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kraeutlerIm Eingangsbereich des Wiener Stephansdomes wurde vor Jahreswechsel das massenhaft aufgelegte Pfarrblatt der Dompfarre „Weihnacht 2016“ angeboten. Zu den prominenten BeiträgerInnen dieser Festausgabe gehört der aus Koblach (Vorarlberg) kommende Erwin Kräutler (*1939), der seit 1965 als „Missionar vom Kostbaren Blut“ (CPPS) in Brasilien tätig gewesen ist, seit 1981 dort in der Funktion eines von Johannes Paul II. ernannten Bischofs der riesigen Diözese Xingu. Dieser polnische Papst hat den Befreiungstheologen Ernesto Cardenal (*1925), der sich strikt gegen jeden religiös-missionarischen Plan ausgesprochen hat, ebenso wie andere Befreiungstheologen wiederholt brüskiert. Noam Chomsky erinnert in seinem letzten Buch (2016) daran, wie in El Salvador 1989 sechs führende Befreiungstheologen um Ignacio Ellacuría SJ im Einverständnis mit den USA ermordet worden sind.

Überschrieben ist der Beitrag von Bischof Kräutler so: „Die geheimnisvolle Kette. Bischof Erwin Kräutler über eine Kette, die den Himmel mit der Erde und die Menschen rund um die Welt verbindet: den Rosenkranz“. Dem Artikel unmittelbar nachgesetzt ist der Aufruf für 100 Jahre Fatima – 70 Jahre Rosenkranz-Sühnekreuzzug.

Gerührt werden sich Katholiken der Generation von Kräutler daran erinnern, dass der Rosenkranz bei der formalen katholischen Erziehung einen fundamentalen Platz eingenommen hat. Im Prinzip handelt es sich beim Rosenkranz um mechanische Gebetsformeln mit Maria, die im katholischen Glauben als die Mutter Jesu fungiert. Maria wird als Jungfrau und göttliche Mutter, vor allem als Beschützerin mit Ave Gebeten entlang einer Perlschnur aus verschiedenen Materialien um Hilfe und Fürsprache angerufen. Diesem marianischen Gebetskult entspricht im Prinzip der Teufelskult mit Exorzismen. Im globalen Massstab ist religionstechnisch diese Form des Gebetskults kein Monopol der katholischen Kirche, der Lamaismus bietet ebenso leere Gebetsformel („O du Kleinod im Lotos“) an. Ausdruck des Elends oder Protest gegen das Elend? Ein bisschen Opium für die Verzerrung der Wirklichkeit jedenfalls.

Der Glaube an übernatürliche Kräfte im Zusammenhang mit Marienstatuen wie in Guadelupe (1546), Lourdes (1858), Fatima (1917) oder Medjugorje (1981) werden von repräsentativen Teilen der Vatikanideologie benützt, um nicht christliche, sondern eindeutig politische Botschaften zu vermitteln. Besonders die Vorkommnisse in Fatima 1917, die gleichzeitig mit dem Beginn der Aktivitäten von Wladimir I. Lenin in Russland erzählt wurden, wurden von der Kirche propagandistisch als ein „Fingerzeig Gottes“ gegen die Gefahr des satanischen Bolschewismus und gegen die Sowjetunion verwertet. Der Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings ließ in einem Militärflugzeug aus dem faschistischen Portugal eine Marienstatue aus Fatima in sein für das sich militarisierende Westdeutschland zentrales Bistum holen. In den 1940er und 1950er Jahren wurde dort wie in Österreich der Rosenkranz als Möglichkeit des Exorzismus des Boschewismus empfohlen. Fatima-Kirchen wurden und werden nach der Implosion der Sowjetunion in neu entstandenen Republiken wie Kasachstan (Kathedrale „Mutter aller Nationen. Unsere Liebe Frau von Fatima“) errichtet, nicht zuletzt mit Blickrichtung China hin.

Eine eigene Veranstaltung im Festsaal des Alten Rathauses in Wien Anfang Februar soll die politische Dimension des Rosenkranzes verdeutlichen. Kräutler vermittelt zur Einstimmung im Pfarrblatt des Wiener Stephansdoms eine anrührende, liebliche Geschichte aus seiner Ländle-Heimat (Vorarlberg). Er habe als Bub von seiner Mama „Gegrüßt seist du, Maria“ noch vor dem „Vaterunser“ gelernt. Über eine solche Kinder prägende Form des Marienkults, dem theologisch ein Teufelskult entspricht, würde sich nicht nur nach dem Besuch des Freud-Museums in der Wiener Berggasse einiges sagen lassen. Kräutler interpretiert mit seinem Marienbild samt Rosenkranz die österreichische Zeitgeschichte. Erst durch die vielen inständigen Gebete im Rahmen des Rosenkranzsühnekreuzzuges für „die Freiheit Österreichs“ sei „ein Wunder“ geschehen, denn die Russen hätten ihr bisherige „Njet“ zu einem Staatsvertrag schließlich doch aufgegeben. Am 15.Mai 1955 hätten dann die Vorarlberger die Stimme des Außenministers Leopold Figl im Radio gehört. Bischof Kräutler kommentiert: „So manche der sonst trockenen Vorarlberger bekamen nasse Augen. Auf der Schattenburg in Feldkirch wurde endlich die rot-weiß-rote Fahne gehisst. Ja, es war ein Wunder!“

Über „Fahnenwunder“ im Ländle erzählt in seinen gedruckten Erinnerungen der christliche Ethiker Emil Fuchs, der 1933 von den Nazis als Professor in Kiel entlassen worden war und im Montafoner Gortipohl unter ärmlichen Bedingungen das Ende des tausendjährigen Deutschen Reichs abwarten hat können. Anfang Mai 1945 ging also Emil Fuchs von Gortipohl nach St. Gallenkirch: „Da sah ich vor der Kirche festlich gekleidete Männer und weiß gekleidete Jungfrauen mit Blumensträußen versammelt. Sie erwarteten den Einmarsch der französischen Truppen; und siehe, da kamen sie heran. Rasch ging ich meinen Weg nach Gortipohl hinaus. Das wollte ich nun gerade nicht miterleben, wie man hier feierte. – Droben aber hingen schon an den Häusern der großen Bauern die österreichischen Fahnen vom Dach bis auf die Straße – wie kurz vorher die Hakenkreuzfahnen. Der alte ehrwürdige Pfarrer des Ortes sagte mir in diesen Tagen: >Als ich sie einst warnte, Hitler zu wählen, wollten sie mich fast totschlagen. Nun sind sie wieder begeistert! Was soll man zu diesen Leuten sagen?“
Dazu sei noch hinzugefügt, dass die durch das Montafon ziehenden französischen Einheiten ein paar Tage zuvor in Freudenstadt im Schwarzwald von ihren kommandierenden Offizieren drei Tage lang freie Hand für Vergewaltigung und Plünderung erhalten haben.

Kräutler weiß als Bischof, was er den „Leuten“ im Interesse der alten vatikanischen Herrschaftsideologie sagen muss. Aber solche von ihm transportierten Vergangenheiten seiner Kirche sind nur Ketten und keine Triebkräfte für die Zukunft.

Gerhard Oberkofler

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Repräsentanten verschiedener Parteien und Gruppen der Linken Lateinamerikas debattieren in Nicaragua einen offiziellen Vorschlag zur Stärkung der Einheit der progressiven Bewegungen der Region

9.1.2017

Granma

Die Formel von Daniel Ortega und Rosario Murillo zeitigte einen überwältigenden Sieg bei den Wahlen vom 6. November vergangenen Jahres Photo: el 19 digital

MANAGUA – Repräsentanten verschiedener Parteien und Gruppierungen der Linken Lateinamerikas debattieren in Nicaragua einen offiziellen Vorschlag zur Stärkung der Einheit der progressiven Bewegungen der Region.

Prensa Latina berichtet, dass laut Quellen, die der Veranstaltung nahe stehen, die Teilnehmer bis zum heutigen Montag ihren Beitrag zum Dokument „Konsens Unseres Amerikas“ einer Überprüfung unterziehen werden, das sie der Arbeitsgruppe des Forums Sao Paulo als programmatische Plattform übergeben wollen, um den Manövern der neoliberalen Oligarchien in der Region entgegenzuwirken.

Nach einem Jahr, in dem Lateinamerika dem Aufkommen des Konservatismus in Argentinien zugeschaut, den parlamentarischen Staatsstreich in Brasilien und die Medienhetze in Venezuela miterlebt habe, sei es für die sozialen Bewegungen essentiell wichtig, in einem so komplexen Szenario an einem Strang zu ziehen, heben die Impulsgeber des Textes hervor.

Zu diesem Treffen wird die Teilnahme von mindestens 40 Delegierten linker Parteien aus über zehn Ländern erwartet.

Gegründet durch die Arbeiterpartei Brasiliens in der Stadt gleichen Namens, entstand das Forum Sao Paulo 1990 mit dem Ziel, die Bemühungen der Parteien und Bewegungen der Linken zu bündeln in Reaktion auf die ideologische Spaltung nach dem Untergang des sozialistischen Lagers in Europa und dem Vormarsch des Neoliberalismus in den Ländern Lateinamerikas und der Karibik.

In Ausnutzung des Umstands, dass die Vereidigung des wiedergewählten Präsidenten Comandante Daniel Ortega am morgigen Dienstag in Managua Führungspersönlichkeiten, Vertreter politischer Parteien und sozialer Bewegungen zusammenbringen wird, wird am 11. und 12. Januar ein Treffen der Arbeitsgruppe des Forums stattfinden.

Bei den Wahlen am vergangenen 6. November hatte das präsidiale Konzept der von Daniel Ortega und Rosario Murillo gebildeten Sandinistischen Front der Nationalen Befreiung (FSLN) mit 72,5 % der gültigen Stimmen einen erdrutschartigen Sieg erreicht.

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Die Werkstatt Dortmund im „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“ – eine Erinnerung von Heinrich Peuckmann


Bild: Gewerkschaftsforum Dortmund

08.01.17 

Von Gewerkschaftsforum Dortmund

Es war Horst Hensel aus Kamen, der die Dortmunder Werkstatt im „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“ Ende Oktober 1970 gegründet hat. Im Jahr zuvor, noch als Student in München, hatte er von dem Schreibaufruf „Dein Arbeitsplatz – wie er ist und wie er sein sollte“ gehört und sein Betriebstagebuch von Hoesch eingeschickt, das er während seiner Zeit als Werkstudent geschrieben hatte.

Initiiert hatten den Wettbewerb oppositionelle Autoren in der „Dortmunder Gruppe 61“, denen Kurs und Programm zu wenig politisch waren und die kurz darauf, weil ihre Kritik abgelehnt wurde, den Werkkreis gründeten. Hensels Text gefiel ihnen, der Autor erhielt eine Einladung zur jährlichen Sitzung der „Gruppe 61“ und lernte Erasmus Schöfer, Peter Schütt und andere kennen, die ihn anregten, eine Werkstatt Dortmund im Werkkreis zu gründen.

Gründung 1970 im Fritz-Henßler-Haus

Ende Oktober 1970 fand die Gründungsversammlung im Dortmunder Fritz-Henßler-Haus statt, einem Ort, dem die Werkstatt über die folgenden 17 Jahre bis zu ihrem Ende treu blieb. Schon zur ersten Sitzung kam Paul Polte, den Hensel nicht kannte und der ihm in seinem schicken Anzug, mit seiner karierten Schlägermütze und dem Dackel an der Leine wie ein englischer Lord vorkam. Jedenfalls wirkte Polte nicht wie jemand, der an Arbeiterliteratur interessiert sein könnte, geschweige denn wie jemand, der solche schreiben konnte. Ein Fehlurteil, dem auch ich unterlag, als ich ab der dritten oder vierten Sitzung teilnahm und Polte zum ersten Mal sah.

Mich hatte mein Freund Ferdinand Hanke, der wie Horst Hensel aus Kamen-Methler stammte und Germanistikstudent war wie ich, angesprochen. „Du schreibst doch auch“, sagte er, „komm doch mal vorbei.“

Ich ging zur Probe im Frühjahr 1971 zum ersten Mal hin und blieb für fast zehn Jahre in der Gruppe.

Schmerzliche Verrisse

Von Anfang an war die Dortmunder Werkstatt eine sehr literarische Gruppe. Zu jeder Sitzung, die alle vierzehn Tage im Henßler-Haus stattfand, kamen die Mitglieder mit neuen Texten, lasen vor und stellten sich der Kritik. Keinem von uns ist dabei ein Verriss erspart geblieben, was uns hart gemacht hat, auch für später, wenn unsere Bücher in den Rezensionen der Presse kritisiert wurden.

Wurde es doch mal zu haarig, griff Polte ein. Er wusste, dass Kritik dosiert bleiben musste, um Talente nicht zu verunsichern oder gar zu zerstören. Er ergriff das Wort, wiederholte in milden Worten, welche Kritikpunkte ihm richtig erschienen und fand am Ende immer auch etwas Lobendes, selbst wenn der Text noch so schwach gewesen war. „Man kann doch keinen jungen Hund versäufen“, erklärte er manchmal, „wer weiß, was noch draus wird.“

Paul Poltes Autorität

Polte hatte die Autorität dazu, eine Diskussion auf diese Weise zu beenden. Er war schon in der Weimarer Republik Mitglied im „Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“ gewesen, hatte mit seinem Kabarett „Henkelmann“ die Nazis angegriffen und einige Wochen in der berüchtigte Steinwache am Nordausgang des Bahnhofs verbracht, wo er und seine Gesinnungsgenossen gequält und gefoltert worden waren. Einige seiner berührendsten Gedichte hat Polte über diese Erfahrungen geschrieben, eines davon hängt noch in einer der Zellen, die heute Teil einer Gedenkstätte sind. Später wurde er dann Mitglied der „Gruppe 61“. Polte hatte also alle Bewegungen der deutschen Arbeiterliteratur durchlaufen, die es im 20. Jahrhundert gegeben hat.

Die anderen Mitglieder der Gruppe waren der Arbeiter Rudi Winkler aus Hagen, der vor allem Gedichte schrieb, der Bergarbeiter Rudolf Trinks, der neben Gedichten auch Erzählungen schrieb, die alle das Bergarbeitermilieu beschrieben, das sein Leben geprägt hatte. Rainer W. Campmann aus Bochum versuchte sich schon damals als freier Schriftsteller, die ersten Herausgaben in der berühmt gewordenen „Fischer-Taschenbuch-Reihe“ hat er mitgemacht, später erschienen noch zwei, drei Gedichtbände. Horst Hensel (Lehramtsstudent wie Ferdinand Hanke, Udo Bruns und ich) war wichtig für die Gruppe. Er kannte sich aus in allen Genres der Literatur, schrieb Lyrik, Reportagen, Essays, Erzählungen und Romane. Oskar Schammidatus aus Bochum, der Sozialarbeiter wurde, schrieb Gedichte.

