenheit und Parteilosigkeit willen zum Schuldirektor machen möchte, ist der Sohn eines Kampfgruppenführers von Max Hoelz (434), dem revolutionären Kämpfer im Vogtland während der mitteldeutschen Kämpfe von 1920/21. Es geht um Faschismus und Nationalismus, um Verbrechen und Mord im Namen der Politik, dargestellt an einem deutschen Beispiel; in Umrissen erscheinen die Klassenstrukturen.
Faschistisches blieb nach 1945 im Westen erhalten, bis hin zur Witwenrente für Kriegsverbrecher (86), die Konstantins Mutter ablehnt; ihr Schwager hatte ihr diese Rente ausgehandelt, nachdem ein deutsches Gericht die Hinrichtung des Vaters für ungesetzlich und diesen zum ehrenhaften deutschen Offizier erklärt hatte.
Neben dem historischen bildet sich für den interessierten Leser ein literarisches Geflecht. So soll die Fremdenlegion für Konstantin die Alternative zum Vater werden. Es reicht ein einziges Erlebnis, um das Bild der Legion zusammenbrechen zu lassen, die Legionäre „als Tiere“, als „Mörder, Killer“ (226) zu entlarven. Konstantins Weg in die Fremdenlegion ist ein erzählerisches Hilfsmittel, um zwei Themen einzuführen. Einmal begegnet Konstantin einem Opfer seines Vaters, zum anderen gelangt er nach Marseille. In der Koppelung von Widerstandskämpfer und Marseille bekommt der Roman eine Beziehung zu Anna Seghers‘ Roman „Transit“: Auch der spielt in Marseille und unter Widerständigen gegen den bzw. Opfern des Faschismus.
Konstantins Vater, der hingerichtete Verbrecher, war der Enkel eines bedeutenden Lehrers und Reformpädagogen (456 ff.); Konstantin, Sohn des Verbrechers, wird ein erfolgreicher Pädagoge. Eine solche Abfolge lenkt auf ein Werk, das wie ein Paralleltext wirkt: Alfred Anderschs „Der Vater eines Mörders“ (1980). Hier wird der Sohn eines Lehrers und Schuldirektors zum Massenmörder, es ist Heinrich Himmler: Anderschs Aufschrei wurde berühmt: „Schützt Humanismus denn vor gar nichts?“ Die Familie Himmler erscheint in Heins Roman – der Bruder Heinrich Himmlers Gebhard ist ein Freund des „Vaters“ (52). Der Roman ordnet die individualisiert erscheinenden Verbrechen des Vaters, die ein bundesdeutsches Gericht für patriotisch erklärte, der faschistischen Herrschaft zu.
Heins Roman gestaltet umfassend am Familienschicksal, dass in Deutschland der Faschismus trotz der humanistischen Traditionen nie besiegt worden und auf eine gefährliche Weise gegenwärtig ist, indem er sich mit den Kostümen heutiger politischer Verhältnisse schmückt. In einer literarischen Beziehung wird das Thema ästhetisch problematisiert: Der Roman bietet sich als Parallele zu Thomas Manns „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ an. Beide Romane werden als Rückblende von ihren literarischen Haupt- und Titelgestalten erzählt. Die Ähnlichkeit mit Felix Krull wird durch die Betonung des „Glückskinder“ verstärkt, denn „Felix“ ist der Glückliche, das Glückskind. Beide Väter haben Fabrikimperien aufgebaut, Krull eine Champagnerfabrik, Müller ein chemisches Werk. Beide lebten in Kleinstädten und beider Söhne gehen nach Frankreich, um ihre Ziele zu verwirklichen. Beide Väter sterben, als die Helden sehr jung oder kurz vor der Geburt sind. Die äußerlichen Bedingungen sind einander ähnlich, die Inhalte werden zum Gegensatz: Wird die Kunst durch Krull zur Travestie, so die Arbeit bei Müller zum Verbrechen. Was der Eine noch als eine heitere Lebensführung beschreiben konnte, ist nach der faschistischen Periode nur als erschütternder Bericht möglich. Die heitere Autobiografie ist für die Darstellung des Faschistischen nicht mehr möglich. Heins Roman „Glückskind mit Vater“ ist eine Zurücknahme des heiteren Schelmenromans der Art Thomas Manns und die Ausbildung eines deutschen Schelmenromans, der das Heitere verloren hat.
Zum Romanrahmen gehört ein schnell und personal erzählter Schluss. Wirre Träume bedrängen Konstantin in der Nacht, bevor er seine Frau von der Kur nach Hause holt. In den Träumen stürzen Bilder übereinander, vom KZ, auf dessen Grund das neue Werk des Bruders gebaut wurde, von der Kälte der Müllers und dem Triumph des Bruders: Die Vergangenheit ist Gegenwart.
Nach dem Wahlerfolg der AfD erklärte Hein in einem Interview (19./20. März 2016): „Wir wissen etwas genauer, in welchem Land wir leben.“ Beschrieben lag dieses Land bereits in diesem großen Roman Heins vor.

