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Arnold Schölzel

RotFuchs, Heft April 2017

Zweieinhalb Jahre nach Beginn des bis dahin größten Gemetzels der Weltgeschichte, des Ersten Weltkrieges, hatte sich Anfang 1917 die internationale Arbeiterbewegung noch nicht von ihrer Niederlage erholt. Die Vertreter der Sozialdemokratie, die sich in ihren Ländern der „Vaterlandsverteidigung“ angeschlossen hatten, triumphierten und traten zum Teil für Annexionen und „Sieg-Frieden“ ein, Gegner von Annexionen und Diktat-Frieden waren in der Minderheit. Diejenigen Sozialisten, die dafür waren, die Gewehre umzudrehen und den bewaffneten Kampf für eine Revolution aufzunehmen, schienen bedeutungslos.

Sehr rasch zeigte sich aber in den ersten Monaten des Jahres 1917, daß Lenin und die Bolschewiki in einer scheinbar hoffnungslosen Lage den Krieg und die Möglichkeiten, ihn zu beenden, richtig analysiert hatten. Am 22. Januar hatte Lenin im überfüllten Züricher Volkshaus eine Rede über die russische Revolution von 1905 gehalten und dabei erklärt: „Wir dürfen uns nicht durch die jetzige Kirchhofsruhe in Europa täuschen lassen. Europa ist schwanger mit der Revolution.“ Die Fieberphantasie eines „Sektierers“?

Am 15. März erfuhr Lenin von der Februar-revolution, der insofern „anonymen“ Revolution, als linke Parteien in ihr zumindest direkt nur eine geringe Rolle spielten. Er begann sofort um die Rückkehr nach Rußland zu kämpfen, was sich schwierig gestaltete. Das deutsche Kaiserreich zeigte sich im Rahmen seines „Revolutionierungs-“ und Zerstückelungsprogramms für Rußland an Lenins Durchfahrt interessiert. Die russische Regierung verkündete aber, sie werde ihn und alle Mitreisenden als Hochverräter behandeln.

Am 9. April war es soweit. Eine Gesellschaft aus 32 Personen versammelte sich auf dem Züricher Hauptbahnhof, um einen Zug nach Saßnitz auf Rügen zu besteigen, von wo aus es per Fähre nach dem schwedischen Trelleborg weitergehen sollte. Auf dem Bahnhof hatten sich Freund und Feind eingefunden, und es kam zu stürmischen Kundgebungen. Die Reisenden und ihre Freunde sangen bei der Abfahrt die Internationale, die Gegner brüllten „Man wird euch alle aufhängen, ihr Judenhetzer“, „Provokateure, Spitzel“. Mit Provokationen ging es weiter. Der Schweizer Internationalist Fritz Platten, der auf Bitten Lenins die Reiseleitung übernommen hatte, berichtete, daß in Stuttgart ein Herr Jansson in den Zug kam, der erklärte, er wolle im Auftrag der Generalkommission der deutschen Gewerkschaften mit den russischen Genossen sprechen. Das löste bei denen große Heiterkeit aus, sie ließen die aufgetragenen Grüße nicht erwidern. Auch andere Kontaktversuche z. B. durch deutsche Beamte wurden abgelehnt. Am 12. April war Lenin in Saßnitz zum letzten Mal auf deutschem Boden, am 13. trafen er und die Mitreisenden in Stockholm ein, von wo es per Zug noch am selben Abend und erneut mit einer Kundgebung im Bahnhof weiterging. Lenin erkundigte sich, ob sie alle bei der Ankunft in Petrograd verhaftet würden. Tatsächlich hatten die Bolschewiki der Stadt einen Empfang organisiert, der in die Geschichte einging: ein mit Menschen vollgestopfter Bahnhofsplatz, Panzerfahrzeuge, auf dem Bahnsteig Delegationen von Arbeitern, der Roten Garde, Matrosen aus Kronstadt und Musikkapellen. Als der Zug Nr. 12 am
16. April um 23.10 Uhr einrollte, erklang die Marseillaise.

Nach der nächtlichen Ankunft in Petrograd / Grafik: Orest G. Werejski

Nach der nächtlichen
Ankunft in Petrograd
Grafik: Orest G. Werejski

Augenzeugen berichten, daß auch Menschewiki anwesend waren und sich zahm gaben. Ihre Vertreter in den Sowjets erschienen mit Nikolai Tschcheïdse (1864–1926) an der Spitze. Das Zusammentreffen mit Lenin im Finnischen Bahnhof wurde von dem Menschewik Nikolai Suchanow so geschildert: „In der Tür erschien der feierlich-eifrige (Alexander) Schljapnikow (1885–1937) in der Rolle eines Zeremonienmeisters (…). Hinter Schljapnikow trat oder vielmehr lief Lenin in das ,Zarenzimmer‘ mit rundem Hut, verfrorenem Gesicht und einem prachtvollen Blumenstrauß in den Händen. Als er die Mitte des Zimmers erreicht hatte, blieb er vor Tschcheïdse stehen, als sei er gegen ein unerwartetes Hindernis gestoßen, worauf Tschcheïdse, ohne sein mürrisches Aussehen aufzugeben, folgende ,Begrüßungsansprache‘ hielt, die nicht nur im Geist, nicht nur im Text, sondern auch im Ton einer Moralpauke gehalten war.

,Genosse Lenin (…), wir sind der Ansicht, daß es jetzt zur Hauptaufgabe der revolutionären Demokratie gehört, unsere Revolution gegen alle inneren und äußeren Anschläge zu verteidigen. Wir sind der Ansicht, daß für dieses Ziel nicht eine Spaltung, sondern eine Vereinigung aller demokratischen Kräfte notwendig ist. Wie hoffen, daß Sie zusammen mit uns dieses Ziel verfolgen werden.‘

Tschcheïdse hielt inne (…) Lenin stand da, als gehe ihn alles, was da vor sich ging, nichts an, blickte nach allen Seiten, prüfte die ihn umgebenden Gesichter und sogar die Decke des ,Zarenzimmers‘, zupfte seinen Blumenstrauß zurecht, (…) drehte sich dann aber ganz von der Delegation des Exekutivkomitees weg und ,antwortete‘ folgendermaßen: ,Liebe Genossen, Soldaten, Matrosen und Arbeiter … Ich bin glücklich, in euch die siegreiche russische Revolution, euch als Avantgarde der proletarischen Armee der ganzen Welt zu begrüßen … Der imperialistische Raubkrieg ist der Beginn des Bürgerkrieges in ganz Europa … In allernächster Zeit, jeden Tag, kann der europäische Imperialismus zusammenbrechen. Die von euch vollzogene russische Revolution hat diesen Zusammenbruch eingeleitet und eine neue Epoche eröffnet. Es lebe die sozialistische Weltrevolution!‘

Im Grunde genommen war das nicht nur keine Antwort auf die ,Begrüßung‘ Tschcheïdses, sondern (…) vor unseren Augen erschien plötzlich ein strahlendes, blendendes, fremdartiges Licht.“

Die Ansprache Lenins, wie sie von Suchanow wiedergegeben wurde, entsprach den auf der Reise von Lenin entworfenen „Aprilthesen“. Am folgenden Tag, dem 17. April 1917, trug Lenin sie auf der Gesamtrussischen Beratung der Arbeiter- und Soldaten­deputierten im Taurischen Palais, dem früheren Sitz der Staatsduma, vor. Mit ihnen orientierte er auf den Kampf um die Überführung der bürgerlich-demokratischen Februarrevolution in die sozialistische. Selbst unter den Bolschewiki waren nicht wenige der Auffassung, daß es zu früh sei, von einer sozialistischen Revolution zu sprechen. Vor allem aber wandte sich der Revolutionär gegen eine Vereinigung mit den Menschewiki: „Lieber zu zweit bleiben, wie Liebknecht – und das heißt beim revolutionären Proletariat bleiben –, als auch nur einen Augenblick den Gedanken einer Vereinigung (…) zulassen mit den Tschcheïdse und (Irakli) Zereteli (1881–1959), (…) die zur ,Vaterlandsverteidigung‘ hinabgesunken sind. (…) Wer den Schwankenden helfen will, muß selbst aufhören zu schwanken.“

Grundlage der Haltung Lenins waren der Weltkrieg und dessen Charakteristik als imperialistischer Raubkrieg. An dieser Einschätzung hatte sich nichts geändert, auch wenn in Rußland jetzt „Demokraten“ regierten. Die „Aprilthesen“ beginnen daher mit dem Satz: „In unserer Stellung zum Krieg, der von seiten Rußlands auch unter der neuen Regierung Lwow u. Co. – infolge des kapitalistischen Charakters dieser Regierung – unbedingt ein räuberischer, imperialistischer Krieg bleibt, sind auch die geringsten Zugeständnisse an die ,revolutionäre Vaterlandsverteidigung‘ unzulässig.“ (LW 24, 3) Am 18. April wiederholte Lenin seine Thesen auf einer gemeinsamen Versammlung von Menschewiki und Bolschewiki unter den Kongreßdelegierten. Hier schlug ihm die unverhohlene Wut der „Patrioten“ entgegen. Suchanow zitierte Zurufe wie: „Das ist doch Unsinn, das ist doch der Unsinn eines Irren (…) Es ist doch eine Schande, diesem dummen Zeug zu applaudieren. Sie beschämen sich selbst! Marxisten!“ Tatsächlich aber begeisterten, mobilisierten die Thesen sowohl Bolschewiki wie auch sympathisierende Arbeiter und Soldaten. Der Kampf um die sozialistische Revolution hatte begonnen.

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Lenins Aprilthesen

 

Ein Beispiel für die Suche nach Übergängen zum Sozialismus

Von Hans-Peter Brenner

Sitzung der Soldatensektion des Petrograder Sowjets (Foto: gemeinfrei)
Sitzung der Soldatensektion des Petrograder Sowjets (Foto: gemeinfrei)

Hans-Peter Brenner ist stellvertretender Vorsitzender der DKP

Am 22. Januar 1917 hielt W. I. Lenin in seinem Exilort Zürich vor jungen schweizerischen Arbeitern einen „Vortrag über die Revolution von 1905“. Er spannte darin einen historischen Bogen zu den aktuellen revolutionären Unruhen in Russland. Sein Referat endete mit der zuversichtlichen Einschätzung: „Europa ist schwanger mit der Revolution“.  Gleichzeitig drückte er, trotz aller Hoffnung auf die kommende große soziale Revolution, eine deutliche Skepsis hinsichtlich des Tempos und der Dauer dieser „Schwangerschaft“ aus, als er sagte. „Wir, die Alten, werden vielleicht die entscheidenden Kämpfe dieser kommenden Revolution nicht erleben.“ (W. I. Lenin: Ein Vortrag über die Revolution von 1905, LW 23, S. 261 f)
Selten täuschte sich Lenin so sehr wie an diesem Tag. Die revolutionären Ereignisse in Russland überschlugen sich. Die zaristische Herrschaft wurde viel schneller gestürzt.

Neue strategische Lage
Dadurch ergab sich eine neue strategische Situation. Die Partei trat aus der Illegalität; ihre Mitgliederzahl wuchs zügig und stieg in wenigen Wochen rasant (Februar bis Ende April) von 20000 auf 70 000 Mitglieder. Viele wichtige Kader, Mitglieder des ZK oder Abgeordnete der Reichsduma (dem noch unter dem Zarismus gebildeten Parlament), kehrten aus der Verbannung zurück und wurden aus Gefängnissen und sibirischen Straflagern entlassen. Darunter waren F. E. Dzierzynski, L. B. Kamenew, W. Molotow, G. K. Ordschonikidse, N. Rykow, J. W. Stalin, J. M. Swerdlow und viele andere, die in der Oktoberrevolution und in den Jahren des Bürgerkriegs und den ersten Etappen des sozialistischen Aufbaus eine zentrale Rolle spielen sollten.
Der Kurs der Parteizeitung Prawda wurde zunächst stark beeinflusst von Lew Kamenew, der sich in einem Brief noch aus sibirischer Haft auf die Seite der provisorischen neuen Revolutionsregierung gestellt und zu deren Unterstützung aufgerufen hatte. In einem Grundsatzartikel – unmittelbar nach seiner gemeinsamen Rückkehr mit J. W. Stalin nach Petersburg – rief er am 13. März in der „Prawda“ zur „revolutionären Vaterlandsverteidigung“ auf. Das stieß jedoch auf Widerspruch in der Parteiführung. Kamenew musste sich korrigieren und orientierte nun auf „Druckausübung“ auf die Regierung, um diese zu einem Friedensangebot zu zwingen.
Diese Orientierung wurde zunächst auch von Stalin mitgetragen, der später selbstkritisch unter dem Eindruck der harten Kritik Lenins diese Konzeption als „Erzeugung pazifistischer Illusionen“ bezeichnete. „Diese irrige Auffassung teilte ich damals mit anderen Parteigenossen und habe mich von ihr erst Mitte April vollständig losgesagt, als ich mich den Thesen Lenins anschloss. (J. W. Stalin: Werke Bd. 6, S. 298. Zit. Nach: Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Berlin 1971, S. 238) Lenin hatte, obwohl er die Ereignisse nur aus der fernen Schweiz nachvollziehen konnte, die neue Lage mit der „Doppelherrschaft“ von Regierung und Sowjets viel klarer erfasst als die meisten anderen führenden Bolschewiki im Lande selbst.
In mehreren „Briefen aus der Ferne“ orientierte er die Partei auf eine rasche Weiterführung der Revolution. Er knüpfte damit an einem bereits von Karl Marx ausgesprochenen Gedanken von 1848 an: der „Revolution in Permanenz“.