Abende in der „Alten Liebe“

Der starke Anteil an Studenten, die man in einer Gruppe der Arbeiterliteratur nicht unbedingt erwarten würde, störte nicht. Wir haben kooperativ zusammengearbeitet, jeder hat von den Erfahrungen des anderen profitiert. Und wenn es doch mal Komplikationen gab, war immer noch Polte da, der Konflikte glättete und vor allem einen Brauch einführte, den wir alle lieben lernten. Nach der Sitzung gingen wir schräg gegenüber vom Henßler-Haus in die Kneipe, in die „Alte Liebe“, wo wir ein Bier tranken, neue Projekte ausheckten und unsere Freundschaft vertieften. Vor allem Polte lief dann zu Hochform auf, erzählte von seiner Begegnung mit Brecht, seiner Zusammenarbeit mit dem Maler Hans Tombrock, der Brecht ins Exil gefolgt war, von seinen Erfahrungen mit den Nazis in der Steinwache. Es waren herrliche Abende, die wir dort verbracht haben und deren Erinnerungen mein Leben begleiten werden.

Irgendwann kamen Hugo Ernst Käufer, der Lyriker und Aphoristiker, Lilo Rauner, die Lyrikerin, beide aus Bochum und der Agitpropschriftsteller Richard Limpert aus Gelsenkirchen hinzu, die zwar nicht immer, aber eine Zeitlang regelmäßig an den Treffen teilnahmen.

Beachtliche Qualität

Ich weiß noch genau, dass ich mir bei einer Gruppensitzung still vornahm, mir das Bild mit den Teilnehmern genau einzuprägen. Es war mir schon damals klar, dass sich an diesem Tage eine beachtenswerte literarische Potenz in der Dortmunder Werkstatt versammelt hatte, die weit über das normale Werkkreisniveau hinausragte. Tatsächlich sind später vier von den damaligen Teilnehmern in den ehrenwerten „PEN“ gewählt worden: Hugo Ernst Käufer, Lilo Rauner, Horst Hensel und ich. Käufer und Rauner haben zudem den Ruhrgebietsliteraturpreis erhalten.

Die Werkstatt Dortmund konnte sich literarisch also sehen lassen, in fast allen Büchern des Werkkreises war sie mit Texten vertreten, in den meisten mit mehreren. Einige Bücher haben wir auch selbst herausgegeben, u.a. „Sportgeschichten“ und „Im Morgengrauen“, ein Buch über das Altwerden in der kapitalistischen Gesellschaft.

Kneipenlesungen als Markenzeichen

An Lilo Rauner, die im Jahre 2005 verstarb, denke ich mit bewegten Gefühlen zurück. Sie war eine streitbare Frau, immer auf der Seite der kleinen Leute und sie hat, neben all der anderen Lyrik, ein paar wunderbare Sonette geschrieben. Viel zu wenig ist Lilo Rauner heute noch bekannt, auch wenn in Wattenscheid inzwischen eine Schule nach ihr benannt wurde. Die große, auf Petrarca zurückgehende Form des Sonetts hat sie beherrscht und durch Alltagsthemen nachhaltig mit Leben gefüllt. Aber das, denke ich, ist es gerade. Ihre Parteinahme für die Menschen, die am Rand stehen, wird ihr vom Literaturbetrieb verübelt. Hätte sich Rauner auf modische Befindlichkeiten beschränkt, sie wäre viel bekannter geworden. So sind wir es, die von Zeit zu Zeit an sie erinnern. Viel zu wenig, Lilo hätte mehr Aufmerksamkeit verdient.

Die Werkstatt war aber nicht nur literarisch stark, sie hat auch eine Unmenge an Initiativen zur Verbreitung von Literatur entwickelt. Ich staune selbst, wo wir gelesen haben, vor welchem Publikum. Immer ging es uns darum, mit unserer Literatur jene zu erreichen, die gemeinhin nicht zu literarischen Veranstaltungen kommen. In allen Formen von Schulen sind wir angetreten, in Fußgängerzonen mit Flüstertüte (wobei Richard Limpert mit seiner durchdringenden Stimme eigentlich keine gebraucht hätte), vor Fabriktoren, in Gewerkschaftshäusern, Gefängnissen und Kneipen.

Die Kneipenlesungen waren eine Zeitlang sogar unser Markenzeichen. Dieter Treeck, Kulturdezernent in Bergkamen und später selbst Mitglied im Werkkreis, hat sie mit uns zusammen entwickelt. Freitags, wenn die Arbeiter ihr Bierchen in der Stammkneipe tranken, fanden sie statt, drei oder vier Autoren lasen im Wechsel meist kurze Texte und eine Musikband spielte zwischendurch. Manchmal war es Jazz, manchmal wurden Arbeiterlieder gesungen.

Als die Bergleute zuhörten

Ich weiß noch, dass unser erster Versuch in einer Bergkamener Kneipe beinahe missglückt wäre. Die Arbeiter, Bergleute zumeist, wollten gar keine Literatur hören. Sie waren gekommen, um über Fußball zu reden, über ihre Tauben und was sonst so alles auf der Zeche passiert war. Den Einführungsworten von Dieter Treeck wollten sie partout nicht lauschen, der Lärmpegel blieb hoch, da trat Rudolf Trinks, selbst Bergmann, ans Mikrophon und sagte: „Seid mal stille.“ Und tatsächlich, auf Trinks, der ja einer von ihnen war, hörten sie. Die Lesung wurde ein großer Erfolg.
Manchmal erreichten wir, dass durch die witzig-ironischen Texte die Zuhörer selbst zu witzigen Reaktionen animiert wurden. „Ich lese jetzt ein Gedicht vor aus einem Buch, das ich selbst verlegt habe“, sagte mal ein Gastautor, der die Gepflogenheiten noch nicht kannte. „Hoffentlich hast du es auch wieder gefunden“, tönte es aus der Zuhörerschar zurück.

Schon sehr früh gliederten sich zwei weitere Gruppen an die Werkstatt an, die die künstlerische Arbeit sehr gut ergänzten. Da war einmal das Lehrlingstheater, von Kurt Eichler geleitet, der heute kommissarischer Chef des Dortmunder „U“ ist. Die Gruppe schrieb im Kollektiv Theaterstücke zur Situation der Lehrlinge, die an allen möglichen Orten aufgeführt wurden, manchmal in Kombination mit einer Lesung von uns. Zusätzlich gab es bald eine Graphikgruppe, die unsere Texte illustrierte, die Zeichnungen für Bücher und Lesungsplakate herstellte und daneben eigene künstlerische Ziele im Sinne des Werkkreises verfolgte.

Organisation nahm überhand

Das alles musste koordiniert werden, mit der Zeit wurde die Organisationsarbeit deshalb so umfangreich, dass die künstlerische Arbeit darunter litt. Es fanden Sitzungen statt, in denen nur noch Organisatorisches besprochen und keine Texte mehr gelesen wurden. Wir gründeten ein Leitungskollektiv, das sich zwischen den Sitzungen in Poltes Wohnung an der Bornstraße traf. Noch heute kann ich nicht an dem Haus vorbeifahren, ohne zu den Wohnungsfenstern hinüber zu schauen, denn ich gehörte diesem Kollektiv lange an. Viel Kleinkram wurde schon dort erledigt, die Werkstatt nur noch kurz darüber informiert. Bei schwierigen Problemen wurde vorsortiert und ein Lösungsvorschlag unterbreitet. Die Werkstatt konnte sich wieder auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren, das Schreiben von Literatur.

Polte war für die Finanzen zuständig und noch heute staune ich, wie er das in einem nur für ihn überschaubaren System an Kassen gemacht hat. Geld bekamen wir für unsere Sitzungen im Henßler-Haus von der Dortmunder VHS, die uns in ihr Programm aufgenommen hatte. Deshalb fanden, was auch in unserem Interesse lag, die Werkstatt-Sitzungen stets öffentlich statt. Immer kamen Gäste vorbei. Schüler, die über uns Referate halten sollten, Studenten, die Seminar- oder Examensarbeiten über den Werkkreis schreiben wollten, Hobbyautoren, die Texte lasen, die danach Mitglied wurden oder nie wieder kamen. Geld von Lesungen kam hinzu (für jede von der Werkstatt vermittelte Lesung zahlte der Autor einen Prozentsatz in die Kasse). So hatten wir immer Geld für Plakate, Broschüren oder Buchprojekte.

Werkkreis vor dem finanziellen Ruin

1977 wurde Horst Hensel erster Sprecher des Werkkreises und ein Kassensturz ergab, dass der vorige Vorstand den Werkkreis an den Rand des finanziellen Ruins geführt hatte. Alle wurden zu Spenden aufgerufen. Wir, beunruhigt von Hensels Bericht, wollten sofort all unser Erspartes spenden, aber da sprach Polte dagegen. Einen Teil wollte er abgeben, wie hoch, müssten wir entscheiden, sagte er. Aber die Werkstatt selbst sollte auf jeden Fall finanziell schlagkräftig bleiben. „Und wenn der Werkkreis untergeht?“, fragten wir. „Dann gibt es wenigstens noch die Werkstatt Dortmund“, knurrte Polte.

Am Ende haben wir ein paar tausend DM gespendet, so viel wie alle anderen Werkstätten zusammen, der Werkkreis wurde gerettet und die Dortmunder Werkstatt blieb, dank Polte, liquide.

Der Untergang kam schleichend. Es gehörte zu unserem Programm, dass immer neue Autoren zu uns stoßen sollten. Die waren zumeist blutige Anfänger, wie wir es zur Zeit der Werkstattgründung auch gewesen waren. Aber wir Älteren hatten uns inzwischen entwickelt, die Neuen hielten uns auf, wir mussten immer wieder dieselben Anfängerprobleme lösen und verloren Zeit. Irgendwann wurde die Kluft so groß, dass wir das eigene Schreiben vernachlässigten.

Arbeiter wanderten zu RTL ab

Es war Zeit, dass wir uns trennten. 1980 feierten wir alle zusammen noch mal in Haus Ebberg bei Schwerte, hockten eine lange Nacht bei Bier und Schnaps zusammen, dann wechselten Hensel und ich in die neu gegründete Werkstatt Bergkamen. Wir mussten nun nicht mehr nach Dortmund fahren, die Arbeit blieb überschaubar und es war Zeit zum Schreiben gewonnen. Die anderen blieben noch zusammen, auch noch nach Poltes Tod 1985. Aber nicht mehr lange, dann war die Zeit des Werkkreises vorbei. Es gab kein Interesse mehr in der Arbeiterschaft an aufklärerischer Literatur, viele saßen längst vor RTL oder Prosieben. Schade, denke ich immer noch.

Aus den Gruppenmitgliedern wurden normale Autoren, die nun für sich allein schreiben, jede Menge Bücher entstehen. Bei den meisten erkenne ich immer noch Reste unseres damaligen Anspruchs. Ihre Literatur ist politisch geblieben, was ihr die Anerkennung in der Literaturszene erschwert, wo sich für viele Jahre eine Art literarisches Biedermeier mit Befindlichkeitsliteratur breit gemacht hat.

Wiederkehr des Politischen

Aber die Zeiten beginnen sich zu ändern. PEN-Präsident Haslinger fragte mich mal während einer Präsidiumssitzung, ob es den Werkkreis noch gebe und als ich verneinte, bedauerte es das. Schade, so etwas wie der Werkkreis würde heute noch eher gebraucht als früher, meinte er. Die Situation der arbeitenden Bevölkerung ist doch nicht besser geworden, im Gegenteil, vieles habe sich verschlimmert. An vielen anderen Bemerkungen und verstärkt auch an neuen Projekten merke ich, dass das Thema wieder in der Literatur virulent wird. Der PEN selbst wird das Thema Literatur und Arbeit zum zentralen Motto bei einer der nächsten Jahrestagungen machen, das freilich auch neue Formen erfordert. Ich selbst bin an einem Projekt mit Lyrikclips beteiligt, Filme, die Gedichte mit sozialer Thematik aufgreifen, entstehen. Ein Projekt, das bei jungen, nicht unbedingt literarisch vorgebildeten Menschen auf Interesse stoßen kann. Der DGB-Chef hat sein Interesse daran bekundet.

In anderen Ländern steht das Thema längst auf der Agenda. Bei einer Zusammenarbeit mit französischen Autoren, an der ich teilnahm und aus der mehrere Bücher entstanden, ging es einzig um die Darstellung der Arbeit in der Literatur. Die Franzosen, merkte ich, gingen dabei viel unbefangener an das Thema heran als wir, die wir bei jedem Schritt in diese Richtung die Kritiker gegen uns haben. In Frankreich haben sie das nicht.

Man merkt, ein guter Ansatz kann letztlich nicht endgültig verschwinden. Er kann nur zweitweise zugedeckt werden, aber irgendwann bricht sich das Bedürfnis nach Auseinandersetzung mit den immer drängenderen sozialen Problemen Bahn. Wir erleben gerade den Startschuss dazu.

http://www.gewerkschaftsforum-do.de/fuer-die-benachteiligten-schreiben-die-werkstatt-dortmund-im-werkkreis-literatur-der-arbeitswelt-eine-erinnerung-von-heinrich-peuckmann/

 

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Helmut Baumgarten

RotFuchs, Januar 2017

Alljährlich am 3. Oktober versammeln sich hochrangige Politiker und feiern die „Einheit“ Deutschlands und die „friedliche Revolution“. Hat es denn eine Vereinigung zweier souveräner Staaten gegeben, oder war es nicht vielmehr eine bedingungslose Kapitulation der Mehrheit der manipulierten Volkskammermitglieder der DDR?

Worin bestand das strategische Ziel der BRD von Anfang an? Zuerst mußte die Gesellschaftsordnung in der DDR zerschlagen und deren Elite von allen Strukturen des Staates entfernt werden. Die ökonomische Konkurrenz in Form der volkseigenen Betriebe und Kombinate sollte liquidiert, die DDR entindustrialisiert und zur verlängerten Werkbank der BRD umgestaltet werden. Die staatliche und genossenschaftliche Handelsorganisation wurde zerschlagen und so ein großer Absatzmarkt für westdeutsche Konzerne geschaffen.

Worin sehe ich die Ursachen für unsere Niederlage? Um diese ergründen zu können, muß man zu den Quellen zurückkehren.

1945: bedingungslose Kapitulation des deutschen Faschismus. Nach dem Willen der Besatzungsmächte sollte der deutsche Staat erhalten, aber in vier Besatzungszonen bis zum Abschluß eines Friedensvertrags aufgeteilt werden. Deutschland lag in Schutt und Asche. Viele Menschen forderten, daß die Schuldigen an der Katastrophe entmachtet und die Kriegsgewinnler enteignet werden.

