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Uli Brockmeyer,

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

eu militarisierungAn diesem Samstag treffen sich in Rom wieder einmal die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten der Europäischen Union – diesmal sogar mit päpstlichem Segen, um allen in der Welt zu zeigen, wie christlich es zugeht in »Europa«. Anschließend will man den 60. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge feiern, also des Dokuments, das angeblich die Grundlage für die heutige Europäische Union legte.

Das ist pure Geschichtsfälschung, heutzutage auch »fake news« genannt. Denn die eigentliche Grundlage der heutigen EU war der 1951 zwischen Frankreich, Italien, Luxemburg, Belgien, den Niederlanden und Westdeutschland geschlossene Pakt zur Schaffung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, auch Montanunion genannt, bei dem es um die Aufteilung der Ausbeutung der Kohlevorkommen und die Sicherung der Stahlproduktion ging. Wenige Jahre nach dem verheerenden Krieg war das nicht nur nützlich für die wichtigsten westeuropäischen Konzerne, sondern auch für das Wiedererstarken des deutschen Imperialismus. Bereits hier wird der wichtigste Gedanke des engeren Zusammenwirkens der westeuropäischen Industriestaaten deutlich: Es ging um die Schaffung der günstigsten Bedingungen für die Erzielung größtmöglicher Profite.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Anders als vor 66 Jahren werden dem Ganzen heute einige Sahnehäubchen aufgepappt, die das Projekt angenehmer aussehen lassen sollen. Inzwischen hat man zum Beispiel die Idee hinzugefügt, die EU sei ein »Friedensprojekt«, und die dafür losgetretene Propaganda hat sogar zur Verleihung eines Friedensnobelpreises geführt. Und die Chefs der EU werden nicht müde, ständig über den sozialen Charakter der EU zu palavern, obwohl so gut wie alle verfügbaren Daten – sofern sie nicht durch die EU-Strukturen den jeweiligen Notwendigkeiten angepaßt wurden – das genaue Gegenteil zeigen. Angeblich wurde der Euro eingeführt, damit »die Menschen« bei Reisen ins Euro-Ausland nicht mehr an der Grenze ihr Geld umtauschen müssen. Und der Vertrag von Schengen soll »den Menschen« das Warten an den Grenzen ersparen.

Lügen über Lügen. Der Euro dient in erster Linie der Freiheit des Waren- und Kapitalverkehrs, und mit Schengen ist es nicht anders. Wenn dabei auch eine Erleichterung für »die Menschen« herauskam, dann war das keineswegs Absicht, sondern eine Art Nebeneffekt.

Seit der Einverleibung der zuvor sozialistischen Staaten Ost- und Mitteleuropas spricht man gern vom »geeinten Europa«. Tatsächlich war damals den meisten Osteuropäern dieses »Europa« herzlich egal. Geködert wurden sie mit dem Versprechen von umfangreichen Geldflüssen und der Möglichkeit, »im Westen« arbeiten zu können. Inzwischen haben tatsächlich rund 20 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen, um »im Westen« ihr Geld zu verdienen, nachdem ihre Länder weitgehend von der lästigen Industrie befreit wurden.

Die heutige EU ist in einem bejammernswerten Zustand, falls man wirklich zum Jammern aufgelegt sein sollte. Wirtschafts- und Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Eurokrise, Brexitkrise sind zur Genüge beschrieben worden, auch die untauglichen Versuche, dieser Krisen Herr zu werden, bis hin zur Militarisierung des »Friedensprojekts EU«.

Nun will die Führung der EU über ein Weißbuch mit fünf Strategien diskutieren lassen, auch über einen »Grundpfeiler sozialer Rechte«, wie Herr Juncker verriet. All das wird nichts daran ändern, daß diese EU nicht zu verändern ist – weder durch Strategiedebatten noch durch »Reformen«. Bevor uns das ganze Projekt um die Ohren fliegt, sollten wir nach Wegen suchen, das Gebilde aufzulösen und durch eine Struktur zu ersetzen, bei dem diejenigen, die die Werte schaffen, auch über deren Verteilung bestimmen dürfen.

 

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Durchbruch durch acedia

 

Ein Essay von Harry Popow

NRhZ-Online

„Trägheit, lateinisch acedia, der wir alle unterliegen (…) ein Zustand,
den schon die alten Buddhisten reflektierten,
ob Versenkung und Meditation denn auch Tun sei,
oder, wie man heute sagt, Lethargie,
uneffektives Verhalten, Gleichgültigkeit, (…)
Durchbruch durch acedia.“ (1

Ein Herr Kluge schreibt an gleichgesinnte gute Freunde im Internet:

Lieber ALEX, liebe Lotti, entschuldigt bitte, dass ich mich in der letzten Zeit wenig bei Euch per Mail gemeldet habe. Aber jetzt drängt es mich. Will etwas schreiben zum Auseinanderdriften zwischen Wort und Tat, zwischen Denken und Tun, zwischen Glotzen und Klotzen. Dazu ein winziges aber typisches Beispiel. Habe nämlich neue Freunde gefunden. Und zwar jede Menge. An die 800! Dufte, sag ich Euch. Ihr glaubt es nicht. Und mit allen verstehe ich mich bestens. Glaube ich. Warum? Die melden sich bei mir per Mail einfach so an. Wollen meine Freunde werden. Und ich tippe auf Bestätigung. Und schon habe ich einen neuen Freund, obwohl ich ihn nie gesehen, geschweige denn gesprochen habe. So schnell geht das. Ihr kennt das sicherlich. Also erwarte ich eine zünftige Kommunikation. Einen Austausch von Gedanken. Über all das, was so in der Welt passiert, was den normal Sterblichen so bewegt. Aber die Stunden und Tage vergehen. Wenn man mich schon bittet, jemandes neuer Freund zu werden und ich dem zustimme, dann lauere ich auf Fragen. Warum er wohl mich ausgewählt hat. Schließlich bin ich ein kleines Nichts wie andere auch. Oder bilde ich mir ein, meine oft ins Netz gestellten kritischen Buchrezensionen reißen jemanden vom Stuhl? Und wenn, dann soll er das sagen. Würde mich freuen. So jedenfalls passiert es mir in sozialen Foren. Und nun facebook. Der Dialog bleibt aus. Nichtssagende gegenseitige Glückwünsche – was ja schon viel bedeuten kann – beherrschen das Netz. Manchmal kommt eine Bitte um ein „gefällt mir“ zu einem der gesendeten kurzen Infos oder Fotos. Ich schicke als Diskussionsthema dann unverschämterweise gleich einen längeren Artikel. Aber der geht meistens im Äther verloren. Oder wollen die neuen Freunde den nicht lesen? Oder können sie nicht lesen? Ich habe den Eindruck, sie stehen bei Facebook wie vor dem Spiegel und begrüßen sich selbst, ihre eigene Erscheinung. Selbstdarstellung. Selbstinszenierung. Guckt mal, wer ich bin. Ich! Genau, das ICH ist das Problem. Im Labern sind manche ICHS wahre Weltmeister. Aber es ist auch sehr menschlich, wer will das bestreiten?

Nun will ich´s wissen. Ein letzter Versuch, diese Art von „facebook-Freunden“ miteinander und mit mir bekannt zu machen. Ich male mir folgenden Traum aus: Wie wär´s, einige der neuen und unbekannten „Internetfreunde“ zu mir einzuladen, zu einer Party. Das klappt. Tage später steigen die Gäste die Treppe zu mir hoch. Ich staune nicht schlecht, sie halten bereits das Smartphone in der Hand. Schweigend. Ihr starrer Blick auf die leuchtenden Schriftzüge gerichtet. Sie sagen kaum guten Tag. Ich sperre alle in ein Extra-Zimmer, damit sie „telefonieren“ können was das Zeug hält. Nach einer halben Stunde scheinen sie ihre „Gespräche“ beendet zu haben. Oder? Ich lade sie ein ins Wohnzimmer. Zu Kaffee und Kuchen. Sie nicken dankbar. Keine Fragen. Auch nicht zum Grund der Einladung. Auch nicht zu den paar Büchern, mit denen du sie eigentlich überraschen willst. (Dann lasse ich´s lieber, denn mir entgeht nicht deren abschätziges Grinsen.) In die nahezu atemlose Stille dringt lediglich das sehr menschliche Schmatzen und Schlucken. Die Augen aller sind aber unentwegt starr auf ihre Handys gerichtet. Wann kommt die nächste Info?

Meine verwunderten Blicke sagen ihnen, ich bin schon sehr ergraut. Sie lassen das Grinsen und denken sich ihren Teil. Eh, was verstehen die schon? Die Alten? Nicht mal ein Smartphone haben die. Können per facebook nicht mal ein freundliches „gefällt mir“ senden. Wissen mit diesem Medium nichts anzufangen, erst recht nicht mit messenger, dem fixen Hohlheitsgeflüster zwischen „Freunden“. Die Alten – sie essen keine Bio-Ware. Sie sind keine Veganer, die keiner Fliege etwas antun, lieber wird diese in einem Becher gefangen und auf dem Balkon wieder in die Freiheit entlassen. Sie meditieren nicht und beten auch nicht, in der blinden Illusion, die Gesellschaft möge sich verändern. Stattdessen machen sie mobil gegen das politische Establishment, rufen zu Protesten auf. Doch das bringt doch nur Stress. Wer will das schon? Sie lesen noch richtige Bücher, fragen viel und hören noch zu, wenn andere etwas sagen. Sie suchen nach Gründen und Motiven des Verhaltens und Denkens. Sie empören sich, wenn Deutsche wieder mit dem Säbel rasseln und das Rüstungsetat hochschrauben. Sie verkapseln sich nicht und schlagen sinngemäß ihre Wohnungstür nicht zu, wenn Politisches anklopft. Sie sind halt die Alten…

Lieber ALEX, liebe Lotti: Ich frage mich und Euch, die Ihr ja auch so alt seid wie ich: Woher kommt so manche Abstinenz? Das rücksichtslose Niedertrampeln von Sinn und Inhalten? Das resolute Abrücken von der Realität? Der jubelnde Beifall für die größte Banalität, für Klischees, für substanzlose, inhaltsleere Streifen im Fernsehen? Man spürt, wie sehr Krankheiten, Sex, Fressen, Morde und Vergewaltigungen die Schirme oder auch die Theaterbühnen beherrschen. Wir wissen ja, dass die Medien Waren sind, die sich verkaufen müssen. Das nennt sich dann Freiheit. Wer wüsste das nicht. Aber im Ernst: Woher kommt das kotzüble Zeug der Leere? Die „In-sich-Zurückgezogenheit“, ja, Einsamkeit? Warum hat sie von vielen Leuten Besitz ergriffen? Gewiss, der Alltagsstress – vor allem im Beruf – wird sie niedergedrückt haben. Und vor allem die Ziellosigkeit in der Gesellschaft. Das Blabla von wegen Demokratie, Freiheit, Terrorismus und absichtsvoll herbei definierte Kriegsgefahr. Wohin führt die absolut hochgepeitschte marktgetriebene Gesellschaft, in der einer des anderen Konkurrent geworden ist, angepasste Masken auf der Jagt nach immer mehr… Am besten, man taucht ab. Zurück in eine religiöse Gemeinschaft von Leichtgläubigen und Tatenlosen? Oder?

Durch Zufall stoße ich im Internet auf einen mir bislang unbekannten Verein. Der nennt sich Achtsamkeit. Dort wird gepredigt, du sollst deinen Blick in dieser stressigen Welt nach innen richten, auf den Augenblick, den Moment anerkennen. Nicht rückwärts schauen, nicht vorwärts. Nur sich selbst sehen. Wie atme ich? Ein und aus. Schön langsam. Man beobachte sich, horche in sich hinein, analysiere jeden Atemzug, jedes Jucken im Leib. Nicht verändern wollen, denn daraus folgt bereits wieder hochgradiger Stress, den du ja vermeiden willst. Also Inaktivität nach außen. Abwarten was kommt. Auch dieser wohlgemeinte Rat an diejenigen, die beispielsweise unter starken Schmerzen leiden: Das seien oft nur eingebildete Wehwehchen. Man denke nicht an sie. Einfach wegstecken. Und dieses Gelaber soll man einfach so tolerieren? Das geht entschieden zu weit. Ich denke, da könnten doch mindestens die Hälfte aller Schmerzpatienten umgehend aus Krankenhäusern entlassen werden. Meditiere zu Hause und das Problem ist gelöst.

