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Verrückt geworden

Ronald M. Schernikau: Rede auf dem Kongress der Schriftsteller der DDR vom 1. bis 3. März 1990

Meine Damen und Herren,

der Eine weiß das Eine und der Andere das Andere. Ich bin Ronald M. Schernikau, ich komme aus Westberlin, ich bin seit 1. September 1989 DDR-Bürger, ich habe drei Bücher veröffentlicht und ich bin Kommunist.

Die Dummheit der Kommunisten halte ich für kein Argument gegen den Kommunismus. Honeckers Versuch, ein guter König zu sein, so klein und mickrig er auch ausfiel, er war der Versuch zu Konsens. Das Faszinierende an dem Terror der Geistlosigkeit unter Honecker war für mich immer das deutliche Gefühl: Wenn die dürften, wie die wollten, wäre das die Versammlung der Klügsten. Nein, mehr: Es ist, durch den Terror hindurch, schon jetzt diese Versammlung.

Weshalb wollte die DDR nicht, dass man sie lobt? Das werde ich niemals verstehen. In den Westbüchern der Dissidenten las ich immer nur das ungeheure Lied auf die Zukunft. Ich verneige mich vor ihnen allen, und es gibt gegen ihre Erfahrung kein Aber. Aber da war dieser Konsens. Ich vermute, Sie alle haben diesen Konsens unterschätzt. Er war es, von dem Sie lebten. Er hat Ihre Reden so kunstvoll gemacht, Ihre Kinderbücher so lustig, Ihren Blankvers so spannend. Die BRD hat in ihren vierzig Jahren keinen einzigen Blankvers hervorgebracht, keinen einzigen. – Verteidigt werden müssen nicht mehr Sätze, verteidigt werden muss die Fähigkeit zu Blankvers. Es gibt keinen Blankvers ohne Konsens. Warum haben alle mitgemacht? Weil Sozialismus war.

Wer sich von der Fantasielosigkeit seiner Lehrer beeindrucken lässt, ist selber schuld. Wenn die Dummheit der Kommunisten die Leute zu Antikommunisten gemacht hat: dann war sie deren furchtbarster Fehler. Die Theaterstücke der letzten Phase der DDR beruhten immer darauf, dass der Feind, von dem alle sprachen, ausblieb. Die Kinder kannten den Feind nur als Entschuldigung für das Versagen des Königs. Schließlich glaubten sie nicht mehr an ihn, und die Schauspieler innen mussten am Schluss auf dem Tisch tanzen. Das war die Antwort: Wenn es keinen guten König gibt, dann wollen wir eben einen schlechten. Weil an allem immer nur der Feind schuld gewesen sein sollte, vergaßen sie, dass er an ihrer Grenze stand, und holten ihn schließlich ins Land.

Die Erkenntnis, dass es den Feind wirklich gibt, wird ohne die Zerstörung des Landes nicht mehr zu haben sein. Der Westen hat, und das ist ein so alter Trick, die Moral eingeführt, um über Politik nicht reden zu müssen. Moral, weil sie unter allen möglichen Standpunkten ausgerechnet den herzzerreißenden wählt, macht sich selber handlungsunfähig; deshalb ist sie so beliebt. Einen Vorgang moralisieren heißt, ihm seinen Inhalt nehmen.

Das ist mit Erich Honecker geschehen. Mühsam verkneifen sich die Westzeitungen ein Grinsen, wenn sie die piefigen Sofas von Wandlitz präsentieren. Der Sieg hatte stattgefunden, als die DDR-Zeitungen das Ende der Privilegienherrschaft forderten. Was konnte schon an ihre Stelle treten? Brav forderten die Mitarbeiter der Verlage die Demokratie im Betrieb plus Beteiligung von Westkonzernen. War die Staatsbürgerkunde wirklich so schlecht?

Der Sieg des Feindes versetzt mich nicht in Traurigkeit, eine Niederlage ist eine Niederlage, das sind Angelegenheiten bloß eines Jahrhunderts. Was mich verblüfft, ist die vollkommene Wehrlosigkeit, mit der dem Westen Einlass gewährt wird, das einverständige, ganz selbstverständliche Zurückweichen, die Selbstvernichtung der Kommunisten. Ich habe jeglichen Glauben verloren!, das heißt: Ich bin bereit, mich dem Westen vollkommen zu überlassen. Kaum ist Honecker gestürzt, da lösen die Universitäten den Marxismus auf, da wirbt die DEWAG für David Bowie (immerhin), da druckt die „FF dabei“ Horoskope und die Schriftsteller gründen Beratungsstellen für ihre Leser oder gleich eine SPD. Wo haben sie ihre Geschichtsbücher gelassen? Die Kommunisten verschenken ihre Verlage, die ungarische Regierung richtet in ihrem Land einen Radiosender der CIA ein, und der Schriftstellerverband der DDR protestiert gegen die Subventionen, die er vom Staat erhält. Sie sind allesamt verrückt geworden.

Die DDR hat den Beweis erbracht, dass Zeitungsredakteure, wenn man sie nur lässt, nicht klügere Zeitungen machen, sondern dümmere. Früher stand in den Zeitungen gar nichts, heute steht das Falsche drin: Die Welt handelt absurd, wenn sie uns vor solch furchtbare Wahl stellt, aber wenn ich es muss, wähle ich den ersten Zustand. Die DDR hat sich wehrlos gemacht, systematisch, mit offenen Augen. Endlich können wir auch die Erfahrungen der Linken im Westen verwerten! Das heißt: Wir werden sie bitter nötig haben. Wer die Gewerkschaft fordert, wird den Unternehmerverband kriegen. Wer den Videorekorder will, wird die Videofilme kriegen. Wer die Buntheit des Westens will, wird die Verzweiflung des Westens kriegen. Wer Bananen essen will, muss Neger verhungern lassen. Wer die Spaltung Europas überwinden will, muss den Westen siegen lassen.

Meine Damen und Herren,

Sie wissen noch nichts von dem Maß an Unterwerfung, die der Westen jedem einzelnen seiner Bewohner abverlangt. Was Sie vorerst begriffen haben: Der Westen ist stark. Sie haben, statt das gute Geschäft Ihrer schlechten Regierung zu fördern, die Feinde der Regierung ins Land geholt. Sie haben sich einen Kulturminister geben lassen, der schon ein paar grünen Jungs vom „Spiegel“ gegenüber vollkommen hilflos ist, eine widerliche Niederlage. Die Strategie des Zurückrollens ist aufgegangen. Der Westen hat gesiegt.

Er hat gesiegt, weil seine Herrschaftsformen sozialdemokratisch geworden sind. Die spätkapitalistische Ökonomie braucht für ihre Existenz keine Rechtfertigung mehr. Ihre Mechanismen setzen sich durch, ob wir wollen oder nicht. Wie anachronistisch wirkt ein Zentralkomitee gegen die Weltbank, wie einzig sinnvoll aber auch. Schalck-Golodkowski war der letzte Internationalist, sein Ende ist das Ende der Parteibüros im Westen, das Ende der kommunistischen Verlage dort, das Ende des Ortes, an dem ich früher mich befand.

Dies ist ein Schmerz, vor dem kalt zu bleiben Sie ein gewisses Recht besitzen; ich will Sie nur auf ihn aufmerksam machen. Es hat Westberliner Kreisvorsitzende gegeben, die sich weigerten, ihre Büros zu räumen, die kurz vorm Barrikadenbau standen. Die Dummheit der Führung nach Honecker hat uns eine Zeit beschert, in der wieder negiert werden darf. In den Westberliner Buchhandlungen treffen einander die Verräter. Ach du hier. Ach du hier. Für immer? Ja. Du auch? Für immer? Ja. Dann lassen sie verlegen voneinander ab, blättern kurz in einem Buch und verschwinden schnell.

Wir werden uns wieder mit den ganz unintressanten Fragen auseinanderzusetzen haben, etwa: Wie kommt die Scheiße in die Köpfe? Die Künstler werden alleine sein, langsam begreifen sie es. Das Einzige, das mich intressiert bei der Arbeit, ist: Etwas loben können. Ich hasse Negation.

Am 9.  November 1989 hat in Deutschland die Konterrevolution gesiegt. Ich glaube nicht, dass man ohne diese Erkenntnis in der Zukunft wird Bücher schreiben können.

Vielen Dank.

UZ, Zeitung der DKP, Nr. 40/2015

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Protestveranstaltung des Ostdeutschen Kuratoriums von Verbänden e. V.

am 3. Oktober

Programm:

Sprechen werden:

Prof. Dr. Karl Döring, ehem. Generaldirektor des VEB

Bandstahlkombinat »Hermann Matern« Eisenhüttenstadt und späterer

Vorstandsvorsitzender der EKO Stahl AG;

Klaus Eichler, Sport und Gesellschaft e. V.;

Dr. Peter Michel (per Video), Kunstwissenschaftler und Sprecher des

Arbeitskreises Kultur in der GBM e. V.

 

Es wirken mit:

Renate Richter-Wekwerth, Schauspielerin;

Günter Herlt, Autor beim Eulenspiegel-Verlag;

Agitprop Hannover

Mit einer Leinwand-Präsentation wird optisch und musikalisch eindrucksvoll durch das

Programm geführt.

»25 Jahre danach – Das Erbe der DDR lebt fort«

Die Veranstaltung findet statt am Sonnabend, 3. Oktober 2015 von 10–12 Uhr in

der UCI-Kinowelt, Landsberger Allee 52, 10249 Berlin-Friedrichshain.

Zu erreichen mit den Straßenbahnlinien 5, 6 und 8 bis »Klinikum im

Friedrichshain«.

Kostenloses Parken im Parkhaus der UCI-Kinowelt möglich.

Karten für diese Veranstaltung können ab sofort telefonisch oder schriftlich bestellt oder persönlich in den unten stehenden

Geschäftsstellen gekauft werden.

