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Zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs

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Plakat 1919: Der Spartakusbund bzw.
die KPD zog die Konsequenzen aus
dem Ersten Weltkrieg gegen
Kapitalismus, Junkertum
und (neuen) Militarismus

Wir werden viel über Krieg und Frieden zu hören bekommen in diesem Jahr, in dem sich der Beginn des Ersten Weltkrieges am 1. August zum hundertsten Mal jährt. Der erste Krieg in der Menschheitsgeschichte, der tatsächlich die ganze Welt erfasste und 20 Millionen Tote, Millionen Verkrüppelte, verwüstete Landstriche, zerstörte Fabriken und zerbombte Städte hinterließ. Auch wenn sich heute keiner das Unvorstellbare eines dann dritten Weltkrieges mehr vorstellen will: Die Ursachen, die damals zum Krieg führten, sind nach wie vor nicht beseitigt, trotz aller Unterschiede zwischen damals und heute. Es hilft nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Nur wer seine Lage erkennt, kann sie ändern. Auf Draht wird deshalb dieses Jahr zum Anlass nehmen, um an einzelnen Beispielen aufzuzeigen, wie sich hinter aktuellen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen und so scheinbar ehrenhaften Vorhaben, wie „Verantwortung in der Welt“ (aus dem Koalitionsvertrag) zu übernehmen, die Gefahr eines weiteren Weltkrieges zusammenbraut. Doch wie kam es zum 1. Weltkrieg, was waren seine Ursachen?

Ein Platz an der Sonne
Der 1. Weltkrieg brach nicht einfach aus. Genauso wenig sind die Politiker und Militärs des Deutschen Reiches aus Unfähigkeit hineingeschlittert, wie neu erschienene Bücher dazu behaupten. Der 1. Weltkrieg hat sich bereits lange vor dem August 1914 angebahnt. Forderungen, wie die des damaligen Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes, Bernhard von Bülow, im Jahre 1897: „Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne“, kündigten ihn an. Wer waren diese „wir“?

Es waren die Besitzer der im 19. Jahrhundert im großen Stil gegründeten Unternehmen. Es waren die Herren von Siemens (1847) oder AEG (1883), der Deutschen Bank (1870 von einem der Siemens-Brüder gegründet), die Hütten- und Stahlbarone wie Krupp (1811) und Thyssen (1871), die Besitzer der Chemiefabriken (wie BASF, Bayer, Hoechst, jeweils 1863 gegründet). Sie waren im Vergleich zur Konkurrenz in Frankreich oder England spät dran, wo die notwendigen gesellschaftlichen Umwälzungen für eine die ganze Gesellschaft umfassende kapitalistische Entwicklung schon ein bis zwei Jahrhunderte vorher vollzogen worden waren. Dadurch hatten die deutschen Kapitalisten aber den Vorteil, ihre Fabriken mit damals modernsten Maschinen ausstatten und so im Vergleich zur ausländischen Konkurrenz hohe Profite aus der Schufterei der Arbeiter ziehen zu können. Sie konnten auf dem bisher erreichten Wissensstand der Menschheit weiter forschen und mit neuen Entdeckungen auf den Markt drängen. So schlossen sie in kurzer Zeit zur Konkurrenz auf bzw. überholten sie. Eine neue wirtschaftliche Großmacht entstand.

Neuaufteilung der Welt
Bald wurde das Deutsche Reich als „heimischer Markt“ zu klein, um die vielen Waren absetzen und das durch die Ausbeutung der Arbeiter erzielte Kapital wieder Profit bringend anlegen zu können. Doch nun mussten die Herrschaften in Deutschland erkennen, dass die Welt schon aufgeteilt war. Im Westen waren es die alten Großmächte England und Frankreich mit ihrem riesigen Kolonialbesitz in Afrika und Asien, die dem Drang der deutschen Kapitalisten nach weiteren Absatzmärkten, Einflusszonen, um ihr Kapital anzulegen, und Rohstoffen Grenzen setzten. Im Süden waren die Besitzer der Banken und Fabriken Italiens ähnlich spät dran wie in Deutschland und strebten nun ihrerseits nach Anteil an der Welt. Im Osten lag das große Russische Reich, das seinen Einfluss verteidigte. Und über dem Atlantik schlossen die Kapitalisten des erst seit gut 100 Jahren unabhängigen Staates, der USA, frei von jedem feudalen Ballast, ebenfalls schnell auf. Der Kampf um die Neuaufteilung der Welt begann, noch in tiefsten Friedenszeiten.

Zuspitzung der Widersprüche
… durch Bagdad-Bahn
Er fand seinen Ausdruck in so zivilen Unternehmungen wie dem Bau der Bagdad-Bahn, der Ende des 19. Jahrhunderts begann. Finanziert wurde er von der Deutschen Bank, die mit den aus der türkischen Bevölkerung herausgepressten Steuern, die zur Rückzahlung der Kredite mit Zins und Zinseszins gebraucht wurden, zu einer der führenden Banken der Welt aufstieg. Thyssen lieferte die Schienen, Maffei und Borsig die Lokomotiven, Bilfinger und Berger bauten die Bahnhöfe. Rüstungsprojekte für die deutsche Rüstungsindustrie wurden vereinbart, deutsche Militärberater in die Türkei geschickt. So machte sich das Deutsche Reich die Türkei abhängig und auf den Weg, seinen Einfluss weiter bis zum Persischen Golf auszudehnen. Es drang dabei in die Einflusszonen von England und Russland ein und machte sich so beide zu Feinden.

… und Panthersprung
Es folgten die Marokko-Krisen 1906 und 1911. Vor allem auf Geheiß der Gebrüder Mannesmann, Hüttenbesitzer und Röhrenhersteller, die nach den Erzvorkommen Marokkos schielten, versuchte das Deutsche Reich Marokko unter seinen Einfluss zu zwingen. Doch auch Marokko war kein weißer Fleck mehr auf der Landkarte, sondern stand unter französischer Vorherrschaft. Der Konflikt mit Frankreich wurde so weit getrieben, dass deutsche Kriegsschiffe ins Mittelmeer entsandt wurden. Das Deutsche Reich setzte zum „Panthersprung“ an, wie es damals, auf den Namen eines der Kriegsschiffe anspielend, hieß. Doch die kaiserliche Kriegsflotte musste sich zurückziehen, nachdem die englische Regierung der französischen unmissverständlich ihren Beistand gegen den Eindringling zusagte. Die Widersprüche zwischen den Mächten verschärften sich. England, Frankreich und Russland verbündeten sich zur Entente. Das Deutsche Reich schloss sich mit dem vom Zerfall bedrohten Österreich-Ungarn und Italien zum Dreibund zusammen. Überall wurde fieberhaft aufgerüstet.