Dalai Lama soll gepredigt haben, achtjährigen Kindern möge man das Meditieren lehren. Nach drei Generationen gäbe es keine Gewalt mehr. So so!! Achtsamkeit, so sage ich mir, ist doch wohl eine der großen Verführungsmethoden zum Stillhalten, zum Innehalten, zum Schnauze halten zu dem, was die Politik zum Niederhalten von sozialen Protesten und für höhere Gewinne so treibt. Daniel Strassberg (Psychiater, Psychoanalytiker und Philosoph) meinte kritisch: Man fühlt sich fremdbestimmt und besinnt sich wieder auf sich. Doch letztlich haben auch solche Aussagen über den Zeitgeist etwas Triviales. Ein politischer Protest ist zudem nicht erkennbar, ebenso wenig eine gemeinsame Utopie, dafür wird Achtsamkeit zu selbstbezüglich ausgelegt. Und der Soziologe Hartmut Rosa kritisiert, die Achtsamkeitsbewegung sei unpolitisch und schiebe das Problem, sich in einem beschleunigten System der Arbeit zu behaupten, dem Einzelnen zu.

Ich frage mich, kriegen wir auf diese Art den ewigen Frieden hin? Andere Machtverhältnisse? Die Abdankung der Kapitaleliten? Keine Gewalt mehr? Warum erst jetzt, da das Meditieren offenbar so uralt ist wie die Menschheit? Müssten da nicht die Weltprobleme im Sinne der arbeitenden Menschen längst gelöst sein?

Kurz und gut: Ich bin wieder bei Euch, lieber ALEX und liebe Lotti. Beinahe wäre das Nur-Glotzen und nur Labern über mich gekommen. Immerhin beeindruckend und lähmend genug, wenn man nicht dagegenhält. Ich habe mich kurzentschlossen bei facebook als Nutzer löschen lassen. Somit verliere ich den doch zu blassen und nichtssagenden Kontakt zu „Freunden“, die – von sich felsenfest überzeugt – unbemerkt für sie selbst, längst die Flucht aus der Wirklichkeit angetreten haben. Oder ist das nur eine formale und ungerechtfertigte Unterstellung gegenüber jenen, die sich mit einem hohen Schutzwall gegen geistige Ansprüche zur Wehr setzen? Die sich mit Mauern des Stumpfsinns vor zu viel Nachdenklichkeit schützen, die im Sumpf der Medienmanipulationen abhanden gekommen ist? Geistige Regsamkeit nur als Konsument bis zum nächsten Geschäft? Und wenn sie sich dagegen auflehnen? Dann wird man ihnen schnell mal das Markenzeichen eines Verdächtigen oder gar „Gefährders“ ans Zeug flicken.

Natürlich – die Erfinder und Prediger des Neoliberalismus reiben sich die Hände. Du sollst gefälligst – da der Sozialstaat zu teuer ist – nur Beobachter sein, für dich selbst sorgen und weder werten noch urteilen, schon gar nicht etwas verändern wollen in dieser Gesellschaft. Die nach Selbstdarstellung strebenden vereinzelt auftretenden facebook-Freunde und die mit Meditation die Welt nicht vordergründig verändern wollenden Fanatiker des Scheuklappengeschwaders sind mit ihren Fluchtversuchen aus der Wirklichkeit hoch willkommen und leicht in die Irre zu führen. So bekommt jeder, was er verdient. Auch mit der Waffe in der Hand. Und: Achtsamkeit ist ein gutes Geschäftsmodell, das den Weg zu eigener Erkenntnis erschwert. Glotzt also weiter in die Welt, bis es nichts mehr zu glotzen gibt… Doch eure Mitschuld werdet ihr nicht mehr wahrnehmen können.

Ehrlich, ich halte es in diesem Fall lieber mit einer Mahnung des Philosophen Wolfgang Fritz Haug: „Individuen müssen die Grenzen ihres Berufes, ihrer fachlichen Spezialisierung und zugleich die der Privatheit überschreiten, um Intellektuelle zu werden. Intellektueller ist nicht bloß ein weiteres Steinchen im horizontalen Mosaik der Berufe.“ (siehe “junge Welt“ vom 2./3. Mai 2009, Seite 10, „Rückkehr kritischer Potenz“)

Allerdings würde es reichen, ein politisch aktiver Bürger zu werden.
Labere ich etwa zu viel? Es bleibt dabei: Durchbruch durch acedia.

ALEX und Lotti, wir bleiben in Verbindung. Mit Euch lohnt es sich… Euer Gesinnungsfreund Kluge

Fussnote:
1 Quelle: Buchverlag der Morgen: „Mir scheint, der Kerl lasiert. Dichter über Maler“, 1978, (Hrsg: Joachim Walther, Zitat von Gerhard Wolf)

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Ein Vortrag von Konrad Farner

farnerDer große Marxist Bertolt Brecht (1898-1956) meinte in finsteren Zeiten: „Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine / Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag“. Den Beginn des historischen Prozesses zur Befreiung von Abermillionen Menschen von Unterdrückung, Ausbeutung und Versklavung, von Ausgrenzung, Verdummung und Manipulation durch die skrupellose und kriegerische Gier einer kleinen reichen Eliteklasse mit ihren korrumpierten politischen und ideologischen Lakaien hat die Oktoberrevolution 1917 eingeleitet, auch wenn die Gegenwart von einem scheinbar unumkehrbaren Rückschlag gekennzeichnet ist.
Der im Auftrag der USA im November 1989 in El Salvador ermordete, marxistische denkende Befreiungstheologe Ignacio Ellacuría SJ (1930-1989) analysiert, dass die „Kreuzigungssituation“ der ungeheuren Menschheitsmehrheit einer sozialen Ordnung entspringt, „die von einer Minderheit gefördert und aufrechterhalten wird. Diese Minderheit übt ihre Herrschaft durch ein Ensemble von Faktoren aus, die als solches Ensemble und in ihrer konkreten historischen Wirklichkeit als Sünde betrachtet werden müssen“. Als revolutionärer Christ lässt Ellacuría es nicht mit einem barmherzigen Blick auf diese elendiglichen historischen Verhältnisse bewenden, denn die „Tatsache der Kreuzigung und des Todes allein ist keine Erlösung“. Nur die Volksmassen selbst könnten sich aus den Ketten befreien und „durch die völlige Wiedergewinnung des Menschen“ ihren Beitrag bei der Schaffung des neuen Menschen und der neuen Erde leisten.
1957 hat der Zürcher Marxist Konrad Farner (1903-1974) in seinem Vortrag in der Partei der Arbeit der Schweiz das der Oktoberrevolution zugrunde liegende Prinzip der universalen Befreiung der Menschheit herausgearbeitet. Die Erinnerung und Kenntnis seines Textes möge der Vergiftung durch die in den Medien durch GefälligkeitshistorikerInnen für das herrschende System aufbereiteten Sinndeutungen entgegenwirken.

Gerhard Oberkofler

 

Konrad Farner spricht am 7. November 1957 auf einer Versammlung der Züricher Partei der Arbeit der Schweiz

