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Der Bau von Mauern an der Grenze zwischen den Vereinigten Staaten (rechts) und Mexiko (links) ist heikle Angelegenheit zwischen beiden Ländern. Photo: Notimex

Wo bereits ein hoher elektrifiziertes Zaun besteht, der 1000 Kilometer der 3.200 km langen Grenze einnimmt, die Mexiko, seit der US-Besetzung im 19. Jahrhundert, als das Land über 50% seines Gebiets verlor, von den Vereinigten Staaten trennt, hat jetzt genau dieses Usurpator Land beschlossen, mit einer Investition von über 10 Milliarden Dollar eine Mauer zu errichten.

Natürlich wird man in keinem der von der neuen Regierung verwendeten Argumente, die dieses Maßnahme rechtfertigen sollen, einen Bezug zur Geschichte und zu den Demütigungen feststellen können, die man dem Nachbarland zufügte, als man ihm über zwei Millionen Quadratkilometer seines Territoriums entriss.

Was Washington allerdings vom ersten Augenblick deutlich gemacht hat, ist, dass „Mexiko die Mauer auf die eine oder andere Weise bezahlen muss“.

Und obwohl jetzt bereits fast zwei Jahrhunderte vergangen sind, seit man die aztekische Nation ihres Landes und ihrer Bodenschätze beraubte, die heute der imperialen Macht Glanz verleihen, scheint die neue Auflage, sowohl was Methode und Zielsetzung angeht, dem im Jahr 1804 durch den ehemaligen Präsidenten John Adams zum Ausdruck gekommenen Bestreben Kontinuität zu verleihen. Dieser sagte dass „die Leute in Kentucky voller Unternehmungslust sind und wenn sie auch nicht arm sind, so verspüren sie doch die gleiche Gier zur Plünderung, die die Römer zu ihren besten Zeiten auszeichnete. Mexiko funkelt vor unseren Augen. Das einzige, was wir erhoffen ist, die Herren der Welt zu sein“.

In einer am 10. August 2009 veröffentlichten Reflexion mit dem Titel „Die Yankee Basen und die lateinamerikanische Souveränität“ schrieb der Revolutionsführer Fidel Castro: „1848 entrissen sie Mexiko 50% seines Territoriums in einem Eroberungskrieg gegen das militärisch schwache Land, der zur Besetzung der Hauptstadt und zur Aufzwingung demütigender Bedingungen für einen Frieden führte. In dem entrissenen Gebiet befanden sich große Eröl- und Gasvorkommen, die später über ein Jahrhundert lang die Vereinigten Staaten versorgten und dies immer noch tun …“

Und um nichts auszulassen hat die Regierung der Vereinigten Staaten Mexiko 1882 einen Vertrag aufgezwungen, nach dem die Streitkräfter der Vereinigten Staaten frei in mexikanischem Gebiet einfallen können.

Das ist Teil einer Geschichte, die weder Lateinamerika noch die Welt vergessen sollte, vor allem dann nicht, wenn wir mitten im XXI. Jahrhundert deutliche Anzeichen des Wiederauffrischens imperialer Aspirationen erkennen können, die Methoden jener Zeiten anwenden.

In dem Fall, der uns jetzt beschäftigt, ist laut BBC einer der Finanzierungsoptionen für das Bauwerk – neben der Möglichkeit eine Steuer von 20% auf mexikanische Importe zu erheben – auch die, sich an den Geldüberweisungen zu vergreifen, die die in den USA lebenden Mexikaner an ihre Familien in der Heimat überweisen.

Das wird natürlich die finanzielle Lage vieler Menschen in Mexiko erschweren, die von diesem Geld abhängig sind, denn dabei handelt es sich laut Daten der mexikanischen Zentralbank um über 25 Milliarden Dollar jährlich.

Sean Spicer, der Sprecher des gegenwärtigen US-Präsidenten hat laut RT offengelegt, Washington könne allein mit den Steuern auf mexikanische Importe „10 Milliarden Dollar jährlich gewinnen. Das wird eine wahrhafte Finanzquelle sein“.

Der Präsident Mexikos Enrique Peña Nieto hat seinerseits gewarnt: „Ich bedauere und missbillige die Entscheidung der USA mit der Errichtung einer Mauer fortzufahren, die schon seit Jahren weit davon entfernt und zu einen, sondern uns teilt. Mexiko schafft keine Mauern. Ich habe es schon wiederholt gesagt: Mexiko wird für keine Mauer bezahlen.“

Es geht darum, eine Mauer von über 3.218 Kilometern zu bauen, die bis zum jetzigen Zeitpunkt durch hohe elektrifizierte Metallzäune geschützt waren, stumme Zeugen des Todes vieler Menschen, die bei ihrem Streben das Gebiet des Nachbarlandes zu erreichen, Opfer der Kugeln von US-Soldaten wurden, die Tag und Nacht Wache halten.

Ein anderer Aspekt dieses Themas ist die Korruption, wie sie aus einer Untersuchung der Tageszeitung New York Times hervorgeht, die versichert, dass Tausende von Gerichtsakten und interne Dokumente existierten, die offenlegen, dass in den letzten zehn Jahren fast 200 vom Ministerium für Nationale Sicherheit unter Vertrag genommene Angestellte und Arbeiter rund 15 Millionen Dollar an Bestechungsgeldern erhalten haben.

„Es macht keinen Sinn über die Errichtung von Mauern oder die Anwendung härterer Strafen zu sprechen, wenn die Integrität des Einwanderungssystems nicht gewährleistet wird, wenn die eigenen Angestellten betrügen und korrupt sind“, sagte ein mit internen Angelegenheiten des Ministeriums beschäftigter Beamter, der es vorzog, anonym zu bleiben, besagter Nachrichtenagentur.

Das Thema der langen Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten ist so komplex wie seine Geschichte. Aber die aztekische Nation hegemonialen, diskriminerenden und rassistischen Maßnahmen auszusetzen wird anstatt zur Lösung des Problems beizutragen, nur dazu führen, das in Erinnerung zu rufen, was vor zwei Jahrhunderten mit der Aneignung der Hälfte des mexikanischen Territoriums durch das Nachbarland geschehen ist, eine immer noch offene Wunde, die nicht verheilt ist.

Es kann nicht die Lösung sein, das universelle Recht auf Transit von Personen und Waren über die Grenzen hinter einer kostspieligen Mauer einzuschließen.

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Salut, Genosse Huhn!

Die DDR hat ihre Sporterfolge nicht durch Doping gewonnen

Von Bachramow

secarts

Der Sportfunktionär und Journalist Klaus Huhn ist tot. Ein großer Kämpfer der DDR, vor allem des DDR-Sports ist gestorben.

Er hatte einen Anteil an dem bisher sportgeschichtlich einmaligen Vorgang, dass ein kleines Land wie die DDR innerhalb von wenigen Jahren vom letzten auf die vorderen Plätze der olympischer Wertungen sprang.

1964 begannen die Sportler der DDR bei den olympischen Winterspielen mit einer Bronzemedaille. Der Rest ist bekannt…

Klaus berichtete eindrucksvoll und immer unterhaltsam über seine Begegnungen auf sportpolitischer Bühne: Mit dem IOC-Präsidenten Killanin, unter dessen Präsidentschaft die Spiele 1980 nach Moskau vergeben wurden und der gerne mit Klaus im Hotelzimmer einen Whiskey verzehrte. Mit Helmut Schön (siegreicher BRD-Fußballtrainer bei der WM 1974), der immer darauf achtete, dass keine Westjournalisten seine Gespräche mit Klaus beobachteten. Mit Papst Johannes Paul II., dessen Adjudanten die DDR-Delegation zur Rettung der Form einmal 1987 in die erste Reihe baten. Oder warum die DDR 1984 die Spiele in Los Angeles boykottierte, obwohl bereits eine Presseetage gemietet und bezahlt war.

Und von dem diebischen Spaß, den sie hatten, wenn sie wieder mal die Sportler aus dem Kapitalismus aufs Kreuz gelegt hatten – wie bei der Ausscheidung zur gesamtdeutschen Eishockeymannschaft, wo die BRD einen Eklat vorbereitet hatte, den die DDR platzen lies, oder die frühzeitige Miete eines Bauerhofes an der Rodelbahn in Insbruck. Oder wie in den Achtzigern die USA den Ländervergleich mit der DDR kurz vor Beginn absagte, weil sie keine Dopingproben erwartet hatte.

Klaus behauptete nicht, dass es kein Doping von DDR-Sportlern gab. Er deckte aber auch Doping in der BRD auf, natürlich fast ungehört. Am Ende blieb er immer dabei: Die DDR hat nicht durch Doping gewonnen, sondern durch systematisches Herangehen und durch Förderung, durch ein herausragendes Trainersystem mit disziplinübergfeifendem Austausch, durch soziale Sicherung und zwingende Ausbildung der Sportler – und manchem mehr.