Für Profit und Vaterland
Die Kriegsursachen lagen also nicht in der Fähigkeit oder Unfähigkeit der Regierungen. Diese vertraten die Interessen der Kapitalisten ihrer Staaten, die sich zur herrschenden Klasse entwickelt hatten. Dabei behaupteten sie damals, wie auch heute noch, die „nationalen Interessen“ zu verteidigen. Es waren die kapitalistischen Verhältnisse selbst, die zum Krieg drängten. Und es war vor allem das Deutsche Reich, das eine Neuaufteilung der Welt zu Gunsten seiner Kapitalistenklasse mit Gewalt erzwingen wollte. Das Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo war dann nur mehr der Vorwand für den Kriegsbeginn. Österreich-Ungarn wurde von den deutschen Verbündeten ermutigt, Serbien den Krieg zu erklären. Russland reagierte darauf mit einer Teilmobilisierung seines Militärs, woraufhin das Deutsche Reich Russland am 1. August und Frankreich am 3. August1914 den Krieg erklärte. Das große Schlachten begann – im Interesse der winzigen Klasse von zu spät groß und mächtig gewordenen Kapitalisten, die einen Platz an der Sonne wollten.

gr

Quelle: Auf Draht, DKP-Betriebszeitung München

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von Patrik Köbele 

Zwei ehemalige Mitglieder der DKP und frühere hauptamtliche Funktionäre der SDAJ, Thomas Kerstan und Gero von Randow, arbeiten heute für die Wochenzeitung „Die Zeit“.

Gemeinsam veröffentlichen Sie einen Artikel „Die Zwangsarbeiter und wir“. Es geht dabei nicht um die hunderttausenden Zwangsarbeiter, die der deutsche Faschismus verschleppte, ausbeutete und tötete, es geht um die Insassen in Gefängnissen der DDR, die dort arbeiteten, wie in so ziemlich jedem Staat. Es geht darum, das Güter, die sie herstellten ins Ausland verkauft wurden, damit die DDR Devisen erhielt und es geht darum, dass die DDR kommunistische Parteien, darunter die DKP unterstützte, auch materiell und angeblich auch von diesen Devisen.

Lassen wir die beiden selbst sprechen:

„Wir sind darauf nicht stolz, sondern schämen uns für Verblendung und Schuld. Auch damals hätten wir es besser wissen müssen. Stattdessen haben wir uns in unserer Weltsicht eingemauert. Wer weiß, ob wir uns ohne Gorbatschow, der uns neu nachdenken lies, daraus befreit hätten. Oder ohne Brandt, Schmidt und Reagan (!), die zum Sturz der freiheitsverachtenden Regime im Osten beigetragen haben. Und wir sind dankbar dafür, dass wir gewissermaßen resozialisiert wurden. Bürger der Bundesrepublik sein können, die nicht in Acht und Bann geschlagen wurden. Wohlgemerkt: Dafür wurde uns kein Bekenntnis abverlangt und keine Aufarbeitung der Vergangenheit. Wir müssen nicht zu Kreuze kriechen, sondern erhielten die Gelegenheit, unsere Schuld selbst zu erkennen.“

Was sagt man dazu? Vielleicht, dass wer so zu Kreuze kriecht, am Ende noch nicht mal im Schoß der herrschenden Klasse landet, sondern im A….

 

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Wir verbreiten gerne die folgende information weiter und wünschen dem Projekt Erfolg:

Bitte unterstützt das Filmprojekt über die Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ !

1988 reist die 20-jährige Finnin in die DDR, um an der internationalen Jugendhochschule Marxismus-Leninismus zu studieren. Im Sommer ´89 endet das Studienjahr und wenige Monate später fällt die Berliner Mauer. Nach 24 Jahren begibt sich Kirsi Marie Liimatainen auf eine filmische Reise nach Nicaragua, Südafrika, Chile, Bolivien, in den Libanon, Deutschland und Finnland, um ihre Kommilitonen wiederzutreffen. Was ist heute übrig von ihrem gemeinsamen Traum der Befreiung aller Unterdrückten?

Die finnische Regisseurin und Studentin des internationalen Lehrgangs 88/89 an der Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“, Kirsi Marie LIIMATAINEN ( Die Festung, 2013 ) dreht zur Geschichte der JHS einen Dokumentarfilm. Leider fehlt zur Fertigstellung wie immer das liebe Geld, vielleicht könnte ihr uns mit einer Publikation bei der Unterstützung durch Spender und Sponsoren helfen. Der Film besucht heute, die Absolventen von Damals und dies von Südafrika, Palästina bis Lateinamerika kurz in der ganzen Welt. Er soll aber auch die Widersprüche zwischen Theorie und DDR – Realität nicht verschweigen.

Leider habe sämtliche Rundfunkanstalten die Unterstützung eingestellt. Deshalb muss das Filmprojekt bis zum 1. März 2014 durch Spenden und Sponsoren finanziert werden. Bitte helft mit, dieses beeindruckende Projekt zu realisieren. Die Möglichkeiten der direkten Spende findet man auf der Seite:
www.startnext.de/comrade

Liebe Freunde, Fans und Unterstützer,

Das Projekt „Comrade, where are you today?“ steht jetzt unter Empfehlungen bei Startnext – Vielen Dank an Euch für Eure Unterstützung! Erste Interviewanfragen von der Presse kommen auch schon rein 🙂

Bitte erzählt von unserem Projekt zu all Euren Freunden und Bekannten! Es gibt uns unglaublich viel Kraft, zu erleben, dass so viele Menschen überall in der Welt den Film fertig sehen möchten.
Comrade, where are you today?

Liebe Grüße,
Kirsi Marie Liimatainen

Dear Friends, Fans and Supporters,
“Comrade, where are you today?” is now enlisted as featured project at Startnext – thank you for your support! First requests for interviews are there – we hope further interest from media 🙂

Please support us and tell everybody about our project! It gives us power to continue, when we see that so many Friends from all over the world want to see this film finished. Comrade, where are you today?

Hugs and Kisses,
Kirsi Marie Liimatainen

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Quelle: DDR-Kabinett-Bochum

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Hans Heinz Holz-Tagung 2014 des Marx-Engels-Zentrum in Kooperation mit dem Arbeitskreis Hans Heinz Holz im Berliner Landesverband der DKP

Die Würdigung von Werk und Wirken des bedeutenden marxistischen Philosophen und Politikers
Hans Heinz Holz anlässlich seines 85. Geburtstags 2012 in Berlin stand unter dem Leitgedanken „Die
Einheit von Politik und Philosophie im Kampf für den Kommunismus“. Ein dazu veranstaltetes
Symposium wurde nach dem Tod des zu Würdigenden zu einer ersten Gedenkveranstaltung.
Die Hans Heinz Holz-Tagung 2014 nimmt diesen Leitgedanken wieder auf und ist seinem Werk
„Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie“ gewidmet.

Dazu referieren:

Andreas Hüllinghorst Holz und das Verhältnis von Wirklichkeit und Philosophie
Berlin
Prof. Dr. Thomas Metscher Konstruktion der Kategorie des Gesamtzusammenhangs
Grafenau
Dr. Hans-Peter Brenner Lenins Anteil an der Verwirklichung der Philosophie
Bonn
Dr. Hannes A. Fellner Die Philosophie Mao Tse Tungs im Konzept der
Cambridge, USA Verwirklichung der Philosophie bei Holz

Sonnabend, 1. März 2014, 11:00 – 16:00 Uhr

Marx-Engels-Zentrum,

Spielhagenstr. 13, (U-Bhf Bismarckstr., Linie 2 und 7;  Bus 109)

10585 Berlin (Charlottenburg)

 

Kostenbeitrag (incl. Imbiss): 5 € / 3 € ermäßigt.

