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Zum Tod von Fidel Castro

Bundesvorstand der Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba

26.11.2016

Millionen Menschen in aller Welt, besonders im revolutionären Kuba, trauern um den Kommandanten der Kubanischen Revolution, Fidel Castro Ruz. Er starb am späten Abend des 25. November in Havanna. Die Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba übermittelt ihr Beileid an die engsten Verwandten von Fidel, seine Nachkommen, an seine Geschwister, darunter den Staatspräsidenten Raúl Castro, an die Kommunistische Partei und an das ganze Volk Kubas.
Nur wenige Präsidenten können von sich sagen, das sie die Geschicke ihres Volkes so positiv beeinflusst haben wie Fidel Castro. Kuba ist heute ein Lande frei von Analphabetismus, ein Land mit maximal möglicher gesellschaftlicher Gleichheit, mit politischer Partizipation auf allen Ebenen. Es handelt sich um eine Gesellschaft, die durch die Revolution, die angeführt wurde von Fidel Castro, heute auf dem Weg zum Sozialismus ist. Fidel Castro und das kubanische Volk haben der Welt gezeigt, dass es möglich und nötig ist, einen anderen Weg als den der kapitalistischen Gesellschaft des inneren und äußeren Krieges zu gehen: einen Weg der Solidarität und des Ausgleichs, in der alle das Recht und die Möglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe an Bildung, Gesundheit und Mitbestimmung haben.
Gleichzeitig hat Kuba immer auch ein Beispiel für internationale Solidarität gegeben, das nahezu einzigartig in der Geschichte ist. Dabei hat Fidel seinen eigenen Internationalismus seinem Volk weitergegeben; bis heute sind viele Kubanerinnen und Kubaner stolz auf die internationalistischen Missionen, die zum Ende der Kolonien und der Apartheid im südlichen Afrika führten. Und nach dem scheinbaren Ende der Systemauseinandersetzung blieb Kuba seinem Ideal treu: es entsendet Zehntausende Lehrerinnen und Lehrer, Zehntausende Ärztinnen und Ärzte in die Länder der Welt.
In ihrer Erklärung zum 90. Geburtstags Fidel Castros am 13. August hat die FG BRD-Kuba gesagt, dass „die Solidarität stärker ist als der Irrationalismus, mit dem Kubas Revolution bekämpft wird. Diese Solidarität geht über den Menschen Fidel Castro, dem wir noch viele Jahre an der Seite seines Volkes wünschen, hinaus. Sie wird eines Tages auch sein Leben überdauern.“
Genau das wird sie tun. Die heute um ihn trauern, werden der Kubanischen Revolution am besten gerecht, wenn sie das Beispiel Fidel Castros fortführen, auf die Art, die ihnen möglich ist.
Bundesvorstand der Freundschaftsgesellschaft BRD-Kuba

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Zur Position Deutschlands im von den USA bestimmten globalen Herrschaftssystem

Die deutsche Kriegsministerin Ursula von der Leyen im Gespräch mit dem damals frisch ernannten Chef des Pentagon, Ash Carter (rechts), beim „Allianz Forum“ am 22.6.2015 in Berlin. Zwischen den beiden Friedrich Merz, Vorsitzender der „Atlantik-Brücke

Die deutsche Kriegsministerin Ursula von der Leyen im Gespräch mit dem damals frisch ernannten Chef des Pentagon, Ash Carter (rechts), beim „Allianz Forum“ am 22.6.2015 in Berlin. Zwischen den beiden Friedrich Merz, Vorsitzender der „Atlantik-Brücke“ (Foto: Master Sgt. Adrian Cadiz)

Der Aufsatz stellt die gekürzte Version eines Vortrags dar, der auf der Konferenz „Zwischenimperialistische Widersprüche“ der Marx-Engels-Stiftung am 29. 10. 2016 in Marburg gehalten wurde.

In geradezu beeindruckender Weise haben sich Presse und Politiker der BRD ablehnend zu Donald Trump, dem frisch gewählten Präsidenten der USA, geäußert. Einige scheinen die Gelegenheit ergreifen zu wollen, Deutschlands bisher eindeutig untergeordnete Rolle hinter sich zu lassen und mit den USA auf Augenhöhe imperialistische Politik zu betreiben. Am Willen, so zu handeln, fehlt es wohl nicht. Aber die Verhältnisse, die sind nicht so. Die Wahl eines rechten Außenseiters in den USA zeigt vermutlich eine Schwäche des imperialistischen Herrschaftssystems dieses Landes, aber das heißt noch lange nicht, dass die imperialistische Hackordnung dadurch verändert wird.

Um das Verhältnis des deutschen zum US-Imperialismus zu bestimmen, ist es nützlich, sich in Erinnerung zu rufen, was wir Kommunisten und Sozialisten unter Imperialismus verstehen. Unsere Analyse des Imperialismus ist ihrem Wesen nach ökonomisch. Lenin folgend sagen wir: der Imperialismus ist monopolistischer Kapitalismus, also ein Kapitalismus, der von Monopolen beherrscht/bestimmt wird. Es handelt sich dabei um ein Stadium des Kapitalismus und seiner Produktionsverhältnisse, nicht etwa um die Eigenheit eines Staates oder einer Nation. Zwar ist diese oder jene Nation eine imperialistische Nation (oder Staat oder nationale Bourgeoisie), besser und richtiger ist es aber, von einem imperialistischen System zu sprechen. Anders gesagt, der Kapitalismus ist um 1900 herum insgesamt in sein imperialistisches Stadium getreten.
Wir reden einerseits vom Imperialismus schlechthin und meinen damit dieses Stadium des Kapitalismus. Zu unterscheiden ist das vom Gebrauch des Wortes und Begriffes Imperialismus, wenn wir spezifischer den bestimmenden Akteur auf der historischen Bühne, also den „US-Imperialismus“ oder die Gesamtheit der imperialistischen Staaten unter Führung der Hauptmacht benennen wollen. Zudem reden wir von imperialistischen Einzelstaaten. Es ist ganz offensichtlich, dass es eine bunte Vielfalt imperialistischer Staaten gibt: große und kleine, aggressive und weniger aggressive, dominante, hegemoniale sowie Vasallenstaaten, oder auch solche imperialistischen Staaten, die im Windschatten der Weltgeschichte ganz gut überleben, wie jahrzehntelang zum Beispiel Schweden.

Die Pyramide

Um das Verhältnis imperialistischer Länder zueinander zu beschreiben, hat die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) den Begriff der „imperialistischen Pyramide“ vorgeschlagen. Darauf hat kürzlich zustimmend Hans Christoph Stoodt in der UZ (9.9.2016) hingewiesen. Es kommt der KKE bei dieser Benennung darauf an, Griechenland als ein von Monopolen, von griechischen Monopolen beherrschtes Land zu charakterisieren, das nicht nur von den USA und Deutschland herumgeschubst und (extra) ausgebeutet wird, sondern dessen Monopolbourgeoisie eigenständige imperialistische Politik betreibt und ihrerseits imperialistische Interessen verfolgt. Der Begriff Pyramide besagt, dass wir es nicht nur mit zwei Sorten von Staaten zu tun haben – also solchen, die die anderen unterjochen und auf der anderen Seite solchen, die von anderen unterjocht werden, sondern mit einer Pyramidenstruktur, die unten breit und oben ­schmal ist und in der Mitte Nationen (wie Griechenland) enthält, die beides tun: unterjocht werden und unterjochen.

Es gib im Gegensatz dazu die (auch in der DKP zu hörende) These von der Existenz weit entwickelter kapitalistischer, aber zugleich nicht-imperialistischer Länder. Als eine solche Ausnahmeerscheinung wird zumeist das heutige Russland geführt. Anlass für eine solche Betrachtung der Dinge ist die Tatsache, dass die politische Führung der Russischen Föderation seit einiger Zeit weniger aggressiv, sondern eher defensiv agiert und dass Russland von den westlichen imperialistischen Staaten in vielerlei Weise attackiert wird. Es ist aber unzulässig, von der aktuellen Politik eines Landes oder auch von der strukturellen Position eines Landes im imperialistischen Weltsystem auf seine politökonomischen Verhältnisse, seine Produktionsverhältnisse zu schließen. Um die aber geht es, wenn wir den Begriff imperialistisch verwenden.

Das zuvor Gesagte macht es notwendig, die kapitalistischen Länder nicht danach zu unterscheiden, ob sie imperialistisch sind oder nicht. Das sind sie alle. Vielmehr ist die Frage, welche Stellung sie gegenüber dem Weltimperialismus einnehmen. Länder, die mit der Hauptmacht des Weltimperialismus eng verbunden sind wie die NATO-Länder oder die vom US-Imperialismus mehr oder weniger direkt beherrschten, sind zu unterscheiden von jenen Ländern, die sich außerhalb des imperialistischen Weltsystems befinden und von ihm bedroht werden. Beispiele für Letzteres sind Russland und Iran. Ihre Stellung in der imperialistischen Konkurrenz und als Aggressionsziel machen diese imperialistischen Mächte zu Anti-Imperialisten.
Seit 1991 wird das imperialistische Weltsystem immer noch und ganz eindeutig von den USA dominiert. Dieses System hat eine unipolare Struktur, um den gebräuchlichen Ausdruck „unipolare Weltordnung“ zu vermeiden, weil von Ordnung nicht die Rede sein kann. Die heutige Unipolarität unterscheidet sich von der Situation in der Periode von 1945 bis 1990, als der Imperialismus als kapitalistisches Weltsystem vom sozialistischen Weltsystem mit der Sowjetunion an der Spitze herausgefordert wurde. Die heutige Struktur ist auch ganz verschieden von jener, die vor 1914 bestand. Damals rangen eine Reihe von imperialistischen Mächten um die Aufteilung der Welt. Man könnte sagen, es seien acht Mächte gewesen (Deutschland, Großbritannien, USA, Frankreich, Österreich, Russland, Italien und Japan), die im Kampf um die Weltherrschaft den Weltkrieg entfesselt haben. Man könnte auch argumentieren, zum Griff nach der Weltmacht waren nur die drei erstgenannten wirklich in der Lage. Wie auch immer man das bewertet, wir hatten es in jedem Fall mit einer multipolaren Welt zu tun. Keine einzelne der damaligen Mächte dominierte auch nur annähernd in der Weise, wie es heute die USA tun.
China und vor allem Russland propagieren aktiv die Überwindung der unipolaren Machtstruktur auf dem Globus und streben einen multipolaren Zustand an. Ob ein multipolarer Zustand einem unipolaren Imperium vorzuziehen ist, muss stark bezweifelt werden.

Instabiles Weltsystem

Sicher ist aber, dass das gegenwärtige unipolare Weltsystem keineswegs stabil ist. Die imperiale Hauptmacht (USA) ist in ihren Ansprüchen jederzeit bedroht. Unbestritten ist, dass ihre ökonomische Dominanz schwindet. Das ist ein schon lange dauernder Prozess. Bis in die 1990er Jahre hinein stellte sich dieser Prozess als relatives Aufholen der westeuropäischen Länder und Japans dar, also der anderen Zentralregionen des entwickelten Kapitalismus. Seit etwa den 90er Jahren verlieren die USA an ökonomischer Potenz viel stärker, verglichen mit einer Reihe von, nein, sehr vielen Schwellenländern, zunächst vor allem in Asien, dann aber auch in Lateinamerika. Das bei weitem wichtigste dieser Länder ist China, das immer noch das bevölkerungsreichste Land der Erde ist und dessen ökonomischer Aufholprozess es nach welchen ökonomischen Kennziffern auch immer in die Größenordnung der Volkswirtschaft der USA gebracht hat. Der Verlust der ökonomischen Dominanz der USA hat sich seit Ausbruch der großen Finanz- und Weltwirtschaftskrise noch einmal beschleunigt.

