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Referat von Hans-Peter Brenner zum 100. Jahrestag des I.Weltkriegs, gehalten auf der Vier-Parteien-Konferenz am 15. / 16. Februar in Aachen

Die Spaltung der internationalen Arbeiterbewegung durch Revisionismus und Opportunismus. Eine der Bedingungen für den I. Weltkrieg

ende-erster-weltkrieg-1Liebe Genossinnen und Genossen!
100 Jahre trennen uns vom I: Weltkrieg, in dessen Gefolge 17 Millionen Menschen – so der beschönigende Euphemismus – auf den Schlachtfeldern „fielen“ und weitere Millionen Zivilisten ermordet und verkrüppelt wurden. War es anfänglich „nur“ ein europäischer Konflikt, so entwickelte sich daraus ziemlich rasch ein globaler Krieg. Annähernd 70 Millionen Menschen standen – so das Internet-Lexikon wikipedia – unter Waffen, 40 Staaten nahmen schließlich am bis dahin umfassendsten Krieg der Geschichte teil.
Wenn ich früher meinen jetzt längst erwachsenen Kindern aus den Erfahrungen meiner Kindheit in einer Flüchtlingsfamilie des II. Weltkrieges berichtete, war es so, als erzählte ich ihnen etwas aus längst vergangenen Zeiten.
Was heißt es dann hier und heute, wenn ich über ein Thema spreche, das tatsächlich 100 Jahre zurück liegt?
Welchen Bezug haben wir denn im Jahre 2014 zu dieser Epoche, die kein lebender Mensch mehr bewusst erlebt hat? Könnten wir dann nicht auch eine Veranstaltung über Karl den Großen, seine Vernichtungskrieg gegen die heidnischen Sachsen und seine kaiserliche Pfalz in Aachen machen?

Besonderheit des I. Weltkrieges: industrielle Kriegsführung mit bewusstem „Ausbluten“
Wenn in dem großen Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“ von Erich M. Remarque ein deutscher General angesichts einer sinnlosen Schlacht um einen belanglosen Hügel an dem bereits hunderte junger Männer aus seiner Division verblutet waren, dafür nur den zynischen Satz übrig hat. „Wir müssen die Blutpumpe am Laufen halten “, so charakterisiert dies nicht nur den Zynismus eines einzelnen Generals, sondern die systematisierte und hochorganisierte bewusste Unmenschlichkeit eines Krieges.
Es ging im I. Weltkrieg um systematischen MASSENMORD.
Der Überraschungsangriff der deutschen Armeen an der Westfront hatte sich bekanntlich schnell in einem Stellungskrieg festgerannt und nicht den erwünschten Durchbruch in der Hauptstoßrichtung Paris gebracht. Auch die mit Frankreich verbündeten englischen Truppen in Nordfrankreich waren nicht geschlagen. Im Winter 1915 hatte deshalb die Oberste Heeresleitung (OHL) unter Erich von Falkenhayn als Grundlage einer neuen strategischen Initiative einen Durchstoß in der Gegend Metz-Verdun vorgeschlagen.
Dabei wurde nicht nur mit hohen Menschenverlusten gerechnet. Nein, sie sollten bewusst provoziert werden.
Zu den Hintergründen lässt sich auf wikipedia Folgendes nachlesen: „Falkenhayn meinte, Frankreich könne aus Gründen des nationalen Prestiges dazu bewogen werden, zur Verteidigung Verduns nicht vertretbare Verluste in Kauf zu nehmen, deshalb gleichsam zum ‚Weißbluten‘ gezwungen werden. Dies würde letztlich den deutschen Sieg an der Westfront zur Folge haben.“ (1)
Die „Blutpumpe“ und das „Weißbluten“ sahen im Ergebnis so aus: Insgesamt 75 französischen Divisionen mit 400 Geschützen (zu Beginn der Schlacht, später ca. 1300) standen insgesamt 50 deutsche Divisionen mit 1225 Geschützen gegenüber. Auf französischer Seite gab es ca. 217.000 verwundete und etwa 167.000 gefallene Soldaten. Auf deutscher Seite betrugen die Verluste 337.000 Soldaten, davon etwa 150.000 Gefallene.

Ich erinnere mich an meine erste Frankreich-Fahrt als junger Pfadfinder zu einem internationalen Pfadfindertreffen in den französischen Cevennen im Jahre 1965. Unsere Aufgabe war es, in einem fast verlassenen Dorf in der Nähe der Stadt Alès, eine Wasserleitung vom Tal auf die Anhöhe zum alten Dorfkern zu legen, um das Örtchen wieder zum Leben zu erwecken.
Bei der Busfahrt durch die französische Kleinstädte und Dörfer, in denen auf allen Marktplätzen die Denkmäler für die Gefallenen des I. Weltkrieges standen, bekam ich einen ersten Eindruck davon, was es bedeutet, wenn ganze Jahrgänge junger Männer ausgerottet werden.
Im Jahr danach, meinem Abiturjahr, besuchte ich, angeregt durch diese Erfahrungen, das Schlachtfeld von Verdun mit den unendlichen Reihen von Soldatengräbern und kroch auch durch die unterirdischen Gänge des berühmte Fort Vaux. Aus dessen bei den Beschießungen zerstörten Gräben schauten damals und wohl noch heute die Bajonettspitzen der dort verschütteten Verteidiger heraus. Es war unheimlich und gruselig.
Ich wandelte auf den Spuren meines Vaters. Das war mir damals nicht bewusst. Er war Jahrgang 1895; gelernter Schmied und Sohn eines Tagelöhners aus der Gegend von Worms. Damit gehörte zu der Generation, die in ZWEI Weltkriegen Soldat war und dadurch insgesamt mindestens 10 Jahre ihres Lebens im Kriegseinsatz war.
Ich weiß so gut wie nichts über seine Jugendzeit, außer durch zwei Fotos, die ihn als knapp 20-Jährigen in Uniform an der Westfront bei Metz zeigten. Er war also auch Teil der für die „Blutpumpe“ vorgesehenen „Helden, die für Kaiser, Volk und Vaterland ihr Leben hingaben.“ Warum und wie er diesem Schicksal entgehen konnte, weiß ich nicht.
Mehrere Generationen deutscher Männer wurden auf „Befehl und Gehorsam“ getrimmte Kampfmaschinen. Und nur 21 Jahre nach Ende des I. Weltkrieges konnten es die deutschen Imperialisten und Faschisten ohne erkennbaren größeren Widerstand erneut wagen „Für Führer, Volk und Vaterland“ morden und brandschatzen zu lassen. Auch davon gibt es Fotos meines Vaters, der zuerst wiederum in der Gegend von Metz stationiert gewesen sein muss, bevor er dann in Polen und in der Ukraine Soldat war. Er war mindestens Zeuge – oder auch Mittäter – bei der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung der Stadt Berditschew im August 1944: Es waren fast 50% der Bevölkerung dieser Stadt mit etwa 60.000 Einwohnern.
Eine lange Spur des Krieges und des Totschlags von 1914-1944 zieht sich allein durch meine Familie.

„Schlafwandelnd“ in den Krieg?
So wie der 2. Weltkrieg war auch der 1. Weltkrieg nicht unerwartet gekommen; er war kein „Schicksalsschlag“. Europa „schlafwandelte“ nicht in diesen Krieg“ wie es in einem neuen Werk des englischen Historiker Christopher Clark über den I. Weltkrieg heißt. Es gebe insgesamt noch immer „beträchtliche“ Wissenslücken. „Ein Teil der wichtigsten Kommunikationen zwischen Hauptakteuren spielte sich verbal ab und ist nicht dokumentiert- der Meinungsaustausch kann in diesen Fällen lediglich über indirekte Hinweise oder spätere Aussagen rekonstruiert werden.“ (2)
Was für eine denk- und merkwürdige –aber für die bürgerliche Sozial- und Geschichtsauffassung doch so typische Auffassung wird daran erkennbar! Krieg und dessen Ursachen ist eine Angelegenheit, die sich vor allem in den schriftlichen und mündlichen Auseinandersetzungen zwischen Politikern und Militärs „den Akteuren“ widerspiegelt.
Und wenn dann dafür eine Tonbandaufnahme oder ein Blatt Papier mit einem Gesprächsprotokoll entweder fehlt oder sich Widersprüchliches daraus ergibt, dann stehe man vor einem unauflöslichen Rätsel!
Geschichte und Krieg hätten demnach nicht so sehr mit gesellschaftlichen und ökonomischen Gesetzmäßigkeiten, mit durch politische und ökonomische Praxis erkennbare Interessen, die zu einem Krieg führen, zu tun.
Insbesondere geht es darum, die Interessen der imperialistischen Drahtzieher und Hauptverantwortlichen klein zu reden und dabei die Rolle des deutschen Imperialismus aus der Schusslinie zu nehmen.
Dessen große Mitschuld war nicht nur von marxistischen Historikern, sondern auch durch die berühmte Studie „Der Griff zur Weltmacht“ des westdeutschen Historikers Fritz Fischer belegt worden. Sie hatte in den 60 Jahren große Kontroversen hervorgerufen. Fischer wurde regelrecht verfolgt. Diese „Fischer-Debatte“ bekommt jetzt, 50 Jahre später, eine neue Aktualität.
Die Sozialistische Internationale und die deutsche Sozialdemokratie sind eben so wenig in den I. Weltkrieg „hineingeschliddert“ wie die imperialistischen Kriegstreiber. Wie konnte das geschehen?

Die antimilitaristische Vorkriegshaltung der Sozialdemokratie
Ich komme zurück zu meinem Vater. Ich weiß nicht, wo und wie der Tagelöhner-Sohn Peter Brenner den I. Weltkrieg überlebt hatte. Ich weiß auch nichts über Kriegsverletzungen. Auf jeden Fall hatte er viel mehr Glück als die meisten seiner Kameraden. Sie waren Proletarier- und Bauernsöhne wie er.
Viele waren Mitglieder und Anhänger der Sozialdemokratie, die am 8. August im Reichstag mit den jahrzehntelangen alten Prinzipien des Antimilitarismus gebrochen und dem Kaiser die Kriegskredite bewilligt hatte. Der alte Grundsatz von August Bebel, der gerade 1 Jahr zuvor ( am 13.8.1913 ) verstorben war; hatte gelautet: „Diesem System keinen Groschen und keinen Mann!“
Das war nun endgültig vergessen und verraten worden. Die einst auf ihren konsequenten Antimilitarismus so stolze Sozialdemokratie, die Partei, die sich bislang mannhaft allen Forderungen nach Unterstützung der deutsch-preußischen Kriege und der Kolonialkriege verweigert hatte und sich lieber als „vaterlandslose Gesellen“ verhöhnen ließ , wechselte ins Lager des Sozialimperialismus – wie Lenin sagte: Sozialisten in Worten, aber Imperialisten in den Taten.
Vergessen die großen Friedenbeschlüsse der Konferenzen der Sozialistischen Internationale von Stuttgart 1907, von Kopenhagen 1910 und von Basel 1912. Auf ihnen hatten die revolutionären und antimilitaristischen Kräfte und Strömungen erfolgreich deutliche Bekenntnisse für die Wahrung des Friedens durch die vereinigte internationale Arbeiterbewegung erwirken können.
Ganz in diesem Sinne beschloss die letzte große Vorkriegsfriedenskonferenz der Sozialistischen Internationale in Basel am 24./25.11.1912 in ihrem Manifest: „ Die großen Völker Europas sind beständig auf dem Punkte, gegeneinander getrieben zu werden, ohne dass diese Attentate gegen Menschlichkeit und Vernunft auch nur durch den geringsten Vorwand eines Volksinteresses gerechtfertigt werden könnten.“
Mit Blick auf die erfolgreich verlaufenen Friedensaktionen gegen einen drohenden Balkankrieg hieß es im Manifest weiter: „Darum stellt der Kongress mit Genugtuung fest die vollständige Einmütigkeit der sozialistischen Parteien und der Gewerkschaften aller Länder gegen den Krieg.
Indem die Proletarier aller Länder sich gleichzeitig zum Kampfe gegen den Imperialismus erhoben, jeder Sektion der Internationale aber der Regierung ihres Landes den Widerstand des Proletariats entgegenstellen und die öffentliche Meinung ihrer Nation gegen alle kriegerischen gelüste mobilisierte, ergab sich eine grandiose Kooperation der Arbeiter aller Länder, die schon bisher sehr viel dazu beigetragen hat, den drohenden Weltfrieden zu retten. Die Furcht der herrschenden Klassen vor einer proletarischen Revolution im Gefolge eines Weltkrieges hat sich als eine wesentliche Bürgschaft des Friedens erwiesen.“ (3)
Es stellt sich die Frage, warum hat dann aber die Arbeiterbewegung der damaligen Zeit, die ja im Vergleich zu heute sehr viel mächtiger war, diese Entwicklung zum Krieg nicht verhindert?

Den Zusammenhang zwischen Monopolkapitalismus und Krieg anzuprangern und vor der sich anbahnenden Katastrophe zu warnen, das war das war vor allem das Anliegen von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die beide bereits kurz nach der Jahrhundertwende vor der Entwicklung zum großen Krieg warnten und auf die Quellen von Militarismus und Krieg verwiesen. Die Aufklärung über diesen Zusammenhang zwischen Militarismus und Kapitalismus und die Orientierung auf den Sturz des Kapitalismus als letztlichem Ausweg aus dem Krieg unterschied die proletarische Antikriegsbewegung sowohl von bürgerlich-pazifistischen Richtungen als auch von rechten und revisionistischen Auffassungen in den eigenen Reihen
K. Liebknecht kommt dabei ein großes Verdienst zu, in der SPD auch gegen Anfeindungen von rechts auf diese Zusammenhänge hingewiesen zu haben und dafür auch die offene Konfrontation mit dem Bündnis von Rüstungsindustrie und Krone gesucht zu haben. Seine wichtigste Arbeit erschien 1907 unter dem Titel „Militarismus und Antimilitarismus unter besonderer Berücksichtigung der internationalen Jugendbewegung.“
Damit geriet er in wachsenden Widerspruch zu der revisionistischen Strömung in der Sozialdemokratie, die in E. Bernstein ihren wichtigsten Vertreter besaßen und die ihren Frieden mit dem kapitalistischem System gemacht hatten. Ihre Grundthese war: die Arbeiterklasse ist zu einer „Mitteilhabe“ an der monopolistische Großproduktion gelangt und muss deshalb auch ein Interesse an der „Machtentfaltung ihres Vaterlandes“ haben.