Die Eigenart des Moments
Lenin charakterisierte die „Eigenart der Lage in Russland“ als eine „Periode des Übergangs von der ersten Etappe der Revolution zur zweiten“ und appellierte an die Bolschewiki und die russischen Arbeiter, sie müssten „Wunder an Organisation des Proletariats und des gesamten Volkes vollbringen, um euren Sieg in der zweiten Etappe der Revolution vorzubereiten.“ (W. I. Lenin: Briefe aus der Ferne. Brief 1. LW 23, S. 321) Dazu müsse sich das revolutionäre Proletariat auf zwei Verbündete stützen: „Erstens die breite, die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung bildende und viele Dutzende Millionen zählende Masse der halbproletarischen und zum Teil kleinbäuerlichen Bevölkerung in Russland. Diese Masse braucht Frieden, Brot, Freiheit und Land. Diese Masse wird sich unvermeidlich unter einem gewissen Einfluss der Bourgeoisie und besonders der Kleinbourgeoisie befinden, der sie ihren Lebensbedingungen nach am nächsten steht, und wird zwischen Bourgeoisie und Proletariat schwanken.
Zweitens hat das russische Proletariat einen Verbündeten im Proletariat aller kriegsführenden und überhaupt aller Länder.“
Lenin machte an dieser Stelle deutlich, dass diese breite soziale und politische Koalition (noch) kein Bündnis für eine sofortige sozialistische Revolution sein sollte und konnte. In der konkreten Phase müsse es vielmehr darauf ankommen die besonderen Aufgaben des gegenwärtigen Moments verständlich zu machen, für die dieses Bündnis herzustellen sei. „Mit diesen beiden Verbündeten kann und wird das Proletariat Russlands unter Ausnutzung der Besonderheiten des gegenwärtigen Übergangsstadiums zuerst zur Eroberung der demokratischen Republik und des vollen Sieges der Bauern über die Gutsbesitzer – anstatt der Halbmonarchie der Gutschkow und Miljukow – und dann zum Sozialismus schreiten, der allein den vom Kriege gemarterten Völkern Frieden, Brot und Freiheit geben wird.“ (ebenda. S. 321 f)
Dies alles seien aber noch keine sozialistischen Maßnahmen, schrieb Lenin in einem fünften Brief; „in ihrer Gesamtheit und in ihrer Entwicklung aber würden sie den Übergang zum Sozialismus bedeuten, der in Russland nicht unmittelbar, mit einem Schlag, ohne Übergangsmaßnahmen verwirklich werden kann, aber als Resultat solcher Übergangsmaßnahmen durchaus realisierbar und überaus notwendig ist“. (Ebenda, S. 356)
Am 27.3.1917 wiederholte Lenin in einem weiteren Referat vor Schweizer Arbeitern im Züricher Volkshaus die Quintessenz seiner vorgeschlagenen konkreten Maßnahmen für den Übergang zur nächsten Etappe der russischen Revolution. „Das wäre die Politik, die die Mehrheit sowohl der Arbeiter als auch der armen Bauern für den Sowjet der Arbeiterdeputierten gewinnen würde. Die Konfiskation der Gutsbesitzerländereien wäre gesichert. Das wäre noch kein Sozialismus. Das wäre ein Sieg der Arbeiter und armen Bauern, der Frieden, Freiheit und Brot garantieren würde.“ (W. I. Lenin: Über die Aufgaben der SDAPR in der russischen Revolution. In LW 23, S. 373)

Programm des Übergangs
Am Abend nach seiner Rückkehr aus dem Schweizer Exil und dem triumphalen Empfang in Petersburg durch revolutionäre Arbeiter und Soldaten trug Lenin am 4. April auf einer Versammlung der Bolschewiki 10 Thesen, „Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution“ vor. Er konkretisierte und aktualisierte darin die wichtigsten Gedanken aus seinen „Briefen aus der Ferne“. Am Schluss der Versammlung schlug der Versammlungsleiter Grigori Sinowjew, einer seiner engen Mitarbeiter im Schweizer Exil, vor, diese Thesen sofort in einer gemeinsamen Versammlung bolschewistischer und menschewistischer Delegierter noch einmal vorzutragen. Auf diesen beiden Beratungen lösten Lenins „Aprilthesen“ heftigen Widerspruch aus. Deshalb wurde nach einigen weiteren Besprechungen beschlossen, darüber bis zu der am 20.4.1917 beginnenden „Gesamtrussischen Konferenz“ der SDAPR eine öffentliche Debatte zu führen.
Was war das Besondere an diesen Aprilthesen, um die so kontrovers diskutiert wurde? Im Prinzip enthielten sie sehr konkrete Vorschläge für die Suche nach Übergängen und das Herankommen an die zweite, die sozialistische Etappe der Revolution. Die Aprilthesen waren das zeitgemäße Programm für die Heranführung der revolutionären Kämpfe an den revolutionären Bruch nicht nur mit der Politik und dem Regime des imperialistischen Krieges, sondern mit dem kapitalistischen System in Russland, das sich bereits in der Anfangsphase des staatsmonopolistischen Kapitalismus befand. Deshalb sind diese Aprilthesen bis heute auch ein Lehrstück für die Entwicklung der Strategie und Taktik der kommunistischen Parteien geblieben.
„Die Thesen enthielten schließlich einen theoretisch begründeten konkreten Plan für den Übergang zur sozialistischen Revolution.“ (Geschichte der KPdSU, Dietz Verlag 1971, S. 244)

Kontroverse um die nächsten Schritte
Viele führende Bolschewiki, darunter Kamenew und Stalin, glaubten, dass sie der alten, auch von Lenin mit ausgearbeiteten strategischen Orientierung aus den Zeiten der ersten Revolution von 1905/07 weiter folgen müssten: dem Aufbau einer „revolutionär-demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern“ über einen längeren, zeitlich unbestimmten Zeitraum.
Lenin orientierte dagegen auf eine deutlich stärkere Beschleunigung des Tempos, um die nächste, die sozialistische, Etappe der Revolution vorzubereiten. Dazu hieß es in seiner zweiten These:
„2. Die Eigenart der gegenwärtigen Lage in Russland besteht im Übergang von der ersten Etappe der Revolution, die infolge des ungenügend entwickelten Klassenbewusstseins und der ungenügenden Organisiertheit des Proletariats der Bourgeoisie die Macht gab, zur zweiten Etappe der Revolution, die die Macht in die Hände des Proletariats und der ärmsten Schichten der Bauernschaft legen muss.“ (W. I. Lenin: Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution. LW 24, S. 4)
Nun müssten alle Kräfte darauf konzentriert werden (These 4), dass die Bolschewiki, die „in den meisten Sowjets der Arbeiterdeputierten in der Minderheit, vorläufig sogar in einer schwachen Minderheit sind gegenüber dem Block aller kleinbürgerlichen opportunistischen Elemente“, die Mehrheit erkämpfen. Die Sowjets seien „die einzig mögliche Form der revolutionären Regierung.“
Die Aufgabe der aktuellen Phase formulierte Lenin so: „Solange wir in der Minderheit sind, besteht unsere Arbeit in der Kritik und Klarstellung der Fehler, wobei wir gleichzeitig den Übergang der ganzen Staatsmacht an die Sowjets der Arbeiterdeputierten propagieren, damit die Massen sich durch die Erfahrung von ihren Irrtümern befreien.“ Der Zustand der Doppelherrschaft von „Provisorischer Regierung“ und Sowjets müsse überwunden werden.
„5. Keine parlamentarische Republik – von den Sowjets der Arbeiterdeputierten zu dieser zurückzukehren wäre ein Schritt rückwärts –, sondern eine Republik der Sowjets der Arbeiter-, Landarbeiter- und Bauerndeputierten im ganzen Lande, von unten bis oben.“ (ebenda, S. 5)
Die Aprilthesen legten in Punkt 7 auf wirtschaftlichem Gebiet eine Reihe von Übergangsmaßnahmen vor. Diese waren:
• Nationalisierung des gesamten Bodens im Lande,
• „Konfiskation“, d. h. Enteignung und Beschlagnahme der Ländereien der Gutsbesitzer,
• Übertragung der Verfügungsmacht über den Boden in die Hände der örtlichen Sowjets, der Landarbeiter- und Bauerndeputierten und Bildung besonderer Sowjets der armen Bauern.
• Verschmelzung aller Banken zu einer Nationalbank, Einführung der Kontrolle über die Nationalbank durch den Sowjet der Arbeiterdeputierten.
Das Programm der Aprilthesen, das für viele damalige und heutige Ohren absolut „sozialistisch“ anmutet(e), bedeutete aber keinesfalls schon den kompletten Bruch mit der kapitalistischen Produktionsweise.

Schritte und Phasen
Lenin machte dies im nächsten Punkt 8 sehr klar und lieferte damit auch für die gegenwärtigen Debatten über die kommunistische Strategie und Taktik ein glänzendes Beispiel für die sehr präzise Bestimmung der konkreten Phase des revolutionären Gesamtprozesses, innerhalb des Übergangs von der ersten zur zweiten Etappe der Revolution.
„8: Nicht Einführung des Sozialismus als unsere unmittelbare Aufgabe, sondern augenblicklich nur Übergang zur Kontrolle über die gesellschaftliche Produktion und die Verteilung der Erzeugnisse durch den Sowjet der Arbeiterdeputierten.“ (ebenda, S. 6)
Zur weiteren Erläuterung seiner Aprilthesen schrieb Lenin dann nur wenige Tage später eine Broschüre „Briefe über die Taktik“. Er wiederholte und erläuterte darin mit Blick auf nach wie vor bestehende Unklarheiten im Parteikader noch einmal die Besonderheiten der aktuellen Lage und Taktik, die nicht mit dem Festkleben an alten Losungen zu beantworten seien. Er half damit vielen – auch führenden – Bolschewiki das Spezielle der aktuellen Phase besser zu verstehen.
Kamenew hatte ihm vorgeworfen, dass sein „Schema berechnet (sei) auf die ‚sofortige Umwandlung dieser (der bürgerlich-demokratischen) Revolution in eine sozialistische.’
„Das stimmt nicht. Ich rechne nicht mit einer sofortigen Umwandlung unserer Revolution in eine sozialistische, sondern warne im Gegenteil geradezu davor, erkläre ausdrücklich in These Nr. 8: … Nicht ‚Einführung’ des Sozialismus als unsere unmittelbare Aufgabe. …
Mehr noch. Selbst ein Kommunestaat (d. h. ein nach dem Vorbild der Pariser Kommune organisierter Staat) lässt sich in Russland nicht sofort einführen, denn dazu ist es erforderlich, dass die Mehrheit der Deputierten in allen (oder jedenfalls in den meisten) Sowjets klar erkennt, wie falsch und schädlich die Taktik und die Politik der Sozialrevolutionäre, der Tscheidse, Zereteli, Steklow, usw ist. Ich habe aber ganz eindeutig erklärt, dass ich hierbei nur auf eine geduldige(…) Aufklärungsarbeit rechne!“ (W. I. Lenin: Briefe über die Taktik. LW 24, S. 35)
Diese Konzeption einer möglichst realistischen, die realen Kräfteverhältnisse in der Arbeiterbewegung und ihren Bewusstseinsstand berücksichtigende Strategie und Taktik wurde dann nach langen und zum Teil aufreibenden Diskussionen durch die siebente Gesamtrussische (April-) Konferenz der SDAPR mit Mehrheit beschlossen.

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Fünf Überlegungen zum Umgang mit Geschichte (2007)

Kommunistische Plattform in der Linkspartei

Vor genau zehn Jahren veröffentlichten zehn Genossen die unten dokumentierten und noch immer aktuellen »Fünf Überlegungen zum Umgang mit Geschichte« [1] in einem Antrag an die 5. Tagung des 10. Landesparteitages der Linkspartei.PDS Berlin. Diesen Antrag und andere seit Mitte der 90er Jahre in den Mitteilungen der KPF erschienene Beiträge zur Geschichtsdebatte beinhaltet die Geschichtsdokumentation Klartexte (Paperback, ca. 400 Seiten, 2009) [2] mit rund 50 Arbeiten von 21 Autoren. Einige Exemplare des Buches sind noch über die Herausgeber zum Sonderpreis von 9,90 Euro zu beziehen. Kontakt: kpf@die-linke.de.

Kurt Goldstein, Arne Brix, Ellen Brombacher, Stefan Doernberg, Dorothea Döring, Rim Farha, Thomas Hecker, Wulf Kleus, Carsten Schulz, Sahra Wagenknecht

Fünf Überlegungen zum Umgang mit Geschichte

1. Wir sind für eine Versachlichung der Geschichtsdebatte

Zu allen Zeiten versuchten die jeweils Herrschenden, aus dem Gang der Geschichte eine Rechtfertigung für eigenes Handeln und die Aufrechterhaltung der eigenen Herrschaft abzuleiten. Es überrascht nicht, dass die Protagonisten des Kapitals schon das Nachdenken über eine nicht vom Prinzip der Profitmaximierung dominierte Gesellschaftsordnung verteufeln. Ihr besonderer Hass jedoch richtet sich gegen den gewesenen europäischen Sozialismus. Nicht minder verhasst ist ihnen zum Beispiel das sozialistische Kuba oder Chávez, der Verfechter des Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Dieser Hass ist logisch. Natürlich ist es der Kapitallogik zufolge ein Kapitalverbrechen, Hand an Privatbesitz von Produktionsmitteln zu legen oder gelegt zu haben. Der Kapitallogik nach ist das ein Eingriff in Freiheitsrechte. Gemeint ist das Recht auf Ausbeutung. Die Restauration des Kapitalismus zerstört alle Illusionen, Kapitallogik könne der Vernunft und dem Humanismus Rechnung tragen. Der »moderne« Kapitalismus treibt täglich mehr Menschen ins Elend, nicht zuletzt durch grauenhafte, die Existenz der gesamten Zivilisation gefährdende imperialistische Kriege. Das Leben selbst befördert erneutes Nachdenken über Luxemburgs Feststellung: »Sozialismus oder Barbarei«. Da Angriff als die beste Verteidigung gilt, wird dem gewesenen Sozialismus von seinen Gegnern unterstellt, er sei zuvörderst barbarisch gewesen. Barbarische Züge des Kapitalismus hingegen, sofern sie überhaupt zugegeben werden, sind lediglich Fehlentwicklungen. Das US-Lager Guantánamo ist ein leicht stinkender Ausfluss im edlen Kampf gegen den Terror. Das Zuchthaus Bautzen jedoch war ein Hort des Verbrechens. Die DDR war ein Unrechtsstaat. Die USA sind der engste Verbündete der Bundesrepublik Deutschland. In solche Schubladen werden Geschichte und Gegenwart einsortiert.

Dass die Herrschenden das so wünschen, ist normal. Wenn auch Linke sich diese Sichtweise zu eigen machen, trifft das Gegenteil zu: Es ist anormal. Führende Genossinnen und Genossen der PDS resp. Linkspartei.PDS haben in der Vergangenheit so manchen Kotau vor der veröffentlichten Meinung gemacht.

Erinnert sei an den Umgang mit der MfS-Problematik von Anbeginn, an die Kette von Entschuldigungen, zum Beispiel die 1946 vollzogene Vereinigung von SPD und KPD oder den Mauerbau betreffend, erinnert sei an Äußerungen, mit dem Untergang der DDR sei Sozialismus in Deutschland erst wieder möglich geworden oder dass die DDR partiell totalitärer gewesen sei als Nazideutschland, erinnert sei an die Präambel zum Berliner Koalitionsvertrag aus dem Jahr 2002. Die Aufzählung ließe sich mühelos fortsetzen.