Dies ist die Herrschaftsstruktur des imperialistischen Systems, das mit dem Begriff Pyramide einigermaßen adäquat, aber nicht hinreichend beschrieben ist. An der Spitze der Pyramide befinden sich eindeutig die USA. Das imperialistische Deutschland ist ein wichtiger Teil des Herrschaftssystems und zugleich sein beherrschtes Objekt. Die Rolle Deutschlands im imperialistischen Herrschaftssystem wird wesentlich von seinem Verhältnis zur imperialen Macht der USA bestimmt. Es ist wohl am besten als sehr enges Abhängigkeitsverhältnis beschrieben.

1. Das alte Westdeutschland ist ein Geschöpf der USA aus dem Kalten Krieg. Das deutsche Monopolkapital verdankt seine Existenz den USA. Die Monopolbourgeoisie war nach ihrer Kapitulation faktisch entmachtet. Ohne den Willen der USA (oder allgemein der westlichen Siegermächte), die alten Eigentumsverhältnisse wiederherzustellen, wäre es nicht wiedergeboren worden.

2. Die USA haben sich in Westdeutschland als wohlwollende Besatzungsmacht aufgeführt. Die goldenen Jahrzehnte des Kapitalismus 1950 bis 1970 (Hobsbawm) werden in Westdeutschland und im heutigen Deutschland als mit den USA verbunden erlebt. Das entspricht zu einem großen Teil den Tatsachen. Die USA waren in der Auseinandersetzung mit dem Sozialismus an einem ökonomisch florierenden Westdeutschland interessiert. Mit den USA gehen hieß siegen lernen. Demzufolge gibt es heute in allen Schichten der Bevölkerung die – seit einigen Jahren erodierende – Überzeugung, bei den US-Amerikanern endlich auf der moralisch richtigen und zugleich der Gewinnerseite zu sein.

3. Der Staat BRD ist unter der Aufsicht der Alliierten (USA und Britannien) entworfen und aufgebaut worden. Das gilt für den Föderalismus, für die Presse, für die Zentralbank, die Geheimdienste, den öffentlichen Rundfunk und vieles andere mehr.

Karrieren in den USA gemacht

4. Der US-Einfluss in den Medien, in der Bürokratie, in den Geheimdiensten ist noch heute eng mit den USA verzahnt. Es ist noch heute eine Schlagzeile wert, wenn der Auslandsgeheimdienst BND eine eigene Initiative zur Informationsbeschaffung initiiert. Persönliche Karrieren werden von den USA gefördert. Noch heute werden Chefredakteure nur Personen, die einen längeren Aufenthalt in einer wichtigen US-Institution vorweisen können. Die Spitzenmanager deutscher Großunternehmen weisen in der Regel einen in den USA verbrachten Lebensabschnitt auf.

5. Über die Nato ist Deutschland politisch und militärisch eng an die Führungsmacht gebunden. Es ist unbestritten, dass die Nato-Strategie in Washington entwickelt wird. Die militärische Führung ist institutionell einem US-Amerikaner vorbehalten.

6. Die EU und ihre Vorläuferorganisationen sind Kinder des Kalten Krieges und wurden unter strenger, aber wohlwollender Aufsicht der USA das, was sie sind: ein komplexes Vertragswerk unter imperialistischen Staaten, das der Freiheit des Handels und des Kapitalverkehrs dient. Die EU, ja sogar der Euro unter deutscher Führung wurden und werden von den USA nicht nur toleriert sondern sogar gefördert. In gewisser Weise ist das erstaunlich. Denn die EU ist die größte Volkswirtschaft auf dem Globus. Sie hätte insofern die Voraussetzung, der Konkurrent des US-Imperialismus zu werden. Davon kann aber keine Rede sein. EU und Euro wurden gezielt – und von deutschen Regierungen so gewollt – als staatliches, aber zugleich staatsfernes Institutionenkonglomerat konstruiert, damit ein wirklicher Widersacher gegen die USA nicht entstehen kann. Somit ist die EU nach der Nato das zweitwichtigste Staatenbündnis, das die Vorherrschaft des US-Imperialismus absichert.

7. Seit 1990 tritt Deutschland politisch deutlich forscher auf als zuvor. Dennoch wird die Politik eng mit den „Freunden“ in Washington abgestimmt. Die verstärkte Aufrüstung und die Kriegsbeteiligung der BRD in Afghanistan und Syrien wird in völligem Schulterschluss und oft direkt auf Wunsch der USA vorgenommen. (Mir ist nur ein Fall bekannt, dass Deutschland bei einem Aggressionsakt die Initiative ergriffen hat: Als es um die Zerschlagung Jugoslawiens ging. Das war aber ein taktisches Vorpreschen. Strategisch waren sich Bonn und Washington völlig einig. Und Bill Clinton hat damals die Sache erledigt und die Kleinarbeit der EU überlassen.) Die Nichtbeteiligung der BRD-Regierung unter Schröder am Irak-Krieg war möglich und erlaubt, insofern der Überfall auf den Irak auch in den USA selbst höchst umstritten war.

8. Die regierende Schicht der BRD hat sich durchweg und bis heute als Garant für den Erhalt des US-Imperialismus verstanden und handelt entsprechend. Die aktuell herbe Kritik an Donald Trump und die Enttäuschung über diesen Wahlsieger entspringt der Sorge, dass dieser neue Präsident den aggressiven Kurs gegen Gegner wie China und Russland sowie die Staaten des Nahen Ostens nicht hält. Die geplante politisch und militärisch gewichtigere Rolle, die Deutschland in diesen Vorstellungen spielen soll, geriete in Gefahr, nicht realisiert werden zu können.

Eine eigenständige, von den USA unabhängige imperialistische Politik Deutschlands ist auf Sicht weder realistisch, noch wird sie von den maßgeblichen Kreisen in der BRD auch nur erwogen. Der Antiamerikanismus, den es dennoch gibt, hat in der herrschenden Klasse den Charakter einer Klage über den starken, aber zuweilen inkompetenten Anführer der eigenen Seite. Das ist nicht zu verwechseln mit einem Gedankenspiel, diese Seite zu verlassen. Im ganz rechten Spektrum, wo vom Zweiten und Dritten Reich geträumt wird, gibt es solche Gedankenspiele. Aber eben auch nur dort.

Der Ausbruch aus dem auf die USA ausgerichteten imperialistischen Herrschaftssystem ist nur denkbar gegen die in Deutschland herrschende Monopolbourgeoisie. Unsere herrschende Klasse ist aus Eigeninteresse sehr eng an die USA und deren herrschende Klasse gebunden. Der politische Kampf, den wir gegen unsere heimischen Klassengegner führen, ist fast immer und fast überall zugleich ein Kampf gegen den US-Imperialismus und das imperialistische Weltsystem.

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Die Sturmglocke zu Lyon

 

Von Horsta Krum, Berlin

Mitteilungen der Kommunistischen Plattform in der Linkspartei

»Leben und arbeiten oder kämpfend sterben«

Unter diesem Motto revoltierten am 21. November 1831 die Lyoner Seidenweber, die sogenannten »Canuts«. Warum gerade sie? Und warum gerade in Lyon?

Wie keine andere Stadt war Lyon seit dem 15. Jahrhundert von der Seidenweberei geprägt und abhängig. Seide half, Frankreichs Auslandsschulden zu bezahlen, und wurde zu einem wichtigen Exportartikel, der um das Jahr 1830 ein Drittel des französischen Exportes ausmachte. Damals gab es im Großraum Lyon etwa 175.000 Einwohner, von denen die Hälfte direkt oder indirekt von der Seidenproduktion lebte.

Gut, sehr gut lebten die etwa 400 Unternehmer; sie lieferten die Rohstoffe und die Vorgaben für die Fertigprodukte, die sie im Stückpreis kauften und dann verkauften. Die vornehme Welt, nicht nur die französische, kleidete sich in Samt und Seide und stattete ihre Schlösser damit aus. Aber die, die diese Produkte herstellten, lebten im Elend: 8.000 Werkstattvorsteher (chefs d’atelier) besaßen jeweils zwei bis fünf Webstühle, verhandelten mit den Unternehmern und beschäftigten über 20.000 Arbeiter an ihren Webstühlen –  Lehrlinge und Familienmitglieder nicht mitgezählt. Dann gab es die vielen, die die fertigen Stoffe weiter bearbeiteten, meist Frauen. Kinder mussten nicht nur arbeiten, um den Lohn ein wenig zu verbessern, sondern der Arbeitsablauf am Webstuhl forderte auch Handgriffe, die nur kleine, wendige Menschen ausführen konnten. Diese Kinder litten oft an Wirbelsäulenschäden, Tuberkulose, Unterernährung. Als besondere Demütigung erlebten die Familienväter, dass sie ihre Frauen und Töchter nicht vor der Willkür, auch der sexuellen Willkür, der Unternehmer schützen konnten. Überdies kam ein Teil der Männer ins Gefängnis, wenn sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten.

Den Werkstattvorstehern ging es nicht besser als ihren Arbeitern: auch sie und ihre Familien arbeiteten vierzehn oder mehr Stunden an den Webstühlen, aßen dort gemeinsam ihr Brot und ihre dünne Suppe; manche Arbeiter und ihre Familien hatten keine andere Bleibe. Die Webstühle ratterten unter unbeschreiblichem Lärm. Davon kann sich noch heute überzeugen, wer eins der noch bestehenden Seidenweberhäuser auf der Croix Rousse besucht, dem Lyoner Stadtteil, in dem die meisten Seidenarbeiter arbeiteten und lebten.

Die Verbesserung der Webstühle durch Joseph Marie Jacquard steigerte zwar die Produktivität, verbesserte aber die soziale Lage der Arbeiter nicht. Die Textil-Manufakturen mit ihren neuen Techniken ließen den Umsatz der Unternehmer sinken, die wiederum wälzten den Rückgang der Einnahmen auf die Arbeiter ab.

Unterschiedliche Ereignisse, Aktivitäten, Gruppen bereiteten den Aufstand vom 21. November 1831 vor:

***

Die Anhänger von Henri de Saint-Simon [1] kommen aus Paris. Sie predigen ein soziales Christentum gegen die bestehende Sozialstruktur und finden viele Zuhörer unter den Arbeitern. Gleichzeitig schließen sich einige Werkstattvorsteher zusammen, um die soziale Lage zu verbessern. 1828 gründen sie Genossenschaften, die immer mehr Anhänger finden. Einer der Werkstattvorsteher schreibt: »… Der Canut ist die verkörperte Ängstlichkeit. Kein anderer Beruf ist so wenig offen. Wir leben kaserniert, und das beeinflusst unsere Lebenshaltung: sie ist verkümmert wie unsere Körperhaltung. Um dieser doppelten Verkümmerung abzuhelfen, gibt es nur eins: die Genossenschaft! Da werden wir unsere menschliche Würde zurückgewinnen, und die anderen Einwohner der Stadt, deren Ruhm und Reichtum wir ausmachen, werden das Wort »Canut« nicht mehr abwertend gebrauchen.« [2]

Aufbauend auf den Überzeugungen der Anhänger von Saint-Simon, aber weitergehend als diese, gründet sich die »Société des Amis du Peuple« (Gesellschaft der Freunde des Volkes); sie ruft, zusammen mit der aufkommenden republikanischen Presse, zum Widerstand auf. Unterstützt von Werkstattvorstehern, formiert sich im ersten Halbjahr 1831 die paramilitärische Organisation »Volontaires du Rhone« (die Rhone-Freiwilligen).