Klaus lebte und bewies: Die DDR war einfach besser und der Westen ist ein schlechter Verlierer. So wars.

Salut Genosse Huhn!

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Vor 375 Jahren starb der von der Inquisition verurteilte Galileo Galilei

Von Gerhard Feldbauer

Statue von Galileo Galilei (1564–1642); an den Uffizien, Florenz.

Statue von Galileo Galilei (1564–1642); an den Uffizien, Florenz.

( JoJan / Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Nach Giordano Bruno, der am 17. Februar 1600 in Rom auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, gehört Galileo Galilei zu den prominentesten Opfern der Verfolgung durch die Inquisition der Katholischen Kirche. Dem Feuertod entging der fast 70-jährige Galilei nur, weil er seine bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnisse nach ersten Torturen und der Androhung noch furchtbarerer Folter widerrief. Am 22. Juni 1633 wurde er dennoch zu lebenslanger Kerkerhaft verurteilt. Danach in Hausarrest umgewandelt, musste er die Strafe, obwohl seit 1637 völlig erblindet, bis zu seinem Tod am 8. Januar 1642 verbüßen.Zeiten der Restauration
Als Galilei am 15. Februar 1564 in Pisa geboren wurde, waren Renaissance-Humanismus, frühbürgerliche Revolution und Reformation schon Geschichte. Klerus und reaktionärer Feudaladel hatten die Gegenreformation forciert, der Spanier Ignatius von Loyola dafür mit dem Jesuitenorden eine Kampftruppe gebildet. Nach den Niederlagen Thomas Münzers 1525 bei Mühlhausen in Thüringen, der Schweizer Reformation 1531 in der Schlacht bei Kappel (Tod Huldrych Zwinglis) wurde 1546 der Schmalkaldener Bund besiegt. 1542 hatte Paul III. zur „Reinhaltung der Glaubens- und Sittenlehre“ mit der Bulle „Licet ab initio“ (Von Anbeginn an) als Oberste Instanz aller Glaubenstribunale die Kongregation für römische und weltweite Inquisition, kurz Sanctum Officium genannt, geschaffen. Die Inquisition brachte in den kommenden Jahrhunderten etwa drei Millionen Menschen um, unzählige davon auf dem Scheiterhaufen.
Wie Giordano Bruno lebte auch Galileo Galilei in Zeiten der reaktionären Restauration. Trotz des Vormarschs der Gegenreformation setzte er aber das auf Erkenntnis und Wahrheit, die Freiheit, Würde und Selbstständigkeit des Menschen gerichtete Renaissancedenken fort und fügte ihm neue bahnbrechende Erkenntnisse hinzu.

Die Entdeckung des Fallgesetzes
Schon während seines Studiums, zunächst der Medizin und Philosophie, dann der Mathematik, erkannte er die Unabhängigkeit der Frequenz der Pendelschwingungen von der Auslenkung des Pendels. Mit 26 Jahren Professor der Mathematik, entdeckte er die hy­drostatische Waage, studierte die Gesetze des freien Falls und formulierte später (1609) auch das Fallgesetz als erstes modernes Naturgesetz.
1592 fand er die Proportionalwinkel und stellte ein Thermoskop her. 1610 konstruierte er ein Fernrohr, das eine 33-fache Vergrößerung erreichte. Die Linsen dazu schliff er selbst. Mit dem Fernrohr beobachtete Galilei als einer der ersten Menschen den Himmel. Das war eine Revolution in der Astronomie, denn Himmelsbeobachtung erfolgte bis dahin nur mit bloßem Auge. Noch im selben Jahr entdeckte Galilei die vier größten Jupitermonde. Er erkannte, dass die Milchstraße keine neblige Erscheinung ist (was man bis dahin mit bloßem Auge so wahrgenommen hatte), sondern aus einer Vielzahl einzelner Sterne besteht. Vor allem diese Entdeckung war eine Sensation und rückte Galilei in den Blickpunkt der wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Später erfasste er den Phasenwinkel der Venus, die Sonnenflecken und die Mondkrater. Er beobachtete die Erscheinung der Saturnringe, erkannte aber nicht, dass es sich um Ringe handelt. Galilei gelang, das spezifische Gewicht der Luft als ein 660stel des Gewichts des Wassers festzustellen (bis dahin galt, dass Luft kein Gewicht hat). Seine herausragenden Forschungsergebnisse wurden mit der Aufnahme in die Accademia dei Lincei gewürdigt, der zu dieser Zeit nur sechs Gelehrte angehörten.

Verteidiger des Kopernikus
Mit der Entdeckung der Jupitermonde konnte erstmals beobachtet werden, dass es Himmelskörper gibt, die sich nicht um die Erde drehen. Mit seinen Forschungsergebnissen widerlegte Galileo das ptolemäische Weltsystem der Katholischen Kirche, nach dem die Erde der Mittelpunkt des Kosmos sei. Viele seiner Schriften publizierte er nicht wie üblich in Latein, sondern in breiteren Leserkreisen verständlichem Italienisch, was eine unerbittliche Verfolgung der Inquisition zu Folge hatte. Das umso mehr, als er ein glühender Verteidiger des von seinem Zeitgenossen Nikolaus Kopernikus (1473–1543) entwickelten heliozentrischen Weltsystems war, mit dem „die Emanzipation der Naturforschung von der Theologie“ eingeleitet wurde (Friedrich Engels). Galilei bestätigte die Erkenntnisse des Kopernikus und ergänzte sie mit seinen Erkenntnissen.
Nachdem die Kopernikanische Lehre 1616 durch ein Inquisitionsurteil verbannt wurde, verteidigte Galilei dieses System mit seinen „Dialogen“. Er hielt die Bewegung der Erde um die Sonne für wahr und schrieb, nur „stumpfsinnige Mondkälber“ könnten daran zweifeln. Auch ohne Namensnennung attackierte er so Papst Urban VIII. persönlich.
Nach diesen Angriffen auf die bornierte theologische Sicht wurde er verhaftet, in Rom von einem Inquisitions­tribunal verhört und gefoltert. Nach Androhung schärfster Torturen schwor er 1633 seiner Lehre ab. Er wurde dennoch zu einer lebenslangen Kerkerstrafe verurteilt und ihm jegliche Lehrtätigkeit verboten. Seine Schriften zur Kopernikanischen Lehre wurden auf den 1559 vom Papst zur Unterdrückung jeglichen progressiven Gedankengutes geschaffenen Index Librorum Prohibitorum (Liste der verbotenen Bücher) gesetzt, von dem sie erst 1835 gestrichen wurden. Auf diesem Index standen bis Anfang des 20. Jahrhunderts etwa 10 000 Bücher, darunter die Werke von Bruno, Kopernikus und vieler anderer „Ketzer“, bis 1827 Kants „Kritik der reinen Vernunft“, noch 1961 Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Überflüssig zu erwähnen, dass kommunistische Werke dazu gehörten. Ein indiziertes Buch durften Katholiken weder lesen noch herausgeben, aufbewahren oder verkaufen.
Den Hausarrest durfte Galilei später auf seinem Landgut bei Florenz verbringen, wo er sein Hauptwerk über die Fall- und Trägheitsgesetze schrieb. Das Manuskript wurde nach Holland geschmuggelt, dort aber erst 1638 verlegt. Völlig erblindet, arbeitete Galilei bis zu seinem Tod weiter. Er verfasste die Kohäsionslehre, beschäftigte sich weiter mit der Pendeluhr und entdeckte die Libration des Mondes. Ein Gnadengesuch lehnte der Papst ab.
Mit seinen Forschungsergebnissen befreite Galilei die Naturwissenschaften von den theologischen Beschränkungen. Mit der Anwendung der Mathematik erhob er diese zu einem Instrument der Naturforschung und der Begründung der klassischen Naturwissenschaften, darunter vor allem der Physik. U. a. formulierte er als Erster das Relativitätsprinzip und legte Grundsätze zur Bestimmung der Lichtgeschwindigkeit dar.