Auch in jüngster Vergangenheit fehlte es nicht an Würdelosigkeiten. Sei es die Mitwirkung der PDS an Geschichtsklitterungen im Zusammenhang mit der früheren Haftanstalt des MfS in Hohenschönhausen. Sei es die Rolle unserer Partei bei der Errichtung des Gedenksteins »Den Opfern des Stalinismus« auf dem Friedhof der Sozialisten in Friedrichsfelde – um nur zwei Beispiele zu erwähnen. Um Missverständnisse zu vermeiden: Die Autoren dieses Diskussionspapiers reden nicht einem unkritischen Umgang mit unserer Geschichte das Wort. Widerstand gegen Denunziationen ist kein Verzicht auf Kritik. Wir sind für eine Versachlichung der Geschichtsdebatte, frei nach Friedrich Engels: »Über geschichtliche Ereignisse beklagt man sich nicht, man bemüht sich im Gegenteil, ihre Ursachen zu verstehen und damit auch ihre Folgen, die noch lange nicht erschöpft sind.« Das von Michael Schumann im Auftrag einer Arbeitsgruppe auf dem 89er Sonderparteitag vorgetragene Referat zeichnet sich durch das Bemühen aus, Ursachen für die tiefe Krise verstehen zu helfen, in der sich nicht nur die DDR, sondern vor allem auch die Sowjetunion befand. Noch gingen die Delegierten des Sonderparteitages von der Fortexistenz des real existierenden europäischen Sozialismus aus. Nicht die Verdammung seiner Geschichte, sondern Analyse war angesagt. Schlussfolgerungen für die Zukunft sollten gezogen werden; es kam bekanntlich anders. Man muss nicht mit allen Aussagen des Referats übereinstimmen – dessen Duktus ist nicht denunziatorisch. Wir plädieren dafür, es zu lesen. Diejenigen, die heute am lautesten vom Grundkonsens des 89er Parteitages sprechen und diesen beschwören, haben die Aussagen Schumanns zu den Errungenschaften des Sozialismus in der DDR, zur weltgeschichtlichen Bedeutung der Oktoberrevolution, zur Überwindung von Faschismus und Krieg längst verdrängt. Aber – eine Erneuerung, die das vergäße, so Schumann, träte mit einer neuen Unmoral an. Wie redlich also ist es, dass entsprechende Aussagen im Entwurf der programmatischen Eckpunkte vollends fehlen? Wie redlich wird die gegenwärtige Geschichtsdebatte geführt?

2. Warum eigentlich keine Aufklärung?

Am 23. Januar 2007 fand im Berliner Landesvorstand der Linkspartei.PDS zu dieser eine ausführliche Verständigung statt. In der Sofortinformation über diese Sitzung hieß es u.a.:

»In der … Diskussion wurde eingeschätzt, dass die Debatte in unserer Partei mit großer Heftigkeit geführt wird. Dabei wird deutlich, dass klare Positionen, die Vorstände formuliert haben, nicht ausreichend in der Basis verankert sind. Es zeigt sich ein Trend, sich ›wider den Zeitgeist‹ zu stellen, indem unter dem Druck der öffentlichen Verdammung der DDR von unserer eigenen Kritik Abstand genommen wird. Der antistalinistische Grundkonsens – unwiderruflicher Bruch mit dem Stalinismus als System – wird schwächer. Deshalb sieht der Landesvorstand in der Intensivierung der Geschichtsdebatte eine vorrangige Aufgabe der politischen Bildung. Dabei geht es nicht um historische Aufklärung, sondern um die Bewertung von Geschichte.«

Warum eigentlich keine Aufklärung? Aufklärung bedeutet, Licht in die Dunkelheit der Unwissenheit und der Vorurteile zu bringen. Ist das Wissen über Geschichte so gewaltig? Sind die nicht zuletzt medial erzeugten Vorurteile so unerheblich? Kant hat die Aufklärung 1784 als den »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit« definiert. Aufklärer sein heißt nach Kant, »den Mut haben, sich seines eigenen Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen«. Ist das überholt? Können wir die sich ständig perfektionierende Massenmanipulation einfach ignorieren? Aus welchem Grund konstruiert der Berliner Landesvorstand der Linkspartei.PDS faktisch einen Gegensatz zwischen politischer Bewertung und historischer Aufklärung? Wird als Begründung angeführt, wir hätten in der DDR gelebt und bedürften der Aufklärung daher nicht? Mitnichten. Der Landesvorstand selbst gibt eine andere Antwort. In der bereits erwähnten Sofortinformation heißt es weiter zur Geschichtsdebatte: Diese »ist auch für die neu entstehende Partei wichtig, sie betrifft junge und alte Parteimitglieder sowie Ost- und Westlinke.« Zumindest den Jungen und den Westlinken aber käme doch ein wenig Aufklärung im Sinne Kants eher gelegen. Doch genau diese scheint nicht erwünscht; sie zerstört den Schubladeneffekt. Marx und Engels definierten das Wesen der Aufklärung. Sie sei »[…] ein offener, ein ausgesprochener Kampf gegen […] alle Metaphysik«. Der zeitgeistdominierte Umgang mit der Geschichte des frühen Sozialismus allerdings ist zutiefst metaphysischer Natur. Bemühen wir noch einmal Marx und Engels:

»Für den Metaphysiker sind die Dinge und ihre Gedankenabbilder, die Begriffe, vereinzelte, eins nach dem anderen und ohne das andre zu betrachtende, feste, starre, ein für allemal gegebne Gegenstände der Untersuchung. Er denkt in lauter unvermittelten Gegensätzen: seine Rede ist ja, ja, nein, nein, was darüber ist, ist vom Übel. Für ihn existiert ein Ding entweder, oder es existiert nicht: ein Ding kann ebenso wenig zugleich es selbst und ein andres sein. Positiv und negativ schließen einander absolut aus; Ursache und Wirkung stehen ebenso in starrem Gegensatz zueinander. Diese Denkweise erscheint uns auf den ersten Blick deswegen äußerst plausibel, weil sie diejenige des sog. gesunden Menschenverstandes ist. Allein der gesunde Menschenverstand, ein so respektabler Geselle er auch in dem hausbackenen Gebiet seiner vier Wände ist, erlebt ganz wunderbare Abenteuer, sobald er sich in die weite Welt der Forschung wagt; und die metaphysische Anschauungsweise, auf so weiten, je nach der Natur des Gegenstandes ausgedehnten Gebieten sie auch berechtigt und sogar notwendig ist, stößt doch jedes Mal früher oder später auf eine Schranke, jenseits welcher sie einseitig, borniert, abstrakt wird und sich in unlösliche Widersprüche verirrt, weil sie über den einzelnen Dingen deren Zusammenhang, über ihrem Sein ihr Werden und Vergehen, über ihrer Ruhe ihre Bewegung vergißt, weil sie vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht.«

3. Dialektische Sicht und metaphysisches Herangehen

Vergessen wir über die einzelnen Dinge deren Zusammenhang nicht. Ursache und Wirkung stehen eben nicht in starrem Gegensatz zueinander. Positiv und negativ schließen einander eben nicht absolut aus. Man kann den real existiert habenden Sozialismus des vergangenen Jahrhunderts sehr unterschiedlich beurteilen. Dabei sollte man jedoch seine Daseinsweise niemals von den Gesamtumständen trennen, unter denen er um seine Existenz kämpfte.

Genau hier liegt die scharfe Trennung zwischen einer dialektischen Sicht auf unsere eigene Vergangenheit und einem metaphysischen Herangehen. Metaphysik und Voluntarismus in dieser Frage können aus ehrenwerten Träumen ebenso resultieren wie aus manipulativen Absichten: Wer realen Sozialismus an vollendeten kommunistischen Verhältnissen misst, kann nur zu dem Schluss gelangen, das Reale sei nicht das Erwünschte. Die auch in der Linkspartei nicht beendete Auseinandersetzung zum Thema Menschenrechte, erinnert sei an die Kuba-Debatte, widerspiegelt dieses Problem. Eine Übergangsperiode, also eine Übergangsgesellschaft – nichts anderes kann der frühe Sozialismus sein – ist alles andere als vollkommen. Es ist daher schlicht unredlich, das Erwünschte zur Denunziation des Realen zu benutzen, zu verlangen, das Reale müsse von heute auf morgen so werden wie das Erwünschte – wohl wissend, dass nur ein Wundertäter das bewerkstelligen könnte. Das angestrebte Ziel zu vergessen, ist auf Dauer tödlich; das Ideal mit der Wirklichkeit gleichzusetzen tötet auch.

Die von den Autoren dieses Papiers geführten Auseinandersetzungen um eine historisch gerechte Bewertung des Sozialismus und daher auch der DDR waren zu keiner Zeit von Vereinfachungen gekennzeichnet. Gerade auch deshalb waren wir nie bereit, zu Kritisierendes und Bewahrenswertes einfach schematisch getrennt voneinander zu betrachten. Wir waren und sind vielmehr davon überzeugt, dass gerade ein differenzierter Umgang mit den sozialistischen und nichtsozialistischen Zügen der DDR ein grundsätzliches Bekenntnis zu ihr ermöglicht.

4. Wir bagatellisieren die Fehler, Irrtümer und Strukturdefizite des frühen Sozialismus nicht.

Den heute Herrschenden geht es absolut nicht um eine differenzierte Analyse der Sozialismusgeschichte, auch nicht um eine objektive Bewertung der Geheimdienste der untergegangenen sozialistischen Länder. Erinnert sei an die Auseinandersetzungen um das ehemalige MfS-Untersuchungsgefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. Die endlose Debatte über das MfS bedient einen anderen Zweck. Indem das MfS uneingeschränkt verteufelt wird, wird zum Kapitalverbrechen erklärt, dass die DDR Instrumente zu ihrem Schutz geschaffen hatte. Diese Denunziation eines Teils der Staatsmacht greift auf die Gesamtstrukturen des frühen Sozialismus über. Von der Verteufelung des MfS zur These vom Unrechtsstaat DDR ist es ein äußerst kurzer Weg. Die Unerbittlichkeit der Bewertung der Machtstrukturen des sozialistischen Versuchs resultiert aus der Ablehnung, dass da etwas anderes praktiziert wurde als Kapitalverwertung. Aus der Ablehnung des Sozialismus kommt der Hass der veröffentlichten Meinung, nicht aus den Fehlern und Gebrechen der nichtkapitalistischen Ordnung. Und der Hass kommt aus dem Wissen, dass das zunehmend mörderische Funktionieren des Profitmechanismus selbst das Verlangen nach einer gesellschaftlichen Alternative stimuliert. Unausbleiblichem Widerstand soll daher der Gedanke an eine alternative Perspektive genommen werden.

Zu diesem Zwecke wird die angebliche Untauglichkeit eines kommunistischen Gemeinwesens aus der Geschichte des real existiert habenden Sozialismus abgeleitet. Nichts wird seit Gorbatschow so sehr für Antikommunismus instrumentalisiert wie eine der sogenannten Totalitarismusdoktrin unterworfene Interpretation der Geschichte der Sowjetunion und der anderen sozialistischen Länder.

Zweifellos scheiden sich an der Frage der Bewertung der Oktoberrevolution sowie der nachfolgenden Entwicklungen in der Sowjetunion die Geister. Es ist vollkommen verständlich, dass in diesem Zusammenhang das Gespräch immer wieder auf Stalin kommt. Bereits 1995 – massiv konfrontiert mit dem Vorwurf, sie hätten ein apologetisches Verhältnis zu unserer Vergangenheit – entschlossen sich daher Genossinnen und Genossen, darunter Michael Benjamin und Sahra Wagenknecht, ihre Position zu dieser Problematik zu Papier zu bringen. Öffentlichkeit, auch innerparteiliche, blieb ihnen interessanterweise versagt. In dem Positionspapier heißt es unter anderem:

»Wir bagatellisieren die Fehler, Irrtümer und Strukturdefizite des frühen Sozialismus nicht, schon gar nicht die begangenen Verbrechen. Zugleich entspricht es unserer Überzeugung, daß die Welt berechenbarer und um viele Hoffnungen reicher war, als dieser unvollkommene, frühe Sozialismus ungebremste Kapitalherrschaft auf diesem Planeten verhinderte … Zweifellos war der frühe Sozialismus von sozialistischen und nicht-sozialistischen Zügen geprägt. Man kann ihn unseres Erachtens jedoch nicht in sozialistische und nicht-sozialistische Perioden aufteilen. Und wir lehnen es ab, die schmerzhafte Widersprüchlichkeit frühsozialistischer Entwicklung dadurch aus der Welt schaffen zu wollen, daß die Periode von 1917 bis 1990 als nicht-sozialistisch aus der Geschichte des gesellschaftlichen Fortschritts gestrichen wird.« [3]

In der erwähnten Erklärung wird auch die herausragende Rolle der Sowjetunion beim Sieg über den Hitlerfaschismus hervorgehoben. Am liebsten würde man die Sowjetunion und deren Verdienste bei der Zerschlagung der faschistischen Bestie aus dem Gedächtnis der Menschheit streichen. Doch solange das nicht möglich ist, sollen die Leistungen der Sowjetunion im Großen Vaterländischen Krieg wenigstens weitestgehend diskriminiert werden.

Und das funktioniert nur, wenn Menschen eingeimpft wird, der antifaschistische Kampf des sowjetischen Volkes sei ein minderwertiger gewesen. Minderwertig deshalb, weil sich sozusagen lediglich ein Unrechtssystem gegen ein anderes zur Wehr gesetzt hätte und weil im Ergebnis des Sieges des einen Systems über das andere lediglich neues Unrecht installiert worden sei. Und schon ist der überragende Anteil der UdSSR an der Zerschlagung der faschistischen Kriegs- und Mordmaschinerie beinahe selbst ein barbarischer Akt. Wozu nun das Ganze? Wozu soviel ideologisches Bemühen um Vergangenes, noch dazu, da die Sowjetunion gar nicht mehr existiert? Es geht darum, dem gewesenen realen Sozialismus das vielleicht einschneidendste historische Verdienst abzusprechen: die Zerschlagung der realen Barbarei. Nicht zuletzt auf diese Weise soll Menschen, die in Ländern des real existiert habenden Sozialismus lebten, und jenen, die allen jüngsten Entwicklungen zum Trotz ihrer Gesinnung treu geblieben sind, jegliche Identifikationsmöglichkeit genommen werden. Nichts, aber auch gar nichts war etwas wert – so lautet die Botschaft.