Im Juli 1830 fordern Pariser Bürgerliche und Intellektuelle vom König, die neue Abgabenordnung zurückzunehmen, und schlagen ihn in die Flucht. Ersetzt wird er durch den »Bürgerkönig« (Juli-Monarchie). Der Widerstand in Lyon formiert sich unabhängig von Paris. Auch er wird von Bürgerlichen getragen, unterstützt von Werkstattvorstehern, die ihre Arbeiter mobilisieren. Die neue Regierung unter dem Bürgerkönig macht Versprechungen, aber im Grunde ändert sich nichts. Auch der Bürgermeister von Lyon verspricht ein neues, glückliches Zeitalter. Die Arbeiterzeitung »Echo de la Fabrique« beschreibt im Sommer 1831 das neue Zeitalter sarkastisch: »Früher haben die Großen die Kleinen gefressen, und heute werden die Kleinen von den Großen gefressen.« [3]

Im Laufe des Oktober 1831 organisieren sich die Werkstattvorsteher; am 25. ruft der Präfekt eine Delegation aus Unternehmern und Arbeitern zusammen, die einen Mindestlohn aushandelt, der am 1. November in Kraft treten soll. 104 Unternehmer lehnen ihn ab, drohen mit Waffengewalt, verleumden die Canuts und ihre Forderungen, die dem freien Markt gefährlich seien. Der Handelsminister ruft den Präfekten zur Ordnung. Die ausgehandelten Tarife treten nicht in Kraft trotz erhöhter Konjunktur; der Unmut unter den Canuts wächst.

Unten im Zentrum von Lyon treten am 20. November 10.000 Mann der zivilen Nationalgarde an. [4] Am 21. November morgens beginnen die Canuts zu streiken. Wenig später erscheint eine Abteilung der Nationalgarde; einige Canuts gehen ihnen entgegen und sprechen mit ihnen. Als ein Offizier schreit »Nicht so viel Aufhebens mit der Canaille!«, gehen die Gardisten mit Bajonetten vor. Die Canuts empfangen sie unter einem Steinhagel und mit bloßen Fäusten und entwaffnen einige, die anderen Gardisten ziehen sich zurück. Ein Werkstattvorsteher bringt den Polizeichef vor der aufgebrachten Menge in Sicherheit.

Dann zieht eine große Anzahl von Canuts hinunter zum Lyoner Rathaus, um dort die Mindestlohn-Forderungen vorzutragen. Auf halbem Wege halten Gardisten sie auf, schießen in die Menge. Die Demonstranten kehren auf die Croix Rousse zurück, schreien: »Zu den Waffen, sie töten unsere Brüder!« Dort wird die Menschenmenge immer größer, sie errichtet Barrikaden, sammelt Pflastersteine, nimmt Stöcke, Spaten; manche entfernen Metall aus den Webstühlen, um es zu schmelzen, denn es gibt sogar Gewehre. Ein Brotkanten, aufgespießt auf ein Bajonett, wird durch die Menge getragen unter dem Ruf: »Brot oder Blei!« Auf den Dächern, an den Fenstern stehen Canuts, bewaffnet mit Steinen. Gardisten haben sich angeschlossen.

Wieder rückt eine bewaffnete Einheit an, diesmal mit dem Präfekten und einem hochrangigen General; wieder treffen sie auf entschlossene Gegenwehr, die diesmal besser ausgerüstet ist. Der Präfekt bietet Verhandlungen an. Da aber immer noch geschossen wird, lassen sich die Canuts nicht beruhigen und rufen: »Arbeit oder Tod! Lieber sterben wir durch eine Kugel als vor Hunger!« Tatsächlich wird ihnen die geforderte Summe versprochen, mit der sie einen Fonds zum Ausgleich ausgefallener Löhne schaffen können, eine Art Streikkasse.

Der Präfekt und der General werden entwaffnet und festgesetzt. Die Aufständischen wählen einen erfahrenen militärischen Anführer, einen überzeugten Republikaner; viele Rhone-Freiwillige schließen sich ihnen an. Auf einer der Barrikaden wird zum Zeichen der Trauer eine schwarze Fahne gehisst mit der Inschrift: »Leben und arbeiten oder kämpfend sterben!« und laut schallt es auf der Croix Rousse: »Vivre en travaillant ou mourir en combattant!«

Gegen das Versprechen, den Mindestlohn durchzusetzen, wird der Präfekt nachts freigelassen, der General wird gegen zwei gefangene Canuts ausgetauscht.

Sehr früh am nächsten Morgen kommen über 300 Canuts aus einem anderen Stadtteil auf die Croix Rousse. Dort werden isolierte Gardisten entwaffnet, Wachhäuschen angezündet usw. Die Canuts, die mit Stöcken und Steinen angefangen haben, kämpfen nun mit Waffen, besetzen militärische Gebäude und schlagen Soldaten und Gardisten zurück, die gegen sie vorgehen. Die Kämpfe erstrecken sich bis hinunter in die Stadt. Dort schließen sich ihnen Arbeiter aller Sparten an, auch Gardisten und Soldaten, ebenso Zeitungsleute. Republikanische Parolen werden laut. Die Aufständischen, unter ihnen viele Frauen und Kinder, nehmen Brücken, wichtige Gebäude, Straßenzüge ein, schließlich auch das Rathaus von Lyon. Sie kämpfen so lange und so verbissen, verzweifelt, bis es keinen Widerstand mehr gibt. Der Bürgermeister ist nicht mehr da, und der Präfekt hat sich diskret in die Präfektur zurückgezogen, deren starke Eisengitter noch heute imponieren.

In der Nacht zum 23. November lässt der oberste Militärführer die Stadt evakuieren: Sie gehört den Canuts! Ihr Aufstand ist zu einer Revolution der Besitzlosen gegen die Besitzenden geworden. Sie hat 600 Menschen das Leben gekostet.

Im Rathaus bildet sich ein vorläufiger Generalstab: Bekanntmachungen werden formuliert, Plünderer und Diebe streng bestraft. Von den Gefangenen werden die befreit, die wegen ihrer Schulden inhaftiert sind. Künftig sollen die Stadt und das Departement von den Arbeitern regiert werden: »Eine verwegene Zukunftsvision, die an Kühnheit sogar das übertrifft, was die Pariser Kommunarden vierzig Jahre später durchsetzen wollten.« [5]

***

Woran lag es, dass der Aufstand der Seidenweber zur Niederlage wurde? Es gibt eine Vielzahl von Gründen, die von den Historikern jeweils unterschiedlich gewichtet werden.

  • Der provisorische Generalstab war instabil, sehr heterogen zusammengesetzt, wurde durch einen zweiten ersetzt. Der verhandelte mit den entmachteten Autoritäten, die Zeit gewinnen wollten und auf militärische Unterstützung aus Paris warteten.
  • Der Teil des Bürgertums, der republikanisch gesonnen war, unterstützte den Aufstand nicht ausreichend.
  • Der erfahrenste und fähigste Mann unter den Verantwortlichen, Michel-Ange Périer, wurde während der Kämpfe schwer verwundet.
  • Die Ankündigung, der Kronprinz und der Kriegsminister werden nach Lyon kommen, schuf Unsicherheit.
  • Ein Teil der Canuts ließ sich durch verständnisvolle Verlautbarungen und Versprechen der Entmachteten verführen, gab die Waffen ab und nahm die Arbeit wieder auf, ohne dass feste Tarife vereinbart waren.
  • Ein anderer Teil der Canuts ließ sich durch Gerüchte einschüchtern, wonach 20.000 Soldaten im Anmarsch seien, um die Stadt zurückzuerobern. Der Zusage, das Militär werde die Stadt nicht betreten, trauten sie nicht. Einige Canuts, die sich im Kampf profiliert hatten, verließen mutlos die Stadt. Immer mehr Kämpfer gaben ihre Waffen ab.

***

Nach und nach erlangen die ehemals Mächtigen die Macht zurück, begleiten dies mit schönen Reden. Als am 3. Dezember starke Militäreinheiten mit Kronprinz und Kriegsminister in die Stadt und die Vororte einziehen, werden sie schweigend empfangen. Übrigens hatten sich einige Soldaten, trotz Strafandrohung, geweigert, die Vorstädte zu betreten. Und weiter?

  • Die zugesicherten finanziellen Unterstützungen, beispielsweise zum Ausgleich zu niedriger Löhne, kommen erst spät zum Tragen und werden oft zweckentfremdet.
  • Der König gibt, wie versprochen, eine große Arbeit in Auftrag.
  • Etwa dreißig Männern wird der Prozess gemacht – mehrere hundert Kilometer von Lyon entfernt. Trotzdem gibt es lautstarke Sympathiekundgebungen, die die Richter nervös machen, so dass die meisten Angeklagten freigesprochen werden und die anderen milde Strafen erhalten.
  • Die Canuts müssen, um weiterarbeiten zu können, neue Arbeitspapiere beantragen, die eine Bescheinigung über ihr Wohlverhalten einschließt. Das bedeutet Arbeitslosigkeit für eine ganze Reihe unter ihnen.
  • Der Kriegsminister lädt freundlich ein, in die Armee einzutreten. Er braucht Soldaten für Algerien.

1834 wehren sich die Seidenweber ein zweites Mal … Nicht nur in Frankreich erregt der Seidenweber-Aufstand große Aufmerksamkeit. Für Marx und Engels ist er beispielhaft und seine Bedeutung für die materialistische Geschichtsauffassung kaum zu überschätzen, war er doch der erste, der neue historische Tatsachen schuf. Diese neuen Tatsachen, so Engels in »Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft«, zwangen dazu, »die ganze bisherige Geschichte einer neuen Untersuchung zu unterwerfen, und da zeigte sich, dass alle bisherige Geschichte die Geschichte von Klassenkämpfen war.« [6]

Den Begriff »Sturmglocke zu Lyon« gebraucht Marx im ersten Band des »Kapital«, im 22. Kapitel, das die »Verwandlung von Mehrwert in Kapital« thematisiert. Der »gelehrte Zank«, der sich um die Rolle der Arbeiter, der Kapitalisten und Grundeigentümer entfacht hatte, »verstummte vor der Juli-Revolution« in Paris, die 1830 den König in die Flucht geschlagen hatte (s. oben). »Kurz nachher läutete das städtische Proletariat die Sturmglocke zu Lyon …« [7]

Anmerkungen

[1] Saint-Simon (1760-1825) ist Frühsozialist und stark katholisch geprägt.

[2] Übersetzt nach Fernand Rude, Les révoltes des canuts, Paris 2007 (letzte Auflage), S. 15.

[3] Rude, S. 18.

[4] Anders als auf dem Land und in den Vorstädten, stellten in den Städten hauptsächlich reichere Bürger die zivile Nationalgarde. Sie war eine Errungenschaft der französischen Revolution von 1789.

[5] Rude, S. 49.

[6] MEW 20, 1962, S. 25. Herzlichen Dank an Professor Eike Kopf, der mir ein Wegweiser durch die MEW war.

[7] MEW 23, 1962, S. 622.