Kostenbeitrag: 5,- Euro

Bestellung und Verkauf über die Geschäftsstellen von:

OKV e. V. – Dienstags, 10–12 Uhr, Franz-Mehring-Platz 1 (nd-Gebäude), 10234 Berlin, Raum 630, Bestellung nur über E-Mail:

info@okv-ev.de oder redaktion@okv-ev.de;

GBM e. V. – Montag bis Donnerstag, 9–16 Uhr, Weitlingstraße 89, 10317 Berlin, Tel.: 030/5578397, Fax: 030/5556355, E-Mail:

gbmev@t-online.de;

GRH e. V. – Dienstag und Donnerstag, 9–16 Uhr, Franz-Mehring-Platz 1 (nd-Gebäude), 10234 Berlin, Raum 342, Tel.:

030/29784225, verein@grh-ev.org;

ISOR e. V. – Dienstag und Donnerstag, 9–16 Uhr, Franz-Mehring-Platz 1 (nd-Gebäude), 10234 Berlin, Raum 318,Tel.: 030/29784315,

ISOR-Berlin@t-online.de

Gleichfalls Vorverkauf und am Tag der Veranstaltung in der UCI-Kinowelt, Landsberger Allee 52, 10249 Berlin-Friedrichshain

Unterstützen Sie unsere Veranstaltung bitte mit einer Geldspende unter »Protest 3.10.15«

Bankverbindung: IBAN DE30100205000003359600, BIC: BFSWDE33BER; Bank für Sozialwirtschaft

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Der II. Weltkrieg in Asien

In der geschichtlichen Erinnerung an den II. Weltkrieg nimmt der Krieg in Asien einen geringen Platz ein – einen geringeren, als ihm in der Realität zukam. Rolf Berthold gibt einen Überblick:

Der antijapanische Widerstandskrieg des chinesischen Volkes und seine Rolle im II. Weltkrieg

Von Rolf Berthold, Berlin

Mitteilungen der Kommunistischen Plattform in der Linkspartei

Der 3. September 2015 nimmt einen bedeutenden Platz in der Geschichte der Volksrepublik China ein. Es ist der 70. Jahrestag des Sieges im Widerstandskrieg des chinesischen Volkes gegen die japanische Aggression. Die große Militärparade am 3. September in Beijing zeugt von der Bedeutung, die diesem Tag zugemessen wird. Am 2. September 1945 unterzeichnete der japanische Vertreter auf dem USA-Schlachtschiff »Missouri« die Kapitulationsurkunde, nachdem der japanische Kaiser am 15. August die Kapitulation erklärt hatte. Der II. Weltkrieg in Asien, der damit sein Ende fand, war verheerend. Es ist wohl nicht angemessen, den Versuch zu unternehmen, einzuschätzen, wo er schlimmer wütete. Allein das chinesische Volk erbrachte 35 Millionen Opfer (eine Zahl, die in der deutschen Geschichtsschreibung über den II. Weltkrieg nicht auftaucht), auch die Opfer in den anderen Ländern Asiens sind nur in Millionen zu zählen. In zahlreichen Publikationen wird der II. Weltkrieg in Asien ausgeblendet; wenn er behandelt wird, wird der Widerstandskrieg des chinesischen Volkes nicht erwähnt. Der antijapanische Widerstandskrieg des chinesischen Volkes war ein wichtiger Bestandteil des antifaschistischen Weltkrieges.

Nach dem Sieg über die japanischen Aggressoren hat sich die politische Landschaft in Asien markant verändert. Auch deshalb ermahnt die VR China Japan deutlich, den Versuch zu unterlassen, die Ergebnisse des II. Weltkrieges in Frage zu stellen. Die Verfassung verbietet es Japan, Streitkräfte zu bilden, die nicht ausschließlich zur nationalen Verteidigung eingesetzt werden sollen. Das gilt bis heute, obwohl bei dem Besuch von Kanzlerin Merkel Anfang dieses Jahres in Japan davon gesprochen wurde, dass japanische Streitkräfte sich doch auch außerhalb Japans »beteiligen« sollten. Am 16. Juli 2015 hat das Unterhaus in Tokio beschlossen, das Verbot von Kampfeinsätzen japanischer Soldaten im Ausland abzuschaffen, eine Zustimmung durch das Oberhaus soll in Kürze erfolgen.

Der chinesisch-japanische Konflikt hat eine lange Geschichte. Der Krieg 1894/95 endete mit einem Sieg Japans. Die japanische Armee hatte die chinesische Flotte vernichtet, sie rückte auf dem chinesischen Festland in Richtung Mandschurei vor. Die chinesische Kapitulation führte zur Inbesitznahme von Taiwan und der Pescadores-Inseln durch Japan.

Der Vertrag von Versailles am Ende des I. Weltkrieges beinhaltete, dass die deutschen Kolonialgebiete und Vorrechte in China (Gebiet Jiaozhou und die Hafenstadt Qingdao, Bahnbauund Bergbaurechte in der Provinz Shandong) an Japan übergeben wurden und nicht an China, das zu den Siegermächten des I. Weltkrieges gehörte. Das führte zu einer breiten Protestbewegung in China.

Die aufgrund der ungleichen Verträge im Nordosten Chinas stationierte Kuantung-Armee Japans begann militärische Aktionen, z.B. 1928 in der Provinz Shandong. Der Beginn der Mandschurei-Krise 1931 wurde zum Ausgangspunkt der größten japanischen Expansionswelle gegen den ostasiatischen Kontinent. Ein japanischer Offizier provozierte am 18. September 1931 den Mukden-Zwischenfall. An der Südmandschurischen Eisenbahn kam es zu einer Explosion, an die sich ein Gefecht zwischen japanischen und chinesischen Truppen anschloss. Daraufhin erteilte der japanische Oberst den Befehl zum Angriff auf die chinesische Garnison von Mukden und zur Eroberung dieser Stadt. Es begann der Angriff der japanischen Truppen in Nordost-China. Innerhalb von 4 Monaten besetzten sie drei nordchinesische Provinzen.

Im Januar 1932 begannen die japanischen Seestreitkräfte offensive militärische Handlungen im Gebiet von Shanghai. Am 1. März 1932 wurde der Marionettenstaat Mandschuguo unter dem letzten chinesischen Kaiser Pu Yi gegründet. Die faktische japanische Kolonie hatte zunächst ein Territorium von 1,3 Millionen km² mit 32 Millionen Bewohnern.

KP Chinas formiert den nationalen Widerstand gegen japanischen Aggressor Während die offizielle Regierung Chinas unter Leitung von Tschiang Kaischek die japanische Aggression hinnahm, erklärte die Regierung der chinesischen Sowjetrepublik unter Führung von Mao Zedong im April 1932 Japan den Krieg.

Am 25. November 1936 wurde in Berlin der deutsch-japanischer Antikominternpakt unterschrieben. Die japanischen Aggressoren nutzten die Passivität der Guomindang-Herrscher im Widerstand gegen Japan und intensivierten ihre aggressiven Handlungen.

Im japanisch besetzten Nordosten Chinas kämpfte eine große Partisaneneinheit unter Führung der KP Chinas gegen die japanischen Okkupanten. Unter Leitung der illegalen Organisation der KP Chinas führten Beijinger Studenten am 9. Dezember 1935 eine große antijapanische Demonstration durch, die von Polizei und Truppen Tschiang Kaischeks unterdrückt wurde. Aber daraus entwickelte sich eine breite Bewegung mit der Forderung nach einer antijapanischen nationalen Einheitsfront.

Am 1. August 1935 hat die Delegation der KP Chinas bei der Kommunistischen Internationale im Namen der Provisorischen Zentralregierung der Chinesischen Sowjetrepublik und des ZK der KP Chinas den »Aufruf an alle Landsleute zum Widerstand gegen Japan und zur Rettung des Vaterlandes« veröffentlicht.

Das ZK der KP Chinas hat auf verschiedenen Kanälen der Guomindang die Auffassung wissen lassen, den Bürgerkrieg einzustellen und gemeinsam gegen Japan zu kämpfen. Am 1. September 1936 gab das ZK eine parteiinterne Weisung heraus, nach der die generelle Linie darin besteht, Tschiang Kaischek zu zwingen, Widerstand gegen Japan zu leisten. Am 12. Dezember 1936 nahmen Einheiten unter Leitung von 2 Generalen der Guomindang-Truppen in Xian Tschiang Kaischek fest, er wurde gezwungen, gemeinsam mit den Volksbefreiungsstreitkräften gegen Japan zu kämpfen.

Am 7. Juli 1937 griffen die japanischen Truppen im Südosten von Beiping (Beijing), an der Brücke Luguoqiao (Marco Polo Brücke) die chinesischen Truppen an. Ende Juli erfolgte eine Großoffensive der japanischen Truppen im Raum Beijing. Es begann der gesamtnationale Widerstandskrieg gegen Japan.

Bildung der Nationalen Einheitsfront

Im August 1937 vereinbarten die Guomindang und die KP Chinas, die Hauptkräfte der Roten Armee als 8. Feldarmee in die Nationalrevolutionäre Armee der Guomindang einzugliedern. Anschließend wurde aus den Partisaneneinheiten im Süden die Neue 4. Armee der Nationalrevolutionären Armee gebildet. Diese Truppen wurden schnell an die Front des Widerstandskrieges geführt. Am 29. September 1937 veröffentlichte die Nachrichtenagentur der Guomindang das »Manifest des ZK der KP Chinas über die Bekanntgabe der Zusammenarbeit zwischen der Guomindang und der KP Chinas«. Die Bildung der nationalen Einheitsfront im Widerstandskrieg gegen Japan wurde offiziell vollzogen.

Der von Japan lauthals verkündete Plan, China in drei Monaten zu vernichten, scheiterte. Trotzdem fielen zahlreiche Städte und wichtige Gebiete in die Hand der Aggressoren. Im November 1937 endete die Schlacht um Shanghai, am 13. Dezember 1937 besetzten die japanischen Truppen die chinesische Hauptstadt Nanjing. Sie ermordeten dort innerhalb von 6 Wochen 300.000 Bewohner und entwaffnete Soldaten. Es handelte sich um das größte Kriegsverbrechen der japanischen Truppen während des II. Weltkrieges. Die japanischen Truppen forcierten die Luftangriffe gegen die Bevölkerung und die wirtschaftlichen Zentren. Gleichzeitig verfolgten die Japaner ihr Ziel der Vernichtung Chinas auch mit Versuchen, Teile der Guomindang zur Kapitulation zu veranlassen. Im Dezember 1938 kapitulierte der pro-japanische Flügel der Guomindang unter Führung von Wang Jingwei, Vizevorsitzender der Guomindang, und bildete im März 1940 eine Marionettenzentralregierung.

