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Von Dr. Thomas Köhler

RotFuchs, Heft Juni 2017

Als am 28. und 29. April 1957 im Haus der DDR-Ministerien der Deutsche Turn- und Sportbund gegründet wurde, begann die Erfolgsgeschichte einer der effektivsten Sportorganisationen weltweit.

Auf den Tag genau begingen am 28. April in Berlin-Marzahn Sportler, Trainer, Übungs­leiter, Funktionäre, Kampf- und Schiedsrichter, Sportmediziner, Sportwissen­schaftler, DDR-Vertreter internationaler Sportorganisationen und Verbände, Mitarbeiter in den Sportverbänden, der Sport- und Fußballclubs, der Sportschulen und Sportstätten, Sportlehrer und die unzähligen ehrenamtlichen Helfer des Sports den 60. Jahrestag der Gründung dieser Massenorganisation. Sie vereinte 1989 rund 3,2 Millionen Mitglieder in 36 Sportarten, mehr als 10 500 Sportgemeinschaften und über 6000 Gruppen des Anglerverbands und 600 Motorsportclubs.

Der DTSB stellte sich als Mobilisierungskraft der Gesellschaft dar, die eine unüber­sehbare Schar von Breitensportlern anregte, sich sportlich zu betätigen, und jungen Talenten die Voraussetzungen für spätere Weltspitzenleistungen schuf.

Viele Gründungsmitglieder, die am Jubiläumstag unter uns weilten, können vom schweren Anfang erzählen, als sich der Sport unter geringen materiellen Bedingun­gen infolge des Krieges bescheiden auf kommunaler Ebene entwickelte. Erinnert sei an dieser Stelle an die Hilfe des sowjetischen Sports beim Aufbau und der Entwick­lung der Sportbewegung in der DDR. Die Sowjetunion und die anderen sozialistischen Länder führten einen konsequenten Kampf, damit der DDR-Sport im IOC und in den Weltsportverbänden anerkannt wurde und gleichberechtigt an Olympischen Spielen und internationalen Meisterschaften teilnehmen konnte. Nicht unerwähnt möchte ich die Bildung von Sportvereinigungen lassen, wodurch der Sport von Betrieben und Gewerkschaft hervorragend unterstützt wurde. Mitte der 70er Jahre gab das gemein­same Sportprogramm von FDGB, FDJ und DTSB wesentliche Impulse für die beschleunigte Entwicklung des Sports in der DDR.

Unvergessen bleiben die Erlebnisse Zehntausender Sportlerinnen und Sportler in Vorbereitung und Durchführung der Turn- und Sportfeste in Leipzig. Die Friedens­fahrt, insgesamt 58 mal ausgetragen, begeisterte Millionen Anhänger des Sports und verbreitete nachdrücklich mittels des Sports den Gedanken des Friedens. Und wer erinnert sich nicht an Harry Glaß und Wolfgang Behrendt, die noch vor der Gründung des DTSB die ersten olympischen Medaillen für die DDR errangen.

Bis heute bleibt unbegreiflich, daß der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs der Bundesrepublik am 14. März 1961 den DTSB als verfassungsfeindliche Organisation eingestuft hat – ein weltweit einmaliger Vorgang.

Die Erfolgsgeschichte des DTSB hatte bis zu seiner jähen Einverleibung viele Facetten, die hier weder vollständig noch umfassend dargestellt werden können.

Die Begriffe „Breitensport“, „Volkssport“, „Sport für alle“ trugen zu Recht diesen Namen, denn laut Art. 25 der Verfassung der DDR (in der Bundesrepublik ist es bis heute nicht gelungen, das Recht auf sportliche Betätigung verfassungsmäßig festzulegen) wurde jedem Bürger die Möglichkeit garantiert, Sport zu treiben. Mit der unentgeltlichen Nutzung der Sportstätten, einer Fahrpreisermäßigung von 50 bis 75 %, dem Versicherungsschutz bei Sportunfällen, dem K+S-Fonds in den Betrieben wurden optimale Voraussetzungen geschaffen – und das bei einem Mitgliedsbeitrag von 0,30 bis 1,30 Mark!

Es wäre zu einseitig, die Erfolge des Leistungssports nur an den errungenen Medaillen bei Olympischen Spielen oder internationalen Meisterschaften zu messen. Das Streben nach sportlichen Höchstleistungen war stets verbunden mit einer allsei­tigen Persönlichkeitsentwicklung. Viele unserer besten Sportler waren und sind (wie z. B. „Täve“ noch bis heute) tatsächlich Diplomaten im Trainingsanzug und Vorbild für die Jugend. Jedes sportliche Talent konnte sich unabhängig vom Geldbeutel der Eltern entwickeln. Dafür standen allein für die Trainingszentren im engen Zusammen­wirken mit nahezu 9000 Übungsleitern 1800 hauptamtliche Trainer, in der Regel mit Hochschulabschluß, zur Verfügung. In den 27 Sport- und elf Fußballclubs wurden 12 500 Sportler von 4000 Trainern betreut, die ihren Auftrag darin sahen, in einem pädagogischen und sportfachlichen Prozeß Sportler zu Höchstleistungen zu führen und sie in ihrer allseitigen, also körperlichen, geistigen und moralischen Entwicklung zu begleiten.

Zu den Erfolgsfaktoren, die nur in ihrer Komplexität zur vollen Entfaltung gelangen konnten (im Gegensatz zum heutigen deutschen Sport), zählten u. a. ein optimales Auswahl-Trainings- und Fördersystem, die Unterstützung durch den Staat, die besondere Aufmerksamkeit für den Nachwuchsleistungssport als eigentliches „Geheimnis“ des DDR-Sports, die Anwendung des Leistungsprinzips, die Aus- und Weiterbildung der Trainer, besonders an der DHfK und ihren Außenstellen, die Sportmedizin und die Sportwissenschaft.

Auch mein Leben im Sport widerspiegelt die erfolgreiche Entwicklung des DTSB. Im Gründungsjahr 1957 begann ich bei der BSG Wismut Beierfeld mit dem Schlitten­sport. Nach der erfolgreichen Teilnahme an den Olympischen Winterspielen 1964 und 1968 und dem Studium an der DHfK begleitete ich die DDR-Schlittensportler bei den Olympischen Spielen 1972 und 1976 als Verbandstrainer. Bei den Olympischen Winterspielen 1984 und 1988, bei denen ich in der Funktion als Chef de Mission tätig war, stellten die DDR-Sportler abermals unter Beweis, daß sie zu den besten Sport­nationen gehörten.

Anläßlich des 60. Gründungstages des DTSB können wir eine beeindruckende Bilanz vorweisen. Ich bin sicher, daß all diejenigen, die an dieser erfolgreichen Entwicklung mitwirkten, mit mir übereinstimmen: Wir begingen mit Recht ein würdiges Jubiläum.

* Thomas Köhler ist Olympiasieger im Rennrodeln 1964 und 1968.

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Ein leider erfolgreicher Ratgeber für brutale imperialistische Herrschaft

Von Lucas Zeise

Das Schlimmste an dieser Figur ist die Tatsache, dass er erfolgreich war. Zbigniew Brzezinski war Sicherheitsberater bei James Earl Carter, jenem Präsidenten (1977 bis 1980), der nach Richard Nixon und Gerald Ford versuchte, die USA und ihre Regierenden vom Odium des gemeinen Ganoventums zu befreien. Der „Demokrat“ Carter war der Propagandist der Menschenrechte und schmückte seine Regierung mit vorgeblichen Tugenden. Natürlich wurde die Kampagne für Menschenrechte eingesetzt, um das Prestige der Sowjetunion zu untergraben. Carter präsentierte die Show-Seite für Freedom und Democracy. Sein Sicherheitsberater Brzezinski redete Klartext, zu welchem Zweck der Schmu eingesetzt wurde.
Legendär das Foto des Mannes, wie er 1979 am Khyber-Pass einen Gewehrlauf nach Afghanistan richtet, mit der erklärten Absicht, dort den Bürgerkrieg anzufachen, um der Sowjetunion eine strategische Niederlage zu bereiten. Brzezinski ist der Erfinder der Mujaheddin, die die alte Feudalherrschaft in Afghanisten im Namen ihres verhunzten Islam mit der Waffe in der Hand wieder herstellen wollten. Rekrutiert wurde überall, das Geld kam damals schon vorwiegend aus Saudi-Arabien. Brzezinskis Erfolg beim Anstacheln einen Bürgerkrieges in Afghanistan hat dazu beigetragen, dass die Sowjetunion nicht mehr existiert.
Ein zweiter Erfolg Brzezinskis ist das Abkommen von Camp David 1978, das einen Separatfrieden Israels mit dem größten arabischen Land, Ägypten darstellte. Das Abkommen wurde unter großem publizistischen Einsatz erzielt. Die UNO und ihre Resolutionen wurden durch den Separatfrieden minimiert. Die arabische Seite war entscheidend geschwächt, der Einfluss der Sowjetunion im Nahen Osten reduziert. Die USA hatten Ägypten zu einem militärisch und wirtschaftlich abhängigen Staat gemacht.
Ein Misserfolg wenigstens geht auf Brzezinskis Konto. Es gelang ihm nicht, die bürgerliche, aber antiimperialistische Revolution im Iran im Keim zu ersticken. 1980, im letzten Jahr von Carters Amtszeit, scheiterte eine Militäroperation der USA gegen den Iran. Die Attentate gegen die Führungsschicht der jungen Republik bewirkten keinen Zusammenbruch. Das Scheitern im Iran war ein Grund, weshalb Carter das Präsidentenamt 1980 gegen Ronald Reagan, einen viel schlichteren Antikommunisten, und Brzezinski seinen Job als Sicherheitsberater verlor.
Nach 1990 dachte Brzezinski ausweislich seiner Bücher und Vorträge nur noch darüber nach, wie die USA ihr Imperium kurz- und langfristig erhalten können. Ob dabei der eurasische Kontinent und Russland erst zerlegt und dann untergeordnet werden oder aber, ob sie gegen den kommenden Rivalen China in Stellung gebracht und dabei untergeordnet werden sollen, waren dabei durchaus kenntnisreich untersuchte Fragen.
Der Imperialismusberater verstand sein ideologisches Handwerk. Er ist am 26. Mai in der Nähe von Washington gestorben.

