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junge Welt:
Nachruf. Zum Tod des Politikwissenschaftlers und Historikers Reinhard Kühnl

Von Kurt Pätzold

Am 10. Februar 2014 hat die Lebensuhr des Reinhard Kühnl aufgehört zu schlagen. Morgen werden sich in Marburg in der Friedhofskapelle am Rotenberg Freunde, Kollegen, einstige Studenten, Mitstreiter, Weggefährten versammeln, um sich an der Seite seiner Frau Elke von ihm zu verabschieden. Und auf wie vielerlei Weise sie sich an ihn auch erinnern mögen, es wird den meisten ein Mann vor Augen stehen, hinter einem Rednerpult, vor sich zwei oder drei Zettel, auf denen er die Stationen seines Vortrags notiert hatte, der binnen kurzem seine Zuhörer zu fesseln vermochte, sie durch die Logik seines Gedankenweges ebenso beeindruckte wie durch die Fähigkeit, Kompliziertes allgemeinverständlich und einprägsam auszudrücken, ohne es zu vereinfachen. Ohne daß ich ihn das je zitieren hörte, er hielt sich an Kurt Tucholskys Ratschläge für einen guten Redner: »Hauptsätze. Hauptsätze. Hauptsätze.« Und hinter dem, was er sagte, standen unbezweifelbar eine Überzeugung und eine Haltung. Er sprach, was heute gar bei Schauspielern eine Erwähnung wert ist, deutlich und im unverwechselbaren Ton seiner böhmischen Geburtsstadt, und das, ohne je laut zu werden.

Doch der Vortragende in Hörsälen der Marburger Universität, auf wissenschaftlichen Tagungen, an Volkshochschulen, vor Teilnehmern von Lehrerweiterbildungen, Mitgliedern und Funktionären der Gewerkschaftern vielerorts in der Bundesrepublik, also vor unterschiedlichem Publikum, das sich von ebenso verschiedenen Vereinen, Verbänden und Gesellschaften einladen ließ – das war nur der halbe Mann. Vor diesen Auftritten lag die Kärrnerarbeit in der Studierstube und ein selbst auferlegtes Pensum von Schriftlichem, von Aufsätzen für Zeitschriften und Zeitungen, von Manuskripten für Bücher. Der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek verzeichnet für die Jahre von 1965 bis 2003 insgesamt 93 Schriften, die er verfaßte oder herausgab oder an deren Produktion er sonst beteiligt war. Unter ihnen einige mit sechsstelligen Auflagenhöhen.

Forschungsfeld Faschismus

Reinhard Kühnl hat als Politologe und Historiker ein weites Feld beackert. Es reicht zeitlich vom Ausgang der Novemberrevolution bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs und widmet sich in einer speziellen Studie den Zukunftsplänen des Exils, des Widerstands und der alliierten Siegermächte für das militärisch geschlagene Nazideutschland. Eine Ausnahmestellung nimmt die Arbeit über Deutschlands Entwicklung seit der Französischen Revolution ein, die der bis heute diskutierten Frage nach dem »deutschen Sonderweg« nachging. Ein zweites Gebiet waren historisch-politische Fragen der Geschichte der Bundesrepublik und dabei vor allem die Entwicklungen der Kräfte am äußersten rechten Rand ihrer Gesellschaft. Zu den Arbeiten, die er in Marburg zum Zwecke seiner Habilitation vorlegte, zählte eine Abhandlung über die Geschichte der Nationaldemokratischen Partei (NPD). Ein drittes Terrain bildeten seine Analysen der geistigen Entwicklung im westdeutschen Staat und insbesondere jener Prozesse, die sich in den Geschichtswissenschaften vollzogen. Dazu gehören Beiträge, deren Gegenstand der »Historikerstreit« war. Der war entbrannt, als der Versuch unternommen wurde, den Ursprung und die Vorgeschichte des Massenmordens an den europäischen Juden aus der deutschen Geschichte in die der Sowjetunion zu exportieren. Reinhard Kühnl hat die Geschichtswissenschaft, was ihre Funktionen, wesentlichen Gegenstände, Wirkungen, Gebrauchsweisen und Mißbräuche anbelangt, als politische Wissenschaft angesehen. Und er ging davon aus, daß politische Fragen von Gewicht sich ohne die Kenntnis ihrer Geschichte nicht tiefgründig beantworten lassen. Wo begann der Lebenspfad, auf dem sich solche Hinterlassenschaft findet?

Reinhard Kühnl wurde in dem westböhmischen Dorf Schönwerth (heute ein Ortsteil des tschechischen Kraslice) am 25. Mai 1936 geboren. Die Ortschaft bewohnten Menschen, Katholiken zumal, die mehr nach Wien denn nach Berlin blickten. Seine Eltern gehörten zu den Klein- oder richtiger Kleinstbauern, mit einer »Mütze Wind« hinterm Haus, in Worten: mit vier Hektar Feld und ebenso viel Hektar Wald. Hier hat er Fortbewegung nicht nur auf den eigenen Beinen gelernt, sondern auch auf Skiern. Dann gehörte er zu denen, die mehr als andere Landsleute den Krieg und was die Deutschen in Europa angerichtet hatten, mochten sie daran direkt beteiligt gewesen sein oder nicht, mit dem Verlust ihrer Heimat zu bezahlen hatten. Sein Lebensweg wurde der eines Umsiedlers. Er führte nach Westen.

Die Familie fand eine neue Bleibe auf einem Weg über ein Aufnahmelager im Hessischen, und Reinhard gelangte an eine zur Hochschulreife führenden Schule in Nidda. Dann begann er sein Studium in Marburg, wo er sich der Geschichte, Politikwissenschaft, Germanistik und Soziologie widmete. Nach Semestern in Wien kehrte er dahin und in das Umfeld der Schüler Wolfgang Abendroths zurück. Die Entscheidung darüber, wo sich Reinhard Kühnl wissenschaftlich beheimaten würde, fiel mit dem Thema und während der Arbeit an seiner Dissertation, die er 1965 vorlegte und die im darauf folgenden Jahr als Buch veröffentlicht wurde. Ihr Gegenstand, »Die nationalsozialistische Linke 1925–1930«, war jene Gruppe, an deren Spitze Otto Strasser stand und die sich 1930 mit einer Erklärung unter dem Titel »Die Sozialisten verlassen die ­NSDAP« von der von Hitler diktatorisch geführten Partei trennte, ohne daß die Abspaltung je größeren Einfluß gewinnen konnte. Das Thema führte ihn nicht nur in die Frühgeschichte der faschistischen Partei, bevor ihr der Durchbruch bei den Reichstagswahlen 1930 zur Massenpartei gelang, sondern es war eng mit Fragen nach Wesen und Charakter der politischen Bewegung verbunden, die ein italienisches Vorbild besaß, ohne dessen Abziehbild zu werden. Faschismustheorien wurden von da an das zentrale Forschungsfeld Kühnls, und das in dreifachem Sinne: Zum einen durch die Aufnahme der materialistischen Faschismusanalysen aus der Zeit der Republik und vor allem des Exils, dann in den Auseinandersetzungen mit den in der bürgerlichen westdeutschen Historiographie offerierten Deutungen des Faschismus sowie drittens und hauptsächlich durch die Fortentwicklung der marxistischen Faschismustheorie und die Überwindung ihrer Unzulänglichkeiten und Dogmatisierungen.

In feindlicher Umgebung

Diese Arbeiten hat Kühnl in einer seinen methodologischen Ansatz nicht nur ablehnenden, sondern ihm feindlichen Umgebung geleistet. Deren Vertreter hielten sich nicht an akademische Umgangsformen. Sie zeigten ihm bald ihre Instrumente, die von der politischen Verdächtigung bis zur wissenschaftlichen Diffamierung reichten. Nur trafen sie auf keinen Schreckhaften. Dabei schien es ihnen noch als das Geringste, daß er sich, was übrigens nicht nur Marxisten tun, des Begriffs Faschismus bediente, während bis in die Schulbücher der Etikettenschwindel »Nationalsozialismus« durchgesetzt wurde. Doch nichts haben die Klopffechter der bürgerlichen Gesellschaft ihm mehr verübelt als die Konsequenz, mit der er nach dem sozialen Boden fragte und forschte, auf dem dieses Unheil sich entwickeln konnte, und daß er es im Boden eben dieser Gesellschaft wurzeln und aus ihr hervorwachsen sah. Wer das tat oder heutigen Tages tut, ist ein Fall für den Verfassungsschutz, jedenfalls für den bayerischen. In dessen Verständnis wird damit die beste aller denkbaren menschlichen Ordnungen herabgesetzt und angefeindet.

Kühnl hat die Herrschafts- und staatlichen Organisationsformen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft untersucht und zwischen ihnen zu unterscheiden gelehrt, so daß er an zwei Fronten kämpfte. Zum einen gegen jene, die den deutschen Faschismus mehr oder weniger als das Produkt eines historischen Zufalls ansehen und ihn gleichsam als ein fremdes Implantat in die deutsche Geschichte mißverstehen. Zum anderen gegen den Mangel an Unterscheidungsvermögen zwischen den staatlichen Ausprägungen und Formen dieser Gesellschaft, der sich beispielsweise im inflationären Gebrauch des Terminus Faschismus äußerte, der so – ähnlich der Verwendung der Begriffe Totalitarismus oder Extremismus – als ein politischer Knüppel gehandhabt wurde.

Zu den Fragen, die Kühnl ausdauernd erforschte, gehört die nach den Beziehungen zwischen den traditionellen Herrschaftsschichten der deutschen Gesellschaft, deren Einfluß und Macht sich auf ihr wirtschaftliches Schwergewicht gründet, und der aufkommenden Führergruppe der ­NSDAP, zu deren Faustpfand der Massenanhang umso mehr wurde, je ärger die Befürchtungen des großen Kapitals und des Grundbesitzes wurden, daß ihnen die Macht entgleiten oder entrissen werden könnte. Auch hier gegen Vereinfachungen argumentierend, bezog Kühnl für seine Darstellung des Verhältnisses von Partei und Kapital und dessen Wandel Anregungen aus der Bonapartismus-Theorie. Zugleich entwickelte er eigene Vorstellungen vom Zusammenwirken der wirtschaftlichen und politischen Führungskräfte, das er als ihr Bündnis bezeichnete. Damit hat er unter materialistischen Historikern auch Widerspruch gefunden, jedenfalls aber Diskussionen angeregt, deren Ergebnis ihnen half, die zählebigen Verleumdungen, sie würden in Hitler und seiner Führungsgruppe einzig Agenten des Kapitals erblicken, zurückzuweisen.