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Geld aus der Sklavenarbeit diente zur Sanierung der heutigen Ertragsperle BMW

Von Richard Corell/Stephan Müller

Auf eine Milliarde arbeitsloses Einkommen brachten es die Geschwister Stefan Quandt und Susanne Klatten dank der im vergangenen Jahr ererbten 47 Prozent an der Autofirma BMW. Die Dividenden aus ihren anderen Unternehmen sind dabei noch nicht mitgerechnet. Allerdings: „Wenn man Mittel in dieser Höhe hat, muss man sich auch darum kümmern. Das ist ja nichts, was man ausgeben kann“, stellt Frau Klatten fest. Die ist dem breiten Publikum durch Sexabenteuer etwas besser bekannt als ihr Bruder. Beide kümmern sich aber um die Vermehrung ihrer Mittel eher im Stillen. Auch, weil die Herkunft der Mittel erst 2007 durch das TV-Feature „Das Schweigen der Quandts“ der Öffentlichkeit bekannt wurde: Vater Herbert Quandt hatte BMW-Aktien gekauft mit Geld aus dem Quandt-Nazirüstungskonzern, aufgebaut auf skrupellose Arisierungen und Sklavenarbeit von 50 000 Zwangsarbeitern. Herbert Quandt war dort als Junior- und Personalchef persönlich zuständig z. B. für das KZ der Akkumulatorenfabrik AFA (heute Varta), geschätzte Überlebensdauer der Häftlinge dort sechs Monate. Die Betriebe waren so kriegswichtig, dass die britische Besatzungsmacht in der Erwägung eines Angriffs auf die Sowjetunion lieber die Quandts weitermachen ließ, als sie in Nürnberg als Kriegsverbrecher anzuklagen. Als der Quandt-Freund und Goebbels-Stellvertreter Werner Naumann dann doch 1953 von den Briten gehindert wurde, mit der FDP in NRW die NSDAP wieder zu beleben, wurde er als Direktor in die Quandt-Firma Busch-Jäger übernommen.

1959 konnte Herbert Quandt dank gut gepflegter Vernetzung in Branche und Politik den Coup mit der „Rettung“ des siechen BMW-Konzerns landen: Er hatte die Perle dieses Konzerns, die BMW-Triebwerksbau-GmbH im Auge. Dort winkte die damals ungeheure Auftragssumme von 400 Mio. DM für Starfighter-Triebwerke. Der Verkauf der Triebwerks-GmbH an MAN – später wurde die MTU daraus – reichte, um BMW in den 60er Jahren zu sanieren. Aus den Quandtschen Waffenfabriken entstanden die IWK (heute Kuka), die an BMW modernste Produktionsanlagen lieferte. Auch in der Personalpolitik passten sich die Quandts an: Der aggressive Antikommunismus wurde in ein Umwerben rechter Sozialdemokraten verpackt. Ko-Management mit dem Betriebsrat gehört bei BMW wie bei VW zur Geschäftspolitik.

Über die Methode, wie Mehrwert aus lebendiger Arbeit gepresst wird, kann gestritten werden, letztlich geht es Finanzoligarchen um Profit, gerechnet in Milliarden. Erbe Stefan Quandt formuliert das so – in der Antwort auf die Frage, ob er nach Bekanntwerden der KZ-Verantwortung weiter den Quandt-Preis für marktwirtschaftlichen Journalismus nach seinem Vater benennen wolle: „Wenn man sein Lebenswerk sieht, denke ich nach wie vor, dass man zu einem Gesamtbild kommt, das es rechtfertigt, einen Herbert Quandt-Medien-Preis zu verleihen.“

Im Mehrwertauspressen sind die Quandts weiter vorn dran: 2003 lieferten 105 000 Beschäftigte 1,1 Millionen Autos. 2015 brachten es kaum mehr – 122 000 Lohnabhängige – auf die doppelte Zahl BMW-Autos. Entsprechend stieg der Gewinn auf 9,2 Mrd. Euro. Das ist genug, um sich großzügig zu zeigen: Zum Beispiel gegenüber der TU München: Die liefert nicht nur Nachwuchs; ein wichtiger Teil der Forschung wird dort in Spendendankbarkeit abgearbeitet. Auch Merkel war dankbar: Fünf Tage nach Eingang einer Spende von 690 000 Euro waren 2013 in der EU drohende Abgasnormen vom Tisch. Von Kardinal Marx bis Elmar Brok (EU-Parlament und Bertelsmann) trifft sich, wer für die Quandts wichtig ist, jährlich beim Munich Economic Summit, den sie mit dem Ifo-Institut veranstalten. Hofknicks ist dort noch nicht vorgeschrieben.

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Deutscher Imperialismus nach US-Wahlen  - Ein Platz an der Sonne für Berlin und Brüssel

SWP-Direktor Volker Perthes hat eine Analyse veröffentlicht, in der er fünf Thesen zu den außenpolitischen Konsequenzen der US-Wahlen aufstellt. Der Politikexperte empfiehlt Berlin, eigene Ziele und Interessen zu definieren und diese zu verfolgen.

Von Dennis Simon

RT Deutsch

Während der mediale Sensationalismus über den Wahlsieg Donald Trumps in den USA noch andauert, arbeiten die westlichen Meinungsmachermaschinen schon auf Hochtouren, um ein Weltbild zu entwerfen, dass den neuen Umständen – aus westlicher Sicht – gerecht wird.

Die Generallinie von ARD, Süddeutsche, Zeit & Co. lässt sich auch schon klar erkennen: „Europa – gemeint sind Deutschland und seine EU-Vasallenstaaten – ist nun der Bannerträger der freien Welt. Wir können und müssen endlich unseren Platz an der Sonne erkämpfen.“

Was noch vor zehn Jahren einen Aufschrei ausgelöst hätte, etwa die Feststellung, dass Europa bzw. Deutschland eigene strategische Ziele formulieren und diese, wenn nötig, mit militärischen Mittel durchsetzen sollte, gehört spätestens seit den letzten US-Wahlen zum guten Ton in jeder Redaktion der deutschen Hegemonialpresse.

Volker Perthes, Direktor der staatsfinanzierten Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) und damit ex officio einer der wichtigsten bundesdeutschen Meinungsvorschreiber, verfasste eine kurze Analyse zu den außenpolitischen Auswirkungen der US-Wahlen, die im am Montag im Tagesspiegel, im Handelsblatt und auf EurActiv.de erschien. Sie beinhaltet „fünf Thesen, mit denen sich Forschung und Politik nun befassen müssen“ – so jedenfalls beschreibt die SWP-Website den Text von Perthes. Es lohnt sich, die wichtigsten dieser fünf Thesen anzuschauen, um einen Eindruck davon zu bekommen, welche Strategie die Hohepriester der Politikwissenschaft den politischen Führungskadern Europa-Deutschlands für die nächsten Jahre verkaufen möchten.

Die erste These, die Perthes aufstellt, ist, dass „die Wahl Donald Trumps […] eine Niederlage des Liberalismus und damit der normativen Grundlage des Westens“ bedeutet.“ Autokraten und Anhänger unterschiedlicher Formen illiberaler Demokratie“ – als Beispiele hierfür führt er Putin, Erdoğan und Orban an – würden dadurch gestärkt werden.

Dies werde sich auch auf die Außenpolitik der EU-Staaten auswirken. Diese würden sich vermehrt „mit dem Argument auseinandersetzen müssen, dass ihre Form der liberalen Demokratie nur ein akzeptables Governance-Modell unter vielen darstellt“. Perthes ging bisher offenbar davon aus, dass jene Form der Demokratie, wie sie in den westeuropäischen Staaten praktiziert wird, die weltweit einzig gültige Herrschaftsform ist.

Aus welchen Normen des Völkerrechts er diesen Alleinvertretungsanspruch ableitet, ist allerdings unklar. Jedenfalls werde sich diese Entwicklung aber „auf internationale Bemühungen um die Stabilisierung oder Wiederherstellung gefährdeter oder gescheiterter Staaten auswirken“. Was der SWP-Direktor hier gerne aussprechen möchte, aber am Ende doch lieber bevorzugt, hinter einer Nebelwolke politisch korrekter Begriffe zu verschleiern, ist die Tatsache, dass westliche Staaten angesichts der Entwicklung der internationalen Politik zur Multipolarität den nicht-westlichen Ländern nicht mehr willkürlich Regierungen oder Staatsformen aufzwingen können.

Perthes‘ zweite These ist, dass die Politik weltweit zunehmen personalisiert und von charismatischen und/oder populistischen Figuren dominiert sein wird. Für diese Erscheinung gebraucht er den Ausdruck „Berlusconisierung der Politik“. Als Gegenbeispiele dieses Politikstils nennt er Merkel und Obama, die einen „analytisch-faktenorienterten Stil“ bevorzugen würden. Der Autor scheint dabei zu vergessen, dass Obama seinen ersten Wahlkampf auch vor allem auf der Grundlage seines Charismas geführt hatte. Seine wichtigsten Slogans „Yes We Can“ und „Change“ hatten ebenso wenig mit einem „analytisch-faktenorienterten Stil“ zu tun wie die teilweise geradezu byzantinistisch anmutenden Huldigungen des vermeintlichen „Messias“ in der westlichen Presse. Es ist zweifelhaft, ob ein Paar schrille Gestalten hier und da ausreichen werden, um die tradierten zwischenstaatlichen Kommunikationskanäle, die auf Bürokratien und Diplomatische Corps mit jahrhundertelanger Tradition zurückblicken können, zu verdrängen.

Die dritte These von Perthes ist, dass sich die Vereinigten Staaten unter Trump wahrscheinlich weniger wie ein Weltgendarm aufführen werden. Natürlich drückt das Perthes nicht mit dieser Wortwahl aus, aber er meint dasselbe: Trump neige dazu, „die Rolle der USA als liberalem Hegemon, der die Führung bei der Aufrechterhaltung einer offenen, auf freien Austausch und freie Wahl der außenpolitischen Orientierung gerichteten Ordnung der Welt übernimmt, ganz oder teilweise aufzugeben und amerikanisch geführte Allianzen in Frage zu stellen“. Beiläufig sollte unsererseits nicht unerwähnt bleiben, dass die westlichen Interventionen in Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien und anderswo natürlich unheimlich viel zur „freien Wahl der außenpolitischen Orientierung“ der betroffenen Staaten beigetragen haben.

Perthes‘ letzte These zur neuen Weltordnung ist die spannendste, da sie einen Vorschlag für die Kernstrategie Euro-Deutschlands unter den neuen Umständen enthält. Er empfiehlt, unabhängig davon, ob Trump „die Vorteile einer festen transatlantischen Allianz“ erkennen wird oder nicht, die militärische Macht auszubauen („eigene sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit stärken“) sowie offener und aggressiver die eigenen Interessen zu verfolgen („eigene strategische Interessen definieren und gemeinsam außenpolitische Prioritäten setzten“). Deutschland müsse, „ob uns das gefällt oder nicht“, auf diesem Gebiet wesentlich aktiver werden.

Der SWP-Direktor spricht damit einen Gedanken aus, der auch schon vor den US-Wahlen in den deutschen Medien immer wieder vorgetragen wurde, nämlich, dass Deutschland/Europa dazu berufen sei, größere „Verantwortung“ im Weltgeschehen wahrzunehmen, also zunehmend wieder offener imperialistisch zu agieren. ARD, Süddeutsche, die Zeit & Co. – alle Mainstreammedien beklagen sich über das Wahlergebnis in den USA und den angeblich drohenden Rückzug Amerikas aus der Weltpolitik, freuen sich aber zugleich darüber, dass nun Deutschland eigenständiger agieren kann.