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Keine Rundfunkräte-Republik in Deutschland

U. Gellermann
05. Juni 2017

RATIONALGALERIE

Es war im Juni 1967: Auf einem Parkplatz an der West-Berliner Krumme Straße wurde der Student Benno Ohnesorg erschossen. Die widerlichste Schlagzeile zum Mord fiel damals der „B.Z.“ aus dem Springer-Konzern ein: „Wer Terror produziert, muss Härte in Kauf nehmen.“

Das Medien-Haus Springer, bis heute eng mit den Regierenden verbunden, hatte seit Wochen Hass gegen eine beginnende Opposition in der betonierten Bundesrepublik geschürt: Protestierende galten als „Eiterbeulen“, die Unruhe wollte man „ausmerzen“.

Die TAGESSCHAU, ein würdiger Erbe der Springer-Manipulations-Maschine, blickt heute auf das Mordjahr zurück: Im Ergebnis von „schweren Ausschreitungen“ erscheint es ihr nur normal, dass ein Student „tödlich getroffen zusammenbricht“. Immerhin weiß die Redaktion noch: “Durch die Verbrennungen von Zeitungen des Springer-Verlags versuchen Demonstranten ihre Verachtung für das System zu zeigen. Auch werfen sie der Springer-Presse vor, den Tod von Benno Ohnesorg durch ihre Berichterstattung mitverschuldet zu haben.“

Die „Deutsche Welle“, damals wie heute ein Regierungslautsprecher, muss geradezu zwanghaft das erste Todesopfer brutaler deutscher Medien in den Terror-Dreck ziehen: „Der Tod des Studenten Benno Ohnesorg mündete in den RAF-Terror“. So wahrt die ehemalige „Reichs-Rundfunk-Gesellschaft“ eine stabile Kontinuität der Diffamierung. Immerhin wurden ihre Intendanten seit den 30er Jahren im Propagandaministerium des Doktor Goebbels bestimmt. Das Häppchen-Magazin FOCUS kann über den Mord an Ohnesorg nur mit dem Begriff „Verschwörungstheorien“ angereichert berichten. Da bleibt dem West-Berliner TAGESSPIEGEL nur noch, aus dem Beginn der 68er Revolte eine miese DDR-Story zu destillieren. Zwei Leichen gleichzeitig schänden sich rationeller. Offenkundig schmerzt die aktuellen Medien der erste Versuch einer Kampagne gegen deutsche Medienmacht auch 50 Jahre später immer noch sehr. Denn mit dem Slogan „Enteignet Springer“ wurde in den späten 60ern nicht nur moralische Empörung skandiert. Die frühe Front gegen die Springer-Presse warf auch die Frage nach dem Besitz an Produktionsmitteln der Manipulation auf, nach dem Besitz an der gesellschaftlichen Wahrheit.

Das Medien-Monopol des Springer-Konzerns – er besaß damals wesentliche Teile des Zeitungsmarktes – ist längst in die Hände des öffentlich-rechtlichen Rundfunks übergegangen: Dessen Radio- und TV-Programme bestimmen heute den gesellschaftlichen Diskurs. Wer nun annimmt, über seine Rundfunkgebühren oder die Staatsverträge der Sender mit den Bundesländern hätten sich die Besitzverhältnisse geändert, der irrt: Nicht der Gebührenzahler entscheidet über die Inhalte der Programme, es ist die Sender-Bürokratie, die heute, ziemlich unkontrolliert, die Meinungsmacht monopolisiert. Dass die jeweilige Regierungsmeinung auch die der Redaktionen ist, weiß eine wachsende Zahl von Konsumenten durchaus: Immerhin berichtet eine Umfrage von „infratest dimap“ im Auftrag des WDR aus dem Mai 2015, dass 42 Prozent der Bundesbürger glauben, die Politik gäbe den Medien inhaltliche Vorgaben für die Berichterstattung. Nur logisch halten deshalb 42 Prozent der Befragten die Medien für unglaubwürdig. Das ließ den öffentlich-rechtlichen Apparat nicht ruhen, bis er zu dieser beispielhaften Überschrift kam: „Vertrauen in die Medien deutlich gestiegen – und gefallen“. Man hatte die Uni Mainz so lange fragen lassen, bis dann im Januar 2017 im Ergebnis einer neuen Umfrage diese Keine-Ahnung-Schlagzeile möglich wurde.

Die Umsetzung von Medienmacht ist natürlich längst nicht mehr so offen erkennbar wie zu Springers Zeiten. Gern verweisen Medienmacher darauf, dass sowohl die eine, wie auch die andere Meinung in den Sendern zu finden ist. Über die Proportionen muss man aber in vielen Fällen nicht lange rätseln. Zum „Russlandbild in den deutschen Medien“ hatte sogar die „Bundeszentrale für Politische Bildung“, zum Beispiel während des Ukraine-Konflikts, eine Stereotypisierung inklusive grober Schwarz-Weiß-Malerei festgestellt. Um genau solche Verzeichnungen zu vermeiden, um den Zuschauern ein möglichst objektives Bild von der Wirklichkeit zu geben, sind den öffentlich-rechtlichen Redaktionen die Rundfunkräte beigegeben. Sie sollen die Einhaltung des gesetzlichen Sendeauftrags überwachen. Der ist bei der ARD der „Ausgewogenheit verpflichtet. Dazu gehören das Gebot einer fairen und unabhängigen Berichterstattung und die Verpflichtung zur Überparteilichkeit“. Und immerhin gibt es allein schon bei den dritten Programmen hunderte Räte, die als „Vertretung der Allgemeinheit“ wirken sollen. Wer die Räte untersucht, findet dann zumeist eine Zusammensetzung, die jener der Parlamente entspricht: Man kennt sich, saß schon gemeinsam in dieser oder jener Koalition und wird die gute Stimmung nicht durch Kritik verderben wollen. Eine Rundfunkräte-Republik, die im Interesse der Zuschauer wirkt, ist in Deutschland nicht sichtbar.

Damals als in Berlin erst Benno Ohnesorg ermordet und kaum ein Jahr später ein Mordaschlag auf Rudi Dutschke verübt wurde, funktionierten jene Telefonketten, die eine wachsende außerparlamentarische Opposition schon im Kampf gegen die Notstandsgesetze und den Vietnamkrieg eingerichtet hatte. Nach den Telefonaten wurde die Auslieferung der BILD-Zeitung blockiert, es brannten Hetz-Zeitungen in vielen Orten der Republik. – Zeiten ändern sich. Auch brennen TV-Geräte schlecht. Geändert hat sich nicht die Monotonie einer Medienlandschaft, die vor allem in der Begleitung von Kriegen fast nur eine Meinung kennt: Die regierungsamtliche.

Der Text der Startseite wurde von Angelika Kettelhack lektoriert.

DIE MACHT UM ACHT BEI SPUTNIK

https://soundcloud.com/sputnik-de/neues-buch-von-ulrich-gellermann-die-macht-um-acht-der-faktor-tagesschau

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Mussolini ließ die Brüder Rosselli am 9. Juni 1937 ermorden

Von Gerhard Feldbauer

Im April war der 80. Todestag von Antonio Gramscis. Es wird auch weiter immer Anlässe geben, sich des großen italienischen Theoretikers der kommunistischen Weltbewegung zu erinnern. Seine nach dem Machtantritt Mussolinis 1922 erarbeitete antifaschistische Bündniskonzeption blieb keine Theorie, sondern wurde lebendige Praxis. Zu den Antifaschisten, die sie verwirklichten, gehörten die 1899 bzw. 1900 geborenen Brüder Carlo und Nello Rosselli, Söhne einer jüdischen Familie aus Florenz, die eigentlich Sabatino hieß. Carlo hatte in Italien Politik- und Rechtswissenschaften studiert, Nello Geschichte.

Carlo Rosselli

Carlo Rosselli

( unbekannt /wikimedia.org/ gemeinfrei)

Die Ermordung des Sozialistenführers Giacomo Matteotti 1924 durch Mussolini, die die danach benannte Matteottikrise des Faschismus auslöste, war für die Brüder Anlass, sich dem antifaschistischen Widerstand anzuschließen.1927 organisierten sie mit dem späteren Vorsitzenden der Sozialistischen Partei (ISP), Sandro Pertini, während des Befreiungskrieges gegen das Besatzungsregime der Hitlerwehrmacht 1943–45 einer der beiden gleichberechtigten Befehlshaber der Partisanenarmee (der andere war Luigi Longo von der IKP, während der Verteidigung der Spanischen Republik 1937–39 als Divisionsgeneral Generalinspekteur aller Interbrigaden) und Ferrucio Parri, einem früheren Journalisten des Mailänder „Corriere dela Sera“, die Flucht des Mitbegründers und Führers der ISP Filippo Turati nach Frankreich. Dabei wurden beide verhaftet. Nello erhielt zehn Monate Gefängnis, Carlo wurde auf der Strafinsel Lipari inhaftiert, von wo aus ihm 1929 die Flucht nach Frankreich gelang.

In Paris gehörte Carlo 1930 mit den Sozialisten Gaetano Salvemini und Ciana Tarchiani zu den Gründern der antifaschistischen Widerstandsgruppe Giustizia e Libertà (Gerechtigkeit und Freiheit), die ihn zum Leiter wählte. In ihrem gleichnamigen Journal verbreitete die Gruppe in Italien die Losung „Non vinceremo in un giorno, ma vinceremo“ (wir werden nicht an einem Tag siegen, aber wir werden siegen). Ab 1932 wurde die Zeitschrift „Quaderni di Giustizia e Libertà“ herausgegeben. Die Gruppe trat für die Einheit aller antifaschistischen Kräfte unterschiedlicher politischer Ansichten und eine sozialistische Perspektive ein. 1930 organisierte Carlo den spektakulären Flug der Piloten Giovanni Bassanesi und Giacchino Dolci, die am 11. Juli vom Schweizer Tessin aus mit einem Sportflugzeug starteten und über Mailand Flugblätter abwarfen, die zum Widerstand gegen das Mussolini-Regime aufriefen.

Nello Rosselli

Nello Rosselli

( unbekannt /wikimedia.org/ gemeinfrei)

Im Juli 1936 unterstützten Hitlerdeutschland und Mussolini-Italien den Putsch der spanischen Faschisten gegen die Volksfront-Regierung. Unter dem Kommando von General Mario Roatta schickte der „Duce“ zunächst vier Divisionen nach Spanien. Die während der Intervention auf 120000 bis 150000 Mann anwachsende Armee verfügte über 800 Kampfflugzeuge sowie 8 000 Panzer und gepanzerte Fahrzeuge. 90 Kriegs- und Transportschiffe versorgten das eigene Korps und die Franco-Truppen. Sie blockierten republikanische Häfen und beschossen Küstenbefestigungen. Die Luftwaffe griff zusammen mit der Legion „Condor“ Hitlerdeutschlands die Stellungen der republikanischen Armee an und bombardierte Städte. Die Stadt Guernica nördlich von Bilbao mit ihren 7 000 Einwohnern und 3 000 Flüchtlingen wurde am 26. April 1937 „systematisch in Stücke zerschlagen“ schrieb der Korrespondent der Londoner „Times“.