So wie Liebknecht beschäftigte sich auch R. Luxemburg mit den neuen Erscheinungen des deutschen Militarismus vor allem mit seinem sprunghaften anwachsenden Flottenprogramm. Deutschland sollte dazu befähigen werden, Großbritannien als Kolonial- und Seemacht zurückzudrängen. R. Luxemburg warnte: „Der Militarismus ist in höchstem Maße verderblich, alles wird beeinflusst durch ihn. … Der Militarismus aber steht auf dem Kapitalismus, und der Kapitalismus ist der erklärte Feind der Sozialdemokratie, dieser Kapitalismus unserer heutigen Wirtschaftsordnung ist für mich die Wurzel aller Übel ….“ (4)
Schon 1899 hatte der damalige Staatsekretär des Auswärtigen Amtes , Graf von Bülow mit dem Hinweis auf die Verstrickung Großbritanniens in den Burenkrieg in Südafrika erklärt: „ … weil unsere auswärtige Lage jetzt eine günstige ist, müssen wir dieselbe benutzen um uns für die Zukunft zu sichern. … Ob diese Zukunft eine friedliche sein wird, das kann Ihnen niemand sagen.“ (5)
1916 kam R. Luxemburg, die sich über viele Jahre mit den Flottengesetzen und dem Wettlauf um die Vorherschaft auf See befasst hatte, auf die Rolle des Flottengesetzes zurück. Dieses sei ein folgenschwerer Wendepunkt in der Geschichte gewesen, „die in beispielloser Weise eine plötzliche Verdoppelung der Schlachtflotte, einen gewaltigen, nahezu auf zwei Jahrzehnte berechneten Bauplan der Seerüstungen bedeuteten.“ Sie schlussfolgerte: „Die Flottenvorlage vom 11. Dezember 1899 war eine Kriegserklärung Deutschlands, die England am 4. August 1914 quittierte.“
Und sie charakterisierte das Wesen des imperialistischen Militarismus schließlich so:„Die Weltpolitik und der ihr dienende Militarismus zu Lande und zu Wasser, in Kriegs- und Friedenszeiten ist doch nichts anderes, als die spezifisch kapitalistische Methode, internationale Gegensätze zugleich zu entwickeln und zum Austrag zu bringen.“
Ähnlich wie K. Liebknecht und wie später auch Lenin definierte sie die Rolle des Militarismus im System der imperialistischen Entwicklungsstufe des Kapitalismus „erstens als Kampfmittel für konkurrierende ´nationale` Interessen gegen andere nationale Gruppen, zweitens als wichtigste Anlageart ebenso für das finanzielle wie für das industrielle Kapital und drittens als Werkzeug der Klassenherrschaft im Inlande gegenüber dem arbeitenden Volke.“ (6)

Mechanismen alter und neuer Kriegspropaganda
In der Übernahme der außenpolitischen Ambitionen und Ziele des deutschen Imperialismus kam die generelle Anbiederung und Anpassung eines immer mehr wachsenden Teils des sozialdemokratischen Führungs- und Funktionärskaders sowohl in der Innen- wie in der Außenpolitik zum Ausdruck; beides ist nicht voneinander zu trennen. Dabei spielte die SPD-Führung das Spiel der Kriegstreiber, der Rüstungsprofiteure und Aggressoren in Wirtschaft und Regierungsapparat mit.
Es gehörte zur Propaganda der Kriegstreiber aus Großkapital und deutschem Adel ihre Kriegsziele immer zu verschleiern und entweder mit einem angeblich zivilisatorischen und humanistischem Anspruch zu versehen- oder die eigene Aggressivität hinter der Floskel des „Verteidigungskrieges“ zu verbergen.
Gewiss wusste kaum jemand etwas von der geheimen „Kriegszieldenkschrift“ des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg vom 9. September 1914, in der es unmissverständlich hieß:
„Sicherung des Deutschen Reichs nach Ost und West auf erdenkliche Zeit: Zu diesem Zweck muss Frankreich so geschwächt werden, dass es als Großmacht nicht neu erstehen kann. Russland von der deutschen Grenze nach Möglichkeit abgedrängt und seine Herrschaft über die nichtrussischen Vasallenvölker abgebrochen werden …“
Besonders aufschlussreich sind die konkreten Details zur Schwächung des imperialisischen Konkurrenten Frankreich und England, sowie die Annexion der kleinen Nachbarstaaten im Westen.
„ In jedem Fall abzutreten, weil für die Erzgewinnung unserer Industrie nötig, das Erzbecken von Briey.
Ferner in Raten zahlbare Kriegsentschädigung; sie muss so hoch sein, dass Frankreich nicht imstande ist, in den nächsten achtzehn bis zwanzig Jahren erhebliche Mittel für Rüstung anzuwenden.
Des weiteren: ein Handelsvertrag, der Frankreich in wirtschaftliche Abhängigkeit von Deutschland bringt, es zu unserem Exportland macht, und es ermöglicht, den englischen Handel in Frankreich auszuschalten. Dieser Handelsvertrag muss uns finanzielle und industrielle Bewegungsfreiheit in Frankreich schaffen – so, dass deutsche Unternehmungen nicht mehr anders als französische behandelt werden.“
Der westliche Teil Belgiens, Flandern mit der Region um Ypern und Dixmuide hatte durch den Überfall Deutschlands eine Hauptlast des Krieges zu tragen. Die brutale Verletzung der belgischen Neutralität sollte jedoch nach den Kriegszielen von Bethmann-Hollweg nur der Auftakt zu einer weit schicksalsschwereren Zukunft sein. Für die kleineren deutschen Anliegerstaaten im Westen, die heutigen Benelux-Staaten, sah er nämlich im Prinzip die staatliche Liquidierung vor.
In seiner Denkschrift hieß es dazu:
„2. Belgien. Angliederung von Lüttich und Verviers an Preußen, eines Grenzstriches der Provinz Luxemburg an Luxemburg.
Zweifelhaft bleibt, ob Antwerpen mit einer Verbindung nach Lüttich gleichfalls zu annektieren ist.
Gleichviel, jedenfalls muss Belgien, wenn es auch als Staat äußerlich bestehen bleibt, zu einem Vasallenstaat herabsinken …
3. Luxemburg. Wird deutscher Bundesstaat und erhält einen Streifen aus der jetzt belgischen Provinz Luxemburg und eventuell die Ecke von Longwy. …
6. Holland. Es wird zu erwägen sein, durch welche Mittel und Maßnahmen Holland in ein engeres Verhältnis zu dem Deutschen Reich gebracht werden kann.
Dies engere Verhältnis müsste … Holland … äußerlich unabhängig belassen, innerlich aber in Abhängigkeit von uns bringen. Vielleicht ein die Kolonien einschließendes Schutz- und Trutzbündnis, jedenfalls enger Zollanschluss, eventuell die Abtretung von Antwerpen an Holland gegen das Zugeständnis eines deutschen Besatzungsrechts für die Befestigung Antwerpens wie für die Scheldemündung wäre zu erwägen.“
Von erschreckender Aktualität sind die Vorhaben für die Schaffung einer Art Vorläufers für die „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG“, dem Vorgänger der jetzigen EU. Es macht beklommen zu sehen, wie nach 1945 der deutsche Imperialismus mit seiner Europa-Politik sich im Rahmen dieser alten strategischen Überlegungen Zug um Zug die Vorherrschaft in Europa trotz zweier verlorener Weltkriege erobert hat.
Punkt 4 der Kriegszieldenkschrift lautete:
„4. Es ist zu erreichen die Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbandes durch gemeinsame Zollabmachungen, unter Einschluss von Frankreich, Belgien, Holland, Dänemark, Österreich-Ungarn, Polen und eventuell Italien, Schweden und Norwegen. Dieser Verband, wohl ohne gemeinsame konstitutionelle Spitze, unter äußerlicher Gleichberechtigung seiner Mitglieder, aber tatsächlich unter deutscher Führung, muss die wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands über Mitteleuropa stabilisieren.“
Aufschlussreich und ein deutlicher Hinweis auf die verheerende Kontinuität der Afrika- und Russland-Politik der gegenwärtigen „Großen Koalition“, die dem französischen Imperialismus und Konkurrenten nicht länger mehr allein die Dominanz in seinen früheren Kolonialgebieten im mittleren und nördlichen Afrika überlassen will, ist auch der nächste Punkt:
„5. Die Frage der kolonialen Erwerbungen, unter denen in erster Linie die Schaffung eines zusammenhängenden mittelafrikanischen Kolonialreiches anzustreben ist, dergleichen die Russland gegenüber zu betreibenden Ziele werden später geprüft. …“ (7)

Diese Kriegsziele wurden natürlich nicht auf dem offenen Markt gehandelt. Aber sie waren auch nicht völlig unbekannt. Es gab eine ganze Reihe ähnlicher Denkschriften, die veröffentlicht wurden und die sich vorzüglich mit der Denkschrift von Bethmann-Hollweg deckten. Die offizielle Politik verdeckte diese Annexionspläne aber vor Kriegsbeginn noch hinter der Losung des „Verteidigungskrieges“.
Diese Mischung wirkt bis auf den heutigen Tag. Kriege werden bis heute laut Propaganda zur „Wahrung der Menschenrechte“ geführt. Und nur selten blitzt dann hinter diesem Phrasennebel der bis heute wichtigste Grund hervor. Es geht um Rohstoffe, Verkehrswege und strategische geopolitische Fragen.
So argumentiert jetzt auch die frisch gebackene deutsche Verteidigungs- und Kriegsministerin von der Leyen, die im Gestus einer Oberkommandierenden der künftigen Armee der „Vereinigten Staaten von Europa“ auftritt.
„Ein boomendes Afrika ist eine Chance, gerade für ein Land mit einer so starken Exportwirtschaft wie Deutschland.“ (8)
Soll sich jetzt die Erfahrung früherer vergeblicher Protestaktionen gegen Krieg und Aufrüstung wiederholen? Oder kommt es jetzt zu einer Wiederbelebung der positiven Erfahrungen der bundesdeutschen Friedensbewegung der 80ger Jahre?

Der „Verrat“ der SPD, der keine Überraschung mehr war
Die SPD hatte bereits einen solchen internen Transformationsprozess hinter sich, dass die Zustimmung zu den Kriegskrediten eigentlich keine wirkliche Überraschung mehr war. Zwar gab es noch in den Monaten vor Kriegsausbruch an verschiedenen Orten sozialdemokratische Anti-Kriegsmanifestationen. Aber wer genauer hinsah, merkte bereits, dass die Entschiedenheit, einen Krieg auch zur konsequenten Mobilisierung gegen das kapitalistische System zu nutzen und zum Sturz nicht nur einer kriegstreiberischen Kamarilla aufzurufen, sondern auch zur proletarischen Revolution erloschen war.
Anders als einige der aktuellen Historiker und vor allem als die seinerzeit tonangebenden Führer der SPD und der Sozialistischen Internationale hat W.I. Lenin den Klassencharakter des I. Weltkrieges zum Ausgangspunkt der Beurteilung aller daraus folgenden militärischen und diplomatischen Aktivitäten der kapitalistischen Staaten und aller seiner politischen Überlegungen für die Beendigung des Krieges gemacht.
Nur 3 Wochen nach Kriegsbeginn entwarf er nach seiner überstürzten Abreise aus Galizien, wo ihm die Inhaftierung als „ausländischem Spion“ gedroht hatte, aus Anlass eines ersten Treffens einer Gruppe von Bolschewiki in Bern den Entwurf einer „Resolution einer Gruppe von Sozialdemokraten“, die dann rasch über illegale Kanäle in Russland Verbreitung fand. Darin hieß es gleich im ersten Satz:
„1. Der Europa und die ganze Welt erfassende Krieg trägt den klar ausgeprägten Charakter eines bürgerlichen, imperialistischen, dynastischen Krieges. Kampf um die Märkte und Raub fremder Länder, das Bestreben die revolutionäre Bewegung des Proletariats und der Demokratie im Innern der Länder zu unterbinden, das Bestreben, die Proletarier aller Länder zu übertölpeln, zu entzweien und abzuschlachten, indem man im Interesse der Bourgeoisie die Lohnsklaven der einen Nation gegen die Lohnsklaven der anderen Nation hetzt, das ist der einzige reale Inhalt, die einzige reale Bedeutung des Krieges.“ (9)

Man vergleiche dies mit der Begründung für die Bewilligung der Kriegskredite durch die SPD. Der als „links“ geltende SPD-Reichstagsabgeordnete Hugo Haase gab im Reichstag am 4.8.1914 als Begründung für die Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten folgendes an:
„Wir stehen vor einer Schicksalsstunde. Die Folgen der imperialistischen Politik, durch die eine Ära des Wettrüstens herbeigeführt wurde und die Gegensätze unter den Völkern sich verschärften, sind wie eine Sturmflut über Europa hereingebrochen. Die Verantwortung hierfür fällt den Trägern dieser Politik zu, wir lehnen sie ab. Die Sozialdemokratie hat diese verhängnisvolle Entwicklung mit allen Kräften bekämpft, und noch bis in die letzten Stunden hinein hat sie durch machtvolle Kundgebungen in allen Ländern, namentlich in innigem Einvernehmen mit den französischen Brüdern, für die Aufrechterhaltung des Friedens gewirkt. Ihre Anstrengungen sind vergeblich gewesen.“

Was wäre denn nun logisch gewesen? Logisch wäre doch wohl gewesen, gestützt auf die antimilitaristischen Beschlüsse der vorangegangenen Anti-Kriegskonferenzen nun zu einer Steigerung des Widerstands und der ja vorhandenen Anti-Kriegsstimmung aufzurufen: zum Generalstreik, zu Sabotageakten und zu einer die gesamte Bevölkerung erfassenden Protestwelle.
Es ist diese Spießbürgermentalität, diese permanente Bereitschaft sich zu ducken vor dem „Doch-nicht-mehr-zu-Ändernden“, was die sozialpsychologische Grundbefindlichkeit des Opportunismus und die Anbetung der sog. „Sachzwänge“ ausmacht. Im Grunde ist es die hundsgemeine Angst und Feigheit die „Mentalität von Sklaven“, wie Lenin mehrfach eine solche permanente Bereitschaft zum Kompromiss und zum Opportunismus kritisierte; die in der rechten SPD Führung wie auch in der opportunistischen Führung des Allgemeinden Deutschen Gewerkschaftsbundes –ADGB seit mehr als einem dutzend Jahre dominierte.

Die Politik des „Burgfriedens“
In der SPD-Fraktion dominierten spätestens seit dem Tode von Bebel die „extremsten Gewerkschaftsopportunisten“, wie es im „Handbuch zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ heißt. Der badische SPD Reichstagsabgeordnete Wilhelm Kolb erklärte 1916 in einem Rückblick, dass er „seit mehr als einem Jahrzehnt konsequent den Standpunkt vertreten habe, durch den allein die Politik des 4. August ihre prinzipielle und taktische Rechtfertigung finden kann.“ (10)
Ganz in diesem Sinne erklärte Hugo Haase in seiner Rede zur Kriegskreditebewilligung weiter: „Jetzt stehen wir vor der ehernen Tatsache des Krieges. Uns drohen die Schrecknisse feindlicher Invasionen. Nicht für oder gegen den Krieg haben wir heute zu entscheiden, sondern über die Frage der für die Verteidigung des Landes erforderlichen Mittel. Nun haben wir zu denken an die Millionen Volksgenossen, die ohne ihre Schuld in dieses Verhängnis hineingerissen sind. Sie werden von den Verheerungen des Krieges am schwersten getroffen.“
Man beachte zweierlei:
Es geht erstens angeblich nicht um „Krieg“, sondern nur um „Verteidigung“. Haase wusste aber genau, dass es um alles andere ging als um „Verteidigung“ einer von einem übermächtigen Gegner überrumpelten Nation. Und die SPD tritt zweitens völlig im Sinne des lächerlichen Satzes von Kaiser Wilhelm II. auf, der „keine Parteien sondern nur noch Deutsche“ kannte. Die SPD spricht jetzt nicht mehr von Klassengemeinschaft und von proletarischen Klasseninteressen, sondern von „Volksgenossen“.
Tiefer konnte eine marxistische Partei eigentlich nicht mehr sinken.
Welch ein gemeiner Zynismus: Die SPD macht den Weg frei zu „Hunger“ und „unermesslicher Not“; sie kalkuliert völlig zu recht mit „zehntausenden Verwundeten und Verstümmelten“ und spricht dann auch noch von „Pflicht“.
„Für unser Volk und seine freiheitliche Zukunft steht bei einem Sieg des russischen Despotismus, der sich mit dem Blute der Besten des eigenen Volkes befleckt hat, viel, wenn nicht alles auf dem Spiel. Es gilt, diese Gefahr abzuwehren, die Kultur und die Unabhängigkeit unseres eigenen Landes sicherzustellen. Da machen wir wahr, was wir immer betont haben: Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich. …Von diesen Grundsätzen geleitet, bewilligen wir die geforderten Kriegskredite.“ (11)

Für die gesamte Dauer des Krieges sollte nun die SPD einen „Burgfrieden“ mit dem deutschen Imperialismus schließen. Allein bis zum Juli 1917 bewilligte die Reichstagsfraktion alle neuen Kriegskreditvorlagen der Reichsregierung. Und am 20.Mär 1915 stimmte die Reichstagsfraktion erstmals in ihrer Geschichte auch dem Gesamtetat der Reichsregierung zu.
Die SPD war voll integriert in das System eines sich in den Kriegszeiten herausbildenden „Staatsmonopolistischen Kapitalismus“, in dem sie Teil eines Machtapparates, wenn auch eher in dienender Funktion wurde, in dem die Macht der Monopole und des bürgerlichen Staates zu einem einzigen- wenngleich nicht völlig widerspruchsfreien Mechanismen zusammenwuchsen.
Damit war auch das Ende des internationalen Zusammenschlusses der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Form der Sozialistischen Internationale besiegelt.