Bedingte Rehabilitation
Weltweit erhielt Galileo zahlreiche Ehrungen: 1935 wurden die Mondkrater im „Ozean der Stürme“ nach ihm benannt; Die NASA taufte ihr 1989 gestartetes Raumfahrzeug zur Erforschung des Jupiter und seiner Monde nach ihm; das europäische Satelliten-Navigationssystem trägt seinen Namen, in seiner Heimatstadt Pisa der Flughafen.
Bertolt Brecht hat in seinem Theaterstück „Leben des Galilei“ (Musik Hanns Eisler) am Beispiel des großen italienischen Forschers die Verantwortung des Wissenschaftlers in der Gesellschaft herausgearbeitet. 1943 in Zürich uraufgeführt, hat Brecht 1945 nach den Atombombenabwürfen in Japan mit dem Schauspieler Charles Laughton in Los Angeles eine zweite, englischsprachige Fassung erarbeitet, in der nun die Verantwortung des Wissenschaftlers für die Verwertung seiner Erkenntnisse im Vordergrund stand.
Im Oktober 1992 verkündete Papst Johannes Paul II. für Galilei anlässlich seines 350. Todestages eine bedingte Rehabilitation. Bedingt deshalb, weil der Papst die Inquisition noch immer rechtfertigte, in dem er ihr bescheinigte, „in gutem Glauben“ und „aus Sorge um die Kirche“ gehandelt und dabei „einen tragischen Fehler“ begangen zu haben. Der für seinen Fanatismus bekannte polnische Papst hatte die Stirn, das Urteil als ein „tragisches wechselseitiges Missverständnis“ zwischen dem Pisaer Wissenschaftler und den Richtern der Inquisition zu bezeichnen. Der unschuldig verurteilte Galilei wurde so mitverantwortlich gemacht. Kein Wort der Rehabilitation oder des Gedenkens fiel für die Millionen Opfer der Inquisition, kein Wort der Verurteilung der jahrhundertelangen Unterdrückung der Glaubens- und Gewissensfreiheit, des Fortschritts wissenschaftlichen Denkens und der Emanzipation des Menschen.
Anhänger von Franziskus, die ihn als Reformpapst feiern, warteten vergeblich auf eine Korrektur dieser menschenfeindlichen Haltung. Er hüllte sich wieder einmal in Schweigen.

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Legende des antifaschistischen Liedes

Von Tobias Kriele

( Jochen Vogler / r-mediabase.eu)

Unter großer Anteilname der kubanischen Öffentlichkeit schlossen Esther Bejarano und die Rap-Band „Microphone Mafia“ am Freitag, dem 13. Januar, ihre gemeinsame Kuba-Tournee ab.
In eine Hommage verwandelte sich die Abschlussvorstellung, auch wenn die Sängerin selbst wegen Erkrankung nicht anwesend sein konnte. Kurzfristig hatte die „Microphone Mafia“ Musiker aus der kubanischen Rap-Agentur auf die Bühne eingeladen, und diese erwiesen freestyle der ehemaligen Akkordeonspielerin des Mädchenorchesters von Auschwitz ihren Tribut.
Es war das vierte Konzert am dritten Ort innerhalb von sechs Tagen. Ihren furiosen Auftakt fand die Tournee im Palacio de la Rumba im Zentrum Havannas, in Anwesenheit des deutschen Botschafters. Auch in Camagüey sprang der Funken auf das Publikum über. Auf Einladung der Künstlerorganisation „Hermanos Saíz“ und unter Anwesenheit hochrangiger Vertreter der Kulturpolitik tanzte am Ende der ganze Saal zu kölschen und jiddischen Liedern. Junge kubanische Künstler überreichten im Anschluss ein exklusiv angefertigtes Porträt.
Im Jugendzentrum „Mejunje“ in der Che-Guevara-Stadt Santa Clara erreichten Esther Bejaranos Lieder ein vor allem junges Publikum. Neben warmem Applaus ergoss sich hier über die Musiker leider auch ein Regenguss mit Folgen, zog sich Esther Bejarano doch eine problematische Erkrankung der Atemwege zu, die ihr die Teilnahme am letzten Auftritt der Gruppe unmöglich machen sollte.
Neben den Konzertauftritten absolvierte die Gruppe ein intensives kulturelles und politisches Beiprogramm. Die jüdische Gemeinde in Kuba empfing die Auschwitz-Überlebende mit großen Ehren. David Prinstein, Vize-Präsident der Comunidad Hebréa de Cuba, erklärte bei einem gemeinsamen Besuch eines Mahnmals für die Opfer der Shoa auf dem jüdischen Friedhof in Guanabacoa, dass für die jüdische Gemeinde in Kuba der Holocaust eine Erinnerung an die verschiedensten Gruppen von Verfolgten verlange, nicht ausschließlich an die der Juden. Auch das traditionelle Gebet „Frieden für Israel“ müsse als der Wunsch nach Frieden für die ganze Welt verstanden werden. Prinstein betonte, dass die jüdische Gemeinde in Kuba sich als privilegiert betrachte, angesichts unbegrenzter Möglichkeiten der Religionsausübung auf der einen und der gesellschaftlichen Abwesenheit von Judenhass auf der anderen Seite. Kuba sei wahrscheinlich das einzige Land auf der Welt, so Prinstein, in dem die Synagogen keines bewaffneten Schutzes bedürfen.
Esther Bejarano hatte ihrerseits bereits zuvor auf einer Pressekonferenz deutlich gemacht, dass ihr Wunsch, nach Kuba zu reisen, aus dem Interesse rühre, den Fortschritt der Überwindung von Antisemitismus und Rassismus in einem Land zu erleben, dessen Regierung sich in der Vergangenheit mehrfach ausdrücklich für das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat eingesetzt hatte. Sie machte dabei auch deutlich, dass die aggressive Position der israelischen Regierung sie dazu veranlasst hatte, in den 1960er Jahren Israel zu verlassen und sich wieder in Deutschland, im Land der Täter wie sie sich ausdrückte, anzusiedeln.
Die Bedeutung, der dieser Tournee in Kuba zugemessen wurde, zeigt sich auch in der ausführlichen Berichterstattung. Fast täglich wurden Ausschnitte von der Pressekonferenz und der Konzerte in den kubanischen Medien gebracht, mehrfach berichtete das kubanische Tagesschau-Pendant „Noticiero Nacional“. Die größte Tageszeitung „Granma“ nannte Esther Bejarano in einem ganzseitigen Porträt eine „Legende des antifaschistischen Liedes“. Auch international wurde die Tournee wahrgenommen: britische und spanische Agenturen und sogar der in Miami angesiedelte, antikommunistische „Nuevo Herald“ berichteten.
Insgesamt zogen die Veranstalter eine positive Bilanz. Besonders die kubanische Seite zeigte sich glücklich, mit Esther Bejarano eine Künstlerin willkommen heißen zu dürfen, die zugleich eine eindrucksvolle Vertreterin des Antifaschismus und des Internationalismus ist. „Wir haben jeden Moment der Anwesenheit von Esther genossen“, sagte der Sänger der Rap-Gruppe „1ra base“ und Vorsitzende der kubanischen Rap-Agentur, Ruben Marin, beim der Verabschiedung der Musiker in Havanna.

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KKE

Das ZK der KKE erfuhr mit großer Trauer vom Tod des Genossen Herbert Mies, einer führenden Persönlichkeit der internationalen und der deutschen kommunistischen Bewegung und DKP-Vorsitzenden in den Jahren 1973 bis 1989.

 

Genosse Mies widmete sein ganzes Leben konsequent der Arbeiterklasse und dem Volk seines Landes. In seinen jungen Jahren widersetzte er sich dem Faschismus, bewältigte resolut die schwierigen Bedingungen der illegalen Arbeit und der Verfolgungen der Nachkriegszeit. Er wurde von der kommunistischen Weltbewegung hoch geschätzt und mit dem Internationalen Lenin-Preis geehrt.

 

Herbert Mies war ein kämpferischer Gegner des Kapitalismus und des Antikommunismus, konsequenter Verfechter des proletarischen Internationalismus, Verteidiger der Deutschen Demokratischen Republik, der Sowjetunion, der sozialistischen Errungenschaften.

 

Bis ans Ende seines Lebens stand er an der Seite der Deutschen Kommunistischen Partei.

 

Die griechischen Kommunistinnen und Kommunisten werden Herbert Mies für sein internationalistisches Wirken und seine Solidarität stets in Erinnerung behalten.

 

Das ZK der KKE spricht dem Vorstand der DKP, den Kommunistinnen und Kommunisten in Deutschland, sowie den Angehörigen des verstorbenen Genossen sein aufrichtiges Beileid.

 

 

Athen, 17. Januar 2017                                            Das Pressebüro des ZK der KKE

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kraeutlerIm Eingangsbereich des Wiener Stephansdomes wurde vor Jahreswechsel das massenhaft aufgelegte Pfarrblatt der Dompfarre „Weihnacht 2016“ angeboten. Zu den prominenten BeiträgerInnen dieser Festausgabe gehört der aus Koblach (Vorarlberg) kommende Erwin Kräutler (*1939), der seit 1965 als „Missionar vom Kostbaren Blut“ (CPPS) in Brasilien tätig gewesen ist, seit 1981 dort in der Funktion eines von Johannes Paul II. ernannten Bischofs der riesigen Diözese Xingu. Dieser polnische Papst hat den Befreiungstheologen Ernesto Cardenal (*1925), der sich strikt gegen jeden religiös-missionarischen Plan ausgesprochen hat, ebenso wie andere Befreiungstheologen wiederholt brüskiert. Noam Chomsky erinnert in seinem letzten Buch (2016) daran, wie in El Salvador 1989 sechs führende Befreiungstheologen um Ignacio Ellacuría SJ im Einverständnis mit den USA ermordet worden sind.