Marburger Schule

Kühnl hatte sich 1971 in Marburg auch habilitieren können, nachdem Versuche gescheitert waren, die von ihm dafür vorgelegten Schriften als wissenschaftlich wertlos herabzusetzen und das Verfahren zum Scheitern zu bringen. Im gleichen Jahr erhielt er die Ernennung zum Professor. 1973 nahm er, eingeladen von Walter Grab, eine Gastprofessur in Tel Aviv an. Bald stand sein Name, verglichen mit der vorherrschenden Praxis an anderen westdeutschen Universitäten, für eine alternative Ausbildung von Studenten. Um ihretwillen kamen viele am wissenschaftlichen Verständnis von Politik und Geschichte interessierte junge Leute nach Marburg. Sie folgten einer Anziehungskraft, die schon und fortdauernd von Wolfgang Abendroth ausgegangen war, der dort schulbildend gewirkt hatte. Mit Kühnl, Georg Fülberth, Frank Deppe und anderen fand diese Marburger Schule eine Fortsetzung. Sie galt ihren Gegnern als ein aus der Universitätslandschaft der Bundesrepublik zu beseitigender Fremdkörper. Tatsächlich hofften diese, als nach 1990 die marxistischen Wissenschaftler in Berlin-Ost und von Jena bis Rostock auf dem Wege der »Erneuerung« ihrer Universitäten Zug um Zug entlassen wurden, auch die Marxisten und Sozialisten an den höchsten Lehranstalten im Gebiet der Altbundesrepublik loszuwerden. Das scheiterte, weil dafür das notwendige Sonderrecht nicht geschaffen werden konnte. So hat Kühnl bis zu seiner Emeritierung 2001 weiter lehren können. Für die Zeit danach waren ihm hinreichend Kräfte geblieben, vor Zuhörern zu reden und mit ihnen zu diskutieren. Anläßlich des 8. Mai 2005, da wurde an das 60 Jahre zurückliegende Kriegsende und die Zerschlagung des Faschismus erinnert, hat er an 20 Orten in der Bundesrepublik gesprochen. Auch an der Ehrung seines Lehrers Abendroth anläßlich von dessen 100. Geburtstag war er 2006 noch als einer der Sprecher beteiligt. Bald darauf jedoch machte ihn ein unaufhaltsam fortschreitender Krankheitsprozeß unfähig, auf diese Weise weiter tätig zu sein und öffentlich hervorzutreten. Schließlich verstummte er, erst als Autor und Lehrer, dann in den letzten Jahren auch im Wortsinn.

Die meisten Jahrzehnte im Leben von Reinhard Kühnl lagen in Zeiten des Kalten Krieges und unter der Drohung, daß der in einen heißen, und das hieß in einen mit Atomwaffen ausgetragenen dritten Weltkrieg umschlug. Mit diesem Zustand hat er sich nicht abgefunden. Weder als Wissenschaftler – er legte Publikationen vor, die sich mit der Geschichte der Friedensbestrebungen befaßten –, noch als politischer Bürger. Es gehört zu seinen Verdiensten und denen derjenigen, an deren Seite und an deren Spitze er stritt, den Protest gegen die Aufrüstung und namentlich gegen die atomare Bewaffnung der Bundesrepublik wieder und wieder zur Sprache gebracht und auf Straßen und Plätze getragen zu haben. Das beinhaltete seit den siebziger Jahren die Pflege von Arbeits- und politischen Kontakten mit Wissenschaftlern in der Deutschen Demokratischen Republik, die in mehrfacher Hinsicht das Zusammentreffen mit Geistesverwandten war. Jena, ein Mekka der Faschismusforscher im ostdeutschen Staat, wurde für Kühnl zur wohl meistbesuchten Stadt jenseits der Grenze. Er war nicht der einzige, aber vielleicht der regelmäßigste Teilnehmer an jenen alljährlichen Kolloquien, die auf Initiative Manfred Weißbeckers stattfanden und in denen Ergebnisse geleisteter Forschungen vorgetragen und Projekte für künftige vorgestellt wurden. Kühnls Beiträge gaben darüber hinaus ein Bild von Kontinuität und Wandel des geistig-politischen Zustands der westdeutschen Gesellschaft und der Rolle der Geschichtswissenschaften.

Notwendige Organisation

Zu den vielen Tätigkeiten des politischen Wissenschaftlers gehörte sein Beitrag zur Herstellung friedfertiger Beziehungen der Bundesrepublik zur benachbarten Tschechoslowakei – und das zu Zeiten, da von Revanchisten geführte Organisationen jeden Schritt zur Normalisierung des zwischenstaatlichen Verhältnisses sabotierten. Kühnl unterstützte die Arbeit jener nach dem Volksfrontmodell in Bremen entstandenen Gruppe, die sich Lidice-Initiative nannte. Ihre Gründer waren bremische Pastoren, Gewerkschafter, Mitglieder der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Die Gruppe traf sich mit tschechischen und slowakischen Partnern in Kladno, Prag, Bratislawa, Bremen und, auch das ging auf Kühnls Teilnahme zurück, zu einer Tagung in Marburg.

Schon diese unvollständige Aufzählung besagt, daß Reinhard Kühnl ein Schwerarbeiter war. Nicht aus irgendeinem Zwang oder aus Fanatismus oder Sucht. Er lebte wie viele, die über alle Enttäuschungen hinweg davon überzeugt blieben, daß diese Welt besserungsfähig ist und daß, wer dazu beitragen kann, es auch gemeinsam mit seinen Gesinnungsgenossen anpacken soll. Das schloß für ihn das aus der Geschichte gewonnene, in ihren Abläufen immer wieder bestätigte Wissen ein, daß dafür Kooperation und Organisation unerläßlich sind. Daraus erwuchs ein weiteres seiner Arbeitsfelder, sein Einsatz für die Gründung des Bundes demokratischer Wissenschaftler und seine vieljährige Mitwirkung in dessen Leitung.

Bei all dem wurde er nicht ein hastiger, getriebener, seine Kräfte in Dauerarbeit verbrauchender Zeitgenosse. Er hat sich in keiner Lebensphase solchen Genüsse verweigert, die eben nicht auf Kosten anderer gingen. Er war ein Radwanderer von Ausdauer. Er liebte es, sich in Österreichs Bergen skilaufend zu erholen. Er, ein im Nebenfach studierter Germanist, besaß eine Vorliebe für die Lyrik, die so weit reichte, daß er Freunden Gedichte vorlas und vortrug, die ihm gefielen – zu denen gehörten u.a. die Bertolt Brechts, Rainer Maria Rilkes, Albert Chamissos und Gottfried Benns – und von denen er meinte, daß sie auch seine Zuhörer erreichen könnten.

Erinnerungen an Tote verbinden sich mit Begegnungen, Erlebnissen, Gesprächen, mit der schriftlichen Hinterlassenschaft ihrer Arbeit – und dies alles verknüpft sich mit Bildern. Unter den meinen, die aus dem Leben Reinhard Kühnls herrühren, ist dieses: In einem Hotel im damals jugoslawischen Zagreb sitzen sich nach einem anstrengenden Konferenztag er und Wolfgang Ruge, Historiker am Geschichtsinstitut der Akademie der Wissenschafter der DDR und vor allem durch seine Monographien zur Geschichte der Weimarer Republik ein engerer Fachkollege, gegenüber. Sie kämpfen. Ihre Waffen sind Schachfiguren. Das Spiel am Brett verrät etwas vom Charakter beider. Aufgeben war nicht ihre Sache. Das ist mehr als ein Vierteljahrhundert her. Jugoslawien, unser Gastgeberland, existiert nicht mehr. Wolfgang Ruge verstarb 2006. Nun gehört auch Reinhard Kühnl zu den Toten. Was bleibt? Am Ende doch nur das, was die Lebenden aufnehmen und fortsetzen. Es entscheidet sich daran, ob sie Wege suchen und beschreiten, die Reinhard Kühnl fand und ging. Es waren, sollte ich es in einem Wort sagen, die eines Aufklärers.

Auswahl seiner Publikationen:

– Die nationalsozialistische Linke 19251930. Meisenheim am Glan, 1966 (Dissertation, Universität Marburg, 1965)

– Die NPD: Struktur, Programm und Ideologie einer neofaschistischen Partei. Berlin 1967; gemeinsam mit Rainer Rilling, Christine Sager: Die NPD: Struktur, Programm und Ideologie einer neofaschistischen Partei. Frankfurt am Main 1969

– Deutschland zwischen Demokratie und Faschismus: Zur Problematik der bürgerlichen Gesellschaft seit 1918. München 1969

– Formen bürgerlicher Herrschaft. Liberalismus, Faschismus. Reinbeck bei Hamburg 1971

– Totalitarismus: Zur Problematik eines politischen Begriffs (gemeinsam mit Martin Greiffenhagen, Johann Baptist Müller). München 1972

– Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten. Köln 1975

– Faschismustheorien: Ein Leitfaden. Reinbeck bei Hamburg 1979; aktualisierte Neuauflage. Heilbronn 1990

– Der Faschismus: Ursachen, Herrschaftsstruktur, Aktualität. Eine Einführung. Heilbronn 1983

– Die Weimarer Republik. Errichtung, Machtstruktur und Zerstörung einer Demokratie. Ein Lehrstück. Reinbeck bei Hamburg 1985

– Nation Nationalismus nationale Frage: Was ist das und was soll das? Köln 1986

– Vergangenheit, die nicht vergeht. Die »Historiker-Debatte«. Dokumentation, Darstellung und Kritik. Beiträge zum Historikerstreit. Köln 1987

– Gefahr von rechts: Vergangenheit und Gegenwart der extremen Rechten. Heilbronn 1990

– Deutschland seit der Französischen Revolu­tion: Untersuchungen zum deutschen Sonderweg. Heilbronn 1996

Quelle: junge Welt, 13.02.2014

via kominform.at

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„Zerschellt an den Klippen des Lebens“?
Über Baronesse Jenny von Westphalen, verheiratete Marx

Was soll man über eine Frau denken, deren Mann im Brief an seinen künftigen Schwiegersohn über sie folgendes schreibt: „Soweit es in meiner Macht steht, will ich meine Tochter vor den Klippen bewahren, an denen das Leben ihrer Mutter zerschellt ist.“ Ein „zerschelltes“ Leben! Meint der Schreiber das ernst?