Lenins Kampf gegen Opportunismus und Zentrismus
Wie überraschend und erschütternd trotz alle vorherigen parteiinternen Auseinandersetzungen der Beschluss zur Unterstützung des Krieges war, wird an einer Erklärung von Karl Liebknecht von Mitte Februar 1915 deutlich. Er habe vor dem 4.8.1914 „alles Menschenmögliche getan, um die Fraktion zur Verweigerung der Kredite zu bewegen“; schrieb er an einen unbekannten Adressaten.
Es sei ihm nicht gelungen die linke Minderheit zu einer abweichenden Stellungnahme zu bewegen. „Mich ganz allein von meinen engsten Freunden aus dem radikalen Lager zu trennen schien mir damals nicht angezeigt – niemand konnte ja diesen Verfall er Partei vorausahnen. Es ging am 3./4.8. alles Hals über Kopf. Wir hatten nur Stunden, ja Minuten Zeit u. standen zu unserem Schrecken vor einer völligen Zersprengung des radikalen Flügels. Haase, selbst von der Minderheit, ließ sich zur Verlesung der Mehrheitserklärung bestimmen!
So fügte ich mich am 4. August mit Zähneknirschen der Mehrheit. Ich habe das selbst von Anfang an aufs tiefste bedauert u. bin bereit, mir jeden Vorwurf deswegen gefallen zu lassen.“ (12)
Liebknecht macht bei der Folgeabstimmung am 2. Dezember und bei der dritten Abstimmung am 20.März 1915 diesen Fehler wieder wett und wurde damit zum Fanal der deutschen revolutionären Linken. Er rettete damit die Ehre des deutschen Proletariats und der deutschen marxistischen Bewegung.
In der Frage von Krieg und Frieden zeigt sich am ehesten, ob eine Partei, die sich als „marxistisch“ und „antikapitalistisch“ definiert ihre Gegnerschaft zum Kapitalismus ernst meint oder nicht.
Das gilt besonders auch für die mittlere, die „zentristische“ Strömung, die im Unterschied zu den offenen Rechten in der Sozialdemokratie noch an marxistischem Vokabular und einer verbalen Systemkritik festhielt und auch heute als Strömung des sog. „demokratischen Sozialismus“ oder auch „sozialistischen Pluralismus“ sich in manchen Fragen noch auf Marx beruft.
Lenin hat im Oktober 1914 an einen Gesinnungsfreund, A.G. Schlapnikow, diese damals mit dem Namen Karl Kautsky verbundene internationale zentristische Strömung so beurteilt:
„ Kautsky (ist) jetzt derjenige , der den meisten Schaden anrichtet. So gefährlich und niederträchtig ist seine Sophistik, die mit den glattesten und öligsten Phrasen die Gemeinheiten der Opportunisten bemäntelt (…) Die Opportunisten sind ein klar erkennbares Übel, Das deutsche ´Zentrum` mit Kautsky an der Spitze ist ein verstecktes , diplomatisch verbrämtes Übel, das Auge, Verstand und Gewissen der Arbeiter verkleistert, ist das allergefährlichste Übel. Unsere Aufgabe ist jetzt der bedingungslose und offene Kampf gegen den internationalen Opportunismus und gegen seine Schirmherren (Kautsky) …
Mit aller Kraft muss man jetzt den berechtigten Hass der klassenbewussten Arbeiter gegen die schändliche Haltung der Deutschen wachhalten und aus diesem Hass politische Schlussfolgerungen gegen den Opportunismus und gegen jede Nachsicht ihm gegenüber ableiten. Das ist eine internationale Aufgabe. Und diese Aufgabe haben wir zu erfüllen, es gibt sonst niemanden, der es täte. Wir dürfen diese Aufgabe nicht aus dem Auge lassen. Die Losung der ´einfachen` Wiederherstellung der Internationale ist falsch (denn die Gefahr einer faulen, versöhnlerischen Resolution auf der Linie Kautsky-Vandervelde ist sehr, sehr groß!) Die Losung ´Frieden` ist falsch. Die Losung muss sein. Umwandlung des nationalen Krieges in den Bürgerkrieg.“ (13)

Die gesamte Herangehensweise Lenins an die Frage von Krieg und Frieden in den Folgejahren lässt sich nicht trennen von seinem Bemühen um die Formierung einer starken kommunistischen Bewegung im eigenen Lande wie auch international. Die Höhepunkte waren die erfolgreiche Oktoberevolution und die Gründung der Kommunistischen Internationale; in Deutschland war es die Gründung der KPD um die Jahreswende 1918/19.
Das war ein mühsamer Weg. So wie auch die Herausbildung der Kommunistischen Partei in Deutschland ein langwieriger Weg war. Er führte über viele Schritte, die sich aus Zeitgründen hier nicht darstellen lassen.

Die Frage der „europäischen Integration“
Ich halte einen weiteren Punkt für besonders erwähnenswert, weil er mit sehr aktuellen Debatten in der heutigen europäischen Linken verknüpft ist. Dies ist die Diskussion über die „Vereinigung Europas“ als eine weitere Antwort auf den Krieg.
In der oben erwähnten Resolution der Berner Konferenz einiger Bolschewiki von August 1914 wurde nicht nur auf die konsequente revolutionäre und antimilitaristische Propaganda zum Sturz der bürgerlichen Regierungen und Parteien in allen Ländern orientiert.
Als zweite Aufgabe wurde außerdem die Propaganda für die „deutsche, die polnische, die russische usw. Republik und zugleich für die Umwandlung aller einzelnen Staaten Europas in republikanische vereinigte Staaten von Europa“ genannt.
Bei der Überarbeitung dieser Resolution, die Lenin in dem erwähnten Brief an Schlapnikow als „etwas schwer (zu) lesen“ eingestuft hatte, zu einem offiziellen „Manifest“ des ZK der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands – SDAPR wurde diese Orientierung auf ein „Vereintes Europa“ nur vier Wochen später zwar wiederholt, aber zugleich auch mit Bedingungen versehen.
Auf einer Konferenz der Auslandssektionen der SDAPR Ende Februar/Anfang März 1915 wurde dieses Manifest des Zentralkomitees ausführlich weiterdiskutiert.
In einer kurzen Vorbemerkung verwies Lenin darauf, dass auf dieser Konferenz der Auslandssektionen „die Diskussion über die Losung der ´Vereinigten Staate von Europa` einseitig politischen Charakter annahm und dass der Beschluss gefasst wurde, die Frage bis zur Erörterung ihrer ökonomischen Seite in der Presse zu vertagen.“ (14)
Im Juli 1915 veröffentlichte Lenin dann seine berühmt gewordene Broschüre Sozialismus und Krieg“. Darin verteidigte er das Recht auch der kleinen Nationen auf nationale Selbstbestimmung.
Diese Feststellung ist bis heute aktuell geblieben. Ganz in diesem Sinne vertritt die DKP in ihrem Programm zur Wahl des EU-Parlament im kommenden Mai das Recht der von der EU und der „Troika“ ausgeplünderten kleineren und in die Überschuldung gestürzten EU-Mitgliedsländer auf Austritt aus dieser Konstruktion des Imperialismus. Diese EU ist nicht einmal ein traditioneller Vielvölkerstaat wie es zu Lenins Zeiten das zaristische Russland war; sondern ein von den europäischen – darunter vor allem den deutschen Großbanken und Großkonzernen – dominiertes künstliches Produkt. Hier gilt umso mehr das Recht auf Lostrennung und Loslösung; von dem damals bei Lenin die Rede war.
Insbesondere wenn eine im Volke verwurzelte KP, wie die KKE, für ihr Volk und ihre Arbeiterklasse eine solche Perspektive für richtig hält, hat keine andre linke ausländische Organisation ,wie z.B. die „Europäische Linke“ und in unserem Land die Partei „DIE LINKE“, das Recht in diesem Zusammenhang von „Nationalismus“ zu reden.
„Recht“ auf Lostrennung bedeutet aber nicht „Pflicht“ zur Lostrennung und bedeutet auch nicht künstliche „nationale Abschottung“. Das aber muss ein jedes Land, müssen vor allem die Werktätigen eines jeden Landes autonom und ohne Druck von außen entscheiden.
Genau dies ist derzeit bei dem Versuch der EU, die Ukraine über ein Assoziierungsabkommen in den Prozess der Angliederung an die EU nach den Interessen des europäischen Groß- und Finanzkapitals und des sog. “freien Marktes“ zu zwingen, nicht der Fall. Die Ukraine soll auf einen Weg der „europäischen Integration“ gepresst werden, ohne dass das Volk der Ukraine darüber in freier Selbstbestimmung und ohne äußeren Druck entschieden hätte. Das lehnt die DKP als völlig unzulässige Einmischung ab.

Rehabilitierung der Dialektik von Nationalem und Internationalem
Wir sehen also wie bei Lenin die Frage der Dialektik von Nationalem und Internationalem nicht in einem „Entweder-Oder“ versandet, sondern wie genau er zwischen den nationalem Empfindungen und Interessen politisch unterdrückter Völker und derjenigen von Angehörigen unterdrückender Staaten unterscheidet.
Das Recht auf Loslösung und Lostrennung von staatliche Großverbänden oder „Staatenbünden“ – wie es heute die EU ist – wird immer auch in Verbindung gesetzt mit dem gemeinsamen übergeordneten Interesse des internationalen Kampfs gegen den Imperialismus. Das hat mit Kleinstaaterei und Nationalismus nichts zu tun.
Doch noch im selben Monat nimmt Lenin in einem neuen Grundsatzartikel mit dem Titel „Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa“ diesen Diskussionsfaden neu auf. Er knüpft an der Diskussion auf der Auslandskonferenz der SDAPR vom März des Jahres 1915 an und stellt fest, dass die Debatte um die Losung der „Vereinigten Staaten von Europa“ einen „einseitig politischen Charakter“ angenommen habe.
Diese Losung sei im politischen Sinne „völlig unanfechtbar“, wenn man sie in den Zusammenhang mit dem Sturz der drei reaktionärsten europäischen Monarchien stelle: dem Wilhelminischen Deutschland, dem Habsburgischen Österreich und dem Zaristischen Russland.
Doch es bleibe damit die „sehr wichtige Frage nach dem ökonomischen Inhalt und Sinn dieser Losung“ bestehen. „Vom Standpunkt der ökonomischen Bedingungen des Imperialismus, d.h. des Kapitalexports und der Aufteilung der Welt durch die ´fortgeschrittenen´ und ´zivilisierten` Kolonialmächte, sind die Vereinigten Staaten von Europa unter kapitalistischen Verhältnissen entweder unmöglich oder reaktionär.“ (15)
Das ist auch der leitende Gedanke unseres Wahlprogramms zur EU-Wahl: „NEIN zum Europa der Banken und Konzerne! JA zum Europa der Solidarität und des Widerstands!“

Die DKP hat auf ihrem 20. Parteitag beschlossen die Zusammenarbeit mit den Kommunistischen Bruder- und Schwesterparteien zu verstärken und die Frage des bisherigen Status als einer „Beobachterpartei“ der „Europäischen Linken“ bis zum folgenden Parteitag neu zu bewerten und zu entscheiden.
Die DKP zieht in mehrfachem Sinn Lehren aus den Erfahrungen der Arbeiterbewegung vor, während und nach dem I. Weltkrieg.
Die wichtigste Erfahrung ist, dass sich die Kommunistischen Partei überflüssig macht, wenn sie in den entscheidenden Fragen des Lebens der arbeitenden Menschen von den Grundlagen des Marxismus-Leninismus abweicht und einen Kurs der Anpassung an die Ideologie der herrschenden Klasse führt oder wenn sie Zweifel an ihrer eigenen politischen Linie aufkommen lässt.
In unserem Land gibt es keinen Platz für eine dritte Partei des Sozialdemokratismus neben der traditionellen SPD und der Partei „Die Linke“ als neo-sozialdemokratischen Formation.
Das sind die Lehren, die wir als DKP aus der Entwicklung zwischen 1990 und 2013 zu ziehen hatten. Und das haben wir mit dem 20. Parteitag getan.

Hans-Peter Brenner

(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_um_Verdun
(2) Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog: München (7. Auflage) 2013, S. 21
(3) Manifest des Außerordentlichen Internationalen Sozialistenkongresses in Basel am 24./25. November 1912. Zit. n. Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung; Band 2, Berlin/DDR 1966, S. 404
(4) H. Schwarz: Militärgeschichtliche Skizzen: K. Liebknecht. Krieg dem Kriege! Berlin/DDR, Militärverlag der DDR, 1986, S. 14
(5) Zit. n.: J. Lampe. Militärgeschichtliche Skizzen: Rosa Luxemburg. Im Kampf gegen Militarismus, Kriegsvorbereitung und Krieg, Berlin/DDR, 1984, S. 9
(6) Ebenda, S. 9f
(7) „Kriegszieldenkschrift“ des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg vom 9. September 1914,: Zit: n. Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Band 2. Berlin/DDR 1966, S. 435f
(8) „Nicht zur Seite schauen“. Interview mit U. von der Leyen. In DER SPIEGEL vom 27.01.2014, S. 19
(9) W.I. Lenin. Die Aufgaben der revolutionären Sozialdemokratie im europäischen Krieg. In Lenin Werke Bd. 1., Berlin/DDR 1970, S. 1f
(10) Zit: n. :Handbuch zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Band 2. Berlin/DDR 1987, S. 782
(11) Quelle: Erklärung der Sozialdemokratischen Partei zum Kriegsausbruch abgegeben vom Fraktionsvorsitzenden Haase im Reichstag (4. August 1914), aus Verhandlungen des Reichstags, XIII. LP., II. Sess., 1914, Bd. 306, S. 8 f. Zit. n.: Ernst Rudolf Huber, Dokumente zur deutschen Verfassungsgeschichte. 2 Bände. Stuttgart: Kohlhammer Verlag, 1961, Bd. 2, S. 456-57.
(12) K. Liebknecht: Brief an einen Unbekannten. 18. Februar 1915. In. Gesammelte Reden und Schriften, Bd. VIII, S. 195f.
(13) W. I .Lenin: An A.G. Schlapnikow (Brief vom 17.X.1914). In W.I. Lenin: Briefe, Bd. IV (August 191-Oktober 1917), Berlin/DDR, 1967 S 11 ff
(14) W.I. Lenin: Die Konferenz der Auslandssektionen der SDAPR. In Lenin Werke Band 21, S. 147
(15) W.I. Lenin: Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa, a.a.O., S. 342f

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Eine Veranstaltung der Salzburger Gesellschaft für dialektische Philosophie

22. März 2014 :

“3. Salzburger Tagung für dialektische Philosophie”

Unsere Tagungen sind der kritischen Erschließung, Entwicklung, Vertiefung, Auf- und Ausarbeitung sowie Anwendung und Umsetzung der dialektischen Philosophie in ihren verschiedenen Ausprägungen und ihrer Geschichte gewidmet.