Aufgrund begrenzter Platzkapazität wird um Anmeldung bis 20. Februar 2014 gebeten unter info@mez-berlin.de

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Pete Seeger ist verstorben

Pete Seeger wurde am 3. Mai 1919 in New York geboren. Der Sohn eines Musikwissenschaftlers und einer Geigenlehrerin widmete sich früh der Sammlung von US-Volksliedern und Südstaaten-Blues. Mit seinem fünfsaitigen Banjo spielte er bald auch eigene Lieder, in denen er sich mit der Arbeiterbewegung und den Kämpfen von unterdrückten Minderheiten und Völkern solidarisierte. 1941 gründete er zusammen mit Woody Guthrie, Lee Hays und Millard Lampell »The Almanac Singers«. Im Jahr darauf rief er in New York mit People’s Song die erste Volksmusikerorganisation ins Leben, die sich nach seinen Intentionen »deutlich von den gelehrten Volksmusikgesellschaften abgrenzen« sollte. 1949 gründete er dann zusammen mit dem Sänger Lee Hays sowie Ronnie Gilbert und Fred Hellermann das Quartett The Weavers. 1955 verweigerte Pete Seeger vor McCarthys Komitee für unamerikanische Umtriebe die Aussage. Als Folge davon wurde er zu zehn Jahren Haft verurteilt, von denen er ein Jahr im Gefängnis absitzen musste. In den folgenden 17 Jahren wurde er von den kommerziellen US-Medien boykottiert.

1969 war er Mitbegründer der Umweltschutzorganisation Clearwater. Er gab 1972 das Buch »The Incompleat Folksinger« heraus, das ein Standardwerk über die amerikanische Folk-Musik wurde.

In den 60er Jahren kämpfte Pete Seeger mit seinen Liedern für Frieden, für die Gleichberechtigung der Schwarzen und für die Emanzipation der Arbeiterklasse.

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Übernommen von RedGlobe

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Siehe auch die Würdigung von Gerd Schumann in  junge welt

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Der Freundeskreis Ernst Thälmann-Gedenkstätte Ziegenhals ruft  zur Teilnahme auf:

Anlässlich des 81. Jahrestages der illegalen ZK-Tagung der KPD

Datum: Sonntag, 9. Februar 2013

Beginn: 11:30 Uhr

Ort:
vor dem Areal der zertrümmerten und geschändeten Ernst-Thälmann-Gedenkstätte, (Seestr. 27, 15751 Königs Wusterhausen, Ortsteil Ziegenhals)

Es sprechen:

Dr. Nancy Larenas
(Vertreterin der Kommunistischen Partei Chile in der BRD,
Vorstandsmitglied der Chile-Freundschaftsgesellschaft
Salvador Allende e. V.)

Gerd Hommel
(Bundesvorsitzender des Revolutionären
Freundschaftsbundes, RFB)

Hein Pfohlmann
(1. Vorsitzender des Kuratoriums der Gedenkstätte
Ernst Thälmann, GET, Hamburg)

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Vorbemerkung: Wenige Jahre nach dem Tod von Engels (1895) trat in der SPD eine Gruppe von Opportunisten hervor, welche den Marxismus revidieren wollten. Das Haupt der Revisionisten war Eduard Bernstein, der 1899 die Schrift “Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie” veröffentlichte. In der Zeitschrift “Die Gleichheit, Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen”, Stuttgart, 12. April 1899, unterzog Clara Zetkin den Standpunkt Bernsteins einer scharfen Kritik:

Clara Zetkin: Wider die sozialdemokratische Theorie und Taktik

Die von Freund und Feind mit gleicher Spannung erwartete Schrift Bernsteins zur Kritik der sozialdemokratischen Theorie und Taktik ist kürzlich erschienen. Was die Freunde befürchtet, was die Feinde erhofft, das bestätigt sie mit wünschenswertester Klarheit: die vollzogene Schwenkung des Verfassers nach rechts hin. Wo Bernstein auf Grund seiner jetzigen Überzeugung steht, darüber können sich nach der Veröffentlichung seiner Schrift nur die täuschen, die aus Liebhaberei oder Beruf die Blinden spielen wollen. Was dagegen die Gründe anbelangt, welche die Preisgabe des alten Standpunkts, die Richtigkeit der veränderten Auffassung stützen sollen, so bleibt die Schrift erheblich hinter den Ansprüchen zurück, die man billigerweise an einen Mann von der Fähigkeit, dem Wissen und der Gewissenhaftigkeit Bernsteins stellen durfte. Sie ist in dieser Hinsicht geradezu dürftig und enthält weder neue beweiskräftige Tatsachen noch neue beweiskräftige Gedankengänge. Was Bernstein gegen die Marx-Engelssche Geschichtsauffassung einwendet, was gegen die darauf beruhende Auffassung von den geschichtlichen Kräften, die mit Naturnotwendigkeit zum Sozialismus führen müssen, was in der Folge gegen die prinzipielle Grundlage des sozialdemokratischen Programms und bezüglich der Taktik der Sozialdemokratischen Partei: das alles ist von bürgerlichen Sozialreformlern, Ethikern, Kathedersozialisten usw. wiederholt gesagt worden, zum Teil präziser und besser gesagt worden, als es in der vorliegenden Schrift geschieht.
Nun ist das ganz gewiß an und für sich noch kein Beweis für die Unrichtigkeit der Bernsteinschen Kritik und Auffassung. Aber die in Betracht kommenden Gründe, die bisher von bürgerlicher Seite geltend gemacht worden sind, um die marxistische Auffassung zu bekämpfen und die deutsche Sozialdemokratie von dem Wege des Klassenkampfes zur Eroberung der politischen Macht abzudrängen und in die sanften Bahnen ausschließlicher Reformlerei zu weisen, sind recht ausgiebig widerlegt worden, und zwar nicht bloß von den besten sozialistischen Theoretikern, darunter von Bernstein selbst, sondern auch und vor allem von den Tatsachen. Die Entwicklung unseres wirtschaftlichen und politischen Lebens bestätigt im großen ganzen geradezu glänzend die Marx-Engelssche Theorie des geschichtlichen Werdegangs zur sozialistischen Gesellschaft. Die zehnmal widerlegten Ansichten gewinnen dadurch nichts an beweisender Kraft, daß mit ihnen zur Abwechslung ein Mann aufwartet, der bisher einer der angesehensten Vorkämpfer für die Theorie von Marx und Engels gewesen ist und im Vordertreffen des Klassenkampfes gestanden hat. Wenn Bernstein heute verbrennt, was er früher angebetet, und anbetet, was er früher verbrannt hat, so ist dieser Umstand allein wahrlich nicht hinreichend, das als anbetungs- oder verbrennungswürdig zu begründen, wie bürgerliche Blätter frohlockend ausposaunen. Es spricht nur für eins: dafür, daß Bernstein heute Tatsachen und Theorien mit einem anderen Maßstab mißt als früher, und zwar mit einem Maßstab, der uns durchaus falsch dünkt.