Der Brief stammt von August 1866. Absender war kein geringerer als Karl Marx. Der Adressat war Paul Lafargue, später prominenter französischer Sozialist und Ehemann der mittleren Marx-Tochter Laura. Die Rede war von Jenny Marx, geborene Baronesse von Westphalen (geboren am 12.2.1814 in Salzwedel, gestorben am 2.12.1881 in London). Sie war die Stiefschwester des konservativen, bigotten und selbstgefälligen preußischen Innenministers Ferdinand von Westphalen. Ihr Vater, Ludwig von Westphalen, war Regierungsrat in Trier und ein humanistisch gebildeter, politisch sehr liberal gesonnener Mann. Über ihre Großmutter, Jeanie Wishart of Pittarow, führte ihre Ahnenreihe zum schottischen Adelsgeschlecht der Grafen von Argyll, aus dessen Reihen der englische König Heinrich II. stammte.

Nach dem Marx-Brief zu urteilen müsste ihr Leben überwiegend freudlos verlaufen und vielleicht sogar sinnlos gewesen sein. Machte es dann Sinn sich mit ihr zu befassen? Nur um dann schließlich zu bedauern, wie manche Biographinnen es tun (z. B. Françoise Giroud: „Das Leben der Jenny Marx“ oder Ruth Zimmermann: „Jenny Marx und ihre Töchter. Frauen im Schatten des Revolutionärs“).

Das „schönste Mädchen Triers“ und die Liebe

Die junge Baronesse galt als „Ballkönigin“ und als „das schönste Mädchen“ von Trier. Eigentlich wollte sie zuerst ganz standesgemäß den schneidigen Offizier Karl von Pannewitz heiraten. Er beeindruckte sie als Tänzer; er konnte gut Schlittschuh laufen und, so schreibt ihre Biographin Francoise Giroud, er konnte „gut küssen“. Aber schon als Jenny ihm von Hamlet vorschwärmte, musste sie erkennen, an welch hohle Nuss sie geraten war. „Hamlet? Wer ist das?“, soll er gefragt haben. Und als sie sich dann noch über die Brutalität der französischen Armee empörte, die im Juli 1830 auf die demonstrierende und hungernde Pariser Bevölkerung geschossen hatte, war es bald ganz aus mit der Schwärmerei. Pannewitz verstand gar nicht, wo sie das Problem sah. „Ein Soldat hat zu schießen, wenn er den Befehl dazu bekommt.“ So einfach war das für ihn. Die knapp 18-jährige Jenny zog die Konsequenz; sie löste die Verlobung auf. „Ich habe mich geirrt. Sie zu heiraten wäre ein Fehler“, soll sie gesagt haben.

Aber beging sie dann nicht bald den nächsten, ungleich tragischeren Fehler? Sie verliebte sich in den vier Jahre jüngeren Karl Marx, den sie als Spiel- und Schulkameraden ihres Bruders Edgar schon lange kannte. Mit 21 verlobte sie sich (zunächst) heimlich mit ihm; sieben lange Jahre musste sie ausharren. Oft packten sie starke Zweifel an der Ernsthaftigkeit seiner Liebe, bis der lebenslustige, ungestüme und gar nicht so zielstrebige Student sie schließlich heiratete. Der noch vorhandene Briefwechsel aus dieser Zeit belegt, wie sehr sie zwischen Sehnsucht und Verzweiflung hin und her schwankte.

War ihr anschließendes Leben, das sie in mehrfachem Exil (Paris – Brüssel – Paris – London), bedrängt von Schuldnern und Pfandleihern verbrachte, nicht doch ein „Drama“? Stand sie nicht doch lebenslang „dienend“ im Schatten des von seiner Familie angeblich als „Gott“ verehrten Gatten?

Entscheidung für ein Leben in Not

So war das nicht. Gewiss war sie in Denken, und Fühlen und in ihrer Reflexion über die grundsätzliche Rolle der Frau ein „Kind ihrer Zeit“. Wie sollte es auch anders sein? In der Tat rebellierte sie nicht dagegen, dass sie im Leben der Familie Marx nach außen vor allem die Rolle der bis ins Alter „schönen und vornehmen Dame“ spielte. Sie hatte ihre „glücklichsten Tage“, wie sie in ihren autobiographischen Notizen „Kurze Umrisse eines bewegten Lebens“ schrieb, als sie die „kritzlichen Aufsätze“ ihres Mannes abschrieb und kopierte. Und das wird kein reines Vergnügen gewesen sein. Seine Schrift war so unleserlich, dass er sich nicht einmal dazu eignete, als Schreibkraft für die Londoner Eisenbahn die allernötigsten Pennys zu verdienen. Wo bleibt da die Autonomie, die eigene Leistung? Insofern entspricht Jenny Marx sicher nicht dem Ideal einer Variante von bürgerlichem „Feminismus“, dem heute der Fakt, dass eine Frau Kanzlerin ist, wichtiger ist als die Inhalte, für die diese Person steht.

Die bittersten Jahre

Die ersten Jahre im Londoner Exil, besonders 1850-1852, waren nach ihren Worten „Jahre der äußersten Sorgen, beständiger aufzehrender Angst, großer Entbehrungen aller Art und selbst wirklichen Mangels“. In einem Brief an Joseph Weydemeyer vom 20.5.1850, schrieb sie inmitten des schlimmsten Elends: „Mein Mann ist hier fast erdrückt worden von den kleinlichsten Sorgen des bürgerlichen Lebens, und zwar in einer so empörenden Form, dass die ganze Energie, das ganze ruhige, klare, stille Selbstbewusstsein seines Wesens nötig waren um ihn in diesen täglichen, stündlichen Kämpfen aufrechtzuerhalten.“

Und nicht nur einmal erlebte sie solche entwürdigenden finanziellen Umstände. Lange dauerte es, viel zu lange – sie war fast 54 Jahre alt – dass nach diversem Auf und Ab, inklusive auch einiger finanziell günstigerer Phasen, schließlich Friedrich Engels der Familie Marx eine feste jährliche Summe zum Überleben zahlen konnte. All die Jahre zuvor hatte er zig Male Retter in der höchsten Not spielen müssen, worunter Jenny Marx noch mehr litt als ihr eher zum Stoizismus neigender Mann.

War also ihr Leben tatsächlich „zerschellt“?

Trotz alledem widerspreche ich Marx´ Einschätzung und teile nicht nur nicht die Meinung ihres Mannes, dem ich in der Regel in seinen Urteilen zustimme. Ich widerspreche ihm und auch der Meinung von Margarete Mitscherlich, der berühmten Psychoanalytikern, die über Jenny und die Töchter der Familie Marx einst geschrieben hatte: „Das Tragische im Leben dieser Familie lässt sich anfänglich an dem psychischen Elend und der Überforderung von Frau Jenny Marx, geborene von Westphalen, ablesen. … ´Küche, Kinder und Sozialismus´ beherrschten ihr Leben nicht weniger als die drei K´s (Küche, Kinder, Kirche) dasjenige der durchschnittlichen bürgerlichen Hausfrauen ihrer Zeit; wobei der Sozialismus auf Grund der tiefen Bindung an den Vater noch eine weit größere innere Verpflichtung für sie darstellte als für die meisten anderen die Kirche.“ (M. Mitscherlich: Einleitung zu „Die Töchter von Karl Marx. Unveröffentlichte Briefe.“ 1981, S. XIV-XV)

Diese Art von Geschichtsbewältigung widerspräche nicht nur der tatsächlichen Bedeutung Jenny Marx´ für die sozialistische Bewegung hat, sie stünde auch im Gegensatz zu ihrer eigenen Selbsteinschätzung. In ihren autobiographischen Notizen schildert sie, wie die Familie Marx mit Hilfe des Erbes der Mutter Jennys 1856 ihr erstes kleines Häuschen im neuen Londoner Stadtviertel Hampstead Heath bezog und außerdem dank neuer, aber unregelmäßiger Einkünfte aus der journalistischen Arbeit von Karl für die New Yorker „Herald Tribune“ einige Zeit in einem ersten ökonomischen „Zwischenhoch“ verbringen konnte. Doch dann schreibt Jenny, die schwierige Zeit im Londoner Westend mit den späteren verbesserten Lebensumständen vergleichend, ganz überraschend: „Ich sehnte mich oft nach meinen langen Spaziergängen in den belebten Straßen des Westend zurück, nach meinen Meetings, unseren Klubs und der gewohnten Kneipe mit ihrem traulichen Geplauder, bei denen ich so oft die Sorgen des Lebens eine Zeitlang vergessen hatte.“ Und zum neuen Leben in den deutlich verbesserten materiellen Verhältnissen sagte sie: „La vie de bohème (das Bummelleben) hatte ein Ende, statt dass man bisher frei und offen den Kampf der Armut im Exil gekämpft hatte, galt es von neuem, den Schein der Ehrbarkeit wenigstens aufrechtzuerhalten. Wir segelten mit vollen Segeln ins Philisterium hinein, … da war noch derselbe kleine Druck, dasselbe Ringen, noch alle der kleine Jammer, dasselbe intime Verhältnis mit den rettenden 3 Kugeln (gemeint ist damit der Pfandleiher, HPB) – aber der Humor war dahin. Den wirklichen Druck des Exils fühlte ich erst in dem ersten Stadium unseres bürgerlich-honetten Philosterlebens. Doch war dieser Übergang nötig. Es musste mit der Vergangenheit gebrochen sein. Schon der Kinder wegen mussten die ebnen Wege des geregelten, respektablen Bürgerlebens eingeschlagen werden.“

Wer mit solchem Wehmut sein Leben in materieller Not rückblickend als Bohème bezeichnet, der kann nicht darin „zerschellt“ gewesen sein. In ihren Erinnerungen wird immer wieder deutlich welche Lebensenergie und Lebensfreude in ihr steckte, wie sehr sie auch am Leben hing und wie sehr die Entwicklung ihrer drei überlebenden Töchter Jenny, Laura und Eleanore für sie eine Quelle von Glück und Lebensbejahung war – trotz vieler Konflikte auch mit ihnen.