Werte Freunde und Genossen!
Wir sind heute am 7. November 1957 zusammengekommen, um des vierzigsten Jahrestages der russischen Revolution vom Oktober-November 1917, die man in der Geschichtsschreibung als die „Grosse Sozialistische Oktober-Revolution“7 bezeichnet, zu gedenken. Und so erwartet Ihr von mir gewiss eine Art Festrede, oder eine kurze Schilderung des gewaltigen Ereignisses, oder einen knappen Abriss der Begebenheiten, die dieses historische Datum erfassen und umfassen. Ich muss Euch enttäuschen, weil dem nicht so sein wird; denn ich halte dafür, dass man dergleichen in diesen Tagen zur Genüge hören und lesen kann, Für und Wider, Richtiges und Falsches, Gescheites und Dummes. Und ich vermeine weiter, dass man anlässlich dieses Datums meist allzustark eben nur bei diesem Datum verbleibt, und dass man somit die universale Perspektive des Vorher und des Nachher einschränkt. Mit andern Worten: der menschheitsgeschichtliche Horizont rings um das Zentrum des Russischen Oktober wird kaum in seiner ganzen Weite betrachtet, weil die mögliche Höhe des Sichtpunktes zu wenig genutzt wird.
Wohl ist auch diese Revolution ein historisches Ereignis unter unzähligen andern Ereignissen, ist auch diese Revolution eine der grossen Revolutionen, die die Welt erschütterten – und es bedeutet nicht Willkür oder Überheblichkeit, wenn die sozialistischen Historiker sie als die „Grosse Russische Revolution“ betiteln, wobei die Pronomen eben gross geschrieben werden, gleich der „Grossen Französischen Revolution“ des 18. Jahrhunderts, die von den bürgerlichen Geschichtsschreibern auch so bezeichnet wird, gleich der Revolution [Oliver] Cromwell’s [(1599-1658)] im 17. Jahrhundert, die in England ebenfalls das schmückende Beiwort „Gross“ trägt – ein jeder Stand, eine jede Klasse, eine jede Nation ehrt die ihrige Sache mit einem Epitheton.
Ist jedoch die Grosse Englische Revolution als der politische Durchbruch des Bürgertums vorab ein Ereignis der britischen Inseln, ist die Grosse Französische Revolution des Jahres 1789 in der Hauptsache eine Begebenheit des europäischen Kontinents und ebenfalls ein Politikum der bürgerlich-kapitalistischen Klasse, so ist die Grosse Russische Revolution von 1917 weit mehr. Zwar ist auch sie die Revolution einer Klasse, der Arbeiterklasse, aber diese Klasse will nicht nur die eigene Klasse verwirklichen, sondern ihr Ziel ist, ihre eigene Klasse durch die Verwirklichung aufzuheben, um zuletzt eine Gesellschaft ohne Klassen aufzurichten. Und ebenfalls ist diese Revolution eine nationale, eben einer russische Revolution, aber sie will zugleich das Fanal zu einer Welt-Revolution, eine Revolution für alle Arbeiter und für alle Völker und für alle Kontinente sein. Noch mehr: Diese Grosse Sozialistische Oktober-Revolution ist nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ anderer Art, als all die vorherigen Revolutionen. Sie will nicht nur im Namen aller Völker und Nationen siegen, also im Namen der ganzen Welt, nicht nur im Namen der Arbeiterklasse, sondern sie will im Namen aller Menschen, der ganzen Menschheit sprechen.
[Und sie erfasst sie auch. Nicht nur, dass durch diese Revolution erstmals das Volk als Ganzes siegreich direkt zur politischen und sozialen Macht gelangt – das Volk ist hier eben mehr als nur das russische Volk oder die Völker der Sowjetunion, es ist auch das Volk Chinas oder Bulgariens, das Volk Vietnams oder der Mongolei … es ist das Volk der Welt. Aber nicht nur dies: der arbeitende Mensch als solcher arbeitet erstmals in seiner Geschichte für sich und zugleich für alle, ist also der Ausbeutung durch Arbeit ledig und ist zugleich aktiver Teilhaber der Arbeit im umfänglichsten gesellschaftlichen Sinne.]8
Vordem war das Volk in der Hauptsache Objekt der politischen Handlung, wenn auch wichtigstes Objekt, war es Mittel zum Zweck, indem es einer herrschenden Klasse diente, gleichgültig ob als Sklave oder Gefangener in der Antike, ob als Leibeigener und Höriger im Mittelalter, ob als Proletarier und Lohnarbeiter in der Neuzeit, gleichgültig ob als Stammesvolk unter dem Stammesfürsten, als Landesvolk unter dem Landesfürsten, ob als Wähler in der bürgerlichen Nation mit parlamentarischer Demokratie, die im Grunde nur ein Klassenregiment aufrecht hält, dasjenige der Bourgeoisie. Jetzt aber soll durch diese Oktober-Revolution erstmals das Volk als Gesamtheit nicht nur politisch-formal, sondern auch sozial-inhaltlich, also im direktesten Sinne des Wortes vollinhaltlich der Maßstab der gesellschaftlichen Werte werden. Vordem war die Arbeit des Menschen in der Hauptsache eine mehrwerterzeugende Leistung der Mehrheit zugunsten einer Minderheit; jetzt soll sie durch diese Oktober-Revolution erstmals eine mehrwerterzeugende Leistung aller für alle werden, und der Mehrwert wäre zuletzt nur noch direkter Wert.
Noch mehr: Vordem waren die wichtigsten Produktionsmittel im Besitz Weniger, die sie scheinbar im Interesse Aller handhabten, während das Interesse der Wenigen doch das Primat gegenüber dem Allgemeininteresse beanspruchte und auch besass. Jetzt soll dieses Interesse in jeglichem Ausmass allein das Interesse der Gemeinschaft werden. Vordem waren Grund und Boden in der Hauptsache Privateigentum, Objekt individuellen Gewinnstrebens. Jetzt soll nach dieser Oktober-Revolution erstmals seit der Frühzeit des Menschen das Privateigentum an Grund und Boden aufgehoben und dem individuellen Gewinnstreben, der privaten Macht und Willkür und Spekulation entzogen werden.
Noch mehr: Vordem waren Grenzen der Produktionskräfte durch die Interessen der sie besitzenden und dirigierenden, also der herrschenden Klassen gezogen, gleichgültig, ob es sich um die Ausweitung oder um die Einschränkung dieser Kräfte handelte. Jetzt sollen durch diese Oktober-Revolution alle Grenzen, die Privat- und Klasseninteressen gezogen, aufgehoben – ein angesichts der modernen Nuklear-Energie und der Raumfahrt immens wichtiger, wenn nicht der wichtigste Faktor für die künftig ungehinderte Entwicklung der Technik und der Wirtschaft.
So vereinigen sich in direktester Nachfolge der Grossen Russischen Revolution von 1917 wie noch nie in der bisherigen Menschheitsgeschichte die quantitativ weitgreifendsten und qualitativ tiefgreifendsten geschichtlichen und gesellschaftlichen Energien, um eben die Menschheitsgeschichte in einem Masse vorwärts zu treiben, wie sie die Geschichte noch nie erlebt. Erstmals werden alle Völker und Rassen über alle Bekenntnisse und Hautfarben hinaus ergriffen; erstmals werden alle Länder und Staaten über alle Gebirge und Meere hinweg erfasst, werden sie, ob ökonomisch und sozial und politisch fortgeschritten oder rückständig, in das gleiche Kraftfeld hineingestellt, gleichgültig, ob sie diese neue Zentralkraft anerkennen und selber erweitern, oder ob sie diese negieren und mit voll Energie bekämpfen, gleichgültig, ob sie von ihr wissen oder ob sie abseits zu stehen vermeinen. Dieses Kraftfeld überlagert nun unweigerlich die Kontinente, die ganze Welt, und es steht, seiner alles überlagernden Natur gemäss, im Mittelpunkt aller gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Gegenwart. Es erfasst das Weltproletariat als das heute treibende menschliche Element, es erfasst die fortgeschrittene Nuklear-Technik mitsamt der die bisherigen Raumgrenzen überwindenden Welt-Raketen, es erfasst die modernste Weltanschauung, die die Gesetze der Menschheitsentwicklung wissenschaftlich erkennen und sie planmässig im grössten Maßstab auf die Zukunft anwenden will.
Wahrlich, noch nie ist der Mensch in solcher Zahl, ist die Technik in solcher Potenz, ist die Weltbetrachtung in solcher Wissenschaftlichkeit, sind diese drei wichtigen Mächte in solch direktem Masse aufs engste vereinigt worden. – Und diese Vereinigung verwirklichte sich erstmals in der Grossen Sozialistischen Oktober-Revolution des Jahres 1917.
Das alles ist aber nur die eine Seite dieses gewaltigen, wirklich einmaligen geschichtlichen Phänomens, die sofort offensichtliche Seite, ich möchte sagen: die materielle, die physische Seite. Die andere Seite ist ebenso gewaltig, wenn nicht noch gewaltiger: die geistige, die psychische Seite. Mit andern Worten: erstmals seit dieser Russischen Revolution von 1917 wird das Wagnis unternommen, den Aufbau einer vollumfänglichen kommunistischen Gemeinschaft zu beginnen, einer Communio, die nicht nur kleine Gruppen oder Bezirke erfasst und verpflichtet, sondern einen Kontinent und dann die Kontinente. Erstmals wird das Wagnis im grossen Maßstab unternommen, den uralten Traum der Menschheit zu verwirklichen, den Traum von einer menschlichen Gesellschaft, die dem Einzelnen wie auch der Gemeinschaft in natürlicher Wechselwirkung die Ordnung und den Raum zuspricht, die innere und äussere Freiheit ermöglicht, sein Können zugunsten seiner selbst und zugleich aller freisetzt. – Ich sage ausdrücklich: es wird das Wagnis unternommen.
Aber nur schon der Beginn in solch riesigem Maßstab ist heroisch. Denn es ist der bewusste Beginn dessen, dass nur der Mensch selber es sein kann, der diese menschliche Gesellschaft ordnet. Es ist der bewusste Beginn dessen, dass nur der Mensch selber die menschliche Geschichte tätigt, dass nur der Mensch selber das Reich des Menschen als alles erfassende Communio aufrichtet. Es ist der bewusste Beginn dessen, dass der Mensch, der die Götter und Gott in historischer Notwendigkeit angenommen, diese oder diesen nun wieder in ebensolcher historischer Notwendigkeit verlieren wird – wie sagt doch Thomas Mann [(1875-1955)]: „Den Göttern opferte man, und zuletzt war das Opfer der Gott!“.9 Es ist der bewusste Beginn dessen, dass der Mensch durch eigene Kraft die ungeheuerliche Selbstentfremdung, die über ihn gekommen, aufheben kann, dass er also die ihm gegebene Menschlichkeit wieder finden wird. Es ist der bewusste Beginn dessen, dass das Pflücken des Apfels vom Baume der Erkenntnis nicht falsch, sondern richtig war, und dass erst noch das verlorene Paradies wieder betreten wird, ein Paradies allerdings, das nicht nur den einen, sondern unzählige Bäume der Erkenntnis zu eigen nennt.10 – Es ist der bewusste Beginn all dessen.
Es ist also Wagnis und bewusster Beginn zugleich. Zwar ist dieses Wagnis als solches nicht erstmalig, aber es ist neuartig. Es ist neuartig, weil es die gesamte Welt erfasst und den herkömmlichen Raum sogar erweitert, in physischer und in psychischer Hinsicht; neuartig auch, weil es allein mit eigener menschlicher Kraft unternommen wird. Nicht mehr die Götter oder ein Gott, die Geister oder ein Weltgeist werden angerufen, nein, der Mensch allein macht sich zum Titan, um die Welt zu ändern – jedoch nicht mehr mit urtümlicher, chaotischer Gewalt wie die Kinder des Uranos,11 sondern mit gebändigter, planmässig gelenkter und wissenschaftlich geleiteter Kraft.
Noch mehr: Wurde durch [Nikolaus] Kopernikus [(1473-1543)] die Erde aus dem Mittelpunkt der Welt gerissen, wurde durch [Karl] Marx [(1818-1883)] der Mensch aus dem Mittelpunkt Gottes gerissen, so wird jetzt durch die Oktober-Revolution und deren Nachfolge der Mensch wohl in den Mittelpunkt seiner selbst gestellt, zugleich aber dieser Mensch wiederum als nur die eine Möglichkeit unter unzähligen des Weltraumes gesichtet: die Welt-Rakete sprengt auch hier alle bisherigen Grenzen und die Stellung des Menschen ist von neuer Art: er ist in seiner Dialektik mehr denn vorher und zugleich weniger als je.
Noch mehr: Die uralte Heilsgeschichte, die Spekulation über eine mögliche Erlösung vom Übel, Drangsal und Not, die das gesamte Leben der Menschheit durchzieht und die grössten Denker angeregt und beschäftigt, von den Hymnen des altindischen Rigveda über den Tao der frühen Chinesen, von den Sternenreligionen und Totenkulten der Babylonier, Assyrer und Ägypter über die Philosophie der Griechen, über das Alte Testament der Juden und die christliche Botschaft bis hin zum Gottesstaat eine Augustinus [(354-430 u. Z.)] und der gewaltigen Prophetie eines Joachim de Fiore [(1135-1202)], bis hin zu [Georg Wilhelm Friedrich] Hegel [(1770-1831)], dem grossen deutschen Philosophen am Beginn der Moderne, von den Utopien eines Platon [(427-347 v. u. Z.] im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und der >Sonneninsel< des spätantiken Jambulos [3. Jhd. v. u. Z.] über die Utopien des Thomas Morus [(1478-1538)] und des Thomas Campanella [(1568-1639)] und über Francis Bacon [(1561-1626)] >Neue Atlantis< im 16. Jahrhundert bis hin zu den Utopien der Aufklärer im 18.Jahrhundert und der Frühsozialisten im 19. Jahrhundert, bis hin zu [Ètienne] Cabet’s [(1788-1856)] >Reise nach Ikarien<, diese uralte und fortwährend neu gesichtete Heilsgeschichte und dieser ewige Traum werden jetzt, nachdem sie durch Karl Marx kühn der Religion und der Metaphysik entkleidet und als >physikalische< Geschichte in das menschliche Dasein gestellt, durch die Grosse Oktober-Revolution von 1917 als gesamtmenschliche Geschichte konkret getätigt: das Heil ist weiterhin Geschichte, aber das Heilsgeschehen ist direkte menschliche Realität, abseits aller Götter und aller Himmel; der Traum ist jetzt Wach-Traum, dessen Verwirklichung bewusst gelebt wird. Das Paradies ist nicht jenseitiges, sondern diesseitiges Ziel, ist nicht göttlicher Herkunft und göttlicher Natur, sondern menschlicher Herkunft und menschlicher Natur; Utopia ist nicht mehr ferne, unerreichbare Insel, sondern bereits betretenes Festland. Die Erlösung von allem Übel ist nicht mehr Gebet, sondern Wissen, ist nicht mehr das Werk der Götter oder eines Gottes, sondern das Werk des Menschen. Nur des Menschen! Alle früheren Aufstände und Revolten, Empörungen und Revolutionen, die das Los der Unterdrückten und Ausgebeuteten bessern wollten, die paradiesische Zustände herbeisehnten, standen irgendwie und irgendwo unter dem Zeichen überirdischer Mächte: die Anhänger des Spartakus12 glaubten an heidnische Gottheiten, die ihnen helfen würden, die mittelalterlichen Bauern und Handwerkergesellen fehlten zur Mutter Maria13 und zu den Heiligen um Beistand, die Bürger Cromwells handelten im Namen Christi14 und wähnten sich unter seinem besonderen Schutz, die Franzosen des Jahres 1789 verehrten die >Göttin der Vernunft< als die eigentliche Regentin der menschlichen Gesellschaft … die Menschen der Oktober-Revolution aber glauben nur an sich selber und an das Weltproletariat. – Welch kühnes, heroisches Unterfangen! Welch gewaltiges, neuartiges Unternehmen! Welche Furchtlosigkeit! Aber eben auch: welch ein Wagnis!15 Denn alle vorherigen Versuche brachten keine Erlösung von dem Übel, sondern endeten in der meist grausamen Niederlage, in Resignation und Verzweiflung, oder sie endeten bloss mit dem Sieg einer Minderheit auf Kosten der Mehrheit; oder sie endeten in der Gewissheit, dass nur durch Gott in einem Jenseits das Paradies, das wirklich Gute und Gerechte erreicht werden könne, ja, dass zudem noch die Götter oder Gott nach dem Menschen unfasslichem Plan die Menschen weiterhin durch Leiden prüfen, dass also das menschliche Übel göttlicher Sicht entspringe und daher auch nur durch göttlichen Willen, durch göttliche Gnade aufgehoben werde. – Und jetzt, seit dem Oktober 1917 will man von vorneherein den Sieg aller, nicht mehr den Sieg nur einer Klasse, will man sich zudem noch selber erlösen, bar göttlicher Hilfe, will man somit die Wurzel des Übels als eine Wurzel im diesseitigen, menschlichen Erdreich blosslegen und sie dann ausrotten. Wahrlich, welch ein Wagnis!16 Denn sollte es sich erweisen, dass diese Wurzel in Tiefen greift, die der Mensch nicht erreichen kann, oder sollte es sich erweisen, dass die Axt in der Hand zu schwach ist und zerbrechlich, oder dass der Mensch vorzeitig ermüdet und die Kraft also nicht besitzt, dieses gigantische Werk zu Ende zu führen …, sollte sich das erweisen, dann hätte sich doch17 herausgestellt, dass der Mensch sich nicht selber zu erlösen vermag, dass er also ewig unzulänglich bleibt und auf göttliche Hilfe angewiesen, dass er immer dem Übel und der Not ausgesetzt sein wird. Aber noch eine andere Schwierigkeit zeigt sich vor uns, ein Hindernis, das täglich, ja stündlich neu überwunden werden muss:18 die Zweifel der Menschen selber. Sind die einen von vorneherein gegen dieses nur menschliche Unternehmen19 eingestellt, betrachten sie dieses als einen verbotenen Griff nach den Sternen, als eine widergöttliche Auflehnung, als eine Überhebung und Vermessenheit des Menschen, die demnach satanisch ist und unweigerlich im Höllensturz enden wird; so halten die andern dafür, dass möglichst keine Änderung vorgenommen werden soll, weil diese doch nutzlos sei und nur zu schon Dagewesenem führe als >Ewige Wiederkunft des Gleichen<; so sind die dritten dagegen, weil sie selber als privilegierte gesellschaftliche Minderheit schon beim blossen Versuch ihre Vorrechte zugunsten aller abgeben müssten.
Aber auch diejenigen, die das Wagnis bejahen und sich daran aktiv beteiligen, sind nicht ohne Torheit und Unsicherheit, und ebenfalls unter sich nicht einig: die einen wollen in ihrem Enthusiasmus die vollumfängliche Tat heute noch zu sichtbarem Ende führen und die Pforten des Paradieses sofort erstürmen; es sind diejenigen, die dann angesichts dieses schwerwiegenden Irrtums aus Ungeduld und aus Unkenntnis der menschlichen Welt wie auch der Geschichte der Resignation verfallen oder sogar der Gegnerschaft. Andere vermeinen, dass, um das Gute und Gerechte zu erreichen, das Böse und Ungerechte statthaft sei, dass also der Zweck die Mittel heilige – sie wissen nicht oder wollen nicht wissen, dass dadurch das Böse nur gestärkt wird und das Gute in weitere Ferne gerückt oder sogar ad absurdum geführt. Die dritten nehmen an, dass alle diejenigen, die das Gute wollen und an diesem heroischen Versuch zugunsten des Guten aktiv beteiligt sind, schon allein dadurch gut seien, zumindestens besser als die anderen,20 und zu Schlechtem mehr oder weniger unfähig; sie verzweifeln dann angesichts des Umstandes, dass das Schlechte noch überall zuhause ist – sie gehen den Weg nicht mehr weiter oder verlassen ihn sogar. Noch andere wollen in ihrem Eifer die Heilstat ganz allein vollbringen, sie kapseln sich ab gegenüber der übrigen Welt, dünken sich erhaben und als ausgezeichnet, sie kennen als Sektierer und Puritaner nur ihren eigenen Horizont und verengen damit den Welthorizont, während es doch gilt, die Welt als Ganzes zu erfassen; sie gefährden damit die Veränderung der Welt, indem sie diese in falschem, eben zu kleinem Maßstab betrachten. Wieder andere gelangen aus lauter Gegnerschaft zur Ausschliesslichkeit und Starrheit geradezu in eine horizontlose Nebellandschaft hinein, in der sie sich dann nicht mehr zu orientieren vermögen und im fahlen Zwielicht jegliche Sache als gleichwertigen Wegweiser betrachten – sie laufen hin und her und nicht vorwärts, weil sie die Zielrichtung verloren.
Ja, die Schwierigkeit dieses Unternehmens ist unabsehbar gross und die Gefahren und Hindernisse sind zahlreich. Und so ist unumgänglich festzuhalten, dass nur die stark verankerte Einsicht in all diese Schwierigkeiten, das Wissen um all diese Hindernisse den Beginn zu rechtfertigen, das Wagnis zu sichern vermögen.21 Es ist die Einsicht dessen, dass der Mensch erst am Beginn dieses titanischen Unternehmens steht, dass er das Ziel nicht schon morgen und auch noch nicht übermorgen vollumfänglich erreicht und nicht allein durch kleinen Kreis, dass weiter das Böse noch überall das Szepter trägt, auch in den eigenen Reihen und oft bei den Besten der Genossen, dass weiter der Weg, obschon er durch dunkle steile Engpässe führt, über schründenreiche eisige Gletscher, an ungeheuerlichen Abgründen entlang, durch Gestrüpp und Dschungel mit Untier und Gezücht, dass dieser Weg gleichwohl begangen werden kann, ja, begangen werden muss. – Aller Beginn ist schwer, aber noch nie in der Menschheitsgeschichte war und ist der Beginn derart schwer, eben weil es der grösste Beginn überhaupt ist.
Werte Freunde und Genossen!
Wir befinden uns heute inmitten dieses Beginnes. Erst vierzig Jahre sind verflossen, seit dieser Beginn angefangen, vierzig Jahre! Weltgeschichtlich betrachtet, eine unendlich kurze Zeitspanne, persönlich gesichtet, eine ganze Generation, mehr als die Hälfte eines Menschenlebens. In diesen vierzig Jahren ist, wiederum, was die Entwicklung der Menschheit seit Anfang betrifft, noch wenig geschehen, was jedoch die Menschheit von heute belangt, unendlich viel. So müssen wir stets beide Sichten zu vereinen wissen, denn erste diese Doppelsicht gibt uns auch die Gewissheit, dass dieser Versuch des Menschen, den Menschen wirklich zum Menschen zu machen, auf sich selbst zu stellen und so frei zu stellen, die gegenwärtige und die gesamtgeschichtliche Wahrheit besitzt.
Wir, die wir hier zusammengekommen sind, um des Anfangs dieses grossen Beginnens zu gedenken, bezeichnen uns als aktive Teilnehmer an der Erbauung der menschlichen Communio, also als Kommunisten. Wir befinden uns hier noch in kleiner22 Minderheit, wir werden verleumdet und verfolgt; aber wir befinden uns gleichzeitig in grosser Mehrheit und werden geachtet und verteidigt, eben, weil wir auf der ganzen Welt, bei allen Völkern und Rassen, in allen Ländern und Staaten Freunde haben. Diese Freunde und wir wissen, dass die Menschheitsgeschichte bis zum Jahre 1917 unserer Zeitrechnung die Richtung auf die Oktober-Revolution hin genommen und von dort weg neu ihren Lauf begonnen: der Russische Oktober 1917 steht für uns23 im Mittelpunkt der Menschheit wie kaum ein anderes Ereignis in der bisherigen Weltgeschichte, zeitlich und geographisch, politisch und sozial, ökonomisch und kulturell. Er ist also das historische Ereignis der schlechthin, denn bis zu ihm war alles ungefähre Vorgeschichte, von ihm weg wird alles bewusste Vorgeschichte, um dann in die eigentliche Geschichte einzumünden – Geschichte verstanden als vom Menschengeschlecht vollumfänglich bewusst getätigte Gestaltung des menschlichen Lebens. Solchermassen findet sich der Oktober 1917 in der Menschheitsgeschichte, werte Freunde und Genossen.