Der von Marx und Engels begründete moderne wissenschaftliche Sozialismus ist sicher nicht ein schwächliches Treibhauspflänzchen, das den leisesten Lufthauch freier Kritik fürchten muß. Aber was Bernsteins Schrift bringt, ist in der Hauptsache nicht eine kritische Sichtung, Weiterführung und Vertiefung der einschlägigen Theorien, es ist vielmehr die unzweideutige Preisgabe der prinzipiellen Auffassung, in der das sozialdemokratische Programm gründet. Bezüglich der Taktik der sozialdemokratischen Bewegung aber enthalten des Verfassers Ausführungen nicht bloß die Mahnung, jede Gelegenheit zu positiver Reformarbeit zu ergreifen, den Hinweis aufrichtigere Bewertung und bessere Nutzung dieses und jenes Wirkungsgebiets, sondern sie gipfeln in dem Anraten einer entschiedenen Frontänderung, in dem Befürworten einer Mauserung der Sozialdemokratie aus der revolutionären Partei des klassenbewußten Proletariats zu einer demokratisch-sozialistischen Reformpartei. Über anregenden und zutreffenden Einzelheiten diese Hauptzüge der Bernsteinschen Schrift übersehen, hieße ihre Bedeutung nicht voll “würdigen”.

Berufenere werden sich an anderer Stelle mit des Verfassers Einwänden gegen die materialistische Geschichtsauffassung, die Dialektik und die Werttheorie auseinandersetzen. Bereits hat Kautsky in der Neuen Zeit durch eine treffliche Arbeit eine Artikelserie eingeleitet, in welcher er die aufgeworfenen Streitpunkte behandelt.

Unseres Erachtens hat Bernstein bezüglich dieser Materien einen donquichottischen Kampf gegen Windmühlenflügel aufgenommen. Das Bedürfnis nach einer wissenschaftlichen Rechtfertigung seines veränderten Standpunkts läßt vor seinen Blicken Auffassungen und Tatsachen in ganz wundersam phantastischen und verzerrten Formen auftauchen und treibt seine Beweisführung zu den absonderlichsten Purzelbäumen. So kämpft er gegen eine materialistische Geschichtsauffassung, welche die geschichtliche Entwicklung als einen sich mechanisch vollziehenden Prozeß begreift und die in ihrer äußersten Konsequenz zum “Quietismus” führen müßte, zu dem Glauben an die alleinseligmachende Kraft der wirtschaftlichen Entwicklung und den Verzicht auf jede proletarische Aktion zur Umgestaltung der Gesellschaftsverhältnisse. So läßt er den lächerlichen Popanz des “Blanquismus” von Marx und Engels aufmarschieren, der nach ihm bis heute noch in der “revolutionären Phraseologie” der deutschen Sozialdemokratie nachspuken soll. Mit dem Eifer des Neubekehrten bemüht er sich, bei Marx und Engels eine Entwicklung zur Verschwommenheit und Zerfahrenheit und in der Folge Widersprüche zu sich selbst nachzuweisen. Aber diese Widersprüche werden mittels Haarspaltereien und Unterstellungen aus einzelnen Worten und aus dem Zusammenhang gerissenen Sätzen zusammengeklaubt. Sie sind nur ein Widerschein der Widersprüche, in die sich Bernstein bei der vergeblichen Liebesmüh’ verstrickt, seine jetzige Überzeugung eines bürgerlichen Sozialreformlers mit seiner alten sozialistischen Auffassung zusammenzuflicken. Wir verweisen unsere Leserinnen und Leser auf die ausführlichen Auseinandersetzungen über die aufgerollten Fragen in der Neuen Zeit, der Sächsischen Arbeiter-Zeitung, der Leipziger Volkszeitung usw. Wir begnügen uns, in einem folgenden Artikel die Hauptpunkte zu erörtern, in denen sich Bernstein gegen die theoretischen Grundlagen des Sozialismus und gegen die sozialdemokratische Taktik wendet. Diese Punkte sind der entschiedene Nachweis für das vollzogene Abschwenken in das bürgerliche Lager.

Bernstein setzt an die Stelle der Wissenschaft die Utopie, er läßt die Gründe für die Verwirklichung des Sozialismus als einer wirtschaftlichen Notwendigkeit fallen und sucht das Proletariat mit dem frommen Glauben zu trösten, daß der Sozialismus eine sittliche, eine kulturelle Notwendigkeit sei. Er weist den Gedanken an den Zusammenbruch der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung als eine der unerläßlichen Voraussetzungen für die sozialistische Gesellschaft zurück und hofft auf eine allmähliche stückweise Einschmuggelung des Sozialismus in die kapitalistische Gesellschaft durch soziale Reformen, Gewerkschaften, Konsumvereine, Produktivgenossenschaften. Genau betrachtet, erweist sich die von ihm ins Auge gefaßte allmähliche Sozialisierung nicht als ein Mittel zur Zertrümmerung des Kapitalismus, sondern als Mittel zu seiner Befestigung durch die Verbürgerlichung des Proletariats. Mit ethisch-demokratischem Gruseln schiebt Bernstein den proletarischen Klassenkampf beiseite und trägt dessen geschichtliche Mission auf das “Rechtsbewußtsein” über, auf den steigenden Einfluß der “Ethik” und des “Allgemeininteresses” innerhalb der ausbeutenden und herrschenden Klassen. Statt des Kampfes wider die Bourgeoisie predigt er die Aussöhnung mit ihr im Zeichen des “Liberalismus”, das heißt, er vertröstet das Proletariat mit dem Schaugericht einer abstrakten Formel, statt ihm die Notwendigkeit des festen Zugreifens nach dem sicheren Brot seiner wirtschaftlichen Befreiung einzuschärfen. Nachdem er den Klassenkampf verpönt hat, verflüchtigen sich unter seiner fingerfertigen Beweisführung die Klassen selbst. Das Proletariat wird in Personen und Gruppen aufgelöst, die von Interessengegensätzen beherrscht sind und kaum je unter den Hut eines gemeinsamen Klasseninteresses gebracht werden können. Auch die Bourgeoisie erscheint lediglich als buntes Zusammengewürfel von verschiedenen Interessengruppen, die zusammengehalten werden durch den Druck von oben oder die Furcht vor dem unten drohenden revolutionären Gespenst, die Furcht vor der “Freßlegende” vom kämpfenden Proletariat.