Keine tragisch Leidende

Schließlich sah auch Karl Marx selbst in seiner Frau weit mehr als eine tragisch leidende Mutter und Hausfrau. Ebenso taten es ihre Kinder und die politischen Weggefährten der Familie Marx. Derselbe Paul Lafargue, dem Marx 1866 die bittere Notiz über seine Frau geschrieben hatte, zeichnet in seinen Erinnerungen von 1890 ein ganz anderes Bild von ihr: „Marx hatte so hohe Achtung vor der Intelligenz und dem kritischen Sinn seiner Frau, dass er mir 1866 sagte, er habe ihr alle seine Manuskripte mitgeteilt, und er lege großen Wert auf ihr Urteil.“ Und Stephan Born, ursprünglich Mitglied des Bundes der Kommunisten und späterer Mitbegründer der Gewerksgenossenschaften, der Vorläufer der Gewerkschaftsbewegung, war schon lange kein politischer Freund des revolutionären Marx mehr, als er über Jenny Marx 1898 in einem Rückblick so urteilte. „Ich habe … selten eine in ihrer äußeren Erscheinung wie in ihrem Herzen und Geiste so harmonisch gestaltete Frau gekannt, die bei der ersten Begegnung so sehr für sich eingenommen hätte wie Frau Marx. … Frau Marx lebte in den Ideen ihres Mannes, sie ging dabei ganz und gar in der Sorge für die Ihrigen auf und war doch himmelweit von der strumpfstrickenden, den Kochlöffel rührenden deutschen Hausfrau entfernt.“ (Zitiert nach: H. M. Enzensberger: Gespräche mit Marx und Engels, 1981, S. 76 f.)

„Mutter, Freundin, Vertraute, Beraterin“

Wahrlich, sie war kein „Hausmütterchen“. Sie war eine Genossin für Genossen in Not und Bedrängnis. Sie opferte ihr letztes Geld für die nach der Niederlage der Pariser Kommune 1871 nach England strömenden französischen Sozialisten.

Sie nahm regen Anteil an der Entwicklung der I. Internationale und korrespondierte mit sozialistischen und kommunistischen Revolutionären vieler Länder; sie war für viele eine politische Ratgeberin von hohem Rang.

Sie besaß einen eigenständigen politischen und literarischen Kopf von hoher Qualität. Ihre in den späten Lebensjahren verfassten Artikel, Kritiken und Rezensionen für die „Frankfurter Zeitung“ über zeitgenössische Literatur und Schauspielkunst zeugen von hoher Bildung und hohem intellektuellen Niveau.

Sie war unversöhnlich, kompromisslos in ihrer Ablehnung des Reformismus. Ihr Briefwechsel mit vielen Weggefährten von Marx und Engels belegen, wie sehr sie sich inhaltlich mit den Zielen der revolutionären Arbeiterbewegung identifizierte.

Wilhelm Liebknecht, der fast zwölf seiner Londoner Exiljahre in engstem Kontakt mit der Familie Marx verbrachte, schrieb über sie: „Frau Marx hatte über uns vielleicht eine noch größere Herrschaft als Marx selbst. (sie) war die erste Frau, durch welche ich die erzieherische Kraft und Macht der Frauen erkennen lernte. … Ehe ich Frau Marx traf, hatte ich die Wahrheit des Goetheschen Worts nicht begriffen: ´Willst du genau erfahren, was sich ziemt, so frage nur bei edlen Frauen an!´ Sie war mit bald Iphigenie, die den Barbaren sänftigt und bildet, bald Eleonore, die dem mit sich Zerfallenen, an sich zweifelnden Ruhe gibt – Mutter, Freundin, Vertraute, Beraterin. Sie war mir das Ideal eines Weibes, und sie ist es mir. Und – es sei hier wiederholt – wenn ich in London nicht zugrunde gegangen bin, geistig und körperlich, dann verdanke ich es zum großen Teil ihr …“

Wer solche Zeugen für sich sprechen lassen kann, der kann nicht „an den Klippen des Lebens zerschellt“ sein.

Hans-Peter Brenner

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Erstveröffentlichung in Unsere Zeit vom 3. März 2006

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Zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs

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Plakat 1919: Der Spartakusbund bzw.
die KPD zog die Konsequenzen aus
dem Ersten Weltkrieg gegen
Kapitalismus, Junkertum
und (neuen) Militarismus

Wir werden viel über Krieg und Frieden zu hören bekommen in diesem Jahr, in dem sich der Beginn des Ersten Weltkrieges am 1. August zum hundertsten Mal jährt. Der erste Krieg in der Menschheitsgeschichte, der tatsächlich die ganze Welt erfasste und 20 Millionen Tote, Millionen Verkrüppelte, verwüstete Landstriche, zerstörte Fabriken und zerbombte Städte hinterließ. Auch wenn sich heute keiner das Unvorstellbare eines dann dritten Weltkrieges mehr vorstellen will: Die Ursachen, die damals zum Krieg führten, sind nach wie vor nicht beseitigt, trotz aller Unterschiede zwischen damals und heute. Es hilft nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Nur wer seine Lage erkennt, kann sie ändern. Auf Draht wird deshalb dieses Jahr zum Anlass nehmen, um an einzelnen Beispielen aufzuzeigen, wie sich hinter aktuellen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen und so scheinbar ehrenhaften Vorhaben, wie „Verantwortung in der Welt“ (aus dem Koalitionsvertrag) zu übernehmen, die Gefahr eines weiteren Weltkrieges zusammenbraut. Doch wie kam es zum 1. Weltkrieg, was waren seine Ursachen?

Ein Platz an der Sonne
Der 1. Weltkrieg brach nicht einfach aus. Genauso wenig sind die Politiker und Militärs des Deutschen Reiches aus Unfähigkeit hineingeschlittert, wie neu erschienene Bücher dazu behaupten. Der 1. Weltkrieg hat sich bereits lange vor dem August 1914 angebahnt. Forderungen, wie die des damaligen Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes, Bernhard von Bülow, im Jahre 1897: „Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne“, kündigten ihn an. Wer waren diese „wir“?

Es waren die Besitzer der im 19. Jahrhundert im großen Stil gegründeten Unternehmen. Es waren die Herren von Siemens (1847) oder AEG (1883), der Deutschen Bank (1870 von einem der Siemens-Brüder gegründet), die Hütten- und Stahlbarone wie Krupp (1811) und Thyssen (1871), die Besitzer der Chemiefabriken (wie BASF, Bayer, Hoechst, jeweils 1863 gegründet). Sie waren im Vergleich zur Konkurrenz in Frankreich oder England spät dran, wo die notwendigen gesellschaftlichen Umwälzungen für eine die ganze Gesellschaft umfassende kapitalistische Entwicklung schon ein bis zwei Jahrhunderte vorher vollzogen worden waren. Dadurch hatten die deutschen Kapitalisten aber den Vorteil, ihre Fabriken mit damals modernsten Maschinen ausstatten und so im Vergleich zur ausländischen Konkurrenz hohe Profite aus der Schufterei der Arbeiter ziehen zu können. Sie konnten auf dem bisher erreichten Wissensstand der Menschheit weiter forschen und mit neuen Entdeckungen auf den Markt drängen. So schlossen sie in kurzer Zeit zur Konkurrenz auf bzw. überholten sie. Eine neue wirtschaftliche Großmacht entstand.

Neuaufteilung der Welt
Bald wurde das Deutsche Reich als „heimischer Markt“ zu klein, um die vielen Waren absetzen und das durch die Ausbeutung der Arbeiter erzielte Kapital wieder Profit bringend anlegen zu können. Doch nun mussten die Herrschaften in Deutschland erkennen, dass die Welt schon aufgeteilt war. Im Westen waren es die alten Großmächte England und Frankreich mit ihrem riesigen Kolonialbesitz in Afrika und Asien, die dem Drang der deutschen Kapitalisten nach weiteren Absatzmärkten, Einflusszonen, um ihr Kapital anzulegen, und Rohstoffen Grenzen setzten. Im Süden waren die Besitzer der Banken und Fabriken Italiens ähnlich spät dran wie in Deutschland und strebten nun ihrerseits nach Anteil an der Welt. Im Osten lag das große Russische Reich, das seinen Einfluss verteidigte. Und über dem Atlantik schlossen die Kapitalisten des erst seit gut 100 Jahren unabhängigen Staates, der USA, frei von jedem feudalen Ballast, ebenfalls schnell auf. Der Kampf um die Neuaufteilung der Welt begann, noch in tiefsten Friedenszeiten.

Zuspitzung der Widersprüche
… durch Bagdad-Bahn
Er fand seinen Ausdruck in so zivilen Unternehmungen wie dem Bau der Bagdad-Bahn, der Ende des 19. Jahrhunderts begann. Finanziert wurde er von der Deutschen Bank, die mit den aus der türkischen Bevölkerung herausgepressten Steuern, die zur Rückzahlung der Kredite mit Zins und Zinseszins gebraucht wurden, zu einer der führenden Banken der Welt aufstieg. Thyssen lieferte die Schienen, Maffei und Borsig die Lokomotiven, Bilfinger und Berger bauten die Bahnhöfe. Rüstungsprojekte für die deutsche Rüstungsindustrie wurden vereinbart, deutsche Militärberater in die Türkei geschickt. So machte sich das Deutsche Reich die Türkei abhängig und auf den Weg, seinen Einfluss weiter bis zum Persischen Golf auszudehnen. Es drang dabei in die Einflusszonen von England und Russland ein und machte sich so beide zu Feinden.

… und Panthersprung
Es folgten die Marokko-Krisen 1906 und 1911. Vor allem auf Geheiß der Gebrüder Mannesmann, Hüttenbesitzer und Röhrenhersteller, die nach den Erzvorkommen Marokkos schielten, versuchte das Deutsche Reich Marokko unter seinen Einfluss zu zwingen. Doch auch Marokko war kein weißer Fleck mehr auf der Landkarte, sondern stand unter französischer Vorherrschaft. Der Konflikt mit Frankreich wurde so weit getrieben, dass deutsche Kriegsschiffe ins Mittelmeer entsandt wurden. Das Deutsche Reich setzte zum „Panthersprung“ an, wie es damals, auf den Namen eines der Kriegsschiffe anspielend, hieß. Doch die kaiserliche Kriegsflotte musste sich zurückziehen, nachdem die englische Regierung der französischen unmissverständlich ihren Beistand gegen den Eindringling zusagte. Die Widersprüche zwischen den Mächten verschärften sich. England, Frankreich und Russland verbündeten sich zur Entente. Das Deutsche Reich schloss sich mit dem vom Zerfall bedrohten Österreich-Ungarn und Italien zum Dreibund zusammen. Überall wurde fieberhaft aufgerüstet.