5. Der Sozialismus des vergangenen Jahrhunderts war historisch legitim

Auch die DDR wird auf ihre realen und vermeintlichen Negativseiten reduziert. Nicht nur durch politische Gegner. So wird im Entwurf der programmatischen Eckpunkte einer zukünftigen Linkspartei der gewesene frühe Sozialismus auf die Formel reduziert: »Wir lehnen jede Form von Diktatur ab und verurteilen den Stalinismus als verbrecherischen Missbrauch des Sozialismus«. Da nun der gewesene europäische Sozialismus in Gänze stalinistisch gewesen sein soll, ist, der Logik dieser Aussage zufolge, selbiger auch in Gänze verbrecherisch gewesen. Das kommt dem »Niveau« der am 25. Januar 2006 beschlossenen Antikommunismusresolution 1481 der parlamentarischen Versammlung des Europäischen Parlaments in gewisser Weise nahe. Es dürfte außer Zweifel stehen, dass die übergroße Mehrheit der Mitglieder der Linkspartei.PDS sowohl die Geschichte des gewesenen Sozialismus als auch ihr eigenes Leben anders beurteilt. Das wohl ist es, was den Berliner Landesvorstand veranlasste, zu beklagen, »dass klare Positionen, die Vorstände formuliert haben, nicht ausreichend in der Basis verankert sind«. Diese »klaren Positionen der Vorstände« sind nicht die unseren. Wir suchen nach Antworten jenseits der veröffentlichten Meinung. Für die Zukunft des Sozialismus ist zu fragen: Was war bewahrenswert? Was darf sich nicht wiederholen? Welches waren die Ursachen für die nichtsozialistischen Züge des gewesenen Sozialismus; waren sie unvermeidbar, oder hätten sie vermieden werden können? Natürlich kann niemals als Grundsatz akzeptiert werden, um einer zukünftigen Gerechtigkeit willen den jetzt Lebenden ins Gesicht zu schlagen. Wir wissen auch, dass Lebenden ins Gesicht geschlagen wurde. Dennoch meinen wir, dass der gewesene Sozialismus dem Profitsystem gegenüber historischen Fortschritt verkörperte, auch wenn er unterlag und alles andere war als vollkommen. Er war unvollkommen, gekennzeichnet auch durch Irrtümer und Fehler. Er war nicht frei von Verbrechen – er war, wie Karl Marx es prognostizierte »… eine kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer eigenen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoß sie herkommt.« Einen Sozialismus zu wünschen, der die Phase seiner Herkunft überspringt und wie Phönix aus der Asche steigt, ist leider Träumerei. Die Tragik des untergegangenen europäischen Sozialismus liegt nicht zuletzt darin, dass er im Überlebenskampf gegen das Kapital zu viel von seiner eigenen Identität preisgab. Der Sozialismus kam in eine tiefe Krise, und dafür ist bei weitem nicht nur der Gegner verantwortlich zu machen. Die Frage, ob sich der frühe Sozialismus erschöpfen musste oder ob er – ökonomisch vom ersten Tage an aus der schwächeren Position agierend – dennoch die Chance gehabt hätte, sich historisch mit dem ersten Anlauf durchzusetzen, wird uns sicher noch lange bewegen, ebenso die, welche Fehler und Fehlentwicklungen hätten vermieden werden müssen und können. Einfache Antworten auf diese Fragen gibt es nicht; weder so- noch andersherum. Außer Zweifel steht: Der Sozialismus ist bekämpft worden, bis aufs Blut. Und sehen wir uns die Welt von heute an, so ist nicht nur überdeutlich, warum das geschah, sondern die Konsequenzen seines Untergangs zeichnen sich täglich deutlicher ab. Wir sind weder bereit, so zu tun, als hätten wir alles richtig gemacht, noch, so zu tun, als hätten wir alles richtig machen können. Wir sind keine Verschwörungstheoretiker. Diese reduzieren komplexe Zusammenhänge auf einen Sündenbock. Wir wissen, dass es für den Untergang des Sozialismus des zwanzigsten Jahrhunderts auf europäischem Boden vielfältige Gründe gab, und wir wissen, dass die Auseinandersetzung über die Hauptursachen noch lange nicht beendet ist. Letztlich ist im Rahmen dieses Streits allerdings maßgeblich: War es legitim, die Macht des Kapitals zu brechen und durch Verhältnisse zu ersetzen, die nicht durch die Jagd nach Profit bestimmt waren, oder machten die Unzulänglichkeiten des frühen Sozialismus diesen zu einer illegitimen Angelegenheit?

Unsere Antwort auf diese Frage lautet ohne Wenn und Aber: Der Sozialismus des vergangenen Jahrhunderts war historisch legitim.

Anmerkungen

[1]  Mitteilungen der Kommunistischen Plattform der Linkspartei.PDS: März 2007, S. 3-9.

[2]  Ellen Brombacher, Thomas Hecker, Jürgen Herold, Friedrich Rabe, Werner Wüste (Hrsg.): Klartexte. Beiträge zur Geschichtsdebatte, Verlag am Park, Berlin 2009, ISBN 978-3-89793-230-2, 400 Seiten. Dort auf S. 38-47 von den genannten Autoren: Fünf Überlegungen zum Umgang mit Geschichte.

[3] Siehe auch: Klartexte (ebd.). Gemeinsame persönliche Erklärung von Prof. Michael Benjamin, Ellen Brombacher, Thomas Hecker, Prof. Heinz Karl, Dr. Heinz Marohn, Sahra Wagenknecht, S. 48-50.

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Nina Hager zum 80. Geburtstag von Egon Krenz

Er gilt den bürgerlichen Medien immer noch als „Honeckers Kronprinz“, als DDR-Nostalgiker und SED-„Betonkopf“, der – unbelehrbar – nach wie vor zum Sozialismus stehe. Egon Krenz, im Herbst 1989 letzter Generalsekretär der SED, wurde am vergangenen Sonntag 80 Jahre alt. In seinem Heimatort Ribnitz-Damgarten zwischen Rostock und Stralsund wird er diesen Geburtstag aber eher ruhig begangen haben. Wenige Tage zuvor war seine Frau Erika, mit der er  fast 56 Jahre zusammengelebt hatte, gestorben.
Geboren wurde Egon Krenz am 19. März 1937. Mit 16 wurde er Mitglied der FDJ, in der er von Anfang an aktiv war. 1961 wurde er Sekretär des Zen­tralrates der FDJ. Seine guten Russischkenntnisse erwarb er sich gewiss auch während seines Studiums von 1964 bis 1967 an der Parteihochschule der KPdSU in Moskau.
Später arbeitete Egon Krenz wieder als Sekretär im Zentralrat der FDJ, von 1971 bis 1974 war er zugleich Vorsitzender der Pionierorganisation. Von 1974 bis 1983 hatte er die Funktion des Ersten Sekretärs des Zentralrates der FDJ inne und übernahm zunehmend auch Funktionen in  der SED, wurde Mitglied des Zentralkomitees (1973), Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK (1983), Stellvertreter des Vorsitzenden des Staatsrates.
Im Herbst 1989, als die SED und ihre Führung bereits weitgehend ihre Handlungsfähigkeit eingebüßt hatten, wurde er am 18. Oktober Nachfolger von Erich Honecker als Generalsekretär und wenig später auch als Staatsratsvorsitzender. Für viele Mitglieder der Partei war das – angesichts der sich täglich dramatisch verschlechternden Situation – damals eine viel zu späte Entscheidung. Handlungsspielräume blieben kaum. Doch auch durch sein Handeln verhinderte er, dass es im Oktober und November zum Schusswaffeneinsatz bei Demonstrationen und der Grenzöffnung kam. Die Entwicklung war nicht mehr aufzuhalten, als am  9. November 1989 die Staatsgrenzen nach Berlin-West und zur Bundesrepublik geöffnet wurden.
Am 3. Dezember 1989 trat das Politbüro des ZK der SED geschlossen zurück. Ein Arbeitsausschuss wurde eingesetzt, der einen Sonderparteitag vorbereiten sollte. Egon Krenz gab am 6. Dezember auch den Vorsitz des Staatsrates ab. Im Januar 1990 legte er sein Volkskammermandat nieder. Er wurde – wie andere verantwortliche Genossen – aus der inzwischen umbenannten SED-PDS unter Gregor Gysi ausgeschlossen.
Nach 1990 wurde er, wie auch viele andere, die in der DDR Funktionen übernommen hatten, ausgegrenzt und juristisch verfolgt. Als Mitglied des Politbüros und verantwortlicher ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen, Jugend, Sport, Staats- und Rechtsfragen wurde er – gemeinsam mit den früheren Mitgliedern des Politbüros Werner Kleiner und Günter Schabowski – wegen der Todesopfer an der Staatsgrenze der DDR (laut Anklage „innerdeutsche Grenze“) nach Berlin-West und zur BRD angeklagt. Die Verfahren gegen weitere Mit­angeklagte mussten wegen Todes bzw. Verhandlungsunfähigkeit eingestellt werden. Egon Krenz verteidigte sich vor Gericht brillant, wies Vorverurteilungen und Geschichtsfälschungen zurück, wies nach, dass weder die Anklage noch das Gericht Entlastendes zur Kenntnis nahmen. Mehrfach gab es Beifall von Zuhörern, unter ihnen auch immer mehrere Mitglieder der DKP, denen prompt die richterliche Drohung folgte, den Saal räumen zu lassen. Mit Sicherheit spielte diese unbeugsame Haltung bei der Strafzumessung eine entscheidende Rolle: Im August 1997 verurteilte eine große Strafkammer des Landgerichts Berlin Egon Krenz „wegen Totschlags in vier Fällen“ zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten. Diese musste er Anfang 2000 antreten und blieb vier Jahre gefangen.
Doch beugen ließ er sich nicht. Das konnten auch viele Besucherinnen und Besucher der Pressefeste der UZ, auf denen er an Diskussionsrunden teilnahm,   feststellen. Noch heute ist er aktiv, schreibt Bücher, diskutiert, hält Vorträge – demnächst in Minsk.
In den bürgerlichen Medien wurde ihm in den letzten Tagen – soweit sie überhaupt Notiz nahmen – angekreidet, dass er nach wie vor zum ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden, zur DDR, steht und die Legitimität des Sozialismus verteidigt. Dabei ist er kritisch, sucht er nach Ursachen der Niederlage und Antworten auf die Frage, was „ist bewahrenswert am gewesenen Sozialismus, und was darf sich nicht wiederholen?“: Angekreidet wird ihm, dass er sich gegen die Verfälschung der Geschichte wendet. Angekreidet wird ihm, dass er nach wie vor im Sozialismus die Zukunft sieht.
Das gerade gefällt uns an Egon.

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Uli Brockmeyer,

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

eu militarisierungAn diesem Samstag treffen sich in Rom wieder einmal die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten der Europäischen Union – diesmal sogar mit päpstlichem Segen, um allen in der Welt zu zeigen, wie christlich es zugeht in »Europa«. Anschließend will man den 60. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge feiern, also des Dokuments, das angeblich die Grundlage für die heutige Europäische Union legte.

Das ist pure Geschichtsfälschung, heutzutage auch »fake news« genannt. Denn die eigentliche Grundlage der heutigen EU war der 1951 zwischen Frankreich, Italien, Luxemburg, Belgien, den Niederlanden und Westdeutschland geschlossene Pakt zur Schaffung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, auch Montanunion genannt, bei dem es um die Aufteilung der Ausbeutung der Kohlevorkommen und die Sicherung der Stahlproduktion ging. Wenige Jahre nach dem verheerenden Krieg war das nicht nur nützlich für die wichtigsten westeuropäischen Konzerne, sondern auch für das Wiedererstarken des deutschen Imperialismus. Bereits hier wird der wichtigste Gedanke des engeren Zusammenwirkens der westeuropäischen Industriestaaten deutlich: Es ging um die Schaffung der günstigsten Bedingungen für die Erzielung größtmöglicher Profite.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Anders als vor 66 Jahren werden dem Ganzen heute einige Sahnehäubchen aufgepappt, die das Projekt angenehmer aussehen lassen sollen. Inzwischen hat man zum Beispiel die Idee hinzugefügt, die EU sei ein »Friedensprojekt«, und die dafür losgetretene Propaganda hat sogar zur Verleihung eines Friedensnobelpreises geführt. Und die Chefs der EU werden nicht müde, ständig über den sozialen Charakter der EU zu palavern, obwohl so gut wie alle verfügbaren Daten – sofern sie nicht durch die EU-Strukturen den jeweiligen Notwendigkeiten angepaßt wurden – das genaue Gegenteil zeigen. Angeblich wurde der Euro eingeführt, damit »die Menschen« bei Reisen ins Euro-Ausland nicht mehr an der Grenze ihr Geld umtauschen müssen. Und der Vertrag von Schengen soll »den Menschen« das Warten an den Grenzen ersparen.

Lügen über Lügen. Der Euro dient in erster Linie der Freiheit des Waren- und Kapitalverkehrs, und mit Schengen ist es nicht anders. Wenn dabei auch eine Erleichterung für »die Menschen« herauskam, dann war das keineswegs Absicht, sondern eine Art Nebeneffekt.

Seit der Einverleibung der zuvor sozialistischen Staaten Ost- und Mitteleuropas spricht man gern vom »geeinten Europa«. Tatsächlich war damals den meisten Osteuropäern dieses »Europa« herzlich egal. Geködert wurden sie mit dem Versprechen von umfangreichen Geldflüssen und der Möglichkeit, »im Westen« arbeiten zu können. Inzwischen haben tatsächlich rund 20 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen, um »im Westen« ihr Geld zu verdienen, nachdem ihre Länder weitgehend von der lästigen Industrie befreit wurden.

Die heutige EU ist in einem bejammernswerten Zustand, falls man wirklich zum Jammern aufgelegt sein sollte. Wirtschafts- und Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Eurokrise, Brexitkrise sind zur Genüge beschrieben worden, auch die untauglichen Versuche, dieser Krisen Herr zu werden, bis hin zur Militarisierung des »Friedensprojekts EU«.

Nun will die Führung der EU über ein Weißbuch mit fünf Strategien diskutieren lassen, auch über einen »Grundpfeiler sozialer Rechte«, wie Herr Juncker verriet. All das wird nichts daran ändern, daß diese EU nicht zu verändern ist – weder durch Strategiedebatten noch durch »Reformen«. Bevor uns das ganze Projekt um die Ohren fliegt, sollten wir nach Wegen suchen, das Gebilde aufzulösen und durch eine Struktur zu ersetzen, bei dem diejenigen, die die Werte schaffen, auch über deren Verteilung bestimmen dürfen.

 

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Durchbruch durch acedia

 

Ein Essay von Harry Popow

NRhZ-Online

„Trägheit, lateinisch acedia, der wir alle unterliegen (…) ein Zustand,
den schon die alten Buddhisten reflektierten,
ob Versenkung und Meditation denn auch Tun sei,
oder, wie man heute sagt, Lethargie,
uneffektives Verhalten, Gleichgültigkeit, (…)
Durchbruch durch acedia.“ (1

Ein Herr Kluge schreibt an gleichgesinnte gute Freunde im Internet:

Lieber ALEX, liebe Lotti, entschuldigt bitte, dass ich mich in der letzten Zeit wenig bei Euch per Mail gemeldet habe. Aber jetzt drängt es mich. Will etwas schreiben zum Auseinanderdriften zwischen Wort und Tat, zwischen Denken und Tun, zwischen Glotzen und Klotzen. Dazu ein winziges aber typisches Beispiel. Habe nämlich neue Freunde gefunden. Und zwar jede Menge. An die 800! Dufte, sag ich Euch. Ihr glaubt es nicht. Und mit allen verstehe ich mich bestens. Glaube ich. Warum? Die melden sich bei mir per Mail einfach so an. Wollen meine Freunde werden. Und ich tippe auf Bestätigung. Und schon habe ich einen neuen Freund, obwohl ich ihn nie gesehen, geschweige denn gesprochen habe. So schnell geht das. Ihr kennt das sicherlich. Also erwarte ich eine zünftige Kommunikation. Einen Austausch von Gedanken. Über all das, was so in der Welt passiert, was den normal Sterblichen so bewegt. Aber die Stunden und Tage vergehen. Wenn man mich schon bittet, jemandes neuer Freund zu werden und ich dem zustimme, dann lauere ich auf Fragen. Warum er wohl mich ausgewählt hat. Schließlich bin ich ein kleines Nichts wie andere auch. Oder bilde ich mir ein, meine oft ins Netz gestellten kritischen Buchrezensionen reißen jemanden vom Stuhl? Und wenn, dann soll er das sagen. Würde mich freuen. So jedenfalls passiert es mir in sozialen Foren. Und nun facebook. Der Dialog bleibt aus. Nichtssagende gegenseitige Glückwünsche – was ja schon viel bedeuten kann – beherrschen das Netz. Manchmal kommt eine Bitte um ein „gefällt mir“ zu einem der gesendeten kurzen Infos oder Fotos. Ich schicke als Diskussionsthema dann unverschämterweise gleich einen längeren Artikel. Aber der geht meistens im Äther verloren. Oder wollen die neuen Freunde den nicht lesen? Oder können sie nicht lesen? Ich habe den Eindruck, sie stehen bei Facebook wie vor dem Spiegel und begrüßen sich selbst, ihre eigene Erscheinung. Selbstdarstellung. Selbstinszenierung. Guckt mal, wer ich bin. Ich! Genau, das ICH ist das Problem. Im Labern sind manche ICHS wahre Weltmeister. Aber es ist auch sehr menschlich, wer will das bestreiten?