Vorträge bei dieser Tagung sind:

Andreas Arndt (Berlin): Hegel und die absolute Idee. Zum Konzept der Dialektik bei Hegel

Thomas Metscher (Grafenau): Integrativer Marxismus

Andreas Egger (Salzburg): „…und worin noch niemand war: Heimat“. Ernst Blochs „Ontologie des Noch-nicht-Seins“

Georgios Kolias (Wien): Logik und Objektivität. Der rationale Kern von Hegels subjektiver Logik.

Hannes A. Fellner (Wien): Einheit und Widerspruch in der frühen Philosophie Chinas und Griechenlands

Hier der Zeitplan:

10:00 Empfang
10:25 Eröffnung
10:30 Einheit und Widerspruch in der frühen Philosophie Chinas und Griechenlands. Hannes Fellner, Wien.
11:00 Diskussion
11:15 Pause
11:30 Logik und Objektivität. Der rationale Kern von Hegels subjektiver Logik. Georgios Kalios, Wien.
12:00 Diskussion
12:15 Pause
12:30 „…und worin noch niemand war: Heimat“. Ernst Blochs „Ontologie des Noch nicht Seins“. Andreas Egger, Salzburg.
13:00 Diskussion
13:15 Mittagspause
15:00 Integrativer Marxismus. Thomas Metscher,
16:15 Diskussion
16:45 Pause
17:00 Hegel und die absolute Idee. Zum Konzept der Dialektik bei Hegel. Andreas Arndt, Berlin.
18:15 Diskussion

Quelle und weitere Informationen: Salzburger Gesellschaft für dialektische Philosophie

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Von den Vandalen

Zum 65. Jahrestag der DDR – Eine Buchempfehlung

merkel-kohlOb man den Ostgermanen mit heutigen Begriffen gerecht wird, ist unerheblich. Von Bedeutung ist, daß Einigkeit darüber besteht, ihr Tun als roh zerstörerisch zu betrachten. Dieser Konsens kann bei Begriffen wie Demokratie und (Presse-)Freiheit nicht angenommen werden. So würde Widerspruch hervorrufen, bei der ZDF-Berichterstattung über die ersten Tage der XXII. Olympischen Winterspiele von Vandalismus zu sprechen.
Das ist eine Frage des Standpunktes. Diese Truppe führt in Sotschi flanierende Bundesbürger vor, denen alles dort aus Pappe gebaut erscheint. Das war nicht abgestimmt mit den Leuten, die von der umweltzerstörerischen Gigantomanie der Olympiabauten zu reden haben. Der Unterschied wird kaum registriert. Wie primitiv, ja widersprüchlich das oft ist, tritt hinter dem Effekt zurück, dem, was hängen bleibt.
So kommt eine Art Wahrnehmungs-Schizophrenie zustande: Bei der Eröffnungs-Zeremonie der Winterspiele registriert das Auge eine festliche Stimmung, eine Vielfalt von Farben und Nationen und über die Ohren schleichen sich davon völlig abweichende Informationen in den Kopf. Interessant wird, welche Frau neben Putin steht. Eine Fackelträgerin – das sei aber nur ein Gerücht – habe er geschwängert. Die kleinste Entscheidung zu Olympia, selbst die zum Maskottchen, sei von ihm getroffen worden.
Reporter der öffentlich-rechtlichen Anstalten müssen aus Verdienstgründen manches erzählen, aber diese „Marschrichtung“ kann ihnen nur von den verantwortlichen Redakteuren eingehämmert worden sein.
Über primitiv könnte man sich zur Not noch lustig machen, wenn dahinter nicht die Arroganz vom deutschen Wesen, an dem die Welt genesen wird, hervorschimmerte. Etwa zur gleichen Zeit besucht der oberste deutsche Pfarrer asiatische Staaten und erklärt ihnen, was eine Demokratie ist und Frau Merkel instruiert ihren Agenten Klitschko, was in Kiew getan werden sollte, damit die Regierung endlich begreift, was sie an der Europäischen Union hat. Etwas muß in den Köpfen der Menschen vorgehen, damit der Vandalismus eine Realität wird. Und so könnte man, die Hintergründe des Geschehens begreifend, sagen: Lasst sie doch von der Leine und ihr werdet sehen, was geschieht.

Die Ostdeutschen konnten Erfahrungen sammeln mit dem Verhältnis von Sprüchen zur Realität, mit dem „Kohl“ von den „blühenden Ländern“ und anschließendem Vandalismus. Damit sind wir bei unserer Buchempfehlung.
Die 120-seitige Publikation von Dr. Peter Michel „Kulturnation Deutschland? – Streitschrift wider die modernen Vandalen“ wird nicht nur als empfehlenswert herausgegriffen, weil sie im Verlag Wiljo Heinen (den man sich merken sollte) erschien, sondern, weil sie mehr als jede gängigen „Pleite-Erklärungen“ zur DDR an einem speziellen, aber entscheidenden Sujet, die Wirkungen des kapitalistischen Systems illustriert.
Das in einer Weise, die dem aufgeklärten Menschen hilft, Herz und Verstand zu mobilisieren, um die nötige Kraft wiederzugewinnen, irgendwann (in absehbarer Zeit) aus dem jetzigen Schlamassel herauszukommen. Von den 10 Kapiteln ist „Eine Spur der Schande“ das längste und „Eine Typologie des Vandalismus“ das kürzeste.
Im einen wird an vielen Beispielen, vorwiegend der baugebundenen Kunst, gezeigt, was ideologisch motiviert möglich ist, bevor Menschen verbrannt werden. Im anderen, zweieinhalb Seiten umfassend, liefert der Autor die Essenz dessen, was die dargestellten Schandtaten verkörpern. Am Anfang des Kapitels steht der Satz: „Jede geschichtliche Zäsur geht mit der Neubewertung von Kultur, Ethik, Moral und Kunst einher.“ Und es endet: „Stets geht es darum, eine Bewußtseinsänderung herbeizuführen, mit dem Bagatellisieren und Ignorieren von Kulturwerten Erinnerungen zu beseitigen oder zu verändern. Vandalismus gegen Kultur ist stets auch Raub an kulturellem Erbe und hat die Erniedrigung der Schöpfer und Rezipienten zum Ziel.“

Hans-Günter Szalkiewicz

Verlag Wiljo Heinen, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin, Mail: wiljo.heinen@verlag-wh.de, Preis 7,50 Euro

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Endkampf um die Ukraine ?

Im deutschen Bundestag tobt heute der Mob. CDU/SU, SPD und Grüne hetzen zum Umsturz in der Ukraine. Während die ukrainischen Faschisten zum bewaffneten Kampf übergehen, fordert der Bundestagspöbel den „Verzicht auf Gewalt“ – von der ukrainischen Regierung. Die Eskalation der Gewalt in Kiew erfolgt nicht zufällig nach dem Besuch Klitschkos und seines Kumpans von der Nationalpartei in Berlin.

Jeder, der sehen will, sieht, dass in der ukrainischen gewalttätigen Opposition die Faschisten die Initiative übernommen haben. Im Bundestag blieb es allein der Linkspartei vorbehalten, darauf aufmerksam zu machen, wofür sie von den Pogromhetzern der Grünen heftig attackiert wurde. Die scheinheiligen Gesänge über Demokratie und Freiheit kaschieren nur noch notdürftig das deutsche Gebrüll nach Vorherrschaft über die Ukraine.

Falls der Coup gelingt, werden sich die ukrainischen Bürgerinnen und Bürger in einer noch schlechteren Lage finden, als sie es schon sind. Eine Putschregierung wird nicht stabile politische Verhältnisse bedeuten. Die EU-deutschen Vorgaben sind eine weitere bedeutende Ansenkung des Lebensniveaus der Massen durch sogenannte Reformen, wie sie aus den osteuropäischen EU-Staaten, Griechenland, Irland und Portugal schon bekannt sind, bis hin zum Zusammenbruch der medizinischen Versorgung und zum Hunger. Es entsteht die Gefahr eines Auseinanderreissens des Landes nach dem Beispiel Jugoslawiens. Und der nächste Happen ist, ohne dass im Moment die deutschen Expansionisten davon sprechen, schon im Visier: Moldawien.

Ruhige politische Verhältnisse unter ihrer (konkurrierenden) Dominanz sind für die Herrschenden in der BRD und den USA nicht die einzige Option. Ein beständiger Unruheherd an den russischen und weissrussischen Grenzen und in den Kaukasus hinein könnte für ein weiteres Ausgreifen auf diese Staaten sogar vorteilhafter sein. Hier ist nicht mehr von Afhanistan oder Syrien, von Mittlerem und Nahen Osten die Rede. Die Kriegsgefahr wächst auch in Europa. Sie ist die unerbittliche Konsequenz imperialistischer Anmassung, Einmischung und Aggression. Der Imperialismus ist auch eine Bedrohung der Völker Europas, der Bürgerinnen und Bürger in den imperialistischen Hauptländern wie Deutschland selbst.

„Das haben wir nicht gewollt !“? – Das genügt nicht. Das haben so viele Menschen in Deutschland im 20. Jahrhundert zweimal gesagt. Zweimal zu spät. Notwendig ist zu sagen: Das wollen wir nicht ! – Und es den Kriegstreibern der bürgerlichen Parlamentsparteien so nachdrücklich zu sagen, dass sie es berücksichtigen müssen !

Hier der Livstream von RT.News vom Maidanplatz  . Das sind die „friedlichen Demonstranten“.

Die Ereignisse haben den folgenden Artikel von Hans Berger und Sebastian Range bei Hintergrund vom gestern, Mittwoch, 19.Februar, zum Teil schon wieder überholt. Aber hier wird ein realistisches Bild gezeichnet, das die öbszönen Lügengemälde der Mainstreammedien widerlegt:

Im Endkampf

In der Ukraine probt die Opposition den Bürgerkrieg. Schützenhilfe bekommt sie von westlichen Politikern und MedienVon Hans Berger und Sebastian Range

Der Maidan in Kiew brennt. Hunderte vermummte Demonstranten liefern sich seit Stunden durchgängig Gefechte mit den Berkut, den Spezialeinheiten der Polizei. Steine und Molotow-coctails fliegen auf die Polizisten, die schießen mit Gummigeschossen und Tränengas zurück. Beide Seiten sind schwer bewaffnet, von beiden Seiten soll auch scharfe Munition eingesetzt worden sein. Wie viele Tote es gibt, ist unklar, die meisten Quellen gehen am Mittwoch Vormittag von über 20 aus, darunter mindestens sieben Polizisten.

Der Narrativ der westlichen Politik und der tonangebenden Medien ist so parteiisch wie faktisch falsch: Ein blutrünstiger Despot, der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch, lässt aus heiterem Himmel die friedlich auf dem Maidan kampierenden proeuropäischen Demonstranten angreifen, woraufhin ein kleiner Teil von diesen auch zur Gewalt greift. Weder werden die weitgehenden Kompromissvorschläge der Regierung Janukowitsch erwähnt, noch der Umstand, dass innerhalb der Protestbewegung eine neofaschistische Strömung dominiert, die sich im Endkampf um eine ethnisch saubere, von Russland befreite Ukraine sieht, und deshalb alles daran setzt, eine Eskalation des Konflikts herbeizuführen.


Siehe auch: Faschisten zum Vorbild, Wer mit wem gegen wen?


Deutschland als Konfliktpartei

Die Realität in der Ukraine passt nicht in die Geschichte eines „ukrainischen Frühlings“. Seit Wochen sehen wir Bilder von vor allem passiven Berkut-Einheiten, die sich nahezu ohne Gegenwehr halb oder ganz tot schlagen lassen und einen paramilitärischen Sturmtrupp rechtsradikaler Organisationen, der sich auf die finale Schlacht vorbereitet. (1)

Die westlichen Medien interessiert das kaum. Noch wenige Tage vor dem jetzigen Gewaltausbruch brachte der österreichische Standard die Foto-Lovestory „Valentinstag auf dem Kiewer Maidan“, die vermummte Rechte mit Blumensträußen zeigt. Auf mehreren Bildern (einige wurden mittlerweile entfernt) war die Wolfsangel, ein Symbol der Faschisten, zu sehen – selbstverständlich unkommentiert. (2)

Springers Bild, wie immer auf der Jagd nach der großen Sensation, versorgt seine Leser mit einem Live-Stream von der „Todesnacht“, bemüht um Authentizität, die durch die Anwesenheit des „Reporters“ Paul Ronzheimer gewährleistet werden soll. Es sei „der blutigste Tag in der Geschichte des Landes gewesen“, so die notorisch geschichtsvergessenen Springer-Propagandisten. (3) Die Zeit als die Ukraine noch Reichskommissariat war und die Vorbilder des heute demonstrierenden „Rechten Sektors“ von SS und Wehrmacht, Jagd auf Kommunisten und Juden machten, spielt hier keine Rolle mehr. Konsequenterweise fühlt sich Bild dann auch nicht verpflichtet, mitzuteilen, wer denn hier eigentlich auf den Barrikaden kämpft. Es sind „Regierungsgegner“, „Demonstranten“, „die radikale Opposition“.

Keine inhaltliche Anmerkung zur ideologischen Ausrichtung der Sturmtrupps der Opposition findet sich auch beim Spiegel. (4) Hier wird zwar noch ausgewogener angemerkt, dass „beide Seiten“ Gewalt ausüben, allerdings fehlt wieder jeder Hinweis auf Ziele und politische Provenienz der „vermummten Kämpfer“. Auch die Tagesthemen fühlen sich nicht bemüßigt, auf die starke Präsenz von Neonazis und extremen Nationalisten hinzuweisen. Die Demonstranten seien hier „um für Demokratie zu demonstrieren“, die Kämpfer der Rechten heißen hier schlichtweg „Aktivisten“. (5) Die Schuldfrage wird klar beantwortet: Die „bis dahin friedliche Demonstration“ von Regierungsgegnern sei von der Polizei angegriffen worden, erst dann kam es zu Straßenschlachten. Die Tagesthemen begnügen sich allerdings nicht mit der parteiischen Darstellung dessen, was passiert, sie wollen selbst noch ein wenig Politik machen. Dafür tritt Michael Strempel vom WDR auf, der „die politischen Folgen“ kommentieren darf. Als einziger in dem langen Beitrag erwähnt er wenigstens die „gewalttätigen rechtsextremen Demonstranten“ und ihre Mitschuld an der Eskalation. Allerdings spielt das für seine Schlussfolgerungen kaum eine Rolle. Er fordert Sanktionen, und zwar nur gegen den „Clan von Präsident Janukowitsch“: „Deutschland und die EU können in dieser Situation nicht einfach neutral sein“.

Sind sie auch nicht. Seit Beginn der Proteste finanziert und unterstützt die Europäische Union – und hier insbesondere Deutschland – die Opposition in der Ukraine massiv. Vitali Klitschko kann ohne Umschweife als Merkels Mann in Kiew gelten, aber es ist nicht allein die CDU, die auf die Osterweiterung mit anderen Mitteln drängt. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) weiß: „Es hat Gewalt und Gegengewalt gegeben im Laufe des Tages. Aber es obliegt den Sicherheitskräften, jetzt dafür zu sorgen, dass eine Deeskalation stattfindet, dass die Gewaltanwendung nicht noch ausgeweitet wird.“ (6) Die „Zurückhaltung, die sich Europa auferlegt hat, bei der Entscheidung über persönliche Sanktionen“ werde überdacht, wenn die Gewalt nicht aufhöre. Eine Einladung für all jene im Land, die seit langem auf Sanktionen hoffen.