Für Profit und Vaterland
Die Kriegsursachen lagen also nicht in der Fähigkeit oder Unfähigkeit der Regierungen. Diese vertraten die Interessen der Kapitalisten ihrer Staaten, die sich zur herrschenden Klasse entwickelt hatten. Dabei behaupteten sie damals, wie auch heute noch, die „nationalen Interessen“ zu verteidigen. Es waren die kapitalistischen Verhältnisse selbst, die zum Krieg drängten. Und es war vor allem das Deutsche Reich, das eine Neuaufteilung der Welt zu Gunsten seiner Kapitalistenklasse mit Gewalt erzwingen wollte. Das Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo war dann nur mehr der Vorwand für den Kriegsbeginn. Österreich-Ungarn wurde von den deutschen Verbündeten ermutigt, Serbien den Krieg zu erklären. Russland reagierte darauf mit einer Teilmobilisierung seines Militärs, woraufhin das Deutsche Reich Russland am 1. August und Frankreich am 3. August1914 den Krieg erklärte. Das große Schlachten begann – im Interesse der winzigen Klasse von zu spät groß und mächtig gewordenen Kapitalisten, die einen Platz an der Sonne wollten.

gr

Quelle: Auf Draht, DKP-Betriebszeitung München

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von Patrik Köbele 

Zwei ehemalige Mitglieder der DKP und frühere hauptamtliche Funktionäre der SDAJ, Thomas Kerstan und Gero von Randow, arbeiten heute für die Wochenzeitung „Die Zeit“.

Gemeinsam veröffentlichen Sie einen Artikel „Die Zwangsarbeiter und wir“. Es geht dabei nicht um die hunderttausenden Zwangsarbeiter, die der deutsche Faschismus verschleppte, ausbeutete und tötete, es geht um die Insassen in Gefängnissen der DDR, die dort arbeiteten, wie in so ziemlich jedem Staat. Es geht darum, das Güter, die sie herstellten ins Ausland verkauft wurden, damit die DDR Devisen erhielt und es geht darum, dass die DDR kommunistische Parteien, darunter die DKP unterstützte, auch materiell und angeblich auch von diesen Devisen.

Lassen wir die beiden selbst sprechen:

„Wir sind darauf nicht stolz, sondern schämen uns für Verblendung und Schuld. Auch damals hätten wir es besser wissen müssen. Stattdessen haben wir uns in unserer Weltsicht eingemauert. Wer weiß, ob wir uns ohne Gorbatschow, der uns neu nachdenken lies, daraus befreit hätten. Oder ohne Brandt, Schmidt und Reagan (!), die zum Sturz der freiheitsverachtenden Regime im Osten beigetragen haben. Und wir sind dankbar dafür, dass wir gewissermaßen resozialisiert wurden. Bürger der Bundesrepublik sein können, die nicht in Acht und Bann geschlagen wurden. Wohlgemerkt: Dafür wurde uns kein Bekenntnis abverlangt und keine Aufarbeitung der Vergangenheit. Wir müssen nicht zu Kreuze kriechen, sondern erhielten die Gelegenheit, unsere Schuld selbst zu erkennen.“

Was sagt man dazu? Vielleicht, dass wer so zu Kreuze kriecht, am Ende noch nicht mal im Schoß der herrschenden Klasse landet, sondern im A….

 

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Wir verbreiten gerne die folgende information weiter und wünschen dem Projekt Erfolg:

Bitte unterstützt das Filmprojekt über die Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ !

1988 reist die 20-jährige Finnin in die DDR, um an der internationalen Jugendhochschule Marxismus-Leninismus zu studieren. Im Sommer ´89 endet das Studienjahr und wenige Monate später fällt die Berliner Mauer. Nach 24 Jahren begibt sich Kirsi Marie Liimatainen auf eine filmische Reise nach Nicaragua, Südafrika, Chile, Bolivien, in den Libanon, Deutschland und Finnland, um ihre Kommilitonen wiederzutreffen. Was ist heute übrig von ihrem gemeinsamen Traum der Befreiung aller Unterdrückten?

Die finnische Regisseurin und Studentin des internationalen Lehrgangs 88/89 an der Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“, Kirsi Marie LIIMATAINEN ( Die Festung, 2013 ) dreht zur Geschichte der JHS einen Dokumentarfilm. Leider fehlt zur Fertigstellung wie immer das liebe Geld, vielleicht könnte ihr uns mit einer Publikation bei der Unterstützung durch Spender und Sponsoren helfen. Der Film besucht heute, die Absolventen von Damals und dies von Südafrika, Palästina bis Lateinamerika kurz in der ganzen Welt. Er soll aber auch die Widersprüche zwischen Theorie und DDR – Realität nicht verschweigen.

Leider habe sämtliche Rundfunkanstalten die Unterstützung eingestellt. Deshalb muss das Filmprojekt bis zum 1. März 2014 durch Spenden und Sponsoren finanziert werden. Bitte helft mit, dieses beeindruckende Projekt zu realisieren. Die Möglichkeiten der direkten Spende findet man auf der Seite:
www.startnext.de/comrade

Liebe Freunde, Fans und Unterstützer,

Das Projekt „Comrade, where are you today?“ steht jetzt unter Empfehlungen bei Startnext – Vielen Dank an Euch für Eure Unterstützung! Erste Interviewanfragen von der Presse kommen auch schon rein 🙂

Bitte erzählt von unserem Projekt zu all Euren Freunden und Bekannten! Es gibt uns unglaublich viel Kraft, zu erleben, dass so viele Menschen überall in der Welt den Film fertig sehen möchten.
Comrade, where are you today?

Liebe Grüße,
Kirsi Marie Liimatainen

Dear Friends, Fans and Supporters,
“Comrade, where are you today?” is now enlisted as featured project at Startnext – thank you for your support! First requests for interviews are there – we hope further interest from media 🙂

Please support us and tell everybody about our project! It gives us power to continue, when we see that so many Friends from all over the world want to see this film finished. Comrade, where are you today?

Hugs and Kisses,
Kirsi Marie Liimatainen

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Quelle: DDR-Kabinett-Bochum

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Hans Heinz Holz-Tagung 2014 des Marx-Engels-Zentrum in Kooperation mit dem Arbeitskreis Hans Heinz Holz im Berliner Landesverband der DKP

Die Würdigung von Werk und Wirken des bedeutenden marxistischen Philosophen und Politikers
Hans Heinz Holz anlässlich seines 85. Geburtstags 2012 in Berlin stand unter dem Leitgedanken „Die
Einheit von Politik und Philosophie im Kampf für den Kommunismus“. Ein dazu veranstaltetes
Symposium wurde nach dem Tod des zu Würdigenden zu einer ersten Gedenkveranstaltung.
Die Hans Heinz Holz-Tagung 2014 nimmt diesen Leitgedanken wieder auf und ist seinem Werk
„Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie“ gewidmet.

Dazu referieren:

Andreas Hüllinghorst Holz und das Verhältnis von Wirklichkeit und Philosophie
Berlin
Prof. Dr. Thomas Metscher Konstruktion der Kategorie des Gesamtzusammenhangs
Grafenau
Dr. Hans-Peter Brenner Lenins Anteil an der Verwirklichung der Philosophie
Bonn
Dr. Hannes A. Fellner Die Philosophie Mao Tse Tungs im Konzept der
Cambridge, USA Verwirklichung der Philosophie bei Holz

Sonnabend, 1. März 2014, 11:00 – 16:00 Uhr

Marx-Engels-Zentrum,

Spielhagenstr. 13, (U-Bhf Bismarckstr., Linie 2 und 7;  Bus 109)

10585 Berlin (Charlottenburg)

 

Kostenbeitrag (incl. Imbiss): 5 € / 3 € ermäßigt.

Aufgrund begrenzter Platzkapazität wird um Anmeldung bis 20. Februar 2014 gebeten unter info@mez-berlin.de

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Pete Seeger ist verstorben

Pete Seeger wurde am 3. Mai 1919 in New York geboren. Der Sohn eines Musikwissenschaftlers und einer Geigenlehrerin widmete sich früh der Sammlung von US-Volksliedern und Südstaaten-Blues. Mit seinem fünfsaitigen Banjo spielte er bald auch eigene Lieder, in denen er sich mit der Arbeiterbewegung und den Kämpfen von unterdrückten Minderheiten und Völkern solidarisierte. 1941 gründete er zusammen mit Woody Guthrie, Lee Hays und Millard Lampell »The Almanac Singers«. Im Jahr darauf rief er in New York mit People’s Song die erste Volksmusikerorganisation ins Leben, die sich nach seinen Intentionen »deutlich von den gelehrten Volksmusikgesellschaften abgrenzen« sollte. 1949 gründete er dann zusammen mit dem Sänger Lee Hays sowie Ronnie Gilbert und Fred Hellermann das Quartett The Weavers. 1955 verweigerte Pete Seeger vor McCarthys Komitee für unamerikanische Umtriebe die Aussage. Als Folge davon wurde er zu zehn Jahren Haft verurteilt, von denen er ein Jahr im Gefängnis absitzen musste. In den folgenden 17 Jahren wurde er von den kommerziellen US-Medien boykottiert.

1969 war er Mitbegründer der Umweltschutzorganisation Clearwater. Er gab 1972 das Buch »The Incompleat Folksinger« heraus, das ein Standardwerk über die amerikanische Folk-Musik wurde.

In den 60er Jahren kämpfte Pete Seeger mit seinen Liedern für Frieden, für die Gleichberechtigung der Schwarzen und für die Emanzipation der Arbeiterklasse.

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Übernommen von RedGlobe

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Siehe auch die Würdigung von Gerd Schumann in  junge welt

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Der Freundeskreis Ernst Thälmann-Gedenkstätte Ziegenhals ruft  zur Teilnahme auf:

Anlässlich des 81. Jahrestages der illegalen ZK-Tagung der KPD

Datum: Sonntag, 9. Februar 2013

Beginn: 11:30 Uhr

Ort:
vor dem Areal der zertrümmerten und geschändeten Ernst-Thälmann-Gedenkstätte, (Seestr. 27, 15751 Königs Wusterhausen, Ortsteil Ziegenhals)

Es sprechen:

Dr. Nancy Larenas
(Vertreterin der Kommunistischen Partei Chile in der BRD,
Vorstandsmitglied der Chile-Freundschaftsgesellschaft
Salvador Allende e. V.)