Bernstein fordert eine dieser Auffassung entsprechende Umänderung der sozialdemokratischen Taktik. Für ihn freilich beschränkt sich diese Umänderung bloß auf eine andere, richtigere Etikettierung der Partei und auf die Entwöhnung von der lasterhaften “revolutionären Phraseologie”, dem leidigen Erbstück des “Blanquismus” von Marx und Engels. Die Mauserung, die er selbst durchgemacht hat, dichtet er nämlich auch der Sozialdemokratie an. Nach seiner Ansicht hat sich dieselbe bereits tatsächlich zu einer “demokratisch-sozialistischen Reformpartei” entwickelt, und es handelt sich für sie nur darum, das bißchen moralischen Wagemut aufzubringen, um unbeirrt durch das Geschrei der Fanatiker des “Gewaltkollers” “zu scheinen, was sie ist”. Die Entdeckung, daß die Sozialdemokratie eine nichts als reformlerische Partei ist, mußte Bernstein leichtfallen. Er begreift nämlich das Wort Revolution in dem allervulgärsten Polizeisinne und findet deshalb in dem Wirken der Sozialdemokratie nicht die geringste revolutionäre Spur. Daß er trotzdem den warnenden Schulmeisterfinger erhebt und ganz ernsthaft den Gebrauch des für zartnervige Ohren schreckhaften Wortes revolutionär widerrät, bekundet einen geradezu abergläubischen Respekt vor dessen bindender und lösender Kraft. Die Partei verbanne das Wort revolutionär aus ihrer Sprache, meint Bernstein, und es erstehen den proletarischen Interessen kräftige Verteidiger und Förderer in Gestalt der brünstig nach Betätigung schreienden “Ethik” der besitzenden Klassen, in Gestalt des diese durchglühenden “Allgemeininteresses”. An Stelle des proletarischen Klassenkampfes gegen die Bourgeoisie zur Eroberung der politischen Macht tritt nun die Reformarbeit auf dem Gebiet der Gesetzgebung, des Gewerkschafts- und Genossenschaftswesens, der Gemeindeverwaltung usw. im Bunde mit dem anständig und gerecht denkenden Teil der Bourgeoisie zum Zwecke der Demokratisierung der Gesellschaft. Auf den friedlichen Wellen dieser Demokratisierung gleitet die geschichtliche Entwicklung zum Sozialismus hinüber. Selbstverständlich zu einem Sozialismus, der auch den herrschenden Klassen mit harmloser Freundlichkeit entgegenlächelt. Denn offenbar hat Bernstein mit der “Freßlegende” auch die charakteristischen Merkmale des Sozialismus zum alten Eisen geworfen: die Überführung der Produktionsmittel aus dem Privateigentum in den Gesellschaftsbesitz, die Beseitigung der Warenproduktion und der freien Konkurrenz. Er erklärt den Sozialismus als “Bewegung zur oder der Zustand der genossenschaftlichen Gesellschaftsordnung”. Wie andere Begriffe, so verliert auch der des Sozialismus bei ihm seine scharf umrissene geschichtliche Bedeutung und wird zu einem verschwommenen, nebelhaften, vieldeutigen, alles- und nichtssagenden Etwas, zu dem sich heutigentags jeder leidlich anständige und gutmütige Mensch bekennen kann, ohne deshalb befürchten zu müssen, salonunfähig oder gar “gerichtsnotorisch” zu werden.

Die von Bernstein angepriesene Theorie und Taktik ist die Theorie und Taktik all der bürgerlichen Elemente, die ihr Zelt an der Grenze des geschichtlichen Kampfplatzes zwischen Proletariat und Bourgeoisie aufgeschlagen haben. Wollte die Sozialdemokratie sich diese Theorie und Taktik zu eigen machen, sie müßte aufhören, sie selbst zu sein, sie müßte mit Nationalsozialen, Reformlern jeder Schattierung, doktrinären Liberalen und bürgerlichen Demokraten den Bruderschmatz tauschen und sich mit ihnen zu einem großen Reformlerkuddelmuddel vermengen. Es mag dies das Ideal der sozialen und politischen Parteichen und Gruppen sein, die so gern den feurigen Renner der Sozialdemokratie mit etwas Reformhaber kapitalfromm machen möchten, um ihn vor ihren eigenen, nicht vom Flecke kommenden Karren zu spannen. Es mag dies als holder Traum die guten Leute und schlechten Musikanten umgaukeln, die sich zum Nachweis ihres verfeinerten Empfindens und Denkens wider die materialistische Geschichtsauffassung und den Klassenkampf sträuben und an der Lösung der sozialen Frage durch geistreichelnde “ethisch-psychologisch-literarische” Debatten “arbeiten”. Es wäre der Selbstmord der Sozialdemokratie als einer politischen Partei als der Partei des klassenbewußten, revolutionären Proletariats. Durch die ihr angesonnene Frontänderung würde sie zwar ihre Gegner nicht versöhnen und entwaffnen, wohl aber das Vertrauen und die Gefolgschaft der proletarischen Massen verlieren. Wenn Bernsteins Schrift ein großes Verdienst unbestritten beanspruchen darf, so ist es das: klar zu zeigen, wohin die in der Partei vorhandenen possibilistischen Strömungen führen müssen, und dadurch eine kräftige Aktion hervorzurufen nicht etwa für die Verwischung des grundsätzlichen Charakters der Sozialdemokratie und für die Taktik der Nurpraktischen-Reformarbeit, sondern gegen die Verbannung ihrer Grundsätze in den Silberschrein und gegen die Taktik der Kompromisselei mit der bürgerlichen Gesellschaft.

Quelle: MIA-Archiv (marxists.org), nach: Clara Zetkin, Ausgewählte Reden und Schriften, Bd.1, Berlin 1957, S.149-156.)

Siehe auch:
– Kurzbiographie Clara Zetkin (1857-1933)
– Youtube: Rede als Alterpräsidentin des Reichstags (1932)

via kommunisten.ch

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Lehrerin in zwei Systemen

Ein Interview mit Brigitte Müller, ausgebildete Diplomlehrerin für die Fächer Deutsch und Geschichte, Trägerin der Pestalozzi-Medaille und der Theodor-Neubauer-Medaille in Silber.

Berufliche Laufbahn: Horterzieherin, Pionierleiterin, Unterstufenlehrerin, Oberstufenlehrerin, Klassenleiterin, Fachberaterin für das Fach Deutsch im Stadtbezirk Berlin-Marzahn, Stellvertretende Direktorin, Leiterin für lehrplanbegleitende Seminare, Mitarbeiterin des schulpsychologischen Dienstes, über 43 ununterbrochene Dienstjahre, davon 30 Jahre DDR-Praxis (verheiratet, Mutter und Großmutter).

UZ: Du hast in der DDR und der BRD, also in zwei unterschiedlichen Systemen als Lehrerin gearbeitet. Wie sieht für dich rückblickend der Vergleich der beiden Systeme aus?

Brigitte Müller: Das Bildungs- und Erziehungssystem hatte in der DDR einen sehr hohen Stellenwert und ich schätze es im wahrsten Sinne des Wortes als VOLKSBILDUNG ein. Im Vordergrund der Persönlichkeitsentwicklung stand die humanistische Bildung und Erziehung als Allgemeingut. Es gab in der DDR ein staatlich geführtes einheitliches polytechnisches Bildungssystem. Eine Familie mit Kindern konnte innerhalb eines Schuljahres von der Ostsee nach Thüringen, von der Elbe zur Oder ziehen. Ihre Kinder von Kinderkrippe über Kindergarten bis zur Schule fanden stets in ihren neuen Einrichtungen die gleichen Lehrbücher vor. Sie konnten fast nahtlos in allen Fächern an den erworbenen Lehrstoff anknüpfen.
Dieser Tatsache lag das einheitliche verbindliche Lehrplanwerk zu Grunde und das war das Ergebnis eines langfristig wissenschaftlich angelegten Bildungssystems. Zur Volksbildung gehörten die Vorschule bis zur Berufs-, Fach- und Hochschule. Nicht umsonst hatten wir einen VOLKSBILDUNGsminister. So war das Fundament für die einheitliche Bildung und Erziehung gegeben. Ich betone bewusst: Bildung und
Erziehung, weil das von Anfang an eine Einheit war.