Überschrieben ist der Beitrag von Bischof Kräutler so: „Die geheimnisvolle Kette. Bischof Erwin Kräutler über eine Kette, die den Himmel mit der Erde und die Menschen rund um die Welt verbindet: den Rosenkranz“. Dem Artikel unmittelbar nachgesetzt ist der Aufruf für 100 Jahre Fatima – 70 Jahre Rosenkranz-Sühnekreuzzug.

Gerührt werden sich Katholiken der Generation von Kräutler daran erinnern, dass der Rosenkranz bei der formalen katholischen Erziehung einen fundamentalen Platz eingenommen hat. Im Prinzip handelt es sich beim Rosenkranz um mechanische Gebetsformeln mit Maria, die im katholischen Glauben als die Mutter Jesu fungiert. Maria wird als Jungfrau und göttliche Mutter, vor allem als Beschützerin mit Ave Gebeten entlang einer Perlschnur aus verschiedenen Materialien um Hilfe und Fürsprache angerufen. Diesem marianischen Gebetskult entspricht im Prinzip der Teufelskult mit Exorzismen. Im globalen Massstab ist religionstechnisch diese Form des Gebetskults kein Monopol der katholischen Kirche, der Lamaismus bietet ebenso leere Gebetsformel („O du Kleinod im Lotos“) an. Ausdruck des Elends oder Protest gegen das Elend? Ein bisschen Opium für die Verzerrung der Wirklichkeit jedenfalls.

Der Glaube an übernatürliche Kräfte im Zusammenhang mit Marienstatuen wie in Guadelupe (1546), Lourdes (1858), Fatima (1917) oder Medjugorje (1981) werden von repräsentativen Teilen der Vatikanideologie benützt, um nicht christliche, sondern eindeutig politische Botschaften zu vermitteln. Besonders die Vorkommnisse in Fatima 1917, die gleichzeitig mit dem Beginn der Aktivitäten von Wladimir I. Lenin in Russland erzählt wurden, wurden von der Kirche propagandistisch als ein „Fingerzeig Gottes“ gegen die Gefahr des satanischen Bolschewismus und gegen die Sowjetunion verwertet. Der Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings ließ in einem Militärflugzeug aus dem faschistischen Portugal eine Marienstatue aus Fatima in sein für das sich militarisierende Westdeutschland zentrales Bistum holen. In den 1940er und 1950er Jahren wurde dort wie in Österreich der Rosenkranz als Möglichkeit des Exorzismus des Boschewismus empfohlen. Fatima-Kirchen wurden und werden nach der Implosion der Sowjetunion in neu entstandenen Republiken wie Kasachstan (Kathedrale „Mutter aller Nationen. Unsere Liebe Frau von Fatima“) errichtet, nicht zuletzt mit Blickrichtung China hin.

Eine eigene Veranstaltung im Festsaal des Alten Rathauses in Wien Anfang Februar soll die politische Dimension des Rosenkranzes verdeutlichen. Kräutler vermittelt zur Einstimmung im Pfarrblatt des Wiener Stephansdoms eine anrührende, liebliche Geschichte aus seiner Ländle-Heimat (Vorarlberg). Er habe als Bub von seiner Mama „Gegrüßt seist du, Maria“ noch vor dem „Vaterunser“ gelernt. Über eine solche Kinder prägende Form des Marienkults, dem theologisch ein Teufelskult entspricht, würde sich nicht nur nach dem Besuch des Freud-Museums in der Wiener Berggasse einiges sagen lassen. Kräutler interpretiert mit seinem Marienbild samt Rosenkranz die österreichische Zeitgeschichte. Erst durch die vielen inständigen Gebete im Rahmen des Rosenkranzsühnekreuzzuges für „die Freiheit Österreichs“ sei „ein Wunder“ geschehen, denn die Russen hätten ihr bisherige „Njet“ zu einem Staatsvertrag schließlich doch aufgegeben. Am 15.Mai 1955 hätten dann die Vorarlberger die Stimme des Außenministers Leopold Figl im Radio gehört. Bischof Kräutler kommentiert: „So manche der sonst trockenen Vorarlberger bekamen nasse Augen. Auf der Schattenburg in Feldkirch wurde endlich die rot-weiß-rote Fahne gehisst. Ja, es war ein Wunder!“

Über „Fahnenwunder“ im Ländle erzählt in seinen gedruckten Erinnerungen der christliche Ethiker Emil Fuchs, der 1933 von den Nazis als Professor in Kiel entlassen worden war und im Montafoner Gortipohl unter ärmlichen Bedingungen das Ende des tausendjährigen Deutschen Reichs abwarten hat können. Anfang Mai 1945 ging also Emil Fuchs von Gortipohl nach St. Gallenkirch: „Da sah ich vor der Kirche festlich gekleidete Männer und weiß gekleidete Jungfrauen mit Blumensträußen versammelt. Sie erwarteten den Einmarsch der französischen Truppen; und siehe, da kamen sie heran. Rasch ging ich meinen Weg nach Gortipohl hinaus. Das wollte ich nun gerade nicht miterleben, wie man hier feierte. – Droben aber hingen schon an den Häusern der großen Bauern die österreichischen Fahnen vom Dach bis auf die Straße – wie kurz vorher die Hakenkreuzfahnen. Der alte ehrwürdige Pfarrer des Ortes sagte mir in diesen Tagen: >Als ich sie einst warnte, Hitler zu wählen, wollten sie mich fast totschlagen. Nun sind sie wieder begeistert! Was soll man zu diesen Leuten sagen?“
Dazu sei noch hinzugefügt, dass die durch das Montafon ziehenden französischen Einheiten ein paar Tage zuvor in Freudenstadt im Schwarzwald von ihren kommandierenden Offizieren drei Tage lang freie Hand für Vergewaltigung und Plünderung erhalten haben.

Kräutler weiß als Bischof, was er den „Leuten“ im Interesse der alten vatikanischen Herrschaftsideologie sagen muss. Aber solche von ihm transportierten Vergangenheiten seiner Kirche sind nur Ketten und keine Triebkräfte für die Zukunft.

Gerhard Oberkofler

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Repräsentanten verschiedener Parteien und Gruppen der Linken Lateinamerikas debattieren in Nicaragua einen offiziellen Vorschlag zur Stärkung der Einheit der progressiven Bewegungen der Region

9.1.2017

Granma

Die Formel von Daniel Ortega und Rosario Murillo zeitigte einen überwältigenden Sieg bei den Wahlen vom 6. November vergangenen Jahres Photo: el 19 digital

MANAGUA – Repräsentanten verschiedener Parteien und Gruppierungen der Linken Lateinamerikas debattieren in Nicaragua einen offiziellen Vorschlag zur Stärkung der Einheit der progressiven Bewegungen der Region.

Prensa Latina berichtet, dass laut Quellen, die der Veranstaltung nahe stehen, die Teilnehmer bis zum heutigen Montag ihren Beitrag zum Dokument „Konsens Unseres Amerikas“ einer Überprüfung unterziehen werden, das sie der Arbeitsgruppe des Forums Sao Paulo als programmatische Plattform übergeben wollen, um den Manövern der neoliberalen Oligarchien in der Region entgegenzuwirken.

Nach einem Jahr, in dem Lateinamerika dem Aufkommen des Konservatismus in Argentinien zugeschaut, den parlamentarischen Staatsstreich in Brasilien und die Medienhetze in Venezuela miterlebt habe, sei es für die sozialen Bewegungen essentiell wichtig, in einem so komplexen Szenario an einem Strang zu ziehen, heben die Impulsgeber des Textes hervor.

Zu diesem Treffen wird die Teilnahme von mindestens 40 Delegierten linker Parteien aus über zehn Ländern erwartet.

Gegründet durch die Arbeiterpartei Brasiliens in der Stadt gleichen Namens, entstand das Forum Sao Paulo 1990 mit dem Ziel, die Bemühungen der Parteien und Bewegungen der Linken zu bündeln in Reaktion auf die ideologische Spaltung nach dem Untergang des sozialistischen Lagers in Europa und dem Vormarsch des Neoliberalismus in den Ländern Lateinamerikas und der Karibik.

In Ausnutzung des Umstands, dass die Vereidigung des wiedergewählten Präsidenten Comandante Daniel Ortega am morgigen Dienstag in Managua Führungspersönlichkeiten, Vertreter politischer Parteien und sozialer Bewegungen zusammenbringen wird, wird am 11. und 12. Januar ein Treffen der Arbeitsgruppe des Forums stattfinden.