0

22. April 2016

Von Klaus Seibert, ehem. stellv. Betriebsratsvorsitzender bei Honeywell, DKP Main-Kinzig

Vor genau 50 Jahren, am 22. April 1966 setzte in einer Blitzaktion der amerikanische Konzern Honeywell den 32jährigen Betriebsratsvorsitzenden Rolf Knecht in der damals noch selbständigen Gemeinde Dörnigheim vor die Tür. Zugleich erteilte die Leitung des Konzerns dem engagierten Gewerkschafter Hausverbot. „Sie haben während der Arbeitszeit Propaganda für die verbotene kommunistische Partei bzw. die Sozialistische Einheitspartei (SED) getrieben. Diese Propaganda haben Sie, was besonders erschwerend wirkt, während Ihrer Tätigkeit als Betriebsratsvorsitzender des Werkes während Betriebsratssitzungen ausgeübt.“ So die Formulierung der Vorwürfe der Honeywell.

Viele für die Unternehmer unliebsamen Betriebsräte und Gewerkschafter wurden im kalten Krieg der 50er und 60er verloren damals ihren Arbeitsplatz. Die meisten konnten ihre Wiedereinstellung nicht durchsetzen. Doch dieser Fall sollte für bundesweites Aufsehen sorgen, wie u.a. der unten aufgeführte Bericht der Zeitung „Die Zeit“ vom 17. Juni 1966 anschaulich darstellt. Mit allen möglichen Unterstellungen, fiesen Tricks bis zu dem Angebot auf 50.000 D-Mark, eine für damalige Verhältnisse astronomische Summe, versuchte Honeywell unter allen Umständen Rolf Knecht loszuwerden.

Doch Rolf Knecht blieb standhaft. Mit Unterstützung der IG Metall und seines Anwalts Kurt Thon ging er durch alle Instanzen der Justiz. Nach etwas über einem Jahr entschied das Bundesarbeitsgericht (damals in Kassel), dass die Entlassung rechtswidrig ist, und er in seiner alten Funktion wieder eingesetzt werden muss. Rolf Knecht kehrte unter dem Jubel seiner Kolleginnen und Kolleginnen zur Honeywell zurück. In seiner Funktion als Betriebsratsvorsitzender blieb er bis zu seinem verdienten Ruhestand und manche, für die Beschäftigten, meist erfolgreichen Auseinandersetzungen mit dem Arbeitgeber sollten. Erinnert sei nur an den 6½ wöchigen Streik 1984 um den Einstieg in die 35-Stunden-Woche, in der Rolf Knecht der Arbeitskampfleiter bei Honeywell war.

Artikel in der Zeit vom 17. Juni 1966:

http://www.zeit.de/1966/25/der-fall-des-rolf-knecht

Der Kommunist Rolf Knecht

 

Seite 10 von 56« Erste...89101112...203040...Letzte »