Auf westdeutscher Seite forderte dies selbst die CDU in ihrem Aalener Parteiprogramm. In Hessen wurde diese Forderung sogar in die Länderverfassung aufgenommen. SPD-Chef Schumacher faselte vom Sozialismus als Tagesaufgabe. Auch in der sowjetischen Besatzungszone gab es diese Forderung, dazu in Sachsen eine Volksabstimmung – deren Ergebnis wurde umgesetzt.

1948 tagte in den Westzonen ein selbsternannter, von den westlichen Besatzungsmächten bevollmächtigter Parlamentarischer Rat und schuf das Grundgesetz. Von vornherein war es als Provisorium angelegt, denn im § 146 stand, daß es nur bis zur Vereinigung Deutschlands bestehen und dann durch eine in einer Volksabstimmung legitimierte Verfassung abgelöst werden solle. Als Umgehungsmöglichkeit dessen wurde eine Beitrittsmöglichkeit festgelegt. Der nächste Schritt war die Installierung der parlamentarischen Demokratie. Konrad Adenauer wurde nur mit seiner eigenen Stimme zum Bundeskanzler gewählt.

Die BRD-Regierung erklärte sich zum Rechtsnachfolger des 3. Reiches. Sie erfand den Alleinvertretungsanspruch und sprach jetzt selbsternannt für alle Deutschen. Seit der Gründung der DDR führte die BRD einen Kampf zur Destabilisierung und Vereinnahmung der DDR. Der Antikommunismus wurde als Staatsdoktrin festgeschrieben. Mit der Rechtsnachfolge des 3. Reiches wurden die im Faschismus gezüchteten Antikommunisten in alle Bereiche des westdeutschen Staates integriert. Nazigeneräle, Geheimdienstchefs, Blutrichter, Staatsanwälte, Lehrer, Steuerbeamte u. a. fanden zurück in Amt und Würden.

Ein Mittel zur Destabilisierung der Lage in Ostdeutschland war die streng geheime Herstellung der Westmark in den USA und ihre nächtliche, unangekündigte Einführung mit der Absicht, daß die wertlose Mark jetzt zu Milliarden in die DDR fließen und dort einen Wirtschaftskollaps herbeiführen sollte.

Es folgte die Hallsteindoktrin, mit der allen souveränen Staaten, die die DDR diplomatisch anerkennen, Sanktionen angedroht wurden. Adenauer drängte die USA, Westdeutland den Zugang zu Atomwaffen zu ermöglichen. Geeinigt hat man sich auf nukleare Teilhabe der BRD. Die Vorschläge der UdSSR zum Abschluß eines Friedensvertrages und die Durchführung freier und geheimer Wahlen wurden genauso abgelehnt wie die Schaffung einer kernwaffenfreien Zone. Gegen diese Politik formierte sich in der BRD eine starke Friedensbewegung, auf die mit Unterdrückung und Verfolgung reagiert wurde. Es kam zum KPD-Verbot, zum Verbot demokratischer Organisationen und unter Bundeskanzler Willi Brandt zum Radikalenerlaß mit Berufsverboten für Hunderttausende Bürger. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen …

Etwas kompliziert wurde es für die westdeutsche Seite, als beide deutsche Staaten UN-Mitglieder wurden. Auch die BRD-Regierung hatte unterschrieben, sie werde die Unverletzlichkeit der Staatsgrenze, die staatliche Souveränität und das Gebot der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten des anderen Staates respektieren.

Es mußte also ein Weg gefunden werden, diese internationalen Verpflichtungen zu umgehen.

Hier setzt die jahrelang durch die BRD geförderte innere Opposition der DDR an, auch unter direkter Unterstützung maßgeblicher Kreise der christlichen Kirchen in der DDR. 1989/90 habe ich in Halle an jeder Versammlung, Demonstration und Kundgebung teilgenommen. Die Demonstranten sagten, sie wollten eine bessere DDR und die Beseitigung der im Sozialismus bestehenden Mängel. Der Herbst 1989 begann mit erst kleineren, dann immer größer werdenden Demonstrationen, gegenseitigem Niederbrüllen am Runden Tisch und landesweiten Sabotageakten, was intensiv durch BRD-Medien „begleitet“ wurde.

Seitens der BRD wurde suggeriert, daß sie die Forderungen der DDR-Bevölkerung respektieren würde und ihr helfen wolle. Noch bevor die Staatsgrenze geöffnet wurde, zog die BRD-Regierung die Spendierhosen an und köderte die DDR-Bevölkerung mit einem sogenannten Begrüßungsgeld. Dafür stand plötzlich über eine Milliarde DM zur Verfügung, denn man mußte ja damit rechnen, daß ca. zehn Millionen „Brüder und Schwestern“ in die BRD einreisen würden. Vor der Weihnachtszeit legten die Bayern noch 50 DM dazu. Im Kaufrausch glaubten jetzt viele DDR-Bürger, es würde immer so weitergehen. Doch nun begann das Pingpong-Spiel. Die Westpresse wies den Weg. Deren „Hinweise“ wurden dann von Dissidenten als Bitte an die BRD-Regierung gesandt, die dem natürlich nachkommen mußte. So verletze man doch keine internationalen Verträge, sondern zolle nur dem Willen des Volkes der DDR Respekt.

Die BRD und die DDR hatten in Helsinki und vor der UNO die Pflicht übernommen, sich nicht in die inneren Angelegenheiten des anderen Staates einzumischen. Hat sich die BRD daran gehalten?

Bekanntlich waren sofort nach der Öffnung der Staatsgrenze 176 hochrangige BRD-Politiker mit Bundeskanzler Helmut Kohl zur Stelle und präsentierten sich der DDR-Bevölkerung. Hinzu kamen über 3000 Meinungsmultiplikatoren. Sie mischten kräftig im Wahlkampf mit, versprachen den Wählern das Blaue vom Himmel, wohl wissend, daß sie nichts davon einhalten würden. Sie beschworen ihre freien und geheimen Wahlen als heiliges Gut der Demokratie. Jeder Bürger habe das Recht, alle vier Jahre seine Stimme einem Kandidaten oder einer Partei zu geben. Nach der Wahl gebe es dann eine parlamentarische, repräsentative Demokratie. Mit den von der BRD manipulierten „freien Wahlen“ kamen genügend willige Abgeordnete in die Volkskammer, die den Untergang der DDR bedingungslos vollziehen wollten.

Sinnigerweise hat man den mit allen Wassern gewaschenen Politprofi Wolfgang Schäuble und den Polit-Amateur Krause mit der Ausarbeitung des „Einigungsvertrages“, der eigentlich Anschlußvertrag heißen müßte, beauftragt. Wenige Stunden vor Beginn der Sitzung der Volkskammer erhielten die Abgeordneten den Vertragsentwurf, eine Diskussion mit dem Volk gab es nicht. All das ging als „friedliche Revolution“ in die Geschichte ein, bewußt ignorierend, daß eine „Vereinigung“ laut Grundgesetz § 146 auch eine neue Verfassung erfordert hätte. Es gibt sie bis heute nicht.

Das Ergebnis: Die alten Eigentums- und Machtverhältnisse wurden wieder hergestellt, und jede Erinnerung an die DDR soll ausgelöscht werden. Nichts, aber auch nichts darf nach Ansicht der Herrschenden an die Errungenschaften der DDR erinnern. Die Nachgeborenen sollen nur noch denken dürfen, was ihnen durch die Sieger und deren Medien serviert wird.

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Nicht mehr von Bedeutung

 

Rifondazione Comunista und die Folgen einer opportunistischen Politik

Von Gerhard Feldbauer

25 Jahre nach ihrer Gründung steht der Partito della Rifondazione Comunista (PRC) vor dem Scherbenhaufen einer verfehlten Politik. Nach der Umwandlung der Italienische Kommunistischen Partei (IKP) in eine sozialdemokratische Linkspartei (Partito Democratico della Sinistra – PDS) durch die Revisionisten auf dem Parteitag im Januar/Februar 1991 war der PRC von Gegnern dieser Mutation am 12. Dezember 1991 gegründet worden.

Bei der Suche nach den Ursachen für das Scheitern des PRC stößt man auf die von Lenin hinterlassene Binsenweisheit, dass eine kommunistische Partei zum Scheitern verurteilt ist, wenn sie nicht mit dem Opportunismus bricht. Dieser Bruch war bei der Gründung des PRC nicht erfolgt und geschah auch danach nicht. Hier kurz die wichtigsten Etappen dieses Weges, den viele Kommunisten als hoffnungsvollen Neubeginn sahen.
Der Gründungsparteitag wählte Sergio Garavini, einen Gewerkschaftsführer der IKP-nahen CGIL, zum Sekretär und das frühere IKP-Politbüromitglied Armando Cossutta zum Vorsitzenden. 1994 wurde Garavini von Fausto Bertinotti abgelöst, ebenfalls langjähriger CGIL-Funktionär und zunächst Mitglied des PDS. Garavini hatte versucht, den PRC als kommunistische Strömung in den PDS einzubringen. Nachdem der Versuch scheiterte, trat er mit einigen Parlamentariern zum PDS über. Spätestens diese Abspaltung hätte Anlass sein müssen, mit dem aus der IKP überkommenen Opportunismus einen klaren Bruch zu vollziehen. Doch der Bruch unterblieb.

1996 siegte Mitte-Links über die faschistisch-rassistische Allianz Berlusconis. Die 8 Prozent Stimmen, die der PRC erhalten hatte, waren ausschlaggebend und wurden für eine Regierungsbildung benötigt. Der PRC trat nicht in die Regierung ein, sondern gab nur parlamentarische Unterstützung. Angesichts einer erneut drohenden faschistoiden Regierung unter Berlusconi schien das ein gerechtfertigter Schritt. Als Premier Romano Prodi den Sozialabbau fortsetzte und an der NATO-Aggression gegen Jugoslawien teilnahm, beendete der PRC im Herbst 1998 auf Druck der Basis diese parlamentarische Unterstützung. Armando Cossutta verließ daraufhin mit einer Gruppe Parlamentarier den PRC und gründete mit seiner Spalter-Fraktion den Partito dei Comunisti Italiani (Partei der Kommunisten Italiens – PdCI). Dieser trat nach dem Rücktritt Prodis in das von dem PDS-Vorsitzenden Massimo D‘Alema geführte Kabinett ein. Der PRC verlor bei dieser Abspaltung etwa ein Fünftel seiner inzwischen rund 130000 Mitglieder.

Ein Bruch mit dem Opportunismus unterblieb auch dieses Mal. Die Folge war in der Substanz die Absage an den Marxismus-Leninismus auf dem Parteitag 2002. U. a. wurde die Leninsche Imperialismus-Analyse als „unangemessen zur Interpretation der Form der Herrschaft des neuen Kapitalismus“ bezeichnet und Antonio Gramsci, Theoretiker der Hegemonie der Arbeiterklasse, als aktuell nicht mehr von Bedeutung gesehen. Opportunistischer Höhepunkt war der Verzicht auf die führende Rolle der Arbeiterklasse, die der – ihrem politischen Charakter nach kleinbürgerlichen – Antiglobalisierungsbewegung zugeschrieben wurde.

Gegen die opportunistischen Beschlüsse votierte eine kommunistische Strömung, die bei den Abstimmungen zwischen 27 und 40 Prozent erhielt. Ihr gelang auch, ein linkes Aktionsprogramm durchzusetzen, das auf eine sozialistische Perspektive abstellte. Solcher Widerstand verdeckte gegenüber der Basis in gewisser Weise den revisionistischen Kurs und nährte die Illusion, es werde gelingen, die Opportunisten zu stoppen.
Nach einem Wahlsieg von Mitte-Links im Bündnis mit PRC und PdCI 2006 über die seit 2001 wieder regierende Allianz Berlusconis traten beide KPen in das erneut von Prodi geführte Kabinett ein, Bertinotti wurde Parlamentspräsident. Beide KPen akzeptierten den weiteren Sozialabbau und stimmten für die Fortsetzung des Militäreinsatzes in Afghanistan. Die Strömung „Progetto Comunista“ verließ daraufhin den PRC und gründete 2007 zusammen mit dem Philosophieprofessor Marco Ferrando, einem Vorstandsmitglied der trotzkistischen Vierten Internationale, einen Partito Comunista dei Lavoratori (Kommunistische Arbeiterpartei – PCL), womit eine dritte KP entstand. Der opportunistische Kurs des PRC und PdCI beförderte 2008 den Sturz der Prodi-Regierung durch die extreme Rechte.

2004 trat der PRC der Europäischen Linkspartei (EL) bei. Bertinotti übernahm bis 2007 deren Vorsitz. Zu den vorgezogenen Parlamentswahlen 2008 bildete er mit Grünen und weiteren Linken eine „Regenbogen“ (Arco Baleno) genannte Wahlkoalition, die er als „eine neue Linke, die allen offen steht“, propagierte. Arco Baleno fiel mit 3,1 Prozent unter die Vier Prozent-Sperrklausel. Damit waren Kommunisten und Sozialisten erstmals seit 1945 nicht mehr im Parlament vertreten und bleiben es bis heute.

Der frühere Turiner Stahlarbeiter Paolo Ferrero wurde 2008 zum Nachfolger Bertinottis gewählt. Der ebenfalls kandidierende Nichi Vendola unterlag, verließ daraufhin den PRC und gründete 2010 mit PRC-Mitgliedern und verschiedenen Linken eine Linkspartei, die „Sinistra per Ecologia e Liberta“ (Linke für Umwelt und Freiheit – SEL). Er hatte 2005 als Mitte-Links-Kandidat die Wahl zum Präsidenten der Region Apulien gewonnen und war 2010 im Amt bestätigt worden.

2015 folgten über 1 500 Kommunisten aus Mitgliedern des PRC, PdCI und Parteilosen einem Appell, auf der Basis von Lenin und Gramsci einen Bruch mit dem Opportunismus einzuleiten und langfristig wieder eine einheitliche kommunistische Partei zu schaffen. Während sich der PdCI diesem Aufruf anschloss, lehnt die Führungsgruppe um Ferrero im PRC diesen Weg ab. Ferrero ließ sich im Dezember 2016 zum Vizepräsidenten der EL wählen und wird damit Stellvertreter Gregor Gysis. Zur Hervorhebung seiner kommunistischen Identität führt der PdCI seit Juni 2016 den alten Namen PCI (IKP). Im PRC scheint alles daraufhin zu deuten, dass sein Ende auf dem Altar des Opportunismus besiegelt wird.