Die KP Chinas orientierte vor allem auf den Partisanenkrieg hinter den japanischen Linien und die Errichtung von Stützpunkten des Widerstandes gegen Japan. Die 8. Feldarmee und die 4. Armee führten bis Oktober 1938 1.600 Gefechte gegen die japanischen und deren Marionettentruppen. Ab Winter 1938 ging die 8. Feldarmee zu Offensivoperationen gegen die japanschen Truppen über. Mitte 1940 führte die 8. Feldarmee eine große, gegen die Verkehrswege der japanischen Truppen gerichtete Vernichtungsschlacht in Nordchina. Eingesetzt waren 200.000 Soldaten, vernichtet wurden 25.000 japanische und 18.000 Marionettensoldaten. Gleichzeitig entwickelte die Neue 4. Armee den Partisanenkrieg in Zentralchina. Die japanischen Truppen sahen sich mit einem zunehmenden Volkskrieg konfrontiert. Die von der Partei geführten Truppen wuchsen bis Ende 1940 von 50.000 Mann zu Beginn der Kämpfe auf über 500.000 Mann an. Die antijapanischen Stützpunkte erreichten die Zahl von 17 mit fast 100 Millionen Bewohnern. Im Nordwesten wurden die geographischen Besonderheiten genutzt, um Kontakte zu ausländischen Freunden und Auslandschinesen zu entwickeln sowie die Verbindungen zur Kommunistischen Internationale für die Unterstützung des Widerstandskrieges zu nutzen.

USA treten in den II. Weltkrieg ein Am 7. Dezember 1941 griff Japan den US-Marinestützpunkt Pearl Harbor und gleichzeitig Besitzungen Großbritanniens und der USA im Pazifik an. Das war der Beginn des Pazifikkrieges. Der internationale Faschismus wurde zum gemeinsamen Feind der Völker der Welt. Das ZK der KPCh vertrat die Position der Schaffung einer internationalen antifaschistischen Einheitsfront. Im Januar 1942 unterzeichneten China, die USA, Großbritannien, die UdSSR und andere, insgesamt 26 Staaten, das »Manifest der Vereinten Nationen«. Damit wurde offiziell die antifaschistische Einheitsfront gebildet. Der chinesische Kriegsschauplatz wurde im antifaschistischen Weltkrieg zum Hauptkriegsschauplatz im Osten, er trug die Hauptlast des Kampfes gegen die Hauptkräfte der Landstreitkräfte Japans.

Die japanischen Faschisten versuchten, China zum Hinterland für ihren Pazifikkrieg zu machen. Sie raubten die besetzten Gebiete aus, setzten chemische und biologische Waffen ein und schufen menschenleere Gebiete. Die Verluste des chinesischen Volkes waren groß.

Am Vorabend der Vernichtung des faschistischen Deutschland und des herannahenden Sieges im chinesischen Widerstandskrieg fand vom 23. April bis 11. Juni 1945 in Yanan der VII. Parteitag der KPCh statt. Mao Zedong hielt den politischen Bericht. Die vom Parteitag beschlossene Linie besagte: »kühn die Massen mobilisieren, die Kräfte des Volkes stärken, die japanischen Aggressoren besiegen, die Bevölkerung des ganzen Landes befreien, ein neudemokratisches China errichten.«

Unterstützung der Völker der Welt für Chinas Widerstandskrieg

Im 1. Halbjahr 1945 trat der antifaschistische Weltkrieg in die Etappe des endgültigen Sieges ein. Auf dem chinesischen Kriegsschauplatz begannen die von der KP Chinas geführten Truppen die Sommeroffensive, sie zogen den Ring um die von den japanischen Truppen besetzten Orte und Linien immer enger, schrittweise wurde der Übergang vom Partisanen zum Bewegungskrieg vollzogen.

Am 6. und 9. August warfen die USA über Hiroschima und Nagasaki Atombomben ab, am 8. August erklärte die Sowjetunion Japan den Krieg. Am 9. August marschierte die sowjetische Armee in Nordost-China ein und begann einen Großangriff gegen die japanische Kuantung-Armee. Am 9. August 1945 rief Mao Zedong zur »letzten Schlacht gegen die japanischen Eindringlinge« auf. In kurzer Zeit wurden über 150 Städte befreit.

Nach der Kapitulation Japans haben sich 1.218.000 Angehörige der japanischen Armee den chinesischen Truppen ergeben. Der antijapanische Widerstandskrieg Chinas war siegreich beendet. Der antifaschistische Weltkrieg war ebenfalls siegreich beendet. Der Widerstandskrieg gegen Japan erhielt die Unterstützung der Völker der Welt und der Alliierten des antifaschistischen Weltkrieges.

Die von Japan begangenen Kriegsverbrechen bleiben unvergessen. An vorderer Stelle steht das Massaker von Nanjing. In der Mandschurei wurden japanische Forschungsstationen für biologische Waffen eingerichtet. Erreger wie die Pest wurden auf chinesische Dörfer und Städte losgelassen und töteten Tausende. Chemiewaffen wurden eingesetzt. Noch 2015 lagern über 2 Millionen Tonnen chemischer Waffen auf chinesischem Territorium (Anfang 2015 wurde mit deren Beseitigung begonnen).

Auf dem Internationalen Militärtribunal für den Fernen Osten (in Tokio, 1946-1948) wurden zahlreiche Kriegsverbrecher verurteilt. Eine Anzahl hingerichteter japanischer Kriegsverbrecher sind im Yasukuni-Schrein in Tokio bestattet. Ihre Verehrung sowie die Schulbuchaffäre (Verharmlosung japanischer Kriegsverbrechen) sind noch nicht gelöste Probleme in den bilateralen Beziehungen.

China verlangt ein klares Bekenntnis zur Geschichte, eine Entstellung der Geschichte wird als nicht akzeptabel bezeichnet. Der Sieg des chinesischen Volkes gegen die japanischen Aggressoren war gleichzeitig eine wichtige Voraussetzung für den darauf folgenden Sieg über das Tschiang-Kaischek-Regime und die Gründung der VR China am 1. Oktober 1949.

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Erklärung der DKP zum 25. Jahrestag der „deutschen Einheit“

Am 3. Oktober wird der 25. Jahrestag der „deutschen Einheit“ begangen. Die letzten 25 Jahre gelten als deutsche Erfolgsgeschichte. Doch wir sagen: Es gibt nichts zu feiern!

ddr-emblem-2Erinnern wir uns: Am 2. Oktober 1990 trat die DDR nach Artikel 23 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland bei. Dies war der Endpunkt einer Entwicklung, die von den Ereignissen im Sommer und Frühherbst 1989 über die Grenzöffnung am 9. November 1989 zu den Volkskammerwahlen am 18. März 1990 geführt hatte. Das Ende der DDR, des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden, in dem 40 Jahre lang die Macht des Kapitals beseitigt war, war Realität. Damit ver-schwand ein Land vom deutschen Boden, in dem die Arbeiterklasse und ihre Partei, die SED, im Bündnis mit anderen gesellschaftlichen Kräften 40 Jahre den Sozialismus aufgebaut hatten. Es war ein Land, das weltweit Ansehen genoß wegen seines Eintretens für Frieden, Völkerverständigung und internationale Solidarität in Zusammenarbeit mit anderen sozialistischen Ländern.

Nach der Befreiung 1945 waren die deutschen und sowjetischen Sozialisten und Kommunisten fest entschlossen, Deutschland als Ganzes zu erhalten und einen demokratischen Neubeginn und Wandel in ganz Deutschland ohne Faschisten, Kriegsgewinnler und Kapitalisten zu beginnen, und ein wirkliches neues demokratisches und friedliches Deutschland zu erbauen. So sah es auch das „Potsdamer Abkommen“ der vier Siegermächte von 1945 vor. Doch es kam anders: „Lieber das halbe Deutschland ganz, als das ganze halb“- nach dieser Adenauer-Devise wurde Deutschland gespalten.

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Weder durchweg marode noch unproduktiv – und schon gar nicht pleite

Von Dr. Klaus Blessing , UZ – Zeitung der DKP, Nr. 39/2015

In den frühen Morgenstunden des 23. August 1990 beschloss die am 18. März neu gewählte, von der CDU dominierte Volkskammer den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes. Als Beitrittstermin wird der 3. Oktober festgelegt. Der sozialistisch orientierte Staat DDR hörte auf zu existieren. Er wurde politisch, ökonomisch und juristisch in die voll entwickelte kapitalistische BRD integriert.

Das Volk der DDR wurde nie darüber befragt, ob es diesen Beitritt zur BRD wünscht. Das sei besonders denjenigen ins Stammbuch geschrieben, die lautstark über „Annexion“ schreien, wenn über 90 Prozent der Bevölkerung der Krim den Beitritt an Russland fordern. Die deutschen Ereignisse liegen nunmehr 25 Jahre zurück. Sie sind eingebettet in den gesamten Zerfall sozialistischer Staaten in Europa. Ein Viertel Jahrhundert hat dem nunmehr ungebremst agierenden Kapital gereicht, um die Welt nachhaltig zu verändern. Kriege, Hunger, Armut, Flüchtlingsströme, Umweltzerstörung überziehen den Planeten. Die Spaltung der Welt in Arm und Reich hat nie dagewesene Ausmaße erreicht. Das Finanzkapital dominiert die Politik.