Parallel dazu stilisiert derzeit ein Großteil der Presse Angela Merkel zur neuen Hoffnungsträgerin der „freien Welt“. Unsere Mutti – als Erfüllungsgehilfin des Weltgeistes? Nachdem die Merkel-Regierung im Zuge der Eurokrise durchgesetzt hat, dass in Europa Deutsch gesprochen wird, scheint sie jetzt auch danach zu streben, im Kampf der Großmächte Deutschland einen Platz an der Sonne zu verschaffen. Und schon wetteifern die Meinungsvorschreiber miteinander, wer am überzeugendsten die „Alternativlosigkeit“ dieser Politik vermarkten kann. Haben zwei katastrophale Weltkriege nicht ausgereicht, um die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens zu illustrieren?

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Das geht anders!

Mit Beiträgen von:
Errol Babacan, Neoliberaler Generalangriff • Nick Brauns/Murat Cakir, Die Gülen-Bewegung • Sevim Dagdelen (MdB), „Merkel verleiht Despoten Flügel“ • Mehmet Okyayuz/Ugur Tekiner, Hundertjährige Allianz? • Korkut Boratav, Reaktionäre Wechselwirkungen • Rolf Gössner, Dialog statt Kriminalisierung

Weitere Themen:
60 Jahre deutsche Kommunistenverfolgung • AfD-Vormarsch • Brasilien nach dem Putsch • Frankreich vor schwierigen Wahlen • Viel Krieg in Syrien • Bremer Räterepublik • Homo artifex • Elend der Strategie-Debatte u. v. m.

Über Erdogans Politik als bezahlter „Türsteher“ der EU, der Flüchtende fernhalten soll, oder als „Terrorpate“ des IS schreiben nicht nur bundesdeutsche Linke. Im Syrien-Krieg hat „der ganz starke Mann des Landes“ eine klar erkennbare Zielhierarchie: „Vorrang hat die Eindämmung der Kurden; nachrangig, ungeachtet aller Beteuerungen des Gegenteils, ist die Bekämpfung des islamistischen Terrors“, schreibt selbst die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung unter der Überschrift „Türkischer Doppelschlag in Syrien“. „Ganz offensichtlich setzt Erdogan … auf Militarisierung, selbst im eigenen Land … Mit Mäßigung im Innern ist nach dem Putschversuch und Erdogans autoritärem Kurs nicht zu rechnen.“ (FAS, 28.8.2016)
Mit ihrem „Türkei-Schwerpunkt“ – der in enger Zusammenarbeit mit ihrem neuen Mitherausgeber Murat Cakir und der Redaktion von „Infobrief-Türkei“ entstanden ist – wollen die Marxistischen Blätter die Verhältnisse im Innern der Türkei etwas stärker in den Mittelpunkt rücken, vor allem aber die zentrale Frage der deutsch-türkischen Beziehungen. Und zwar vorwiegend aus der Sicht türkischer bzw. aus der Türkei stammender Linker.
Errol Babacan beleuchtet in seinem Beitrag die türkische Wirtschaftspolitik, ihre Profiteure, Leidtragenden, Machtkämpfe und wie der gescheiterte Putschversuch zur Einleitung der nächsten Runde eines neoliberalen Generalangriffs genutzt wird.
Murat Cakir und Nick Brauns schreiben über die Gülen-Bewegung, als „AKP-Abtrünnige“, ihre Verstrickung in den gescheiterten Putschversuch, aber auch über die BRD als Logistikzentrum dieser „faschistoiden Vorfeldorganisation“.
In einem MBl-Interview beantwortete Sevim Dagdelen, MdB der Partei die Linke und Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages, Fragen zu ihrem soeben erschienen Buch „Der Fall Erdogan“, in dessen Mittelpunkt die deutsch-türkischen Beziehungen stehen und die Forderung nach einer radikalen Wende in der deutschen Türkei-Politik.
Mehmet Okyayuz und Ugur Tekiner, Politikwissenschaftler in Ankara, schreiben ebenfalls über die türkisch-deutschen Beziehungen im Spannungsfeld neu-alter Interessenpolitik zwischen dem „widerwilligen Hegemon“ BRD und der aufstrebenden „neo-osmanischen Regionalmacht“ Türkei.
Korkut Boratav, Wirtschaftswissenschaftler in Ankara, sieht reaktionäre Wechselwirkungen zwischen EU, USA und der Türkei bezüglich der Allianzen des Kapitals mit „Populisten“ unterschiedlichster Couleur.
Den Schwerpunkt abschließend bringen die Marxistischen Blätter einen Gastbeitrag aus dem sehr zu empfehlenden Türkei-Sonderheft der Zeitschrift „Ossietzky“. In ihm plädiert Menschenrechtsanwalt Rolf Gössner für einen radikalen Wandel der europäischen und deutschen Türkei- und Kurdenpolitik. Dazu bedürfe es „politischer Initiativen und eines offenen Dialogs mit der kurdischen Seite – und zwar auch in Europa und in Deutschland, statt wie bisher, solche Initiativen und Dialoge per Kriminalisierung und Ausgrenzung zu blockieren“.
Brandaktuell sind auch die beiden dokumentierten Beiträge einer Tagung der Marx-Engels-Stiftung zum Thema „60 Jahre KPD-Verbot“. Sieben streitbare Beobachtungen zu seiner Nachwirkung und der Abwehr seiner Wiederbelebung stellt der Münchener Kommunist und Rechtsanwalt Hans E. Schmitt-Lermann zur Diskussion. Die durchaus unterschiedliche Rolle des Verbotsurteils bzw. einzelner seiner Aspekte in den drei Wellen der Kommunistenverfolgung in der Bundesrepublik im Kalten Krieg, bei den „Berufsverboten“ und bei der „DDR-Abwicklung“ nach 1989 stellt Ekkehard Lieberam (Marxistisches Forum) ins Zentrum seines Beitrages.
Hervorzuheben sind noch zwei weitere anregende Diskussionsbeiträge zum Komplex EU und linke Strategie. Der österreichische Friedensaktivist Gerald Oberansmayer wirft einen Blick auf die EU als „Europa der Konzerne und Generäle“ und hält als Fazit „die Illusion vieler Linker und Friedensbewegter, die EU in Richtung eines sozialen, friedlichen und demokratischen Gebildes transformieren zu können, für einen der folgenschwersten Fehler, der viel zum Aufstieg der extremen Rechten beigetragen hat“. Der Marburger Doktorand und hessische DKP-Bildungsverantwortliche Pablo Graubner sieht das in seinem solidarisch-sachlichen Beitrag zum „Elend der Strategiedebatte“ (der DKP) ähnlich und macht Vorschläge zu deren konstruktiver Weiterführung. Sein Beitrag ist „ein Versuch, die Diskussion um unsere strategischen Grundlagen sowie um Perspektiv- und Übergangsforderungen wieder stärker in Zusammenhang mit einer marxistischen Klassenanalyse zu bringen“.

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Zum Jahrestag der Gründung der Internationalen Brigaden

Teil I

Von Werner Abel

Aus dem Album zum 1. Jahrestag der Internationalen Brigaden (Foto: Montage: aus Un año de las Brigadas Internacionales/unbekannt)
Aus dem Album zum 1. Jahrestag der Internationalen Brigaden (Foto: Montage: aus Un año de las Brigadas Internacionales/unbekannt)

Selbst das Wetter schien es gut gemeint zu haben. „Es war ein Oktobersonntag voller Sonne. So früh schon soviel ungewohnte Bewegung! Die kleine Stadt Albacete, Wiege der Internationalen Brigaden, ist früh auf den Beinen“, schrieb der Kriegskommissar der Base Albacete, Maurice Lampe, wenige Zeit später für das Album „Un año de las Brigadas Internacionales“. Gemeint war der 17. Oktober 1937, an dem mit einer machtvollen Manifestation und mit aktiver Teilnahme der Bevölkerung von Albacete der 1. Jahrestag einer internationalen Kampfgruppe begangen wurde, die wohl ohne Beispiel in der Geschichte war. Ein Jahr zuvor waren in der Provinzstadt Albacete, gelegen in der Mancha und zu dieser Zeit mit den umliegenden Gemeinden gerade mal 42 000 Einwohner zählend, die ersten internationalen Freiwilligen angekommen.

Base orgánica de las Brigadas Internacionales
Die Wahl Albacetes als zukünftiges Verwaltungszentrum für die Internationalen Brigaden hing wohl mit seiner strategisch günstigen Lage im Hinterland zusammen, nicht zu weit entfernt von der Zentralfront, mit Eisenbahnanschluss, einem kleinen Flugplatz, lokaler Industrie, vor allem aber mit militärisch nutzbaren Gebäuden wie der gewaltigen Kaserne der Guardia Nacional. Albacete war durch das legendäre 5. Regiment, der aus der Volksmiliz der Kommunistischen Partei Spaniens hervorgegangenen militärischen Formation, von den Nationalgardisten, die sich den Putschisten angeschlossen hatten, freigekämpft worden. Das republikanische Verteidigungsministerium nutzte die Stadt überdies, um einige Divisionen der neuen Volksarmee aufzustellen. Damit war der Präsident der Cortes, der Republikaner Diego Martínez Barrio, beauftragt.
Damit in Albacete die „Base orgánica de las Brigadas Internacionales“, wie dieses Verwaltungszentrum amtlich hieß, entstehen konnte, war man auch auf die Hilfe der lokalen Behörden angewiesen. Man brauchte für den riesigen entstehenden Militärapparat nicht nur alle verfügbaren Gebäude der Stadt, so z. B. auch das Sportstadion, sondern auch die umliegenden Ortschaften für Ausbildungslager und Militärschulen. Hilfe, wenn oft auch widerwillig, kam von dem damaligen Zivilgouverneur Justo Martínez Amutio, Linkssozialist und kein Anhänger der Kommunisten, aber seit 1934 befreundet mit Hans Beimler.

Solidarität mit der Republik
Es war kein Geheimnis, dass die Idee zur Bildung internationaler Freiwilligen-Einheiten von französischen und deutschen Kommunisten kam und dass die Kommunistische Internationale (Komintern), jene weltumspannende Vereinigung kommunistischer Parteien, diese Idee aufgegriffen und die Organisation übernommen hatte. Am 27. August 1936 war bereits im Politbüro der KPdSU, wie Georgi Dimitroff, Generalsekretär der KI, in seinem Tagebuch berichtete, die Bildung eines internationalen Freiwilligen-Korps angeregt worden. Zur gleichen Zeit rief die Auslandsleitung der KPD alle waffenerfahrenen Genossen dazu auf, sich der Spanischen Republik zur Verfügung zu stellen. Am 27. September 1936 beschloss das Exe­kutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI) alles zu tun, um die Spanische Republik personell, materiell und propagandistisch zu unterstützen. Die weltweite Solidaritätsaktion, die auch in den kommenden Jahren eher noch zunahm, basierte größtenteils auf den Initiativen der Komintern und der Kommunisten vieler Länder.