Bei den Wahlen am vergangenen 6. November hatte das präsidiale Konzept der von Daniel Ortega und Rosario Murillo gebildeten Sandinistischen Front der Nationalen Befreiung (FSLN) mit 72,5 % der gültigen Stimmen einen erdrutschartigen Sieg erreicht.

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Die Werkstatt Dortmund im „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“ – eine Erinnerung von Heinrich Peuckmann


Bild: Gewerkschaftsforum Dortmund

08.01.17 

Von Gewerkschaftsforum Dortmund

Es war Horst Hensel aus Kamen, der die Dortmunder Werkstatt im „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“ Ende Oktober 1970 gegründet hat. Im Jahr zuvor, noch als Student in München, hatte er von dem Schreibaufruf „Dein Arbeitsplatz – wie er ist und wie er sein sollte“ gehört und sein Betriebstagebuch von Hoesch eingeschickt, das er während seiner Zeit als Werkstudent geschrieben hatte.

Initiiert hatten den Wettbewerb oppositionelle Autoren in der „Dortmunder Gruppe 61“, denen Kurs und Programm zu wenig politisch waren und die kurz darauf, weil ihre Kritik abgelehnt wurde, den Werkkreis gründeten. Hensels Text gefiel ihnen, der Autor erhielt eine Einladung zur jährlichen Sitzung der „Gruppe 61“ und lernte Erasmus Schöfer, Peter Schütt und andere kennen, die ihn anregten, eine Werkstatt Dortmund im Werkkreis zu gründen.

Gründung 1970 im Fritz-Henßler-Haus

Ende Oktober 1970 fand die Gründungsversammlung im Dortmunder Fritz-Henßler-Haus statt, einem Ort, dem die Werkstatt über die folgenden 17 Jahre bis zu ihrem Ende treu blieb. Schon zur ersten Sitzung kam Paul Polte, den Hensel nicht kannte und der ihm in seinem schicken Anzug, mit seiner karierten Schlägermütze und dem Dackel an der Leine wie ein englischer Lord vorkam. Jedenfalls wirkte Polte nicht wie jemand, der an Arbeiterliteratur interessiert sein könnte, geschweige denn wie jemand, der solche schreiben konnte. Ein Fehlurteil, dem auch ich unterlag, als ich ab der dritten oder vierten Sitzung teilnahm und Polte zum ersten Mal sah.

Mich hatte mein Freund Ferdinand Hanke, der wie Horst Hensel aus Kamen-Methler stammte und Germanistikstudent war wie ich, angesprochen. „Du schreibst doch auch“, sagte er, „komm doch mal vorbei.“

Ich ging zur Probe im Frühjahr 1971 zum ersten Mal hin und blieb für fast zehn Jahre in der Gruppe.

Schmerzliche Verrisse

Von Anfang an war die Dortmunder Werkstatt eine sehr literarische Gruppe. Zu jeder Sitzung, die alle vierzehn Tage im Henßler-Haus stattfand, kamen die Mitglieder mit neuen Texten, lasen vor und stellten sich der Kritik. Keinem von uns ist dabei ein Verriss erspart geblieben, was uns hart gemacht hat, auch für später, wenn unsere Bücher in den Rezensionen der Presse kritisiert wurden.

Wurde es doch mal zu haarig, griff Polte ein. Er wusste, dass Kritik dosiert bleiben musste, um Talente nicht zu verunsichern oder gar zu zerstören. Er ergriff das Wort, wiederholte in milden Worten, welche Kritikpunkte ihm richtig erschienen und fand am Ende immer auch etwas Lobendes, selbst wenn der Text noch so schwach gewesen war. „Man kann doch keinen jungen Hund versäufen“, erklärte er manchmal, „wer weiß, was noch draus wird.“

Paul Poltes Autorität

Polte hatte die Autorität dazu, eine Diskussion auf diese Weise zu beenden. Er war schon in der Weimarer Republik Mitglied im „Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“ gewesen, hatte mit seinem Kabarett „Henkelmann“ die Nazis angegriffen und einige Wochen in der berüchtigte Steinwache am Nordausgang des Bahnhofs verbracht, wo er und seine Gesinnungsgenossen gequält und gefoltert worden waren. Einige seiner berührendsten Gedichte hat Polte über diese Erfahrungen geschrieben, eines davon hängt noch in einer der Zellen, die heute Teil einer Gedenkstätte sind. Später wurde er dann Mitglied der „Gruppe 61“. Polte hatte also alle Bewegungen der deutschen Arbeiterliteratur durchlaufen, die es im 20. Jahrhundert gegeben hat.

Die anderen Mitglieder der Gruppe waren der Arbeiter Rudi Winkler aus Hagen, der vor allem Gedichte schrieb, der Bergarbeiter Rudolf Trinks, der neben Gedichten auch Erzählungen schrieb, die alle das Bergarbeitermilieu beschrieben, das sein Leben geprägt hatte. Rainer W. Campmann aus Bochum versuchte sich schon damals als freier Schriftsteller, die ersten Herausgaben in der berühmt gewordenen „Fischer-Taschenbuch-Reihe“ hat er mitgemacht, später erschienen noch zwei, drei Gedichtbände. Horst Hensel (Lehramtsstudent wie Ferdinand Hanke, Udo Bruns und ich) war wichtig für die Gruppe. Er kannte sich aus in allen Genres der Literatur, schrieb Lyrik, Reportagen, Essays, Erzählungen und Romane. Oskar Schammidatus aus Bochum, der Sozialarbeiter wurde, schrieb Gedichte.

Abende in der „Alten Liebe“

Der starke Anteil an Studenten, die man in einer Gruppe der Arbeiterliteratur nicht unbedingt erwarten würde, störte nicht. Wir haben kooperativ zusammengearbeitet, jeder hat von den Erfahrungen des anderen profitiert. Und wenn es doch mal Komplikationen gab, war immer noch Polte da, der Konflikte glättete und vor allem einen Brauch einführte, den wir alle lieben lernten. Nach der Sitzung gingen wir schräg gegenüber vom Henßler-Haus in die Kneipe, in die „Alte Liebe“, wo wir ein Bier tranken, neue Projekte ausheckten und unsere Freundschaft vertieften. Vor allem Polte lief dann zu Hochform auf, erzählte von seiner Begegnung mit Brecht, seiner Zusammenarbeit mit dem Maler Hans Tombrock, der Brecht ins Exil gefolgt war, von seinen Erfahrungen mit den Nazis in der Steinwache. Es waren herrliche Abende, die wir dort verbracht haben und deren Erinnerungen mein Leben begleiten werden.

Irgendwann kamen Hugo Ernst Käufer, der Lyriker und Aphoristiker, Lilo Rauner, die Lyrikerin, beide aus Bochum und der Agitpropschriftsteller Richard Limpert aus Gelsenkirchen hinzu, die zwar nicht immer, aber eine Zeitlang regelmäßig an den Treffen teilnahmen.

Beachtliche Qualität

Ich weiß noch genau, dass ich mir bei einer Gruppensitzung still vornahm, mir das Bild mit den Teilnehmern genau einzuprägen. Es war mir schon damals klar, dass sich an diesem Tage eine beachtenswerte literarische Potenz in der Dortmunder Werkstatt versammelt hatte, die weit über das normale Werkkreisniveau hinausragte. Tatsächlich sind später vier von den damaligen Teilnehmern in den ehrenwerten „PEN“ gewählt worden: Hugo Ernst Käufer, Lilo Rauner, Horst Hensel und ich. Käufer und Rauner haben zudem den Ruhrgebietsliteraturpreis erhalten.

Die Werkstatt Dortmund konnte sich literarisch also sehen lassen, in fast allen Büchern des Werkkreises war sie mit Texten vertreten, in den meisten mit mehreren. Einige Bücher haben wir auch selbst herausgegeben, u.a. „Sportgeschichten“ und „Im Morgengrauen“, ein Buch über das Altwerden in der kapitalistischen Gesellschaft.

Kneipenlesungen als Markenzeichen

An Lilo Rauner, die im Jahre 2005 verstarb, denke ich mit bewegten Gefühlen zurück. Sie war eine streitbare Frau, immer auf der Seite der kleinen Leute und sie hat, neben all der anderen Lyrik, ein paar wunderbare Sonette geschrieben. Viel zu wenig ist Lilo Rauner heute noch bekannt, auch wenn in Wattenscheid inzwischen eine Schule nach ihr benannt wurde. Die große, auf Petrarca zurückgehende Form des Sonetts hat sie beherrscht und durch Alltagsthemen nachhaltig mit Leben gefüllt. Aber das, denke ich, ist es gerade. Ihre Parteinahme für die Menschen, die am Rand stehen, wird ihr vom Literaturbetrieb verübelt. Hätte sich Rauner auf modische Befindlichkeiten beschränkt, sie wäre viel bekannter geworden. So sind wir es, die von Zeit zu Zeit an sie erinnern. Viel zu wenig, Lilo hätte mehr Aufmerksamkeit verdient.