Zum Kampf gegen die von Hitler und Mussolini unterstützten Franco-Faschisten kamen der Spanischen Republik 35000 bis 40000 Antifaschisten aus über 50 Ländern zu Hilfe, von denen die meisten in den Internationalen Brigaden kämpften. Darunter befanden sich auch etwa 3 354 Italiener. Auf Beschluss des sogenannten Nichteinmischungskomitees, dem sich die Regierung der Spanischen Republik fügte, mussten die Internationalen Brigaden im Sommer 1938 aufgelöst werden.
Unter den aus allen Kräften des Widerstandes in Italien kommenden Antifaschisten waren Carlo und Nello Rosselli. Carlo gehörte im August zu denen, die die Centuria Giustizia e Libertà aufstellten, die sofort an der Aragon-Front ins Gefecht zog. Die Hundertschaft ging in dem danach aufgestellten Bataillon, später Brigade Garibaldi auf, die alle italienischen Antifaschisten vereinigte. Am 13. November 1936 prägte Carlo in einer Rede auf Radio Barcelona für den Kampf der italienischen Antifaschisten die prophetische Losung „Heute in Spanien, morgen in Italien“. Sie wurde zum Schwur, mit dem die italienischen Antifaschisten in den Kampf zogen.
Bei der Verteidigung von Madrid im November 1936, bei Guadalajara nördlich der Hauptstadt im März 1937, bei Brunete westlich von Madrid im Juli 1937 trafen die Garibaldiner direkt auf die Truppen Mussolinis. Mit den Kämpfern des legendären 5. Regiments, das zur Hälfte aus Kommunisten bestand und von General Enrique Lister kommandiert wurde, hielten sie die Angriffe auf und fügten den Faschisten schwere Verluste zu. Zur Behandlung einer Verwundung befanden sich die Brüder Rosselli 1937 in dem Badeort Bagnoles-de-l‘Orne (Normandie), wo am 9. Juni im Auftrag Mussolinis Agenten seines Geheimdienstes SIM mit Angehörigen des faschistischen Geheimbundes Cagoule (Die Maske) beide ermordeten.
1942 wuchs die antifaschistische Bewegung in Italien weiter an. Diesen Prozess prägte am 4. Juni 1942 auch die Formierung der Giustizia e Libertà zur Aktionspartei (Partito d‘Azione), welche die illegale Parteizeitschrift „L‘Italia Libera“ herausgab. Der Druck des von Kommunisten und Sozialisten dominierten Widerstandes führt im Juli 1943 zur Palastrevolte, die Mussolini stürzte, Die PdA schloss sich dem Aufruf des auf Initiative der IKP im September 1943 gebildeten Nationalen Befreiungskomitees (CLN) zum bewaffneten Kampf gegen das Besatzungsregime Hitlerdeutschlands an. Die von der PdA gebildeten Partisanenbrigaden Gerechtigkeit und Freiheit waren nach den kommunistischen Garibaldi-Brigaden die zahlenmäßig stärksten der Partisanenarmee. Zum Vorsitzenden der Aktionspartei wurde der kleinbürgerliche Radikaldemokrat Ferrucio Parri gewählt, der auch an die Spitze des Befreiungskomitees für Norditalien trat. Das Komitee übernahm nach dem Beginn des bewaffneten Aufstands am 25. April 1945 als Organ des antifaschistischen Einheits-Kabinetts alle Regierungsvollmachten, verkündete den Ausnahmezustand, verurteilte Mussolini und weitere hohe Faschisten, die sich weigerten, zu kapitulieren, zum Tode und ordnete die Vollstreckung der Urteile an.
Ferrucio Parri stand vom Juni bis Dezember 1945 als Ministerpräsident an der Spitze der antifaschistischen Einheitsregierung. Als die Aktionspartei bei den Wahlen zur Verfassunggebenden Versammlung im Juni 1946 mit 1,5 Prozent Stimmen keine Massenbasis fand, löste sie sich 1947 auf. Ihre Mitglieder schlossen sich entweder der IKP, der ISP oder der Republikanischen Partei an.
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… für den aufrechten Demokraten, Antifaschisten, Friedenskämpfer Konstantin Wecker!

 

 

 

(via NachdenkSeiten )

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Von Renate Schönfeld

Sein Buch „Wider den Revisionismus“ hatte Kurt Gossweiler dem 80. Jahrestag der Oktoberrevolution gewidmet und allen, die der Sache des Roten Oktober treu geblieben sind.
Kurt, der am 5. November 1917 in Stuttgart geboren wurde, stand sein Leben lang zur Sache. Am 15. Mai starb er im Alter von 99 Jahren. Den 100. Geburtstag seiner Frau Edith konnten beide noch gemeinsam erleben. Sie hielt ihm nicht nur den Rücken für seine Arbeit frei, sie hatte auch viele seiner Schreibarbeiten übernommen und ihn in seiner Arbeit unterstützt. Wir, seine Freunde und Genossen, möchten ihr unsere herzliche Anteilnahme aussprechen. Obgleich er in den letzten Jahren nicht mehr aktiv am politischen Geschehen und an Diskussionen teilnehmen konnte, wussten wir, dass er da war. Er fehlt nun.
Mit Stuttgart war Kurt Zeit seines Lebens verbunden, obgleich er in der Kindheit mit seiner Mutter nach Berlin gezogen war, dort die Karl-Marx-Schule in Neukölln besuchte und in der Hufeisensiedlung wohnte. Bereits als Schüler schloss er sich dem von Herbert Ansbach geleiteten kommunistischen Sozialistischen Schülerbund an. In diese Zeit gehört, dass er in seinem kommunistischen Elternhaus auch Erich Mühsam begegnete. Als Student der Volkswirtschaftslehre war er aktiv im illegalen kommunistischen Jugendverband KJVD. 1939 wurde er zur Wehrmacht eingezogen, aber 1943 desertierte er zur Roten Armee. Während der Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion besuchte er die Antifa-Schule und wirkte dort auch als Lehrender. Außerdem gehörte er dem Nationalkomitee Freies Deutschland an. Nach der Kriegsgefangenschaft kehrte er 1947 nach Berlin zurück und wurde Mitglied der SED. In der DDR lehrte er an der Humboldt­universität und an der Akademie der Wissenschaften. An der HU hatte er selbst promoviert und sich habilitiert.
Sein Hauptgebiet als Historiker war bis 1989 die Faschismusforschung, er gehörte zu den bedeutendsten Kennern des Faschismus und war international bekannt und anerkannt. Sein Schwerpunkt lag in der Erforschung des Verhältnisses der Monopolbourgeoisie zum Faschismus.
Nach der vorläufigen Niederlage des Sozialismus seit 1989 hatte er ein anderes Forschungsinteresse. Er schreibt dazu: „Meine Erlebnisse auf sowjetischer Seite haben meine kommunistische Einstellung und die Überzeugung gefestigt, dass die Sowjetunion auf dem richtigen, von Lenin gewiesenen Wege voranschreitet. Und sie haben mich befähigt, sehr früh zu erkennen, dass unter Führung Chruschtschows die KPdSU unter dem Vorwand des Bruchs mit dem sogenannten „Personenkult“ in Wahrheit den Bruch mit dem Marxismus-Leninismus und den Weg des der Restauration des Kapitalismus beschritt. Allerdings war ich lange Zeit – bis 1988 – davon überzeugt, dass das nie gelingen werde.“
Mit der Rolle Chruschtschows und der Gorbatschows hat er sich in verschiedenen Publikationen auseinandergesetzt, zum Beispiel in der „Taubenfußchronik“. Zur Konterrevolution äußerte sich Kurt in der Dankesrede anlässlich seines 90. Geburtstages, den er mit Freunden und Verbündeten feierte: „Der unerwartete – aber mit Sicherheit nur zeitweilige – Sieg der Konterrevolution hat meine Forschungen von ihrem ursprünglichen Gegenstand, dem Faschismus, umgelenkt auf die Suche nach der Antwort auf die Frage nach den Ursachen unserer keineswegs unvermeidlichen Niederlage. Diese Niederlage hat uns tief getroffen, sie ist eine Katastrophe nicht nur für die Völker der ehemals sozialistischen Länder, sondern für die ganze Menschheit. Es genügt, sich vor Augen zu führen, wo überall vorher Frieden war und wo danach imperialistische Kriege entfesselt wurden und immer weitere Kriege drohen.“
Persönlich erlebte er die Zerschlagung des Sozialismus wie viele andere als ein Loch, in das er fiel. Die Folge davon war, dass auch menschliche Kontakte zerbrochen waren, und die, deren Land die DDR war, wurden geächtet. Spreu und Weizen hatten sich getrennt. Auch dazu äußerte er sich in seiner Dankesrede: „Aber in den dunkelsten Zeiten nach der sogenannten Wende hat sich die Dialektik des Geschichtsgangs damit bestätigt, dass selbst die bösesten Ereignisse auch Gutes hervorbrachten: sie führten Menschen zusammen, die – ohne es zu wissen – schon lange zusammengehörten, die ohne die bösen Ereignisse sich wohl nie begegnet wären: ich meine damit einmal die Zusammenführung von Kommunisten wie ‚Kled‘, also Karl-Eduard von Schnitzler, und Marta Rafael, Heinz und Ruth Keßler, Ulrich Huar, Hermann Leihkauf und mich u. a. mit Theologen wie Hanfried und Rosemarie Müller-Streisand, Pfarrerin Renate Schönfeld und anderen.“ In diesem Zusammenhang nennt er auch parteigebundene und parteilose Kommunisten aus der BRD und anderen Ländern, darunter auch aus Österreich.
Eine besondere Bedeutung hatte für Kurt ein jahrelanger Briefwechsel mit Peter Hacks. Dieser brachte die Bedeutung seines Schaffens treffend auf den Punkt: „Es gibt ja schon wieder ein paar wohlgemeinte Bücher, die Tatschen enthalten. Es gibt eine überaus kleine Zahl von Büchern, die vom höchsten Stand des sozialistischen Bewusstseins ins Wesen packen, und ich denke, dass das Ihrige sich an deren Spitze gestellt hat. Wenn ein Standardwerk ein Hauptwerk über einen Gegenstand ist, dann, lieber Herr Gossweiler, haben sie unserem Jahrhundert das Standardwerk geschrieben.“
Mit dem Tod von Kurt Gossweiler ist eine Lücke entstanden. Aber er hinterlässt seine Bücher, Schriften und Reden, die angesichts der Aggressivität des Imperialismus immer wichtiger werden. Deshalb ist es einigen Freunden ein Bedürfnis, ihn im Herbst mit einem Symposium zu ehren, auf dem er mit Sicherheit zu Wort kommen wird.