Nun will ich´s wissen. Ein letzter Versuch, diese Art von „facebook-Freunden“ miteinander und mit mir bekannt zu machen. Ich male mir folgenden Traum aus: Wie wär´s, einige der neuen und unbekannten „Internetfreunde“ zu mir einzuladen, zu einer Party. Das klappt. Tage später steigen die Gäste die Treppe zu mir hoch. Ich staune nicht schlecht, sie halten bereits das Smartphone in der Hand. Schweigend. Ihr starrer Blick auf die leuchtenden Schriftzüge gerichtet. Sie sagen kaum guten Tag. Ich sperre alle in ein Extra-Zimmer, damit sie „telefonieren“ können was das Zeug hält. Nach einer halben Stunde scheinen sie ihre „Gespräche“ beendet zu haben. Oder? Ich lade sie ein ins Wohnzimmer. Zu Kaffee und Kuchen. Sie nicken dankbar. Keine Fragen. Auch nicht zum Grund der Einladung. Auch nicht zu den paar Büchern, mit denen du sie eigentlich überraschen willst. (Dann lasse ich´s lieber, denn mir entgeht nicht deren abschätziges Grinsen.) In die nahezu atemlose Stille dringt lediglich das sehr menschliche Schmatzen und Schlucken. Die Augen aller sind aber unentwegt starr auf ihre Handys gerichtet. Wann kommt die nächste Info?

Meine verwunderten Blicke sagen ihnen, ich bin schon sehr ergraut. Sie lassen das Grinsen und denken sich ihren Teil. Eh, was verstehen die schon? Die Alten? Nicht mal ein Smartphone haben die. Können per facebook nicht mal ein freundliches „gefällt mir“ senden. Wissen mit diesem Medium nichts anzufangen, erst recht nicht mit messenger, dem fixen Hohlheitsgeflüster zwischen „Freunden“. Die Alten – sie essen keine Bio-Ware. Sie sind keine Veganer, die keiner Fliege etwas antun, lieber wird diese in einem Becher gefangen und auf dem Balkon wieder in die Freiheit entlassen. Sie meditieren nicht und beten auch nicht, in der blinden Illusion, die Gesellschaft möge sich verändern. Stattdessen machen sie mobil gegen das politische Establishment, rufen zu Protesten auf. Doch das bringt doch nur Stress. Wer will das schon? Sie lesen noch richtige Bücher, fragen viel und hören noch zu, wenn andere etwas sagen. Sie suchen nach Gründen und Motiven des Verhaltens und Denkens. Sie empören sich, wenn Deutsche wieder mit dem Säbel rasseln und das Rüstungsetat hochschrauben. Sie verkapseln sich nicht und schlagen sinngemäß ihre Wohnungstür nicht zu, wenn Politisches anklopft. Sie sind halt die Alten…

Lieber ALEX, liebe Lotti: Ich frage mich und Euch, die Ihr ja auch so alt seid wie ich: Woher kommt so manche Abstinenz? Das rücksichtslose Niedertrampeln von Sinn und Inhalten? Das resolute Abrücken von der Realität? Der jubelnde Beifall für die größte Banalität, für Klischees, für substanzlose, inhaltsleere Streifen im Fernsehen? Man spürt, wie sehr Krankheiten, Sex, Fressen, Morde und Vergewaltigungen die Schirme oder auch die Theaterbühnen beherrschen. Wir wissen ja, dass die Medien Waren sind, die sich verkaufen müssen. Das nennt sich dann Freiheit. Wer wüsste das nicht. Aber im Ernst: Woher kommt das kotzüble Zeug der Leere? Die „In-sich-Zurückgezogenheit“, ja, Einsamkeit? Warum hat sie von vielen Leuten Besitz ergriffen? Gewiss, der Alltagsstress – vor allem im Beruf – wird sie niedergedrückt haben. Und vor allem die Ziellosigkeit in der Gesellschaft. Das Blabla von wegen Demokratie, Freiheit, Terrorismus und absichtsvoll herbei definierte Kriegsgefahr. Wohin führt die absolut hochgepeitschte marktgetriebene Gesellschaft, in der einer des anderen Konkurrent geworden ist, angepasste Masken auf der Jagt nach immer mehr… Am besten, man taucht ab. Zurück in eine religiöse Gemeinschaft von Leichtgläubigen und Tatenlosen? Oder?

Durch Zufall stoße ich im Internet auf einen mir bislang unbekannten Verein. Der nennt sich Achtsamkeit. Dort wird gepredigt, du sollst deinen Blick in dieser stressigen Welt nach innen richten, auf den Augenblick, den Moment anerkennen. Nicht rückwärts schauen, nicht vorwärts. Nur sich selbst sehen. Wie atme ich? Ein und aus. Schön langsam. Man beobachte sich, horche in sich hinein, analysiere jeden Atemzug, jedes Jucken im Leib. Nicht verändern wollen, denn daraus folgt bereits wieder hochgradiger Stress, den du ja vermeiden willst. Also Inaktivität nach außen. Abwarten was kommt. Auch dieser wohlgemeinte Rat an diejenigen, die beispielsweise unter starken Schmerzen leiden: Das seien oft nur eingebildete Wehwehchen. Man denke nicht an sie. Einfach wegstecken. Und dieses Gelaber soll man einfach so tolerieren? Das geht entschieden zu weit. Ich denke, da könnten doch mindestens die Hälfte aller Schmerzpatienten umgehend aus Krankenhäusern entlassen werden. Meditiere zu Hause und das Problem ist gelöst.

Dalai Lama soll gepredigt haben, achtjährigen Kindern möge man das Meditieren lehren. Nach drei Generationen gäbe es keine Gewalt mehr. So so!! Achtsamkeit, so sage ich mir, ist doch wohl eine der großen Verführungsmethoden zum Stillhalten, zum Innehalten, zum Schnauze halten zu dem, was die Politik zum Niederhalten von sozialen Protesten und für höhere Gewinne so treibt. Daniel Strassberg (Psychiater, Psychoanalytiker und Philosoph) meinte kritisch: Man fühlt sich fremdbestimmt und besinnt sich wieder auf sich. Doch letztlich haben auch solche Aussagen über den Zeitgeist etwas Triviales. Ein politischer Protest ist zudem nicht erkennbar, ebenso wenig eine gemeinsame Utopie, dafür wird Achtsamkeit zu selbstbezüglich ausgelegt. Und der Soziologe Hartmut Rosa kritisiert, die Achtsamkeitsbewegung sei unpolitisch und schiebe das Problem, sich in einem beschleunigten System der Arbeit zu behaupten, dem Einzelnen zu.

Ich frage mich, kriegen wir auf diese Art den ewigen Frieden hin? Andere Machtverhältnisse? Die Abdankung der Kapitaleliten? Keine Gewalt mehr? Warum erst jetzt, da das Meditieren offenbar so uralt ist wie die Menschheit? Müssten da nicht die Weltprobleme im Sinne der arbeitenden Menschen längst gelöst sein?

Kurz und gut: Ich bin wieder bei Euch, lieber ALEX und liebe Lotti. Beinahe wäre das Nur-Glotzen und nur Labern über mich gekommen. Immerhin beeindruckend und lähmend genug, wenn man nicht dagegenhält. Ich habe mich kurzentschlossen bei facebook als Nutzer löschen lassen. Somit verliere ich den doch zu blassen und nichtssagenden Kontakt zu „Freunden“, die – von sich felsenfest überzeugt – unbemerkt für sie selbst, längst die Flucht aus der Wirklichkeit angetreten haben. Oder ist das nur eine formale und ungerechtfertigte Unterstellung gegenüber jenen, die sich mit einem hohen Schutzwall gegen geistige Ansprüche zur Wehr setzen? Die sich mit Mauern des Stumpfsinns vor zu viel Nachdenklichkeit schützen, die im Sumpf der Medienmanipulationen abhanden gekommen ist? Geistige Regsamkeit nur als Konsument bis zum nächsten Geschäft? Und wenn sie sich dagegen auflehnen? Dann wird man ihnen schnell mal das Markenzeichen eines Verdächtigen oder gar „Gefährders“ ans Zeug flicken.

Natürlich – die Erfinder und Prediger des Neoliberalismus reiben sich die Hände. Du sollst gefälligst – da der Sozialstaat zu teuer ist – nur Beobachter sein, für dich selbst sorgen und weder werten noch urteilen, schon gar nicht etwas verändern wollen in dieser Gesellschaft. Die nach Selbstdarstellung strebenden vereinzelt auftretenden facebook-Freunde und die mit Meditation die Welt nicht vordergründig verändern wollenden Fanatiker des Scheuklappengeschwaders sind mit ihren Fluchtversuchen aus der Wirklichkeit hoch willkommen und leicht in die Irre zu führen. So bekommt jeder, was er verdient. Auch mit der Waffe in der Hand. Und: Achtsamkeit ist ein gutes Geschäftsmodell, das den Weg zu eigener Erkenntnis erschwert. Glotzt also weiter in die Welt, bis es nichts mehr zu glotzen gibt… Doch eure Mitschuld werdet ihr nicht mehr wahrnehmen können.

Ehrlich, ich halte es in diesem Fall lieber mit einer Mahnung des Philosophen Wolfgang Fritz Haug: „Individuen müssen die Grenzen ihres Berufes, ihrer fachlichen Spezialisierung und zugleich die der Privatheit überschreiten, um Intellektuelle zu werden. Intellektueller ist nicht bloß ein weiteres Steinchen im horizontalen Mosaik der Berufe.“ (siehe “junge Welt“ vom 2./3. Mai 2009, Seite 10, „Rückkehr kritischer Potenz“)

Allerdings würde es reichen, ein politisch aktiver Bürger zu werden.
Labere ich etwa zu viel? Es bleibt dabei: Durchbruch durch acedia.

ALEX und Lotti, wir bleiben in Verbindung. Mit Euch lohnt es sich… Euer Gesinnungsfreund Kluge

Fussnote:
1 Quelle: Buchverlag der Morgen: „Mir scheint, der Kerl lasiert. Dichter über Maler“, 1978, (Hrsg: Joachim Walther, Zitat von Gerhard Wolf)

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Ein Vortrag von Konrad Farner

farnerDer große Marxist Bertolt Brecht (1898-1956) meinte in finsteren Zeiten: „Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine / Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag“. Den Beginn des historischen Prozesses zur Befreiung von Abermillionen Menschen von Unterdrückung, Ausbeutung und Versklavung, von Ausgrenzung, Verdummung und Manipulation durch die skrupellose und kriegerische Gier einer kleinen reichen Eliteklasse mit ihren korrumpierten politischen und ideologischen Lakaien hat die Oktoberrevolution 1917 eingeleitet, auch wenn die Gegenwart von einem scheinbar unumkehrbaren Rückschlag gekennzeichnet ist.
Der im Auftrag der USA im November 1989 in El Salvador ermordete, marxistische denkende Befreiungstheologe Ignacio Ellacuría SJ (1930-1989) analysiert, dass die „Kreuzigungssituation“ der ungeheuren Menschheitsmehrheit einer sozialen Ordnung entspringt, „die von einer Minderheit gefördert und aufrechterhalten wird. Diese Minderheit übt ihre Herrschaft durch ein Ensemble von Faktoren aus, die als solches Ensemble und in ihrer konkreten historischen Wirklichkeit als Sünde betrachtet werden müssen“. Als revolutionärer Christ lässt Ellacuría es nicht mit einem barmherzigen Blick auf diese elendiglichen historischen Verhältnisse bewenden, denn die „Tatsache der Kreuzigung und des Todes allein ist keine Erlösung“. Nur die Volksmassen selbst könnten sich aus den Ketten befreien und „durch die völlige Wiedergewinnung des Menschen“ ihren Beitrag bei der Schaffung des neuen Menschen und der neuen Erde leisten.
1957 hat der Zürcher Marxist Konrad Farner (1903-1974) in seinem Vortrag in der Partei der Arbeit der Schweiz das der Oktoberrevolution zugrunde liegende Prinzip der universalen Befreiung der Menschheit herausgearbeitet. Die Erinnerung und Kenntnis seines Textes möge der Vergiftung durch die in den Medien durch GefälligkeitshistorikerInnen für das herrschende System aufbereiteten Sinndeutungen entgegenwirken.

Gerhard Oberkofler

 

Konrad Farner spricht am 7. November 1957 auf einer Versammlung der Züricher Partei der Arbeit der Schweiz