Die Werkstatt war aber nicht nur literarisch stark, sie hat auch eine Unmenge an Initiativen zur Verbreitung von Literatur entwickelt. Ich staune selbst, wo wir gelesen haben, vor welchem Publikum. Immer ging es uns darum, mit unserer Literatur jene zu erreichen, die gemeinhin nicht zu literarischen Veranstaltungen kommen. In allen Formen von Schulen sind wir angetreten, in Fußgängerzonen mit Flüstertüte (wobei Richard Limpert mit seiner durchdringenden Stimme eigentlich keine gebraucht hätte), vor Fabriktoren, in Gewerkschaftshäusern, Gefängnissen und Kneipen.

Die Kneipenlesungen waren eine Zeitlang sogar unser Markenzeichen. Dieter Treeck, Kulturdezernent in Bergkamen und später selbst Mitglied im Werkkreis, hat sie mit uns zusammen entwickelt. Freitags, wenn die Arbeiter ihr Bierchen in der Stammkneipe tranken, fanden sie statt, drei oder vier Autoren lasen im Wechsel meist kurze Texte und eine Musikband spielte zwischendurch. Manchmal war es Jazz, manchmal wurden Arbeiterlieder gesungen.

Als die Bergleute zuhörten

Ich weiß noch, dass unser erster Versuch in einer Bergkamener Kneipe beinahe missglückt wäre. Die Arbeiter, Bergleute zumeist, wollten gar keine Literatur hören. Sie waren gekommen, um über Fußball zu reden, über ihre Tauben und was sonst so alles auf der Zeche passiert war. Den Einführungsworten von Dieter Treeck wollten sie partout nicht lauschen, der Lärmpegel blieb hoch, da trat Rudolf Trinks, selbst Bergmann, ans Mikrophon und sagte: „Seid mal stille.“ Und tatsächlich, auf Trinks, der ja einer von ihnen war, hörten sie. Die Lesung wurde ein großer Erfolg.
Manchmal erreichten wir, dass durch die witzig-ironischen Texte die Zuhörer selbst zu witzigen Reaktionen animiert wurden. „Ich lese jetzt ein Gedicht vor aus einem Buch, das ich selbst verlegt habe“, sagte mal ein Gastautor, der die Gepflogenheiten noch nicht kannte. „Hoffentlich hast du es auch wieder gefunden“, tönte es aus der Zuhörerschar zurück.

Schon sehr früh gliederten sich zwei weitere Gruppen an die Werkstatt an, die die künstlerische Arbeit sehr gut ergänzten. Da war einmal das Lehrlingstheater, von Kurt Eichler geleitet, der heute kommissarischer Chef des Dortmunder „U“ ist. Die Gruppe schrieb im Kollektiv Theaterstücke zur Situation der Lehrlinge, die an allen möglichen Orten aufgeführt wurden, manchmal in Kombination mit einer Lesung von uns. Zusätzlich gab es bald eine Graphikgruppe, die unsere Texte illustrierte, die Zeichnungen für Bücher und Lesungsplakate herstellte und daneben eigene künstlerische Ziele im Sinne des Werkkreises verfolgte.

Organisation nahm überhand

Das alles musste koordiniert werden, mit der Zeit wurde die Organisationsarbeit deshalb so umfangreich, dass die künstlerische Arbeit darunter litt. Es fanden Sitzungen statt, in denen nur noch Organisatorisches besprochen und keine Texte mehr gelesen wurden. Wir gründeten ein Leitungskollektiv, das sich zwischen den Sitzungen in Poltes Wohnung an der Bornstraße traf. Noch heute kann ich nicht an dem Haus vorbeifahren, ohne zu den Wohnungsfenstern hinüber zu schauen, denn ich gehörte diesem Kollektiv lange an. Viel Kleinkram wurde schon dort erledigt, die Werkstatt nur noch kurz darüber informiert. Bei schwierigen Problemen wurde vorsortiert und ein Lösungsvorschlag unterbreitet. Die Werkstatt konnte sich wieder auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren, das Schreiben von Literatur.

Polte war für die Finanzen zuständig und noch heute staune ich, wie er das in einem nur für ihn überschaubaren System an Kassen gemacht hat. Geld bekamen wir für unsere Sitzungen im Henßler-Haus von der Dortmunder VHS, die uns in ihr Programm aufgenommen hatte. Deshalb fanden, was auch in unserem Interesse lag, die Werkstatt-Sitzungen stets öffentlich statt. Immer kamen Gäste vorbei. Schüler, die über uns Referate halten sollten, Studenten, die Seminar- oder Examensarbeiten über den Werkkreis schreiben wollten, Hobbyautoren, die Texte lasen, die danach Mitglied wurden oder nie wieder kamen. Geld von Lesungen kam hinzu (für jede von der Werkstatt vermittelte Lesung zahlte der Autor einen Prozentsatz in die Kasse). So hatten wir immer Geld für Plakate, Broschüren oder Buchprojekte.

Werkkreis vor dem finanziellen Ruin

1977 wurde Horst Hensel erster Sprecher des Werkkreises und ein Kassensturz ergab, dass der vorige Vorstand den Werkkreis an den Rand des finanziellen Ruins geführt hatte. Alle wurden zu Spenden aufgerufen. Wir, beunruhigt von Hensels Bericht, wollten sofort all unser Erspartes spenden, aber da sprach Polte dagegen. Einen Teil wollte er abgeben, wie hoch, müssten wir entscheiden, sagte er. Aber die Werkstatt selbst sollte auf jeden Fall finanziell schlagkräftig bleiben. „Und wenn der Werkkreis untergeht?“, fragten wir. „Dann gibt es wenigstens noch die Werkstatt Dortmund“, knurrte Polte.

Am Ende haben wir ein paar tausend DM gespendet, so viel wie alle anderen Werkstätten zusammen, der Werkkreis wurde gerettet und die Dortmunder Werkstatt blieb, dank Polte, liquide.

Der Untergang kam schleichend. Es gehörte zu unserem Programm, dass immer neue Autoren zu uns stoßen sollten. Die waren zumeist blutige Anfänger, wie wir es zur Zeit der Werkstattgründung auch gewesen waren. Aber wir Älteren hatten uns inzwischen entwickelt, die Neuen hielten uns auf, wir mussten immer wieder dieselben Anfängerprobleme lösen und verloren Zeit. Irgendwann wurde die Kluft so groß, dass wir das eigene Schreiben vernachlässigten.

Arbeiter wanderten zu RTL ab

Es war Zeit, dass wir uns trennten. 1980 feierten wir alle zusammen noch mal in Haus Ebberg bei Schwerte, hockten eine lange Nacht bei Bier und Schnaps zusammen, dann wechselten Hensel und ich in die neu gegründete Werkstatt Bergkamen. Wir mussten nun nicht mehr nach Dortmund fahren, die Arbeit blieb überschaubar und es war Zeit zum Schreiben gewonnen. Die anderen blieben noch zusammen, auch noch nach Poltes Tod 1985. Aber nicht mehr lange, dann war die Zeit des Werkkreises vorbei. Es gab kein Interesse mehr in der Arbeiterschaft an aufklärerischer Literatur, viele saßen längst vor RTL oder Prosieben. Schade, denke ich immer noch.

Aus den Gruppenmitgliedern wurden normale Autoren, die nun für sich allein schreiben, jede Menge Bücher entstehen. Bei den meisten erkenne ich immer noch Reste unseres damaligen Anspruchs. Ihre Literatur ist politisch geblieben, was ihr die Anerkennung in der Literaturszene erschwert, wo sich für viele Jahre eine Art literarisches Biedermeier mit Befindlichkeitsliteratur breit gemacht hat.

Wiederkehr des Politischen

Aber die Zeiten beginnen sich zu ändern. PEN-Präsident Haslinger fragte mich mal während einer Präsidiumssitzung, ob es den Werkkreis noch gebe und als ich verneinte, bedauerte es das. Schade, so etwas wie der Werkkreis würde heute noch eher gebraucht als früher, meinte er. Die Situation der arbeitenden Bevölkerung ist doch nicht besser geworden, im Gegenteil, vieles habe sich verschlimmert. An vielen anderen Bemerkungen und verstärkt auch an neuen Projekten merke ich, dass das Thema wieder in der Literatur virulent wird. Der PEN selbst wird das Thema Literatur und Arbeit zum zentralen Motto bei einer der nächsten Jahrestagungen machen, das freilich auch neue Formen erfordert. Ich selbst bin an einem Projekt mit Lyrikclips beteiligt, Filme, die Gedichte mit sozialer Thematik aufgreifen, entstehen. Ein Projekt, das bei jungen, nicht unbedingt literarisch vorgebildeten Menschen auf Interesse stoßen kann. Der DGB-Chef hat sein Interesse daran bekundet.