In dieser Situation sehen es das Kapital und die ihm hörigen Politiker und Medien als eine ihrer vordringlichsten Aufgaben an, den vor 25 Jahren untergegangenen Sozialismus zu verleumden und zu verunglimpfen. Die DDR war in dieser Terminologie eine „Diktatur“, ein „Unrechtsstaat“, vor allem wird auch behauptet, die Wirtschaft war eine „unproduktive Mangelwirtschaft, marode und pleite.“

Die Wahrheit über die Wirtschaft der DDR

Wenn man die wirtschaftliche Entwicklung der DDR beurteilen will, muss man die Bedingungen beachten, unter denen sie stattfand. Die Folgen des zweiten Weltkrieges und die Spaltung Deutschlands trafen den Osten Deutschlands besonders hart. Er musste ohne eigene Rohstoffbasis zunächst die Schwerindustrie (Energie, Metallurgie, Chemie) entwickeln. Das kostete Konsumtion und trieb über 3 Millionen Menschen in den damals bereits durch Marshallplan aufgepäppelten Westen. Die DDR zahlte 92 Prozent der Reparationen für Gesamtdeutschland. Bremer Historiker bezifferten deren Wert im Jahre 1989 aktuell mit 727 Milliarden DM und begründeten damit berechtigte Ausgleichsforderungen der DDR an die BRD. Kohl lehnte selbst bescheidene Forderungen nach 2 Milliarden ab. Er wollte die DDR nicht erhalten, sondern einverleiben. Westliche Embargomaßnahmen und Währungsspekulationen setzten der DDR-Wirtschaft zu.

Unter diesen Bedingungen hat die DDR-Wirtschaft eine beeindruckende Entwicklung genommen: Die DDR-Wirtschaft entwickelte sich schneller als die der BRD. Im Jahre 1989 war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner gegenüber 1950 in der BRD auf das 4,3-fache, das der DDR (umgerechnet) auf das 6,2-fache gestiegen. Der Rückstand in der gesellschaftlichen Arbeitsproduktivität gegenüber der BRD wurde dadurch verringert. Zum Zeitpunkt des Anschlusses der DDR an die BRD im Jahre 1989 hatte die DDR (vergleichbar in Euro und BIP umgerechnet) einen Rückstand zur westdeutschen Arbeitsproduktivität von noch 45 Prozent. Zu Beginn des Wettbewerbs der Systeme betrug dieser 65 Prozent.

Im Ergebnis der wirtschaftlichen Entwicklung erreichte die DDR 1989 im internationalen Vergleich ein Produktivitätsniveau von 12 700 Euro je Kopf der Bevölkerung (die BRD 22 500 Euro/ Kopf). Damit lag sie annähernd gleichauf mit Großbritannien und Italien und deutlich vor Spanien, Griechenland, Portugal.

Die DDR erreichte durch die ökonomische Entwicklung ein Produktions- und Verbrauchsniveau je Einwohner, das auf vielen Gebieten dem der BRD entsprach. In der Ernährung und dem Verbrauch von Alltagsgütern lag es vielfach über dem der BRD, bei technischen Konsumgütern in Quantität und Qualität darunter.

Die DDR hatte zum Zeitpunkt ihrer Angliederung 1989 nur geringe Schulden. In kapitalistischen Ländern (NSW) war sie mit von 19,9 Mrd. Valutamark (VM) verschuldet, in sozialistischen Ländern (SW) – umgerechnet auf gleiche VM – standen Guthaben von 23,3 Mrd. VM gegenüber.1 Diese wurden von der BRD-Regierung später genutzt, um durch Erlass osteuropäische Länder zum Beitritt in die EU zu ködern.

Die DDR hatte jedoch Liquiditätsprobleme. Aber die innere Staatsverschuldung der DDR war 1989 wesentlich geringer als die der BRD. Sie betrug (umgerechnet auf Euro) annähernd 1 800 Euro je Kopf der Bevölkerung. Das waren 13 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Die BRD war bereits damals mit (umgerechnet) 8 100 Euro je Kopf der Bevölkerung verschuldet. Heute beträgt die Staatsverschuldung über 80 Prozent und 25 000 Euro pro Kopf.

Der DDR war es nicht möglich, sich wesentlich höher zu verschulden, da ein Eingriff des IWF und der Weltbank verheerende, das soziale und politische Gefüge zerstörende, Folgen gehabt hätte, wie man das heute in den hoch verschuldeten Ländern „besichtigen“ kann. Die DDR errichtete besonders in den 70er und 80er Jahren annähernd 700 große und kleinere Investitionsobjekte durch Importe aus hochentwickelten Industrieländern. Der Wert dieser Anlagen betrug über 200 Milliarden DM und ging in die „marode“ Konkursmasse der DDR ein. Im Unterschied zur heutigen Praxis des Kapitalexportes und des Erwerbs von Anteilen durch ausländische Konzerne gehörte jedoch den Kapitalisten keine einzige Mark an ihrer in die DDR exportierten Anlage. Sie gingen in das Volkseigentum der DDR über und wurden anständig mit Zins und Zinseszins bezahlt – häufig aus den Produkten der Anlagen.

Erst mit der Besitznahme des Volkseigentums durch westliche Konzerne fielen auch diese Anlagen der „maroden“ DDRWirtschaft in privatkapitalistische Hände. Die DDR-Wirtschaft war also weder durchweg marode und unproduktiv – und schon gar nicht pleite.

Wie die DDR-Wirtschaft abgewickelt wurde

Am 13.11.1989 übernahm Hans Modrow die Regierungsverantwortung. Er übernimmt keine zusammenbrechende Volkswirtschaft, sondern ein mit beherrschbaren Problemen funktionierendes Wirtschaftssystem. Jedoch auch ein Panik-Papier von Schürer, Schalck u. a., das die Zahlungsunfähigkeit der DDR prophezeite. Dem Kabinett Modrow gelingt es, den in den Monaten November 1989 bis Januar 1990 eingetretenen Produktionsrückgang zu stoppen und ab Februar wieder Zuwachsraten von monatlich um zwei Prozent zu organisieren. Angesichts der Abwanderung von über 100 000 euphorisierten Arbeitskräften in den Westen Deutschlands eine große Leistung. Sie war verbunden mit einer stabilen Versorgung. Zu keiner Zeit war eine Bank geschlossen. Im Außenhandel konnte ein Überschuss von 2,3 Milliarden Valutamark erwirtschaftet werden. Die Stabilisierung der DDR-Wirtschaft gelang ohne ein Spardiktat durch die Regierung, ohne eine Reduzierung des Lohn- und Rentenniveaus. Im Gegenteil: Die Nettogeldeinnahmen stiegen durch Rentenerhöhung, Erhöhung des Kindergeldes und Lohnerhöhungen in einigen Bereichen.

Die Lage änderte sich unter der Regierung de Maizière ab 12. April 1990. Unter dem zunehmenden Diktat westdeutscher Politik und Wirtschaft und nach Durchführung der Wirtschafts- und Währungsunion sank die Industrieproduktion im Juli um 35 Prozent. Im August fiel sie unter 50 Prozent des Niveaus von 1989. Das wurde zum Dauerzustand. Bis Ende 1991 war die DDR-Industrie im Wesentlichen „abgewickelt“ und hatte mit 35 Prozent ihres Ausgangsniveaus ihren Tiefpunkt erreicht. Über 2 Millionen Arbeitsplätze gingen verloren. 830 000 offiziell registrierte Arbeitslose waren die Folge. Über eine Million Menschen hatten die Flucht in den Westen angetreten.

Von dieser Talsohle ausgehend begann der viel gepriesene „Aufbau Ost“. Von dem Schock der Deindustrialisierung hat sich der Osten Deutschlands bis heute nicht erholt. Nach 25 Jahren erreicht die Industrieproduktion gerade so das Niveau des Endjahres „DDR“. Wirtschaftsleistung und Sozialleistungen stagnieren bei annähernd 70 Prozent Westniveau. Die Bevölkerung ist im Osten um 3 Millionen Menschen geschrumpft und überaltert.

Währungsunion und Treuhand hatten ganze Arbeit geleistet. Das Volkseigentum der DDR wurde so schnell wie möglich in Westhände verscherbelt. 85 Prozent landeten in westdeutschen Händen. Allein die Treuhand machte aus einem anvertrauten Volksvermögen von annähernd 600 Milliarden DM durch überstürzte Privatisierung, persönliche Bereicherung und kriminelle Machenschaften einen Verlust von 250 Milliarden.

Das gesamte Volksvermögen der DDR lag aber wesentlich höher. Es wird von Ökonomen in Ost und West mit annähernd 1,5 Billionen DM beziffert – vor allem Grund und Boden, Seen, Wälder eingeschlossen. Bauernland wurde in Junkerhand zurückgeführt. Westliche Politiker hatten voll erkannt, dass die Überführung von Volkseigentum in private Hände die Grundvoraussetzung war, um das sozialistische Gesellschaftssystem der DDR in ein kapitalistisches zurückzuverwandeln.

Noch heute bewegt viele Menschen in Ost und West die Frage: Warum ist der reale Sozialismus gescheitert? Es übersteigt die Möglichkeiten dieses Beitrages, darauf eine tiefgründige Antwort zu geben.2 Wenn man jedoch nicht nur die historisch bedingten Erscheinungen analysiert, sondern zu den Grundproblemen vorstößt, meine ich, folgende Schwerpunkte nennen zu müssen:

Erstens: Dem Realsozialismus lag eine unrealistische gesellschaftliche Zielstellung zugrunde: den Kapitalismus auf seinem ureigenem Gebiet überholen zu wollen, bei Konsumtion, Produktivität und Effektivität. Das Kapital verfügt jedoch über Ausbeutungsmethoden von Natur, Mensch und Entwicklungsländern, die für den Sozialismus a priori nicht zu beschreiten sind. Sozialismus schließt ein, in der produktiven Sphäre wesentliche Leistungen der sozialen, kulturellen und sozialen Betreuung, der Erholung und des Sportes, der Wohnungswirtschaft und des Feriendienstes durchzuführen, die das Kapital ausgliedert und den Marktmechanismen überlässt. Sozialismus bedeutet auch, internationale Solidarität zu üben und Entwicklungsländern zu helfen und diese nicht auszubeuten. Sozialistische Wirtschaftsführung ist deshalb an anderen Kriterien zu messen als kapitalistische Wirtschaftsführung.

Zweitens: Die Ausgestaltung des praktizierten Sozialismus in Europa erfolgte durch eine dogmatische Auslegung des Marxismus-Leninismus, die es unterband, rechtzeitig und schöpferisch auf neue gesellschaftliche Herausforderungen zu reagieren. Marxismus-Leninismus ist jedoch eine Anleitung zum Handeln und keine Religion.

Drittens: Die Führung hatte sich immer mehr vom Volk entfernt, war nicht bereit und in der Lage, das Volk wahrheitsgemäß zu informieren und in die Lösung der Probleme schöpferisch einzubeziehen.