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Deutsche Leitkultur am Beispiel der Familiengeschichte des deutschen Innenministers Thomas de Maizière:

Zehn Gebote hat der Bundesinnenminister Thomas de Maizière erlassen, um Deutschlands Identität zu sichern. Seit es dieses Deutschland gibt, haben Männer seines alten Geschlechts dafür gesorgt, dass Deutschland nicht ­untergeht

Von Otto Köhler
 
junge welt
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Ganz der Vater. Aber es sind nicht die Gene, es ist die Tradition von bald 150 Jahren, die den hohen Staatsdiener prägt: Thomas de Maizière als Minister für deutsche ­Vorwärtsverteidigung Anfang März 2013 am Hindukusch

Otto Köhler schrieb an dieser Stelle zuletzt am 7. März 2017 über die Fortsetzung der Wannsee-Konferenz am Dienstsitz von Adolf Eichmann.

Da darf es keinerlei Zweifel geben: »Leitkultur kann und soll vor allem vorgelebt werden«. So will es das zehnte Gebot der »Leitkultur für Deutschland«, die dessen Innenminister Thomas de Maizière in seinem Mitteilungsblatt Bild am Sonntag am 30. April verkündigt hat. Die preußisch-hugenottische Sippe der Maizières lebte unsere Leitkultur schon, bevor es dieses Deutschland gab.Natürlich sind wir – erstes Gebot – nicht Burka und verstecken unser Gesicht, wenn wir im Juli anlässlich des G-20-Gipfels als de Maizièresche Bundespolizei in Hamburg Demonstranten aus aller Welt zusammenschlagen. Und geben als Arzt jedem Patienten unsere Hand, damit die Bakterien der ersten fein säuberlich bis zum letzten verteilt werden – von irgend etwas muss ja auch der Mediziner leben. Manches dieser zehn Gebote des Innenministers wäre eher für das Poesiealbum seiner Uroma Sophie Elise geeignet und nicht für die Männer, die seit vier Generationen dieses preußisch-hugenottische Geschlecht geprägt haben. Doch der gute Wille zählt.

Die Deutschheit unserer Leitkultur begann im Krieg von 1870, in den Urgroßvater Carl Ernst Ulrich Maizière (1841–1898) mit dreißig Jahren gezogen war, damit Bismarck im Schloss von Versailles, nachdem er den bayerischen König geschmiert hatte, das Deutsche Reich samt Kaiser ausrufe.

Gelernt hatte der junge Carl Ernst Ulrich das Blutvergießen schon zuvor beim Corps Rhenania in Tübingen. »Nachdem Carl Ernst Ulrich insgesamt sechs Partien geschlagen hatte, wechselte er nach Halle an der Saale, um dort sein Studium abzuschließen.« So steht es in der trefflichen und immer wieder treffenden Monographie »Familie de Maizière. Eine deutsche Geschichte«, die Andreas Schumann 2014 für den Schweizer Verlag Orell Füssli geschrieben hat. Schumann war der Pressereferent des Urenkels und zeitweiligen sächsischen Innenministers Thomas de Maizière in der großen Zeit des Sachsensumpfes (der Minister wusste durch seinen sächsischen Verfassungsschutz alles und tat nichts).

Im Krieg gegen den Erzfeind Frankreich hatte sich Hugenottenuropa Carl Ernst Ulrich Maizière deutscherseits bewährt, wurde mit einem Eisernen Kreuz dekoriert. Und er holte schließlich etwas Kostbares zurück. In den Wirren der Hugenottenflucht nach Preußen war dem Geschlecht der Maizières ein hohes Kulturgut verlorengegangen: die zwei Buchstaben d und e, die zwar in Frankreich nicht immer als Adelstitel gelten, in Deutschland aber sehr wohl. Und so stand am 1. September 1896 in der Magdeburgischen Zeitung: Dem neuernannten Landgerichtspräsidenten von Neuruppin sei »auf seinen Antrag höheren Ortes die Genehmigung erteilt worden, den früher von seiner Familie geführten Namen ›de Maizière‹ wieder anzunehmen«.

Carl Ernst Ulrichs Sprössling, der Großvater Walter de Maizière (1876–1915), folgte der Leitkultur, schlug sich ebenfalls bei der Rhenania in Tübingen durch sein Jurastudium, diente als Reserveoffizier beim 4. Brandenburgischen Infanterieregiment und wird 1906 Landrat von Hohensalza. Doch da bricht acht Jahre später etwas aus, was von Deutschland schon lange gesucht wurde: »Ein nie dagewesener, von enormen Materialschlachten geprägter Krieg findet seinen Anfang«, schreibt ein Jahrhundert später der Pressereferent seines Enkels. Und: »Auch Walter de Maizière betrachtet es als seine Pflicht, für Deutschland die Waffe in die Hand zu nehmen.« So schloss er sich – Leitkultur – dem »patriotischen Freudentaumel« an. Das führte nach einem »herrlichen Siegeszug durch Belgien und Frankreich« – auch dafür wurde so ein Eisernes Kreuz zugeteilt – zum erwünschten Erfolg. Als der 39jährige Oberleutnant und Kompanieführer Walter de Maizière im Oktober 1915 an seiner Gamasche von einer Kugel gestreift wird, klemmt er sich, das ist historisch belegt, sein Monokel ins Auge. Da kommt ein Schrapnell des Weges, das dicht vor ihm an der linken Flanke einschlägt. Sein Bursche berichtet, so überliefert es obiger Pressereferent, vom Heldentod des noch jungen Alten Herrn: »Ein Splitter traf das Herz, ein anderer drang in die linke Backe hinein und ging durch die rechte wieder hinaus. Herr Hauptmann stürzte sofort leblos hin …«

Geistiges Rüstzeug

Da das Geld der Mutter nicht zum Studieren reichte, musste Ulrich (1912–2006), der Vater unseres Innenministers, also der Halbwaisensohn Walters, auf die blutige Ehre der Tübinger Rhenania verzichten und 1930 gleich nach der Schule zur Reichswehr gehen. Der 1912 in der Kriegs- und Kaiserzeit Geborene verband in sich die fünf Epochen deutscher Leitkultur. Gewiss, in den letzten sechs Jahren des Wilhelminismus mit aufkommendem Hindenburg machte er sich die meiste Zeit noch – mutmaßlich – in die Hose. Aber er wuchs heran und hat dann drei deutsche Staaten mit einer militärischen Leitkultur in sich vereint: die Weimarer Republik, Hitlers Deutsches Reich und dessen Nachfolgestaat BRD, ja, als pensionierter Generalinspekteur der Bundeswehr durfte er noch in der Berliner Republik bis zu seinem Tod 2006 in Bonn die Auslandsmissionen des wiedererstandenen Deutschland miterleben.

Eigentlich wollte dieser Ulrich Musiker werden, doch zu brotlos erschien ihm ein solcher Beruf. Die deutsche Leitkultur der de Maizières half ihm schnell auf den richtigen Weg, wie auch der bewährte Biograph der Familie 2014 erkennt: »Mit der Beförderung zum Fähnrich im August 1932 endet der erste Lehrgang für Ulrich nun endgültig« – ja, endgültig – »mit der Gewissheit, die richtige Berufswahl getroffen zu haben«. In seinem großen Bekenntnisbuch »In der Pflicht – Lebensbericht eines deutschen Soldaten im 20. Jahrhundert« erinnert sich Ulrich de Maizière 1989, im Jahr, als Deutschland wieder heil wurde: »Schörner und Rommel, zwei in jungen Jahren mit hohen Orden ausgezeichnete und hochqualifizierte Offiziere von großer Gegensätzlichkeit, haben mir das geistige Rüstzeug für den Offiziersberuf mitgegeben.«

Unkritisch ist der Gerüstete nicht: »Von Schörner ging ein intellektueller Reiz aus. Er schulte unseren Verstand, aber er konnte als Mensch nicht Vorbild sein.« Letzteres begründet er nicht. Adolf Hitler war darin anderer Meinung: Noch 1945 hat er Ferdinand Schörner zum Generalfeldmarschall befördert und in seinem politischen Testament zum Oberbefehlshaber des Heeres bestimmt. Schließlich hat dieser noch in letzter Minute den Widerstandswillen der deutschen Soldaten gegen den Feind beflügelt: Wer nicht mehr mitmachte, hing schnell an der nächsten Laterne.

Und Ulrichs zweiter Rüstzeugausstatter? »Rommel überzeugte als beispielhafter Truppenführer; ihm brachten wir Achtung und Verehrung entgegen.« Die italienischen Truppen, die aufhören wollten, behandelte Erwin Rommel »mit der Härte, die dem Gesindel gebührt«, und Juden möglichst noch härter. Doch der Führer, der ihn liebte, aber schließlich doch an ihm zweifelte, gab ihm mildtätig Zyankali, Rommel schluckte gehorsam. Und bekam von Hitler ein überwältigendes Staatsbegräbnis spendiert. Ja, so geht deutsche Leitkultur.

Und auch so: »Die Vorstellung in Erfüllung meines Auftrags unter Umständen gegen deutsche Mitbürger Waffen einsetzen zu müssen, hatte mich außerordentlich belastet«, schreibt Vater Ulrich. Sohn Thomas kennt heute als Innenminister derartige Gewissensbisse nicht. Aber Vater Ulrich machte sich 1934 solch schwere Sorgen. Der – inzwischen – Leutnant sollte nämlich mit einem Zug zuverlässiger Soldaten die Kaserne von Neuruppin absichern. Beim sogenannten Röhm-Putsch. Gegen die deutschen Mitbürger von der SA.

Solche Probleme hat er 1939 nicht – da fällt er als Hauptmann in Polen ein. Im Sommer 1941 rückt er als Generalstabsoffizier in der 18. Infanteriedivision gegen Leningrad vor. Die Stadt wird zerniert, wird ausgehungert. Eine Million Menschen sterben, allerdings darunter keine deutschen Mitbürger. So kämpft sich Ulrich de Maizière durch den Krieg, wird 1943 Major und 1944 Oberstleutnant im Generalstab. Bei der Kursker Großoffensive trifft ihn ein Granatsplitter. Anders als der Vater hat er kein Problem mit dem Überleben. Und bekommt – wie schon Opa und Papa – ein Eisernes Kreuz.