Werte Freunde und Genossen!
Wir sind heute am 7. November 1957 zusammengekommen, um des vierzigsten Jahrestages der russischen Revolution vom Oktober-November 1917, die man in der Geschichtsschreibung als die „Grosse Sozialistische Oktober-Revolution“7 bezeichnet, zu gedenken. Und so erwartet Ihr von mir gewiss eine Art Festrede, oder eine kurze Schilderung des gewaltigen Ereignisses, oder einen knappen Abriss der Begebenheiten, die dieses historische Datum erfassen und umfassen. Ich muss Euch enttäuschen, weil dem nicht so sein wird; denn ich halte dafür, dass man dergleichen in diesen Tagen zur Genüge hören und lesen kann, Für und Wider, Richtiges und Falsches, Gescheites und Dummes. Und ich vermeine weiter, dass man anlässlich dieses Datums meist allzustark eben nur bei diesem Datum verbleibt, und dass man somit die universale Perspektive des Vorher und des Nachher einschränkt. Mit andern Worten: der menschheitsgeschichtliche Horizont rings um das Zentrum des Russischen Oktober wird kaum in seiner ganzen Weite betrachtet, weil die mögliche Höhe des Sichtpunktes zu wenig genutzt wird.
Wohl ist auch diese Revolution ein historisches Ereignis unter unzähligen andern Ereignissen, ist auch diese Revolution eine der grossen Revolutionen, die die Welt erschütterten – und es bedeutet nicht Willkür oder Überheblichkeit, wenn die sozialistischen Historiker sie als die „Grosse Russische Revolution“ betiteln, wobei die Pronomen eben gross geschrieben werden, gleich der „Grossen Französischen Revolution“ des 18. Jahrhunderts, die von den bürgerlichen Geschichtsschreibern auch so bezeichnet wird, gleich der Revolution [Oliver] Cromwell’s [(1599-1658)] im 17. Jahrhundert, die in England ebenfalls das schmückende Beiwort „Gross“ trägt – ein jeder Stand, eine jede Klasse, eine jede Nation ehrt die ihrige Sache mit einem Epitheton.
Ist jedoch die Grosse Englische Revolution als der politische Durchbruch des Bürgertums vorab ein Ereignis der britischen Inseln, ist die Grosse Französische Revolution des Jahres 1789 in der Hauptsache eine Begebenheit des europäischen Kontinents und ebenfalls ein Politikum der bürgerlich-kapitalistischen Klasse, so ist die Grosse Russische Revolution von 1917 weit mehr. Zwar ist auch sie die Revolution einer Klasse, der Arbeiterklasse, aber diese Klasse will nicht nur die eigene Klasse verwirklichen, sondern ihr Ziel ist, ihre eigene Klasse durch die Verwirklichung aufzuheben, um zuletzt eine Gesellschaft ohne Klassen aufzurichten. Und ebenfalls ist diese Revolution eine nationale, eben einer russische Revolution, aber sie will zugleich das Fanal zu einer Welt-Revolution, eine Revolution für alle Arbeiter und für alle Völker und für alle Kontinente sein. Noch mehr: Diese Grosse Sozialistische Oktober-Revolution ist nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ anderer Art, als all die vorherigen Revolutionen. Sie will nicht nur im Namen aller Völker und Nationen siegen, also im Namen der ganzen Welt, nicht nur im Namen der Arbeiterklasse, sondern sie will im Namen aller Menschen, der ganzen Menschheit sprechen.
[Und sie erfasst sie auch. Nicht nur, dass durch diese Revolution erstmals das Volk als Ganzes siegreich direkt zur politischen und sozialen Macht gelangt – das Volk ist hier eben mehr als nur das russische Volk oder die Völker der Sowjetunion, es ist auch das Volk Chinas oder Bulgariens, das Volk Vietnams oder der Mongolei … es ist das Volk der Welt. Aber nicht nur dies: der arbeitende Mensch als solcher arbeitet erstmals in seiner Geschichte für sich und zugleich für alle, ist also der Ausbeutung durch Arbeit ledig und ist zugleich aktiver Teilhaber der Arbeit im umfänglichsten gesellschaftlichen Sinne.]8
Vordem war das Volk in der Hauptsache Objekt der politischen Handlung, wenn auch wichtigstes Objekt, war es Mittel zum Zweck, indem es einer herrschenden Klasse diente, gleichgültig ob als Sklave oder Gefangener in der Antike, ob als Leibeigener und Höriger im Mittelalter, ob als Proletarier und Lohnarbeiter in der Neuzeit, gleichgültig ob als Stammesvolk unter dem Stammesfürsten, als Landesvolk unter dem Landesfürsten, ob als Wähler in der bürgerlichen Nation mit parlamentarischer Demokratie, die im Grunde nur ein Klassenregiment aufrecht hält, dasjenige der Bourgeoisie. Jetzt aber soll durch diese Oktober-Revolution erstmals das Volk als Gesamtheit nicht nur politisch-formal, sondern auch sozial-inhaltlich, also im direktesten Sinne des Wortes vollinhaltlich der Maßstab der gesellschaftlichen Werte werden. Vordem war die Arbeit des Menschen in der Hauptsache eine mehrwerterzeugende Leistung der Mehrheit zugunsten einer Minderheit; jetzt soll sie durch diese Oktober-Revolution erstmals eine mehrwerterzeugende Leistung aller für alle werden, und der Mehrwert wäre zuletzt nur noch direkter Wert.
Noch mehr: Vordem waren die wichtigsten Produktionsmittel im Besitz Weniger, die sie scheinbar im Interesse Aller handhabten, während das Interesse der Wenigen doch das Primat gegenüber dem Allgemeininteresse beanspruchte und auch besass. Jetzt soll dieses Interesse in jeglichem Ausmass allein das Interesse der Gemeinschaft werden. Vordem waren Grund und Boden in der Hauptsache Privateigentum, Objekt individuellen Gewinnstrebens. Jetzt soll nach dieser Oktober-Revolution erstmals seit der Frühzeit des Menschen das Privateigentum an Grund und Boden aufgehoben und dem individuellen Gewinnstreben, der privaten Macht und Willkür und Spekulation entzogen werden.
Noch mehr: Vordem waren Grenzen der Produktionskräfte durch die Interessen der sie besitzenden und dirigierenden, also der herrschenden Klassen gezogen, gleichgültig, ob es sich um die Ausweitung oder um die Einschränkung dieser Kräfte handelte. Jetzt sollen durch diese Oktober-Revolution alle Grenzen, die Privat- und Klasseninteressen gezogen, aufgehoben – ein angesichts der modernen Nuklear-Energie und der Raumfahrt immens wichtiger, wenn nicht der wichtigste Faktor für die künftig ungehinderte Entwicklung der Technik und der Wirtschaft.
So vereinigen sich in direktester Nachfolge der Grossen Russischen Revolution von 1917 wie noch nie in der bisherigen Menschheitsgeschichte die quantitativ weitgreifendsten und qualitativ tiefgreifendsten geschichtlichen und gesellschaftlichen Energien, um eben die Menschheitsgeschichte in einem Masse vorwärts zu treiben, wie sie die Geschichte noch nie erlebt. Erstmals werden alle Völker und Rassen über alle Bekenntnisse und Hautfarben hinaus ergriffen; erstmals werden alle Länder und Staaten über alle Gebirge und Meere hinweg erfasst, werden sie, ob ökonomisch und sozial und politisch fortgeschritten oder rückständig, in das gleiche Kraftfeld hineingestellt, gleichgültig, ob sie diese neue Zentralkraft anerkennen und selber erweitern, oder ob sie diese negieren und mit voll Energie bekämpfen, gleichgültig, ob sie von ihr wissen oder ob sie abseits zu stehen vermeinen. Dieses Kraftfeld überlagert nun unweigerlich die Kontinente, die ganze Welt, und es steht, seiner alles überlagernden Natur gemäss, im Mittelpunkt aller gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Gegenwart. Es erfasst das Weltproletariat als das heute treibende menschliche Element, es erfasst die fortgeschrittene Nuklear-Technik mitsamt der die bisherigen Raumgrenzen überwindenden Welt-Raketen, es erfasst die modernste Weltanschauung, die die Gesetze der Menschheitsentwicklung wissenschaftlich erkennen und sie planmässig im grössten Maßstab auf die Zukunft anwenden will.
Wahrlich, noch nie ist der Mensch in solcher Zahl, ist die Technik in solcher Potenz, ist die Weltbetrachtung in solcher Wissenschaftlichkeit, sind diese drei wichtigen Mächte in solch direktem Masse aufs engste vereinigt worden. – Und diese Vereinigung verwirklichte sich erstmals in der Grossen Sozialistischen Oktober-Revolution des Jahres 1917.
Das alles ist aber nur die eine Seite dieses gewaltigen, wirklich einmaligen geschichtlichen Phänomens, die sofort offensichtliche Seite, ich möchte sagen: die materielle, die physische Seite. Die andere Seite ist ebenso gewaltig, wenn nicht noch gewaltiger: die geistige, die psychische Seite. Mit andern Worten: erstmals seit dieser Russischen Revolution von 1917 wird das Wagnis unternommen, den Aufbau einer vollumfänglichen kommunistischen Gemeinschaft zu beginnen, einer Communio, die nicht nur kleine Gruppen oder Bezirke erfasst und verpflichtet, sondern einen Kontinent und dann die Kontinente. Erstmals wird das Wagnis im grossen Maßstab unternommen, den uralten Traum der Menschheit zu verwirklichen, den Traum von einer menschlichen Gesellschaft, die dem Einzelnen wie auch der Gemeinschaft in natürlicher Wechselwirkung die Ordnung und den Raum zuspricht, die innere und äussere Freiheit ermöglicht, sein Können zugunsten seiner selbst und zugleich aller freisetzt. – Ich sage ausdrücklich: es wird das Wagnis unternommen.
Aber nur schon der Beginn in solch riesigem Maßstab ist heroisch. Denn es ist der bewusste Beginn dessen, dass nur der Mensch selber es sein kann, der diese menschliche Gesellschaft ordnet. Es ist der bewusste Beginn dessen, dass nur der Mensch selber die menschliche Geschichte tätigt, dass nur der Mensch selber das Reich des Menschen als alles erfassende Communio aufrichtet. Es ist der bewusste Beginn dessen, dass der Mensch, der die Götter und Gott in historischer Notwendigkeit angenommen, diese oder diesen nun wieder in ebensolcher historischer Notwendigkeit verlieren wird – wie sagt doch Thomas Mann [(1875-1955)]: „Den Göttern opferte man, und zuletzt war das Opfer der Gott!“.9 Es ist der bewusste Beginn dessen, dass der Mensch durch eigene Kraft die ungeheuerliche Selbstentfremdung, die über ihn gekommen, aufheben kann, dass er also die ihm gegebene Menschlichkeit wieder finden wird. Es ist der bewusste Beginn dessen, dass das Pflücken des Apfels vom Baume der Erkenntnis nicht falsch, sondern richtig war, und dass erst noch das verlorene Paradies wieder betreten wird, ein Paradies allerdings, das nicht nur den einen, sondern unzählige Bäume der Erkenntnis zu eigen nennt.10 – Es ist der bewusste Beginn all dessen.
Es ist also Wagnis und bewusster Beginn zugleich. Zwar ist dieses Wagnis als solches nicht erstmalig, aber es ist neuartig. Es ist neuartig, weil es die gesamte Welt erfasst und den herkömmlichen Raum sogar erweitert, in physischer und in psychischer Hinsicht; neuartig auch, weil es allein mit eigener menschlicher Kraft unternommen wird. Nicht mehr die Götter oder ein Gott, die Geister oder ein Weltgeist werden angerufen, nein, der Mensch allein macht sich zum Titan, um die Welt zu ändern – jedoch nicht mehr mit urtümlicher, chaotischer Gewalt wie die Kinder des Uranos,11 sondern mit gebändigter, planmässig gelenkter und wissenschaftlich geleiteter Kraft.
Noch mehr: Wurde durch [Nikolaus] Kopernikus [(1473-1543)] die Erde aus dem Mittelpunkt der Welt gerissen, wurde durch [Karl] Marx [(1818-1883)] der Mensch aus dem Mittelpunkt Gottes gerissen, so wird jetzt durch die Oktober-Revolution und deren Nachfolge der Mensch wohl in den Mittelpunkt seiner selbst gestellt, zugleich aber dieser Mensch wiederum als nur die eine Möglichkeit unter unzähligen des Weltraumes gesichtet: die Welt-Rakete sprengt auch hier alle bisherigen Grenzen und die Stellung des Menschen ist von neuer Art: er ist in seiner Dialektik mehr denn vorher und zugleich weniger als je.
Noch mehr: Die uralte Heilsgeschichte, die Spekulation über eine mögliche Erlösung vom Übel, Drangsal und Not, die das gesamte Leben der Menschheit durchzieht und die grössten Denker angeregt und beschäftigt, von den Hymnen des altindischen Rigveda über den Tao der frühen Chinesen, von den Sternenreligionen und Totenkulten der Babylonier, Assyrer und Ägypter über die Philosophie der Griechen, über das Alte Testament der Juden und die christliche Botschaft bis hin zum Gottesstaat eine Augustinus [(354-430 u. Z.)] und der gewaltigen Prophetie eines Joachim de Fiore [(1135-1202)], bis hin zu [Georg Wilhelm Friedrich] Hegel [(1770-1831)], dem grossen deutschen Philosophen am Beginn der Moderne, von den Utopien eines Platon [(427-347 v. u. Z.] im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und der >Sonneninsel< des spätantiken Jambulos [3. Jhd. v. u. Z.] über die Utopien des Thomas Morus [(1478-1538)] und des Thomas Campanella [(1568-1639)] und über Francis Bacon [(1561-1626)] >Neue Atlantis< im 16. Jahrhundert bis hin zu den Utopien der Aufklärer im 18.Jahrhundert und der Frühsozialisten im 19. Jahrhundert, bis hin zu [Ètienne] Cabet’s [(1788-1856)] >Reise nach Ikarien<, diese uralte und fortwährend neu gesichtete Heilsgeschichte und dieser ewige Traum werden jetzt, nachdem sie durch Karl Marx kühn der Religion und der Metaphysik entkleidet und als >physikalische< Geschichte in das menschliche Dasein gestellt, durch die Grosse Oktober-Revolution von 1917 als gesamtmenschliche Geschichte konkret getätigt: das Heil ist weiterhin Geschichte, aber das Heilsgeschehen ist direkte menschliche Realität, abseits aller Götter und aller Himmel; der Traum ist jetzt Wach-Traum, dessen Verwirklichung bewusst gelebt wird. Das Paradies ist nicht jenseitiges, sondern diesseitiges Ziel, ist nicht göttlicher Herkunft und göttlicher Natur, sondern menschlicher Herkunft und menschlicher Natur; Utopia ist nicht mehr ferne, unerreichbare Insel, sondern bereits betretenes Festland. Die Erlösung von allem Übel ist nicht mehr Gebet, sondern Wissen, ist nicht mehr das Werk der Götter oder eines Gottes, sondern das Werk des Menschen. Nur des Menschen! Alle früheren Aufstände und Revolten, Empörungen und Revolutionen, die das Los der Unterdrückten und Ausgebeuteten bessern wollten, die paradiesische Zustände herbeisehnten, standen irgendwie und irgendwo unter dem Zeichen überirdischer Mächte: die Anhänger des Spartakus12 glaubten an heidnische Gottheiten, die ihnen helfen würden, die mittelalterlichen Bauern und Handwerkergesellen fehlten zur Mutter Maria13 und zu den Heiligen um Beistand, die Bürger Cromwells handelten im Namen Christi14 und wähnten sich unter seinem besonderen Schutz, die Franzosen des Jahres 1789 verehrten die >Göttin der Vernunft< als die eigentliche Regentin der menschlichen Gesellschaft … die Menschen der Oktober-Revolution aber glauben nur an sich selber und an das Weltproletariat. – Welch kühnes, heroisches Unterfangen! Welch gewaltiges, neuartiges Unternehmen! Welche Furchtlosigkeit! Aber eben auch: welch ein Wagnis!15 Denn alle vorherigen Versuche brachten keine Erlösung von dem Übel, sondern endeten in der meist grausamen Niederlage, in Resignation und Verzweiflung, oder sie endeten bloss mit dem Sieg einer Minderheit auf Kosten der Mehrheit; oder sie endeten in der Gewissheit, dass nur durch Gott in einem Jenseits das Paradies, das wirklich Gute und Gerechte erreicht werden könne, ja, dass zudem noch die Götter oder Gott nach dem Menschen unfasslichem Plan die Menschen weiterhin durch Leiden prüfen, dass also das menschliche Übel göttlicher Sicht entspringe und daher auch nur durch göttlichen Willen, durch göttliche Gnade aufgehoben werde. – Und jetzt, seit dem Oktober 1917 will man von vorneherein den Sieg aller, nicht mehr den Sieg nur einer Klasse, will man sich zudem noch selber erlösen, bar göttlicher Hilfe, will man somit die Wurzel des Übels als eine Wurzel im diesseitigen, menschlichen Erdreich blosslegen und sie dann ausrotten. Wahrlich, welch ein Wagnis!16 Denn sollte es sich erweisen, dass diese Wurzel in Tiefen greift, die der Mensch nicht erreichen kann, oder sollte es sich erweisen, dass die Axt in der Hand zu schwach ist und zerbrechlich, oder dass der Mensch vorzeitig ermüdet und die Kraft also nicht besitzt, dieses gigantische Werk zu Ende zu führen …, sollte sich das erweisen, dann hätte sich doch17 herausgestellt, dass der Mensch sich nicht selber zu erlösen vermag, dass er also ewig unzulänglich bleibt und auf göttliche Hilfe angewiesen, dass er immer dem Übel und der Not ausgesetzt sein wird. Aber noch eine andere Schwierigkeit zeigt sich vor uns, ein Hindernis, das täglich, ja stündlich neu überwunden werden muss:18 die Zweifel der Menschen selber. Sind die einen von vorneherein gegen dieses nur menschliche Unternehmen19 eingestellt, betrachten sie dieses als einen verbotenen Griff nach den Sternen, als eine widergöttliche Auflehnung, als eine Überhebung und Vermessenheit des Menschen, die demnach satanisch ist und unweigerlich im Höllensturz enden wird; so halten die andern dafür, dass möglichst keine Änderung vorgenommen werden soll, weil diese doch nutzlos sei und nur zu schon Dagewesenem führe als >Ewige Wiederkunft des Gleichen<; so sind die dritten dagegen, weil sie selber als privilegierte gesellschaftliche Minderheit schon beim blossen Versuch ihre Vorrechte zugunsten aller abgeben müssten.
Aber auch diejenigen, die das Wagnis bejahen und sich daran aktiv beteiligen, sind nicht ohne Torheit und Unsicherheit, und ebenfalls unter sich nicht einig: die einen wollen in ihrem Enthusiasmus die vollumfängliche Tat heute noch zu sichtbarem Ende führen und die Pforten des Paradieses sofort erstürmen; es sind diejenigen, die dann angesichts dieses schwerwiegenden Irrtums aus Ungeduld und aus Unkenntnis der menschlichen Welt wie auch der Geschichte der Resignation verfallen oder sogar der Gegnerschaft. Andere vermeinen, dass, um das Gute und Gerechte zu erreichen, das Böse und Ungerechte statthaft sei, dass also der Zweck die Mittel heilige – sie wissen nicht oder wollen nicht wissen, dass dadurch das Böse nur gestärkt wird und das Gute in weitere Ferne gerückt oder sogar ad absurdum geführt. Die dritten nehmen an, dass alle diejenigen, die das Gute wollen und an diesem heroischen Versuch zugunsten des Guten aktiv beteiligt sind, schon allein dadurch gut seien, zumindestens besser als die anderen,20 und zu Schlechtem mehr oder weniger unfähig; sie verzweifeln dann angesichts des Umstandes, dass das Schlechte noch überall zuhause ist – sie gehen den Weg nicht mehr weiter oder verlassen ihn sogar. Noch andere wollen in ihrem Eifer die Heilstat ganz allein vollbringen, sie kapseln sich ab gegenüber der übrigen Welt, dünken sich erhaben und als ausgezeichnet, sie kennen als Sektierer und Puritaner nur ihren eigenen Horizont und verengen damit den Welthorizont, während es doch gilt, die Welt als Ganzes zu erfassen; sie gefährden damit die Veränderung der Welt, indem sie diese in falschem, eben zu kleinem Maßstab betrachten. Wieder andere gelangen aus lauter Gegnerschaft zur Ausschliesslichkeit und Starrheit geradezu in eine horizontlose Nebellandschaft hinein, in der sie sich dann nicht mehr zu orientieren vermögen und im fahlen Zwielicht jegliche Sache als gleichwertigen Wegweiser betrachten – sie laufen hin und her und nicht vorwärts, weil sie die Zielrichtung verloren.
Ja, die Schwierigkeit dieses Unternehmens ist unabsehbar gross und die Gefahren und Hindernisse sind zahlreich. Und so ist unumgänglich festzuhalten, dass nur die stark verankerte Einsicht in all diese Schwierigkeiten, das Wissen um all diese Hindernisse den Beginn zu rechtfertigen, das Wagnis zu sichern vermögen.21 Es ist die Einsicht dessen, dass der Mensch erst am Beginn dieses titanischen Unternehmens steht, dass er das Ziel nicht schon morgen und auch noch nicht übermorgen vollumfänglich erreicht und nicht allein durch kleinen Kreis, dass weiter das Böse noch überall das Szepter trägt, auch in den eigenen Reihen und oft bei den Besten der Genossen, dass weiter der Weg, obschon er durch dunkle steile Engpässe führt, über schründenreiche eisige Gletscher, an ungeheuerlichen Abgründen entlang, durch Gestrüpp und Dschungel mit Untier und Gezücht, dass dieser Weg gleichwohl begangen werden kann, ja, begangen werden muss. – Aller Beginn ist schwer, aber noch nie in der Menschheitsgeschichte war und ist der Beginn derart schwer, eben weil es der grösste Beginn überhaupt ist.
Werte Freunde und Genossen!
Wir befinden uns heute inmitten dieses Beginnes. Erst vierzig Jahre sind verflossen, seit dieser Beginn angefangen, vierzig Jahre! Weltgeschichtlich betrachtet, eine unendlich kurze Zeitspanne, persönlich gesichtet, eine ganze Generation, mehr als die Hälfte eines Menschenlebens. In diesen vierzig Jahren ist, wiederum, was die Entwicklung der Menschheit seit Anfang betrifft, noch wenig geschehen, was jedoch die Menschheit von heute belangt, unendlich viel. So müssen wir stets beide Sichten zu vereinen wissen, denn erste diese Doppelsicht gibt uns auch die Gewissheit, dass dieser Versuch des Menschen, den Menschen wirklich zum Menschen zu machen, auf sich selbst zu stellen und so frei zu stellen, die gegenwärtige und die gesamtgeschichtliche Wahrheit besitzt.
Wir, die wir hier zusammengekommen sind, um des Anfangs dieses grossen Beginnens zu gedenken, bezeichnen uns als aktive Teilnehmer an der Erbauung der menschlichen Communio, also als Kommunisten. Wir befinden uns hier noch in kleiner22 Minderheit, wir werden verleumdet und verfolgt; aber wir befinden uns gleichzeitig in grosser Mehrheit und werden geachtet und verteidigt, eben, weil wir auf der ganzen Welt, bei allen Völkern und Rassen, in allen Ländern und Staaten Freunde haben. Diese Freunde und wir wissen, dass die Menschheitsgeschichte bis zum Jahre 1917 unserer Zeitrechnung die Richtung auf die Oktober-Revolution hin genommen und von dort weg neu ihren Lauf begonnen: der Russische Oktober 1917 steht für uns23 im Mittelpunkt der Menschheit wie kaum ein anderes Ereignis in der bisherigen Weltgeschichte, zeitlich und geographisch, politisch und sozial, ökonomisch und kulturell. Er ist also das historische Ereignis der schlechthin, denn bis zu ihm war alles ungefähre Vorgeschichte, von ihm weg wird alles bewusste Vorgeschichte, um dann in die eigentliche Geschichte einzumünden – Geschichte verstanden als vom Menschengeschlecht vollumfänglich bewusst getätigte Gestaltung des menschlichen Lebens. Solchermassen findet sich der Oktober 1917 in der Menschheitsgeschichte, werte Freunde und Genossen.