Die Gründung der Interbrigaden
Im Herbst 1936 hielten sich schon mehrere Tausend ausländische Antifaschisten in Spanien auf. Sie waren in der Mehrheit den gegen die Putschisten kämpfenden Milizen beigetreten. Die Milizen, so bewundernswert ihr Einsatz auch war, hatten inzwischen schon immense Verluste zu beklagen. Es gab keine straffen Befehlsstrukturen, keine Koordination zwischen den einzelnen Einheiten und kein gemeinsames Oberkommando.
Neben den Militärs waren auch die in Organisationsfragen erfahrenen kommunistischen Funktionäre der Auffassung, dass Milizen auf Dauer nicht effizient gegen eine hochgerüstete und hierarchisch geführte Armee, wie es die der Putschisten war, kämpfen können. Ein Problem war aber auch, dass mit dem Putsch die spanische Armee quasi zerfallen war und ein großer Teil des Landheeres im Gegensatz zur Luftwaffe und zur Marine zu den Putschisten überlief. Das bedeutete auch, dass die Bildung internationaler Kampfeinheiten im Grunde mit der Neuformierung der Armee der Republik zusammenfallen musste. Diese Armee, und das war auch programmatisch gedacht, sollte einen neuen Charakter haben, der sich in ihrem Namen „Ejercito popular“, also Volksarmee ausdrückte. Den Kern der neuen Volksarmee bildete ohne Zweifel das schon erwähnte „5. Regiment“. Diese Einheit leitete ihren Namen davon ab, dass es im Militärbezirk Madrid vier Regimenter der alten, sich nun aber neuformierenden Armee gab. Die Bezeichnung „Regiment“ sollte den Grad der Militarisierung und den Unterschied zu einer Miliz deutlich machen. Im „5. Regiment“ machten dann auch Funktionäre der Komintern ihre ersten Erfahrungen mit dem Krieg in Spanien.
José Diaz, Generalsekretär der KP Spaniens, hatte empfohlen, dass Funktionäre der Komintern die spanische Regierung über ihre Absicht, internationale Einheiten zu bilden, informieren und die Erlaubnis der Regierung dazu einzuholen. Am 22. Oktober 1936 sprachen der Italiener Luigi Longo, der Franzose Pierre Rebiére und der Pole Stefan Wisniewski zunächst mit Manuel Azaña, dem Präsidenten der Republik, der keine Einwände hatte, aber zu erkennen gab, wie sehr er als Intellektueller den Krieg als Mittel der Politik hasse. Wesentlich komplizierter war das Gespräch mit dem Ministerpräsidenten der Volksfrontregierung, dem linken Sozialisten und ehemaligen Gewerkschaftsfunktionär Largo Caballero. Dieser war ebenso wie die zu dieser Zeit noch mächtigen Anarchisten der Meinung, dass Spanien vor allem Waffen brauche, keine Männer. Dahinter stand aber auch die Befürchtung, dass eine von der Komintern organisierte Armee den schon groß gewordenen Einfluss der KP Spaniens noch verstärken könnte. Letztlich aber gab Caballero durch Kopfnicken wortlos sein Einverständnis und schickte die Abgesandten der Komintern zu Diego Martínez Barrio nach Albacete.

Eine Militärorganisation aus dem Nichts
Dort waren schon am 14. Oktober die ersten Freiwilligen eingetroffen und was nun begann, war eine Aktion, der man auch nach 80 Jahren nicht die Bewunderung versagen kann. Innerhalb weniger Tage gelang es, wie Luigi Longo später schrieb, „eine Militärorganisation aus dem Nichts“ aufzustellen. Das besorgte eine Handvoll Männer des Organisationskomitees, das aus dem ehemaligen Offizier der Roten Armee Manfred Stern („General Kléber“), dem weltkriegserfahrenen Deutschen Hans Kahle („Jorge Hans“), den Italienern Luigi Longo (später unter dem Namen „Gallo“ Generalinspekteur-Generalkommissar der Internationalen Brigaden) und Giuseppe Di Vittorio („Nicoletti“) und dem französischen Arzt Dr. Jacob Kalmanovitch („Calman“) bestand.
Die Leitung übernahm ein Militärkomitee, dem die Franzosen André Marty, Mitglied des Exekutivkomitees der Komintern, und Vidali Gayman („Vidal“) vorstanden. Der frühere Offizier Vidal war zunächst Stabschef, dann der erste Kommandant der neu geschaffenen „Base orgánica de las Brigadas Internacionales“, wie das Verwaltungszentrum in Albacete zukünftig genannt wurde.

Verteidiger Madrids
Die erste Brigade, die aufgestellt wurde, enthielt entsprechend der Zählung der Brigaden der Spanischen Volksarmee die Zahl XI. Diese XI. Brigade, zunächst befehligt von Manfred Stern, dann von Hans Kahle, war nicht nur ihrer Kommandostruktur entsprechend die „deutscheste“ aller Internationalen Brigaden, sondern auch von ihrer Zusammensetzung her gesehen, denn zur „Deutschen Sprachengruppe“ wurden neben den Deutschen auch die Österreicher, Schweizer, Skandinavier und Niederländer gezählt. Die XI. Brigade wurde sofort nach ihrer Aufstellung am 4. November an die Front nach Madrid geschickt, wo ihre Angehörigen, von den Madrilenen begeistert empfangen, unmittelbar in die Kämpfe um das Universitätsviertel, den Park Casa de Campo und die Französische Brücke eingriffen. Madrid konnte entlastet werden, aber die Brigade erlitt ernste Verluste. Am 1. Dezember kamen auch Hans Beimler, der Vertreter der KPD in Spanien und Verantwortlicher für die deutschen Kommunisten, und Louis Schuster (Fritz Vehlow), der Politkommissar des Ernst-Thälmann-Bataillons der XI. Brigade, bei einer Inspektion der Front vermutlich durch marokkanische Scharfschützen ums Leben.
Am 9. November war in Albacete unter dem Kommando von General Lukacz (das war das Pseudonym des ungarischen Schriftstellers und Weltkriegsoffiziers Máté Zalka) die Aufstellung der XII. Brigade abgeschlossen worden, die ebenfalls an die Front von Madrid ging. Madrid konnte bis zum Ende des Krieges nicht durch die Franquisten eingenommen werden. Dass es dazu nicht gekommen war, verdankte die heldenhaft kämpfende Stadt auch den internationalen Freiwilligen.

Gegen den Faschismus, für die Demokratie
Inzwischen hielt der Zustrom von Freiwilligen ungebrochen an. Obwohl es sich bei allen um Antifaschisten handelte, waren ihre Motivationen durchaus verschieden. Diejenigen, die aus faschistischen Ländern und Diktaturen kamen, in denen die Arbeiterbewegung Niederlagen erlitten hatten, sahen nun die Chance, den Faschisten mit der Waffe in der Hand entgegentreten zu können. Andere wieder, die die Demütigungen der Emigration erleiden mussten, sahen in einem demokratischen Spanien auch für sich eine Zukunft. Freiwillige aus den bürgerlichen Demokratien folgten dem Ruf ihrer nationalen kommunistischen Parteien. Für sie war der Faschismus vor allem eine Bedrohung der Demokratie.
Natürlich spielte auch die Solidarität mit dem spanischen Volk und mit der Spanischen Republik eine überragende Rolle, aber noch wichtiger war wohl die Auffassung, dass wenn der Faschismus in Spanien geschlagen wird, er auch überall besiegt werden kann. „Der Weg nach Berlin führt über Madrid“, ließ Gustav Regler in seinen Erinnerungen Hans Beimler sagen, und dieser Satz steht wohl programmatisch für das, was viele Freiwilligen zu dieser Zeit bewegte und zu den Waffen greifen ließ.
Die Freiwilligen kamen auf unterschiedlichen Wegen, manchmal legal, meist illegal auf abenteuerlichen Routen. Sie kamen mit der Eisenbahn, mit dem Schiff oder zu Fuß. Für viele war das Gebäude in der Rue Lafayette, das die KP Frankreichs von der Gewerkschaft CGT gemietet hatte, der erste Anlaufpunkt. Hatten sie Spanien erreicht, wurden sie zuerst nach Figue­ras gebracht. Die alte Festung der Stadt diente als Sammelpunkt, in dem die Freiwilligen registriert, ihre Personalien überprüft und die Transporte nach Albacete oder direkt an die Front zusammengestellt wurden.

 

 

Zum Jahrestag der Gründung der Internationalen Brigaden

Teil 2 und Schluss

Von Werner Abel

Interbrigadisten der XI. Internationalen Brigade aufseiten der Spanischen Republik während der Schlacht von Belchite (1937). (Foto: Michail Kolzow / public domain)
Interbrigadisten der XI. Internationalen Brigade aufseiten der Spanischen Republik während der Schlacht von Belchite (1937). (Foto: Michail Kolzow / public domain)

Wilhelm Zaisser, der aus Moskau kommend nach seiner Ankunft in Spanien zunächst die Leitung der Operativen Abteilung des 5. Regiments, dann die der Ausbildung in Albacete übernommen hatte, stellte unter dem Namen „General José Gómez“ die XIII. Internationale Brigade zusammen, in der dann wohl die meisten Nationalitäten vertreten waren. Nach einer kurzen Ausbildung sollte die Brigade versuchen, die strategisch wichtige Stadt Teruel einzunehmen. Der Angriff misslang und die Brigade wurde an die Córdoba-Front nach Andalusien verlegt. Nach wochenlangen Kämpfen unter unterschiedlichsten klimatischen Bedingungen in der Sierra Mulva und an der Küstenstraße Málaga-Almeria lag die Brigade vor Peñarroya. Diese Stadt einzunehmen wäre wegen der Quecksilbervorkommen wichtig gewesen. Das aber ist auch nach monatelangem Stellungskrieg nicht gelungen.

Die Brigade wurde, da sie nicht an der Zentralfront kämpfte und keine mediale Aufmerksamkeit erfuhr, „Die vergessene Brigade“ genannt. Das hing auch damit zusammen, dass sie trotz der völligen Erschöpfung der Kämpfer nicht abgelöst wurde. Die Kampfmoral blieb trotz aller Klagen ungebrochen, nur als Wilhelm Zaisser sich weigerte, die Brigade ohne Urlaub für die Kämpfer an der Zentralfront einzusetzen, wurde er vom spanischen Generalstab von seinem Kommando entbunden. Die Brigade erhielt einen anderen, völlig unfähigen Kommandeur und wurde in der Schlacht um Brunete völlig aufgerieben. Erst im Herbst 1937 konnte die XIII. Brigade neu aufgestellt werden.

An der Südfront war Anfang 1937 auch die von dem Polen Karol Swierziewski (General Walter) kommandierte XIV. Brigade gebildet worden, danach entstand unter dem Kommando des Ungarn Janosz Galicz (General Gal) die XV. Internationale Brigade. Mit dem 20. Internationalen Bataillon als Kern wurde, kommandiert von dem Italiener Also Morandi und dem Deutschen Ernst Dudel, im März 1937 die 86. Brigada Mixta formiert und im Dezember 1937 folgte die Gründung der 129. Internationale Brigade, deren erster Kommandeur der Pole Wacek Komar war. Außer diesen Brigaden gab es noch vier Internationale Artillerie-Einheiten, die jeweils auf schwere Artillerie und Panzer- und Flugabwehrbatterien spezialisiert waren.

Die Freiwilligen kamen aus über fünfzig Ländern, unter ihnen waren etwa 3 Prozent Staatenlose und solche, die im besten Falle einen Nansen-Pass für Staatenlose hatten. Von der Forschung bisher unbeachtet blieb, dass es auch 790 Russen gab, die nach der Oktoberrevolution aus Russland emigriert oder die Söhne solcher Emigranten waren. Viele von ihnen hofften, durch diesen Schritt in die UdSSR zurückkehren zu können. Aus der Sowjetunion selbst waren 2 046 Männer und Frauen als Piloten, Tankisten, Militärberater, Geheimdienstmitarbeiter, Dolmetscherinnen und Funkerinnen sowie technische Spezialisten nach Spanien kommandiert worden. Viele von ihnen waren nur wenige Monate im Einsatz. Von sowjetischen Freiwilligen im eigentlichen Sinne kann nicht gesprochen werden, weil eine freiwillige Meldung nach Spanien in der Sowjetunion auch aus außenpolitische Gründen nicht möglich war. Ein Einsatz erfolgte in jedem Falle über eine Kommandierung.