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Lenins klare Strategie und bewegliche Taktik

Von Günter Judick

Lenin spricht im Taurischen Palast in Petrograd, 4. (17.) April 1917 (Foto: P. I. Wolikow/public domain)
Lenin spricht im Taurischen Palast in Petrograd, 4. (17.) April 1917 (Foto: P. I. Wolikow/public domain)

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Am 23. Februar ist unser Genosse Günter Judick nach langer und schwerer Krankheit im Alter von 87 Jahren gestorben. Günter hat viele Jahre lang die Geschichtskommission der DKP geleitet. Die UZ dokumentiert auf dieser Seite Auszüge aus einem Beitrag, den Günter auf der Konferenz „Die Oktoberrevolution 1917 – eine weltgeschichtliche Zäsur“ des Marxistischen Arbeitskreises zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung bei der Partei „Die Linke“ am 17. März 2007 gehalten hat.

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Die russische Revolution von 1917 war die größte Volksrevolution der Neuzeit. Innerhalb von acht Monaten durchlief sie in einem einheitlichen Prozess die Etappen der bürgerlich-demokratischen Umwälzung hin zur Errichtung der Macht der Arbeiterklasse in Form des Sowjetstaates. Sie veränderte die Welt, bestimmte für sieben Jahrzehnte maßgeblich die Geschichte des 20. Jahrhunderts. (…) Beide Etappen dieser ersten vom imperialistischen Krieg ausgelösten Revolution waren geprägt von Aktionen der Volksmassen, vor allem der Arbeiter und Soldaten, die in ihrer Mehrzahl in Uniform gesteckte Bauern waren. Was die Februar- von der Oktoberrevolution unterscheidet, ist das veränderte Klassenbewusstsein, die klare Zielstellung einer durch Theorie und praktische Erfahrung begründeten Strategie und eine starke Organisation der geschlossen handelnden Arbeiterpartei.

Die Februarrevolution war eine spontane Volksrevolution gegen den Zarismus und den Krieg. Viele, sehr unterschiedliche Kräfte wirkten zusammen. Der Krieg hatte alle Schwächen des zaristischen Systems sichtbar gemacht. (…) Selbst unter den engsten Stützen des Zarismus wollte man die Ablösung des Zaren, eine Auswechslung der Person durch einen anderen aus dem Herrscherhaus der Romanows, um den Zarismus als System zu retten. Die Kriegsverbündeten fürchteten um den Zusammenbruch.der Front im Osten Europas. Die Duma-Mehrheit aus den vorwiegend den Interessen des Kapitals verbundenen Parteien erhoffte von einem Thronwechsel Zugeständnisse für eine konstitutionelle, parlamentarische Regierungsform. Ausschlaggebend für den.Sturz des Zarismus war die Aktion der Petrograder Arbeiter, die gegen Hunger und Aussperrung durch die Unternehmer mit Massenaktionen auf den Straßen der Hauptstadt reagierten und dabei nach mehrtägigem Kampf auch die Soldaten der Garnison auf ihre Seite zogen. Es war also eine klassisch revolutionäre Situation, in der die da oben nicht mehr weitermachen konnten wie bisher, die da unten aber auch nicht mehr gewillt waren, sich der alten Herrschaft zu beugen. Doch den Arbeitern fehlte eine klare Führung. Zwar entstanden spontan auch die Sowjets als Machtorgan der Arbeiter und. Soldaten, doch an der Spitze standen Führer der Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die auf einen Pakt mit den kapitalistischen Parteien setzten und mit ihnen eine provisorische Regierung bildeten. In dieser Doppelherrschaft von Sowjets als Organ der revolutionären Massen und einer provisorischen Regierung der Bourgeoisie lag die Besonderheit der russischen Revolution. (…)

Die Bolschewiki im Februar/März 1917

Sozialrevolutionäre und Menschewiki hatten in den ersten Revolutionstagen den Vorteil, dass sie während des ganzen Krieges mit ihren Dumafraktionen und ihrer Presse legale Möglichkeiten nutzen konnten. Im Gegensatz dazu waren die Abgeordneten der Bolschewiki im November 1914 verhaftet und verbannt worden, die „Prawda“ und andere legale Medien wurden unterdrückt. Als die Sowjets entstanden, wirkten dabei zwar Bolschewiki aus den Betrieben mit, blieben jedoch in der Minderheit. Die aus der Verbannung zurückkommenden Mitglieder des 1912 gebildeten Russischen Büros des ZK der Bolschewiki, darunter Kamenew, der als Beauftragter des ZK 1913 aus der Emigration zurückgekehrt war und die Leitung der Fraktion und der Prawda übernommen hatte, Stalin und Ordschonikidse als Mitglieder des ZK und viele andere leisteten eine große Arbeit, um die Verbindungen zu den Parteiorganisationen wieder herzustellen und ein einheitliches Handeln der Partei zu sichern. Innerhalb von Tagen konnte die „Prawda“ wieder erscheinen. Hatte die illegale Partei am Beginn der Revolution 24 000 Mitglieder, so verachtfachte sich ihre Zahl bis Ende April. Die Bolschewiki wurden erstmals legal und zugleich Massenpartei. Doch auch die führenden Bolschewiki hatten die durch Imperialismus und Krieg hervorgerufenen neuen Bedingungen des Klassenkampfes nicht verarbeiten können. Sie benutzten die alten Losungen der Revolution von 1905, darunter auch die Kontrolle der provisorischen Regierung. Sie erkannten nicht die Möglichkeit einer Entwicklung der Revolution über den Rahmen der bürgerlichen Ordnung hinaus.