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RedGlobe

CubaWenn das Flugzeug im Januar 2017 in Hamburg von der Landebahn abhebt, erfüllt sich für die Sängerin und Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano ein lang gehegter Wunsch: Auf Einladung des kubanischen Kulturministeriums reist sie zu einer Konzert-Tournee nach Kuba. Der Besuch der 92-jährigen dient der Völkerverständigung. Geplant sind Konzerte zusammen mit »ihren« Rappern der Band »Microphone Mafia«, Lesungen, Besuche und Gespräche. »Land und Leute möchte ich kennenlernen und erfahren, wie die Menschen dort leben – weniger als Tourist, sondern als Gast, mit dem sich durch Konzerte und Gespräche ein Austausch über die sozialen Verhältnisse ergibt«, beschreibt Bejarano ihre Motivation.

Sie überlebte die Nazigewalt in den Konzentrationslagern Auschwitz und Ravensbrück auch deshalb, weil sie als Gefangene im Mädchenorchester Akkordeon spielte. Heute geht es in ihren Texten und Liedern um Frieden, Partizipation, Gerechtigkeit und um ein Leben ohne Rassismus, Unterdrückung und Kriege – um ein gutes Leben für alle. Dafür setzt sie sich auch politisch ein: Auf der Hamburger Landesliste der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) kandidiert sie bei der Bundestagswahl. Ihre Werte teilen auch ihre Band-Kollegen, der Bassist Joram Bejarano sowie die Rapper Kutlu Yurtseven und Rosario Pennino. Die vier Musiker sind als Kulturbotschafter für Frieden und Völkerverständigung besonders geeignet, denn sie repräsentieren drei Generationen und zudem drei verschiedene Weltreligionen (Juden, Christen und Moslems). Mit ihrer Musik richten sie sich an alle Generationen und haben insbesondere bei Jugendlichen Erfolg.

Die neuntägige Konzertreise erfolgt auf Einladung des Rap-Instituts des Kulturministeriums in Havanna. Die kubanische Seite zeigt großes Interesse an der Person Esther Bejarano, an konkreter Begegnung und einem Kulturdialog. Das angekündigte Ende der 50-jährigen Eiszeit zwischen Kuba und den USA eröffnet auch Chancen zu einer Weiterentwicklung der deutsch-kubanischen Kultur-Beziehungen.

Auftakt und Abschluss der Tournee sind in Havanna. Programmpunkte dort sind je ein Konzert im Museum für aktuelle Kunst und im Garten des Musikinstituts, das Gespräch mit Leitung und Studenten der Kunsthochschule, ein Besuch des Museums der Alphabetisierungs-Kampagne und ein Austausch mit dem Stadthistoriker Dr. Eusebio Leal über die baulichen, infrastrukturellen und sozialen Herausforderungen der kubanischen Metropole. Die Musiker bereisen auch das Landesinnere.

»Ich bin gespannt auf den hebräischen Verein, die jüdische Gemeinde, die uns auch treffen will. Und sehr freue ich mich auf Jorgito Jerez und seine Schwester; er hat uns im vergangenen Herbst in Hamburg besucht und wir kennen den Film über seine bewegende Lebensgeschichte. Er ist Journalist und Blogger aus Camagüey. Dort in seiner Stadt geben wir auch ein Konzert. Und unterwegs in Santa Clara ebenso«, so Esther Bejarano.

Wichtig sind ihr die unterschiedlichen Orte und auch die Freiräume zwischen den offiziellen Terminen – für eigene Eindrücke und zufällige Begegnungen. »Da ich Künstlerin und auch Sozialistin bin, will ich wissen, wie und wie weit Sozialismus in Kuba tatsächlich gelebt wird. Und ich will hoffen, dass die Kubaner trotz aller Entwicklung und anstehenden Herausforderungen weiter wirklich Sozialisten und Sozialistinnen bleiben.«

Esther Bejarano und Band bringen ihre Musik und ihre Geschichte mit, aber sie sind genauso darauf gespannt, was sie in Kuba erleben und von Land und Leuten erfahren. Den Dialog vor Ort erleichtern wird eine Dolmetscherin. Auch wurden die Texte der Lesungen und Lieder bereits ins Spanische übersetzt. Das Publikum kann sie auf einer Bühnenleinwand mitlesen.

Die Vorfreude auf den Austausch und die Begegnung mit den Menschen teilt auch das vierköpfige Filmteam, das die Reise in einem Film dokumentieren wird. Auf diesen sind auch die zahlreichen privaten Spender und Fans gespannt, die die Tournee maßgeblich finanzieren. Nur eine Einschränkung macht Esther Bejarano bereits: »Zigarren rauchen und Rum trinken werde ich gewiss nicht.«

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29.12.2016

kommunisten.ch

Beim Absturz des russischen Militärflugzeuges Tu-154 über dem Schwarzen Meer am 25. Dezember sind vermutlich auch 64 Mitglieder des Alexandrow-Ensembles, des legendären Chors der Roten Armee, ums Leben gekommen. An Bord der Maschine war auch dessen Dirigent, Generalleutnant Waleri Chalilow. Sie waren unterwegs nach Latakia (Syrien), um dort ein Konzert zu geben. Mit den betroffenen Familien und Freunden trauern Musikinteressierte aus aller Welt aus Anlass dieses ungeheuren Verlustes für die russische und sowjetische Musik.

Wir erinnern bei dieser Gelegenheit an die Geschichte des Chors.

A.W. Alexandrow (1883-1946)

Alexander Wassiljewitsch Alexandrow (1883-1946) hatte am Konservatorium von St. Petersburg sakrale Musik studiert und wurde 1922 Lehrer für Musiktheorie am Konservatorium in Moskau. 1928 gründete er das Gesangs- und Tanz-Ensemble der Roten Armee unter dem Namen “Alexandrow-Ensemble”. Es bestand zunächst aus 12 Soldaten. Als Komponist bearbeitete Alexandrow auch Volkslieder und vertonte einige der bekanntesten sowjetischen Lieder, darunter “Der heilige Krieg” und die “Hymne der Sowjetunion”.

Die Produktion und Aufführung von Liedern nahm in der russischen Arbeiterbewegung von jeher eine grosse Bedeutung ein. Das Lied wurde eine Waffe der Revolution, des sozialistischen Aufbaus und des patriotischen Kampfes. Seinen grössten Aufschwung erlebte es im Grossen Vaterländischen Krieg 1941-45, unter wesentlicher Beteiligung des Soldatenchors von Alexandrow, der während des Krieges etwa 1500 Auftritte hatte.

“Der heilige Krieg”

Das Lied “Der heilige Krieg” (russ.: Священная война) schrieb Wassili Lebedew Kumatsch unmittelbar nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941. Gleich in den ersten Stunden nach Kriegsbeginn legte ein politischer Offizier der Roten Armee dieses Gedicht, das in diesen Tagen auch in der Prawda und in der Armeezeitung “Roter Stern” erschien, dem Chorleiter Alexandrow vor und drängte ihn zu einer Vertonung. Wie Jewgeni Alexandrow, ein Enkel des Musikers, berichtet, habe Grossvater seinen Tee stehen lassen und sich sogleich ans Klavier gesetzt. Und noch am gleichen Abend sei es mit den Proben los gegangen. Am folgenden Tat, dem 26. Juni 1941, erlebte das Werk seine Uraufführung auf dem Belorussischen Bahnhof in Moskau bei der Verabschiedung von Freiwilligen an die Front. Der Eindruck des Liedes auf die Zuhörer war gewaltig. Zuerst herrschte Grabesstille. Und dann folgte donnernder Applaus und der Chor musste das Lied wieder und wieder singen. Das ganze Konzert bestand aus diesem einzigen Lied. Die Soldaten wollten es sich einprägen und sangen es auf dem Weg an die Front.

Die Hymne der Sowjetunion

Unmittelbar nach der Revolution wurde die “Internationale” zur Hymne Sowjetrusslands und blieb es auch in der 1922 gegründeten Sowjetunion. Auf Anfang 1944 wurde sie durch das Lied “Hymne der Sowjetunion” von Sergei Michalkow und Gabriel El-Registan, mit der Musik von Alexandrow abgelöst. Seine Komposition wir heute der Nationalhymne der Russischen Föderation unterlegt.

Die Aufführung der sowjetischen Hymne und kommunistischer Lieder ist heute in verschiedenen Staaten Osteuropas durch staatliche Verbote und Repressionsmassnahmen eingeschränkt.

Legendäre Auftritte nach Kriegsende

Nach dem Krieg trat das Ensemble unter anderem in Deutschland auf. Alexandrow selbst starb 1946 in Berlin. Legendär wurde die Friedenskonzerte des Ensembles zusammen mit dem Tenor Viktor Iwanowitsch Nikitin auf der Deutschland-Tournee von 1948, wo auch deutsche Volkslieder wie “Im schönsten Wiesengrunde” und “Heideröslein” vorgetragen wurden.

Das Alexandrow-Ensemble trug wesentlich dazu bei, das reichhaltige Liedgut aus der Zeit der Revolution, des sozialistischen Aufbaus und des Zweiten Weltkriegs und russische Volkslieder weltweit bekannt zu machen. Der Chor hatte fast die ganze Welt bereist und trat in mehr als 70 Ländern in Europa, Asien, Afrika, Nord- und Südamerika auf.

Der Chor der Roten Armee zum Hören und Sehen

Hier eine kleine Auswahl von Audio- und Videodokumenten des Alexandrow-Ensembles mit historischen Aufnahmen und zeitgenössischen Interpretationen von bekannten und weniger bekannten Titeln:

Eine umfangreiche Sammlung von Kompositionen von Alexandrow sowie Aufnahmen des Ensembles findet sich auf der russischen Internetseite sovmusic.ru:

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Grüezi liebes Universum

 

Von Exoplaneten und der Suche nach E. T.

Von Nina Hager

Das ESO-Observatorium einschließlich Hauptquartier (zusammenfassende künstlerische Darstellung)

Das ESO-Observatorium einschließlich Hauptquartier (zusammenfassende künstlerische Darstellung)

(Foto: ESO/M. Kornmesser/CC BY 4.0)

Das ESO-Observatorium einschließlich Hauptquartier (zusammenfassende künstlerische Darstellung). – Die Idee einer gemeinsamen Europäischen Sternwarte wurde 1953 geboren. 1963 wurde die Atacama-Wüste in Chile für das internationale Projekt ausgewählt. In den 2000er Jahren entwickelte sich der Wunsch nach einem Teleskop der neuen Generation („European Extremely Large Telescope – E-ELT).
Derzeit wird an drei Standorten in Chile der „Himmel“ durchmustert und werden wichtige wissenschaftliche Fragestellungen geklärt. Wenn das E-ELT in Betrieb geht, wird es um Informationen über die Frühzeit unseres Universums gehen, aber auch Schwarze Löcher, Neutronensterne und andere extrem kompakte Objekte sollen beobachtet werden. Die Suche nach extrasolaren – vor allem erdähnlichen – Planeten kann forciert werden. Dazu gehört der erste Nachweis eines erdähnlichen Planeten in der habitablen Zone um einen Stern unserer Milchstraße. Zudem soll das Teleskop die frühesten Stadien der Entwicklung von Planetensystemen untersuchen und Wasser und organische Moleküle in protoplanetaren Scheiben nachweisen.

 

Die Bewohner der Schweizer Gemeinde Entlebuch sandten im Frühjahr 2014 über ein Radioteleskop einen Gruß ins All – mit Alphornbläsern und Jodelchor: „Grüezi liebes Universum.“ Und dann folgte gleich der Werbeteil: „Kommen Sie uns besuchen. Hier ist es schön.“
Eine schräge Aktion? Sicher. Nur: Sie waren nicht die Ersten.

Diese künstlerische Darstellung zeigt einen Blick auf die mögliche Oberfläche des Planeten Proxima b. Auch der Doppelstern Alpha Centauri AB ist zu sehen (rechts von dem Zentralgestirn Proxima).

Diese künstlerische Darstellung zeigt einen Blick auf die mögliche Oberfläche des Planeten Proxima b. Auch der Doppelstern Alpha Centauri AB ist zu sehen (rechts von dem Zentralgestirn Proxima).

(Foto: ESO/M. Kornmesser/CC BY 4.0)

Heller als Jupiter
Zunächst einmal: Seit dem Beginn der Radioübertragung sendet die Erde Signale, die sich – als Kugelwelle – mit Lichtgeschwindigkeit ausbreiten. Ob wir es wollen oder nicht. „Und heute herrscht ein so ausgedehnter internationaler Funk-, Fernseh- und Radarverkehr, dass die Erde mittlerweile auf manchen Radiofrequenzen zum hellsten Objekt, zur stärksten Radioquelle im Sonnensystem, aufgerückt ist, heller als Jupiter, heller selbst als die Sonne“, schrieb Carl Sagan vor nunmehr 36 Jahren.
Seither dürfte die Erde für auswärtige Beobachter noch „heller“ geworden sein. Wenn die Signale aber vielleicht einmal von Fremden in der Ferne entziffert werden, was werden sie von uns denken?
1972 schickte die NASA, die US-Raumfahrtagentur, die Pioneer-10- Sonde ins All. An Bord war eine mit Gold überzogene Aluminiumplatte. Das Gold diente dem Korrosionsschutz. Die Abbildungen, die sich darauf befanden, sollten einer ersten Verständigung zwischen Erdenmenschen und Außerirdischen dienen. ­Pioneer-10 erreichte die äußersten Regionen unseres Sonnensystems. Ende Januar 2003, nach 31 Jahren Flug, meldete sich die Pioneer-10-Sonde das letzte Mal.
Auch an Bord der beiden 1977 gestarteten interstellaren Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 sind Datenplatten, die in der Hoffnung mitgegeben wurden, dass einst Außerirdische die Botschaften erhalten werden. Auf den Platten sind Bild- und Audio-Informationen über die Menschheit gespeichert.
Voyager 1 flog zunächst die Planeten Jupiter und Saturn an. Ungefähr im August 2012 verließ sie den Bereich unseres Sonnensystems. Derzeit ist die Sonde etwa 20,50 Milliarden Kilometer von der Sonne entfernt, Voyager 2 ca. 16,9 Milliarden Kilometer. Das nächste Planetensystem mit der Sonne Proxima Centauri ist jedoch ein Vielfaches, nämlich 50 Billionen Kilometer, von uns entfernt …
1974 wurde mit eine Radiowellensignal die Arecibo-Botschaft vom Arecibo-Observatorium in Puerto Rico an den Kugelsternhaufen M13 gesandt. Sie wird noch sehr, sehr lange unterwegs sein. Der Kugelsternhaufen ist nämlich über 25 000 Lichtjahre von unserem Sonnensystem entfernt. Cosmic Call I und II wurden 1999 bzw. 2003 dagegen – wie auch andere Radiosignale – an sonnennahe Planetensysteme geschickt. Auf das „Wow!-Signal“, ein Schmalband-Radiosignal, das im August 1977 aus Richtung des Sternbildes Schütze aufgenommen wurde und dessen Ursache bis heute nicht eindeutig geklärt ist, „antwortete“ man 2012. Der Astrophysiker Jerry R. Ehmann hatte am 15. August 1977 im Rahmen seines SETI-Projektes (Search for Extraterrestrial Intelligence) ein Signal erhalten und war so verdutzt, dass er einfach nur „Wow!“ neben die Daten schrieb.
Als PR-Gag wurde 2008 ein Werbespot für die Tortilla-Chip-Marke Doritos in Richtung eines 42 Lichtjahre entfernten Sonnensystems geschickt.
Auf die Radio- und Fernsehsendungen gab es bis heute keine Reaktion, auf die Tortilla-Dip-Werbung glücklicherweise auch nicht. Auf keine der von Wissenschaftlern geplant gesandten Botschaften wurden bislang reagiert, auch wenn manche Enthusiasten meinen, die geheimnisvollen Kornkreise wären Nachrichten von Außerirdischen.
Was für ein Ärger: E. T. will einfach nicht antworten.