Über die Anzahl der Interbrigadisten gibt es je nach politischer Position die unterschiedlichsten Auffassungen, die Forschung hat die Anzahl jedoch deutlich nach unten korrigiert, so dass heute von nicht mehr als 35 000 Personen ausgegangen wird. Die franquistische Propaganda hat noch von 100 000 Interbrigadisten fabuliert, um damit die Mär von der „roten Gefahr“, aber auch die Hilfe der faschistischen Staaten und den Einsatz ausländischer Söldner zu rechtfertigen. Am solidesten erscheint eine Meldung, die Wilhelm Zaisser, inzwischen Kommandeur der Basis Albacete, am 31. März 1938 an das spanische Verteidigungsministerium machte. In dieser Information werden 31 369 Interbrigadisten gemeldet, von denen seit der Bildung der Brigaden Unterlagen in Albacete existieren. Von diesen seien 4 575 als gefallen und 5 740 als vermisst oder mit unbekanntem Aufenthalt registriert. 6 062 waren zu diesem Zeitpunkt in ihre Heimatländer zurückkehrt oder wegen in Spanien nicht zu behandelnden Verletzungen ins Ausland evakuiert worden. Geht man davon aus, dass von April bis August noch Freiwillige nach Spanien kamen und wieder andere Einheiten der Volksarmee angehörten, die nichts mit den Internationalen Brigaden zu tun hatten, scheint die Anzahl von 35000 Internationalen realistisch zu sein, während andere Angaben wohl ins Reich der Phantasie gehören.

Während der Feierlichkeiten zum 1. Jahrestag wurde auch der Opfer gedacht, die die Freiwilligen für Spaniens Freiheit gebracht hatten. Stellvertretend für alle Gefallenen wurden genannt der Ungar General Lukacz, der Belgier Jean Wanden Plas, der Jugoslawe Parovic Schmidt, die Deutschen Hans Beimler und Fritz Vehlow, der Franzose Alfred Brugères, der Afroamerikaner Oliver Law, die Italiener Guido Picelli und Nino Nanetti, der Pole Antek Kochanek, der Tscheche Eugenio Winkler, der Schwede Bernard Larsen, der Österreicher Franz Reisenauer, der Rumäne Burca Costache, der Albaner Teni Konomi, der Holländer Van Galen, der Grieche Kirijakidis und der englische Schriftsteller Ralph Fox. Bei vielen ist unbekannt, wo sie begraben liegen, die meisten Gräber wurden während der Franco-Diktatur auch verwüstet oder vergessen.

Die Erinnerung wird wach gehalten

Heute aber existieren in vielen Ländern Initiativen, die das Andenken an die Interbrigadisten aufrechterhalten. Am 6.10.2016 referierte Almudena Cros, Vorsitzende der spanischen Assoziation der Freunde der Internationalen Brigaden, während einer Konferenz in Graz über die Gedenkkultur in Spanien. Trotz des teilweisen Desinteresses der Behörden und den bis zur Zerstörung und Verunstaltungen führenden Aktionen rechter und reaktionärer Kräfte ist es dieser Organisation im Verein mit lokalen Initiativen gelungen, an zentralen Plätzen und an Orten, an denen die Internationalen Brigaden gekämpft hatten, beeindruckende Denkmäler zu errichten und die Erinnerungsorte und die noch vorhandenen Gräber zu pflegen.

1996 hatte die spanische Regierung das Versprechen eingelöst, das Dolores Ibárurri bei der Verabschiedung der Internationalen Brigaden am 28. Oktober 1938 gab, und verlieh den noch überlebenden Interbrigadisten die spanische Staatsbürgerschaft. Das war zwar nicht die der 2. Republik, für die die Brigadisten gekämpft hatten. Aber es war eine großartige Geste des offiziellen Spaniens. Von den deutschen Behörden war auf dem Festakt in Berlin niemand vertreten.

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Der Reformationstag, das Reformationsfest oder der Gedenktag der Reformation wird von evangelischen Christen in Deutschland und Österreich am 31. Oktober im Gedenken an die Reformation der Kirche durch Martin Luther gefeiert. Aus diesem Anlass erinnern wir daran, wie die DDR und die SED ihr Verhältnis zu den evangelischen Christen bestimmten, am Beispiel der Thesen zum 500. Geburtstags Martin Luthers:

DDR-Thesen zum Lutherjahr 1983

Anlässlich des 500. Geburtstags Martin Luthers verfasste eine Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern der Akademie der Wissenschaften der DDR und von Vertretern der Universitäten 15 „Thesen über Martin Luther“. Darin hieß es:

Martin Luther (10. November 1483 – 18. Februar 1546) wirkte als ein Wegbereiter der großen geistigen und politischen Auseinandersetzungen, mit denen Deutschland und Europa in die Epoche des Verfalls des Feudalismus, der Herausbildung des Manufakturkapitalismus und der ersten bürgerlichen Revolutionen eintraten. Er gehört zu den großen Persönlichkeiten der deutschen Geschichte von Weltgeltung.

Die Deutsche Demokratische Republik ist tief verwurzelt in der ganzen deutschen Geschichte. Als
sozialistischer deutscher Staat ist sie das Ergebnis des jahrhundertelangen Ringens aller progressiven Kräfte des deutschen Volkes für den gesellschaftlichen Fortschritt. Alles, was in der deutschen Geschichte an Progressivem hervorgebracht wurde, und alle, die es bewirkt haben, gehören zu ihren unverzichtbaren, die nationale Identität prägenden Traditionen. „Zu den progressiven Traditionen, die wir pflegen und weiterführen, gehören das Wirken und das Vermächtnis all derer, die zum Fortschritt, zur Entwicklung der Weltkultur beigetragen haben, ganz gleich, in welcher sozialen und klassenmäßigen Bindung sie sich befanden“ (Erich Honecker). In diesem Sinne würdigt die DDR die historischen Leistungen Martin Luthers und pflegt das von ihm hinterlassene progressive Erbe.
I. (…) Die gegebenen gesellschaftlichen und kirchlichen Verhältnisse bedingten die zentrale Bedeutung der Theologie in den politischen, sozialen und ideologischen Auseinandersetzungen und die religiöse Begründung der revolutionären Forderungen. Martin Luther löste durch seinen Kampf gegen das „internationale Zentrum des Feudalsystems“ (Friedrich Engels) die Reformation aus. Darin liegt sein bleibendes historisches Verdienst. Die Reformation wurde wesentlicher Bestandteil der beginnenden Revolution, bildete die ideologische Klammer für die sie tragenden höchst unterschiedlichen Klassenkräfte und gab im weiteren Verlauf des revolutionären Prozesses den Rahmen für deren rasche Differenzierung ab. Die Revolution kulminierte im deutschen Bauernkrieg von 1525, der jedoch mit einer Niederlage endete. Ihr historischer Platz im beginnenden Übergangsprozess vom Feudalismus zum Kapitalismus – unter noch unausgereiften objektiven und subjektiven Bedingungen – bestimmt den Charakter der Revolution als frühbürgerlich.

II. (…) Damit (d. h. mit seiner Kritik am Ablasshandel, M. E.) schuf Martin Luther theologische Grundlagen für die Herausbildung einer reformatorischen Ideologie, die unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen revolutionäre Wirkung erlangte; denn Reformation bedeutete nicht nur eine Reform der Kirche, sondern eine mehr oder weniger weitgehende Veränderung der Gesellschaft. Dieses Fundament zäh und unbeirrt verteidigt zu haben, ist jene persönliche Leistung Martin Luthers für die Entfaltung der frühbürgerlichen Revolution, die ihm von seinen Gegnern immer wieder abgenötigt wurde.
III. (…) Bürgerliche Oberschichten und mit dem Frühkapitalismus verbundene Kräfte, die Räte in vielen Städten sahen darin eigene Interessen ausgedrückt oder machten sich diese Ziele zu eigen. Die Reformation setzte Potenzen frei, den beginnenden Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus zu fördern. Dies verlieh ihr einen im Kern bürgerlich­-progressiven Charakter. Zugleich entwickelte sich eine zunächst von der bürgerlich­-städtischen Opposition getragene reformatorische Volksbewegung, deren Kräfte sich begeistert hinter Luther stellten (…)
V. (…) Die Volksbewegung nutzte die von Luther und den anderen Reformatoren gelieferten Argumente und biblischen Begründungen, beschränkte sich aber nicht darauf, im Sinne Luthers die Erfüllung ihrer Forderungen dem guten Willen der Obrigkeiten allein anheimzustellen.

Das Verhältnis zur Obrigkeit sowie die Frage nach den Mitteln zur Durchsetzung der reformatorischen Ziele wurden deshalb seit 1523/24 zu dem wichtigsten Streitpunkt zwischen Luther und der Volksbewegung. Zunächst unterstützte Martin Luther noch partiell die Volksbewegung und versuchte, die sich erweiternde Kluft zur adligen Ständeopposition zu überbrücken, obwohl er jetzt von weiterdrängenden Kräften, insbesondere von Thomas Müntzer, kritisiert und angegriffen wurde und sich seinerseits mit diesem auseinandersetzte. Noch von der Wartburg aus begründete er die Abschaffung der Messe in Wittenberg, die Ungültigkeit der Mönchsgelübde, die Einführung des Laienkelches und der deutschen Sprache in den Gottesdienst, die Übernahme des Kirchenvermögens in städtische Verwaltung und dessen Verwendung für die Armenfürsorge.

Anfang 1523 begründete Luther das Säkularisierungsprogramm der bürgerlich­-gemäßigten Reformation. Dieses Programm verfolgte das Ziel, das geistliche Eigentum in weltlichen Besitz zu überführen, und zwar vorwiegend zum Nutzen der weltlichen Feudalherren, bürgerlicher Oberschichten und der Gemeinde.
Luther erhob das Entscheidungsrecht der Gemeinde zum Prinzip der Reformation. So entwickelte Luther bis 1524 sein Programm der Reformation, das mit friedlichen Mitteln im Bündnis mit den weltlichen Obrigkeiten durchgesetzt werden sollte. In dem Maße, wie sich die Volksbewegung radikalisierte und sich auch gegen den weltlichen Feudalismus und die Fürsten richtete, wandte sich Luther von ihr ab. …

VIII. Martin Luthers Reformation übte eine nachhaltige Wirkung auf die europäischen Länder aus. Sie trieb die Lösung grundlegender Widersprüche der Feudalgesellschaft voran und wurde deshalb sehr rasch zu einer europäischen Erscheinung, die den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus beschleunigte. Europa trat damit in die Epoche der bürgerlichen Revolutionen ein, in denen sich das Bürgertum im Laufe der nächsten Jahrhunderte schrittweise zur ökonomischen auch die politische Macht erkämpfte. …

X. Die frühe Reformation war eine sehr breite, klassenmäßig heterogene, alle Volksschichten erfassende Bewegung zur revolutionären Umgestaltung. Der Sieg der Fürsten über das aufständische Volk im Bauernkrieg beschnitt die Klassenbasis dieser Bewegung und sicherte im Zusammenwirken mit den bürgerlichen Oberschichten die Aufrechterhaltung der feudalen Klassenherrschaft. …
XII. Karl Marx und Friedrich Engels schufen mit der Grundlegung des historischen Materialismus auch die Umrisse für eine wissenschaftliche Auffassung der Reformation und Martin Luthers. Sie würdigten Luther als den Initiator der Reformation und diese als erste Entscheidungsschlacht des europäischen Bürgertums gegen den Feudalismus. Sie zeigten zugleich, dass der Bauernkrieg und Thomas Müntzer, denen sich die revolutionäre Arbeiterbewegung in besonderem Maße verpflichtet fühlt, die notwendige Konsequenz aus den von Luther gegebenen Anstößen verkörperten. (…)