Lenins Weg setzt sich durch

Lenin kehrte im April aus der Emigration zurück. Zum Reisegepäck gehörten die Aprilthesen, gemeinsam mit Sinowjew noch in der Schweiz formuliert. Im Mittelpunkt stand die Haltung zum imperialistischen Krieg und zur provisorischen Regierung, die diesen Krieg mit den alten imperialistischen Zielen fortsetzen wollte. Keine Unterstützung der provisorischen Regierung, alle Macht den Sowjets· waren die Losungen für den Übergang zu einer zweiten Etappe der Revolution, an deren Ende eine Staatsmacht der Arbeiterklasse nach dem Vorbild der Pariser Kommune stehen sollte. Für die Partei forderte er ein neues Programm. In den Jahren der erzwungenen Emigration hatte Lenin die neuen Bedingungen für die Arbeiterbewegung in der Zeit des Imperialismus erforscht. Mit der Herausbildung der Monopole, der Unterordnung der Politik unter ihre Interessen, dem Streben nach Neuaufteilung der Welt, der Territorien, der Märkte und der Rohstoffe erkannte er die Ursache des imperialistischen Krieges, sah aber auch die Möglichkeit der Überwindung der Ursachen des Krieges durch eine sozialistische Revolution. Auf den Zimmerwalder Konferenzen der Kriegsgegner hatte er sich mit den Illusionen über einen Verständigungsfrieden auseinandergesetzt, hatte in der Zimmerwalder Linken den Kern für eine revolutionäre Beendigung des Krieges und für eine neue Internationale zusammengeführt. In der russischen Revolution und den einmaligen Bedingungen der Doppelherrschaft sah er die Möglichkeit zur Verwirklichung der antiimperialistischen Strategie.

Die Aprilthesen stießen nicht nur auf den Widerstand der in den Sowjets führenden Kräfte, sondern auch auf Unverständnis innerhalb der Partei. Lenin verfügte nicht über einen Apparat. um seine Meinung durchzusetzen, sondern nur über die besseren Argumente. Doch vor allem die praktische Erfahrung wirkte mit, als ausgerechnet am 1. Mai bekannt wurde, dass die Provisorische Regierung den Verbündeten die Fortsetzung des Krieges durch eine russische Offensive zugesagt hatte. Auf der gleichzeitig tagenden Parteikonferenz wurden Lenins Thesen in allen wesentlichen Punkten angenommen. Dennoch wurden in allen folgenden Perioden bis zum Oktober immer wieder auch unterschiedliche Meinungen und offen ausgetragene Differenzen sichtbar. Die Bolschewiki siegten auf dem Weg zum Oktober als diskutierende und in entscheidenden Situationen einheitlich handelnde Partei.

Im Leitungskollektiv der Partei waren die unterschiedlichen Positionen vertreten. Mit Lenin wirkten alte Bolschewiki wie Kamenew, Sinowjew, Stalin ebenso wie der neu zu den Bolschewiki gekommene Trotzki. Fast alle gerieten bei den komplizierten Vorgängen zeitweilig in Detailfragen in Widerspruch zu Lenin, doch es war gerade dessen Autorität, die es schaffte, auch nach harten Diskussionen wieder zu gemeinsamer Arbeit zu finden. Die Bolschewiki waren stark, weil ihre Leitung kollektiv nach Lösungen suchte.

Die Stärke der Bolschewiki ergab sich auch daraus, dass sie es verstanden, in wechselnden Situationen Losungen zu verändern, ohne das Ziel preiszugeben. Als im Sommer die Sowjetmehrheit die Unterstützung der Kerenski-Offensive beschloss, musste die Losung „Alle Macht den Sowjets“ zurückgestellt werden, zugleich entstand die neue Forderung, jetzt um neue Mehrheiten in den Sowjets zu ringen. Als Petrograds Arbeiter bewaffnet gegen die Kerenski-Politik demonstrieren wollten, waren es die Bolschewiki, die in einer stürmischen Nachtsitzung durchsetzten, unbewaffnet gegen die Kriegspolitik zu demonstrieren, in der richtigen Einschätzung, dass die Voraussetzungen landesweit für einen solchen bewaffneten Protest nicht ausreichten. Als die friedliche Demonstration dann dennoch zusammengeschossen wurde lernten die Massen die Fronten gegen den Feind im eigenen Land zu verstärken. (…)

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Günter Dicks im Gespräch mit Raoul Peck

Bei der Premiere des Films „Der junge Marx“ in der Karlsruher „Schauburg“ wurde Stefan Konarske von einem Zuschauer gefragt, ob er sich mit den Inhalten des Films und den Aussagen seiner Protagonisten identifiziert. Der aus der Tatort-Serie bekannte Schauspieler spielt Friedrich Engels. „Nein“ lautete seine Antwort. „Ich spiele eine Rolle in der Geschichte über eine Freundschaft von zwei Männern. Nur darauf kam es mir an.“
Also kein politischer Film? Natürlich ist der Film politisch. Schon in der ersten Szene wird gezeigt wie Menschen, die im Wald Holz sammeln, von der preußischen Polizei hoch vom Ross herunter zusammengeprügelt werden. Die zweite Szene zeigt das Elend der Arbeiterinnen und Kinder, die in der Spinnerei von Engels Vater arbeiten müssen und wie Leibeigene behandelt werden.
„Der junge Karl Marx“ zeigt keine Männerfreundschaft, der es darum geht, zusammen zu saufen und gemeinsam Abenteuer zu erleben. Es ist die Freundschaft von zwei Männern, die, unterstützt durch zwei starke, rebellische Frauen, die Welt ändern wollen. Hier ist die Handlung unmittelbar beim Kern der Thesen von Marx und Engeln – nämlich „die Welt nicht bloß zu interpretieren, sondern sie zu ändern“. Am Ende des Films steht das „Kommunistische Manifest“.
Der Film verzichtet weitgehend auf Pathos und Effekthaschereien, auch dort, wo es um die grauenvollen Verletzungen der Fabrikarbeiterinnen oder die Gewalt gegen die Arbeiter und Armen geht. Eine junge Arbeiterin, die später Engels‘ Frau wird, schreit die Missetaten gegenüber dem Fabrikbesitzer „nur“ voll Wut heraus. Hier wird in der genannten zweite Szene erzählt, wie eines der Fabrikmädchen seine Finger in einer Maschine „verloren“ hat. Es gibt auch keine theatralisch inszenierten Gegensätze zwischen Arm und Reich. Die Armut des Proletariats zu zeigen genügt, um die Wirklichkeit in den industriellen Zentren des vorletzten Jahrhunderts darzustellen. Ebenfalls ruhig erzählt wird die Entwicklung der Kernelemente der Aussagen von Marx und Engels im Widerspruch zu den frühen Sozialisten Pierre-Joseph Proudhon und Wilhelm Weitling, dem Gründer des „Bund der Gerechten“. Durch die Reden von Marx und Engels wird sich dieser Bund 1847 in einer hitzigen Debatte in „Bund der Kommunisten“ umbenennen. „Es reicht nicht aus nur Gerechtigkeit herzustellen.“ Man muss die Wurzeln der Ungerechtigkeit beseitigen, so die beiden Revolutionäre.

Stefan Kühner

UZ: Herr Peck, ich habe gelesen, dass Ihre Biografie ein paar Ähnlichkeiten mit der von Karl Marx aufweist. Hat Sie das zu diesem Thema geführt?

Der 1953 in Haiti geborene Raoul Peck, hier bei der Berlinale-Pressekonferenz, drehte vor „Der junge Karl Marx“ unter anderen die Filme „Lumumba – Tod des Propheten“ und „I am not your negro“

Der 1953 in Haiti geborene Raoul Peck, hier bei der Berlinale-Pressekonferenz, drehte vor „Der junge Karl Marx“ unter anderen die Filme „Lumumba – Tod des Propheten“ und „I am not your negro“

( Elena Ringo http/www.elena-ringo.com)

Raoul Peck: Ich hatte das Glück, sehr früh auf Marx zu stoßen. Ich habe Marx zunächst als Philosoph, als Journalist und als Ökonom kennen gelernt. Denn ich war damals so um die 22 bei meinem Studium hier in Berlin und damit Teil einer Generation, für die Marx ein großes Thema war. Und für uns, die wir aus Ländern kamen, in denen es Diktaturen gab, war Marx etwas sehr Konkretes. Als ich nach Berlin zum Studium kam, stand eigentlich fest, dass ich hinterher wieder nach Haiti zurückgehen würde, um dort gegen die Diktatur zu kämpfen. Da war ja immer noch Diktatur bis 1986. Ich wusste also, dass es darum ging, die Instrumente für diesen Kampf kennen zu lernen, und das war auch Marx. Die Philosophie und der Ansatz von Marx gaben die Grundlage, die Zusammenhänge einzuordnen und zu verstehen. Allerdings weniger das, was später eine sehr eingeengte, engstirnige didaktische Diskussion wurde, sondern die Kraft seiner Analysen, mit denen wir auch heute die Lage besser erfassen und beurteilen können, das war mein Erbe aus diesen Jahren.

UZ: Mir fällt da Frantz Fanon ein und sein Buch „Die Verdammten der Erde“, das damals viel diskutiert wurde.

Raoul Peck: Ja, und aus ihm habe ich etwas gelernt, vor allem über die Rolle der Gewalt in den Befreiungskämpfen gegen den Kolonialismus. Ich war ja ein junger Mann damals, und es gab ja noch so vieles andere, es gab Aimé Césaire, auch schwarze Autoren in den USA wie James Baldwin waren sehr wichtig für mich. Und natürlich Marx. Ich habe vier Semester Seminare zum „Kapital“ studiert und da ging es weniger um Ideologie, sondern um seine Analyse. Ich hatte Freunde, die waren schon weiter, und ich spürte, dass ich mein Wissen vertiefen musste. Marx spielte darin die zentrale Rolle, denn er war der Vater von allem, was kam.UZ: Dies ist jetzt „Der junge Marx“. Wird es dann eine Fortsetzung „der alte Marx“ geben?

Raoul Peck: Ich weiß nicht, ob das nötig ist. Denn die ganze Entwicklung seines Denkens steckt ja schon in diesen Jahren, in denen er seinen Doktor in Philosophie machte und bei der „Rheinischen Zeitung“ arbeitete und die dann zum „Kommunistischen Manifest“ führten. Man braucht nur das „Manifest“ zu nehmen und hat schon ein Instrument, um auch die Krisen zu erklären, die wir heute haben. Das „Kapital“ ist dann nur noch der Versuch, das alles in eine Art System zu bringen. Und für mich war das immer ein sehr wichtiges Instrument, das ich auch heute noch verwende. Selbst bei solchen Erscheinungen wie Trump fühle ich mich nicht verloren, sondern ich kann erkennen, wo Trump herkommt, also bin ich nicht überrascht darüber, dass eine populistische Figur wie er Präsident werden konnte. Marx gibt mir den Abstand, das zu analysieren. Er schafft uns den Abstand, den historischen und ökonomischen Kontext zu erkennen und die Dimensionen, die das hat.

UZ: Ihr Film zielt erkennbar auf ein junges Publikum, das wenig oder nichts über Marx weiß.

Raoul Peck: Ja, aber nicht nur die, auch auf Leute, die schon mal davon gehört haben. Was ich gestern in der Vorführung erlebt habe, war, dass die Magie funktionierte, auch bei vielen, die die Geschichte wohl kannten, aber angetan waren von der Subtilität, mit der sie erzählt wird. Das war mir sehr wichtig, denn oft wird übersehen, dass der Film sehr genau ist in seiner Wortwahl, in seinen Dialogen. Darum war der Film auch kompliziert zu machen. Ich wollte ja, dass ein normales Publikum ihn versteht, aber mich auch nicht der Kritik der Historiker und Experten aussetzen.