UZ: Und in der Bundesrepublik?

Brigitte Müller: In der BRD ist das Bildungssystem zweitrangig. Es gerät immer dann in die Kritik, wenn die Pisa-Studien ihre Ergebnisse präsentieren. Dann wird zwar breit in allen möglichen Medien diskutiert und meist „klug“ geurteilt, doch es wird nicht ehrlich nach den Ursachen der Defizite geforscht. Auch die allgemeine Feststellung der Wirtschaft, die Lehrlinge würden nur über mangelndes Wissen verfügen und es fehle ihnen an ehrgeiziger Einstellung, Kreativität und Umsicht, sie seien selten teamfähig, hilft weder Eltern, Lehrern noch Schülern, noch ändert das etwas an der Tatsache an sich.

Was ich in den Jahren nach 1990 in der Schule erlebte, war hauptsächlich die Forderung, den Schülern lediglich Wissen zu vermitteln. Nicht Wissen und Können gepaart mit Fähigkeiten und Fertigkeiten, noch Erkennen von Ursache, Folge, Wirkung, noch das Erkennen von Zusammenhängen stehen im Mittelpunkt, sondern die Schüler werden nur am Faktenwissen gemessen. Dabei bleibt die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit auf der Strecke. Der Schüler ist nur Objekt, das zu pauken hat. Den Schüler als eigenständige Persönlichkeit, als Subjekt zu betrachten, tritt in den Hintergrund. Dadurch hat sich das Verhältnis von Erziehung und Bildung stark verändert. Die Konzentration liegt in der Entwicklung von Individualisten. Dabei kommt die Verantwortung des Schülers gegenüber seiner eigenen Lernhaltung und dem Zusammenspiel mit seinen Mitschülern (wir nannten es Kollektiverziehung) zu kurz.

UZ: Selbst die schärfsten Kritiker der DDR müssen anerkennen, dass die Bildungschancen – und auch die schulischen Leistungen und Erfolge – der „Arbeiter- und Bauernkinder“ in der DDR unvergleichlich viel besser waren. Wie müsste die Schule von heute sich verändern, wenn sie an diesen Erfolgen anknüpfen wollte?

Brigitte Müller: Zur vornehmsten Aufgabe des Bildungs- und Erziehungswesens der DDR, besonders in den ersten drei Jahrzehnten, gehörte die Förderung der Arbeiter- und Bauernkinder. Die Förderung der Schüler dieser Eltern, die Jahrhunderte lang unter einem Bildungsprivileg litten, wo nur Kinder von „gut betuchten“ Eltern große Entwicklungschancen eingeräumt waren, gehörte zur Gesamtzielstellung unserer Bildung und Erziehung. Deshalb galt es für uns Lehrer und Erzieher besonders in den ersten Jahrzehnten gerade denen unsere größte Aufmerksamkeit zu schenken. Es veränderte sich der Leistungsspiegel der Arbeiter- und Bauernkinder mit der Zeit zusehends zum Positiven.
Nun geriet auch die gleichzeitige Förderung von Talenten und Begabungen in den Vordergrund. Wobei auch schon Anfang der fünfziger Jahre durch systematische Unterrichtsdifferenzierung methodisch darauf hin gearbeitet wurde. Die Zahl von Spezialschulen (u. a. für Mathematik und Naturwissenschaften, Fremdsprachen, Musik, Sport) wuchs und konnte kostenlos besucht werden. Andererseits wurden Schüler mit nachweisbaren physischen und psychischen Defiziten an speziellen Sonderschulen unterrichtet, teilweise nach gesonderten Lehrplänen, aber auch nach regulärem Lehrplan. Sie wurden ihren Schwierigkeiten entsprechend gleichzeitig medizinisch betreut und erzielten nicht selten die Hochschulreife. Es konnte im Laufe der 40 Jahre das bürgerliche Bildungsprivileg durchbrochen werden.

UZ: Der Bildungs- und Erziehungsauftrag war doch auch auf den außerschulischen Bereich bezogen …

Brigitte Müller: Ja, jede Schule hatte für ihre Schüler und für alle Klassenstufen Arbeitsgemeinschaften (AG) bzw. Interessengemeinschaften (IG) für den Nachmittag kostenlos anzubieten. Das betraf gleichermaßen naturwissenschaftliche, sportliche, musisch-künstlerische und allgemein-bildende Angebote. Für die Schüler der Klassen 4 bis 6 hatte das besondere Priorität, weil gerade in diesem Alter die gelenkte Freizeitbeschäftigung für den jungen Menschen nachhaltig bei der Berufsfindung wirken kann. Ziel war es, dass jeder Schüler in seiner Freizeit inhaltlich seinen Neigungen entsprechend selbstständig die Chance hatte, sich zu orientieren, ohne Leistungsdruck spielend zu lernen.
Nicht selten fand der eine oder andere dort bereits seine Wurzeln für die spätere Berufswahl. Hinzu kommt, dass mit einem garantierten Ausbildungs- und späteren Arbeitsplatz den Eltern und Schülern/Studenten eine verlässliche Sicherheit geboten wurde. Das war wiederum das Fundament, um sich von der Geburt bis zum Erwachsensein mit gleichen Chancen gesund und zufrieden entwickeln zu können. Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass dadurch junge Paare zum Kinderwunsch ermutigt wurden.
Die Schulleitungen ließen uns Lehrer mit diesen Fragen natürlich nicht allein … Zugegeben, so manch ein Lehrer empfand das als Kontrolle seiner Arbeit. Doch im Mittelpunkt stand immer die Schülerentwicklung … So konnte man beispielsweise auch keinen Schulschwänzer – aus den Augen verlieren, das Nichtanfertigen von Hausaufgaben oder die nicht mitgebrachten Arbeitsmaterialien (Mappe packen!!), das Zuspätkommen, all diese Dinge, mit denen sich ein Lehrer, seitdem es Schulen gibt, überall mal mehr, mal weniger „rumzuärgern“ hat, wurden besprochen, auch sofortige Elternbesuche konnten vieles klären.
Das erleichterte uns Lehrern die Arbeit und letztendlich fand auch der betreffende Schüler wieder Lust, sich auf den Unterricht zu freuen, weil er Erfolge, oft schon durch kleines und größeres Lob, erlebte, was sich dann wiederum auf die schulischen Leistungen niederschlug.

UZ: Und wie war das nach 1990?

Brigitte Müller: Seit 1990 gab es diese intensive Begleitung unserer Arbeit nicht mehr. Wobei ich das nur für die drei Schulen, an denen ich seit 1990 tätig war, durch meine dortige praktische Arbeit korrekt einschätzen kann. Jedoch in Gesprächen mit Kollegen auch in ländlichen Gegenden Brandenburgs wurde mir ähnliches bestätigt. Die Rektoren erfahren auch entschieden weniger praktische Hilfen von den Schulämtern als zu DDR-Zeiten.