Viertens: Die Folge war eine Unterschätzung und Unterentwicklung der sozialistischen Demokratie und der persönlichen Freiheiten, geopfert der führenden Rolle der Partei (-führung und -bürokratie). Letztlich mündeten m. E. alle Mängel in einer falschen Einschätzung der menschlichen Natur. Der Mensch wurde als Gattung „Gutmensch“ behandelt, was er sowohl an der Spitze der Gesellschaft als auch in der Breite der Gesellschaft umfassend nicht war.

Welche Schlussfolgerungen sind für heute daraus zu ziehen?

Wenn die Menschheit als Ganzes und nicht nur einige Eliten menschenwürdig leben wollen, sind einige generelle Schlussfolgerungen notwendig. Ausgangspunkt muss eine andere Beantwortung der Frage sein, wie wollen und können wir künftig leben. – 8 oder in wenigen Jahren 10 und mehr Milliarden Menschen können nicht „nach ihren Bedürfnissen“ leben. Das gibt dieser Planet nicht her – und es kann auch nicht das Menschheitsziel sein, wenn darunter vorrangig der Konsum materieller Güter verstanden wird.

Die sozialistische Gesellschaft muss andere sozialistische Ziele in den Mittelpunkt stellen und den Menschen vermitteln: Gerechte Verteilung, Arbeit für alle, Solidarität mit allen, Frieden und internationale Anerkennung anderer Kulturen. Die Abhängigkeit vom Kapital muss überwunden werden. Das erfordert zunächst, keine Abhängigkeiten vom ausländischen Kapital zu schaffen oder dieses zu beseitigen. Das Schicksal des griechischen und anderer Völker beweist nachdrücklich, mit dem Kapital kann man nicht verhandeln. Das erfordert letztendlich die Enteignung des Privatkapitals und dessen Vergesellschaftung.

Dr. Klaus Blessing ist Vizepräsident des Ostdeutschen Kuratoriums von Verbänden (OKV)

1 Vgl. Klaus Blessing/Wolfgang Kühn „Der Osten hängt am Tropf“ Verlag am Park 2011, Seite 62 ff.

2 Ausführlich und tiefgründig habe ich mich dieser Problematik und den sozialistischen Perspektiven in meinem Buch „Die sozialistische Zukunft – Kein Ende der Geschichte – eine Streitschrift“ – edition berolina – gewidmet

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Trauerfeier für Renate Münder am 16.9.2015

Rede Patrik Köbele, Parteivorsitzender der DKP

Lieber Hacki, liebe Vroni, lieber Wolfgang, liebe Verwandte, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Genossinnen und Genossen,

Renate ist tot. Die Ehefrau, die Mutter, die Kollegin, Freundin und Genossin ist nicht mehr. Es gibt in unseren politischen Zusammenhängen einen Satz, den wir oft benutzen und von dem wir heute wieder merken, wie falsch er ist. Nein nicht jeder ist ersetzbar, das ist im Allgemeinen falsch, weil er die Rolle der Persönlichkeit unterschätzt, im Allgemeinen und Konkreten falsch, weil niemand uns Renate ersetzen kann, nicht als Ehefrau, nicht als Mutter, nicht als Freundin und nicht als Genossin.

Darum ist es auch so schwer Abschied zu nehmen, einen Abschied der endgültig ist. Aber trotz aller Endgültigkeit, wird die Erinnerung an Renate weiterleben, wir werden immer wieder und überall auf Spuren stoßen, die diese Kämpferin hinterlassen hat.

Ich selbst habe Renate zuletzt beim Festival der Jugend der SDAJ, ihrer Jugendorganisation, erlebt und zwei Wochen später nahm sie noch einmal an einer Tagung des Parteivorstands unserer Partei, der DKP, dessen Mitglied Sie war, teil. Sie war von der Krankheit gezeichnet, ihr und uns war wohl klar, dass das auch so etwas wie eine Abschiedsrundreise war, ich glaube Hacki hat Sie mehrere tausend Kilometer durch die Republik gefahren. Darüber reden konnten wir nicht, Sie nicht, ich und wir nicht.

Trotzdem bin ich sicher, dass es Ihr den Abschied auch erleichtert hat. Vor allem das erfolgreiche Festival der Jugend hat ihr demonstriert, dass unser Kampf bei allen Niederlagen und Rückschlägen nicht vergebens war und ist, Revolutionäre da sind und heranwachsen, die Ihren Kampf weiterführen werden und deren Lehrerin sie war.

Keine einfache Verantwortung, aber wir haben uns ihr zu stellen.

Die Familie hat für die Trauerkarte das Gedicht „Jeder Traum“ von Louis Fürnberg gewählt. Es ist so passend für Renate, deswegen will ich es hier wiederholen:

Jeder Traum, an den ich mich verschwendet,
Jeder Kampf, da ich mich nicht geschont,
Jeder Sonnenstrahl, der mich geblendet
Alles hat am Ende sich gelohnt.

Jedes Feuer, das mein Herz gefangen,
Jede Sorge, jede sorge die mein Herz beschlich
War’s oft schwer, so ist’s ja doch gegangen.
Narben blieben, Narben blieben, doch es lohnte sich.

Unser Leben ist nicht leicht zu tragen.
Nur wer fest sein Herz in Händen hält,
Hat die Kraft, zum Leben Ja zu sagen
Und die Kraft zum Kampf, zum Kampf für eine neue Welt.

Hacki hat Renates Lebensdaten dargestellt. Sie hatte trotz Nachkriegszeit wohl eine recht behütete Kindheit, wenn man von Päule dem Nachbarsjungen absieht, der sie wohl öfters verkloppt hat. Allerdings wurde er danach wohl regelmäßig zu Hause auch verkloppt – das war es wohl doch eher nicht, was Renate politisiert hat.

Auch das Königin-Katharina-Stift, ein Mädchengymnasium in Stuttgart,  war es wohl nicht, denn das schafft es heute noch in seiner im Internet nachlesbaren Geschichtsdarstellung, die Zeit zwischen 1903, als man die „Schülerinnen wegen ihrer grünen Kleidung scherzhaft auch Laubfrösche nannte“ und 1972/73 zu überspringen, dann wurde nämlich die Koedukation eingeführt.

Es kommt also ein Zeitraum nicht vor, der 2 Weltkriege, den Faschismus, die Befreiung, die Spaltung Deutschlands, den Aufbau des Sozialismus in der DDR und die Restauration des Kapitalismus in der BRD, das Verbot der KPD in der BRD, die Sicherung der Staatsgrenze der DDR, gemeinhin als Mauerbau bezeichnet, die 68iger-Bewegung, den Koreakrieg und den Vietnamkrieg umfasst.

Es ist also zu vermuten, dass die Schulzeit von Renate, von Mitte der 50er  Jahre bis Anfang der 60iger, wenig der Vermittlung der Ursachen von Krieg und Faschismus diente. Auch, dass man 11 Jahre nach der Befreiung, die wahrscheinlich eher Kapitulation oder Niederlage hieß, die härtesten Gegner der Faschisten die Kommunisten durch ein Verbot ihrer Organisation beraubte, Tausende in die Knäste gingen, teilweise verurteilt von den gleichen Staatsanwälten und Richtern, wie im Faschismus, dürfte keine große Rolle gespielt haben.

Aber halt – eine Lehrkraft muss da aus der Reihe getanzt sein. Brecht im Unterricht zu studieren, das war mutig, vergleichbar fast nur mit der DKP-Mitgliedschaft zu Zeiten der Berufsverbote unter Willy Brandt. Brecht – ich machte immerhin 20 Jahre später als Renate das Abitur und selbst da gab es im Unterricht nur einen Vierzeiler von Brecht, der sich zur Instrumentalisierung Brechts gegen die Regierung der DDR nutzen lies, die Älteren kennen das, den Jüngeren können wir das erzählen.

Es war sicher dann auch die Zeit, die 60iger Jahre, in denen der ganze Muff, der in Personen, in reaktionären Strukturen, im Kalten Krieg, in der Unterdrückung der Kolonien des Imperialismus zum Ausdruck kam, ins Wanken geriet. Dies führte zur stürmischen, dynamischen Entwicklungen im Bewußtsein einer ganzen Generation. Diese Genaration stellte zu Recht die Fragen nach den Ursachen von Krieg und Faschismus. Und große Teile dieser Genaration erkannten damals die Zusammenhänge von Kapitalismus und Krieg und Faschismus.

Aber der Kapitalismus/Imperialismus ist nicht dumm, was seine Herrschaftsicherung angeht. Er hat Mechanismen, um seine abfallenden Kinder wieder zu integrieren. Der frühere linksradikale Juso wird Bundeskanzler, Gazprom-Botschafter und erobert zusammen mit dem früheren Sponti-Barrikadenkämpfer aus Frankfurt dem deutschen Imperialismus die Legitimität zur Führung von Angriffskriegen zurück. Sicher, Herr Schröder und Herr Fischer sind ganz üble Beispiele, aber wieviele Veteranen der 68iger haben die Seite gewechselt oder sitzen heute bestenfalls mit einem Glas Rotwein abends über ihren Erinnerungen schwelgend, wie schön doch das jugendliche Revoluzzertum gewesen war. „Weißt Du noch ….?“

Nicht aber Renate. Und vielleicht war es eben doch das Kennenlernen von Brecht. Vielleicht der Grundstock dafür, dass Renate sich zu einer Dialektikerin und zu einer ungeheuer kulturvollen Frau entwickelte. Man merkt es an der Musikauswahl, die wir heute hören. Sie war offen für die Kultur der Menschheit in ihrer geschichtlichen Entwicklung und sie liebte die Schönheit, besonders natürlich die Schönheit, die der Kultur der Ausgebeuteten und Unterdrückten entspringt. Und Dialektik und Kultur sind wohl auch die Grundvoraussetzung, um sich nicht zu arrangieren, weil sie die Voraussetzung sind, mit Kopf und Bauch für die Zukunft der Menschheit zu kämpfen, aus Liebe und Verstand.