UZ: Es gibt ja schon bei der ersten Szene mit den Holzsammlern ein Zitat aus dem Off. Ist das authentisch?

Raoul Peck: Ja, das stammt aus seinem ersten Artikel für die „Rheinische Zeitung“. Das war einer der Artikel, die die preußische Regierung zensieren ließ und derentwegen sie dann die Zeitung verboten haben.

UZ: Und dass Marx Engels bei ihrer ersten Begegnung abschätzig als „Amateur mit Goldknöpfen“ bezeichnet, ist das auch authentisch?

Raoul Peck: Ich glaube, auch das ist authentisch. Denn die beiden stehen ja in diesem Moment für einen großen Gegensatz, Marx, der immer in Geldnot ist, und der Fabrikantensohn Engels.

UZ: Und der ja auch wieder im Gegensatz zur gefeuerten Arbeiterin Mary Burns.

Raoul Peck: Ja, genau, und all diese Geschichten sind authentisch, die sind durch die Dokumente aus dem Briefwechsel bestätigt. Natürlich steht im Zentrum Marx, dann Engels, aber auch diese beiden Frauen waren ja stark und intelligent, und sie waren Teil der Bewegung. Bedenken Sie, die Geschichte wird meistens von Männern geschrieben und die Frauen sieht man nicht. Aber Jenny war ja nicht so eine traditionelle Frauenfigur, sie war keine „Hausfrau“ im klassischen Sinn. Sie verstand, um was es ging bei Marx, und sie war seine Stütze.

UZ: Die anderen Figuren jener Zeit, also Proudhon, Weitling, Bakunin usw., kommen relativ knapp vor.

Raoul Peck: Das war schwierig, denn ich musste mich auf Marx konzentrieren. Er ist die Hauptfigur und er nutzt die Arbeit der anderen und auch die Irrtümer all der anderen. Er zeigt ihre Widersprüche auf, zum Beispiel bei Proudhon. Die andere Position ist die etwas verrücktere, die eines Typen wie Weitling, der eine Art Populist war. Marx versuchte beide zu verstehen und zu erklären. Er tut diese Positionen nicht gleich ab, zum Beispiel als er zu der Kundgebung von Proudhon geht. Er fragt ihn: „Um welche Art von Eigentum geht es?“ Und Proudhon muss sich erklären. Marx wird auch immer klarer und je tiefer er dringt, desto mehr wird er ungeduldig, denn für ihn ist das Zeitverlust.

UZ: Mich hat überrascht, dass Sie nach dem dramaturgischen Höhepunkt, der ja die Gründung des „Bundes der Kommunisten“ ist, auf eine ruhige Szene am Strand von Oostende schneiden mit dem Gespräch der zwei Frauen.

Raoul Peck: In meinem Film geht es um reale Geschichte, nicht um ein amerikanisches „biopic“. Darin wären diese Umwandlung des Bundes der Gerechten in den Bund der Kommunisten sicher der große Schluss gewesen. Aber mir ging es darum, die wahre Geschichte ohne zu viele Kompromisse zu erzählen, aber auch ohne das Publikum zu verlieren. Dem muss ich ja Kino liefern, aber das, was ich ihm wirklich geben will, sind Ideen. Bei mir bedeutet der Höhepunkt eben nicht „Es ist vorbei“, sondern Höhepunkt heißt: „Jetzt kommt der nächste Kampf!“ Marx und Engels haben gewonnen, aber jetzt kommt die nächste Schlacht, die um das „Manifest“ und um die genauen, richtigen Worte. Einige Kritiker haben geschrieben, der Film sei ihnen zu klassisch. Ja, er ist klassisch, und darauf bin ich stolz, denn so wird er vom Publikum angenommen, und das, obwohl ich versucht habe, sehr genau in allem zu sein bei dieser komplizierten Materie. Deshalb hat es uns ja mehr als vier Jahre gekostet, das Drehbuch zu schreiben.

UZ: Rechnen Sie mit einem Erfolg an den Kinokassen?

Raoul Peck: Das müssen wir abwarten. Ich hoffe es, denn Marx ist ja Teil unserer Geschichte, und wenn das nicht verstanden würde, wäre es ja traurig.

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Gelesen

 

Engels 1874 zum Programm der blanquistischen Kommuneflüchtlinge: „Die deutschen Kommunisten sind Kommunisten, weil sie durch alle Zwischenstationen und Kompromisse, die nicht von ihnen, sondern von der geschichtlichen Entwicklung geschaffen werden, das Endziel klar hindurchsehen: (.…) Die Dreiunddreißig sind Kommunisten, weil sie sich einbilden, sobald sie nur den guten Willen haben, die Zwischenstationen und Kompromisse zu überspringen, sei die Sache abgemacht (…)“
(MEW, Bd. 18, S. 533)Engels 1887: „Hätten wir von 1864 bis 1873 darauf bestanden, nur mit denen zusammenzuarbeiten, die offen unsere Plattform anerkannten, wo wären wir heute? Ich denke, unsere Praxis hat bewiesen, dass es wohl möglich ist, mit der allgemeinen Bewegung der Arbeiterklasse in jeder einzelnen Etappe zusammenzuarbeiten, ohne unsere eigene aparte Stellung oder gar Organisation aufzugeben oder zu verbergen.“
(MEW, Bd. 36, S. 598)

Lenin 1920: „„Einen mächtigeren Gegner kann man nur unter größter Anspannung der Kräfte und nur dann besiegen, wenn man unbedingt aufs angelegentlichste, sorgsamste, vorsichtigste, geschickteste sowohl (…) jeden Interessengegensatz zwischen der Bourgeoisie der verschiedenen Länder, zwischen den verschiedenen Gruppen oder Schichten der Bourgeoisie innerhalb der einzelnen Länder als auch jede, selbst die kleinste Möglichkeit ausnutzt, um einen Verbündeten unter den Massen zu gewinnen, mag das auch ein zeitweiliger, schwankender, unsicherer, unzuverlässiger, bedingter Verbündeter sein. Wer das nicht begriffen hat, der hat auch nicht einen Deut vom Marxismus und vom wissenschaftlichen, modernen, Sozialismus überhaupt begriffen.“
(LW, Bd. 31. S. 52)

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Ein mittlerweile öffentlich zugänglicher Bericht der CIA aus dem Jahr 1985 belegt das große Interesse der CIA an so genannten poststrukturalistischen Denkern wie Michel Foucault, Jacque Lacan und Rolandes Barthes. Das Missionsziel: die Spaltung der Linken.

Von Timo Kirez

RT Deutsch

Wir schreiben das Jahr 1971. Am 7. Januar startet zum letzten Mal ein Flugzeug mit dem Entlaubungsmittel Agent Orange an Bord, um seine todbringende Fracht über Vietnam zu versprühen. Im Juni desselben Jahres beginnt die New York Times damit, geheime Pentagon-Papiere über den Vietnam-Krieg zu veröffentlichen. US-Präsident Richard Nixon versucht über die Justiz, weitere Veröffentlichungen zu verhindern – scheitert aber später vor dem Obersten Gerichtshof der USA.

Im selben Jahr wird es zu einem bemerkenswerten Zusammentreffen kommen. Der französische Philosoph, Psychologe und Soziologe Michel Foucault trifft in einem niederländischen Fernsehstudio auf den US-amerikanischen Linguisten Noam Chomsky. Das Thema der Diskussion lautet „The Human Nature: Justice versus Power“ („Die Menschliche Natur – Gerechtigkeit gegen Macht“). Es entwickelt sich eine tiefgreifende Diskussion darüber, ob der Mensch überhaupt so etwas wie die vielzitierte menschliche Natur hat, und darüber, inwieweit der Mensch ein Produkt gesellschaftlicher Bedingungen ist. Doch vor allem geht es um ein Thema: Wer wird den intellektuellen und politischen Diskurs der Zukunft dominieren?

Am Ende der Diskussion wird Chomsky ernüchtert feststellen, noch nie einen solchen Amoralisten getroffen zu haben wie Foucault. Die 1960er, 1970er und auch noch die 1980er Jahre markieren nicht nur die Spaltung der Welt in NATO und Warschauer Block, zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Auch in der westlichen Intelligenzija kommt es zu einem folgenschweren Bruch. Dieser sollte sich Jahrzehnte später in einer Aufspaltung des linken Spektrums in eine so genannte kulturelle Linke und eine soziale Linke manifestieren.

Vereinfacht zusammengefasst lassen sich die beiden Richtungen so beschreiben: Unter der kulturellen Linken versteht man allgemeinhin soziale Bewegungen, die sich verstärkt für feministische, LGBT, kulturelle und antirassistische Themen engagieren. Zwar ist auch die kulturelle Linke klassischen sozialen Themen gegenüber, wie zum Beispiel der Arbeiterbewegung, in der Regel nicht feindselig eingestellt. Ihre Betonung liegt jedoch verstärkt auf die Herstellung von Gerechtigkeit durch Anerkennung von Differenzen.

Die soziale Linke hingegen definiert sich nach wie vor über die Eigentumsfrage. Klassische linke Themen wie Arbeiterbewegung, Gewerkschaften und Umverteilung von Reichtum stehen im Zentrum der Debatten. Das Augenmerk liegt vor allem auf der materiellen Ordnung und weniger auf der symbolischen. Diese Unterscheidung präsentiert sich in der Theorie und auch in der Praxis zwar selten so eindeutig, spiegelt aber dennoch die Tendenzen der letzten Jahrzehnte wieder. Die Politikwissenschaftlerin Nancy Fraser hat die Trennung unter anderem in ihrem Buch aus dem Jahre 2001 beschrieben. Dieses trägt den Titel: Die halbierte Gesellschaft. Schlüsselbegriffe des postindustriellen Sozialstaats.

Als Chomsky und Foucault sich 1971 in den Niederlanden darüber stritten, was Foucault einmal das „linke und linkische Gerede von Menschen“ nannte, haben vermutlich auch einige Männer und Frauen im Publikum gesessen, die eine andere Agenda verfolgten. Ihnen ging es weniger darum, welcher intellektuelle Diskurs in der Zukunft den Menschen konstituieren würde. Sie hatten eher pragmatische und machtpolitische Ziele: Ihnen ging es um die Schwächung aller Intellektuellen, die sich kritisch zu der US-amerikanischen Politik äußerten.

Dazu brauchte es einen Paradigmenwechsel – von Jean-Paul Sartre zu Michel Foucault. Während Sartre, genauso wie übrigens seine Frau Simone de Beauvoir, auch heute noch als quasi Fleisch gewordenes Klischee des engagierten, sich einmischenden Intellektuellen gilt, ließ sich Foucault nie wirklich zuordnen. Foucault ist vermutlich das größte politische Missverständnis der jüngeren Geschichte. Er war kein Rechter, er war kein Linker – er war noch nicht einmal ein Liberaler. Doch er war der richtige Mann zur richtigen Zeit. Eine Studie der CIA, die seit kurzer Zeit öffentlich zugänglich ist, zeigt auch, warum.

In mühevoller Kleinarbeit wird auf über 20 Seiten minutiös dargelegt, warum die Förderung dieses neuen Typus von französischem Intellektuellem im Interesse der USA lag. Zu Beginn der Studie wird erläutert, wie es überhaupt zu der wichtigen politischen Rolle des Intellektuellen in der französischen Gesellschaft gekommen ist. Angefangen hatte dies mit der so genannten Dreyfus-Affäre. Der französische Artillerie-Hauptmann Alfred Dreyfus wurde 1894 durch ein Kriegsgericht wegen angeblichen Landesverrats verurteilt. Man warf ihm vor, Militärgeheimnisse weitergereicht zu haben. Ausgerechnet an den Erzfeind: das Deutsche Kaiserreich.