Hypothetische „Supererden“ im Vergleich zur Erde (links).

Hypothetische „Supererden“ im Vergleich zur Erde (links).

(Foto: Anynobody/wikimedia.com/CC BY-SA 3.0)

Viele Milliarden Welten
Dabei wissen wir heute: Eine Galaxie – wie auch die unsrige – enthält nach aktuellen Schätzungen ca. 100 bis 300, 400 Milliarden Sterne. Viele davon sind unserer Sonne ähnlich. Im beobachtbaren Universum wurden einige Milliarden Galaxien festgestellt. In den vergangenen drei Jahrzehnten wurden zudem tausende ferne Planetensysteme und Planeten entdeckt – viele dank der Möglichkeiten der Raumfahrt: Mit ihr wurden Beobachtungen außerhalb der Atmosphäre unseres Planeten möglich. Aktuell (18.12.2016) sind 3 549 Exoplaneten (Planeten außerhalb unseres Sonnensystems) – in anderen Planetensystemen oder einige auch als „Wanderer“ – katalogisiert. Sie wurden mittels unterschiedlicher Methoden entdeckt.
Darunter sind etwa 350, die als erdähnliche Gesteinsplaneten (mit kleinerer bzw. bis zu sechsfacher Masse der Erde) gelten. Einige liegen in der jeweiligen habitablen Zone, d. h. jener Zone in einem Planetensystem, in der aus unserer Sicht Leben möglich wäre.
Da müsste es doch Kandidaten geben …
Und tatsächlich, als Favorit – zumindest für Leben – galt einige Zeit die „Supererde“ Gliese 581 c. Gliese 581 c befindet sich in der habitablen Zone um das Zentralgestirn Gliese 581 (ein 20 Lichtjahre, also 190 Billionen Kilometer von der Erde entfernter Roter Zwergstern im Sternbild Waage). Auf dem Planeten könnte flüssiges Wasser existieren, aber Gliese 581 c liegt am „warmen“ Rand der habitablen Zone. Forscher nehmen deshalb an, dass die Verhältnisse auf dem Planeten denen auf der Venus ähneln.
Im Frühjahr dieses Jahres kam ein „heißer“ Kandidat auf die Liste der womöglich erdähnlichen Planeten. Es handelt sich um den Planeten mit dem Namen Kepler-1229b. Er befindet sich in jener Zone um seinen Heimatstern, einen roten Zwerg, in der Leben möglich ist. Kepler-1229b ist etwa nur etwas größer als die Erde, sein Durchmesser dürfte bei rund 17 900 Kilometern liegen – etwa 5 200 Kilometer mehr als unser Heimatplanet. Die Masse könnte der der Erde entsprechen, aber auch zehnmal größer sein. Doch: 770 Jahre braucht das Licht seines Heimatsterns bis zu uns.
An der Spitze der Rangliste der möglicherweise bewohnbaren Exoplaneten stehen zwei andere Kandidaten, die eine noch höhere Ähnlichkeit zur Erde aufweisen als Kepler-1229b und unser Mars. Bei dem einen handelt es sich um Kepler-442b, rund 1 100 Lichtjahre von der Erde entfernt. Die bisherige Nummer Eins ist Gliese 667Cc (22 Lichtjahren von der Erde entfernt) aus dem Sternbild Skorpion. Er ist einer von zwei Planeten um den Stern Gliese 667C, hat eine vierfach größere Masse als die Erde und einen etwas größeren bis doppelten Durchmesser. Die Temperaturen auf seiner Oberfläche sind denen der Erde wohl am ähnlichsten.
Mit jedem neuen Exoplaneten verschwindet ein wenig mehr von der Überzeugung der vermeintlich besonderen Stellung der Erde im All. Unser Planet ist nur einer von vielen.
Doch auch in unserer unmittelbaren „Nachbarschaft“ war die Suche erfolgreich.

In der „Nachbarschaft“: Proxima b
Erste Hinweise auf einen Gesteinsplaneten im System der Sonne Proxima Centauri, einem roten Zwerg (der häufigsten Sternart in unserer Galaxie), der 4,2 Lichtjahre, rund 40 Billionen Kilometer, von unserer Sonne entfernt ist, wurden 2013 gefunden. 2016 wurde dann am La-Silla-Observatorium der Europäischen Südsternwarte ESO in Chile die Vermutung bestätigt. Im August wurden die Ergebnisse der Untersuchungen in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht. Gefunden wurde Proxima b durch die sogenannte Radialgeschwindigkeitsmethode. Dabei wurde das Lichtspektrum von Proxima Centauri untersucht. Das Licht zeigte regelmäßige Schwankungen, die nur durch die Masse eines Planeten verursacht sein konnten.
Außer der Masse, die zwischen 1,27 und weniger als drei Erdmassen liegt, der Umlaufzeit (11 Tage) und der Entfernung von Proxima Centauri, gibt es bislang noch keine weiteren Daten, die über Proxima b bekannt sind. Im Vergleich zur Erde ist Proxima b seiner Sonne zwar 20 mal näher, da es sich bei dieser aber um einen roten Zwergstern mit geringer Strahlungsintensität handelt, sind Temperatur und Lichteinstrahlung vergleichbar. Auf Proxima b könnte flüssiges Wasser existieren, möglicherweise ein Ozean. Wasser aber ist eine wichtige Voraussetzung für Leben.
Doch den Planeten erreichen sogenannte Superflares (außerordentlich energiereiche Eruptionen) des nahen Sterns. Sollte Proxima b jedoch eine Atmosphäre und ein Magnetfeld wie die Erde besitzen, hätten diese Superflares wahrscheinlich keine signifikanten Auswirkungen auf die Biosphäre des Planeten.
Der Flug zu Proxima b würde mit den Mitteln der heutigen Weltraumtechnik rund 30 000 Jahre dauern. Aktuell wird über den Start einer größeren Zahl von Miniatur-Sonden diskutiert, die mit Hilfe großer Lichtsegel im All auf 60 000 Kilometer pro Sekunde beschleunigt werden könnten und von denen wenigsten einige nach 20 Jahren Proxima b erreichen könnten.
Ehe bemannte Flüge zu Proxima b starten können, wird wohl noch viel Zeit vergehen.
Und noch ein Dilemma wird deutlich. Gäbe es auf einem der genannten Planeten eine Zivilisation, die technisch-technologisch zumindest so weit sein müsste wie wir auf der Erde: Die Kommunikation wird wohl schwierig, denn zwischen Anfrage und Antwort würde viel Zeit vergehen.

Vergoldete Platte der Voyager-2-Sonde.

Vergoldete Platte der Voyager-2-Sonde.

(Foto: NASA/JPL/gemeinfrei)

Eine Enttäuschung?
Die Entdeckung von Exoplaneten brachte eine gewisse Enttäuschung: Lange waren die Fachleute der Überzeugung, dass andere Planetensystem wie das unsrige aufgebaut sind, in dem sich die großen Planeten auf sonnenfernen Umlaufbahnen bewegen. Dem entsprechend sollten auch die Systeme ferner Sterne eine ähnliche Struktur wie unser Sonnensystem aufweisen. Doch wie sich zeigte, gleicht kaum eines der fremden Systeme unserem Sonnensystem, und auch viele Planeten sind anders, als man dachte.
Die Entdeckungen neuer Exoplaneten führte zu einem grundlegenden Wandel unserer Vorstellungen über die Entwicklung von Planetensystemen.
Der Astronom Dieter B. Hermann erinnerte in einem Beitrag „Planen mit Migrationshintergrund“ – angesichts der neuen Entdeckungen – an das geltende Modell: „Schon 1755 hatte sich Immanuel Kant mit seiner genialen Frühschrift ‚Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels’ an diesem Problem versucht. Inzwischen ist die Zahl der Abhandlungen zu diesem Thema Legion. Je mehr konkrete Beobachtungsdaten über die Planeten zur Verfügung standen, umso eher konnten die Forscher hoffen, ein zutreffendes, wenn auch sicher zunächst noch vereinfachtes Modell der Entstehung eines solchen Planetensystems zu entwickeln. Schließlich wurde klar, dass die Entstehung von Sternen und Planeten in einem gemeinsamen Prozess erfolgt.
Ausgangspunkt ist eine rotierende Gaswolke mit geringen Staubbeimischungen (etwa ein Prozent), die unter dem Einfluss ihrer eigenen Gravitation zu kollabieren beginnt. Wegen des Drehimpulserhaltungssatzes nimmt diese Wolke mit der Zeit die Gestalt einer Scheibe an, in deren Zentrum der kugelförmige Stern entsteht. In der Scheibe hingegen finden komplizierte Verklumpungsvorgänge von kleinsten Teilchen zu immer größeren Körpern statt, die letztlich zur Entstehung der Planeten führen.“ (ND, 20.8.2016) Die Grundaussagen dieses Modells sind richtig. Es kann zugleich auch die Massenunterschiede der Körper im inneren und äußeren Sonnensystem erklären. Hermann macht aber darauf aufmerksam, dass dieses Modell entstand, als wir noch kein anderes Planetensystem kannten.
Unser Sonnensystem ist offenbar nicht typisch. So wurden beispielsweise Planetensysteme entdeckt, in denen gewaltige Gasriesen auf sternnahen Umlaufbahnen um ihr Zentralgestirn „rasen“ …
Unser wissenschaftliches Weltbild ist auch hier im Umbruch.

Gleichung mit vielen Unbekannten
Vor über 50 Jahren ahnte man davon noch nichts, hatte aber auch noch keine fernen Planetensysteme und Exoplaneten beobachtet.
Viele Naturwissenschaftler waren davon überzeugt, dass wir nicht allein im All sind. Unter ähnlichen Bedingungen musste sich doch Leben entwickelt haben, obgleich man sich sicher bereits bewusst war, dass der Umstand, dass auf der Erde das irdische Leben und dann der Mensch entstand, nur eine Möglichkeit aus einem potentiell unerschöpflichen Möglichkeitsfeld war.
Carl Sagan schrieb dazu ironisch in „Unser Kosmos“. „Wäre irgendwo eine Kleinigkeit anders gelaufen, könnten sich andere Lebewesen mittels Intelligenz und handwerklicher Geschicklichkeit zu ebensolchen Leistungen aufgeschwungen haben. Vielleicht die schlauen zweibeinigen Dinosaurier oder die Waschbären oder die Otter oder der Tintenfisch.“ (S. 296)
Ob sich aber die Ansicht als richtig erweist, dass das Leben überall nicht nur „den universellen Gesetzen von Chemie und Physik unterworfen ist“, sondern dass auch „die organische Evolution ein Prozess ist, der denselben fundamentalen Regeln im gesamten Kosmos gehorcht wie auf der Erde“ (Bylinsky, S. 9), ist nach wie vor völlig offen.
Astrobiologen sind deshalb bei der interdisziplinären Suche nach extrasolaren bewohnbaren Planeten und Monden mit dabei. Sie suchen nach Spuren der chemischen Evolution, nach Leben bzw. Spuren früheren Lebens in unserem Sonnensystem. Sie erforschen den Ursprung des Lebens sowie seine Entwicklung in der frühen Zeit der Erde und die mögliche Anpassung von Leben an unwirtliche Bedingungen auf der Erde und im All.
Die Überzeugung, dass Leben – in seinen vielfältigen Formen – nicht auf die Erde beschränkt ist, sondern im ganzen Universum vorkommt, wird dabei durch neuere Entdeckungen bestärkt. Forscher fanden die Grundmoleküle, aus denen Leben entsteht, überall im All: Aminosäuren konnten sogar in Gaswolken im interstellaren Raum nachgewiesen werden (durch Beobachtung ferner Regionen), aber auch ganz nah auf dem Kometen „Tschuri“ (67P/Tschurjumow-Gerassimenko) Gefunden wurde dabei auch organisches Material. Festgestellt wurden die Aminosäure Glyzin, ein Proteinbaustein, sowie Phosphor, ein zentraler Bestandteil der DNA und von Zellmembranen. Zahlreiche weitere organische Verbindungen wurden, sowohl von Rosetta aus der Umlaufbahn als auch von Philae auf der Oberfläche, entdeckt.(siehe auch UZ vom 7.10.2016).
Seit 1960 begann Frank Drake am National Radio Astronomy Observatorium in Green Banks (USA) mit dem „Abhorchen“ des Weltalls nach elek­tromagnetischen Wellen künstlichen Ursprungs. Bis heute – inzwischen längst international – wird die wissenschaftliche Suche nach außerirdischer Intelligenz (Search for Extraterrestrial Intelligence, SETI) fortgeführt. Bislang ohne Erfolg. Kritiker bemängeln unter anderem, dass es zu viele offene Fragen im Zusammenhang mit den Voraussetzungen und Grenzen einer Kommunikation gibt. Kritisiert wird auch, SETI suche nur nach humanoiden Außerirdischen und nur nach solchen, deren Technik mit der unseren passend sei usw.
1961 entwickelte der Astrophysiker Drake in diesem Zusammenhang eine Gleichung, mit der man angeblich die Anzahl der entwickelten Zivilisationen in unserer Galaxie abschätzen kann. Er stellte sie im selben Jahr auf einer Green-Banks-Konferenz vor. Drake bezog sich dabei allein auf Leben, das sich unter bestimmten Bedingungen bezüglich der Verhältnisse von Stickstoff, Kohlenstoff usw. entwickelt. Die Entstehung des Menschen und der menschlichen Gesellschaft galt als Beweis, dass die Abschätzung möglich ist. Das Planetensystem und der Planet, auf dem sich solches Leben entwickeln soll, muss nach dieser Theorie bestimmte astronomische und physikalisch-chemische Voraussetzungen erfüllen.
Drei Modelle wurden auf der damaligen vorgestellt. Ein „konservatives“, mit einer Zivilisation in unserer Galaxis, ein „optimistisches“ mit 100 Zivilisationen (5 000 Lichtjahre mittlerer Abstand zweier sendender Zivilisationen) und ein „enthusiastisches Modell“ mit 4 000 000 Zivilisationen (150 Lichtjahre mittlerer Abstand).
Für keines dieser Modelle gibt es bislang irgendwelche Belege. Die Drakesche Gleichung enthält zudem viel zu viele Unwägbarkeiten. Drake bezog Faktoren ein, über die es viele Spekulationen gibt, aber überhaupt kein gesichertes Wissen: Unbekannt sind die durchschnittliche Anzahl der Planeten (pro Stern) innerhalb der habitablen Zone sowie die Zahl der Planeten mit Leben in unserer Galaxie. Wir wissen heute ja nicht mal, ob es außerhalb der Erde in unserem Sonnensystem Leben gibt. Auch wenn in diesem Zusammenhang in den letzten Jahren neue Erkenntnisse gewonnen wurden: Über den Anteil an Planeten mit intelligentem Leben oder den Anteil an Planeten mit Interesse an interstellarer Kommunikation sowie die Lebensdauer einer technischen Zivilisation in Jahren kann nur spekuliert werden …
Zumindest hat Drake viele Debatten angeregt. 1962 kam es zur sogenannten Kuba-Krise. Die Welt stand wieder einmal am Rand eines Atomkriegs. Wie lange überleben technisch entwickelte Zivilisationen, wenn es ihnen nicht gelingt, eine friedliche, solidarische und sozial gerechte Welt zu schaffen sowie auch die Zerstörung der Umwelt zu beenden?