Gerd Hommel
(Bundesvorsitzender des Revolutionären
Freundschaftsbundes, RFB)

Hein Pfohlmann
(1. Vorsitzender des Kuratoriums der Gedenkstätte
Ernst Thälmann, GET, Hamburg)

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Vorbemerkung: Wenige Jahre nach dem Tod von Engels (1895) trat in der SPD eine Gruppe von Opportunisten hervor, welche den Marxismus revidieren wollten. Das Haupt der Revisionisten war Eduard Bernstein, der 1899 die Schrift “Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie” veröffentlichte. In der Zeitschrift “Die Gleichheit, Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen”, Stuttgart, 12. April 1899, unterzog Clara Zetkin den Standpunkt Bernsteins einer scharfen Kritik:

Clara Zetkin: Wider die sozialdemokratische Theorie und Taktik

Die von Freund und Feind mit gleicher Spannung erwartete Schrift Bernsteins zur Kritik der sozialdemokratischen Theorie und Taktik ist kürzlich erschienen. Was die Freunde befürchtet, was die Feinde erhofft, das bestätigt sie mit wünschenswertester Klarheit: die vollzogene Schwenkung des Verfassers nach rechts hin. Wo Bernstein auf Grund seiner jetzigen Überzeugung steht, darüber können sich nach der Veröffentlichung seiner Schrift nur die täuschen, die aus Liebhaberei oder Beruf die Blinden spielen wollen. Was dagegen die Gründe anbelangt, welche die Preisgabe des alten Standpunkts, die Richtigkeit der veränderten Auffassung stützen sollen, so bleibt die Schrift erheblich hinter den Ansprüchen zurück, die man billigerweise an einen Mann von der Fähigkeit, dem Wissen und der Gewissenhaftigkeit Bernsteins stellen durfte. Sie ist in dieser Hinsicht geradezu dürftig und enthält weder neue beweiskräftige Tatsachen noch neue beweiskräftige Gedankengänge. Was Bernstein gegen die Marx-Engelssche Geschichtsauffassung einwendet, was gegen die darauf beruhende Auffassung von den geschichtlichen Kräften, die mit Naturnotwendigkeit zum Sozialismus führen müssen, was in der Folge gegen die prinzipielle Grundlage des sozialdemokratischen Programms und bezüglich der Taktik der Sozialdemokratischen Partei: das alles ist von bürgerlichen Sozialreformlern, Ethikern, Kathedersozialisten usw. wiederholt gesagt worden, zum Teil präziser und besser gesagt worden, als es in der vorliegenden Schrift geschieht.
Nun ist das ganz gewiß an und für sich noch kein Beweis für die Unrichtigkeit der Bernsteinschen Kritik und Auffassung. Aber die in Betracht kommenden Gründe, die bisher von bürgerlicher Seite geltend gemacht worden sind, um die marxistische Auffassung zu bekämpfen und die deutsche Sozialdemokratie von dem Wege des Klassenkampfes zur Eroberung der politischen Macht abzudrängen und in die sanften Bahnen ausschließlicher Reformlerei zu weisen, sind recht ausgiebig widerlegt worden, und zwar nicht bloß von den besten sozialistischen Theoretikern, darunter von Bernstein selbst, sondern auch und vor allem von den Tatsachen. Die Entwicklung unseres wirtschaftlichen und politischen Lebens bestätigt im großen ganzen geradezu glänzend die Marx-Engelssche Theorie des geschichtlichen Werdegangs zur sozialistischen Gesellschaft. Die zehnmal widerlegten Ansichten gewinnen dadurch nichts an beweisender Kraft, daß mit ihnen zur Abwechslung ein Mann aufwartet, der bisher einer der angesehensten Vorkämpfer für die Theorie von Marx und Engels gewesen ist und im Vordertreffen des Klassenkampfes gestanden hat. Wenn Bernstein heute verbrennt, was er früher angebetet, und anbetet, was er früher verbrannt hat, so ist dieser Umstand allein wahrlich nicht hinreichend, das als anbetungs- oder verbrennungswürdig zu begründen, wie bürgerliche Blätter frohlockend ausposaunen. Es spricht nur für eins: dafür, daß Bernstein heute Tatsachen und Theorien mit einem anderen Maßstab mißt als früher, und zwar mit einem Maßstab, der uns durchaus falsch dünkt.

Der von Marx und Engels begründete moderne wissenschaftliche Sozialismus ist sicher nicht ein schwächliches Treibhauspflänzchen, das den leisesten Lufthauch freier Kritik fürchten muß. Aber was Bernsteins Schrift bringt, ist in der Hauptsache nicht eine kritische Sichtung, Weiterführung und Vertiefung der einschlägigen Theorien, es ist vielmehr die unzweideutige Preisgabe der prinzipiellen Auffassung, in der das sozialdemokratische Programm gründet. Bezüglich der Taktik der sozialdemokratischen Bewegung aber enthalten des Verfassers Ausführungen nicht bloß die Mahnung, jede Gelegenheit zu positiver Reformarbeit zu ergreifen, den Hinweis aufrichtigere Bewertung und bessere Nutzung dieses und jenes Wirkungsgebiets, sondern sie gipfeln in dem Anraten einer entschiedenen Frontänderung, in dem Befürworten einer Mauserung der Sozialdemokratie aus der revolutionären Partei des klassenbewußten Proletariats zu einer demokratisch-sozialistischen Reformpartei. Über anregenden und zutreffenden Einzelheiten diese Hauptzüge der Bernsteinschen Schrift übersehen, hieße ihre Bedeutung nicht voll “würdigen”.

Berufenere werden sich an anderer Stelle mit des Verfassers Einwänden gegen die materialistische Geschichtsauffassung, die Dialektik und die Werttheorie auseinandersetzen. Bereits hat Kautsky in der Neuen Zeit durch eine treffliche Arbeit eine Artikelserie eingeleitet, in welcher er die aufgeworfenen Streitpunkte behandelt.

Unseres Erachtens hat Bernstein bezüglich dieser Materien einen donquichottischen Kampf gegen Windmühlenflügel aufgenommen. Das Bedürfnis nach einer wissenschaftlichen Rechtfertigung seines veränderten Standpunkts läßt vor seinen Blicken Auffassungen und Tatsachen in ganz wundersam phantastischen und verzerrten Formen auftauchen und treibt seine Beweisführung zu den absonderlichsten Purzelbäumen. So kämpft er gegen eine materialistische Geschichtsauffassung, welche die geschichtliche Entwicklung als einen sich mechanisch vollziehenden Prozeß begreift und die in ihrer äußersten Konsequenz zum “Quietismus” führen müßte, zu dem Glauben an die alleinseligmachende Kraft der wirtschaftlichen Entwicklung und den Verzicht auf jede proletarische Aktion zur Umgestaltung der Gesellschaftsverhältnisse. So läßt er den lächerlichen Popanz des “Blanquismus” von Marx und Engels aufmarschieren, der nach ihm bis heute noch in der “revolutionären Phraseologie” der deutschen Sozialdemokratie nachspuken soll. Mit dem Eifer des Neubekehrten bemüht er sich, bei Marx und Engels eine Entwicklung zur Verschwommenheit und Zerfahrenheit und in der Folge Widersprüche zu sich selbst nachzuweisen. Aber diese Widersprüche werden mittels Haarspaltereien und Unterstellungen aus einzelnen Worten und aus dem Zusammenhang gerissenen Sätzen zusammengeklaubt. Sie sind nur ein Widerschein der Widersprüche, in die sich Bernstein bei der vergeblichen Liebesmüh’ verstrickt, seine jetzige Überzeugung eines bürgerlichen Sozialreformlers mit seiner alten sozialistischen Auffassung zusammenzuflicken. Wir verweisen unsere Leserinnen und Leser auf die ausführlichen Auseinandersetzungen über die aufgerollten Fragen in der Neuen Zeit, der Sächsischen Arbeiter-Zeitung, der Leipziger Volkszeitung usw. Wir begnügen uns, in einem folgenden Artikel die Hauptpunkte zu erörtern, in denen sich Bernstein gegen die theoretischen Grundlagen des Sozialismus und gegen die sozialdemokratische Taktik wendet. Diese Punkte sind der entschiedene Nachweis für das vollzogene Abschwenken in das bürgerliche Lager.

Bernstein setzt an die Stelle der Wissenschaft die Utopie, er läßt die Gründe für die Verwirklichung des Sozialismus als einer wirtschaftlichen Notwendigkeit fallen und sucht das Proletariat mit dem frommen Glauben zu trösten, daß der Sozialismus eine sittliche, eine kulturelle Notwendigkeit sei. Er weist den Gedanken an den Zusammenbruch der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung als eine der unerläßlichen Voraussetzungen für die sozialistische Gesellschaft zurück und hofft auf eine allmähliche stückweise Einschmuggelung des Sozialismus in die kapitalistische Gesellschaft durch soziale Reformen, Gewerkschaften, Konsumvereine, Produktivgenossenschaften. Genau betrachtet, erweist sich die von ihm ins Auge gefaßte allmähliche Sozialisierung nicht als ein Mittel zur Zertrümmerung des Kapitalismus, sondern als Mittel zu seiner Befestigung durch die Verbürgerlichung des Proletariats. Mit ethisch-demokratischem Gruseln schiebt Bernstein den proletarischen Klassenkampf beiseite und trägt dessen geschichtliche Mission auf das “Rechtsbewußtsein” über, auf den steigenden Einfluß der “Ethik” und des “Allgemeininteresses” innerhalb der ausbeutenden und herrschenden Klassen. Statt des Kampfes wider die Bourgeoisie predigt er die Aussöhnung mit ihr im Zeichen des “Liberalismus”, das heißt, er vertröstet das Proletariat mit dem Schaugericht einer abstrakten Formel, statt ihm die Notwendigkeit des festen Zugreifens nach dem sicheren Brot seiner wirtschaftlichen Befreiung einzuschärfen. Nachdem er den Klassenkampf verpönt hat, verflüchtigen sich unter seiner fingerfertigen Beweisführung die Klassen selbst. Das Proletariat wird in Personen und Gruppen aufgelöst, die von Interessengegensätzen beherrscht sind und kaum je unter den Hut eines gemeinsamen Klasseninteresses gebracht werden können. Auch die Bourgeoisie erscheint lediglich als buntes Zusammengewürfel von verschiedenen Interessengruppen, die zusammengehalten werden durch den Druck von oben oder die Furcht vor dem unten drohenden revolutionären Gespenst, die Furcht vor der “Freßlegende” vom kämpfenden Proletariat.