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Lenins klare Strategie und bewegliche Taktik

Von Günter Judick

Lenin spricht im Taurischen Palast in Petrograd, 4. (17.) April 1917 (Foto: P. I. Wolikow/public domain)
Lenin spricht im Taurischen Palast in Petrograd, 4. (17.) April 1917 (Foto: P. I. Wolikow/public domain)

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Am 23. Februar ist unser Genosse Günter Judick nach langer und schwerer Krankheit im Alter von 87 Jahren gestorben. Günter hat viele Jahre lang die Geschichtskommission der DKP geleitet. Die UZ dokumentiert auf dieser Seite Auszüge aus einem Beitrag, den Günter auf der Konferenz „Die Oktoberrevolution 1917 – eine weltgeschichtliche Zäsur“ des Marxistischen Arbeitskreises zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung bei der Partei „Die Linke“ am 17. März 2007 gehalten hat.

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Die russische Revolution von 1917 war die größte Volksrevolution der Neuzeit. Innerhalb von acht Monaten durchlief sie in einem einheitlichen Prozess die Etappen der bürgerlich-demokratischen Umwälzung hin zur Errichtung der Macht der Arbeiterklasse in Form des Sowjetstaates. Sie veränderte die Welt, bestimmte für sieben Jahrzehnte maßgeblich die Geschichte des 20. Jahrhunderts. (…) Beide Etappen dieser ersten vom imperialistischen Krieg ausgelösten Revolution waren geprägt von Aktionen der Volksmassen, vor allem der Arbeiter und Soldaten, die in ihrer Mehrzahl in Uniform gesteckte Bauern waren. Was die Februar- von der Oktoberrevolution unterscheidet, ist das veränderte Klassenbewusstsein, die klare Zielstellung einer durch Theorie und praktische Erfahrung begründeten Strategie und eine starke Organisation der geschlossen handelnden Arbeiterpartei.

Die Februarrevolution war eine spontane Volksrevolution gegen den Zarismus und den Krieg. Viele, sehr unterschiedliche Kräfte wirkten zusammen. Der Krieg hatte alle Schwächen des zaristischen Systems sichtbar gemacht. (…) Selbst unter den engsten Stützen des Zarismus wollte man die Ablösung des Zaren, eine Auswechslung der Person durch einen anderen aus dem Herrscherhaus der Romanows, um den Zarismus als System zu retten. Die Kriegsverbündeten fürchteten um den Zusammenbruch.der Front im Osten Europas. Die Duma-Mehrheit aus den vorwiegend den Interessen des Kapitals verbundenen Parteien erhoffte von einem Thronwechsel Zugeständnisse für eine konstitutionelle, parlamentarische Regierungsform. Ausschlaggebend für den.Sturz des Zarismus war die Aktion der Petrograder Arbeiter, die gegen Hunger und Aussperrung durch die Unternehmer mit Massenaktionen auf den Straßen der Hauptstadt reagierten und dabei nach mehrtägigem Kampf auch die Soldaten der Garnison auf ihre Seite zogen. Es war also eine klassisch revolutionäre Situation, in der die da oben nicht mehr weitermachen konnten wie bisher, die da unten aber auch nicht mehr gewillt waren, sich der alten Herrschaft zu beugen. Doch den Arbeitern fehlte eine klare Führung. Zwar entstanden spontan auch die Sowjets als Machtorgan der Arbeiter und. Soldaten, doch an der Spitze standen Führer der Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die auf einen Pakt mit den kapitalistischen Parteien setzten und mit ihnen eine provisorische Regierung bildeten. In dieser Doppelherrschaft von Sowjets als Organ der revolutionären Massen und einer provisorischen Regierung der Bourgeoisie lag die Besonderheit der russischen Revolution. (…)

Die Bolschewiki im Februar/März 1917

Sozialrevolutionäre und Menschewiki hatten in den ersten Revolutionstagen den Vorteil, dass sie während des ganzen Krieges mit ihren Dumafraktionen und ihrer Presse legale Möglichkeiten nutzen konnten. Im Gegensatz dazu waren die Abgeordneten der Bolschewiki im November 1914 verhaftet und verbannt worden, die „Prawda“ und andere legale Medien wurden unterdrückt. Als die Sowjets entstanden, wirkten dabei zwar Bolschewiki aus den Betrieben mit, blieben jedoch in der Minderheit. Die aus der Verbannung zurückkommenden Mitglieder des 1912 gebildeten Russischen Büros des ZK der Bolschewiki, darunter Kamenew, der als Beauftragter des ZK 1913 aus der Emigration zurückgekehrt war und die Leitung der Fraktion und der Prawda übernommen hatte, Stalin und Ordschonikidse als Mitglieder des ZK und viele andere leisteten eine große Arbeit, um die Verbindungen zu den Parteiorganisationen wieder herzustellen und ein einheitliches Handeln der Partei zu sichern. Innerhalb von Tagen konnte die „Prawda“ wieder erscheinen. Hatte die illegale Partei am Beginn der Revolution 24 000 Mitglieder, so verachtfachte sich ihre Zahl bis Ende April. Die Bolschewiki wurden erstmals legal und zugleich Massenpartei. Doch auch die führenden Bolschewiki hatten die durch Imperialismus und Krieg hervorgerufenen neuen Bedingungen des Klassenkampfes nicht verarbeiten können. Sie benutzten die alten Losungen der Revolution von 1905, darunter auch die Kontrolle der provisorischen Regierung. Sie erkannten nicht die Möglichkeit einer Entwicklung der Revolution über den Rahmen der bürgerlichen Ordnung hinaus.

Lenins Weg setzt sich durch

Lenin kehrte im April aus der Emigration zurück. Zum Reisegepäck gehörten die Aprilthesen, gemeinsam mit Sinowjew noch in der Schweiz formuliert. Im Mittelpunkt stand die Haltung zum imperialistischen Krieg und zur provisorischen Regierung, die diesen Krieg mit den alten imperialistischen Zielen fortsetzen wollte. Keine Unterstützung der provisorischen Regierung, alle Macht den Sowjets· waren die Losungen für den Übergang zu einer zweiten Etappe der Revolution, an deren Ende eine Staatsmacht der Arbeiterklasse nach dem Vorbild der Pariser Kommune stehen sollte. Für die Partei forderte er ein neues Programm. In den Jahren der erzwungenen Emigration hatte Lenin die neuen Bedingungen für die Arbeiterbewegung in der Zeit des Imperialismus erforscht. Mit der Herausbildung der Monopole, der Unterordnung der Politik unter ihre Interessen, dem Streben nach Neuaufteilung der Welt, der Territorien, der Märkte und der Rohstoffe erkannte er die Ursache des imperialistischen Krieges, sah aber auch die Möglichkeit der Überwindung der Ursachen des Krieges durch eine sozialistische Revolution. Auf den Zimmerwalder Konferenzen der Kriegsgegner hatte er sich mit den Illusionen über einen Verständigungsfrieden auseinandergesetzt, hatte in der Zimmerwalder Linken den Kern für eine revolutionäre Beendigung des Krieges und für eine neue Internationale zusammengeführt. In der russischen Revolution und den einmaligen Bedingungen der Doppelherrschaft sah er die Möglichkeit zur Verwirklichung der antiimperialistischen Strategie.

Die Aprilthesen stießen nicht nur auf den Widerstand der in den Sowjets führenden Kräfte, sondern auch auf Unverständnis innerhalb der Partei. Lenin verfügte nicht über einen Apparat. um seine Meinung durchzusetzen, sondern nur über die besseren Argumente. Doch vor allem die praktische Erfahrung wirkte mit, als ausgerechnet am 1. Mai bekannt wurde, dass die Provisorische Regierung den Verbündeten die Fortsetzung des Krieges durch eine russische Offensive zugesagt hatte. Auf der gleichzeitig tagenden Parteikonferenz wurden Lenins Thesen in allen wesentlichen Punkten angenommen. Dennoch wurden in allen folgenden Perioden bis zum Oktober immer wieder auch unterschiedliche Meinungen und offen ausgetragene Differenzen sichtbar. Die Bolschewiki siegten auf dem Weg zum Oktober als diskutierende und in entscheidenden Situationen einheitlich handelnde Partei.