Kontakt?
Nehmen wir mal an, die Kontaktversuche hätten tatsächlich Erfolg oder es kommt zufällig jemand vorbei. Was dann?
Nicht wenige Fans meinen, Außerirdische hätten uns schon einmal besucht, Spuren auf der Erde hinterlassen, ja sogar die Entwicklung der Menschheit entscheidend geprägt. Sie könnten zudem ja wiederkommen. Andere sind der Ansicht, E.T. würde bereits unter uns leben.
Das Internet ist voll von solchen Spekulationen und von Fake-Nachrichten. Doch Nachweise für die Behauptungen gibt es nicht. Ungewöhnliche Ereignisse wurden stattdessen immer – früher oder später – rational erklärt. Auch der angebliche UFO-Absturz im Jahr 1947 (Roswell-Zwischenfall) erwies sich als das, was er war: Der Absturz eines Wetterballons mit einem Radarreflektor …
Die „Men in Black“ werden also nicht gebraucht.
Auch Science-Fiction-Autoren haben sich mit der Kontaktproblematik beschäftigt. Die Zahl der Beispiele ist groß. Viele Autoren haben fremde Zivilisationen bzw. das Zusammentreffen von Menschen mit ihnen beschrieben: Zivilisationen, die mehr oder weniger ein Spiegelbild der unsrigen und unserer Konflikte, bis hin zu Klassenwidersprüchen sind. Oder solche, bei denen die Evolution einen anderen Weg genommen hat – und auch andere Gesetze der Logik gelten, wie in Stanislaw Lems „Eden“ – bis zu „denkenden“ Planeten. Alles ist möglich. Die Kontaktaufnahme der Menschen mit den Außerirdischen ist oft schwierig und trotzdem manchmal erfolgreich, bezaubernd wie die der Kinder im Film „E. T.“, endet aber nicht selten – und nicht nur wegen Missverständnissen – auch tragisch. In nicht wenigen Hollywood-Filmen werden die Außerirdischen als hässliche Aliens dargestellt, deren einziges Ziel es ist, die Erde zu erobern, die Menschheit zu versklaven oder zu vernichten.
Schriftsteller können Welten entwerfen, Wissenschaftler müssen sich an Fakten halten und ihre Hypothesen letztlich immer auch praktisch überprüfen.
Wie sollten wir mit E. T. umgehen? Ein Kontakt würde unser wissenschaftliches Weltbild wahrscheinlich revolutionieren. Nicht nur aufgrund neuer Erkenntnisse über die Entstehung und Entwicklung des Lebens und wegen des Zusammentreffens mit einer völlig anderen Zivilisation. Unsere Vorstellung über die Stellung des Menschen in der Welt würde sich – wieder einmal – grundlegend verändern …
Wissenschaftler entwickeln seit Jahren Vorstellungen über Kontakte und mathematische Modelle für eine mögliche Kommunikation. Für Treffen sind unterschiedliche Szenarien in der Diskussion: So das Fernkontakt-Szenario, das Artefakt-Szenario, bei dem Menschen auf ihrem Weg im Kosmos auf Hinterlassenschaften einer fremden Zivilisation stoßen, das Direktkontakt- und das Agenten-Szenario – falls E. T. bereit unter uns lebt. Alles das sind spekulative Überlegungen.
2014 veröffentlichte die NASA ein 250 Seiten dickes Dokument zu „interstellarer Kommunikation“ und hielt gemeinsam mit der US-Kongressbibliothek in Washington ein zweitägiges Symposium zum Thema ab. Es ging um die „Auswirkungen der Entdeckung mikrobakteriellen, komplexen oder intelligenten Lebens jenseits der Erde“. Dabei wurde auch darüber diskutiert, wie eine Kommunikation mit den Außerirdischen aussehen könnte. Die dürften kaum zu verstehen sein. Spekuliert wurde über deren Moralvorstellungen usw.
„In dem Nasa-Sammelband über interstellare Kommunikation beschreiben Archäologen, Paläontologen und Historiker, dass es zwar möglich war, Schriften und Symbole längst untergegangener Kulturen zu entziffern. Doch es gab immer auch Anhaltspunkte dafür: Bei den ägyptischen Hieroglyphen zum Beispiel war es der 1799 entdeckte Rosetta-Stein.“ (Die Welt, 19.8.2014)
Die Verständigung wird also schwierig.
Seit längerem gibt es aber auch Streit in der Wissenschaftlergemeinde. Während nicht wenige Wissenschaftler davon überzeugt sind, dass ein Kontakt vor allem positive Folgen hätte, warnen andere. Nicht etwa vor übertriebenen Erwartungen, sondern vor Außerirdischen, die möglicherweise böse Absichten hätten. Sie sind dafür, keine Nachrichten mehr ins All zu senden. So forderte der britische Astrophysiker Stephen Hawking 2010: Die Menschheit solle sich besser still verhalten. Denn Aliens könnten uns Menschen allzu ähnlich sein – und kommen, um zu plündern und zu zerstören. (Spiegel-online, 25.4.2010)
Da hat einer wohl zu oft den Film „Independence Day“ gesehen oder orientiert sich am Roman von Herbert G. Wells „Krieg der Welten“? Oder war es Resignation angesichts unserer Welt voller Kriege, voller Not?
Die Schweizer aus der Gemeinde Entlebuch, deren Aktion – so berichteten es damals auch Schweizer Zeitungen – eigentlich nur der Werbung für die Urlaubsregion galt, waren da optimistischer. Ihre Botschaft lautete nämlich vollständig: „Grüezi liebes Universum. Kommen Sie uns besuchen. Hier ist es schön. In 50 Jahren. In 500 Jahren. In 500 000 Jahren.“

Zitierte Bücher:
Carl Sagan, Unser Kosmos. Eine Reise durch das Weltall, München/Zürich 1982
Gene Bylinsky, Evolution im Weltall. Geschichte und Zukunft des Lebens, Königstein 1982

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Frohe Weihnachten …

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Andreas Wehr, Referat auf der Konferenz „Europa und die revolutionäre Arbeiterbewegung“ des Marxistischen Arbeitskreises zur Geschichte der Arbeiterbewegung bei der Partei Die Linke in Kooperation mit der Marx-Engels-Stiftung am am 19.11.2016[1]

Zu den Wurzeln der heutigen Europaideologien – Die Paneuropa-Bewegung

Woher kommt die heute in Deutschland vorherrschende Europaideologie? Ab Ende des 19. Jahrhunderts dominierten zwei europapolitische Konzeptionen im Deutschen Reich: Der 1891 gegründete „Alldeutsche Verband“ wurde von der Schwerindustrie getragen und setzte sich für eine Eroberungspolitik im Westen, gegenüber Belgien, Frankreich und Luxemburg ein. Der 1904 entstandene „Mitteleuropäische Wirtschaftsverein“ repräsentierte hingegen das neuindustrielle Kapital vor allem der Chemie- und Elektrokonzerne, das mit dem Aufstieg der Deutschen Bank verbunden ist. Die Hauptexpansionsrichtung dieser Kapitalfraktion war der südosteuropäische Raum bis zur Türkei hin. In der Kriegszielpolitik Deutschlands im Ersten Weltkrieg verschmolzen diese beiden Konzeptionen.

Nach der Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg erhalten die beiden expansionistischen Europastrategien Konkurrenz. „Als eine eigentümlich neuartige Linie kommt zu ihnen ab 1923 die Paneuropa-Konzeption des Grafen Coudenhove-Kalergi hinzu, die in Deutschland für etwas damals noch ganz außerhalb des Horizonts der meisten Kreise des deutschen Monopolkapitals Liegendes warb: ein zwecks gemeinsamer Expansion zu bildendes multinationales Konzern-Europa unter Ausschluss Englands und Russlands.“[2] Propagiert wird darin ein Europa, das von „Petsamo bis Katanga“ reicht unter Einschluss eines „geschlossenen afrikanischen Kolonialreichs ‚Europäisch-Westafrika‘ (Libyen, Französisch-Afrika, Angola, Kongo) plus ‚zerstreuter Kolonien‘ in seinerzeit, französischem, belgischem, portugiesischem, italienischem und spanischem Besitz.“[3]

Nach Coudenhove-Kalergi sollten demnach zu Paneuropa weder Großbritannien noch die Sowjetunion, hingegen aber große Teile Afrikas gehören Ein zentraler Unterschied der neuen Paneuropakonzeption zu den bis dahin dominierenden expansionistischen deutschen Strategien war, dass in einer solchen Vereinigung keine Grenzkorrekturen in Europa mehr möglich sein sollten, ausgenommen allerdings solche im Falle Russlands. „Auf diesen Gedanken konnten sich im Deutschland der zwanziger Jahre nur Vertreter von Konzernen einer Größenordnung einlassen, die garantierte, dass ihnen auch in der freiwirtschaftlichen Gemeinsamkeit eines solchen Großraums automatisch wieder die Führungsrolle werde zufallen müssen. Gerade aus dieser Höhensicht eines solchen Großraums aber war natürlich auch die Versuchung, die Umwandlung Europas in einen deutschen Großraum für realisierbar zu halten, besonders groß, so dass sich hier die Meinungen teilten und es letztlich nur einige besonders stark in übernationalen Verflechtungen stehende und weitblickende Spitzenvertreter des Kapitals waren – nach Coudenhoves eigenem Zeugnis Max Warburg, des weiteren Arthur v. Gwinner von der Deutschen Bank und Hans Fürstenberg von der Berliner Handels-Gesellschaft, beide nacheinander als Schatzmeister der deutschen Paneuropa-Sektion fungierend, sowie Robert Bosch, der der internationalen ‚Paneuropa-Förderungsgesellschaft‘ mit Sitz in Zürich präsidierte -, die Coudenhoves Bewegung finanziell förderten, meist allerdings nicht exklusiv, sondern zugleich mit den Mitteleuropa-Propagandainstitutionen. Ähnlich halben Erfolg hatte Coudenhove in den übrigen Ländern Europas, in denen er überall in gleichem Sinne agitierte. Das Initialinteresse an seiner Bewegung (so war z. B. ihre Förderung durch Max Warburg, wie Coudenhove berichtete, erst von Baron Rothschild vermittelt worden) lag damals offenbar überwiegend bei außerdeutschen Finanzgruppen.“[4] Die Paneuropabewegung bekam Zulauf von Politikern,  Wissenschaftlern und Künstlern. Zu ihr bekannten sich Albert Einstein, Thomas Mann, Otto von Habsburg sowie Politiker wie Konrad Adenauer, der französische Außenminister und Friedensnobelpreisträger Aristide Briand, der tschechoslowakische Außenminister und spätere Staatspräsident Edvard Beneš und der französische Ministerpräsident Édouard Herriot.

Paneuropa zielte auf den Erhalt der brüchig gewordenen Hegemonie des alten Kontinents: „Während jeder einzelne europäische Staat auf die Dauer politisch und wirtschaftlich jenen Weltmächten preisgegeben wäre, könnte Paneuropa durch seinen Zusammenschluss zu einer der stärksten Machtgruppen, vielleicht zur stärksten werden.“[5] Heute klingt es ganz ähnlich, wenn für einen ‚Globalplayer EU‘ selbst von Sozialdemokraten geworben wird.[6]

Mit dem Paneuropakonzept erschien zum ersten Mal jene Vorstellung eines föderativen Europas von Nationalstaaten auf der politischen Bühne, die nach 1945 den realen Prozess der europäischen Integration leitet. Doch in den zwanziger Jahren war die Zeit noch nicht reif für den Übergang zu diesem Konzept, das nicht mehr auf aggressive Expansion des eigenen Machtbereichs setzt, sondern auf eine Kollaboration europäischer imperialistischer Mächte. Mit der Machtübertragung auf den Faschismus versuchte das deutsche Finanzkapital noch einmal, und diesmal mit rücksichtsloser Härte und Brutalität, seine Eroberungspläne mit Gewalt in die Tat umzusetzen. Nach dem vollkommenen Scheitern dieses Vorgehens kommt man aber wieder auf das Paneuropakonzept zurück. So war es denn kein Zufall, dass Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi 1950 der erste Träger des Karlspreises der Stadt Aachen wurde. Der Graf und seine Bewegung blieben auch danach von Bedeutung. Franz-Josef Strauß schrieb das Vorwort zu dem 1971 erschienenen Buch Weltmacht Europa von Coudenhove-Kalergi. Lange Jahre stand der CSU-Europaabgeordnete Otto von Habsburg an der Spitze der Paneuropa-Union. 1989 rühmte sich diese Bewegung, einen entscheidenden Beitrag zur Zerstörung des europäischen Sozialismus geleistet zu haben.[7]

Die Gründung der Europäischen Gemeinschaften

Der Gründung der Europäischen Gemeinschaften 1957 war das Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) im August 1954 vorausgegangen. Die EVG war der Versuch gewesen, unter französischer Führung die europäische Einigung auf Grundlage der militärischen Zusammenarbeit zu realisieren. Es gab aber in Frankreich keine Mehrheit für einen damit verbundenen Souveränitätsverzicht des Landes.