Offen parteiisch äußerte sich Bundespräsident Joachim Gauck: „Es ist nicht hinnehmbar, was wir dort erleben: dass gegen friedliche Demonstranten mit dieser Härte vorgegangen wird, dass Todesopfer zu beklagen sind.“ Und weiter: „Wir stehen an der Seite derer, die für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit dort kämpfen.“ Eine krassere und undifferenziertere Einmischung in eine unübersichtliche Konfliktlage ist kaum denkbar.

Aber nicht nur die EU drängt auf eine weitere Zuspitzung des Konflikts. Wenn es um die Ausweitung der westlichen Einflusssphäre gen Russland geht, dürfen die Vereinigten Staaten nicht fehlen. US-Vizepräsident Joe Biden forderte gar Janukowitsch auf, seine Polizei abzuziehen (7).

Verharmlosung der Faschisten

Diejenigen, die nicht gleich ganz verschweigen, wer die Proteste dominiert, bemühen sich, den extrem nationalistischen, antisemitischen, faschistischen Charakter der Kräfte rund um die rechtsradikale Partei Swoboda und die Nazi-Hooligans aus dem „Rechten Sektor“ zu verschleiern. Das hat Tradition. Schon in ihren Strategiepapieren vor Ausbruch der Krise beschrieb die CDU-nahe Konrad Adenauer Stiftung die Swoboda zwar so: „Hervorgegangen ist Swoboda 2004 aus der rechtsradikalen Gruppierung ‚Sozial-Nationale Partei‘, die ihre Anlehnung an die nationalsozialistische Ideologie der NSDAP nie verborgen hatte.“ Die Partei bleibe zwar „ethnozentristisch und homophob“, bemühe sich aber „gemäßigt“ zu wirken. Trotzdem rechnet die KAS diese Gruppierung dann zu den „demokratischen Oppositionsfraktionen“. (8)

Rührend ist die Homestory des ZDF über Oleg Tjagniboks Swoboda. Andrij Cholowka, Mitglied der Partei, darf erzählen, dass vor dem Zweiten Weltkrieg „Nationalismus etwas Positives“ war und sich „leider“ nach dem Zweiten Weltkrieg die Meinung durchgesetzt habe, dass er doch nicht so toll sei. Nach ein bisschen Verharmlosung des Nazi-Kollaborateurs Stepan Bandera resümiert der Sprecher: „In früheren Jahren extrem radikal, scheint Swoboda in den letzten Jahren zahmer geworden zu sein.“ Und zum Schluss: „Swoboda und der rechte Sektor: Die Nationalisten in der Westukraine haben gute Karten, in einer Nation, die jahrhundertelang nicht sein konnte, und jetzt auch auf der Suche nach sich selbst ist.“ (9)

Dass im Parteiprogramm der Swoboda immer noch die „Ukraine den Ukrainern“ gefordert wird, ihr Vorsitzender von einer „russisch-jüdischen Mafia“ schwadroniert, die Sturmtrupps auf der Straße faschistische Symbole tragen, die Partei Trauermärsche für den Kriegsverbrecher Stepan Bandera organisiert und gute Kontakte zur NPD pflegt – wen interessiert´s? Der Führer der Swoboda zählt dennoch zu den offiziellen Gesprächspartnern deutscher wie US-amerikanischer Diplomaten, zu den Bündnispartnern Vitali Klitschkos sowieso. (10)

Gewollte Eskalation

Die Eskalation der Ereignisse am Dienstag ist Ausdruck der Schwäche der vom Westen geförderten Protestbewegung. Deren Mobilisierungsfähigkeit hatte in den vergangenen Wochen zusehends nachgelassen – zuvor schon hatte sich nur eine kleine Minderheit der Ukrainer an den Protesten beteiligt. Nur im westukrainischen Galizien, traditionelle Hochburg anti-russischer Ressentiments, verfügt die Maidan-Bewegung über einen gewissen Rückhalt in der Bevölkerung. In Kiew selbst und anderen Großstädten des Landes wie Charkow ist es ihr nicht gelungen, maßgebliche Teile der Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen. Im Gegenteil wächst der Unmut der Ukrainer gegenüber den gewaltsamen und vom Ausland gesteuerten Provokateuren. Immer lauter wird der Ruf, der Staat möge endlich durchgreifen und dem rechten Spuk unter dem Banner der EU ein Ende bereiten.

Kaum mehr als zwanzigtausend Menschen, zumeist Mitglieder verschiedener rechtsextremer Organisationen, ließen sich in den letzten Wochen noch zum Unabhängigkeitsplatz mobilisieren, davon viele mit Bussen eigens aus der Westukraine herangekarrt. Der vor allem von faschistischen Kräften aufrechterhaltene „Druck der Straße“ konnte die Regierung nicht ernsthaft in Bedrängnis bringen, da sich im Laufe der Zeit immer klarer herauskristallisierte, dass es sich bei den Protesten nicht um einen breiten Volksaufstand handelt, sondern um eine vom Westen finanzierten Putschversuch – nicht zuletzt Dank des geleakten Telefonats der US-Diplomatin Victoria Nuland, die davon sprach, dass allein die USA bereits fünf Milliarden US-Dollar in den Regime-Change investiert haben.

Da ein Umsturz aus eigener Kraft nicht zu bewerkstelligen ist, soll und muss es die westliche Interventionsgemeinschaft richten. Ganz offen bettelt Witali Klitschko, dessen Partei UDAR bei den Wahlen 2012 knapp vierzehn Prozent der Stimmen bekam, inzwischen um eine ausländische Intervention.

Die Eskalation der Ereignisse am Dienstag kann daher nicht wirklich überraschen. Schon vor Wochen drohten die als fünfte Kolonne der USA und der EU agierenden Kräfte mit „Massakern“ und einem „Guerillakrieg“, sollte die Regierung nicht kapitulieren. (11) Die zeitlichen Abläufe verdeutlichen, dass die Opposition gezielt die Eskalation gesucht hat, um dem Westen einen größeren Handlungsspielraum zu ermöglichen, Druck auf die gewählte ukrainische Regierung auszuüben.

Zur Ablenkung ging die Maidan-Bewegung am Wochenende erstmals auf ein Verhandlungsangebot der Regierung ein. Am Montag räumten die EU-Anhänger das von ihnen seit Monaten besetze Kiewer Rathaus. Im Gegenzug wurden im Rahmen einer Amnestie knapp zweihundert Menschen entlassen, die während der Krawalle festgenommen worden waren. Auch wurden sämtliche Verfahren gegen sie eingestellt. Zuvor hatten die Regierungsgegner den Kompromiss noch abgelehnt und auf einer „bedingungslosen Amnestie“ beharrt.

Wer nun auf eine Entspannung der Lage gehofft hatte, sollte sich irren. Denn die Räumung des Rathauses war nur eine öffentlichkeitswirksame Finte, mittels derer die im Hintergrund betriebene Eskalation kaschiert werden sollte. (Folgerichtig wurde das Rathaus am Dienstag auch wieder von der Opposition angegriffen.)

Denn gleichzeitig hatten Swoboda und andere faschistische Kräfte wie der „Rechte Sektor“ am Wochenende eine Großmobilisierung ihrer Mitglieder nach Kiew durchgeführt – und auf einem abendlichen Fackelmarsch ihre Kampfbereitschaft demonstriert. (12) Zudem rief der „Rechte Sektor“ alle Anhänger auf, die über Schusswaffen verfügen, zum Maidan zu kommen. (13) In den vergangenen Tagen stellten die patrouillierenden Einheiten der Opposition immer offener ihre Waffen zur Schau.

Während sich die Bürgerkriegsarmee formierte, reisten die mit der Swoboda verbündeten Anführer der Oppositionsparteien Vaterland und UDAR nach Berlin. Dort trafen sich Arseni Jazenjuk von der Vaterlandspartei und Witali Klitschko am Montag mit Vertretern der Bundesregierung – und dürften sich dabei die Weihe zum offenen Losschlagen geholt haben. Mit martialischer Rhetorik hatte Klitschko in den vergangenen Wochen immer wieder Öl ins Feuer gegossen und alle Kompromissangebote ausgeschlagen. Dass mit ihm ein demokratischer und friedlicher Wechsel nicht zu machen ist, stellte der im Auftrag Berlins agierende Ex-Boxchampion vor zwei Wochen unter Beweis, als er zur Bildung von „Bürgerwehren“ aufrief – ein unverhohlener Aufruf zur Bildung einer Bürgerkriegsarmee. (14)

Keine Kompromisse

Während die ukrainische Regierung seit Monaten der Opposition ein Zugeständnis nach dem anderen macht, zeigt sich diese wenig kompromissbereit und stellt immer neue Forderungen in dem Bewusstsein, dass diese nicht erfüllt werden können – um dann medienwirksam die Regierung einer „harten Linie“ zu bezichtigen. So verhält es sich auch im Fall der von Bundeskanzlerin Merkel während des Treffens am Montag öffentlich unterstützten Forderung nach einer Verfassungsreform. Noch vor Wochen lehnte die Opposition ein Angebot der Regierung zu Gesprächen über eine solche Reform ab, die das Ziel hatte, die Befugnisse des Parlamentes gegenüber dem Präsidenten zu stärken. Klitschko und Jazenjuk hatten auch das Angebot ausgeschlagen, Regierungsposten zu übernehmen. (15)

Was dem Treffen in Berlin folgte, war eine durchgeplante Inszenierung. Im Rahmen einer „Demonstration“ für die Verfassungsreform gingen die „mit Lastwagen voller Pflastersteine, Knüppeln, Granaten und Schusswaffen“ (junge Welt) ausgerüsteten EU-Fußtruppen am Dienstagnachmittag auf Polizeieinheiten los, die den Weg zum Parlament versperrten. Diese verteidigten sich zaghaft mit Blend- und Tränengasgranaten, und beließen es dabei wie schon in den vergangenen Monaten, die Angriffe mit stoischer Ruhe über sich ergehen zu lassen. (16)

Gleichzeitig griffen die Sturmtruppen der Opposition die Kiewer Zentrale der regierenden Partei der Regionen an und setzten diese in Brand. Mindestens ein Mensch wurde dabei von den in den westlichen Mainstreammedien weiterhin als „weitgehend friedlich“ bezeichneten „Demonstranten“ getötet. Auch die seit Monaten besetzte Gewerkschaftszentrale wurde von ihnen in Brand gesetzt, nachdem sie dort dem Druck der Polizei weichen mussten. Auch im Gewerkschaftshaus befanden sich noch Menschen, als das Feuer gelegt wurde. Mehrere Polizisten wurden im Laufe des Tages durch den Einsatz von Schusswaffen getötet und schwer verletzt. Auch einige Parlamentarier entgingen nur knapp dem Tod, nachdem es ihnen gelang, in ihren Fahrzeugen dem gewalttätigen Pro-EU-Mob zu entkommen.

Angesichts der Ereignisse blieb den Sicherheitskräften nichts anderes übrig, als gegen die sich auf dem Maidan befindliche Zentrale des Terrors vorzugehen. Was in jedem EU-Staat eine Selbstverständlichkeit wäre – man stelle sich die Reaktion der hiesigen Medien und Politik vor, würden Demonstranten die CDU- oder SPD-Zentrale in Brand stecken, und Polizisten und Regierungsanhänger erschießen – sorgt im Fall der Ukraine für einen Aufschrei der Empörung.

Nun droht der Westen mit Sanktionen, während die friedliebenden Demokraten vom Maidan Waffenlieferungen aus dem Ausland fordern. Auch der tschechische Präsident Milos Zeman mischt sich ein und fordert Neuwahlen. Der 69-Jährige plädierte für „Stimmzettel statt Kugeln“. Präsident Janukowitsch selbst hatte vor zwei Wochen vorzeitige Parlaments- und Präsidentenwahlen in Aussicht gestellt. „Falls wir Politiker uns nicht einigen können, so sind vorgezogene Wahlen der einzige demokratische Ausweg, wie die Krise zu lösen ist“, wurde der Staatschef zitiert. (17)

Auch dieses Angebot verhallte ungehört. Vertreter der Opposition mögen nun Neuwahlen scheinheilig fordern, doch ein wirkliches Interesse daran haben sie nicht. Denn die schwindende Unterstützung der vergangenen Wochen hat gezeigt, dass sie Janukowitsch per Stimmzettel wahrscheinlich nicht aus dem Amt drängen können.

Anmerkungen

(1) http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Politik/d/4184116/rechte-schlaeger-kapern-die-protestbewegung.html (2) http://derstandard.at/1389860484913/Valentinstag-auf-dem-Kiewer-Maidan (3) http://www.bild.de/politik/ausland/ukraine/strassen-schlachten-vor-dem-parlament-34730014.bild.html (4) http://www.spiegel.de/politik/ausland/kaempfe-in-kiew-janukowitschs-truppen-gegen-klitschkos-opposititon-a-954328.html (5) http://www.ardmediathek.de/das-erste/tagesthemen/tagesthemen?documentId=19763402 (6) http://www.youtube.com/watch?v=cV2aVANiWI8 (7) http://www.spiegel.de/politik/ausland/maidan-in-kiew-biden-fordert-von-janukowitsch-ende-der-gewalt-a-954325.html (8) http://www.kas.de/wf/doc/kas_34772-1522-1-30.pdf?130619175939 (9) http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2092072/Ukraine-Rolle-der-Swoboda–Partei#/beitrag/video/2092072/Ukraine-Rolle-der-Swoboda–Partei (10) http://www.jungewelt.de/2013/12-06/047.php (11) http://rt.com/news/ambassadors-us-kiev-protesters-252/ (12) http://www.youtube.com/watch?v=cB_abx2Z5j4 (13) http://www.jungewelt.de/2014/02-19/056.php (14) http://www.faz.net/aktuell/politik/kiew-klitschko-ruft-zur-bildung-von-buergerwehren-auf-12781740.html (15) Siehe: http://www.hintergrund.de/201401302975/politik/politik-eu/ukraine-westen-forciert-buergerkrieg.html (16) Siehe: ebd. (17) http://www.n-tv.de/politik/Janukowitsch-denkt-an-Neuwahlen-article12205001.html

Quelle: hintergrund.de, 19. Februar 2014

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Traue Deinen Augen nicht !

Bilder können nicht lügen ? – Und wie sie das können ! Jede neue Kriegsvorbereitung, jeder imperialistisch gesteuerte Putsch wird von einer Propagandawalze begleitet, in die die gröbsten Fälschungen und Lügen eingespeist werden. Zu jedem Krieg und jeder Intervention gibt es einen zweiten – den gegen die Köpfe des Publikums, das für die Duldung oder sogar Unterstützung der imperialistischen Verbrechen gewonnen werden soll. Sobald ein Gauck von Menschenrechten spricht, ist Gefahr in Verzug.

RedGlobe hat einige Beispiele aus Venezuela zusammengestellt. Es ist schier unglaublich, mit welcher Unverfrorenheit das Publikum manipuliert wird.

Traue Deinen Augen nicht !

Notwendig sind Medien, die nicht manipulieren, sondern nach bestem Wissen und Gewissen informieren. Von den Mainstreammedien ist das nicht zu erwarten. Da helfen keine Appelle an die journalistische Moral. Wer zahlt, schafft an. Und die bürgerliche Journaille wird von den Eigentümern der Konzernmedien bezahlt.

Nur Medien „von unten“ können ein Gegengewicht schaffen. Gegen BLÖD, SZ und Tagesshow hilft zum Beispiel die UZ, die Wochenzeitung der DKP, eine Zeitung für den Durchblick.