Für seine soldatische Haltung – und das ist mittlerweile nicht mehr so einfach – bekam Ulrich de Maizière von allen Seiten nur die besten Zeugnisse. Auch vom Führer des deutschen Volkes, dem er – wie es aus seinen Memoiren »In der Pflicht« hervorgeht – bei allem Gehorsam zuweilen doch mit einer leichten Skepsis begegnete, die sich aber niemals durch eine etwaige Insubordination äußerte.

Anfang Februar 1945 wurde er in den Generalstab des Heeres im OKH versetzt, diente dort als Erster Generalstabsoffizier in der Operationsabteilung und nahm an den Lagevorträgen für Adolf Hitler in der Berliner Reichskanzlei teil. Nicolaus von Below, bis zuletzt Adjutant dieses Führers, hat das sehr fein beobachtet. »Die klarsten und nüchternsten Lagevorträge in diesen entscheidenden Tagen hielt der Oberstleutnant i. G. de Maizière. Er fasste in der Regel nachts die letzten Ereignisse des Tages ohne jede Beschönigung knapp und deutlich zusammen. Die meisten Zuhörer waren beeindruckt, und auch Hitler fand an seiner präzisen Ausdrucksweise Gefallen. Gute Nachrichten konnte er nach Lage der Dinge von der Ostfront nicht mehr erwarten. Umso mehr schätzte er de Maizières sicheres und unpathetisches Auftreten.«

Beilage Kinder, 3105

Deutsche Leitkultur: Den Führer nicht mögen. Und doch bei ihm so taktvoll und gewinnend auftreten, dass der ihn mag.

Gottes Kriegshandwerk

Im Juni 1947, nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft, war Ulrich de Maizière doch etwas verzagt. Er sah in seinem Beruf keine Zukunft mehr und fand ein Unterkommen in einer Buchhandlung. Doch am Heiligabend 1950 erreichte ihn die Bescherung: Er durfte wieder in die Pflicht. Ein Brief aus dem Amt Blank, dem Kriegsministerium in Vorbereitung, fragte an, ob er bei der von Konrad Adenauer geplanten »Wiederbewaffnung« mitmachen wolle.

Diese Remilitarisierung wurde schon seit 1948 im Untergrund der Organisation Gehlen betrieben, dem heutigen Bundesnachrichtendienst. Von einem alten Bekannten, dem Generalleutnant Adolf Heusinger, der bereits 1943 im Führerhauptquartier den Plan für einen Volkssturm ausgearbeitet hatte. Trotz aller freudigen Bereitschaft, zögerte de Maizière und zog auf Anraten seines Schwagers, des Pastors Gottfried Lüdicke, eine Luther-Schrift von 1523 zu Rate: »Von weltlicher Obrigkeit – wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei«. Ihr entnahm er, dass dem Christen ein Angriffskrieg nicht erlaubt sei. Aber der Christ sei auch zur Nächstenliebe aufgerufen. Und das bedeutet, er soll das Schwert führen, »damit der Bosheit gesteuert und Frommheit gestützt werde«. In der Notwehr, im »Notkrieg« könnten die Christen »Gottes Diener und Gottes Handwerksleute« sein.

Also alles o. k. Ulrich de Maizière in der Christenpflicht sagte fröhlich ja. Heusinger aus dem Untergrund wurde 1957 der erste Generalinspekteur der neuen Bundeswehr, und der Pflichtmensch folgte ihm von 1966 bis 1972 in diesem höchsten Bundeswehramt nach.

Das war nicht immer einfach. Einfühlungsvermögen war nötig und Takt gegenüber den alten Kameraden. So war es ihm »persönlich« 1967 »eine große Freude« dem Generalfeldmarschall a. D. Erich von Manstein die »Glückwünsche der Bundeswehr« zu überbringen. Glück hatte dieser bedeutende Kriegsverbrecher tatsächlich gehabt, als er im Dezember 1949 von einem britischen Militärgericht nicht zum Tode verurteilt wurde, sondern nur zu 18 Jahren Gefängnis. Und die wurden ihm stufenweise im Rahmen der Remilitarisierung erlassen. »Dankbarkeit und Verehrung«, so gratulierte der Generalinspekteur der Bundeswehr dem Generalfeldmarschall der Wehrmacht, seien »die Hauptempfindungen, mit denen alte und junge Soldaten heute an Ihrem Ehrentag Ihnen gegenübertreten«.

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Ulrich de Maizière hat allen gedient: Unter Hindenburg in der Reichswehr, dann in der Wehrmacht als ­Oberstleutnant im Generalstab, wo ihn der Führer noch 1945 schätzen lernte, schließlich in der Bundeswehr als über die Taten der alten Kameraden hinwegsehender Generalinspekteur

Zur Dankbarkeit hatte die neue Bundeswehr allen Grund. Denn Marschall Manstein wollte ihr in einem neuen Krieg Arbeit ersparen, als er 1941 anordnete: »Das jüdisch-bolschewistische System muss ein für allemal ausgerottet werden. Nie wieder darf es in unseren europäischen Lebensraum eingreifen. Der deutsche Soldat hat daher nicht einfach die Aufgabe, die militärischen Machtmittel dieses Systems zu zerschlagen.« Und er appellierte an das Verantwortungsbewusstsein seiner Soldaten: »Für die Notwendigkeit der harten Sühne am Judentum, dem geistigen Träger des bolschewistischen Terrors, muss der Soldat Verständnis aufbringen. Sie ist auch notwendig, um alle Erhebungen, die meist von Juden angezettelt werden, im Keime zu ersticken.«

Verlorene Siege

Ihn also würdigte Ulrich de Mazière, der höchste Mann der Bundeswehr, als eine »Gestalt von geschichtlicher Bedeutung« und stellte so den Schulterschluss her zwischen den alten und neuen Soldaten. Deutsche Identität, deutsche Leitkultur. Es war ja auch ein ganz besonderes Verdienst des Generalfeldmarschalls von Manstein, dass er mit seinem Longseller »Verlorene Siege« Adolf Hitler energisch aus der deutschen Geschichte entfernt hat. Deutschland hätte – so von Mansteins Lehre – ganz bestimmt den Krieg im Osten gewonnen, wenn dieser unfähige Führer nicht immer seinen Generälen ins Handwerk gepfuscht hätte.

Das war, das ist deutsche Leitkultur, wie sie im Ministerium des Reserveoberleutnants Thomas de Maizière nur etwas unverfänglicher formuliert wird. Das Vatersöhnchen kommt aus diesem bald 150jährigen deutschen Milieu einfach nicht heraus: In seinem neunten und zehnten Gebot stehen NATO, Brandenburger Tor mit seinem nach Osten stürmenden Siegeswagen und vor allem der korrekte 9. November aus der Anschlusszeit. Und der (Fußball-)Meister aus Deutschland als kollektive Erinnerung. Doch entscheidend ist, dass da endlich einer da ist, der uns leiten will. Und dass von all den anderen wieder gelitten wird.

Wir zeigen unser Gesicht

Die »Leitkultur für Deutschland«, die der Innenminister Lothar de Maizière in seinem Fachorgan Bild am Sonntag am 30. April 2017 bekanntgab, verkündet in einem neuen Dekalog, »was uns im Innersten zusammenhält«. Wir drucken eine Blütenlese.

Erstes Gebot:

Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand. Bei Demonstrationen haben wir ein Vermummungsverbot. »Gesicht zeigen« – das ist Ausdruck unseres demokratischen Miteinanders. Im Alltag ist es für uns von Bedeutung, ob wir bei unseren Gesprächspartnern in ein freundliches oder ein trauriges Gesicht blicken. Wir sind eine offene Gesellschaft. Wir zeigen unser Gesicht. Wir sind nicht Burka.

Viertes Gebot

Wir sind Erben unserer Geschichte, mit all ihren Höhen und Tiefen. Unsere Vergangenheit prägt unsere Gegenwart und unsere Kultur. Wir sind Erben unserer deutschen Geschichte. Für uns ist sie ein Ringen um die Deutsche Einheit in Freiheit und Frieden mit unseren Nachbarn, das Zusammenwachsen der Länder zu einem föderalen Staat, das Ringen um Freiheit und das Bekenntnis zu den tiefsten Tiefen unserer Geschichte. Dazu gehört auch ein besonderes Verhältnis zum Existenzrecht Israels.

Fünftes Gebot

Wir sind Kulturnation (…). Bei der Eröffnung eines großen Konzerthauses sind – wie selbstverständlich – Bundespräsident, Vertreter aus Regierung, Parlament, Rechtsprechung und Gesellschaft vor Ort. (…) Kaum ein Land hat zudem so viele Theater pro Einwohner wie Deutschland. Jeder Landkreis ist stolz auf seine Musikschule. Kultur in einem weiten Sinne, unser Blick darauf und das, was wir dafür tun, auch das gehört zu uns.

Siebtes Gebot

Unser Staat ist weltanschaulich neutral, aber den Kirchen und Religionsgemeinschaften freundlich zugewandt. Kirchliche Feiertage prägen den Rhythmus unserer Jahre. Kirchtürme prägen unsere Landschaft. Unser Land ist christlich geprägt. Wir leben im religiösen Frieden. Und die Grundlage dafür ist der unbedingte Vorrang des Rechts über alle religiösen Regeln im staatlichen und gesellschaftlichen Zusammenleben.

Achtes Gebot

Wir sind aufgeklärte Patrioten (…) Unsere Nationalfahne und unsere Nationalhymne sind selbstverständlicher Teil unseres Patriotismus: Einigkeit und Recht und Freiheit.

Neuntes Gebot

Unser Land hatte viele Zäsuren zu bewältigen. Einige davon waren mit Grundentscheidungen verbunden. Eine der wichtigsten lautet: Wir sind Teil des Westens. Kulturell, geistig und politisch. Die NATO schützt unsere Freiheit. Sie verbindet uns mit den USA, unserem wichtigsten außereuropäischen Freund und Partner. Als Deutsche sind wir immer auch Europäer. Deutsche Interessen sind oft am besten durch Europa zu vertreten und zu verwirklichen. Umgekehrt wird Europa ohne ein starkes Deutschland nicht gedeihen. Wir sind vielleicht das europäischste Land in Europa – kein Land hat mehr Nachbarn als Deutschland. Die geographische Mittellage hat uns über Jahrhunderte mit unseren Nachbarn geformt, früher im Schwierigen, jetzt im Guten. Das prägt unser Denken und unsere Politik.