UZ: Der renommierte Bildungsforscher Fend hat das deutsche Schulwesen als von „Entsorgungsmentalität“ geprägt bezeichnet. Viele Lehrer können sich einen erfolgreichen Unterricht in einer Einheitsschule mit ihren heterogenen Lerngruppen nicht vorstellen, verbinden teilweise sogar einen ausgesprochenen Horror mit dieser Vorstellung. Lehrer aller Schulformen scheinen durchdrungen von dem Gedanken, sie hätten eigentlich die falschen, weil zu wenig leistungsfähigen SchülerInnen vor sich.

Brigitte Müller: Bei dieser Frage sprechen die Erfolge der Absolventen der DDR-Bildungseinrichtungen für sich. Es steht noch immer die Frage im Raum, warum vor 1989/90 und vor dem 13. August 1961 ständig und gezielt Facharbeiter und Hoch- bzw. Fachschulabsolventen durch die BRD-Wirtschaft „finanziell“ angelockt und abgeworben wurden. Die fehlende Antwort können wir uns selber geben. Die abgeworbenen jungen Leute besaßen nicht nur eine fundierte Allgemeinbildung, sondern auch solide Fachkenntnisse. Für uns war ein hohes Leistungsniveau eben immer auch ein selbstverständliches Ziel der Schule – nach dem Motto: Ich fordere dich, weil ich dich achte. Und wenn heute Finnland als das große Beispiel dargestellt wird, so weiß doch inzwischen jeder, dass die Finnen sich in den 70er Jahren das DDR-Schulwesen sehr genau angeschaut haben, bevor sie an ihre große Schulreform gingen. Also, warum an differenziert angelegter, wissenschaftlich durchdachter, einheitlicher polytechnischer Bildung und Erziehung zweifeln? Der Beweis ist erbracht! Und zwar in Deutschland. Natürlich heißt das nicht, dass es nicht auch Defizite gab …

UZ: Was hast du nach der Wende bei deinem neuen Lehrerdasein als besonders positiv empfunden – und was als besonders negativ?

Brigitte Müller: Besonders positiv empfand ich nach 1989/90, wenn sich ehemalige Schüler und Eltern beim Zusammentreffen mit uns Lehrern besorgt danach erkundigten, ob wir noch im Dienst seien. Viele Eltern legten – übrigens bis heute – Wert darauf, ihre Kinder von DDR-Lehrern unterrichten zu lassen. Das war und ist für mich der Beweis der Anerkennung nicht nur meiner Lehrerpersönlichkeit, sondern die Wertschätzung unseres Bildungssystems überhaupt. Als besonders schmerzlich traf mich: das angeordnete Lehrbüchervernichtungsprogramm (auf jedem Schulhof standen im Sommer 1990 Container, in die die Lehrbücher der DDR, Landkarten, Anschauungsmittel, die den Anflug von sozialistischer Bildung an sich trugen, geworfen werden mussten).

Zwischenfrage: Das riecht nach Bücherverbrennung und nach einer gezielten Demütigung. Gab es damals Gegenwehr gegen diese Maßnahme?

Brigitte Müller: Leider viel zu wenig. Die meisten Kollegen waren mit sich beschäftigt, waren um ihren Arbeitsplatz mit Recht besorgt und saßen kopfschüttelnd dabei … Nein, eine aktive Gegenwehr gab es nicht. Mag sein, dass es auch daran lag, dass viele Kollegen die wahre Situation mit ihren Folgen nicht sofort begriffen. Ja, es riecht nicht nur nach Bücherverbrennung, ganze Bibliotheken flogen durch die Fenster auf die Straße. Beherzte Bürger sammelten, was sie konnten und soweit die häuslichen Lagerkapazitäten es zuließen. Als Ersatz bekamen wir dann veraltete Lehrbücher aus Westberlin aus den Siebzigerjahren, mitten im Schuljahr des letzten Halbjahres nach DDR-Recht. Von heut auf morgen wurde auf Anordnung des Berliner Senats die Kürzung von Fachunterricht und teilweise ersatzlose Streichung der Stunden vollzogen. Es schmerzt mich, dass heute Eltern für ihre Kinder im außerschulischen Bereich (Hort, Arbeitsgemeinschaften) zahlungskräftig sein müssen, dass sofort die tägliche Mittagsmahlzeit und die Frühstücksmilch im Preis derart in die Höhe schnellten, so dass heute nur noch ein minimaler Teil an Schülern sich diese Selbstverständlichkeiten leisten kann, dass das Fehlen an Wandertagen kein gewöhnliches Schwänzen ist, sondern das Fahrgeld für Bus oder Straßenbahn und Eintritt zu Ausstellungen oder Sportstätten einfach fehlt, dass sich Eltern und Schüler schämen, den wahren Grund ihres Fernbleibens anzugeben, dass aus Kostengründen längst nicht alle Schüler an Klassenfahrten teilnehmen können, die „Klagelatte“ könnte ich leider noch verlängern.

UZ: Was würdest du den Schulpolitikern und den Lehrer von heute ins Stammbuch schreiben?

Brigitte Müller: Die Lehrer sollten die Kraft und den Mut aufbringen, die Schulpolitiker zu zwingen, dass diese ihre Forderungen durchsetzen, die ich u. a. in folgenden Punkten sehe:

1. Ein einheitliches Bildungs- und Erziehungsprogramm muss her! Und das bundesweit!

2. Nicht am Symptom „rumdoktern“, sondern die Ursachen benennen und verändern, sonst verfallen die Bildungsministerien nach jeder Pisastudie weiter in Aktionismus und für alle Misserfolge, Entwicklungs-, Leistungs- und Erziehungslücken der Schüler werden die Lehrer verantwortlich gemacht.

3. Die Klassenstärke auf 23 Schüler in Regelschulen senken.

4. Die Wochenpflichtstunden der Lehrer ebenfalls auf 23 (DDR-Maßstab) bei vollem Lohnausgleich senken.

5. Der Lehrer muss wieder als Autorität betrachtet werden, zum geachteten Partner für die Gesellschaft und dadurch auch für die Eltern.

6. Der Berufsstatus muss von der Gesellschaft anerkannt und gewürdigt werden.

7. Elternhaus, staatliche Institutionen, Betriebe vor Ort müssen nicht nur in das Bildungssystem integriert werden, sondern sie haben feste Aufgaben zu lösen.

8. Nicht mehr nach dem Prinzip lehren: Mit möglichst wenig Aufwand und geringen Kosten möglichst schnell die Schüler zum Abschluss führen.

9. In engem Zusammenwirken mit den Eltern sollte man sich wieder auf die Tradition des Erzogenseins besinnen und sich nicht scheuen, diesen Fakt zu benennen. Und die Erziehung in sozialen Brennpunktfamilien darf nicht dem Zufall überlassen bleiben.

10. Lernerfolge müssen für die Schüler sichtbar werden, Lernen muss sich wieder lohnen, weil es Spaß machen kann.

11. Grundschulklassen mit kleineren Klassen und mehr Lehren und Erziehern ausstatten.

12. Die Vorschulbildung obligatorisch für jedes Kind einfordern und das kostenlos!

13. Die Bereitschaft der Schüler zum Lernen durch das Vermitteln von Techniken des geistigen Arbeitens anbieten, also das Lernen lehren. Die Lehrer sollten, wenn sie sich für den Beruf entschieden haben und diesen nicht aus Versorgungsgründen wählten, sich ausschließlich für die Schüler verantwortlich fühlen und nicht vordergründig sich als Staatsdiener fühlen.