Bereits 1955 wurden neue Pläne für eine europäische Integration vorgelegt. Die Initiativen gingen diesmal nicht von Frankreich, sondern von den Niederlanden und Belgien aus: „Vor allem in den Beneluxstaaten, deren offene, stark exportabhängige Volkswirtschaften am meisten auf eine Zollunion oder andere Präferenzräume westeuropäischer wirtschaftlicher Zusammenarbeit angewiesen schienen, schossen sie wie Pilze aus dem Boden.“[8] Es war vor allem die niederländische Industrie, die – nach dem Verlust der Kolonie Niederländisch-Indien – dringend neue Absatzmärkte für ihre Produkte suchte. In Westeuropa glaubte sie, dabei fündig werden zu können. Vorangetrieben wurden die Verhandlungen vom belgischen Außenminister Paul-Henri Spaak. Er nutzte dabei die bestehende Zusammenarbeit innerhalb der seit 1951 bestehenden Montanunion. Im Juni 1955 bekräftigten deren Mitglieder Belgien, Frankreich, die Bundesrepublik Deutschland, die Niederlande, Luxemburg und Italien grundsätzlich ihre Absicht, die Möglichkeit zur Gründung einer europäischen Wirtschaftsgemeinschaft auszuloten.

Das folgende Jahr 1956 wurde zu einem Jahr bedeutender außenpolitischer Ereignisse: die Suezkrise und die Ereignisse in Ungarn erschütterten die Welt. “Von Polen über Ungarn bis zum Nahen Osten überstürzen sich die Ereignisse. Am 30. Oktober geschehen simultan zwei äußerst wichtige Dinge: In Budapest kündigt die neue Regierung Nagy das Ende des Einparteiensystems an (…), bringt eine Koalition unterschiedlicher Parteien auf den Weg, die alle an der Regierung beteiligt werden, fordert die sowjetische Militärführung auf, die in Ungarn stationierten Truppen zurückzuziehen, und befreit Kardinal Mindszenty aus seinem Zwangsdomizil. Gleichzeitig landen in der Nacht zum 30. auf den 31. Oktober anglofranzösische Truppen aus der Luft am Suez-Kanal. Die Fallschirmjäger machen sich auf zur Eroberung von Port Said, während die israelischen Truppen inzwischen kurz vor dem Kanal stehen. Es ist klar, dass die internationale Krise damit nun ihren Höhepunkt erreicht.“[9]

Diese Krisen sollten die Einigung auf die Römischen Gründungsverträge ermöglichen: „Erst als die Doppelkrise von Suez und Budapest (…) ein deutliches Signal deutsch-französischer Gemeinsamkeit in der Europapolitik erforderlich zu machen schien, und rasch nach einem Rahmen für einen neuen Anlauf in der Rüstungskooperation gesucht wurde, spielten wirtschaftliche Bedenken keine große Rolle mehr. Adenauer und Mollet (der französische Ministerpräsident, A.W.) setzten sich über die Einwände ihrer Experten souverän hinweg und nutzten den Plan einer Zollunion und Wirtschaftsgemeinschaft als Vehikel umfassender europapolitischer Visionen, die nicht zuletzt auch die Rüstungskooperation einschlossen. Damit war es gerade die Sicherheitspolitik, die den politischen Anstoß gab, der schließlich den Abschluss der Römischen Verträge am 25. März 1957 ermöglichte.“[10]

Die als Antwort auf die Verstaatlichung des Suezkanals unter dem ägyptischen Staatspräsidenten Gamal Abdel Nasser begonnene britisch-französische Militärintervention scheiterte kläglich. Nicht alleine die Sowjetunion, auch die Vereinigten Staaten drängten auf ein unverzügliches Ende des Abenteuers. “Das führte zu einer Demütigung beider Mächte, Frankreichs und Englands, die sich von dieser vor allem moralischen und imagemäßigen, aber auch politischen und militärischen Niederlage nie mehr erholen sollten.“[11] Paris zog daraus die Konsequenz, nun unter allen Umständen – und dies notfalls auch ohne US-amerikanische oder britische Hilfestellung – Atommacht werden zu wollen. Die Europäische Atomgemeinschaft (EURATOM) sollte dabei Frankreich als europäischer Rahmen für die Entwicklung dieser Waffen dienen. Auch eine „Europäische Rüstungsgemeinschaft“ wurde angestrebt. Deutschland und Frankreich unterzeichneten dazu im Januar 1957 ein Protokoll über waffentechnische Zusammenarbeit.

Für die Bundesrepublik Deutschland war hingegen die Krise in Ungarn Anlass für neue strategische Überlegungen. Das Gewährenlassen der Sowjetunion bedeutete indirekt die Anerkennung einer sowjetischen Einflusszone in Osteuropa durch den Westen. Die auf Revanche setzenden Kräfte der Bundesrepublik sahen hierin die Gefahr, dass sich die Vereinigten Staaten eines Tages womöglich vollständig mit den Ergebnissen des Zweiten Weltkriegs abfinden und sowohl die polnische Westgrenze als auch die Existenz der DDR anerkennen könnten. Aus Bonner Sicht bestand demnach die Gefahr einer Verständigung zwischen den USA und der Sowjetunion über die Herrschenden in der Bundesrepublik hinweg. In Reaktion darauf sollte auch Westdeutschland zu einer eigenständigen Atommacht werden. In einem Beschluss des Bundeskabinetts vom 19. Dezember 1956 heißt es: „Es müsse also gefordert werden, den Aufbau der Bundeswehr (…) beschleunigt durchzuführen, eine Zusammenfassung Europas voranzutreiben und nukleare Waffen in der Bundesrepublik herzustellen.“[12] Dass es zur Atombewaffnung dann doch nicht kam, lag an der Weigerung Frankreichs, ein atomar gerüstetes Deutschland an seiner Seite zu dulden.

Außen- und sicherheitspolitische Überlegungen Frankreichs und Deutschlands waren demnach von ausschlaggebender Bedeutung für die Bereitschaft beider Länder, die entscheidenden Schritte in Richtung einer festeren europäischen Integration zu gehen: „Diese Konstellation machte den Abschluss der Römischen Verträge vom 25. März 1957 möglich. Sie verdanken ihr Zustandekommen weniger der Dynamik der wirtschaftlichen Interessen der großen Mitgliedstaaten, sondern viel mehr sicherheitspolitischen Erwägungen Frankreichs und Deutschlands.“[13] In einem Rückblick auf 50 Jahre Römische Verträge heißt es denn auch in der Zeitschrift Integration : „Sieht man einmal von dem niederländischen Interesse an einer Zollunion und einem europäischen Agrarmarkt für den Absatz niederländischer Produkte ab, so war die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft also vorwiegend ein politisches Unternehmen. In wirtschaftlicher Hinsicht sowohl für Frankreich als auch für die Bundesrepublik (also für die beiden Hauptbeteiligten) problematisch, aber von beiden um der politischen Zielsetzung willen akzeptiert. Einbindung der Deutschen und Autonomie gegenüber den USA waren ihre eigentlichen Ziele – freilich auch ihre heimlichen; und darin lag das Problem der 1957 gefundenen Konstruktion.“[14]

Die Gründungsverträge

Die Römischen Verträge zur Gründung der Europäischen Wirtschafts- und Atomgemeinschaft traten am 1. Januar 1958 in Kraft. Der EWG-Vertrag beinhaltete vor allem eine Zollunion. Zwischen den sechs Mitgliedstaaten sollten sämtliche Zölle und mengenmäßige Beschränkungen bei der Ein- und Ausfuhr von Waren abgeschafft werden. Gegenüber Drittländern war anstelle nationaler Tarife ein gemeinsamer Zolltarif vorgesehen. Der gemeinsame Markt für Waren, Kapital und Arbeit jeder Art sollte Freizügigkeit für Arbeitnehmer, Unternehmer und Dienstleistungen garantieren. Geplant war, die Handels-, Agrar-, Verkehrs- und Wettbewerbspolitik zu vergemeinschaften und die Konjunktur-, Wirtschafts- und Währungspolitik zu koordinieren. Für die Steuer- und Sozialpolitik war eine Harmonisierung vorgesehen. Vereinbart wurde, auf die Angleichung innerstaatlicher Rechtsvorschriften hinzuarbeiten.[15]

Beim institutionellen Aufbau der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft orientierte man sich an den bewährten Praktiken der Montanunion. Doch gab es wesentliche Unterschiede: Die gemeinsame Hohe Behörde der Montanunion war von Persönlichkeiten besetzt, die zwar von den Regierungen der Mitgliedsländer gestellt wurden, die aber unabhängig arbeiteten und aufgrund eigener Befugnisse Entscheidungen treffen konnten. In der EWG wurden die Entscheidungen hingegen vom Ministerrat, dem Kollegium der Fachminister der Mitgliedsländer, getroffen. Die Europäische Kommission, das quasi Exekutivorgan der Gemeinschaft, war daher mit der Hohen Behörde nicht vergleichbar. Sie erhielt die Stellung eines ausführenden Organs und konnte und sollte wohl Rechtsvorschriften initiieren, die Beschlüsse darüber oblagen aber dem Ministerrat.

In den Römischen Verträgen war auch die Einrichtung einer „Versammlung“ von Parlamentariern der Gemeinschaften EGKS, EWG und EURATOM vorgesehen. Gebildet wurde sie von Entsandten der nationalen Parlamente der sechs Mitgliedsländer. Je 36 Abgeordnete kamen aus Frankreich, Deutschland und Italien, je 14 stellten Belgien und die Niederlande, sechs kamen aus Luxemburg. Obwohl sich diese Versammlung bei ihrer Konstituierung am 19. März 1958 selbst den Namen „Europäisches Parlament“ gab, ist es bis heute kein wirkliches Parlament. Gemäß Artikel 139 des Vertrags zur Gründung der EWG sollte die „Versammlung“ anfangs nur einmal im Jahr zu einer ordentlichen Sitzungsperiode zusammenkommen, und zwar „am dritten Dienstag des Monats Oktober“. Der Übergang zu einer Direktwahl dieser „Versammlung“ war bereits in den Römischen Verträgen vorgesehen gewesen. In Artikel 138 Absatz 3 des EWG-Vertrags hieß es: „Die Versammlung arbeitet Entwürfe für allgemeine unmittelbare Wahlen nach einem einheitlichen Verfahren in allen Mitgliedstaaten aus.“ Doch sollte es noch mehr als 20 Jahre dauern, ehe dieses Gremium 1979 erstmals von den Bürgerinnen und Bürgern direkt gewählt werden konnte. Und das angestrebte „einheitliche Verfahren“ für den Wahlgang ist bis heute nicht geschaffen worden. Die Abgeordneten werden weiterhin nach national unterschiedlichen Bestimmungen gewählt.

Auch an der weitgehenden Machtlosigkeit des Parlaments änderte sich seitdem wenig. Nur schrittweise wurde es mit weiteren Befugnissen ausgestattet. Doch bis heute fehlen ihm die für eine echte Legislative entscheidenden Rechte, so etwa das zur Wahl der Exekutive. Die Zusammensetzung der Europäischen Kommission wird weiterhin von den Mitgliedsländern bestimmt. Sie sind es die festlegen, wer Kommissionspräsident wird. Das Parlament hat zudem nicht das Recht zur Vorlage von Gesetzesinitiativen, dies war und ist das Privileg der Kommission. Diese Machtlosigkeit der Legislative ist alles andere als zufällig. Sie entspricht der mit dem europäischen Einigungsprozess untrennbar verbundenen Zurückdrängung der auf nationalstaatlicher Ebene erkämpften demokratischen Rechte.

Ein freier und unbegrenzter Binnenmarkt

Mitte der achtziger Jahre führten Interessenverbände des Kapitals, Medien und Regierungen Klage über die „Eurosklerose“. Gemeint war damit eine Verlangsamung des Integrationsprozesses. Die Rede war von einer „Technologielücke“ zwischen Europa und seinen wichtigsten Konkurrenten. Ist es heute China, in dem eine Bedrohung gesehen wird, so waren es damals die USA und Japan, von denen erwartet wurde, dass sie der EG enteilen würden.

Die Bedingungen für eine Beschleunigung der Integration waren günstig, denn die bis Ende der siebziger Jahren allgemein verfolgte keynesianische Politik des Deficit Spending zeigte sich nicht mehr in der Lage, die seit der Krise 1974/75 anhaltend hohe Arbeitslosigkeit zu vermindern, sie führte nur noch zu wachsenden Staatsschulden. Die Antwort darauf bestand in der umfassenden Revitalisierung des Kapitalismus. In der Bundesrepublik wurde sie noch in der Regierungszeit von Helmut Schmidt eingeleitet und 1982, nach dem Wechsel der FDP zur CDU/CSU, unter Helmut Kohl zum Regierungsprogramm. Bereits 1979 waren in Großbritannien die Konservativen unter Margaret Thatcher an die Macht gekommen. In den USA war der neoliberale Ronald Reagan seit 1981 Präsident. Lediglich Frankreich verfolgte zunächst noch eine andere Strategie. Unter Präsident François Mitterrand setzte 1981 die Linksregierung von Sozialisten und Kommunisten noch einmal auf eine keynesianische Politik und brachte dazu Beschäftigungsprogramme auf den Weg. Diese Maßnahmen waren aber nicht von einer entsprechenden Ordnungspolitik, von Investitionsgeboten, Kapitalverkehrskontrollen und Verpflichtungen zur Schaffung bzw. zum Erhalt von Arbeitsplätzen begleitet, und so verpufften sie denn auch hier. 1983 wechselte Mitterrand abrupt die Strategie und verfolgte seitdem ebenfalls eine Politik der unbedingten Währungsstabilität.

Die angebliche „Eurosklerose“ sollte durch mehr Wettbewerb und mehr Binnenmarkt überwunden werden. Damit sollte, zumindest auf längere Sicht, eine höhere Beschäftigungsquote erreicht werden. Doch tatsächlich führte die Wettbewerbssteigerung vor allem zu mehr Rationalisierungsinvestitionen der Unternehmen und damit zu Arbeitsplatzabbau. Auch die Anzahl der Konkurse und Unternehmensfusionen erhöhte sich deutlich.