Zehntes Gebot

Wir haben ein gemeinsames kollektives Gedächtnis für Orte und Erinnerungen. Das Brandenburger Tor und der 9. November sind zum Beispiel ein Teil solcher kollektiven Erinnerungen. Oder auch der Gewinn der Fußballweltmeisterschaften. Regionales kommt hinzu: Karneval, Volksfeste (…) Die heimatliche Verwurzelung, die Marktplätze unserer Städte. Die Verbundenheit mit Orten, Gerüchen und Traditionen. Landsmannschaftliche Mentalitäten, die am Klang der Sprache jeder erkennt, gehören zu uns und prägen unser Land.

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Von Daniel McAdams 

24. Mai 2017

antikrieg.com

Da gibt es etwas in Hinblick auf den Selbstmordanschlag in Manchester, UK, von dem die Medien und Politiker nicht wollen, dass Sie es wissen: Salman Abedi, der 22-Jährige, der fast zwei Dutzend Konzertbesucher in Manchester im Vereinigten Königreich getötet hat, war das Produkt des von den Vereinigten Staaten von Amerika und vom Vereinigten Königreich betriebenen Sturzes von Gaddafi in Libyen und der „Regimewechsel“-Politik in Syrien gegenüber der säkularen Regierung Assad. Der Selbstmordattentäter war das direkte Produkt der Interventionen der Vereinigten Staaten von Amerika und des Vereinigten Königreichs in dem Großbereich Mittlerer Osten.

Laut der Zeitung London Telegraph war Abedi, ein Sohn libyscher Einwanderer, der in einer radikalisierten muslimischen Umgebung in Manchester lebte, nach dem Sturz von Muammar Gaddafi einige Male nach Libyen zurückgekehrt, zuletzt vor einigen Wochen. Nach der „Befreiung“ Libyens durch die Vereinigten Staaten von Amerika/das Vereinigte Königreich und deren Alliierte fanden alle Arten von zuvor gesetzlich verfolgten und aufs Schärfste unterdrückten radikalen jihadistischen Gruppen plötzlich, dass sie sich in Libyen frei bewegen und operieren konnten. Das ist das Libyen, in das Abedi zurückkehrte und wo er sich wahrscheinlich auf sein Selbstmordattentat auf Besucher eines Popkonzerts vorbereitete. Vor dem von den Vereinigten Staaten von Amerika geführten Überfall auf Libyen 2011 gab es dort weder al-Qaeda, ISIS, noch eine andere terroristische Organisation, die (straflos) auf libyschem Boden operierte.

Gaddafi selbst warnte im Januar 2011 Europa, dass falls sie seine Regierung stürzten, die Folge radikale islamistische Attacken auf Europa sein würden, aber die europäischen Regierungen schlugen diese Warnungen in den Wind. Das Libyen nach Gaddafi wurde zu einer Brutstätte islamischer Terroristen und des islamischen Terrorismus, und nicht zuletzt zu einer ersten Anlaufstelle für Extremisten, die im Jihad gegen den ebenfalls säkularen Bashar Assad kämpfen wollten.

In Salman Abedi haben wir immerhin das Zusammentreffen dieser beiden katastrophalen Interventionen der Vereinigten Staaten von Amerika/des Vereinigten Königreichs: es stellt sich heraus, dass Abedi nicht nur nach Libyen fuhr, um sich zu radikalisieren und für Terror auszubilden, sondern er fuhr auch nach Syrien, um einer der „syrischen Rebellen“ zu werden, die Seite an Seite mit den Vereinigten Staaten von Amerika und dem Vereinigten Königreich kämpfen, um die Regierung Assad zu stürzen. Vielleicht wurde er sogar in einem CIA-Programm ausgebildet? Wir wissen es nicht, aber sicher ist das möglich.

Während die Massenmedien und opportunistische Politiker argumentieren werden, dass die einzige Lösungsmöglichkeit in vermehrter westlicher Intervention im Mittleren Osten liegt, ist die blanke Wahrheit, dass zumindest ein Teil der Verantwortung für diese Attacke bei denjenigen liegt, die auf westliche Intervention in Libyen und Syrien gedrängt und diese durchgeführt haben.

Wäre Gaddafi nicht von den Vereinigten Staaten/vom Vereinigten Königreich und deren Alliierten gestürzt worden, gäbe es keine Ausbildungslager für Jihadisten in Libyen. Es hätte keine explosive Ausdehnung von ISIS oder al-Qaeda in Syrien gegeben, gäbe es in diesem Land nicht die Politik des „Regimewechsels“, die von den Vereinigten Staaten von Amerika, dem Vereinigten Königreich und deren Alliierten betrieben wird.
Wenn Sie an Abedis Schuld an diesem schrecklichen Mordverbrechen denken, vergessen Sie nicht die Interventionisten, die die Lunte entzündet haben, die diesen Großbrand in Gang gesetzt hat. Auf deren Schultern liegt die Schuld in gleichem Ausmaß.

 

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Kriegsflüchtlinge 1951: Koreanisches Mädchen mit Kind mit seinem Bruder (Foto: [url=https://commons.wikimedia.org/wiki/File:KoreanWarRefugeeWithBaby.jpg?]Maj. R.V. Spencer, US Navy[/url])
Kriegsflüchtlinge 1951: Koreanisches Mädchen mit Kind mit seinem Bruder (Foto: Maj. R.V. Spencer, US Navy / Lizenz: Public Domain)

Ein vergessener Krieg
Bis heute gibt es keinen Friedensvertrag für die beiden Koreas

Von Manfred Idler

Ein dicklicher junger Mann nimmt in großer Pose eine Militärparade ab, eine Rakete steigt auf und stürzt ins Meer, eine Nachrichtensprecherin schnattert aufgeregt Unverständliches – das sind die Bilder von Nordkorea, die uns das TV ins Haus liefert. Fremd ist das und damit ein bisschen schaurig und auch komisch, wie alles was man nicht versteht. Es geht um Nordkorea. Andersrum geht’s auch, die Nordkoreaner könnten Haar- und Barttracht von Martin Schulz komisch finden oder mit einem Bild von Marietta Slomka, der ZDF-Domina mit dem hypnotischen Durchhalteblick, ihre Kinder erschrecken. So ein Gedankenspiel hilft gegen die Herrenmenschenmentalität, die viele Mitteleuropäer unterbewusst herumschleppen und die hochkommt, wenn es um die „Unterentwickelten“ in Russland, Asien, Afrika geht.

Die Politik der Führung Nordkoreas lässt sich nicht von den historischen Erfahrungen trennen, die das koreanische Volk im 20. Jahrhundert gemacht hat. Da sind vor allem die 45-jährige Besetzung durch Japan, die Teilung der Halbinsel nach dem Zweiten Weltkrieg und besonders der verheerende Krieg mit den USA von 1950–1953, der nicht in einem Frieden, sondern in einem Waffenstillstand endete.

Einen Tag vor dem Ende des Krieges gegen Japan verfügte der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Asien, General Douglas MacArthur, dass die Regierungsgewalt auf dem Territorium Koreas südlich des 38. Breitengrades unter seiner Oberaufsicht auszuüben sei. Die USA errichteten eine Militärregierung und schoben mit Syngman Rhee eine Marionette in den Vordergrund, deren Hauptqualifikation blutrünstiger Antikommunismus war. Er stützte sich auf die besitzenden Schichten, deren Angehörige größtenteils mit den Japanern kollaboriert hatten. Im April 1948 ließ er einen Aufstand von Fischern und Bauern auf der Insel Jeju niederschlagen, vermutlich 60 000 Inselbewohner wurden ermordet, zum Teil unter Verantwortung von US-Offizieren.

Nördlich des 38. Breitengrades übernahmen – im Süden Ende 1945 verbotene – Volkskomitees die Verwaltung. In ihnen hatte die 1946 gegründete Kommunistische Partei Koreas großen Einfluss, da ihrem Führer, Kim Il-Sung, der schon seit den dreißiger Jahren als Partisan gegen die japanischen Okkupanten gekämpft hatte, auch nationalistische Kräfte große Achtung entgegenbrachten. Durch die Verbesserung der Versorgung, Entmachtung der Quislinge der Japaner und Aufteilung von Großgrundbesitz an kleine Bauern, auch durch die Gleichstellung der Frauen und andere Maßnahmen erlangte die Partei schnell das Vertrauen des Volkes.

Als Syngman Rhee im August 1948 die Republik Südkorea ausrief, antwortete der Norden im September mit der Gründung der Koreanischen Demokratischen Volksrepublik. Beide Teile erhoben den Anspruch, für ganz Korea zu sprechen. Vom Süden ausgehend, kam es zu ständigen militärischen Provokationen, und als Syngman Rhee im Mai 1950 im Süden eine Wahlniederlage erlitt, schien ihm die Zeit für den Krieg gekommen: Am 25. Juni besetzten südkoreanische Truppen die Stadt Haeju im Norden. Der Gegenschlag kam schnell und gewaltig: Nur sechs Wochen brauchte die Armee der KDVR, dann stand sie – vor allem im ländlichen Raum oft als Befreier begrüßt – schon weit im Süden. Einzig die Hafenstadt Pusan war noch in der Hand der südkoreanischen Armee.

Aber Syngman Rhees Rechnung, dass die USA ihn stützen würden, ging auf. Die USA nutzten die Situation, dass die Veto-Macht UdSSR den UN-Sicherheitsrat wegen Nichtberücksichtigung der Volksrepublik China boykottierte, und setzten in einer Dringlichkeitssitzung die Resolution 85 durch, die ihnen die Handhabe bot, unter der Maske der Vereinten Nationen in den Konflikt einzugreifen. Nur Jugoslawien stimmte gegen die Resolution. Den US-Präsidenten Harry S. Truman benannte der Rumpf-Sicherheitsrat zum Verantwortlichen für die Durchführung des Beschlusses. Unter dem Kommando MacArthurs begann eine barbarisch geführte Gegenoffensive mit Napalm-Flächenbombardements, die nordkoreanische Armee wurde bis fast zur chinesischen Grenze zurückgeworfen. Millionen Menschen wurden untergepflügt.

Im Oktober griff die chinesische Volksbefreiungsarmee ein, da MacArthur verkündet hatte, er wolle die Atombombe gegen „Rotchina“ einsetzen. Die „UN-Truppen“ und ihre Marionetten mussten sich bis zum 38. Breitengrad zurückziehen. Hier entwickelte sich ein zäher Stellungskrieg, der sich noch bis in den Sommer 1953 hinzog. Währenddessen gingen die Luftangriffe auf den Norden weiter: Pjöngjang wurde zu 75 Prozent zerstört, die Städte Sariwon und Sinanju zu 95 und 100 Prozent. Dämme und Deiche wurden bombardiert, um Überschwemmungen hervorzurufen. Immerhin konnte dank der inzwischen von der Sowjetunion gelieferten MIG15-Jäger, die den US-amerikanischen F-86 überlegen waren, den Bombern etwas entgegengesetzt werden.