Und Renate konnte lieben, vielleicht konnte Sie das nicht immer so zeigen, aber sie liebte Ihren Hacki, Ihre Kinder, die Familie, ihre Klasse und Ihre Genossinnen und Genossen. Nun ist das sicher nicht immer konfliktfrei. Ich glaube, Tochter und Sohn von zwei so intensiv kämpfenden Menschen wie Renate und Hacki zu sein ist auch eine Herausforderung. Im Kindesalter ist vieles spannend, in der Schule ist man etwas Exotisches, das hat manchmal Vor- und manchmal Nachteile. Schwieriger ist sicher noch die Pubertät. Meine Tochter berichtet von den traumatischen Erlebnissen, wenn Ostern frühmorgens die Zimmertür der Pubertierenden aufging und glockenhell die Eltern riefen „Hoch den Arsch zum Ostermarsch.“

Renate und ich lernten uns erst kennen und schätzen, als sie in den 90igern, nach der siegreichen Konterrevolution in den sozialistischen Ländern, die Konsequenz zog und in die DKP eintrat. Mutig und ungeheuer konsequent. Hätte sie, die sie aus einem anderen kommunistischen Hintergrund, dem Arbeiterbund, kam, doch sagen können – seht ihr, wir haben die sozialistischen Länder immer kritisiert, wir hatten doch recht. Diesem Schematismus stand aber ihre Dialektik im Weg. Unser Kennenlernen war kein einfaches. Wenige Jahre zuvor hätte es auch sein können, dass wir uns – nicht sprichwörtlich, sondern wörtlich – geprügelt hätten.

Ich glaube, ich musste lernen, genau hinzuhören, was der Inhalt der früheren Kritik Renates an den sozialistischen Ländern war, und da war doch manches, was im Nachhinein nachdenklich machte und Berechtigung hatte. Renate musste erkennen, dass vor allem die Entwicklung der Welt nach 89 beweist, dass bei allen Problemen dieser Sozialismus, der am Ende zu schwach war, trotzdem stark genug war, den Imperialismus in zentralen Fragen im Schach zu halten.

Ja, es mag einfach sein, aber trotzdem ist diese Vereinfachung richtig: Mit einem Kräfteverhältnis, wie vor 89, mit einer sozialistischen Sowjetunion, mit einer DDR hätte es den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf Jugoslawien und die dann bis heute folgenden Auslandseinsätze der Bundeswehr nicht gegeben. An die Nato-Osterweiterung, an das Zündeln von NATO, USA und EU in der Ukraine würden sich die Herrschenden, die Kriegstreiber nicht heranwagen, heute tun sie es. Die Festung EU, unter Führung des deutschen Imperialismus, an deren Grenzen oder in abgestellten LKWs Hunderte, ja Tausende verrecken, weil sie dem Frieden oder der Zukunft, die aus Ihren Heimatländern herausgepresst wird, hinterherziehen, die gäbe es auch nicht.

Sie hätte uns heute auch gesagt – ja, greift die Chance, dass in einem kurzen Zeitraum gerade viele Menschen erkannt haben, dass nicht die Flüchtlinge ihre Feinde sind, geht ran an die Massen, aber bleibt nicht stehen, nutzt diese Zeit, um so viele wie möglich gegen das nächste Aufkeimen des Rassismus zu immunisieren, indem ihr deutlich macht, es gibt Ursachen und Verursacher von Flucht. Es sind die, die an Kriegen und internationaler Ausbeutung verdienen, es sind dieselben, die von der Spaltung der Arbeiterbewegung hier durch Leiharbeit und Hartzgesetze profitieren.

Hier war Renate unerbittlich und unerbittlich war Sie darin, dass dies nur die Klasse lösen kann, die, weil sie keine Produktionsmittel besitzt, weil sie gezwungen ist ihre Arbeitskraft zu verkaufen, keine Interessen hat, die den Menschheitsinteressen entgegenstehen. Ihre Konsequenz war und sie hat sie uns immer wieder, zu Recht, ins Stammbuch geschrieben: Ran an die Arbeiterinnen und Arbeiter, die Angestellten, ran an die Arbeiterklasse.

Das klingt doch antiquiert, riecht nach 20. oder, schlimmer, 19. Jahrhundert – so riefen viele Renate zu, manche selbst in ihrer eigenen Partei.

Sie blieb nicht nur standhaft, sie hatte auch noch recht. Wer Kategorien entsorgt, ohne die die Analyse der Realität nicht mehr möglich ist, der geht in die Irre. Wer nicht mehr vom deutschen Imperialismus spricht, der glaubt plötzlich daran, dass Bundeswehreinsätze dem Frieden dienen können. Wer die Klassenanalyse zu überwinden können glaubt, der landet bei Hoffnungen, dass auf dem Verhandlungswege mit EZB, IWF und EU eine Lösung der Katastrophe für das griechische Volk erreicht werden kann. Wer das bürgerliche Parlament als mehr betrachtet als eine Institution, die dem Ausgleich unterschiedlicher Interessen unterschiedlicher Fraktionen der herrschenden Klasse und der Einbindung von Kräften, die gegen den Stachel löcken, dient, der braucht keine kommunistische Kampfpartei mehr.

Das alles war nicht Renates Ding. Für genau das Gegenteil hat sie gekämpft. In Ihrer Kreisorganisation München, in der Bezirksorganisation Südbayern, in der ganzen Partei. Dafür hat Sie die Redaktion der Zeitschrift T und P übernommen, dafür war sie tragend bei der AufDraht, dafür kämpfte Sie im Parteivorstand. Sowas bringt nicht nur Freunde, auch damit konnte sie leben, die Beulen am Helm einer Kommunistin stammen nicht alle vom Klassengegner. Was Ihr unter die Haut und an die Nieren ging, war, wenn Sie nicht beim gesprochenen Wort, bei der getanen Tat genommen wurde, sondern der getuschelte Hinweis kam, „wisst Ihr, die war früher bei den Maoisten.“

Ich möchte dem entgegen setzen:

Ich bin stolz und froh Renate kennengelernt und viele, zu wenige Jahre mit ihr zusammen gekämpft zu haben.

Ich habe von Ihr gelernt, ich hoffe Sie von mir auch ein bisschen.

Es ist hart und schwer, sich an so einer Kämpferin messen zu müssen. Sollten wir das schaffen, werden wir mit unserem Leben zufrieden sein können.

Glückauf Genossin!

 

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Ein deutscher Held

Zum 70. Geburtstag von Rainer Rupp

Von Dagmar Henn, Vineyard Saker Deutsche Version

21. September 2015

Von einer inzwischen vergangenen Episode auf einem Teilgebiet abgesehen, hat dieses Land sich stets getreulich daran gehalten, jene Menschen, die wirklich in seinem Interesse gehandelt haben, einzusperren oder zu verjagen. Im Falle von Rainer Rupp ist das nicht anders.

Auch wenn Rupp eigentlich für seine Tätigkeit für das MfS unter dem Decknamen „Topas“ das Bundesverdienstkreuz angetragen hätte werden müssen (ich gehe mal davon aus, dass er es abgelehnt hätte), statt ihn vor Gericht zu stellen und ins Gefängnis zu stecken. Immerhin, so blieb der Umgang mit ihm wie der mit der gesamten Geschichte der DDR – heuchlerisch und würdelos, von A bis Z.

Rupp war über Jahre hinweg der höchstrangige Spion im Herzen der NATO. 1983, als die USA unter Ronald Reagan die Sowjetunion zum „Reich des Bösen“ erklärten, ist die Welt um ein Haar an einem Atomkrieg vorbeigerauscht. Eine sehr eindringliche Darstellung dazu findet sich in einem Artikel auf Telepolis von 2008, „Die RYAN-Krise“. Nicht nur von russischer, selbst von US-amerikanischer Seite wird mittlerweile bestätigt, dass es die Informationen waren, die Rupp aus dem NATO-Hauptquartier weitergab, die die durch das aggressive Auftreten der USA verursachte Gefahr bannten.

Es gibt wenige Punkte, an denen ich von einem nationalen Interesse sprechen würde, das beide damalige deutsche Staaten und sämtliche darin lebenden Klassen umfasst; nicht zu Asche verbrannt worden zu sein, würde ich unter diesen wenigen Punkten weit oben auflisten.

Es ist schon bezeichnend, dass ein bundesdeutscher Staatsapparat, der so unvergleichlich erfahren im Vertuschen, Verschweigen und Zurechtlügen wirklich ungeheurer Verbrechen ist, umgekehrt aus der Geschichte einer Rettung ein Verbrechen macht. Und aus einem Helden einen Verbrecher.

Es ist eine erleichternde Übung, sich eine deutsche Geschichte ohne Angela Merkel vorzustellen. Eine deutsche Geschichte ohne Rainer Rupp gäbe es nur bis 1983. Das ist das wirkliche Gewichtsverhältnis. Und gleich, was er davor oder danach getan hat – dieser eine Moment (auch wenn es in Wirklichkeit Monate waren) reicht im Normalmaßstab zur Rechtfertigung eines gut, also nützlich verbrachten Lebens mehr als aus.

Anzuerkennen, dass ein Mitarbeiter des MfS tatsächlich im Wortsinne ein ‘Kundschafter des Friedens’ war (wie die offizielle Bezeichnung in der DDR lautete), würde die offizielle Erzählung wohl schon zu sehr in Bedrängnis bringen. Man müsste ja darüber nachdenken, ob nicht tatsächlich die Grenze zwischen den deutschen Staaten einen Beitrag zum Weltfrieden leistete. Und angesichts der Schlächtereien, die die NATO seit dem Verschwinden dieser Grenze angerichtet hat und anrichtet, wird diese Bedrängnis größer, nicht kleiner. Weshalb kaum davon auszugehen ist, dass sich der bundesdeutsche Staatsapparat einsichtig zeigt und ein Wirken im Interesse der deutschen Nation auch als solches behandelt.

Von dieser Stelle jedenfalls: alles Gute zum Geburtstag, Rainer Rupp! Wir wissen, was wir Dir zu verdanken haben.

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Auszug aus einem Manuskript von Erich Honecker aus dem Jahr 1991

Erich Honecker (1912-1994) war von 1971 bis 1989 als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED der führende Staatsmann der DDR.