Das Binnenmarktprojekt wurde auf dem europäischen Gipfel in Mailand am 29./30. Juni 1985 auf den Weg gebracht. Dort stimmten die Regierungschefs der Mitgliedsländer den Empfehlungen des Weißbuchs der Kommission Vollendung des Binnenmarkts zu. Man ging dabei davon aus, dass der bereits in den Römischen Verträgen vorgesehene schrankenlose Wettbewerb deshalb nicht zustande gekommen war, weil sich die Mitgliedstaaten mit Hilfe unzähliger nichttarifärer Handelshemmnisse gegen den Import von Waren und Dienstleistungen aus anderen EG-Staaten abzuschirmen wussten. Und diese Hemmnisse konnten bisher nur durch Harmonisierungsentscheidungen auf EG-Ebene überwunden werden, was in der Regel einstimmige Beschlüsse im Rat verlangte, ein immer wieder aufs Neue komplizierter und langwieriger Prozess. Nach Ansicht der Kommission war „eine Strategie, die gänzlich auf der Harmonisierung aufbaut, zu viel reglementieren würde, zu zeitraubend und unflexibel“, sie könnte „Innovationen ersticken“.[16]

Im Weißbuch wurde daher eine völlig andere Strategie vorgeschlagen: War bisher die europaweite Vereinheitlichung der Rechtsvorschriften Voraussetzung dafür, dass eine bestimmte Ware oder Dienstleitung ungehindert auf dem Binnenmarkt gehandelt bzw. angeboten werden konnte, so sollten künftig nicht mehr vorab „überall die gleichen Regeln gelten müssen“. Waren und Dienstleitungen sollten vielmehr schon dann auf den Binnenmarkt  kommen können, wenn sie lediglich im Herstellungs- bzw. Ursprungsland zugelassen bzw. genehmigt waren.

Das Prinzip des Diskriminierungsverbots eines in einem Mitgliedstaat rechtmäßig hergestellten Produkts sollte von nun an generell gelten. Da nicht länger ein aktives Handeln, ein „positiver Harmonisierungsakt“ zur Zulassung einer Ware oder Dienstleistung in anderen Mitgliedsländern notwendig war, nannte man dieses Vorgehen auch „negative Integration“. An die Stelle eines Binnenmarkts auf der Grundlage gemeinsam vereinbarter Mindestnormen trat ein liberaler, ungeregelter Markt des laissez faire.

In Stufen zur gemeinsamen Währung

Nach dem in 1992 in Maastricht unterzeichneten Fahrplan für die Wirtschafts- und Währungsunion war vorgesehen, diese bis 1999 in drei Stufen zu verwirklichen. Es hätte daher ausreichend Zeit und Möglichkeiten gegeben, das Für und Wider einer gemeinsamen Währung zu prüfen und das gewagte Unternehmen zu verschieben oder abzusagen. Warner gab es genug – von rechts wie von links. Doch die Probleme wurden ignoriert. So wurde nicht untersucht, ob die WWU überhaupt ein optimaler Währungsraum sein könne. Da in einer Währungsunion nationale Währungen nicht mehr existieren, kann auch das Instrument ihrer Auf- und Abwertungen nicht mehr genutzt werden, um so Veränderungen in der Konkurrenzfähigkeit der Volkswirtschaften abzufedern. Im Konkurrenzkampf unterlegene Euroländer sind daher gezwungen, eine „innere Abwertung“ vorzunehmen, was vor allem Druck auf die Löhne heißt: „Im Falle von Wettbewerbsungleichgewichten zwischen den beteiligten Staaten werden nach dem Fortfall des Wechselkursinstruments die Lohnkosten zur ausschließlichen Anpassungsvariablen; die zweite mögliche Anpassungsvariable in Gestalt eines Finanzausgleichsmechanismus steht nicht zur Verfügung.“[17]

Und so konnte ziemlich genau vorausgesagt werden, was passieren würde, sollte am vorgesehenen Zeitplan festgehalten werden: Die vorzeitige Verwirklichung einer einheitlichen europäischen Geld- und Währungspolitik würde die realwirtschaftlichen und machtpolitischen Divergenzen in der EU lediglich verdecken. Um sie stattdessen auszugleichen, wären nicht allein die Weichwährungsländer zur Stabilitätspolitik zu verpflichten; die Hartwährungsländer, insbesondere die Bundesrepublik, müssten zu diesem Zweck einen Ausgleich ihrer Handels- und Leistungsbilanzen anstreben. Den enormen Überschüssen des deutschen Exportweltmeisters versuchen die schwächeren Länder durch Abwertungskonkurrenz, größere Staatsverschuldung u. ä. gegenzusteuern, um die Arbeitslosigkeit im eigenen Land aufzuhalten. Dabei vertieft sich die Divergenz, statt Konvergenz zu fördern. Die Warner fanden aber kein Gehör. Im Europäischen Rat in Dublin am 13./14. Dezember 1996 war man sich einig darüber, die WWU am 1. Januar 1999 beginnen zu lassen.

Die gegenwärtige Krise um Griechenland ist die heute sichtbarste Konsequenz dieses Vorgehens: Das Land ist zur Finanzierung seiner Staatsschulden vollkommen auf die EU und den Internationalen Währungsfond (IWF) angewiesen, und es hat damit entscheidende Souveränitätsrechte verloren. Die ihm auferlegte Politik der „inneren Abwertung“ führt zu einem Rückgang bzw. Stagnieren der Wirtschaftsleistung in der Folge weiterer Konkursen und wachsender Arbeitslosigkeit.

Als Voraussetzung für eine Währungsunion wurde immer wieder die Schaffung einer politischen Union genannt, ohne dass jedoch genau definiert wurde, was darunter zu verstehen sei. Fortschritte auf dem Weg zu dieser politischen Union sollte die Regierungskonferenz zur Revision des Vertrags von Maastricht bringen, die Ende März 1996 eröffnet und im Juni 1997 mit der Vorlage des Entwurfs für eine weitere Vertragsrevision, für den späteren Vertrag von Amsterdam, beendet wurde. Die dabei angestrebte Reform der europäischen Institutionen und Entscheidungsverfahren, und hier vor allem des Abstimmungsmodus im Rat, konnte allerdings nicht erreicht werden. So war denn die EU auf dem Weg zur politischen Union keinen Schritt vorangekommen. Auch der Versuch mit Hilfe eines „Europäischen Verfassungsvertrags“ sich dem Ziel der politischen Union zu nähern scheiterte. Der Verfassungsvertrag wurde im Sommer 2005 in Volksabstimmungen erst in Frankreich und dann in den Niederlanden abglehnt.[18]

Die EU als neues Phänomen

Trotz der jüngsten Rückschläge und Krisen – zu nennen ist hier die weiterhin ungelöste Schuldenkrise Griechenlands, die Entscheidung der Bürger Großbritanniens vom 23. Juni 2016, die Europäische Union zu verlassen sowie das offenkundige Versagen der EU in der Flüchtlingskrise – ist der von der Europäischen Union erreichte Integrationsgrad weiterhin bemerkenswert. Er ist nicht mit dem anderer ökonomischer Staatenbündnisse vergleichbar, sei es das North American Free Trade Agreement (NAFTA), die Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) oder die Asia-Pacific Economic Cooperation (APEC). Anders als diese lediglich losen Zusammenschlüsse gründet sich die EU auf ein umfangreiches Vertragssystem und auf feste Institutionen. Der in gut 60 Jahren angewachsene Bestand gemeinsamer Rechtsakte, der Aquis communautaire, umfasst neben den Verträgen Tausende Richtlinien, Verordnungen und Beschlüsse. Die EU verfügt über einen eigenen Haushalt, sie hat einen Gerichtshof, einen Rechnungshof, eine Zentralbank und eine gemeinsame Währung, die in 19 ihrer 28 Mitgliedsländer Zahlungsmittel ist. Es gibt das Europäische Parlament, welches allerdings aufgrund fehlender eigener Rechte kein echtes Parlament ist. Durch umfangreiche Kompetenzübertragungen auf die europäische Ebene kommt der nationalen Gesetzgebung oft nur noch die Aufgabe zu, dort getroffene Entscheidungen umzusetzen, wenn auch der Umfang europäischer Vorgaben oft überschätzt wird.[19] Im Zuge der Integration haben sich die Rechtsschutzsysteme der Mitgliedsländer verändert. Das Prinzip der unmittelbaren Wirkung des EU-Rechts verpflichtet die nationalen Gerichte Rechtsnormen anzuwenden, die außerhalb und möglicherweise sogar gegen den Willen des Staates zustande gekommen sind. Die EU stellt demzufolge mit dieser erreichten Integration ein neues Phänomen dar.

Die EU ist Ausdruck der objektiven Vergesellschaftung der Ökonomie im Sinne einer immer arbeitsteiligeren und immer größere Räume umfassenden Produktion und Konsumtion: „Die Größenordnung der Kapitale und der für sie erforderlichen Aufwendungen, die betriebliche wie die weltwirtschaftliche Vergesellschaftung der Produktion erreichten Ausmaße, die unter den Bedingungen des bisherigen Kapitalismus, des sogenannten klassischen Konkurrenz-Kapitalismus, nicht mehr existieren konnten; die aus der ‚klassischen‘ Entwicklung des Kapitals hervorgegangene Form der kapitalistischen Produktionsverhältnisse wurde zur Fessel und musste gesprengt werden. Und sie wurde gesprengt.“[20] Dieser Prozess wird auch als Globalisierung der kapitalistischen Produktion bezeichnet. Dabei ist die Globalisierung sowohl Ergebnis wie Antrieb der Entwicklung: „Außenhandel, Kapitalexport und Ausdehnung des Wirtschaftsraumes wirken also unmittelbar auf die Verwertungsbedingungen des Kapitals ein. Sie sind Resultat wie Triebkraft der Entfaltung der inneren Widersprüche des Kapitalverhältnisses in seiner historischen Bewegung. (…) In der Internationalisierung kapitalistischer Produktionsverhältnisse setzt sich somit die Verwertung des Kapitals als der ‚treibende Faktor‘ der kapitalistischen Produktionsweise durch.“[21]

Da aber die EU als regionale Form dieser Internationalisierung von imperialistischen Staaten getragen wird, sind der Vergesellschaftung Grenzen gesetzt. So sind auch nach fast 60 Jahren europäischer Integration die Kernbereiche nationaler Souveränität, die Außen- und Sicherheitspolitik der Mitgliedsländer, noch weitgehend intakt. Auch beim Erhalt anderer zentraler Bestandteile staatlicher Autorität, etwa in der Innen- und Rechtspolitik, der Steuer-, Finanz- und Haushaltspolitik, konnten sich die Staaten behaupten. Überall hier stößt die Vergemeinschaftung an Grenzen, weil die Mitgliedsländer in ihrem Wettstreit untereinander nicht auf diese Kernbereiche ihrer Staatlichkeit verzichten können.

Im Unterschied zum Zeitalter der Herausbildung der modernen europäischen Nationen im 18. und 19. Jahrhundert entsteht daher mit der EU kein neuer Staat. Wir sind nicht auf dem Weg zur Supermacht bzw. zur Weltmacht Europa. Es gibt auch keinen Eurokapitalismus wie gelegentlich angenommen wird, denn es fehlt weiterhin an der entscheidenden Grundlage für eine solch neue Qualität, an einer übergreifenden europäischen kapitalistischen Klasse.

 


[1] Der folgende Text beruht auf dem Buch von Andreas Wehr, Die Europäische Union, 2. aktualisierte und erweiterte Auflage, Köln 2015

[2]  Opitz, Reinhard (Hrsg.), Europastrategien des deutschen Kapitals 1900-1945, Köln 1977, S. 33

[3]  Ebenda

[4]  Opitz 1977., S. 34

[5]  Opitz, 1977, S. 36

[6]  So fordert der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel, dass „die Eliten ihre Verantwortung wahrnehmen und entschiedener als bisher für Europa als Hoffnungsprojekt werben.“ (…) „In 30 oder 40 Jahren werden weder Deutschland noch Frankreich allein eine nennenswerte politische oder wirtschaftliche Rolle spielen können – im Vergleich zu den großen politischen und ökonomischen Regionen der Welt wie USA, China oder Indien. Nur Europa als Ganzes hat eine Chance im globalen Wettbewerb von Ideen und Werten, von Politik und Wirtschaft.“, Gabriel, 2011

[7]  Am 19. August 1989 wurde an der österreichisch-ungarischen Grenze ein „Paneuropäisches Picknick“ veranstaltet, von wo eine sogenannte „Friedensdemonstration“ an den Grenzzaun geführt wurde. Die Generalsekretärin der internationalen Paneuropa-Union, Walburga Habsburg Douglas, legte selbst bei der Durchschneidung des Stacheldrahts Hand an. Die kurzzeitige Öffnung der Grenze nutzten etwa 600 bis 700 DDR-Bürger zur Flucht. Es war der Beginn eines immer breiter werdenden Flüchtlingsstroms.

[8]  Abelshauser, Werner, Deutsche Wirtschaftsgeschichte. Von 1945 bis zur Gegenwart. Zweite. Überarbeitete Auflage, München 2011, S. 245

[9]  Canfora, Luciano, Zeitenwende 1956, Entstalinisierung, Suez-Krise, Ungarn-Aufstand, Köln 2012, S. 95

[10] Abelshauser, 2011, S. 256

[11] Canfora, 2012, S. 9

[12] Protokoll (Auszug) vom 21.12.1956 der 164. Kabinettsitzung; BA MA, BW 1/48957, Band 2, S. 388f (geheim), hier zitiert nach Abelshauser, 2011, S. 249

[13] Abelshauser, 2011, S. 252

[14] Loth, Wilfried, Der Weg nach Rom-Entstehung und Bedeutung der Römischen Verträge, in: Integration 1/2007, S. 42

[15] Vgl. Vertrag zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (1957), in: Bundesgesetzblatt 1957, Bd. II, S. 770ff

[16] Vgl. Vollendung des Binnenmarktes, Weißbuch der Kommission, KOM (85) 310 endg. vom 14.06.1985, S. 18, Tz.64

[17]Busch, Klaus, Nicht reif für eine gemeinsame Währung. Die Europäische Währungsunion und die Gefahr eines Lohn- und Preisdumpings, in: Joachim Schuster/Klaus-Peter Weimar (Hrsg.), Maastricht neu verhandeln, Köln 1996, S. 61

[18] Wesentliche Teile des abgelehnten Verfassungsvertrags wurden dann aber später als Lissaboner Vertrag europäisches Vertragsrecht.

[19]Oft wird behauptet, dass mittlerweile 80 Prozent der nationalen Gesetzgebung auf europäisches Recht zurückgingen. Nach einer Statistik der Bundestagsverwaltung sind es tatsächlich aber nur 31,5 Prozent, also weniger als ein Drittel. Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 03.09.2009 und vom 24.04.2008

[20]Gudopp, Wolf-Dieter, Das Maß der Epoche, in: Wissenschaft & Sozialismus, 1& 2, Frankfurt a.M.1995, S. 20

[21]Deppe, Frank (Hrsg.), Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Zur politischen Ökonomie der westeuropäischen Integration, Reinbeck bei Hamburg 1975, S. 276

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Quelle: Andreas Wehr

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