In anderen Ländern steht das Thema längst auf der Agenda. Bei einer Zusammenarbeit mit französischen Autoren, an der ich teilnahm und aus der mehrere Bücher entstanden, ging es einzig um die Darstellung der Arbeit in der Literatur. Die Franzosen, merkte ich, gingen dabei viel unbefangener an das Thema heran als wir, die wir bei jedem Schritt in diese Richtung die Kritiker gegen uns haben. In Frankreich haben sie das nicht.

Man merkt, ein guter Ansatz kann letztlich nicht endgültig verschwinden. Er kann nur zweitweise zugedeckt werden, aber irgendwann bricht sich das Bedürfnis nach Auseinandersetzung mit den immer drängenderen sozialen Problemen Bahn. Wir erleben gerade den Startschuss dazu.

http://www.gewerkschaftsforum-do.de/fuer-die-benachteiligten-schreiben-die-werkstatt-dortmund-im-werkkreis-literatur-der-arbeitswelt-eine-erinnerung-von-heinrich-peuckmann/

 

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Helmut Baumgarten

RotFuchs, Januar 2017

Alljährlich am 3. Oktober versammeln sich hochrangige Politiker und feiern die „Einheit“ Deutschlands und die „friedliche Revolution“. Hat es denn eine Vereinigung zweier souveräner Staaten gegeben, oder war es nicht vielmehr eine bedingungslose Kapitulation der Mehrheit der manipulierten Volkskammermitglieder der DDR?

Worin bestand das strategische Ziel der BRD von Anfang an? Zuerst mußte die Gesellschaftsordnung in der DDR zerschlagen und deren Elite von allen Strukturen des Staates entfernt werden. Die ökonomische Konkurrenz in Form der volkseigenen Betriebe und Kombinate sollte liquidiert, die DDR entindustrialisiert und zur verlängerten Werkbank der BRD umgestaltet werden. Die staatliche und genossenschaftliche Handelsorganisation wurde zerschlagen und so ein großer Absatzmarkt für westdeutsche Konzerne geschaffen.

Worin sehe ich die Ursachen für unsere Niederlage? Um diese ergründen zu können, muß man zu den Quellen zurückkehren.

1945: bedingungslose Kapitulation des deutschen Faschismus. Nach dem Willen der Besatzungsmächte sollte der deutsche Staat erhalten, aber in vier Besatzungszonen bis zum Abschluß eines Friedensvertrags aufgeteilt werden. Deutschland lag in Schutt und Asche. Viele Menschen forderten, daß die Schuldigen an der Katastrophe entmachtet und die Kriegsgewinnler enteignet werden.

Auf westdeutscher Seite forderte dies selbst die CDU in ihrem Aalener Parteiprogramm. In Hessen wurde diese Forderung sogar in die Länderverfassung aufgenommen. SPD-Chef Schumacher faselte vom Sozialismus als Tagesaufgabe. Auch in der sowjetischen Besatzungszone gab es diese Forderung, dazu in Sachsen eine Volksabstimmung – deren Ergebnis wurde umgesetzt.

1948 tagte in den Westzonen ein selbsternannter, von den westlichen Besatzungsmächten bevollmächtigter Parlamentarischer Rat und schuf das Grundgesetz. Von vornherein war es als Provisorium angelegt, denn im § 146 stand, daß es nur bis zur Vereinigung Deutschlands bestehen und dann durch eine in einer Volksabstimmung legitimierte Verfassung abgelöst werden solle. Als Umgehungsmöglichkeit dessen wurde eine Beitrittsmöglichkeit festgelegt. Der nächste Schritt war die Installierung der parlamentarischen Demokratie. Konrad Adenauer wurde nur mit seiner eigenen Stimme zum Bundeskanzler gewählt.

Die BRD-Regierung erklärte sich zum Rechtsnachfolger des 3. Reiches. Sie erfand den Alleinvertretungsanspruch und sprach jetzt selbsternannt für alle Deutschen. Seit der Gründung der DDR führte die BRD einen Kampf zur Destabilisierung und Vereinnahmung der DDR. Der Antikommunismus wurde als Staatsdoktrin festgeschrieben. Mit der Rechtsnachfolge des 3. Reiches wurden die im Faschismus gezüchteten Antikommunisten in alle Bereiche des westdeutschen Staates integriert. Nazigeneräle, Geheimdienstchefs, Blutrichter, Staatsanwälte, Lehrer, Steuerbeamte u. a. fanden zurück in Amt und Würden.

Ein Mittel zur Destabilisierung der Lage in Ostdeutschland war die streng geheime Herstellung der Westmark in den USA und ihre nächtliche, unangekündigte Einführung mit der Absicht, daß die wertlose Mark jetzt zu Milliarden in die DDR fließen und dort einen Wirtschaftskollaps herbeiführen sollte.

Es folgte die Hallsteindoktrin, mit der allen souveränen Staaten, die die DDR diplomatisch anerkennen, Sanktionen angedroht wurden. Adenauer drängte die USA, Westdeutland den Zugang zu Atomwaffen zu ermöglichen. Geeinigt hat man sich auf nukleare Teilhabe der BRD. Die Vorschläge der UdSSR zum Abschluß eines Friedensvertrages und die Durchführung freier und geheimer Wahlen wurden genauso abgelehnt wie die Schaffung einer kernwaffenfreien Zone. Gegen diese Politik formierte sich in der BRD eine starke Friedensbewegung, auf die mit Unterdrückung und Verfolgung reagiert wurde. Es kam zum KPD-Verbot, zum Verbot demokratischer Organisationen und unter Bundeskanzler Willi Brandt zum Radikalenerlaß mit Berufsverboten für Hunderttausende Bürger. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen …

Etwas kompliziert wurde es für die westdeutsche Seite, als beide deutsche Staaten UN-Mitglieder wurden. Auch die BRD-Regierung hatte unterschrieben, sie werde die Unverletzlichkeit der Staatsgrenze, die staatliche Souveränität und das Gebot der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten des anderen Staates respektieren.

Es mußte also ein Weg gefunden werden, diese internationalen Verpflichtungen zu umgehen.

Hier setzt die jahrelang durch die BRD geförderte innere Opposition der DDR an, auch unter direkter Unterstützung maßgeblicher Kreise der christlichen Kirchen in der DDR. 1989/90 habe ich in Halle an jeder Versammlung, Demonstration und Kundgebung teilgenommen. Die Demonstranten sagten, sie wollten eine bessere DDR und die Beseitigung der im Sozialismus bestehenden Mängel. Der Herbst 1989 begann mit erst kleineren, dann immer größer werdenden Demonstrationen, gegenseitigem Niederbrüllen am Runden Tisch und landesweiten Sabotageakten, was intensiv durch BRD-Medien „begleitet“ wurde.

Seitens der BRD wurde suggeriert, daß sie die Forderungen der DDR-Bevölkerung respektieren würde und ihr helfen wolle. Noch bevor die Staatsgrenze geöffnet wurde, zog die BRD-Regierung die Spendierhosen an und köderte die DDR-Bevölkerung mit einem sogenannten Begrüßungsgeld. Dafür stand plötzlich über eine Milliarde DM zur Verfügung, denn man mußte ja damit rechnen, daß ca. zehn Millionen „Brüder und Schwestern“ in die BRD einreisen würden. Vor der Weihnachtszeit legten die Bayern noch 50 DM dazu. Im Kaufrausch glaubten jetzt viele DDR-Bürger, es würde immer so weitergehen. Doch nun begann das Pingpong-Spiel. Die Westpresse wies den Weg. Deren „Hinweise“ wurden dann von Dissidenten als Bitte an die BRD-Regierung gesandt, die dem natürlich nachkommen mußte. So verletze man doch keine internationalen Verträge, sondern zolle nur dem Willen des Volkes der DDR Respekt.

Die BRD und die DDR hatten in Helsinki und vor der UNO die Pflicht übernommen, sich nicht in die inneren Angelegenheiten des anderen Staates einzumischen. Hat sich die BRD daran gehalten?