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junge Welt:
Nachruf. Zum Tod des Politikwissenschaftlers und Historikers Reinhard Kühnl

Von Kurt Pätzold

Am 10. Februar 2014 hat die Lebensuhr des Reinhard Kühnl aufgehört zu schlagen. Morgen werden sich in Marburg in der Friedhofskapelle am Rotenberg Freunde, Kollegen, einstige Studenten, Mitstreiter, Weggefährten versammeln, um sich an der Seite seiner Frau Elke von ihm zu verabschieden. Und auf wie vielerlei Weise sie sich an ihn auch erinnern mögen, es wird den meisten ein Mann vor Augen stehen, hinter einem Rednerpult, vor sich zwei oder drei Zettel, auf denen er die Stationen seines Vortrags notiert hatte, der binnen kurzem seine Zuhörer zu fesseln vermochte, sie durch die Logik seines Gedankenweges ebenso beeindruckte wie durch die Fähigkeit, Kompliziertes allgemeinverständlich und einprägsam auszudrücken, ohne es zu vereinfachen. Ohne daß ich ihn das je zitieren hörte, er hielt sich an Kurt Tucholskys Ratschläge für einen guten Redner: »Hauptsätze. Hauptsätze. Hauptsätze.« Und hinter dem, was er sagte, standen unbezweifelbar eine Überzeugung und eine Haltung. Er sprach, was heute gar bei Schauspielern eine Erwähnung wert ist, deutlich und im unverwechselbaren Ton seiner böhmischen Geburtsstadt, und das, ohne je laut zu werden.

Doch der Vortragende in Hörsälen der Marburger Universität, auf wissenschaftlichen Tagungen, an Volkshochschulen, vor Teilnehmern von Lehrerweiterbildungen, Mitgliedern und Funktionären der Gewerkschaftern vielerorts in der Bundesrepublik, also vor unterschiedlichem Publikum, das sich von ebenso verschiedenen Vereinen, Verbänden und Gesellschaften einladen ließ – das war nur der halbe Mann. Vor diesen Auftritten lag die Kärrnerarbeit in der Studierstube und ein selbst auferlegtes Pensum von Schriftlichem, von Aufsätzen für Zeitschriften und Zeitungen, von Manuskripten für Bücher. Der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek verzeichnet für die Jahre von 1965 bis 2003 insgesamt 93 Schriften, die er verfaßte oder herausgab oder an deren Produktion er sonst beteiligt war. Unter ihnen einige mit sechsstelligen Auflagenhöhen.

Forschungsfeld Faschismus

Reinhard Kühnl hat als Politologe und Historiker ein weites Feld beackert. Es reicht zeitlich vom Ausgang der Novemberrevolution bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs und widmet sich in einer speziellen Studie den Zukunftsplänen des Exils, des Widerstands und der alliierten Siegermächte für das militärisch geschlagene Nazideutschland. Eine Ausnahmestellung nimmt die Arbeit über Deutschlands Entwicklung seit der Französischen Revolution ein, die der bis heute diskutierten Frage nach dem »deutschen Sonderweg« nachging. Ein zweites Gebiet waren historisch-politische Fragen der Geschichte der Bundesrepublik und dabei vor allem die Entwicklungen der Kräfte am äußersten rechten Rand ihrer Gesellschaft. Zu den Arbeiten, die er in Marburg zum Zwecke seiner Habilitation vorlegte, zählte eine Abhandlung über die Geschichte der Nationaldemokratischen Partei (NPD). Ein drittes Terrain bildeten seine Analysen der geistigen Entwicklung im westdeutschen Staat und insbesondere jener Prozesse, die sich in den Geschichtswissenschaften vollzogen. Dazu gehören Beiträge, deren Gegenstand der »Historikerstreit« war. Der war entbrannt, als der Versuch unternommen wurde, den Ursprung und die Vorgeschichte des Massenmordens an den europäischen Juden aus der deutschen Geschichte in die der Sowjetunion zu exportieren. Reinhard Kühnl hat die Geschichtswissenschaft, was ihre Funktionen, wesentlichen Gegenstände, Wirkungen, Gebrauchsweisen und Mißbräuche anbelangt, als politische Wissenschaft angesehen. Und er ging davon aus, daß politische Fragen von Gewicht sich ohne die Kenntnis ihrer Geschichte nicht tiefgründig beantworten lassen. Wo begann der Lebenspfad, auf dem sich solche Hinterlassenschaft findet?

Reinhard Kühnl wurde in dem westböhmischen Dorf Schönwerth (heute ein Ortsteil des tschechischen Kraslice) am 25. Mai 1936 geboren. Die Ortschaft bewohnten Menschen, Katholiken zumal, die mehr nach Wien denn nach Berlin blickten. Seine Eltern gehörten zu den Klein- oder richtiger Kleinstbauern, mit einer »Mütze Wind« hinterm Haus, in Worten: mit vier Hektar Feld und ebenso viel Hektar Wald. Hier hat er Fortbewegung nicht nur auf den eigenen Beinen gelernt, sondern auch auf Skiern. Dann gehörte er zu denen, die mehr als andere Landsleute den Krieg und was die Deutschen in Europa angerichtet hatten, mochten sie daran direkt beteiligt gewesen sein oder nicht, mit dem Verlust ihrer Heimat zu bezahlen hatten. Sein Lebensweg wurde der eines Umsiedlers. Er führte nach Westen.

Die Familie fand eine neue Bleibe auf einem Weg über ein Aufnahmelager im Hessischen, und Reinhard gelangte an eine zur Hochschulreife führenden Schule in Nidda. Dann begann er sein Studium in Marburg, wo er sich der Geschichte, Politikwissenschaft, Germanistik und Soziologie widmete. Nach Semestern in Wien kehrte er dahin und in das Umfeld der Schüler Wolfgang Abendroths zurück. Die Entscheidung darüber, wo sich Reinhard Kühnl wissenschaftlich beheimaten würde, fiel mit dem Thema und während der Arbeit an seiner Dissertation, die er 1965 vorlegte und die im darauf folgenden Jahr als Buch veröffentlicht wurde. Ihr Gegenstand, »Die nationalsozialistische Linke 1925–1930«, war jene Gruppe, an deren Spitze Otto Strasser stand und die sich 1930 mit einer Erklärung unter dem Titel »Die Sozialisten verlassen die ­NSDAP« von der von Hitler diktatorisch geführten Partei trennte, ohne daß die Abspaltung je größeren Einfluß gewinnen konnte. Das Thema führte ihn nicht nur in die Frühgeschichte der faschistischen Partei, bevor ihr der Durchbruch bei den Reichstagswahlen 1930 zur Massenpartei gelang, sondern es war eng mit Fragen nach Wesen und Charakter der politischen Bewegung verbunden, die ein italienisches Vorbild besaß, ohne dessen Abziehbild zu werden. Faschismustheorien wurden von da an das zentrale Forschungsfeld Kühnls, und das in dreifachem Sinne: Zum einen durch die Aufnahme der materialistischen Faschismusanalysen aus der Zeit der Republik und vor allem des Exils, dann in den Auseinandersetzungen mit den in der bürgerlichen westdeutschen Historiographie offerierten Deutungen des Faschismus sowie drittens und hauptsächlich durch die Fortentwicklung der marxistischen Faschismustheorie und die Überwindung ihrer Unzulänglichkeiten und Dogmatisierungen.

In feindlicher Umgebung

Diese Arbeiten hat Kühnl in einer seinen methodologischen Ansatz nicht nur ablehnenden, sondern ihm feindlichen Umgebung geleistet. Deren Vertreter hielten sich nicht an akademische Umgangsformen. Sie zeigten ihm bald ihre Instrumente, die von der politischen Verdächtigung bis zur wissenschaftlichen Diffamierung reichten. Nur trafen sie auf keinen Schreckhaften. Dabei schien es ihnen noch als das Geringste, daß er sich, was übrigens nicht nur Marxisten tun, des Begriffs Faschismus bediente, während bis in die Schulbücher der Etikettenschwindel »Nationalsozialismus« durchgesetzt wurde. Doch nichts haben die Klopffechter der bürgerlichen Gesellschaft ihm mehr verübelt als die Konsequenz, mit der er nach dem sozialen Boden fragte und forschte, auf dem dieses Unheil sich entwickeln konnte, und daß er es im Boden eben dieser Gesellschaft wurzeln und aus ihr hervorwachsen sah. Wer das tat oder heutigen Tages tut, ist ein Fall für den Verfassungsschutz, jedenfalls für den bayerischen. In dessen Verständnis wird damit die beste aller denkbaren menschlichen Ordnungen herabgesetzt und angefeindet.

Kühnl hat die Herrschafts- und staatlichen Organisationsformen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft untersucht und zwischen ihnen zu unterscheiden gelehrt, so daß er an zwei Fronten kämpfte. Zum einen gegen jene, die den deutschen Faschismus mehr oder weniger als das Produkt eines historischen Zufalls ansehen und ihn gleichsam als ein fremdes Implantat in die deutsche Geschichte mißverstehen. Zum anderen gegen den Mangel an Unterscheidungsvermögen zwischen den staatlichen Ausprägungen und Formen dieser Gesellschaft, der sich beispielsweise im inflationären Gebrauch des Terminus Faschismus äußerte, der so – ähnlich der Verwendung der Begriffe Totalitarismus oder Extremismus – als ein politischer Knüppel gehandhabt wurde.

Zu den Fragen, die Kühnl ausdauernd erforschte, gehört die nach den Beziehungen zwischen den traditionellen Herrschaftsschichten der deutschen Gesellschaft, deren Einfluß und Macht sich auf ihr wirtschaftliches Schwergewicht gründet, und der aufkommenden Führergruppe der ­NSDAP, zu deren Faustpfand der Massenanhang umso mehr wurde, je ärger die Befürchtungen des großen Kapitals und des Grundbesitzes wurden, daß ihnen die Macht entgleiten oder entrissen werden könnte. Auch hier gegen Vereinfachungen argumentierend, bezog Kühnl für seine Darstellung des Verhältnisses von Partei und Kapital und dessen Wandel Anregungen aus der Bonapartismus-Theorie. Zugleich entwickelte er eigene Vorstellungen vom Zusammenwirken der wirtschaftlichen und politischen Führungskräfte, das er als ihr Bündnis bezeichnete. Damit hat er unter materialistischen Historikern auch Widerspruch gefunden, jedenfalls aber Diskussionen angeregt, deren Ergebnis ihnen half, die zählebigen Verleumdungen, sie würden in Hitler und seiner Führungsgruppe einzig Agenten des Kapitals erblicken, zurückzuweisen.

Marburger Schule

Kühnl hatte sich 1971 in Marburg auch habilitieren können, nachdem Versuche gescheitert waren, die von ihm dafür vorgelegten Schriften als wissenschaftlich wertlos herabzusetzen und das Verfahren zum Scheitern zu bringen. Im gleichen Jahr erhielt er die Ernennung zum Professor. 1973 nahm er, eingeladen von Walter Grab, eine Gastprofessur in Tel Aviv an. Bald stand sein Name, verglichen mit der vorherrschenden Praxis an anderen westdeutschen Universitäten, für eine alternative Ausbildung von Studenten. Um ihretwillen kamen viele am wissenschaftlichen Verständnis von Politik und Geschichte interessierte junge Leute nach Marburg. Sie folgten einer Anziehungskraft, die schon und fortdauernd von Wolfgang Abendroth ausgegangen war, der dort schulbildend gewirkt hatte. Mit Kühnl, Georg Fülberth, Frank Deppe und anderen fand diese Marburger Schule eine Fortsetzung. Sie galt ihren Gegnern als ein aus der Universitätslandschaft der Bundesrepublik zu beseitigender Fremdkörper. Tatsächlich hofften diese, als nach 1990 die marxistischen Wissenschaftler in Berlin-Ost und von Jena bis Rostock auf dem Wege der »Erneuerung« ihrer Universitäten Zug um Zug entlassen wurden, auch die Marxisten und Sozialisten an den höchsten Lehranstalten im Gebiet der Altbundesrepublik loszuwerden. Das scheiterte, weil dafür das notwendige Sonderrecht nicht geschaffen werden konnte. So hat Kühnl bis zu seiner Emeritierung 2001 weiter lehren können. Für die Zeit danach waren ihm hinreichend Kräfte geblieben, vor Zuhörern zu reden und mit ihnen zu diskutieren. Anläßlich des 8. Mai 2005, da wurde an das 60 Jahre zurückliegende Kriegsende und die Zerschlagung des Faschismus erinnert, hat er an 20 Orten in der Bundesrepublik gesprochen. Auch an der Ehrung seines Lehrers Abendroth anläßlich von dessen 100. Geburtstag war er 2006 noch als einer der Sprecher beteiligt. Bald darauf jedoch machte ihn ein unaufhaltsam fortschreitender Krankheitsprozeß unfähig, auf diese Weise weiter tätig zu sein und öffentlich hervorzutreten. Schließlich verstummte er, erst als Autor und Lehrer, dann in den letzten Jahren auch im Wortsinn.

Die meisten Jahrzehnte im Leben von Reinhard Kühnl lagen in Zeiten des Kalten Krieges und unter der Drohung, daß der in einen heißen, und das hieß in einen mit Atomwaffen ausgetragenen dritten Weltkrieg umschlug. Mit diesem Zustand hat er sich nicht abgefunden. Weder als Wissenschaftler – er legte Publikationen vor, die sich mit der Geschichte der Friedensbestrebungen befaßten –, noch als politischer Bürger. Es gehört zu seinen Verdiensten und denen derjenigen, an deren Seite und an deren Spitze er stritt, den Protest gegen die Aufrüstung und namentlich gegen die atomare Bewaffnung der Bundesrepublik wieder und wieder zur Sprache gebracht und auf Straßen und Plätze getragen zu haben. Das beinhaltete seit den siebziger Jahren die Pflege von Arbeits- und politischen Kontakten mit Wissenschaftlern in der Deutschen Demokratischen Republik, die in mehrfacher Hinsicht das Zusammentreffen mit Geistesverwandten war. Jena, ein Mekka der Faschismusforscher im ostdeutschen Staat, wurde für Kühnl zur wohl meistbesuchten Stadt jenseits der Grenze. Er war nicht der einzige, aber vielleicht der regelmäßigste Teilnehmer an jenen alljährlichen Kolloquien, die auf Initiative Manfred Weißbeckers stattfanden und in denen Ergebnisse geleisteter Forschungen vorgetragen und Projekte für künftige vorgestellt wurden. Kühnls Beiträge gaben darüber hinaus ein Bild von Kontinuität und Wandel des geistig-politischen Zustands der westdeutschen Gesellschaft und der Rolle der Geschichtswissenschaften.

Notwendige Organisation

Zu den vielen Tätigkeiten des politischen Wissenschaftlers gehörte sein Beitrag zur Herstellung friedfertiger Beziehungen der Bundesrepublik zur benachbarten Tschechoslowakei – und das zu Zeiten, da von Revanchisten geführte Organisationen jeden Schritt zur Normalisierung des zwischenstaatlichen Verhältnisses sabotierten. Kühnl unterstützte die Arbeit jener nach dem Volksfrontmodell in Bremen entstandenen Gruppe, die sich Lidice-Initiative nannte. Ihre Gründer waren bremische Pastoren, Gewerkschafter, Mitglieder der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Die Gruppe traf sich mit tschechischen und slowakischen Partnern in Kladno, Prag, Bratislawa, Bremen und, auch das ging auf Kühnls Teilnahme zurück, zu einer Tagung in Marburg.

Schon diese unvollständige Aufzählung besagt, daß Reinhard Kühnl ein Schwerarbeiter war. Nicht aus irgendeinem Zwang oder aus Fanatismus oder Sucht. Er lebte wie viele, die über alle Enttäuschungen hinweg davon überzeugt blieben, daß diese Welt besserungsfähig ist und daß, wer dazu beitragen kann, es auch gemeinsam mit seinen Gesinnungsgenossen anpacken soll. Das schloß für ihn das aus der Geschichte gewonnene, in ihren Abläufen immer wieder bestätigte Wissen ein, daß dafür Kooperation und Organisation unerläßlich sind. Daraus erwuchs ein weiteres seiner Arbeitsfelder, sein Einsatz für die Gründung des Bundes demokratischer Wissenschaftler und seine vieljährige Mitwirkung in dessen Leitung.