Doch es stellte sich heraus, dass Dreyfus unschuldig war. Der Skandal zog weite Kreise. Dreyfus war Jude. Deshalb versuchten antisemitische, katholische und monarchistische Gruppen, die Bevölkerung aufzuwiegeln und die Verurteilung des wahren Schuldigen, Major Ferdinand Walsin-Esterházy, zu verhindern. Auch der berühmte französische Schriftsteller Émile Zola mischte sich ein. Sein Artikel „J´accuse!“ („Ich klage an!“) trug maßgeblich dazu bei, Dreyfus zu rehabilitieren, und gilt als Geburtsstunde des sich einmischenden Intellektuellen.

All dies wird im Dossier der CIA aufgeführt. Doch es ging den Verfassern der Studie nicht um die Vergangenheit, sondern um die Zukunft. Die Aufmerksamkeit sollte weg von den USA und hin zur UdSSR gelenkt werden. Was man heute als Cyberwar und Asymmetrische Kriegsführung bezeichnen würde, nannte man früher den globalen Kulturkrieg. Und die CIA wusste, welche Hebel sie bedienen musste.

Organisationen wie zum Beispiel der Congress für Cultural Freedom (CCF), der Kongress für kulturelle Freiheit, eine von 1950 bis 1969 in Paris ansässige Kulturorganisation, die von der CIA finanziert wurde, spielte dabei eine bedeutsame Rolle. Über sie nahm man aktiv Einfluss auf sogenannte linksliberale Intellektuelle, um diese für den Kampf gegen den Totalitarismus zu gewinnen. Bekämpft wurden US-Kritiker wie zum Beispiel Thomas Mann, Jean-Paul Sartre und Pablo Neruda.

Der Kongress für kulturelle Freiheit hatte Büros in über 35 Ländern der Welt. Darunter natürlich auch in West-Berlin. Er publizierte mehrere Zeitungen und Zeitschriften, war an Buchverlagen beteiligt, organisierte hochwertige nationale wie auch internationale Konferenzen und Ausstellungen. Darüber hinaus beteiligte er sich an der Finanzierung von Kunstpreisen und Stipendien.

Im Fall der Studie über die französischen Intellektuellen ging es konkret darum, über die Manipulation bestimmter prominenter Köpfe die Meinungs- und Deutungshoheit in politischen Fragen zu gewinnen. Die Linke in Frankreich genoss durch ihr starkes Engagement in der Resistance während der deutschen Besatzung einen untadeligen Ruf. Damit stand sie im Gegensatz zu vielen Konservativen und Rechten, die sich zum Teil im Vichy-Regime kompromittierten.

Nirgends war aber auch der Anti-US-Amerikanismus in Frankreich stärker ausgeprägt als bei den Linken. Diese Hegemonie galt es zu brechen. Und dazu musste der Blick weg von dem Vietnam-Krieg (1955 bis 1975), weg von den Interventionen in Guatemala (1954), Dominikanische Republik (1965), Chile (1973) sowie El Salvador und Nicaragua in den 1980er Jahren. Stattdessen sollte der Blick auf die totalitäre UdSSR gerichtet werden.

Die Zeit war dafür auch günstig. Die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und der gescheiterten faschistischen Utopien saßen tief. Auf der Gegenseite gab es aber auch die Erfahrungen in der Sowjetunion mit Stalin und dem Gulag. Sie galten als Belastung für westliche Linke. Vor diesem Hintergrund wendeten sich mehr und mehr so genannte „progressive Intellektuelle“ von den „großen Narrativen“ ab.

Ein Mann wie Jean-Paul Sartre war da ein Hindernis. Sartre war zwar kein Stalinist, hielt sich mit Kritik jedoch auch zurück. Er schrieb später selbstkritisch dazu, dass die politischen Ereignisse ihn dazu verführt hätten, das Klassenkampf-Schema „wie ein Gitternetz zu verwenden, was mehr der Bequemlichkeit als der Wahrheit diente“.

Es brauchte neue Köpfe. Also förderte man anti-marxistische Intellektuelle wie zum Beispiel Bernard-Henri Lévy, André Glucksman oder Jean-François Revel, die sich in mehreren Publikationen angriffslustig gegen die „letzten Retter des Kommunismus“ wandten. Zudem waren die neuen Köpfe umso glaubhafter, da sie selber eine linke Vergangenheit vorzuweisen hatten.

Doch die CIA war noch raffinierter. Nicht nur Intellektuelle, die sich offen gegen den Marxismus aussprachen, waren wertvoll. Vor allem solche, die vorgaben, so genannte reformierte Marxisten zu sein, waren Goldes wert, wie die Studie erläutert:

Noch effektiver im Untergraben des Marxismus waren solche Intellektuelle, die als „wahre Marxisten“ starteten, um dann die ganze marxistische Tradition abzulehnen und zu überdenken.

In der Studie wird Michel Foucault als einer jener Intellektuellen zitiert, die einen Anteil daran hatten, „den Marxismus in den Sozialwissenschaften entscheidend zu demolieren“. Er wird als der „einflussreichste und tiefste Denker Frankreichs“ beschrieben. Man hob dabei seine Kritik an der rationalen Aufklärung des 18. Jahrhunderts und des revolutionären Zeitalters hervor, die zu „blutigen Konsequenzen“ geführt habe.

Es würde zu weit führen, hier die Philosophie von Foucault erklären zu wollen. Grob formuliert prägt er vor allem den Diskurs darüber, wie Wissen entsteht und Geltung erlangt. Und wie Macht ausgeübt wird und dabei Subjekte konstituiert und diszipliniert werden. Foucault wurde für seine Gedanken aus ganz verschiedenen Richtungen des akademischen und politischen Spektrums kritisiert: als Anarchist, Linksradikaler, Marxist, Kryptomarxist, Nihilist, Antiwissenschaftler und Irrationalist, Antimarxist, Neoliberaler, gaullistischer Technokrat oder Rechter.

Rechte warfen ihm vor, er stelle jede Macht in Frage und sei eine Gefahr für die geistige Gesundheit der Studenten. Linke hingegen, unter anderem Jean-Paul Sartre, hielten ihm hingegen vor, letztes Bollwerk der Bourgeoisie zu sein oder in der Nähe von Hitlers „Mein Kampf“ zu stehen.

Die Maskerade gehörte bei Foucault zum Spiel dazu. Er war ein Vorreiter dessen, was man heute gemeinhin und diffus als die Postmoderne betitelt. Eine neue Unübersichtlichkeit, in der es Wahrheit und Entscheidungen nicht geben kann. Und in der bestehende Machtverhältnisse dekonstruiert, aber nicht mehr revolutionär verändert werden können.

Eine weitere Strategie der CIA bestand darin, das Ansehen der Sozialwissenschaften selbst zu unterminieren. Statt Soziologie oder Philosophie zu studieren, sollten die Studenten lieber Wirtschafts- und Ingenieurskurse belegen. Alles, was von der Herausbildung eines so genannten kritischen Bewusstseins, vor allem für soziale Belange, wegführte, war willkommen.

Ein guter Lesetipp, um dieses Thema weiter zu vertiefen, ist das Buch Wer die Zeche zahlt… Der CIA und die Kultur im Kalten Krieg von Frances Stonor Saunders. Es belegt neben den vielfältigen Aktivitäten der CIA im Kalten Krieg vor allem eines: die große Angst der CIA vor der Kraft der Gedanken und Worte.

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Von Werner Rügemer

Ossietzky 4/2017

Die Offene Gesellschaft war die Leitideologie, mit der sich die transatlantischen Eliten gegen die sozialistischen Staaten hinter dem Eisernen Vorhang und hinter der Berliner Mauer abgrenzten und sich als schöner und freier inszenierten. Die jetzt immer noch darauf beruhende Kritik am Mauerbau des US-Präsidenten Donald Trump ist heuchlerisch. Diese Kritiker verdrängen, dass bereits seit 1994 die Propagandisten der Offenen Gesellschaft einen bis zu sieben Meter hohen Hochsicherheitszaun zwischen den USA und Mexiko betreiben. Er wurde begonnen unter dem US-Präsidenten William Clinton. Der Zaun, auch The Wall oder Tortilla Wall genannt, ist mit Flutlicht, Kameras, Bewegungsmeldern, Bodensensoren, mobilen Wachtürmen und Drohnen bestückt. Staatliche Mauerschützen dürfen Flüchtige abknallen, ohne jemals verurteilt zu werden. Migranten lässt man in Flüssen ertrinken und in der Wüste verdursten. Offiziell wurden 6029 Tote bis 2013 registriert. In der achtjährigen Amtszeit des US-Präsidenten Barack Obama schob die US-Administration hier pro Jahr im Durchschnitt 400.000 Migranten ab, insgesamt über drei Millionen Menschen.

Und während erst jetzt die lediglich ergänzenden Mauerpläne des Präsidenten Trump zurecht als unmenschlich angeklagt werden, schotten die Europäische Kommission und die Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten die EU weiter ab. Jährlich lässt man dort an den Festungsgrenzen tausende Flüchtlinge ertrinken. Gleichzeitig werden an den Außengrenzen von EU-Staaten neue Barrieren aus Zäunen und Stacheldraht und bewaffneten Posten errichtet. Erbarmungs- und gewissenlos arbeiten die neuen Mauerbauerinnen und Mauerbauer dafür auch mit dem türkischen Unrechtsregime zusammen. Die Offene Gesellschaft ist mit Diktatur offensichtlich vereinbar.

Begleitend wird eine eiserne Mauer des politischen und medialen Schweigens um die Ursachen der Flucht errichtet. Menschen flüchten vor den Kriegen, die von den Propagandisten der Offenen Gesellschaft in Afghanistan, Irak, Syrien, Libyen geführt und gefördert werden, genauso wie aus den von Wirtschaftskriegen überzogenen und verarmten Staaten des Balkans und Afrikas.

In den Staaten der selbsternannten Offenen Gesellschaft lassen die Superreichen Mauern um ihre Gated Communities errichten, um sich vor den Armen zu schützen, auf deren Ausbeutung der abgeschottete Reichtum beruht. Und die Offenen Gesellschaften des Westens werden durchzogen von Mauern um die Gated Communities des Militärs, sei es um Camp Bondsteel (mit Fitnesscentern, Imbissketten-Restaurants, einem PX-Kaufhaus, Kinos und einer Kapelle mit religionsverschiedenen Gottesdiensten) im ausgeplünderten Kosovo oder um die Drohnen-Zentrale Ramstein im deutschen Rheinland-Pfalz. Übrigens Bondsteel: Der Namensgeber war ein US-»Held« im Krieg gegen die vietnamesische Befreiungsbewegung.

Und warum wurde eigentlich die erste große Mauer nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut? Der antikommunistische Hetzer Winston Churchill popularisierte den Begriff Eiserner Vorhang. Er griff die Vorgabe des Nazi-Propagandaministers Joseph Goebbels auf, der damit das Ergebnis der herannahenden Roten Armee anprangert hatte. Diese kontinentale Mauer wurde errichtet, um die sowjetischen Vorschläge für ein neutrales und abgerüstetes Deutschland und damit für ein friedliches Nachkriegseuropa zu verhindern. Begleitet wurde die Mauer der transatlantischen Offenen Gesellschaft mit der Öffnung für die alten Nazi-Eliten, die in ihre alten oder neuen Funktionen gelangten. Und das nicht nur in der von den Westmächten gegründeten Bundesrepublik. Die Offene Gesellschaft war auch offen für die Wiedereinsetzung von NS-Kollaborateuren in verantwortliche Funktionen in Frankreich, Italien, Luxemburg, den Niederlanden, Belgien, Griechenland zum Beispiel. Die faschistischen Regimes in Spanien und Portugal nahm die Offene NATO-Gesellschaft sowieso mit offen Armen auf. Für den möglichen Wahlsieg eines gemäßigten Mitte-Links-Bündnisses nach demokratischer Prozedur in Griechenland war 1967 die Offene Gesellschaft nicht offen, sondern organisierte mit einheimischen Faschisten einen Militärputsch.

Dem Eisernen Vorhang folgten für ungerechte Kriege und für weitere Eroberungen weitere Mauern. In Korea hatte die Befreiungsbewegung die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich. Nur durch die völkerrechtswidrige militärische Intervention der USA mit Unterstützung der Westmächte, auch der christlich geführten Bundesrepublik Deutschland, konnte die Befreiungsbewegung zumindest zum Teil besiegt werden. Für Demokratie und Volkswillen und das nationale Interesse war die Offene Gesellschaft nicht offen, sondern nur für die westliche primitive Gewalt. Die Mauer trennt das Land bis heute.