Im Leitungskollektiv der Partei waren die unterschiedlichen Positionen vertreten. Mit Lenin wirkten alte Bolschewiki wie Kamenew, Sinowjew, Stalin ebenso wie der neu zu den Bolschewiki gekommene Trotzki. Fast alle gerieten bei den komplizierten Vorgängen zeitweilig in Detailfragen in Widerspruch zu Lenin, doch es war gerade dessen Autorität, die es schaffte, auch nach harten Diskussionen wieder zu gemeinsamer Arbeit zu finden. Die Bolschewiki waren stark, weil ihre Leitung kollektiv nach Lösungen suchte.

Die Stärke der Bolschewiki ergab sich auch daraus, dass sie es verstanden, in wechselnden Situationen Losungen zu verändern, ohne das Ziel preiszugeben. Als im Sommer die Sowjetmehrheit die Unterstützung der Kerenski-Offensive beschloss, musste die Losung „Alle Macht den Sowjets“ zurückgestellt werden, zugleich entstand die neue Forderung, jetzt um neue Mehrheiten in den Sowjets zu ringen. Als Petrograds Arbeiter bewaffnet gegen die Kerenski-Politik demonstrieren wollten, waren es die Bolschewiki, die in einer stürmischen Nachtsitzung durchsetzten, unbewaffnet gegen die Kriegspolitik zu demonstrieren, in der richtigen Einschätzung, dass die Voraussetzungen landesweit für einen solchen bewaffneten Protest nicht ausreichten. Als die friedliche Demonstration dann dennoch zusammengeschossen wurde lernten die Massen die Fronten gegen den Feind im eigenen Land zu verstärken. (…)

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Günter Dicks im Gespräch mit Raoul Peck

Bei der Premiere des Films „Der junge Marx“ in der Karlsruher „Schauburg“ wurde Stefan Konarske von einem Zuschauer gefragt, ob er sich mit den Inhalten des Films und den Aussagen seiner Protagonisten identifiziert. Der aus der Tatort-Serie bekannte Schauspieler spielt Friedrich Engels. „Nein“ lautete seine Antwort. „Ich spiele eine Rolle in der Geschichte über eine Freundschaft von zwei Männern. Nur darauf kam es mir an.“
Also kein politischer Film? Natürlich ist der Film politisch. Schon in der ersten Szene wird gezeigt wie Menschen, die im Wald Holz sammeln, von der preußischen Polizei hoch vom Ross herunter zusammengeprügelt werden. Die zweite Szene zeigt das Elend der Arbeiterinnen und Kinder, die in der Spinnerei von Engels Vater arbeiten müssen und wie Leibeigene behandelt werden.
„Der junge Karl Marx“ zeigt keine Männerfreundschaft, der es darum geht, zusammen zu saufen und gemeinsam Abenteuer zu erleben. Es ist die Freundschaft von zwei Männern, die, unterstützt durch zwei starke, rebellische Frauen, die Welt ändern wollen. Hier ist die Handlung unmittelbar beim Kern der Thesen von Marx und Engeln – nämlich „die Welt nicht bloß zu interpretieren, sondern sie zu ändern“. Am Ende des Films steht das „Kommunistische Manifest“.
Der Film verzichtet weitgehend auf Pathos und Effekthaschereien, auch dort, wo es um die grauenvollen Verletzungen der Fabrikarbeiterinnen oder die Gewalt gegen die Arbeiter und Armen geht. Eine junge Arbeiterin, die später Engels‘ Frau wird, schreit die Missetaten gegenüber dem Fabrikbesitzer „nur“ voll Wut heraus. Hier wird in der genannten zweite Szene erzählt, wie eines der Fabrikmädchen seine Finger in einer Maschine „verloren“ hat. Es gibt auch keine theatralisch inszenierten Gegensätze zwischen Arm und Reich. Die Armut des Proletariats zu zeigen genügt, um die Wirklichkeit in den industriellen Zentren des vorletzten Jahrhunderts darzustellen. Ebenfalls ruhig erzählt wird die Entwicklung der Kernelemente der Aussagen von Marx und Engels im Widerspruch zu den frühen Sozialisten Pierre-Joseph Proudhon und Wilhelm Weitling, dem Gründer des „Bund der Gerechten“. Durch die Reden von Marx und Engels wird sich dieser Bund 1847 in einer hitzigen Debatte in „Bund der Kommunisten“ umbenennen. „Es reicht nicht aus nur Gerechtigkeit herzustellen.“ Man muss die Wurzeln der Ungerechtigkeit beseitigen, so die beiden Revolutionäre.

Stefan Kühner

UZ: Herr Peck, ich habe gelesen, dass Ihre Biografie ein paar Ähnlichkeiten mit der von Karl Marx aufweist. Hat Sie das zu diesem Thema geführt?

Der 1953 in Haiti geborene Raoul Peck, hier bei der Berlinale-Pressekonferenz, drehte vor „Der junge Karl Marx“ unter anderen die Filme „Lumumba – Tod des Propheten“ und „I am not your negro“

Der 1953 in Haiti geborene Raoul Peck, hier bei der Berlinale-Pressekonferenz, drehte vor „Der junge Karl Marx“ unter anderen die Filme „Lumumba – Tod des Propheten“ und „I am not your negro“

( Elena Ringo http/www.elena-ringo.com)

Raoul Peck: Ich hatte das Glück, sehr früh auf Marx zu stoßen. Ich habe Marx zunächst als Philosoph, als Journalist und als Ökonom kennen gelernt. Denn ich war damals so um die 22 bei meinem Studium hier in Berlin und damit Teil einer Generation, für die Marx ein großes Thema war. Und für uns, die wir aus Ländern kamen, in denen es Diktaturen gab, war Marx etwas sehr Konkretes. Als ich nach Berlin zum Studium kam, stand eigentlich fest, dass ich hinterher wieder nach Haiti zurückgehen würde, um dort gegen die Diktatur zu kämpfen. Da war ja immer noch Diktatur bis 1986. Ich wusste also, dass es darum ging, die Instrumente für diesen Kampf kennen zu lernen, und das war auch Marx. Die Philosophie und der Ansatz von Marx gaben die Grundlage, die Zusammenhänge einzuordnen und zu verstehen. Allerdings weniger das, was später eine sehr eingeengte, engstirnige didaktische Diskussion wurde, sondern die Kraft seiner Analysen, mit denen wir auch heute die Lage besser erfassen und beurteilen können, das war mein Erbe aus diesen Jahren.

UZ: Mir fällt da Frantz Fanon ein und sein Buch „Die Verdammten der Erde“, das damals viel diskutiert wurde.

Raoul Peck: Ja, und aus ihm habe ich etwas gelernt, vor allem über die Rolle der Gewalt in den Befreiungskämpfen gegen den Kolonialismus. Ich war ja ein junger Mann damals, und es gab ja noch so vieles andere, es gab Aimé Césaire, auch schwarze Autoren in den USA wie James Baldwin waren sehr wichtig für mich. Und natürlich Marx. Ich habe vier Semester Seminare zum „Kapital“ studiert und da ging es weniger um Ideologie, sondern um seine Analyse. Ich hatte Freunde, die waren schon weiter, und ich spürte, dass ich mein Wissen vertiefen musste. Marx spielte darin die zentrale Rolle, denn er war der Vater von allem, was kam.UZ: Dies ist jetzt „Der junge Marx“. Wird es dann eine Fortsetzung „der alte Marx“ geben?

Raoul Peck: Ich weiß nicht, ob das nötig ist. Denn die ganze Entwicklung seines Denkens steckt ja schon in diesen Jahren, in denen er seinen Doktor in Philosophie machte und bei der „Rheinischen Zeitung“ arbeitete und die dann zum „Kommunistischen Manifest“ führten. Man braucht nur das „Manifest“ zu nehmen und hat schon ein Instrument, um auch die Krisen zu erklären, die wir heute haben. Das „Kapital“ ist dann nur noch der Versuch, das alles in eine Art System zu bringen. Und für mich war das immer ein sehr wichtiges Instrument, das ich auch heute noch verwende. Selbst bei solchen Erscheinungen wie Trump fühle ich mich nicht verloren, sondern ich kann erkennen, wo Trump herkommt, also bin ich nicht überrascht darüber, dass eine populistische Figur wie er Präsident werden konnte. Marx gibt mir den Abstand, das zu analysieren. Er schafft uns den Abstand, den historischen und ökonomischen Kontext zu erkennen und die Dimensionen, die das hat.

UZ: Ihr Film zielt erkennbar auf ein junges Publikum, das wenig oder nichts über Marx weiß.

Raoul Peck: Ja, aber nicht nur die, auch auf Leute, die schon mal davon gehört haben. Was ich gestern in der Vorführung erlebt habe, war, dass die Magie funktionierte, auch bei vielen, die die Geschichte wohl kannten, aber angetan waren von der Subtilität, mit der sie erzählt wird. Das war mir sehr wichtig, denn oft wird übersehen, dass der Film sehr genau ist in seiner Wortwahl, in seinen Dialogen. Darum war der Film auch kompliziert zu machen. Ich wollte ja, dass ein normales Publikum ihn versteht, aber mich auch nicht der Kritik der Historiker und Experten aussetzen.

UZ: Es gibt ja schon bei der ersten Szene mit den Holzsammlern ein Zitat aus dem Off. Ist das authentisch?

Raoul Peck: Ja, das stammt aus seinem ersten Artikel für die „Rheinische Zeitung“. Das war einer der Artikel, die die preußische Regierung zensieren ließ und derentwegen sie dann die Zeitung verboten haben.

UZ: Und dass Marx Engels bei ihrer ersten Begegnung abschätzig als „Amateur mit Goldknöpfen“ bezeichnet, ist das auch authentisch?

Raoul Peck: Ich glaube, auch das ist authentisch. Denn die beiden stehen ja in diesem Moment für einen großen Gegensatz, Marx, der immer in Geldnot ist, und der Fabrikantensohn Engels.

UZ: Und der ja auch wieder im Gegensatz zur gefeuerten Arbeiterin Mary Burns.

Raoul Peck: Ja, genau, und all diese Geschichten sind authentisch, die sind durch die Dokumente aus dem Briefwechsel bestätigt. Natürlich steht im Zentrum Marx, dann Engels, aber auch diese beiden Frauen waren ja stark und intelligent, und sie waren Teil der Bewegung. Bedenken Sie, die Geschichte wird meistens von Männern geschrieben und die Frauen sieht man nicht. Aber Jenny war ja nicht so eine traditionelle Frauenfigur, sie war keine „Hausfrau“ im klassischen Sinn. Sie verstand, um was es ging bei Marx, und sie war seine Stütze.

UZ: Die anderen Figuren jener Zeit, also Proudhon, Weitling, Bakunin usw., kommen relativ knapp vor.

Raoul Peck: Das war schwierig, denn ich musste mich auf Marx konzentrieren. Er ist die Hauptfigur und er nutzt die Arbeit der anderen und auch die Irrtümer all der anderen. Er zeigt ihre Widersprüche auf, zum Beispiel bei Proudhon. Die andere Position ist die etwas verrücktere, die eines Typen wie Weitling, der eine Art Populist war. Marx versuchte beide zu verstehen und zu erklären. Er tut diese Positionen nicht gleich ab, zum Beispiel als er zu der Kundgebung von Proudhon geht. Er fragt ihn: „Um welche Art von Eigentum geht es?“ Und Proudhon muss sich erklären. Marx wird auch immer klarer und je tiefer er dringt, desto mehr wird er ungeduldig, denn für ihn ist das Zeitverlust.

UZ: Mich hat überrascht, dass Sie nach dem dramaturgischen Höhepunkt, der ja die Gründung des „Bundes der Kommunisten“ ist, auf eine ruhige Szene am Strand von Oostende schneiden mit dem Gespräch der zwei Frauen.

Raoul Peck: In meinem Film geht es um reale Geschichte, nicht um ein amerikanisches „biopic“. Darin wären diese Umwandlung des Bundes der Gerechten in den Bund der Kommunisten sicher der große Schluss gewesen. Aber mir ging es darum, die wahre Geschichte ohne zu viele Kompromisse zu erzählen, aber auch ohne das Publikum zu verlieren. Dem muss ich ja Kino liefern, aber das, was ich ihm wirklich geben will, sind Ideen. Bei mir bedeutet der Höhepunkt eben nicht „Es ist vorbei“, sondern Höhepunkt heißt: „Jetzt kommt der nächste Kampf!“ Marx und Engels haben gewonnen, aber jetzt kommt die nächste Schlacht, die um das „Manifest“ und um die genauen, richtigen Worte. Einige Kritiker haben geschrieben, der Film sei ihnen zu klassisch. Ja, er ist klassisch, und darauf bin ich stolz, denn so wird er vom Publikum angenommen, und das, obwohl ich versucht habe, sehr genau in allem zu sein bei dieser komplizierten Materie. Deshalb hat es uns ja mehr als vier Jahre gekostet, das Drehbuch zu schreiben.

UZ: Rechnen Sie mit einem Erfolg an den Kinokassen?

Raoul Peck: Das müssen wir abwarten. Ich hoffe es, denn Marx ist ja Teil unserer Geschichte, und wenn das nicht verstanden würde, wäre es ja traurig.

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Gelesen

 

Engels 1874 zum Programm der blanquistischen Kommuneflüchtlinge: „Die deutschen Kommunisten sind Kommunisten, weil sie durch alle Zwischenstationen und Kompromisse, die nicht von ihnen, sondern von der geschichtlichen Entwicklung geschaffen werden, das Endziel klar hindurchsehen: (.…) Die Dreiunddreißig sind Kommunisten, weil sie sich einbilden, sobald sie nur den guten Willen haben, die Zwischenstationen und Kompromisse zu überspringen, sei die Sache abgemacht (…)“
(MEW, Bd. 18, S. 533)Engels 1887: „Hätten wir von 1864 bis 1873 darauf bestanden, nur mit denen zusammenzuarbeiten, die offen unsere Plattform anerkannten, wo wären wir heute? Ich denke, unsere Praxis hat bewiesen, dass es wohl möglich ist, mit der allgemeinen Bewegung der Arbeiterklasse in jeder einzelnen Etappe zusammenzuarbeiten, ohne unsere eigene aparte Stellung oder gar Organisation aufzugeben oder zu verbergen.“
(MEW, Bd. 36, S. 598)

Lenin 1920: „„Einen mächtigeren Gegner kann man nur unter größter Anspannung der Kräfte und nur dann besiegen, wenn man unbedingt aufs angelegentlichste, sorgsamste, vorsichtigste, geschickteste sowohl (…) jeden Interessengegensatz zwischen der Bourgeoisie der verschiedenen Länder, zwischen den verschiedenen Gruppen oder Schichten der Bourgeoisie innerhalb der einzelnen Länder als auch jede, selbst die kleinste Möglichkeit ausnutzt, um einen Verbündeten unter den Massen zu gewinnen, mag das auch ein zeitweiliger, schwankender, unsicherer, unzuverlässiger, bedingter Verbündeter sein. Wer das nicht begriffen hat, der hat auch nicht einen Deut vom Marxismus und vom wissenschaftlichen, modernen, Sozialismus überhaupt begriffen.“
(LW, Bd. 31. S. 52)

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