Bei all dem wurde er nicht ein hastiger, getriebener, seine Kräfte in Dauerarbeit verbrauchender Zeitgenosse. Er hat sich in keiner Lebensphase solchen Genüsse verweigert, die eben nicht auf Kosten anderer gingen. Er war ein Radwanderer von Ausdauer. Er liebte es, sich in Österreichs Bergen skilaufend zu erholen. Er, ein im Nebenfach studierter Germanist, besaß eine Vorliebe für die Lyrik, die so weit reichte, daß er Freunden Gedichte vorlas und vortrug, die ihm gefielen – zu denen gehörten u.a. die Bertolt Brechts, Rainer Maria Rilkes, Albert Chamissos und Gottfried Benns – und von denen er meinte, daß sie auch seine Zuhörer erreichen könnten.

Erinnerungen an Tote verbinden sich mit Begegnungen, Erlebnissen, Gesprächen, mit der schriftlichen Hinterlassenschaft ihrer Arbeit – und dies alles verknüpft sich mit Bildern. Unter den meinen, die aus dem Leben Reinhard Kühnls herrühren, ist dieses: In einem Hotel im damals jugoslawischen Zagreb sitzen sich nach einem anstrengenden Konferenztag er und Wolfgang Ruge, Historiker am Geschichtsinstitut der Akademie der Wissenschafter der DDR und vor allem durch seine Monographien zur Geschichte der Weimarer Republik ein engerer Fachkollege, gegenüber. Sie kämpfen. Ihre Waffen sind Schachfiguren. Das Spiel am Brett verrät etwas vom Charakter beider. Aufgeben war nicht ihre Sache. Das ist mehr als ein Vierteljahrhundert her. Jugoslawien, unser Gastgeberland, existiert nicht mehr. Wolfgang Ruge verstarb 2006. Nun gehört auch Reinhard Kühnl zu den Toten. Was bleibt? Am Ende doch nur das, was die Lebenden aufnehmen und fortsetzen. Es entscheidet sich daran, ob sie Wege suchen und beschreiten, die Reinhard Kühnl fand und ging. Es waren, sollte ich es in einem Wort sagen, die eines Aufklärers.

Auswahl seiner Publikationen:

– Die nationalsozialistische Linke 19251930. Meisenheim am Glan, 1966 (Dissertation, Universität Marburg, 1965)

– Die NPD: Struktur, Programm und Ideologie einer neofaschistischen Partei. Berlin 1967; gemeinsam mit Rainer Rilling, Christine Sager: Die NPD: Struktur, Programm und Ideologie einer neofaschistischen Partei. Frankfurt am Main 1969

– Deutschland zwischen Demokratie und Faschismus: Zur Problematik der bürgerlichen Gesellschaft seit 1918. München 1969

– Formen bürgerlicher Herrschaft. Liberalismus, Faschismus. Reinbeck bei Hamburg 1971

– Totalitarismus: Zur Problematik eines politischen Begriffs (gemeinsam mit Martin Greiffenhagen, Johann Baptist Müller). München 1972

– Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten. Köln 1975

– Faschismustheorien: Ein Leitfaden. Reinbeck bei Hamburg 1979; aktualisierte Neuauflage. Heilbronn 1990

– Der Faschismus: Ursachen, Herrschaftsstruktur, Aktualität. Eine Einführung. Heilbronn 1983

– Die Weimarer Republik. Errichtung, Machtstruktur und Zerstörung einer Demokratie. Ein Lehrstück. Reinbeck bei Hamburg 1985

– Nation Nationalismus nationale Frage: Was ist das und was soll das? Köln 1986

– Vergangenheit, die nicht vergeht. Die »Historiker-Debatte«. Dokumentation, Darstellung und Kritik. Beiträge zum Historikerstreit. Köln 1987

– Gefahr von rechts: Vergangenheit und Gegenwart der extremen Rechten. Heilbronn 1990

– Deutschland seit der Französischen Revolu­tion: Untersuchungen zum deutschen Sonderweg. Heilbronn 1996

Quelle: junge Welt, 13.02.2014

via kominform.at

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„Zerschellt an den Klippen des Lebens“?
Über Baronesse Jenny von Westphalen, verheiratete Marx

Was soll man über eine Frau denken, deren Mann im Brief an seinen künftigen Schwiegersohn über sie folgendes schreibt: „Soweit es in meiner Macht steht, will ich meine Tochter vor den Klippen bewahren, an denen das Leben ihrer Mutter zerschellt ist.“ Ein „zerschelltes“ Leben! Meint der Schreiber das ernst?

Der Brief stammt von August 1866. Absender war kein geringerer als Karl Marx. Der Adressat war Paul Lafargue, später prominenter französischer Sozialist und Ehemann der mittleren Marx-Tochter Laura. Die Rede war von Jenny Marx, geborene Baronesse von Westphalen (geboren am 12.2.1814 in Salzwedel, gestorben am 2.12.1881 in London). Sie war die Stiefschwester des konservativen, bigotten und selbstgefälligen preußischen Innenministers Ferdinand von Westphalen. Ihr Vater, Ludwig von Westphalen, war Regierungsrat in Trier und ein humanistisch gebildeter, politisch sehr liberal gesonnener Mann. Über ihre Großmutter, Jeanie Wishart of Pittarow, führte ihre Ahnenreihe zum schottischen Adelsgeschlecht der Grafen von Argyll, aus dessen Reihen der englische König Heinrich II. stammte.

Nach dem Marx-Brief zu urteilen müsste ihr Leben überwiegend freudlos verlaufen und vielleicht sogar sinnlos gewesen sein. Machte es dann Sinn sich mit ihr zu befassen? Nur um dann schließlich zu bedauern, wie manche Biographinnen es tun (z. B. Françoise Giroud: „Das Leben der Jenny Marx“ oder Ruth Zimmermann: „Jenny Marx und ihre Töchter. Frauen im Schatten des Revolutionärs“).

Das „schönste Mädchen Triers“ und die Liebe

Die junge Baronesse galt als „Ballkönigin“ und als „das schönste Mädchen“ von Trier. Eigentlich wollte sie zuerst ganz standesgemäß den schneidigen Offizier Karl von Pannewitz heiraten. Er beeindruckte sie als Tänzer; er konnte gut Schlittschuh laufen und, so schreibt ihre Biographin Francoise Giroud, er konnte „gut küssen“. Aber schon als Jenny ihm von Hamlet vorschwärmte, musste sie erkennen, an welch hohle Nuss sie geraten war. „Hamlet? Wer ist das?“, soll er gefragt haben. Und als sie sich dann noch über die Brutalität der französischen Armee empörte, die im Juli 1830 auf die demonstrierende und hungernde Pariser Bevölkerung geschossen hatte, war es bald ganz aus mit der Schwärmerei. Pannewitz verstand gar nicht, wo sie das Problem sah. „Ein Soldat hat zu schießen, wenn er den Befehl dazu bekommt.“ So einfach war das für ihn. Die knapp 18-jährige Jenny zog die Konsequenz; sie löste die Verlobung auf. „Ich habe mich geirrt. Sie zu heiraten wäre ein Fehler“, soll sie gesagt haben.

Aber beging sie dann nicht bald den nächsten, ungleich tragischeren Fehler? Sie verliebte sich in den vier Jahre jüngeren Karl Marx, den sie als Spiel- und Schulkameraden ihres Bruders Edgar schon lange kannte. Mit 21 verlobte sie sich (zunächst) heimlich mit ihm; sieben lange Jahre musste sie ausharren. Oft packten sie starke Zweifel an der Ernsthaftigkeit seiner Liebe, bis der lebenslustige, ungestüme und gar nicht so zielstrebige Student sie schließlich heiratete. Der noch vorhandene Briefwechsel aus dieser Zeit belegt, wie sehr sie zwischen Sehnsucht und Verzweiflung hin und her schwankte.

War ihr anschließendes Leben, das sie in mehrfachem Exil (Paris – Brüssel – Paris – London), bedrängt von Schuldnern und Pfandleihern verbrachte, nicht doch ein „Drama“? Stand sie nicht doch lebenslang „dienend“ im Schatten des von seiner Familie angeblich als „Gott“ verehrten Gatten?

Entscheidung für ein Leben in Not

So war das nicht. Gewiss war sie in Denken, und Fühlen und in ihrer Reflexion über die grundsätzliche Rolle der Frau ein „Kind ihrer Zeit“. Wie sollte es auch anders sein? In der Tat rebellierte sie nicht dagegen, dass sie im Leben der Familie Marx nach außen vor allem die Rolle der bis ins Alter „schönen und vornehmen Dame“ spielte. Sie hatte ihre „glücklichsten Tage“, wie sie in ihren autobiographischen Notizen „Kurze Umrisse eines bewegten Lebens“ schrieb, als sie die „kritzlichen Aufsätze“ ihres Mannes abschrieb und kopierte. Und das wird kein reines Vergnügen gewesen sein. Seine Schrift war so unleserlich, dass er sich nicht einmal dazu eignete, als Schreibkraft für die Londoner Eisenbahn die allernötigsten Pennys zu verdienen. Wo bleibt da die Autonomie, die eigene Leistung? Insofern entspricht Jenny Marx sicher nicht dem Ideal einer Variante von bürgerlichem „Feminismus“, dem heute der Fakt, dass eine Frau Kanzlerin ist, wichtiger ist als die Inhalte, für die diese Person steht.

Die bittersten Jahre

Die ersten Jahre im Londoner Exil, besonders 1850-1852, waren nach ihren Worten „Jahre der äußersten Sorgen, beständiger aufzehrender Angst, großer Entbehrungen aller Art und selbst wirklichen Mangels“. In einem Brief an Joseph Weydemeyer vom 20.5.1850, schrieb sie inmitten des schlimmsten Elends: „Mein Mann ist hier fast erdrückt worden von den kleinlichsten Sorgen des bürgerlichen Lebens, und zwar in einer so empörenden Form, dass die ganze Energie, das ganze ruhige, klare, stille Selbstbewusstsein seines Wesens nötig waren um ihn in diesen täglichen, stündlichen Kämpfen aufrechtzuerhalten.“

Und nicht nur einmal erlebte sie solche entwürdigenden finanziellen Umstände. Lange dauerte es, viel zu lange – sie war fast 54 Jahre alt – dass nach diversem Auf und Ab, inklusive auch einiger finanziell günstigerer Phasen, schließlich Friedrich Engels der Familie Marx eine feste jährliche Summe zum Überleben zahlen konnte. All die Jahre zuvor hatte er zig Male Retter in der höchsten Not spielen müssen, worunter Jenny Marx noch mehr litt als ihr eher zum Stoizismus neigender Mann.

War also ihr Leben tatsächlich „zerschellt“?

Trotz alledem widerspreche ich Marx´ Einschätzung und teile nicht nur nicht die Meinung ihres Mannes, dem ich in der Regel in seinen Urteilen zustimme. Ich widerspreche ihm und auch der Meinung von Margarete Mitscherlich, der berühmten Psychoanalytikern, die über Jenny und die Töchter der Familie Marx einst geschrieben hatte: „Das Tragische im Leben dieser Familie lässt sich anfänglich an dem psychischen Elend und der Überforderung von Frau Jenny Marx, geborene von Westphalen, ablesen. … ´Küche, Kinder und Sozialismus´ beherrschten ihr Leben nicht weniger als die drei K´s (Küche, Kinder, Kirche) dasjenige der durchschnittlichen bürgerlichen Hausfrauen ihrer Zeit; wobei der Sozialismus auf Grund der tiefen Bindung an den Vater noch eine weit größere innere Verpflichtung für sie darstellte als für die meisten anderen die Kirche.“ (M. Mitscherlich: Einleitung zu „Die Töchter von Karl Marx. Unveröffentlichte Briefe.“ 1981, S. XIV-XV)

Diese Art von Geschichtsbewältigung widerspräche nicht nur der tatsächlichen Bedeutung Jenny Marx´ für die sozialistische Bewegung hat, sie stünde auch im Gegensatz zu ihrer eigenen Selbsteinschätzung. In ihren autobiographischen Notizen schildert sie, wie die Familie Marx mit Hilfe des Erbes der Mutter Jennys 1856 ihr erstes kleines Häuschen im neuen Londoner Stadtviertel Hampstead Heath bezog und außerdem dank neuer, aber unregelmäßiger Einkünfte aus der journalistischen Arbeit von Karl für die New Yorker „Herald Tribune“ einige Zeit in einem ersten ökonomischen „Zwischenhoch“ verbringen konnte. Doch dann schreibt Jenny, die schwierige Zeit im Londoner Westend mit den späteren verbesserten Lebensumständen vergleichend, ganz überraschend: „Ich sehnte mich oft nach meinen langen Spaziergängen in den belebten Straßen des Westend zurück, nach meinen Meetings, unseren Klubs und der gewohnten Kneipe mit ihrem traulichen Geplauder, bei denen ich so oft die Sorgen des Lebens eine Zeitlang vergessen hatte.“ Und zum neuen Leben in den deutlich verbesserten materiellen Verhältnissen sagte sie: „La vie de bohème (das Bummelleben) hatte ein Ende, statt dass man bisher frei und offen den Kampf der Armut im Exil gekämpft hatte, galt es von neuem, den Schein der Ehrbarkeit wenigstens aufrechtzuerhalten. Wir segelten mit vollen Segeln ins Philisterium hinein, … da war noch derselbe kleine Druck, dasselbe Ringen, noch alle der kleine Jammer, dasselbe intime Verhältnis mit den rettenden 3 Kugeln (gemeint ist damit der Pfandleiher, HPB) – aber der Humor war dahin. Den wirklichen Druck des Exils fühlte ich erst in dem ersten Stadium unseres bürgerlich-honetten Philosterlebens. Doch war dieser Übergang nötig. Es musste mit der Vergangenheit gebrochen sein. Schon der Kinder wegen mussten die ebnen Wege des geregelten, respektablen Bürgerlebens eingeschlagen werden.“

Wer mit solchem Wehmut sein Leben in materieller Not rückblickend als Bohème bezeichnet, der kann nicht darin „zerschellt“ gewesen sein. In ihren Erinnerungen wird immer wieder deutlich welche Lebensenergie und Lebensfreude in ihr steckte, wie sehr sie auch am Leben hing und wie sehr die Entwicklung ihrer drei überlebenden Töchter Jenny, Laura und Eleanore für sie eine Quelle von Glück und Lebensbejahung war – trotz vieler Konflikte auch mit ihnen.

Keine tragisch Leidende

Schließlich sah auch Karl Marx selbst in seiner Frau weit mehr als eine tragisch leidende Mutter und Hausfrau. Ebenso taten es ihre Kinder und die politischen Weggefährten der Familie Marx. Derselbe Paul Lafargue, dem Marx 1866 die bittere Notiz über seine Frau geschrieben hatte, zeichnet in seinen Erinnerungen von 1890 ein ganz anderes Bild von ihr: „Marx hatte so hohe Achtung vor der Intelligenz und dem kritischen Sinn seiner Frau, dass er mir 1866 sagte, er habe ihr alle seine Manuskripte mitgeteilt, und er lege großen Wert auf ihr Urteil.“ Und Stephan Born, ursprünglich Mitglied des Bundes der Kommunisten und späterer Mitbegründer der Gewerksgenossenschaften, der Vorläufer der Gewerkschaftsbewegung, war schon lange kein politischer Freund des revolutionären Marx mehr, als er über Jenny Marx 1898 in einem Rückblick so urteilte. „Ich habe … selten eine in ihrer äußeren Erscheinung wie in ihrem Herzen und Geiste so harmonisch gestaltete Frau gekannt, die bei der ersten Begegnung so sehr für sich eingenommen hätte wie Frau Marx. … Frau Marx lebte in den Ideen ihres Mannes, sie ging dabei ganz und gar in der Sorge für die Ihrigen auf und war doch himmelweit von der strumpfstrickenden, den Kochlöffel rührenden deutschen Hausfrau entfernt.“ (Zitiert nach: H. M. Enzensberger: Gespräche mit Marx und Engels, 1981, S. 76 f.)