Die revolutionäre deutsche Arbeiterbewegung hat zwischen der epochalen historischen Leistung Martin Luthers, seiner klassenmäßigen Begrenztheit und dem reaktionären Missbrauch seines Erbes unterschieden und die unheilige Allianz von Thron, die sich für ihre Zwecke auf den Namen Luther berief, bekämpft. Sie hat Luther weder heroisiert noch missachtet, sondern seinen Platz in der Vielfalt der progressiven und revolutionären Bewegungen der deutschen Geschichte gewürdigt. …

XV. Mit dem Sieg der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten, mit dem Aufbau und der Gestaltung des Sozialismus sind in der Deutschen Demokratischen Republik die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür geschaffen, Martin Luther allseitig wissenschaftlich begründet und gerecht zu würdigen. Wir ehren die Kämpfer vergangener Generationen, die unter ihren Bedingungen mit dem Einsatz ihrer Persönlichkeit den Fortschritt vorangebracht und die Kultur bereichert haben. Wir würdigen sie kritisch, ohne ihre zeit­ und klassengebundenen Widersprüche zu übersehen und unhistorische Maßstäbe anzulegen. (…)

Die DDR pflegt die Gedenkstätten für Martin Luther und die Reformation und achtet die geistige Eigenart der damit verbundenen kulturellen und ethischen Werte. Die von Luther inspirierten und sich auf ihn berufenden protestantischen Kirchen haben wie alle anderen Glaubensgemeinschaften in der DDR verfassungsmäßig garantierte breite Möglichkeiten zu ihrer Betätigung. Im Kampf um die Lösung der Lebensfrage der Menschheit in der Gegenwart, die Erhaltung des Friedens, engagieren sich angesichts der komplizierter gewordenen Weltlage alle Bürger der DDR, einschließlich der Christen, für friedensstabilisierende Maßnahmen, Entspannung und effektive Abrüstung. Evangelische Christen lutherischer Prägung wie alle anderen Gläubigen bewähren sich als Mitgestalter der entwickelten sozialistischen Gesellschaft. Sie wirken nicht zuletzt aus christlicher Verpflichtung zur Nächstenliebe vor allem in der Diakonie aufopferungsvoll bei der Pflege von Behinderten und Kranken, Kindern und Alten. Sie bewahren und bereichern damit ihre spezifischen historischen Traditionen, die über Jahrhunderte hinweg Kultur und Ethik deutscher und anderer Länder mit geformt und bereichert haben.

Partei­ und Staatsführung der DDR waren und sind stets offen für die humanitären Anliegen der christlichen Kirchen und haben immer Sorge getragen für eine Zusammenarbeit in diesem Geiste. Luthers progressives Erbe ist aufgehoben in der sozialistischen deutschen Nationalkultur. Davon zeugt nicht zuletzt die Gründung des Martin­Luther-Komitees der Deutschen Demokratischen Republik unter dem Vorsitz von Erich Honecker, Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzender des Staatsrates der DDR. Die Würdigung Luthers und seines Werkes schließt auch die Bemühungen und den Kampf jener Kräfte ein, die heute unter Berufung auf Lehre, Vorbild und Leistung Martin Luthers für soziale Gerechtigkeit, Fortschritt und Frieden in der Welt kämpfen. „Mögen die Ehrungen zu seinem 500. Geburtstag, wie es der weltweiten Wirkung des Reformators entspricht, auch weltweit dem Ringen um die Bewahrung des Friedens, um das friedliche Zusammenleben der Völker und Staaten zugute kommen“ (Erich Honecker).

#Aus: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 29 (1981), S. 879 – 893.

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Die meisten Menschen der nachgewachsenen Generationen kennen den sogenannten Radikalenerlass und die massenhaften Berufsverbote, die in den 1970er und -80er Jahren gegen Beamte des öffentlichen Dienstes ausgesprochen wurden, bestenfalls nur noch vom Hörensagen. Die Opfer wurden bis heute nicht rehabilitiert. Das Thema ist so gut wie tabu. Der hier verlinkte Beitrag des ZDF ist eine Ausnahme. Er ruft ein Kapitel bundesdeutscher Geschichte in Erinnerung, das bis heute nachwirkt. Sehenswert!

Hier der Link:

Gesinnung im Visier – Radikalenerlass und Berufsverbote

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Ehrung für einen Spielmann

 

Zufällig wurde letzte Woche Bob Dylan genobelt

Von Manfred Idler

Auf der Namensliste der LiteraturnobelpreisträgerInnen stehen viele, deren Spur in der Literaturgeschichte nicht allzu tief ist. Die Auswahl folgte schon oft weniger literarischen als den Kriterien der Opportunität, sei es, dass ein Land oder ein Erdteil endlich mal „dran war“ oder als Ehrung für politisch gewünschtes Wohlverhalten, vorzugsweise Verdienste um die Verbreitung von Antikommunismus. Der Stifter hatte sich gewünscht der Preis und die damit verbundene Geldsumme möge an jene gehen, die „das Vorzüglichste in idealistischer Richtung geschaffen“ haben. Schön, aber … Immerhin ist nicht bekannt, dass eine oder eine der damit Geehrten nach der Annahme des Preises gleich einen Krieg angefangen hätte. Beim Friedensnobelpreis ist das anders.
Wir schreiben das Jahr 2016. The winner is: Bob Dylan. Einer, der sich wohl maßlos darüber ärgert, ist Martin Walser, der schon Jahrzehnte nach dem Preis giepert, um endlich mit Böll und Grass gleichzuziehen. Einst ein Progressiver, hatte er 1978 gefragt, was denn an diesem „herumzigeunernden Israeliten“ so Besonderes wäre, und sich damit dauerhaft und lange vor seiner Paulskirchen-Rede 1998 ins Aus geschossen.

Joan Baez und Bob Dylan auf dem Civil Rights March nach Washington D.C. am 28. August 1963

Joan Baez und Bob Dylan auf dem Civil Rights March nach Washington D.C. am 28. August 1963

(Foto: public domain)

Man muss den Preis wie die Juroren nicht allzu ernst nehmen. Die meistgestellte Frage in den Medien: Darf man das? Diesen Preis? An den? Dylan gilt denen, die jetzt die Preisvergabe kommentieren mussten, in erster Linie als Musiker und erst in zweiter als Poet.
Einer mit einer starken Lobby. Nämlich denen, die in seinen Texten und seiner Musik den Soundtrack ihres Lebens erkennen, die einmal angetreten waren mit dem Willen, die ungefügte Welt besser zu machen, den Krieg zu bannen, Rassismus und Ungerechtigkeit zu besiegen und anders zu leben als in den vorgefundenen Bahnen. Irgendwann erkannten die meisten, dass ihnen die Ziele zu groß waren und Kompromisse leicht, und doch blieb da das Uneingelöste, der Widerspruch zwischen dem was ist und was sein soll. Das ist Dylans Thema, ob es um die Liebe zwischen zwei Menschen geht oder um die Liebe zur Menschheit, immer ist da Vergeblichkeit des Strebens, das Welken von Gefühlen und die Endlichkeit. Das gestaltet er mit ungehörten Sprachbildern und mit dem Vermögen seines wichtigsten Instruments, dieser unfassbar wandelbaren Stimme, die raunen kann, knarzen, grunzen, bellen, schmeicheln und zärteln und auch den Belcanto beherrscht. In verschiedenen Interpretationen seiner Songs erlaubt es ihm diese Stimme, durch eine leichte Veränderung der Stimmfarbe, durch andere Betonung eines Wortes, durch Verschlucken von Silben einem Text einen anderen Spin zu geben. Das ist höchste Sprachkunst. Macht aber, dass sich der Sinn seiner Texte nicht eindeutig festlegen lässt. Die Wohlmeinenden sprechen dann von Ambivalenz, die Kritiker von Opportunismus. Dahinter steckt aber wohl, dass er als „Song and dance man“, wie er sich in gespielter Bescheidenheit einmal nannte, sich weigert, Rezepte für die Küche des Lebens zu liefern.
Die Kommentatoren der letzten Woche bezogen sich in erster Linie auf die frühe Schaffensperiode des Künstlers: „Blowin‘ in the Wind“, „The Times are A‘changing“ und „Like a Rolling Stone“ rauf und runter und oft mit einer Empathiefähigkeit, die ein durchschnittliches Rhinozeros leichtfüßig überbietet. Das ist auffällig und belegt, dass ihre Kenntnisse überwiegend aus Martin Scorseses Dreieinhalbstundenfilm „No Direction Home“ über den Dylan der sechziger Jahre stammen. Das spätere, insbesondere das schon 1997 mit dem Album „Not dark yet“ beginnende Alterswerk wurde völlig ausgeblendet. Allenfalls fand noch die so genannte „religiöse Phase“ ab Ende der 70er Jahre Erwähnung – die war und ist ein echter Stresstest für Fans, mit Nachwirkungen bis zuletzt. Aber mit fast vierzigjährigem Abstand lässt sich auch dieser Schaffens­phase Dylans mit ihrer alttestamentarischen Bräsigkeit etwas abgewinnen, aus den Texten wie aus den Kompositionen.
Der Bogen spannt sich vom Debütalbum mit dem schlichten Titel „Bob Dylan“ 1962 bis zu „Tempest“ 2012. Dieses 35. Studioalbum zieht einen Schlussstrich, danach kann nichts mehr von Belang kommen – das letzte Drama Shakespeares hieß ebenfalls „The Tempest/Der Sturm“, und das ist ein Fingerzeig, wo sich der Meister selbst einordnet. Dieser Selbsteinschätzung muss man nicht folgen, im riesigen Werk von Bob Dylan findet sich naturgemäß auch viel Mist, mit dem man etwa die deutsche Schlagerbranche über Jahrzehnte düngen könnte.
Ins ganz Große greift der Meister im titelgebenden Song des Albums. Zu einer gemütlichen Schunkelmelodie im 6/8-Walzertakt erzählt er eine Viertelstunde lang die Geschichte vom Untergang der „Titanic“ neu, in einfachen Worten und in einer raffinierten Verschränkung der Perspektiven. Die Geschichte der Namenlosen und der Reichen, der Guten und Bösen, der Tapferen und Feiglinge, Männer, Frauen und Kinder, die einander beistehend oder einander niedertretend mit dem großen Schiff zugrunde gehen. Es gibt kein Entrinnen und es gibt nichts zu verstehen. Denn der Untergang ist die Vollstreckung von Gottes Urteil. So sieht Bob Dylan die Geschichte der Menschheit, drunter tut’s einer wie er nicht, und prophezeit ihr nahendes Ende. Von Klassenkampf weiß er nichts, historischer Optimismus ist auch kein Pflichtfach für Künstler. Was dieser Songtext in Fülle hat ist Welthaltigkeit. Er besteht darin neben Percy Bysshe Shelleys „Masque of Anarchy“ und Arthur Rimbauds „trunkenem Schiff“.

 

US-Präsident Obama verleiht Bob Dylan die Medal of Freedom im Mai 2012

US-Präsident Obama verleiht Bob Dylan die Medal of Freedom im Mai 2012

(Foto: public domain)

So beliebig, wie der Nobelpreis vergeben wird, hat nicht Bob Dylan ihn, sondern er Bob Dylan verdient. Er wird ihn zu den anderen Würdigungen packen, den zwei Ehrendoktortiteln, dem Orden der Ehrenlegion, der „Medal of Arts“, der „Presidential Medal of Freedom“, all den Grammys und Ehrenmitgliedschaften.

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