Und während der Fall der Berliner Mauer endlos weiter gefeiert wird, baut der israelische Staat seit 2002 eine bis acht Meter hohe neue Mauer – völkerrechtswidrig, zu drei Vierteln jenseits der Waffenstillstandslinie, Palästinenser werden widerrechtlich enteignet. Mit der Mauer soll die völkerrechtswidrige, seit 50 Jahren andauernde Besetzung der Westbank verewigt werden. Auch hier dürfen Scharfschützen ungestraft Menschen abknallen. Die Laut-Sprecher der Offenen Gesellschaft rechtfertigen und dulden diese Mauer, und für Bundeskanzlerin Angela Merkel ist sie sogar Teil der eigenen Staatsraison. Dazu gehören auch die etwas kleineren Mauern um die widerrechtlich errichteten Siedlungen und um die 27 hochgerüsteten Checkpoints innerhalb der Westbank.

»Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde« hieß das Buch des vergessenen Philosophen Karl Popper. Er hatte nach dem Ende des Faschismus im Westen Konjunktur, weil er den Bruch der Anti-Hitler-Koalition begrüßte und die Sowjetunion und den Sozialismus überhaupt als totalitär, kollektivistisch, undemokratisch und als »geschlossene Gesellschaft« anprangerte. Doch die Offene Gesellschaft des transatlantischen Kapitalismus entbarg sich als das, was sie von Anfang an war: Sie wurde ihren halluzinierten Feinden immer ähnlicher als diese in Wirklichkeit jemals waren. Diese Offene Gesellschaft ist an ihr moralisches Ende gekommen. Ihr muss das faktische Ende gemacht werden.

Eine offene Gesellschaft, die demokratisch und selbstbestimmt ist und bleiben will, muss zunächst ihre Grenzen regeln und schützen. Denn die Gesellschaften der Moderne haben sich unterschiedlich, beginnend vor einigen Jahrhunderten, als einzelne, nationale Gesellschaften herausgebildet. Innerhalb dieser Grenzen haben sich bisher die besten, wenn überhaupt, demokratischen Prozeduren herausgebildet und können sich weiter herausbilden und festigen. Das darf aber nicht der Endzustand sein. Doch nur nach den Prinzipien der universellen Menschenrechte und des Völkerrechts dürfen, müssen und können Mauern und auch Grenzen schrittweise abgebaut werden, kontinental und planetarisch.

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Wir trauern um unseren Genossen Günter Judick, der am 23. Februar im Alter von 87 Jahren nach langer schwerer Krankheit verstorben ist. Mit Günter Judick verliert die DKP einen treuen Kommunisten, der in seiner frühen Jugend
Krieg und Faschismus erleben musste und auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen sein ganzes weiteres Leben unermüdlich dafür gekämpft hat, die Herrschaft des deutschen Imperialismus und Militarismus, die diese Geißeln der Menschheit hervorgebracht haben, durch eine auf Gemeineigentum und die Macht des arbeitenden Volkes gründende Gesellschaftsordnung, den Sozialismus, zu überwinden.

Günter wurde am 15. Dezember 1929 in Tönisheide als Kind einer Arbeiterfamilie geboren. Nach Abschluss der Schule arbeitete er zunächst in Metallbetrieben, später als Redakteur und hauptamtlicher politischer Funktionär. An der Humboldt-Universität in Berlin (DDR) absolvierte er neben seiner beruflichen Tätigkeit ein Fernstudium, das er 1971 als Diplom-Historiker abschloss.

Günter war ein Vorbild für kommunistische Massenarbeit. Er organisierte sich als Metallarbeiter selbstverständlich in seiner Gewerkschaft IGM-Metall und ist ihr bis zu seinem Tode treu geblieben. Viele Jahre wirkte er als Mitglied der Vertreterversammlung der IG-Metall in Velbert, er wirkte in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit mit und stellte ihr seine Fähigkeiten als Historiker zur Verfügung. Ausdruck dafür war auch seine 1991 im PapyRossa-Verlag, Köln erschienene Studie „Ihr sollt die Kraft von dem Verband noch lange Zeiten spüren! Aus 100 Jahren Geschichte der IG-Metall Velbert.“ Neben der Gewerkschaft war Günter in der Naturfreunde-Bewegung aktiv und auch in der Kommunalarbeit. So vertrat er von 1999 bis 2004 die offene Liste der PDS im Stadtrat von Velbert.

Günters politisches Wirken in der kommunistischen Bewegung begann unmittelbar nach Ende des zweiten Weltkrieges. Schon 1945 wurde er Mitglied der KPD und dann auch der Freien Deutschen Jugend. In beiden Organisationen übte er sowohl während ihres legalen Wirkens als auch nach ihrem Verbot durch das Adenauer-Regime wichtige Funktionen auf verschiedenen Ebenen aus. 1968 wurde Günter Mitglied der neukonstituierten DKP und bald darauf Mitarbeiter im Referat Theorie und marxistische Bildung beim Parteivorstand. Hier hat er aktiv an der Ausarbeitung von Konzepten für die marxistische Bildungsarbeit und deren Umsetzung mitgewirkt, war Autor verschiedener Bildungshefte, insbesondere zu Themen der Geschichte der Arbeiterbewegung. Günter war lange Jahre wegen seiner großen Kenntnisse und seiner geduldigen Art, komplizierte Fragen einfach und verständlich zu erklären, ein gern gesehener Referent in Partei-Versammlungen und an der Karl-Liebknecht-Schule.

Günters Leidenschaft galt der Erforschung und Vermittlung der Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung. Das hat seinen Niederschlag im langjährigen Wirken als Vorsitzender der Geschichtskommission der DKP und in zahlreichen Publikationen als Autor oder Mitautor von Dokumentenbänden, Büchern, Zeitschiften- und Zeitungsartikeln gefunden. Darin hat sich Günter als kritischer und selbstkritischer Geist gezeigt, der um Probleme und dunkle Seiten in der Geschichte der kommunistischen Bewegung keinen Bogen gemacht hat. Dafür stehen u.a. die Einleitungen zu den gemeinsam mit Josef Schleifstein und Kurt Steinhaus herausgegebenen Dokumentenbänden „KPD 1945 – 1968“ sowie zu dem zusammen mit Kurt Steinhaus herausgegebenen Band „Stalin bewältigen. Sowjetische Dokumente der 50er, 60er und 80er Jahre.“

DKP-Bezirksvorstand Rheinland-Westfalen
DKP-Parteivorstand
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Mittwoch 1. März 2017

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

Harry Belafonte 1983 im Palast der Republik in der DDR-Hauptstadt

Im Geburtsjahr des Pop, 1956, erschienen die beiden ersten Alben von Elvis Presley, der sich den schwarzen Rhythm’n’Blues zu eigen machte, wobei der Hüftschwung wichtig war. Der »King« war auf bestem Wege, als erster mehr als eine Million Exemplare einer LP zu verkaufen, doch ein Weltmusikalbum zog in den Charts vorbei und knackte den Rekord: »Calypso« von Harry Belafonte, der mit schwarzen Folksongs und Spirituals berühmt geworden war. Das Album begann mit einer neuen Version des schönen alten Liedes »Hill and Gully Rider« aus der Karibik, besser bekannt als »Banana Boat Song«. Es geht darin um das nächtliche Beladen von Schiffen unter Bedingungen, die an die Sklaverei erinnern. »Bananen stauen, bis der Morgen kommt«, klagt der Sänger stakkatohaft, begrüßt die Morgendämmerung mit einem langgezogenen »Day-O«, und der Chor antwortet: »Daylight come an’ me wan’ go home.«

Belafonte wußte, wovon er sang. In New York City geboren, war er als Kind auf Bananendampfern der United Fruit Company nach Jamaika gefahren, wo er einige Jahre bei seiner Großmutter verbrachte. Seine Eltern lebten ohne gültige Papiere in New York, weshalb sie gelegentlich ihren Namen änderten (zunächst von Bellanfanti in Belanfonte). In großer Armut wuchs der Junge heran, mit Helden wie Paul Robeson, dem »schwarzen Gott des amerikanischen Theaters«, der im von Hitlers Luftwaffe bombardierten Madrid vor den Freiheitskämpfern sang.

Belafonte machte in seiner Armeezeit später die »Drecksarbeit der niedrigsten und entbehrlichsten Matrosen der U. S. Navy: der Schwarzen«. Im Winter ’49 sang er dann zum ersten Mal im Club »Royal Roost«, dem damaligen »Epizentrum des Jazz, Geburtsort des Bebop«. Drei Jahre später unterschrieb er seinen ersten Plattenvertrag bei RCA Records: kein Vorschuß, zweieinhalb Cent pro verkaufter Single. Die Konditionen waren bei »Calypso« 1956 dann schon besser. Und Belafonte konnte zum Glück auch über das Cover entscheiden. Erste Entwürfe des Labels zeigten ihn »mit einem dicken Bündel Bananen auf dem Kopf« und dem »breiten Grinsen einer Reklamefigur für Karibikreisen«.

Am Mittwoch wurde der Weltstar, der sich als Teil der »People’s Songs«-Bewegung von Pete Seeger unzählige Male beschimpfen lassen mußte (»Geht doch nach Rußland, ihr Nigger!« war lange gebräuchlich) und auf der Höhe seines Ruhms vom Ku-Klux-Klan durch Mississippi gejagt wurde, 90 Jahre alt.

Er ist noch im Palast der Republik in der DDR-Hauptstadt aufgetreten, 1983, bei einer Veranstaltung gegen den NATO-Raketenbeschluß. Damals beeindruckte er alle, die mit ihm während seines knapp zweitägigen Aufenthaltes in Berlin zu tun hatten, nicht nur mit seiner Kunst und seiner persönlichen Bescheidenheit, sondern auch mit seiner Geradlinigkeit. Bei einer internationalen Pressekonferenz wurde er von einem Journalisten einer westdeutschen Zeitung nach seiner Meinung über den Einmarsch US-amerikanischer Truppen auf die kleine Karibikinsel Grenada gefragt. Belafonte war genauso überrascht wie fast alle Anwesenden im Saal, denn die Nachricht war erst kurz zuvor von Agenturen gemeldet worden, wovon weder Belafonte noch die ihn Begleitenden wußten.

Ungläubig fragte er zurück: »Sagten Sie eben Einmarsch von USA-Truppen in Grenada?« Der Journalist bejahte und Belafonte antwortete spontan, er bedaure die Anwesenheit von Truppen der USA auf Grenada. Daraufhin fragte der westdeutsche Journalist, ob er lediglich die Anwesenheit von USA-Militär auf Grenada bedauere, oder möglicherweise auch die Anwesenheit von Truppen eines anderen Landes in einem anderen Land. Die Teilnahme sowjetischer Soldaten am Krieg in Afghanistan war zu jener Zeit auch in der DDR ein besonderes Reizthema.

Harry Belafonte überlegte nur kurz und sagte dann kühl: »Ja, ich bedauere auch die Anwesenheit von sowjetischen Truppen in Afghanistan, aber ich bin sicher, die Sowjets bedauern das auch.« Damit war das Thema zunächst abgeschlossen, Kurz darauf erklärte Harry, daß er aus Solidarität mit dem Volk von Grenada sein Programm ändern werde und zusätzlich den Song »Island In The Sun« singen werde, der Grenada gewidmet sei.

Der Aufenthalt Belafontes in Berlin, wo er auch als Ehrenmitglied in die Akademie der Künste aufgenommen wurde, war eines der Hauptthemen in den Nachrichten des DDR-Fernsehens. Trotz seines Bekanntheitsgrades war Belafonte davon sichtlich überrascht. »Ihr behandelt mich wie einen Staatsgast«, sagte er zu seinen Begleitern. Die Antwort war kurz und treffend: »Du bist für uns ein Staatsgast, Harry!«

Aus diesem Jahr stammt auch der von ihm produzierte Film »Beat Street«, den jeder HipHop-interessierte DDR-Bürger mindestens 50mal gesehen hat. (jW/ZLV)

Mittwoch 1. März 2017
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