Vieles haben wir aus eigener Kraft geschaffen, vieles waren wir zu leisten imstande dank auch der Hilfe der Sowjetunion. Leonid Iljitsch Breschnew (1906-1982, von 1964 bis 1982 Generalsekretär der KPdSU) hatte vollkommen recht, als er zu mir am 28. Juli 1970 in Moskau im Krankenhaus, wo er sich zu einer Operation befand, sagte: »Vergiss nie, die DDR kann ohne uns, ohne die Sowjetunion, ihre Macht und ihre Stärke, nicht existieren, ohne uns gibt es keine DDR. Die Existenz der DDR entspricht unseren Interessen, den Interessen aller sozialistischen Staaten. Sie ist das Ergebnis unseres Sieges über Hitlerdeutschland. Deutschland gibt es nicht mehr, das ist gut so. Es gibt die sozialistische DDR und die Bundesrepublik.«

Ich habe das nie vergessen.

Wer die Nachkriegsgeschichte kennt, den gemeinsamen Kampf derer, die ehrlich für die Durchführung des Potsdamer Abkommens eintraten, die um das Hineinschlittern Europas in den Kalten Krieg wissen, kennt die Entstehung und die Rolle der DDR. Sie wissen, dass diese weder »künstlich« noch »unnatürlich« (so der damalige sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse auf dem XXVIII. Parteitag der KPdSU im Juli 1990) war. Sie wurde für Jahrzehnte ein Land, in dem der Sozialismus eine Heimstätte hatte, für das Volk der DDR fühlbar und für viele Menschen in der Welt sichtbar. Ohne kritischen Fragen aus dem Wege zu gehen: Wir haben in der Tat den Sozialismus in unserer Heimat verloren. Nicht alles ist heute schon klar, aber natürlich steht die Frage im Raum: Hatte der Sozialismus Mängel, haben wir, habe ich Fehler gemacht? Ja, das haben wir, das habe ich. (…)

Im März 1990 (…) hatte ich dann detaillierter definiert, was ich für die Kardinalfehler in der Politik der SED und von mit persönlich halte:

Erstens habe ich nicht rechtzeitig, nicht umfassend und realistisch eingeschätzt, dass es bis in die Reihen der Partei Unzufriedenheit über die mangelnde innerparteiliche Demokratie, über ungenügende Offenheit über die Probleme der Wirtschaft, Versorgungsengpässe, zu den Fragen einer notwendig gewordenen tiefgreifenden Demokratisierung der Gesellschaft und anderes gab.

Zweitens muss ich aus heutiger Sicht feststellen, dass die ideologische und propagandistische Arbeit unserer Medienpolitik nicht den Ansprüchen und den Erfordernissen der Zeit entsprach.

Drittens: Für die Bürger der DDR wurde immer unverständlicher, dass die unter damaliger Sicht vorgenommenen Reiseerleichterungen (fünf bis sieben Millionen Bürger konnten jährlich in die BRD und nach Berlin (West) reisen) nicht von unnötiger Bürokratie befreit, erleichtert und erweitert wurden.Ich wiederhole: Das erklärte ich bereits im März 1990! Alles in allem hätten wir unserer guten Sache noch besser dienen können und müssen. Dabei muss man natürlich berücksichtigen, dass die Errichtung einer neuen Gesellschaft ungeheuer viele neue Fragen aufwirft und nicht alle wurden rechtzeitig und richtig in Angriff genommen. Zu spät wurde zum Beispiel im gesamten sozialistischen Lager die Herausforderung durchschaut, die uns aus der wissenschaftlich-technischen Revolution, aus der raschen Entwicklung der Hochtechnologie in einigen wenigen fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern erwuchs. Vor allem wurde in der Praxis in den meisten sozialistischen Ländern zu spät darauf reagiert.

Auch das durch Reklamefeldzüge und diverse andere Methoden verstärkte Konsumdenken fand nicht rechtzeitig unsere Aufmerksamkeit. Der verständliche Ärger über die sogenannten Mangelwaren – ich denke nur an Ersatzteile – erschwerte den Alltag, und nicht zuletzt hatte der Wunsch vor allem der jungen Generation, die Welt kennenzulernen, eine erhebliche politische Sprengkraft.

Nicht alle, aber viele dieser Probleme wären bei größerer Konsequenz lösbar gewesen. Es steht also völlig außer Frage, dass wir in den 40 Jahren keineswegs nur Erfolge erzielt haben, sondern dass sich auch große Mängel in der Arbeit zeigten. Sie haben dazu geführt, dass eine beträchtliche Anzahl von Bürgern die DDR nicht bewusst als ihr Vaterland verstand. Aber es ist auch eine der infamsten Legenden der jetzigen politischen Sieger, so zu tun, als hätten wir nur Fehler gemacht. Der totale Verriss des Sozialismus soll der totalen Vernichtung jeglicher sozialistischer Ideen dienen. Außerdem stellt sich doch die Frage, ob unsere subjektiven Versäumnisse wirklich die entscheidenden Faktoren für unsere Niederlage waren. Es ist doch offensichtlich, dass es eine Vielzahl objektiver und subjektiver Faktoren, internationaler und nationaler, historisch aufzuarbeiten gilt. Wie wäre sonst der Zusammenbruch des Sozialismus in ganz Europa einschließlich der Sowjetunion zu verstehen?

Auszug aus »Erich Honecker zu dramatischen Ereignisse«. W. Runge Verlag, Hamburg 1992, Seiten 16-18 (Neuauflage mit einem Nachwort von Wolfgang Runge) Verlag Wiljo Heinen, Berlin/Böklund 2012, 190 Seiten, 7,50 Euro, ISBN 978-3939828983)

DDR-Kabinett-Bochum

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„Lieber Urgroßvater …“

 Ein Park in Pankow trägt jetzt den Namen Jürgen Kuczynskis

Am 2. September erfuhr der Wissenschaftler, Kommunist, glühende Streiter für den Sozialismus und verdiente Antifaschist Jürgen Kuczynski fast 20 Jahre nach seinem Tode in Berlin Weißensee – Teil des Bezirks Pankow – eine öffentliche Ehrung. Nahe seiner ehemaligen Wohnung, in der er von 1950 bis zu seinem Tode lebte, erhielt durch das Bezirksamt Pankow eine Grünfläche den Namen „Jürgen-Kuczynski-Park“.

Die wissenschaftlichen Leistungen Kuczynskis auf dem Gebiet der Wirtschaftswissenschaften, im Besonderen der Wirtschaftsgeschichte, sowie seine umfänglichen Publikationen waren und sind international hoch geachtet. Eine englische Zeitung schrieb, mit seinem Tode sei einer der letzten Großen (Ökonomen, G. L.) des 20. Jahrhunderts gegangen.

Nach der Machtübergabe an die Faschisten arbeitete er illegal in Berlin. 1936 musste er auch seiner jüdischen Abstammung wegen nach Großbritannien emigrieren. Unter den deutschsprachigen Emigranten wirkte er in Abstimmung mit der Auslandsleitung der KPD und der KP Großbritanniens für ein breites Bündnis im Kampf gegen Nazideutschland. 1944 trat Kuczynski in den Dienst der US-Streitkräfte und kehrte 1945 als US-Offizier nach Deutschland zurück. Unter anderem verhaftete er als solcher – das berichtete er mit großer Genugtuung – den Vorstandsvorsitzenden von I. G. Farben, Hermann Schmitz.

In der DDR, für ihn immer das andere, vom Faschismus und der Monopolherrschaft befreite Deutschland, gehörte Kuczynski zu den bedeutendsten Wirtschaftswissenschaftlern. Der Marxsche Grundsatz „An allem ist zu zweifeln“ war seine Maxime. Immer streitbar, stieß er in Neuland vor, stellte bestehende Erkenntnisse in Frage. Niemals war er darum unumstritten.

Die Zeit war überreif für eine öffentliche Ehrung – wenigstens in seinem ehemaligen Wohnumfeld, wenn auch nicht in einem größeren Rahmen durch die Stadt Berlin. Dennoch kann man stolz sein auf das nun Erreichte. Ist es doch seit fast 25 Jahren üblich, Namen von Antifaschisten, welche sich um die DDR verdient gemacht hatten, mit bilderstürmerischem Eifer aus dem Stadtbild zu tilgen. Und ehe es zur Ehrung kam, hat es ebenfalls acht Jahre gebraucht.

Begonnen hat es 2007 mit einem von fast 1000 Bürgern unterschriebenen Antrag an die Bezirksverordnetenversammlung von Pankow. Doch dieser wurde, wie fast zu erwarten, abgelehnt. Eine kleine Gruppe ehemaliger Studenten und Schüler Kuczynskis und Antifaschisten ließ aber, unterstützt aus vielen Richtungen, nicht locker. Selbst als die BVV sich 2010 zu dem Beschluss für eine Ehrung durchrang, dies aber auf Betreiben der CDU mit der provokatorischen, natürlich inakzeptablen Forderung verband, mit der Benennung eines öffentlichen Raums eine Informationstafel aufzustellen und dort „die Verstrickung Kuczynskis in das SED-Regime“ deutlich zu machen, wurde nicht aufgegeben.

Es folgte ein beharrlicher, langwieriger Diskussionsprozesses. In dessen Ergebnis sind nun auf der am 2. September enthüllten Tafel neben den Leistungen Kuczynskis als Wissenschaftler und Antifaschist auch seine „optimistische Haltung zum sozialistischen Experiment in der DDR“ und die unterschiedliche Wirkung seiner kritischen Äußerungen hierzu benannt. Das ist wenig zu beanstanden.

Gleichzeitig wurde von der Gruppe eine breite Spendenaktion organisiert. Durch sie wurde es möglich, am im Park gelegenen FreiZeit-Haus eine Bronzetafel mit Porträt und Namenszug von Jürgen Kuzynski anzubringen. Harald Kretzschmar hat so Weisheit und Wesen des Geehrten in vielen seiner Facetten auf künstlerische und durchaus nicht verherrlichende Weise dauerhaft festgehalten.

Zu Umbenennung und Ehrung waren fast 200 Menschen erschienen, vorwiegend wissenschaftliche und politische Weggefährten sowie interessierte Bürger und eine kleine Gruppe junger Antifaschisten, Mitglieder der SDAJ und der DKP. Umbenennung und Einweihung der Tafel wurde von den Bezirksstadträten Jens-Holger Kirchner (Grüne) und Dr. Torsten Kühne (CDU) unter Anwesenheit des Pankower Bezirksbürgermeisters Matthias Köhne (SPD) vorgenommen. Ihre Reden hierzu waren durchaus freundlich konstruktiv – sieht man von der obligatorischen Nennung der „SED-Diktatur“ durch Dr. Kühne ab, für die er Buhrufe erntete.