Bernstein fordert eine dieser Auffassung entsprechende Umänderung der sozialdemokratischen Taktik. Für ihn freilich beschränkt sich diese Umänderung bloß auf eine andere, richtigere Etikettierung der Partei und auf die Entwöhnung von der lasterhaften “revolutionären Phraseologie”, dem leidigen Erbstück des “Blanquismus” von Marx und Engels. Die Mauserung, die er selbst durchgemacht hat, dichtet er nämlich auch der Sozialdemokratie an. Nach seiner Ansicht hat sich dieselbe bereits tatsächlich zu einer “demokratisch-sozialistischen Reformpartei” entwickelt, und es handelt sich für sie nur darum, das bißchen moralischen Wagemut aufzubringen, um unbeirrt durch das Geschrei der Fanatiker des “Gewaltkollers” “zu scheinen, was sie ist”. Die Entdeckung, daß die Sozialdemokratie eine nichts als reformlerische Partei ist, mußte Bernstein leichtfallen. Er begreift nämlich das Wort Revolution in dem allervulgärsten Polizeisinne und findet deshalb in dem Wirken der Sozialdemokratie nicht die geringste revolutionäre Spur. Daß er trotzdem den warnenden Schulmeisterfinger erhebt und ganz ernsthaft den Gebrauch des für zartnervige Ohren schreckhaften Wortes revolutionär widerrät, bekundet einen geradezu abergläubischen Respekt vor dessen bindender und lösender Kraft. Die Partei verbanne das Wort revolutionär aus ihrer Sprache, meint Bernstein, und es erstehen den proletarischen Interessen kräftige Verteidiger und Förderer in Gestalt der brünstig nach Betätigung schreienden “Ethik” der besitzenden Klassen, in Gestalt des diese durchglühenden “Allgemeininteresses”. An Stelle des proletarischen Klassenkampfes gegen die Bourgeoisie zur Eroberung der politischen Macht tritt nun die Reformarbeit auf dem Gebiet der Gesetzgebung, des Gewerkschafts- und Genossenschaftswesens, der Gemeindeverwaltung usw. im Bunde mit dem anständig und gerecht denkenden Teil der Bourgeoisie zum Zwecke der Demokratisierung der Gesellschaft. Auf den friedlichen Wellen dieser Demokratisierung gleitet die geschichtliche Entwicklung zum Sozialismus hinüber. Selbstverständlich zu einem Sozialismus, der auch den herrschenden Klassen mit harmloser Freundlichkeit entgegenlächelt. Denn offenbar hat Bernstein mit der “Freßlegende” auch die charakteristischen Merkmale des Sozialismus zum alten Eisen geworfen: die Überführung der Produktionsmittel aus dem Privateigentum in den Gesellschaftsbesitz, die Beseitigung der Warenproduktion und der freien Konkurrenz. Er erklärt den Sozialismus als “Bewegung zur oder der Zustand der genossenschaftlichen Gesellschaftsordnung”. Wie andere Begriffe, so verliert auch der des Sozialismus bei ihm seine scharf umrissene geschichtliche Bedeutung und wird zu einem verschwommenen, nebelhaften, vieldeutigen, alles- und nichtssagenden Etwas, zu dem sich heutigentags jeder leidlich anständige und gutmütige Mensch bekennen kann, ohne deshalb befürchten zu müssen, salonunfähig oder gar “gerichtsnotorisch” zu werden.

Die von Bernstein angepriesene Theorie und Taktik ist die Theorie und Taktik all der bürgerlichen Elemente, die ihr Zelt an der Grenze des geschichtlichen Kampfplatzes zwischen Proletariat und Bourgeoisie aufgeschlagen haben. Wollte die Sozialdemokratie sich diese Theorie und Taktik zu eigen machen, sie müßte aufhören, sie selbst zu sein, sie müßte mit Nationalsozialen, Reformlern jeder Schattierung, doktrinären Liberalen und bürgerlichen Demokraten den Bruderschmatz tauschen und sich mit ihnen zu einem großen Reformlerkuddelmuddel vermengen. Es mag dies das Ideal der sozialen und politischen Parteichen und Gruppen sein, die so gern den feurigen Renner der Sozialdemokratie mit etwas Reformhaber kapitalfromm machen möchten, um ihn vor ihren eigenen, nicht vom Flecke kommenden Karren zu spannen. Es mag dies als holder Traum die guten Leute und schlechten Musikanten umgaukeln, die sich zum Nachweis ihres verfeinerten Empfindens und Denkens wider die materialistische Geschichtsauffassung und den Klassenkampf sträuben und an der Lösung der sozialen Frage durch geistreichelnde “ethisch-psychologisch-literarische” Debatten “arbeiten”. Es wäre der Selbstmord der Sozialdemokratie als einer politischen Partei als der Partei des klassenbewußten, revolutionären Proletariats. Durch die ihr angesonnene Frontänderung würde sie zwar ihre Gegner nicht versöhnen und entwaffnen, wohl aber das Vertrauen und die Gefolgschaft der proletarischen Massen verlieren. Wenn Bernsteins Schrift ein großes Verdienst unbestritten beanspruchen darf, so ist es das: klar zu zeigen, wohin die in der Partei vorhandenen possibilistischen Strömungen führen müssen, und dadurch eine kräftige Aktion hervorzurufen nicht etwa für die Verwischung des grundsätzlichen Charakters der Sozialdemokratie und für die Taktik der Nurpraktischen-Reformarbeit, sondern gegen die Verbannung ihrer Grundsätze in den Silberschrein und gegen die Taktik der Kompromisselei mit der bürgerlichen Gesellschaft.

Quelle: MIA-Archiv (marxists.org), nach: Clara Zetkin, Ausgewählte Reden und Schriften, Bd.1, Berlin 1957, S.149-156.)

Siehe auch:
– Kurzbiographie Clara Zetkin (1857-1933)
– Youtube: Rede als Alterpräsidentin des Reichstags (1932)

via kommunisten.ch

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Lehrerin in zwei Systemen

Ein Interview mit Brigitte Müller, ausgebildete Diplomlehrerin für die Fächer Deutsch und Geschichte, Trägerin der Pestalozzi-Medaille und der Theodor-Neubauer-Medaille in Silber.

Berufliche Laufbahn: Horterzieherin, Pionierleiterin, Unterstufenlehrerin, Oberstufenlehrerin, Klassenleiterin, Fachberaterin für das Fach Deutsch im Stadtbezirk Berlin-Marzahn, Stellvertretende Direktorin, Leiterin für lehrplanbegleitende Seminare, Mitarbeiterin des schulpsychologischen Dienstes, über 43 ununterbrochene Dienstjahre, davon 30 Jahre DDR-Praxis (verheiratet, Mutter und Großmutter).

UZ: Du hast in der DDR und der BRD, also in zwei unterschiedlichen Systemen als Lehrerin gearbeitet. Wie sieht für dich rückblickend der Vergleich der beiden Systeme aus?

Brigitte Müller: Das Bildungs- und Erziehungssystem hatte in der DDR einen sehr hohen Stellenwert und ich schätze es im wahrsten Sinne des Wortes als VOLKSBILDUNG ein. Im Vordergrund der Persönlichkeitsentwicklung stand die humanistische Bildung und Erziehung als Allgemeingut. Es gab in der DDR ein staatlich geführtes einheitliches polytechnisches Bildungssystem. Eine Familie mit Kindern konnte innerhalb eines Schuljahres von der Ostsee nach Thüringen, von der Elbe zur Oder ziehen. Ihre Kinder von Kinderkrippe über Kindergarten bis zur Schule fanden stets in ihren neuen Einrichtungen die gleichen Lehrbücher vor. Sie konnten fast nahtlos in allen Fächern an den erworbenen Lehrstoff anknüpfen.
Dieser Tatsache lag das einheitliche verbindliche Lehrplanwerk zu Grunde und das war das Ergebnis eines langfristig wissenschaftlich angelegten Bildungssystems. Zur Volksbildung gehörten die Vorschule bis zur Berufs-, Fach- und Hochschule. Nicht umsonst hatten wir einen VOLKSBILDUNGsminister. So war das Fundament für die einheitliche Bildung und Erziehung gegeben. Ich betone bewusst: Bildung und
Erziehung, weil das von Anfang an eine Einheit war.

UZ: Und in der Bundesrepublik?

Brigitte Müller: In der BRD ist das Bildungssystem zweitrangig. Es gerät immer dann in die Kritik, wenn die Pisa-Studien ihre Ergebnisse präsentieren. Dann wird zwar breit in allen möglichen Medien diskutiert und meist „klug“ geurteilt, doch es wird nicht ehrlich nach den Ursachen der Defizite geforscht. Auch die allgemeine Feststellung der Wirtschaft, die Lehrlinge würden nur über mangelndes Wissen verfügen und es fehle ihnen an ehrgeiziger Einstellung, Kreativität und Umsicht, sie seien selten teamfähig, hilft weder Eltern, Lehrern noch Schülern, noch ändert das etwas an der Tatsache an sich.

Was ich in den Jahren nach 1990 in der Schule erlebte, war hauptsächlich die Forderung, den Schülern lediglich Wissen zu vermitteln. Nicht Wissen und Können gepaart mit Fähigkeiten und Fertigkeiten, noch Erkennen von Ursache, Folge, Wirkung, noch das Erkennen von Zusammenhängen stehen im Mittelpunkt, sondern die Schüler werden nur am Faktenwissen gemessen. Dabei bleibt die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit auf der Strecke. Der Schüler ist nur Objekt, das zu pauken hat. Den Schüler als eigenständige Persönlichkeit, als Subjekt zu betrachten, tritt in den Hintergrund. Dadurch hat sich das Verhältnis von Erziehung und Bildung stark verändert. Die Konzentration liegt in der Entwicklung von Individualisten. Dabei kommt die Verantwortung des Schülers gegenüber seiner eigenen Lernhaltung und dem Zusammenspiel mit seinen Mitschülern (wir nannten es Kollektiverziehung) zu kurz.

UZ: Selbst die schärfsten Kritiker der DDR müssen anerkennen, dass die Bildungschancen – und auch die schulischen Leistungen und Erfolge – der „Arbeiter- und Bauernkinder“ in der DDR unvergleichlich viel besser waren. Wie müsste die Schule von heute sich verändern, wenn sie an diesen Erfolgen anknüpfen wollte?