Das Gespräch führte Rolf Jüngermann,  Studienrat im Ruhestand

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Quelle: UZ, Roter Brandenburger

via DDR-Kabinett-Bochum

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Um Werner Pirker trauern viele. Hier ein Nachruf aus Österreich:

von Helmuth Fellner

Ein schwerer Verlust

Werner Pirker ist tot! Ohne seine Artikel, Zeitschriften- und Buchbeiträge werden wir Kommunisten wesentlich ärmer dran sein, der gesamte fortschrittliche Journalismus mangelhaft, unser aller gemeinsamer Kampf schwieriger, unsere Gegner scheinbar sicherer.

Zum 65. Geburtstag schrieb ich über und an meinen Genossen: „Keiner formuliert so ewig jung wie er ewig Richtiges. In großer inhaltlicher Güte wie in grandioser Sprache. Er verwirklicht eine dialektische Einheit von Inhalt und Form, die ihresgleichen im Journalismus, gerade auch im linken Journalismus sucht. Mein Genosse Werner P. ist aber nicht irgendein Linker, er ist Marxist, Leninist, Kommunist, ohne in irgendeine Dogmenschublade zu passen.“

Und weiter: „Gerade auch deswegen wird er oft angefeindet, weil er sich mit den ganzen uralt-, sich aber neumodisch gebenden abweichenden Strömungen innerhalb der Linken auseinandersetzt: Die Antinationalen schimpfen ihn einen Nationalisten, die Zionisten einen Antisemiten, die Trotzkisten nennen ihn einen Stalinisten, wie ihn die alten Apparatschiks in der KPÖ einen Trotzkisten nannten. Ich bleibe bei meiner Aussage im ersten Satz dieses Absatzes.“ Und nun soll ich dies alles ins Präteritum oder gar ins Perfekt setzen ? Nein, da sträubt sich mir die Tastatur. Seine Zeilen bleiben, weil sie fast immer richtig waren. So wie die Erinnerung an ihn bleibt, an seine Geradlinigkeit, an seine Streitfähigkeit, an seine Intellektualität und Klugheit, an seine auch ruhigen Feinheiten.

Als ich seinen 65. Geburtstag mit einem viel zu kleinen Artikelchen feierte, wusste ich die Bitterkeit, die jetzt in mir hochsteigt, noch nicht zu ermessen. Ich schrieb: „Unsere Freundschaft währt schon Jahrzehnte. Dafür sehen wir einander eigentlich zu wenig, dafür verbringen wir zu wenig Zeit, um zu diskutieren und zu streiten. Das müssen wir ändern.“ Und als wir damals telefonierten, versprachen wir einander, dies zu ändern, und kamen nicht wirklich dazu. Das macht mich noch trauriger, als ich ohnehin schon bin.

Es stimmt, ich habe ihn schon als Journalisten der Volksstimme viel mehr geschätzt als manche andere (nein, die meisten anderen). Er war schon damals unbestechlich, schrieb keine Gefälligkeitsartikel für die Parteiführung, sondern darüber, was wirklich Sache war. Unsere Meinungen deckten sich nicht immer, die prinzipielle Ausrichtung fast immer.

Er warnte schon als Moskaukorrespondent der Volksstimme vor dem drohenden Untergang der Sowjetunion. Gerade weil er Lobhudeleien über die SU im eigenen „Lager“ hasste, folgte er nach dem Untergang der Sowjetunion den einstigen Lobhudlern beim Wechsel auf die andere Seite nicht. Er kritisierte nicht und nichts, weil diese Kritik gerade schick war. Er zeigte offen seine Feindschaft dem Imperialismus und allen seinen Spielarten gegenüber, dabei war er auch bereit, in jedes Nest zu stochern, in dem es sich alte Neu-Linke und ewige Konjunkturlinke gerade kuschelig gemacht hatten. So unbequem wie er war für sie kaum einer. Danke, Werner. Und jene, die sich jetzt klammheimlich, möglicherweise auch offen freuen, weil sie nun seiner spitzen Feder entkommen, seien gewarnt: Seine Worte, seine Analysen werden weiter nachwirken und euch lästig und unbequem sein.

Sein Tod reißt in die kommunistische Bewegung in Österreich (und darüber hinaus) und gerade auch in unsere Partei der Arbeit, an deren Gründungskonferenz er teilnahm, eine tiefe Lücke.

Werner, Freund, Genosse, treu und klug, es war gut, dich an meiner, an unserer Seite zu wissen. Ehre deinem Andenken !

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Quelle: http://www.kominform.at/article.php/2014011523125093

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Veranstaltung zum Thema

Marxismus und Utopie
Eine Welt ohne Krieg – Utopie oder geschichtliche Möglichkeit?

Donnerstag, 16. Januar 2014, 19 Uhr
EineWeltHaus, Schwanthalerstr. 80, großer Saal (01)

Thomas Metscher
lehrte 1961-71 deutsche Literatur an der Universität Belfast, von 1971-98 Professor für Literaturwissenschaft und Ästhetik an der Universität Bremen.

Eine Welt ohne Hunger und Krieg zählt zu den ältesten Träumen der Menschen. Utopie wird in der Alltagssprache im abwertenden Sinne verstanden, als etwas Unrealisierbares, als Traum „von einem Himmel, der niemals auf der Erde existieren“ kann. Das Denken von Marx und Engels dagegen ist bekanntlich von Beginn an als antiutopisches Denken konzipiert. Es versteht sich, wie Engels es formuliert hat, als »Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft«.

Thomas Metscher: „In heutiger Sicht und für heute gesprochen sieht der Sachverhalt anders aus. Die Frage der Utopie stellt sich neu, und sie stellt sich mit einiger Dringlichkeit – wenn nicht aus theoretischen, so doch aus praktischen, nämlich politisch-geschichtlichen Gründen. So befinden wir uns heute weltweit in einer Lage, in der der Marxismus nirgendwo mehr im Vordergrund politischen Handelns steht (von Kuba vielleicht abgesehen). Als geschichtsgestaltende Kraft ist er ins Hintertreffen geraten, ja spielt in großen Teilen der Welt schlicht keine Rolle mehr; allenfalls die einer marginalen, im Hintergrund wirkenden Kraft. Mit einem Wort also: Ich plädiere dafür, das Moment utopischen Denkens in den Marxismus zurückzuholen – nicht im Sinne einer Traumwelt unverbindlicher Ideale oder des bloß Ausgedachten, sondern als Denken des geschichtlich Möglichen, im Hier und Jetzt möglich Gewordenen: der konkreten Utopie.“

Der Philosoph Ernst Bloch begriff Utopie als eine Haltung des militanten Optimismus. Auch bei Thomas Metscher ist Utopie nicht als Traum gemeint: er stellt utopisches Denken als Denken des geschichtlich Möglichen vor.

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Quelle: Veranstaltungs-Flyer

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