Es war Kirchner zuzustimmen, als er die nunmehrige Ehrung eine zivilisatorische Leistung in der Bewertung der Vergangenheit nannte. Pankow ist zuletzt tatsächlich über (s)einen Schatten gesprungen.

Entgegen der Annahme Kirchners liegt er aber noch sehr schwer auch über Berlin. Denkt man nur daran, dass sich der Bezirk Treptow-Köpenick nach wie vor weigert, auch nur dem grünen Spazierweg der verdienstvollen Antifaschistin und Schriftstellerin Ruth Werner („Sonjas Rapport“), Schwester Kuczynskis, ihren Namen zu geben. Und denkt man vor allem daran, was tagaus, tagein von den Massenmedien wie auch regierungsamtlichen Stellen an primitiven Vereinfachungen und demagogischen Entstellungen über die Auseinandersetzungen zwischen „Ost und West“ und über die Rolle der DDR verbreitet wird, so ist zur Entwarnung keinerlei Anlass.

Man vertraut darauf, dass die politischen und wissenschaftlichen Akteure der Vergangenheit immer weniger in der Lage sind, sich mit ihren Erkenntnisse und dem, was sie erlebten, richtigstellend zu Wort zu melden. Und so wird den Nachgeborenen allmählich ein dem Zeitgeist willfähriges und von Oberflächlichkeiten strotzendes Geschichtsbewusstsein vermittelt. Letzteres macht eine ehrlich-kritische Auseinandersetzung mit dem Vergangenen immer schwerer.

Kuczynsky zu Ehren folgte danach eine von der Initiativgruppe organisierte und von Prof. Dr. Gretchen Binus im übervollen Saal des Frei-Zeit-Hauses moderierte kleine Veranstaltung. Als unmittelbarer wissenschaftlicher Weggefährte Kuczynskis würdigte Prof. Dr. Hermann Klenner ihn als Universalgelehrten mit großem humanistischen Anspruch und ebenso großer Arbeitsfreude. Der Schöpfer der Bronzetafel, Harald Kretzschmar, schilderte, wie gerade die eigenen Begegnungen mit Kuczynski es für ihn zur Herausforderung machten, sich dieser Persönlichkeit mit ihrer Weisheit und Ausstrahlung künstlerisch zu nähern. Aus Gotha angereist, trug Rechtsanwalt Ralph Dobrawa aus den Memoiren des Nebenklägers im Auschwitzprozess, F. K. Kaul, vor. Dessen Erinnerung schildern das klägliche Verhalten des Gerichts gegenüber Kuczynski und dessen Gutachten, das inzwischen als historisch eingeschätzt wurde, weil bis dahin (1964!) sich die Wissenschaft in der alten BRD nicht mit der Verflechtung von Interessen des faschistischen Staates und denen der Industrie beschäftigt hatte. Zwischen durch ließ Roger Reinsch Kuczynski selbst mit einer Reihe ernster wie heiterer Äußerungen und Zitate sprechen. Schließlich dankte eine Gruppe junger Antifaschisten aus Weißensee und Hohenschönhausen den Initiatoren der Ehrung für ihr langjähriges Engagement und beendete die Würdigung Kuczynskis mit den mit viel Applaus bedachten Worten:

„Lieber Urgroßvater, du hast den deutschen Faschismus erlebt, deshalb haben wir zwei Fragen an dich. … Wie können wir die Nazis und Rassisten aufhalten? – Und, lieber Urgroßvater: Wie können wir die Debatte über alternative Gesellschaftsformen erneut entfachen? Wir finden: Eines so fortschrittlichen Wissenschaftlers zu gedenken ist ein wichtiges Zeichen gegen den herrschenden Zeitgeist!“

Gudrun Langendorf

UZ, Zeitung der DKP, Nr. 37/2015

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 Die letzten Worte Salvador Allendes an das Volk Chiles


Am 11. September putschte der Armeegeneral Augusto Pinochet, unterstützt von der CIA und US-Regierung, gegen den demokratisch gewählten sozialistischen Präsidenten Chiles, Salvador Allende. Im seinem bombardierten und beschossenen Amtssitz in Santiago de Chile hielt Allende um 11 Uhr chilenischer Zeit seine letzte Rede, die von “Radio Magellan” übertragen wurde. RT Deutsch präsentiert seine Ansprache anlässlich des 42. Jahrestages in der deutschen Übersetzung.

Die Putschisten haben in den umliegenden Gebäuden der Moneda, des Amtssitzes von Allende Stellung bezogen.

Die Putschisten haben in den umliegenden Gebäuden der Moneda, des Amtssitzes von Allende Stellung bezogen.

„Es ist sicherlich das letzte Mal, dass ich mich an euch wende. Die Luftstreitkräfte haben die Sendeanlagen von Radio Portales und Radio Corporacion bombardiert. Meine Worte sind nicht von Bitternis geprägt, sondern von Enttäuschung. Sie sind auch die moralische Züchtigung derjenigen, die den Eid, den sie geleistet haben, gebrochen haben: Soldaten Chiles, amtierende Oberbefehlshaber und Admiral Merino, der sich selbst ernannt hat, der verachtungswürdige General Mendoza, der noch gestern der

Regierung seine Treue und Loyalität bezeugte und sich ebenfalls selbst zum Generaldirektor der Carabineros ernannt hat. Angesichts solcher Tatsachen kann ich den Werktätigen nur eines sagen: Ich werde nicht zurücktreten.

In eine historische Situation gestellt, werde ich meine Loyalität gegenüber der Bevölkerung mit meinem Leben bezahlen. Und ich kann euch versichern, dass ich die Gewissheit habe, dass nichts verhindern kann, dass die von uns in das edle Gewissen von Tausenden und Abertausenden Chilenen ausgebrachte Saat aufgehen wird. Sie haben die Gewalt, sie können zur Sklaverei zurückkehren, aber man kann weder durch Verbrechen noch durch Gewalt die gesellschaftlichen Prozesse aufhalten. Die Geschichte gehört uns, es sind die Völker, die sie machen.

Werktätige meines Vaterlandes! Ich möchte euch danken für die Loyalität, die ihr immer bewiesen habt, für das Vertrauen, das ihr in einen Mann gesetzt habt, der nur der Dolmetscher der großen Bestrebungen nach Gerechtigkeit war, der sich in seinen Erklärungen verpflichtet hat, die Verfassung und das Gesetz zu respektieren, und der seiner Verpflichtung treu war. Dies sind die letzten Augenblicke, in denen ich mich an euch wenden kann, damit ihr die Lehren aus den Ereignissen ziehen könnt.

Das Auslandskapital, der mit der Reaktion verbündete Imperialismus haben ein solches Klima geschaffen, dass die Streitkräfte mit ihren Traditionen brechen, mit den Traditionen, die ihnen von General Schneider gelehrt und von Kommandant Araya bekräftigt wurden. Beide wurden Opfer derselben Gesellschaftsschicht, der gleichen Leute, die heute zu Hause sitzen in Erwartung, durch Mittelsmänner die Macht zurückzuerobern, um weiterhin ihre Profite und ihre Privilegien zu verteidigen. Ich wende mich vor allem an die bescheidene Frau unserer Erde, an die Bäuerin, die an uns glaubte, an die Arbeiterin, die mehr arbeitete, an die Mutter, die unsere Fürsorge für die Kinder kannte. Ich wende mich an die Angehörigen der freien Berufe, die eine patriotische Verhaltensweise zeigten, an diejenigen, die vor einigen Tagen gegen den Aufstand kämpften, der von den Berufsvereinigungen, den Klassenvereinigungen angeführt wurde. Auch hierbei ging es darum, die Vorteile zu verteidigen, die die kapitalistische Gesellschaft einer kleinen Anzahl der Ihrigen bietet. Ich wende mich an die Jugend, an diejenigen, die gesungen haben, die ihre Freude und ihren Kampfgeist zum Ausdruck brachten. Ich wende mich an den chilenischen Mann, an den Arbeiter, an den Bauern, an den Intellektuellen, an diejenigen, die verfolgt werden, denn der Faschismus zeigt sich bereits seit vielen Stunden in unserem Land: in den Terrorattentaten, in den Sprengungen von Brücken und Eisenbahnen, in der Zerstörung von Öl- und Gasleitungen. Angesichts des Schweigens … [von Bombendetonationen übertönt] … dem sie unterworfen waren. Die Geschichte wird über sie richten.

Radio Magallanes wird sicherlich zum Schweigen gebracht werden, und der ruhige Ton meiner Stimme wird euch nicht mehr erreichen. Das macht nichts, ihr werdet sie weiter hören, ich werde immer mit euch sein, und ich werde zumindest die Erinnerung an einen würdigen Menschen hinterlassen, der loyal war hinsichtlich der Loyalität zu den Werktätigen.

Die Bevölkerung muss sich verteidigen, aber nicht opfern. Die Bevölkerung darf sich nicht unterkriegen oder vernichten lassen, sie darf sich nicht demütigen lassen.

Werktätige meines Vaterlandes! Ich glaube an Chile und sein Schicksal. Es werden andere Chilenen kommen. In diesen düsteren und bitteren Augenblicken, in denen sich der Verrat durchsetzt, sollt ihr wissen, dass sich früher oder später, sehr bald, erneut die großen Straßen auftun werden, auf denen der würdige Mensch dem Aufbau einer besseren Gesellschaft entgegengeht. Es lebe Chile! Es lebe die Bevölkerung! Es leben die Werktätigen! Das sind meine letzten Worte, und ich habe die Gewissheit, dass mein Opfer nicht vergeblich sein wird. Ich habe die Gewissheit, dass es zumindest eine moralische Lektion sein wird, die den Treuebruch, die Feigheit und den Verrat verurteilt.“

Zum Anhören:

Die letzte Rede des chilenischen Präsidenten in deutscher Übersetzung, gesprochen von Otto Mellies:

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