In „The United States Air Force in Korea 1950–1953“, der offiziellen Geschichte des Luftkriegs in Korea, wird eine Gesamtzahl von über einer Million Einsätzen der „UN“-Luftwaffe angegeben, bei denen 698 000 Tonnen Bomben abgeworfen worden seien, davon 32 557 Tonnen Napalm. General Curtis LeMay, der die Bombardierungen befehligte, schrieb in seinen Memoiren: „Wir haben fast jede Stadt, gleich ob in Nord- oder Südkorea, niedergebrannt … Wir haben über eine Million Zivilisten getötet und mehrere Millionen vertrieben mit den unvermeidlichen tragischen Folgen.“

Im Sommer 1953 wurde endlich, gegen den Willen Syng­man Rhees, ein Waffenstillstand abgeschlossen. Nach Schätzungen kamen ca. 3 Millionen Zivilpersonen in diesem Krieg um. 300 000 bis 400 000 nordkoreanische und 200 000 bis 300 000 südkoreanische Soldaten fielen, dazu 150 000 bis 200 000 Soldaten der chinesischen Armee. Die USA verloren 37 000 Mann. Einen Friedensvertrag gibt es bis heute nicht. Faktisch sind die beiden Staaten auf der Halbinsel also noch immer im Kriegszustand. Und die US-Truppen sind nie abgezogen. 27 Basen mit 28000 Mann unterhält die US-Armee bis heute in Südkorea, die mit ständigen Manövern die KDVR provozieren.

 

Die Koreanische Volksdemokratische Republik kämpft mit inneren und äußeren Problemen

Von Kenny Coyle

Korea hat bis zur Niederlage Japans im August 1945 35 Jahre lang unter japanischer Besatzung gelitten. Die koreanische Revolution entstand aus der Niederlage Japans und der gleichzeitigen Ankunft sowjetischer Streitkräfte im Norden und US-Militärs im Süden der Halbinsel. Über die Teilung Koreas am 38. Breitengrad hatten die USA schon einen Tag vor Ende des Krieges entschieden.
Überall im Land entstanden spontan Komitees, die den japanischen Kolonialisten und ihren koreanischen Kollaborateuren die Regierungsgewalt entwanden. An diesen Volkskomitees beteiligten sich sowohl nationalrevolutionäre als auch kommunistische Kräfte, getragen wurden sie jedoch durch die örtliche Bevölkerung.

Im Süden wurden Syngman Rhee, einem konservativen Akademiker, der die meiste Zeit seines Lebens in den Vereinigten Staaten gelebt hatte, nach und nach von den USA die führenden politischen Positionen zugeschanzt. Im Norden kehrten Zehntausende Koreaner aus China und der Sowjetunion zurück. Viele hatten in den Reihen der chinesischen Volksbefreiungsarmee oder der sowjetischen Armee gedient, oft in überwiegend koreanischen Einheiten. So auch der künftige Gründer der KVDR und Führer der Arbeiterpartei Koreas, Kim Il-Sung.

Während die Volkskomitees im Süden unterdrückt und Linke und radikale Nationalisten verhaftet und ermordet wurden, wurde im Norden die Macht der Grundbesitzer und Kollaborateure Japans gebrochen. Da große Güter und Industriebetriebe fast ausschließlich im Besitz der verhassten japanischen Kolonialisten oder Kollaborateure gewesen waren, wurde die radikale Landreform und die Verstaatlichung der Industrie friedlich und mit großer Unterstützung durch das Volk durchgeführt. Das Gegenbild der KDVR war Syngman Rhees Republik Korea (Südkorea), wo den Kollaborateuren keine Rechnung aufgemacht wurde. In kurzer Zeit füllten sie wieder die Vorstandsetagen und Kasernen.

Der Koreakrieg (1950–1953) entstand als Bürgerkrieg, als Kampf zweier konkurrierender Entwürfe zur Gestaltung der Zukunft Koreas: der eine mit dem Ziel, die alte Ordnung zu restaurieren, die andere, ein System der Volksmacht zu erkämpfen.

Nach den kaum mehr messbaren materiellen und menschlichen Verlusten Nordkoreas im Krieg wurde die schnelle Erholung in den 1950er und 1960er Jahren als Wunder angesehen. In den 1970er Jahren berichteten Besucher der KDVR von einem Land, das den meisten anderen asiatischen Ländern in der wirtschaftlichen Entwicklung voraus war.

Der südkoreanische Ökonom Hwang Eui-Gak errechnete, dass das nordkoreanische Bruttoinlandsprodukt im Jahr 1953, nach Kriegsende, geringfügig niedriger war als das Südkoreas. 1960 war es doppelt so hoch und stieg bis 1965 auf das 2,5-Fache. Erst 1976 erreichte Südkorea das Niveau des Nordens, hat aber seither und vor allem seit den 1990ern einen riesigen Vorsprung erlangt. Die Wirtschaft der KDVR stagniert seither auf dem Niveau der frühen 80er Jahre.

Daraus ergeben sich einige Fragen: Liegt das Zurückbleiben der KDVR an dem System staatlicher Planung, am Gemeineigentum an Produktionsmitteln oder an der herrschenden Ideologie? In all diesen Bereichen unterscheidet sich die KDVR nicht grundlegend von der der 70er Jahre. Was ist heute anders? Warum konnte die KDVR trotz der Wirtschaftskatastrophe den „Zusammenbruch des Sozialismus“ in Europa überleben? Warum ist die KDVR nicht dem Weg radikalen Umbaus der Wirtschaft gefolgt, den andere sozialistische Länder Asiens einschlugen?

Nahrungsmittelkrise

Die Hungersnot, die die KDVR in den späten 1990er Jahren heimsuchte, gilt oft als Beleg dafür, dass der Sozialismus nicht funktioniert, dass kollektive Landwirtschaft nicht genügend Produktivitätsanreize bietet und dass der Mangel an Markt das Wachstum begrenzt. Noch bis in die Neunzigerjahre forderte Nordkoreas Wirtschaft selbst den Gegnern Achtung ab. Was ist schief gelaufen?

Trotz der offiziellen Politik der Selbstständigkeit, die in der Dschudsche-Ideologie (auch Chuch’e-, Juche-, koreanische „Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus“) gründet, war die Unterstützung aus der Sowjetunion ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor für die Volksrepublik. Schätzungen zufolge wurden noch 1988 60 Prozent des Außenhandels der DVRK mit der UdSSR abgewickelt. Die Kosten der Importe von sowjetischer Kohle und Öl lagen weit unter dem Weltmarktpreis. Die Sowjetunion erlaubte der KDVR, massive Handelsdefizite anzusammeln und einen Teil ihrer Schulden abzuschreiben.

Ein Großteil Nordkoreas ist zu gebirgig, um landwirtschaftliche Nutzung zu erlauben, nur ein sehr kleiner Teil des Landes ist für den Lebensmittelanbau geeignet.  Die Landwirtschaft der KDVR ist also auf einen hohen Mechanisierungsgrad angewiesen, auf Traktoren, Lastkraftwagen und hochwertige Düngemittel, elektrische Systeme zur Be- und Entwässerung. Der Kollaps der Sowjetunion 1991 und der Entzug der Wirtschaftshilfe in Verbindung mit einer Reihe verheerender Naturkatastrophen stürzten die KDVR in eine schwere Krise.
Nordkorea besaß im Vergleich zu anderen Entwicklungsländern eine hochmoderne Landwirtschaft, in den 1970er Jahren waren die sorgfältig terrassierten Felder zum Stolz des Landes geworden. Aber dieser Stolz gründete auf der rücksichtslosen Ausbeutung auch für die Landwirtschaft ungeeigneter Flächen und energieintensivem Anbau.

1990 wurde für Nordkorea ein Bedarf von 140 000 Tonnen Treibstoff für seine landwirtschaftlichen Fahrzeuge geschätzt. Aber Ende der 1990er Jahre hatte das Land nur etwa 25 000 Tonnen jährlich zur Verfügung. So war die Hungersnot nicht nur eine Krise der Landwirtschaft, sondern zum Teil auch das Ergebnis von Kraftstoffmangel.

Der Zeitraum, in dem die Krise sich zur Katastrophe auswuchs, waren die Jahre 1995 bis 1997. Die Überschwemmungen von 1995 vernichteten fast ein Drittel der Ernte und zerstörten 55 Prozent des nutzbaren Ackerlandes, ebenso die meisten Getreidespeicher.

Tausende Kilometer Straßen und Bahnstrecken, hunderte Bewässerungsanlagen, Dämme und Brücken wurden zerstört. Im folgenden Jahr wurde das Ackerland wieder urbar gemacht, aber die Dürre von 1997 verwüstete das Land erneut. Das Ergebnis war eine Hungersnot, der mehrere hunderttausend Menschen zum Opfer fielen. Die KDVR hat ihre Nahrungsmittelproduktionskapazität noch nicht wiederhergestellt und ihre Anfälligkeit für künftige Hungersnöte wurde von ihren Feinden zynisch genutzt: Nahrungsmittelhilfe wurde verwendet, um Nordkorea zu unter Druck zu setzen.

Nationalismus und Personenkult

Die japanischen Kolonialisten hatten versucht, dem koreanischen Volk gewaltsam die japanische Kultur aufzuzwingen. Koreaner wurden gezwungen, Japanisch zu lernen und japanische Namen und Rituale zu übernehmen. Wer sich widersetzte, dem drohte die Todesstrafe. Das Verständnis dieses Nationalstolzes und auch der Empörung über Demütigungen, die das koreanische Volk erlitten hat, ist für das Verständnis des Verhaltens der heutigen KDVR von wesentlicher Bedeutung.

Während der 1960er und 1970er Jahre entzog sich die Arbeiterpartei Koreas dem Einfluss der KPdSU ebenso wie dem der KP Chinas. Anfangs wurde die Dschudsche-Theorie als kreative Anwendung des Marxismus-Leninismus auf koreanische Bedingungen präsentiert. Aber vor allem seit dem Zusammenbruch der UdSSR wird Dschudsche als eine eigenständige Theorie bezeichnet, die dem Marxismus-Leninismus sogar überlegen sei. Seither wird auch die Rolle des Staatsgründers Kim Il-Sung, seines Sohnes Kim Jong-Il und nun auch seines Enkels Kim Jong-Un ins Übermenschliche überzeichnet.