Bekanntlich waren sofort nach der Öffnung der Staatsgrenze 176 hochrangige BRD-Politiker mit Bundeskanzler Helmut Kohl zur Stelle und präsentierten sich der DDR-Bevölkerung. Hinzu kamen über 3000 Meinungsmultiplikatoren. Sie mischten kräftig im Wahlkampf mit, versprachen den Wählern das Blaue vom Himmel, wohl wissend, daß sie nichts davon einhalten würden. Sie beschworen ihre freien und geheimen Wahlen als heiliges Gut der Demokratie. Jeder Bürger habe das Recht, alle vier Jahre seine Stimme einem Kandidaten oder einer Partei zu geben. Nach der Wahl gebe es dann eine parlamentarische, repräsentative Demokratie. Mit den von der BRD manipulierten „freien Wahlen“ kamen genügend willige Abgeordnete in die Volkskammer, die den Untergang der DDR bedingungslos vollziehen wollten.

Sinnigerweise hat man den mit allen Wassern gewaschenen Politprofi Wolfgang Schäuble und den Polit-Amateur Krause mit der Ausarbeitung des „Einigungsvertrages“, der eigentlich Anschlußvertrag heißen müßte, beauftragt. Wenige Stunden vor Beginn der Sitzung der Volkskammer erhielten die Abgeordneten den Vertragsentwurf, eine Diskussion mit dem Volk gab es nicht. All das ging als „friedliche Revolution“ in die Geschichte ein, bewußt ignorierend, daß eine „Vereinigung“ laut Grundgesetz § 146 auch eine neue Verfassung erfordert hätte. Es gibt sie bis heute nicht.

Das Ergebnis: Die alten Eigentums- und Machtverhältnisse wurden wieder hergestellt, und jede Erinnerung an die DDR soll ausgelöscht werden. Nichts, aber auch nichts darf nach Ansicht der Herrschenden an die Errungenschaften der DDR erinnern. Die Nachgeborenen sollen nur noch denken dürfen, was ihnen durch die Sieger und deren Medien serviert wird.

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Nicht mehr von Bedeutung

 

Rifondazione Comunista und die Folgen einer opportunistischen Politik

Von Gerhard Feldbauer

25 Jahre nach ihrer Gründung steht der Partito della Rifondazione Comunista (PRC) vor dem Scherbenhaufen einer verfehlten Politik. Nach der Umwandlung der Italienische Kommunistischen Partei (IKP) in eine sozialdemokratische Linkspartei (Partito Democratico della Sinistra – PDS) durch die Revisionisten auf dem Parteitag im Januar/Februar 1991 war der PRC von Gegnern dieser Mutation am 12. Dezember 1991 gegründet worden.

Bei der Suche nach den Ursachen für das Scheitern des PRC stößt man auf die von Lenin hinterlassene Binsenweisheit, dass eine kommunistische Partei zum Scheitern verurteilt ist, wenn sie nicht mit dem Opportunismus bricht. Dieser Bruch war bei der Gründung des PRC nicht erfolgt und geschah auch danach nicht. Hier kurz die wichtigsten Etappen dieses Weges, den viele Kommunisten als hoffnungsvollen Neubeginn sahen.
Der Gründungsparteitag wählte Sergio Garavini, einen Gewerkschaftsführer der IKP-nahen CGIL, zum Sekretär und das frühere IKP-Politbüromitglied Armando Cossutta zum Vorsitzenden. 1994 wurde Garavini von Fausto Bertinotti abgelöst, ebenfalls langjähriger CGIL-Funktionär und zunächst Mitglied des PDS. Garavini hatte versucht, den PRC als kommunistische Strömung in den PDS einzubringen. Nachdem der Versuch scheiterte, trat er mit einigen Parlamentariern zum PDS über. Spätestens diese Abspaltung hätte Anlass sein müssen, mit dem aus der IKP überkommenen Opportunismus einen klaren Bruch zu vollziehen. Doch der Bruch unterblieb.

1996 siegte Mitte-Links über die faschistisch-rassistische Allianz Berlusconis. Die 8 Prozent Stimmen, die der PRC erhalten hatte, waren ausschlaggebend und wurden für eine Regierungsbildung benötigt. Der PRC trat nicht in die Regierung ein, sondern gab nur parlamentarische Unterstützung. Angesichts einer erneut drohenden faschistoiden Regierung unter Berlusconi schien das ein gerechtfertigter Schritt. Als Premier Romano Prodi den Sozialabbau fortsetzte und an der NATO-Aggression gegen Jugoslawien teilnahm, beendete der PRC im Herbst 1998 auf Druck der Basis diese parlamentarische Unterstützung. Armando Cossutta verließ daraufhin mit einer Gruppe Parlamentarier den PRC und gründete mit seiner Spalter-Fraktion den Partito dei Comunisti Italiani (Partei der Kommunisten Italiens – PdCI). Dieser trat nach dem Rücktritt Prodis in das von dem PDS-Vorsitzenden Massimo D‘Alema geführte Kabinett ein. Der PRC verlor bei dieser Abspaltung etwa ein Fünftel seiner inzwischen rund 130000 Mitglieder.

Ein Bruch mit dem Opportunismus unterblieb auch dieses Mal. Die Folge war in der Substanz die Absage an den Marxismus-Leninismus auf dem Parteitag 2002. U. a. wurde die Leninsche Imperialismus-Analyse als „unangemessen zur Interpretation der Form der Herrschaft des neuen Kapitalismus“ bezeichnet und Antonio Gramsci, Theoretiker der Hegemonie der Arbeiterklasse, als aktuell nicht mehr von Bedeutung gesehen. Opportunistischer Höhepunkt war der Verzicht auf die führende Rolle der Arbeiterklasse, die der – ihrem politischen Charakter nach kleinbürgerlichen – Antiglobalisierungsbewegung zugeschrieben wurde.

Gegen die opportunistischen Beschlüsse votierte eine kommunistische Strömung, die bei den Abstimmungen zwischen 27 und 40 Prozent erhielt. Ihr gelang auch, ein linkes Aktionsprogramm durchzusetzen, das auf eine sozialistische Perspektive abstellte. Solcher Widerstand verdeckte gegenüber der Basis in gewisser Weise den revisionistischen Kurs und nährte die Illusion, es werde gelingen, die Opportunisten zu stoppen.
Nach einem Wahlsieg von Mitte-Links im Bündnis mit PRC und PdCI 2006 über die seit 2001 wieder regierende Allianz Berlusconis traten beide KPen in das erneut von Prodi geführte Kabinett ein, Bertinotti wurde Parlamentspräsident. Beide KPen akzeptierten den weiteren Sozialabbau und stimmten für die Fortsetzung des Militäreinsatzes in Afghanistan. Die Strömung „Progetto Comunista“ verließ daraufhin den PRC und gründete 2007 zusammen mit dem Philosophieprofessor Marco Ferrando, einem Vorstandsmitglied der trotzkistischen Vierten Internationale, einen Partito Comunista dei Lavoratori (Kommunistische Arbeiterpartei – PCL), womit eine dritte KP entstand. Der opportunistische Kurs des PRC und PdCI beförderte 2008 den Sturz der Prodi-Regierung durch die extreme Rechte.

2004 trat der PRC der Europäischen Linkspartei (EL) bei. Bertinotti übernahm bis 2007 deren Vorsitz. Zu den vorgezogenen Parlamentswahlen 2008 bildete er mit Grünen und weiteren Linken eine „Regenbogen“ (Arco Baleno) genannte Wahlkoalition, die er als „eine neue Linke, die allen offen steht“, propagierte. Arco Baleno fiel mit 3,1 Prozent unter die Vier Prozent-Sperrklausel. Damit waren Kommunisten und Sozialisten erstmals seit 1945 nicht mehr im Parlament vertreten und bleiben es bis heute.

Der frühere Turiner Stahlarbeiter Paolo Ferrero wurde 2008 zum Nachfolger Bertinottis gewählt. Der ebenfalls kandidierende Nichi Vendola unterlag, verließ daraufhin den PRC und gründete 2010 mit PRC-Mitgliedern und verschiedenen Linken eine Linkspartei, die „Sinistra per Ecologia e Liberta“ (Linke für Umwelt und Freiheit – SEL). Er hatte 2005 als Mitte-Links-Kandidat die Wahl zum Präsidenten der Region Apulien gewonnen und war 2010 im Amt bestätigt worden.

2015 folgten über 1 500 Kommunisten aus Mitgliedern des PRC, PdCI und Parteilosen einem Appell, auf der Basis von Lenin und Gramsci einen Bruch mit dem Opportunismus einzuleiten und langfristig wieder eine einheitliche kommunistische Partei zu schaffen. Während sich der PdCI diesem Aufruf anschloss, lehnt die Führungsgruppe um Ferrero im PRC diesen Weg ab. Ferrero ließ sich im Dezember 2016 zum Vizepräsidenten der EL wählen und wird damit Stellvertreter Gregor Gysis. Zur Hervorhebung seiner kommunistischen Identität führt der PdCI seit Juni 2016 den alten Namen PCI (IKP). Im PRC scheint alles daraufhin zu deuten, dass sein Ende auf dem Altar des Opportunismus besiegelt wird.

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