„Mutter, Freundin, Vertraute, Beraterin“

Wahrlich, sie war kein „Hausmütterchen“. Sie war eine Genossin für Genossen in Not und Bedrängnis. Sie opferte ihr letztes Geld für die nach der Niederlage der Pariser Kommune 1871 nach England strömenden französischen Sozialisten.

Sie nahm regen Anteil an der Entwicklung der I. Internationale und korrespondierte mit sozialistischen und kommunistischen Revolutionären vieler Länder; sie war für viele eine politische Ratgeberin von hohem Rang.

Sie besaß einen eigenständigen politischen und literarischen Kopf von hoher Qualität. Ihre in den späten Lebensjahren verfassten Artikel, Kritiken und Rezensionen für die „Frankfurter Zeitung“ über zeitgenössische Literatur und Schauspielkunst zeugen von hoher Bildung und hohem intellektuellen Niveau.

Sie war unversöhnlich, kompromisslos in ihrer Ablehnung des Reformismus. Ihr Briefwechsel mit vielen Weggefährten von Marx und Engels belegen, wie sehr sie sich inhaltlich mit den Zielen der revolutionären Arbeiterbewegung identifizierte.

Wilhelm Liebknecht, der fast zwölf seiner Londoner Exiljahre in engstem Kontakt mit der Familie Marx verbrachte, schrieb über sie: „Frau Marx hatte über uns vielleicht eine noch größere Herrschaft als Marx selbst. (sie) war die erste Frau, durch welche ich die erzieherische Kraft und Macht der Frauen erkennen lernte. … Ehe ich Frau Marx traf, hatte ich die Wahrheit des Goetheschen Worts nicht begriffen: ´Willst du genau erfahren, was sich ziemt, so frage nur bei edlen Frauen an!´ Sie war mit bald Iphigenie, die den Barbaren sänftigt und bildet, bald Eleonore, die dem mit sich Zerfallenen, an sich zweifelnden Ruhe gibt – Mutter, Freundin, Vertraute, Beraterin. Sie war mir das Ideal eines Weibes, und sie ist es mir. Und – es sei hier wiederholt – wenn ich in London nicht zugrunde gegangen bin, geistig und körperlich, dann verdanke ich es zum großen Teil ihr …“

Wer solche Zeugen für sich sprechen lassen kann, der kann nicht „an den Klippen des Lebens zerschellt“ sein.

Hans-Peter Brenner

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Erstveröffentlichung in Unsere Zeit vom 3. März 2006

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Zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs

spartakus-1

Plakat 1919: Der Spartakusbund bzw.
die KPD zog die Konsequenzen aus
dem Ersten Weltkrieg gegen
Kapitalismus, Junkertum
und (neuen) Militarismus

Wir werden viel über Krieg und Frieden zu hören bekommen in diesem Jahr, in dem sich der Beginn des Ersten Weltkrieges am 1. August zum hundertsten Mal jährt. Der erste Krieg in der Menschheitsgeschichte, der tatsächlich die ganze Welt erfasste und 20 Millionen Tote, Millionen Verkrüppelte, verwüstete Landstriche, zerstörte Fabriken und zerbombte Städte hinterließ. Auch wenn sich heute keiner das Unvorstellbare eines dann dritten Weltkrieges mehr vorstellen will: Die Ursachen, die damals zum Krieg führten, sind nach wie vor nicht beseitigt, trotz aller Unterschiede zwischen damals und heute. Es hilft nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Nur wer seine Lage erkennt, kann sie ändern. Auf Draht wird deshalb dieses Jahr zum Anlass nehmen, um an einzelnen Beispielen aufzuzeigen, wie sich hinter aktuellen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen und so scheinbar ehrenhaften Vorhaben, wie „Verantwortung in der Welt“ (aus dem Koalitionsvertrag) zu übernehmen, die Gefahr eines weiteren Weltkrieges zusammenbraut. Doch wie kam es zum 1. Weltkrieg, was waren seine Ursachen?

Ein Platz an der Sonne
Der 1. Weltkrieg brach nicht einfach aus. Genauso wenig sind die Politiker und Militärs des Deutschen Reiches aus Unfähigkeit hineingeschlittert, wie neu erschienene Bücher dazu behaupten. Der 1. Weltkrieg hat sich bereits lange vor dem August 1914 angebahnt. Forderungen, wie die des damaligen Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes, Bernhard von Bülow, im Jahre 1897: „Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne“, kündigten ihn an. Wer waren diese „wir“?

Es waren die Besitzer der im 19. Jahrhundert im großen Stil gegründeten Unternehmen. Es waren die Herren von Siemens (1847) oder AEG (1883), der Deutschen Bank (1870 von einem der Siemens-Brüder gegründet), die Hütten- und Stahlbarone wie Krupp (1811) und Thyssen (1871), die Besitzer der Chemiefabriken (wie BASF, Bayer, Hoechst, jeweils 1863 gegründet). Sie waren im Vergleich zur Konkurrenz in Frankreich oder England spät dran, wo die notwendigen gesellschaftlichen Umwälzungen für eine die ganze Gesellschaft umfassende kapitalistische Entwicklung schon ein bis zwei Jahrhunderte vorher vollzogen worden waren. Dadurch hatten die deutschen Kapitalisten aber den Vorteil, ihre Fabriken mit damals modernsten Maschinen ausstatten und so im Vergleich zur ausländischen Konkurrenz hohe Profite aus der Schufterei der Arbeiter ziehen zu können. Sie konnten auf dem bisher erreichten Wissensstand der Menschheit weiter forschen und mit neuen Entdeckungen auf den Markt drängen. So schlossen sie in kurzer Zeit zur Konkurrenz auf bzw. überholten sie. Eine neue wirtschaftliche Großmacht entstand.

Neuaufteilung der Welt
Bald wurde das Deutsche Reich als „heimischer Markt“ zu klein, um die vielen Waren absetzen und das durch die Ausbeutung der Arbeiter erzielte Kapital wieder Profit bringend anlegen zu können. Doch nun mussten die Herrschaften in Deutschland erkennen, dass die Welt schon aufgeteilt war. Im Westen waren es die alten Großmächte England und Frankreich mit ihrem riesigen Kolonialbesitz in Afrika und Asien, die dem Drang der deutschen Kapitalisten nach weiteren Absatzmärkten, Einflusszonen, um ihr Kapital anzulegen, und Rohstoffen Grenzen setzten. Im Süden waren die Besitzer der Banken und Fabriken Italiens ähnlich spät dran wie in Deutschland und strebten nun ihrerseits nach Anteil an der Welt. Im Osten lag das große Russische Reich, das seinen Einfluss verteidigte. Und über dem Atlantik schlossen die Kapitalisten des erst seit gut 100 Jahren unabhängigen Staates, der USA, frei von jedem feudalen Ballast, ebenfalls schnell auf. Der Kampf um die Neuaufteilung der Welt begann, noch in tiefsten Friedenszeiten.

Zuspitzung der Widersprüche
… durch Bagdad-Bahn
Er fand seinen Ausdruck in so zivilen Unternehmungen wie dem Bau der Bagdad-Bahn, der Ende des 19. Jahrhunderts begann. Finanziert wurde er von der Deutschen Bank, die mit den aus der türkischen Bevölkerung herausgepressten Steuern, die zur Rückzahlung der Kredite mit Zins und Zinseszins gebraucht wurden, zu einer der führenden Banken der Welt aufstieg. Thyssen lieferte die Schienen, Maffei und Borsig die Lokomotiven, Bilfinger und Berger bauten die Bahnhöfe. Rüstungsprojekte für die deutsche Rüstungsindustrie wurden vereinbart, deutsche Militärberater in die Türkei geschickt. So machte sich das Deutsche Reich die Türkei abhängig und auf den Weg, seinen Einfluss weiter bis zum Persischen Golf auszudehnen. Es drang dabei in die Einflusszonen von England und Russland ein und machte sich so beide zu Feinden.

… und Panthersprung
Es folgten die Marokko-Krisen 1906 und 1911. Vor allem auf Geheiß der Gebrüder Mannesmann, Hüttenbesitzer und Röhrenhersteller, die nach den Erzvorkommen Marokkos schielten, versuchte das Deutsche Reich Marokko unter seinen Einfluss zu zwingen. Doch auch Marokko war kein weißer Fleck mehr auf der Landkarte, sondern stand unter französischer Vorherrschaft. Der Konflikt mit Frankreich wurde so weit getrieben, dass deutsche Kriegsschiffe ins Mittelmeer entsandt wurden. Das Deutsche Reich setzte zum „Panthersprung“ an, wie es damals, auf den Namen eines der Kriegsschiffe anspielend, hieß. Doch die kaiserliche Kriegsflotte musste sich zurückziehen, nachdem die englische Regierung der französischen unmissverständlich ihren Beistand gegen den Eindringling zusagte. Die Widersprüche zwischen den Mächten verschärften sich. England, Frankreich und Russland verbündeten sich zur Entente. Das Deutsche Reich schloss sich mit dem vom Zerfall bedrohten Österreich-Ungarn und Italien zum Dreibund zusammen. Überall wurde fieberhaft aufgerüstet.

Für Profit und Vaterland
Die Kriegsursachen lagen also nicht in der Fähigkeit oder Unfähigkeit der Regierungen. Diese vertraten die Interessen der Kapitalisten ihrer Staaten, die sich zur herrschenden Klasse entwickelt hatten. Dabei behaupteten sie damals, wie auch heute noch, die „nationalen Interessen“ zu verteidigen. Es waren die kapitalistischen Verhältnisse selbst, die zum Krieg drängten. Und es war vor allem das Deutsche Reich, das eine Neuaufteilung der Welt zu Gunsten seiner Kapitalistenklasse mit Gewalt erzwingen wollte. Das Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo war dann nur mehr der Vorwand für den Kriegsbeginn. Österreich-Ungarn wurde von den deutschen Verbündeten ermutigt, Serbien den Krieg zu erklären. Russland reagierte darauf mit einer Teilmobilisierung seines Militärs, woraufhin das Deutsche Reich Russland am 1. August und Frankreich am 3. August1914 den Krieg erklärte. Das große Schlachten begann – im Interesse der winzigen Klasse von zu spät groß und mächtig gewordenen Kapitalisten, die einen Platz an der Sonne wollten.

gr

Quelle: Auf Draht, DKP-Betriebszeitung München

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von Patrik Köbele 

Zwei ehemalige Mitglieder der DKP und frühere hauptamtliche Funktionäre der SDAJ, Thomas Kerstan und Gero von Randow, arbeiten heute für die Wochenzeitung „Die Zeit“.

Gemeinsam veröffentlichen Sie einen Artikel „Die Zwangsarbeiter und wir“. Es geht dabei nicht um die hunderttausenden Zwangsarbeiter, die der deutsche Faschismus verschleppte, ausbeutete und tötete, es geht um die Insassen in Gefängnissen der DDR, die dort arbeiteten, wie in so ziemlich jedem Staat. Es geht darum, das Güter, die sie herstellten ins Ausland verkauft wurden, damit die DDR Devisen erhielt und es geht darum, dass die DDR kommunistische Parteien, darunter die DKP unterstützte, auch materiell und angeblich auch von diesen Devisen.

Lassen wir die beiden selbst sprechen:

„Wir sind darauf nicht stolz, sondern schämen uns für Verblendung und Schuld. Auch damals hätten wir es besser wissen müssen. Stattdessen haben wir uns in unserer Weltsicht eingemauert. Wer weiß, ob wir uns ohne Gorbatschow, der uns neu nachdenken lies, daraus befreit hätten. Oder ohne Brandt, Schmidt und Reagan (!), die zum Sturz der freiheitsverachtenden Regime im Osten beigetragen haben. Und wir sind dankbar dafür, dass wir gewissermaßen resozialisiert wurden. Bürger der Bundesrepublik sein können, die nicht in Acht und Bann geschlagen wurden. Wohlgemerkt: Dafür wurde uns kein Bekenntnis abverlangt und keine Aufarbeitung der Vergangenheit. Wir müssen nicht zu Kreuze kriechen, sondern erhielten die Gelegenheit, unsere Schuld selbst zu erkennen.“

Was sagt man dazu? Vielleicht, dass wer so zu Kreuze kriecht, am Ende noch nicht mal im Schoß der herrschenden Klasse landet, sondern im A….

 

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Wir verbreiten gerne die folgende information weiter und wünschen dem Projekt Erfolg:

Bitte unterstützt das Filmprojekt über die Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ !

1988 reist die 20-jährige Finnin in die DDR, um an der internationalen Jugendhochschule Marxismus-Leninismus zu studieren. Im Sommer ´89 endet das Studienjahr und wenige Monate später fällt die Berliner Mauer. Nach 24 Jahren begibt sich Kirsi Marie Liimatainen auf eine filmische Reise nach Nicaragua, Südafrika, Chile, Bolivien, in den Libanon, Deutschland und Finnland, um ihre Kommilitonen wiederzutreffen. Was ist heute übrig von ihrem gemeinsamen Traum der Befreiung aller Unterdrückten?

Die finnische Regisseurin und Studentin des internationalen Lehrgangs 88/89 an der Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“, Kirsi Marie LIIMATAINEN ( Die Festung, 2013 ) dreht zur Geschichte der JHS einen Dokumentarfilm. Leider fehlt zur Fertigstellung wie immer das liebe Geld, vielleicht könnte ihr uns mit einer Publikation bei der Unterstützung durch Spender und Sponsoren helfen. Der Film besucht heute, die Absolventen von Damals und dies von Südafrika, Palästina bis Lateinamerika kurz in der ganzen Welt. Er soll aber auch die Widersprüche zwischen Theorie und DDR – Realität nicht verschweigen.

Leider habe sämtliche Rundfunkanstalten die Unterstützung eingestellt. Deshalb muss das Filmprojekt bis zum 1. März 2014 durch Spenden und Sponsoren finanziert werden. Bitte helft mit, dieses beeindruckende Projekt zu realisieren. Die Möglichkeiten der direkten Spende findet man auf der Seite:
www.startnext.de/comrade

Liebe Freunde, Fans und Unterstützer,

Das Projekt „Comrade, where are you today?“ steht jetzt unter Empfehlungen bei Startnext – Vielen Dank an Euch für Eure Unterstützung! Erste Interviewanfragen von der Presse kommen auch schon rein 🙂

Bitte erzählt von unserem Projekt zu all Euren Freunden und Bekannten! Es gibt uns unglaublich viel Kraft, zu erleben, dass so viele Menschen überall in der Welt den Film fertig sehen möchten.
Comrade, where are you today?

Liebe Grüße,
Kirsi Marie Liimatainen

Dear Friends, Fans and Supporters,
“Comrade, where are you today?” is now enlisted as featured project at Startnext – thank you for your support! First requests for interviews are there – we hope further interest from media 🙂

Please support us and tell everybody about our project! It gives us power to continue, when we see that so many Friends from all over the world want to see this film finished. Comrade, where are you today?

Hugs and Kisses,
Kirsi Marie Liimatainen

______

Quelle: DDR-Kabinett-Bochum

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Der Leitantrag zum 22. Parteitag: "Die Offensive des Monopolkapitals stoppen."

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