In vielen der nach dem Zweiten Weltkrieg unabhängig gewordenen Staaten wurden die Staatsgründer als „Väter der Nation“ verklärt, die Übergabe von Machtpositionen an enge Verwandte ist ebenfalls kein Einzelfall. Politische Clans kennt man auch im Westen, man denke an die Bushs, die Kennedys oder die Clintons. Die KDVR stellt also in dieser Hinsicht keinen Einzelfall dar. Allerdings hat die Praxis, die führenden politischen Positionen vom Vater an den Sohn weiterzugeben, keine Grundlage in der marxistischen Theorie. Sie spiegelt eher das Überleben traditioneller, vom Konfuzianismus beeinflusster koreanischer Werte wider, wo die Verehrung der Eltern als Pflicht und Tugend gilt. Solche Werte leben auch noch in der südkoreanischen Gesellschaft, aber die KDVR hat den „Familienkult“ zum politischen Programm gebracht. Eine solche Position ist unvereinbar mit den Prinzipien des demokratischen Zentralismus und der kollektiven Führung sowie dem wissenschaftlichen Sozialismus.

Kein Zusammenbruch in Sicht

Es gibt Herausforderungen und Chancen für die KDVR. Mit China hat das Land einen ihm wohlgesonnenen Nachbarn mit florierender Wirtschaft. Dennoch ist der Handel zwischen den beiden Ländern immer noch relativ niedrig. Der Frieden auf der Halbinsel würde es der KDVR ermöglichen, die Verteidigungsausgaben (mindestens 16 Prozent ihres Budgets) zu senken und mehr in die Infrastruktur und die Landwirtschaft zu investieren. Die KDVR hat im Vergleich zu vielen anderen asiatischen Ländern eine qualifizierte und gebildete Bevölkerung. Entspannung im Verhältnis zur Republik Korea im Süden könnte Handelsmöglichkeiten verbessern. Eine Sonderwirtschaftszone an der Grenze bei Kaesong existiert bereits seit dem Jahr 2000. Wenn die Partner sicher vor Wirtschaftssanktionen sein könnten, wären hier weit höhere Investitionen zu erwarten.

Knapp gesagt, die Vorhersagen vom bevorstehenden Zusammenbruch der KDVR, die seit 20 Jahren zu hören sind, gehen an der Sache vorbei. Die KDVR hat nicht nur das Potenzial zu überleben, sondern auch wieder voranzukommen. Doch hat das Land viel an Boden verloren, während andere aufholten und überholten. Ob die koreanische Führung die Flexibilität und Weitsicht der kubanischen haben wird, die in den 1990er Jahren vor einer in mancher Hinsicht ähnlichen ökonomischen Katastrophe stand, bleibt abzuwarten.
Aus: Asia: Imperialism & Resistance“ von Kenny Coyle,
herausgegeben von der Kommunistischen Partei Britanniens.
Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: Manfred Idler

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Von Klaus L.

Berliner Anstoß

Öfter, wenn ich in den letzten Wochen mit Mitgliedern der Linkspartei diskutierte, zuletzt dank einer Einladung bei den „Sozialismustagen“ der trotzkistischen SAV, erhielt ich den Eindruck, dass die innerparteiliche Hauptgegnerin, auf die sich sowohl linke als auch rechte Kritiker in der Linkspartei einschießen, Sahra Wagenknecht heißt. Und das just angesichts einer drohenden Koalition mit Sozialdemokraten und Grünen. Wenn opportunistische Gefahren und Strömungen in sozialistisch geprägten Parteien drohen, ist es immer aufschlußreich zu sehen, anhand welcher Fragen „Linke“ und „Rechte“ zusammengehen. Solche Übereinstimmungen sagen häufig auch etwas über das Hegemoniestreben der herrschenden Klasse im ideologischen Krieg. Ich muß zugeben: Diese Einmütigkeit beschäftigte mich fast mehr als die Äußerungen von Frau Wagenknecht selber. Gewiß wäre wünschenswert, ihre Positionen detaillierter Prüfung und Kritik zu unterziehen. Darum geht es in dieser Glosse jedoch nicht. Daß sich viele in der Linkspartei an dieser Personalie so festbeißen, verwundert angesichts eines drohenden Versinkens in einer Koalition mit zwei Parteien, deren proimperialistisches Spitzenpersonal keinen Hehl aus seiner tätigen Unterstützung z.B. der ukrainischen Faschisten und deutscher Kriegseinsätze macht. Der größte Vorwurf gegen Wagenknecht scheint zu sein, daß sie sich gegen eine uneingeschränkte Anwendung der Formel „Refugees welcome – Grenzen auf für alle“ ausgesprochen habe. Das Wort „Obergrenzen“ soll gefallen sein. Verwunderlich ist die Abstraktheit, mit der die Diskussion sich begnügt. Wer der „Obergrenzen“-Debatte vorwirft, dass sie nur quantitativ vorgeht und die wesentlichen Bestimmungen außer Acht läßt, darf nicht vergessen, dass die Forderung „…für alle“ das ebenfalls tut. Die Klärung der inhaltlichen Kriterien, nach denen Asyl gewährt wird, bleibt auch und gerade dem Proletariat nicht erspart. Ukrainischen Faschisten z.B. sollte man keine Grenze öffnen, wofern noch gilt, daß Kriegsverbrecher in den Ländern ihrer Verbrechen abzuurteilen sind. – Die Frage bleibt konkret: wer schleift das Asylrecht, missachtet das Völkerrecht und die Genfer Flüchtlingskonvention? Kern des Problems ist nicht, ob souveräne Gemeinwesen ihre Grenze bedingungslos öffnen.

Letzteres geschah bekanntlich der DDR. Sie war ein souveränes Gemeinwesen, dessen humanistische Asylpolitik durchaus auch das Ziel einer Rückkehr der Geflüchteten verfolgte. Das hatte mit Fremdenfeindlichkeit, Rassismus oder Nationalismus nichts zu tun. Denn die Verfolgten, die die DDR aufnahm, sollten von Staats wegen befähigt sein, mit Ausbildung und Klassensolidarität versehen in ihre  souveränen Heimatländer zurückzukehren, um dort am Aufbau mitzuwirken. Die Motivation solcher „Rückführung“ war Antikolonialismus und Antiimperialismus. Es ging um die wirtschaftliche, politische, militärische Stärkung unterdrückter Herkunftsländer, nicht um ihre Schwächung – im krassen Gegensatz zur „Willkommenskultur“ der Großen Koalition der BRD. Deshalb sollte sich, wer es mit der Flüchtlingspolitik ernst meint, hüten, gleichzeitig zur Delegitimierung der DDR beizutragen.

Das ist leider eine Bastion, die zuerst preisgegeben wird, sobald die Linkspartei in die Nähe einer Regierungsbeteiligung kommt. Da müssen wir gar nicht erst nach Thüringen zum „Unrechtsstaat“-Sermon des Bodo Ramelow blicken. Das kann die Berliner Linkspartei auch. Deren vorauseilende Distanzierung von der DDR-Vergangenheit war schon Bedingung der ersten rot-roten Koalition. Der aktuelle Koalitionsvertrag zwischen Rot-Rot-Grün lässt in dieser Hinsicht ebenfalls nichts offen. Dort heißt es:

„Die Überwindung der Mauer und das Ende des Unrechts der SED-Diktatur durch die Bürgerrechtsbewegung, die friedliche Revolution der DDR- Bevölkerung und die Wiedervereinigung Berlins und Deutschlands bleiben große Momente unserer demokratischen Geschichte.“

Ein weiterer „großer Moment unserer demokratischen Geschichte“ folgte, als  die Berliner Linkspartei den von ihr vorgeschlagenen Staatssekretär Andrej Holm untergehen ließ, sobald das Wort „Ministerium für Staatssicherheit“ fiel. Zur Sicherheit des Staates DDR beizutragen hatte Holm allerdings niemals tatsächlich Gelegenheit. Schade eigentlich, dann müßte er heute vielleicht nicht für das kämpfen, was in der DDR selbstverständlich war und mit diesem R2G-Senat nicht durchzusetzten ist: „marktferne Mieten“.

Doch die Kriecherei der Berliner Linkspartei geht weiter. Von dem neuesten „grossen Moment demokratischer Geschichte“, den die Linkspartei mitverantwortet, berichtete der Tagesspiegel am 31.03.2017:

„Durch das SED-Regime Geschädigte sollen in Berlin vergünstigt Bahn fahren dürfen. 2010 lehnte Rot-Rot dieses Ansinnen noch ab. (…) Bezieher von SED-Opferrenten sollen künftig den Berlinpass beziehen (…) Der Hauptausschuss verabschiedete in dieser Woche einstimmig einen entsprechenden Antrag von SPD, Linken und Grünen.“

Dazu die Wirtschaftssenatorin Ramona Pop von der GRÜNEN Kriegstreiberpartei: „Das ist eine Geste des Dankes an die, die für ihren Widerstand gegen das SED-Regime und ihr Engagement für die Freiheit verfolgt und unterdrückt wurden… Ich habe mich mit meiner Fraktion seit vielen Jahren dafür eingesetzt“.

Widerstand der Berliner Linkspartei gegen diesen antikommunistischen Propagandacoup war endgültig nicht mehr zu erwarten. Sie sind in der großen Freiheit angekommen, wo die Tramfahrt durch Berlins blühende Landschaft nur durch Almosen erschwinglich wird. Das „Empfangsgeld“ wurde damals noch allen „Brüdern und Schwestern aus dem Osten“ hingehalten. Seither gelten für Ossis diverse politische und soziale Obergrenzen, da man feststellte, daß die meisten sich nicht als Opfer der DDR fühlen. Ihr sozialistisches Land, das einem imperialistischen, neokolonialistischen Regime die Grenze öffnete, verschwand. Millionen DDR- Bürger wurden politisch heimatlos. Diejenigen, die das annektierende Regime als Kollaborateure einschätzt, erhalten von Rot-Rot-Grün nun ein spätes Präsent der Wilkommenskultur – Fluchthilfe aus der Wirklichkeit sozusagen. Wir entnehmen dieser Maßnahme vor allem das Eingeständnis, daß ihre „Opferrente“ für explodierende Mieten, Fahrpreise, Energie- und Gesundheitskosten genauso wenig reicht wie die Strafrenten derer, die mit der DDR die Bezahlbarkeit all dessen für die Arbeiterklasse verteidigten – was auch der westdeutschen seinerzeit nützte.

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