Brigitte Müller: Zur vornehmsten Aufgabe des Bildungs- und Erziehungswesens der DDR, besonders in den ersten drei Jahrzehnten, gehörte die Förderung der Arbeiter- und Bauernkinder. Die Förderung der Schüler dieser Eltern, die Jahrhunderte lang unter einem Bildungsprivileg litten, wo nur Kinder von „gut betuchten“ Eltern große Entwicklungschancen eingeräumt waren, gehörte zur Gesamtzielstellung unserer Bildung und Erziehung. Deshalb galt es für uns Lehrer und Erzieher besonders in den ersten Jahrzehnten gerade denen unsere größte Aufmerksamkeit zu schenken. Es veränderte sich der Leistungsspiegel der Arbeiter- und Bauernkinder mit der Zeit zusehends zum Positiven.
Nun geriet auch die gleichzeitige Förderung von Talenten und Begabungen in den Vordergrund. Wobei auch schon Anfang der fünfziger Jahre durch systematische Unterrichtsdifferenzierung methodisch darauf hin gearbeitet wurde. Die Zahl von Spezialschulen (u. a. für Mathematik und Naturwissenschaften, Fremdsprachen, Musik, Sport) wuchs und konnte kostenlos besucht werden. Andererseits wurden Schüler mit nachweisbaren physischen und psychischen Defiziten an speziellen Sonderschulen unterrichtet, teilweise nach gesonderten Lehrplänen, aber auch nach regulärem Lehrplan. Sie wurden ihren Schwierigkeiten entsprechend gleichzeitig medizinisch betreut und erzielten nicht selten die Hochschulreife. Es konnte im Laufe der 40 Jahre das bürgerliche Bildungsprivileg durchbrochen werden.

UZ: Der Bildungs- und Erziehungsauftrag war doch auch auf den außerschulischen Bereich bezogen …

Brigitte Müller: Ja, jede Schule hatte für ihre Schüler und für alle Klassenstufen Arbeitsgemeinschaften (AG) bzw. Interessengemeinschaften (IG) für den Nachmittag kostenlos anzubieten. Das betraf gleichermaßen naturwissenschaftliche, sportliche, musisch-künstlerische und allgemein-bildende Angebote. Für die Schüler der Klassen 4 bis 6 hatte das besondere Priorität, weil gerade in diesem Alter die gelenkte Freizeitbeschäftigung für den jungen Menschen nachhaltig bei der Berufsfindung wirken kann. Ziel war es, dass jeder Schüler in seiner Freizeit inhaltlich seinen Neigungen entsprechend selbstständig die Chance hatte, sich zu orientieren, ohne Leistungsdruck spielend zu lernen.
Nicht selten fand der eine oder andere dort bereits seine Wurzeln für die spätere Berufswahl. Hinzu kommt, dass mit einem garantierten Ausbildungs- und späteren Arbeitsplatz den Eltern und Schülern/Studenten eine verlässliche Sicherheit geboten wurde. Das war wiederum das Fundament, um sich von der Geburt bis zum Erwachsensein mit gleichen Chancen gesund und zufrieden entwickeln zu können. Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass dadurch junge Paare zum Kinderwunsch ermutigt wurden.
Die Schulleitungen ließen uns Lehrer mit diesen Fragen natürlich nicht allein … Zugegeben, so manch ein Lehrer empfand das als Kontrolle seiner Arbeit. Doch im Mittelpunkt stand immer die Schülerentwicklung … So konnte man beispielsweise auch keinen Schulschwänzer – aus den Augen verlieren, das Nichtanfertigen von Hausaufgaben oder die nicht mitgebrachten Arbeitsmaterialien (Mappe packen!!), das Zuspätkommen, all diese Dinge, mit denen sich ein Lehrer, seitdem es Schulen gibt, überall mal mehr, mal weniger „rumzuärgern“ hat, wurden besprochen, auch sofortige Elternbesuche konnten vieles klären.
Das erleichterte uns Lehrern die Arbeit und letztendlich fand auch der betreffende Schüler wieder Lust, sich auf den Unterricht zu freuen, weil er Erfolge, oft schon durch kleines und größeres Lob, erlebte, was sich dann wiederum auf die schulischen Leistungen niederschlug.

UZ: Und wie war das nach 1990?

Brigitte Müller: Seit 1990 gab es diese intensive Begleitung unserer Arbeit nicht mehr. Wobei ich das nur für die drei Schulen, an denen ich seit 1990 tätig war, durch meine dortige praktische Arbeit korrekt einschätzen kann. Jedoch in Gesprächen mit Kollegen auch in ländlichen Gegenden Brandenburgs wurde mir ähnliches bestätigt. Die Rektoren erfahren auch entschieden weniger praktische Hilfen von den Schulämtern als zu DDR-Zeiten.

UZ: Der renommierte Bildungsforscher Fend hat das deutsche Schulwesen als von „Entsorgungsmentalität“ geprägt bezeichnet. Viele Lehrer können sich einen erfolgreichen Unterricht in einer Einheitsschule mit ihren heterogenen Lerngruppen nicht vorstellen, verbinden teilweise sogar einen ausgesprochenen Horror mit dieser Vorstellung. Lehrer aller Schulformen scheinen durchdrungen von dem Gedanken, sie hätten eigentlich die falschen, weil zu wenig leistungsfähigen SchülerInnen vor sich.

Brigitte Müller: Bei dieser Frage sprechen die Erfolge der Absolventen der DDR-Bildungseinrichtungen für sich. Es steht noch immer die Frage im Raum, warum vor 1989/90 und vor dem 13. August 1961 ständig und gezielt Facharbeiter und Hoch- bzw. Fachschulabsolventen durch die BRD-Wirtschaft „finanziell“ angelockt und abgeworben wurden. Die fehlende Antwort können wir uns selber geben. Die abgeworbenen jungen Leute besaßen nicht nur eine fundierte Allgemeinbildung, sondern auch solide Fachkenntnisse. Für uns war ein hohes Leistungsniveau eben immer auch ein selbstverständliches Ziel der Schule – nach dem Motto: Ich fordere dich, weil ich dich achte. Und wenn heute Finnland als das große Beispiel dargestellt wird, so weiß doch inzwischen jeder, dass die Finnen sich in den 70er Jahren das DDR-Schulwesen sehr genau angeschaut haben, bevor sie an ihre große Schulreform gingen. Also, warum an differenziert angelegter, wissenschaftlich durchdachter, einheitlicher polytechnischer Bildung und Erziehung zweifeln? Der Beweis ist erbracht! Und zwar in Deutschland. Natürlich heißt das nicht, dass es nicht auch Defizite gab …

UZ: Was hast du nach der Wende bei deinem neuen Lehrerdasein als besonders positiv empfunden – und was als besonders negativ?

Brigitte Müller: Besonders positiv empfand ich nach 1989/90, wenn sich ehemalige Schüler und Eltern beim Zusammentreffen mit uns Lehrern besorgt danach erkundigten, ob wir noch im Dienst seien. Viele Eltern legten – übrigens bis heute – Wert darauf, ihre Kinder von DDR-Lehrern unterrichten zu lassen. Das war und ist für mich der Beweis der Anerkennung nicht nur meiner Lehrerpersönlichkeit, sondern die Wertschätzung unseres Bildungssystems überhaupt. Als besonders schmerzlich traf mich: das angeordnete Lehrbüchervernichtungsprogramm (auf jedem Schulhof standen im Sommer 1990 Container, in die die Lehrbücher der DDR, Landkarten, Anschauungsmittel, die den Anflug von sozialistischer Bildung an sich trugen, geworfen werden mussten).

Zwischenfrage: Das riecht nach Bücherverbrennung und nach einer gezielten Demütigung. Gab es damals Gegenwehr gegen diese Maßnahme?

Brigitte Müller: Leider viel zu wenig. Die meisten Kollegen waren mit sich beschäftigt, waren um ihren Arbeitsplatz mit Recht besorgt und saßen kopfschüttelnd dabei … Nein, eine aktive Gegenwehr gab es nicht. Mag sein, dass es auch daran lag, dass viele Kollegen die wahre Situation mit ihren Folgen nicht sofort begriffen. Ja, es riecht nicht nur nach Bücherverbrennung, ganze Bibliotheken flogen durch die Fenster auf die Straße. Beherzte Bürger sammelten, was sie konnten und soweit die häuslichen Lagerkapazitäten es zuließen. Als Ersatz bekamen wir dann veraltete Lehrbücher aus Westberlin aus den Siebzigerjahren, mitten im Schuljahr des letzten Halbjahres nach DDR-Recht. Von heut auf morgen wurde auf Anordnung des Berliner Senats die Kürzung von Fachunterricht und teilweise ersatzlose Streichung der Stunden vollzogen. Es schmerzt mich, dass heute Eltern für ihre Kinder im außerschulischen Bereich (Hort, Arbeitsgemeinschaften) zahlungskräftig sein müssen, dass sofort die tägliche Mittagsmahlzeit und die Frühstücksmilch im Preis derart in die Höhe schnellten, so dass heute nur noch ein minimaler Teil an Schülern sich diese Selbstverständlichkeiten leisten kann, dass das Fehlen an Wandertagen kein gewöhnliches Schwänzen ist, sondern das Fahrgeld für Bus oder Straßenbahn und Eintritt zu Ausstellungen oder Sportstätten einfach fehlt, dass sich Eltern und Schüler schämen, den wahren Grund ihres Fernbleibens anzugeben, dass aus Kostengründen längst nicht alle Schüler an Klassenfahrten teilnehmen können, die „Klagelatte“ könnte ich leider noch verlängern.

UZ: Was würdest du den Schulpolitikern und den Lehrer von heute ins Stammbuch schreiben?

Brigitte Müller: Die Lehrer sollten die Kraft und den Mut aufbringen, die Schulpolitiker zu zwingen, dass diese ihre Forderungen durchsetzen, die ich u. a. in folgenden Punkten sehe:

1. Ein einheitliches Bildungs- und Erziehungsprogramm muss her! Und das bundesweit!

2. Nicht am Symptom „rumdoktern“, sondern die Ursachen benennen und verändern, sonst verfallen die Bildungsministerien nach jeder Pisastudie weiter in Aktionismus und für alle Misserfolge, Entwicklungs-, Leistungs- und Erziehungslücken der Schüler werden die Lehrer verantwortlich gemacht.

3. Die Klassenstärke auf 23 Schüler in Regelschulen senken.

4. Die Wochenpflichtstunden der Lehrer ebenfalls auf 23 (DDR-Maßstab) bei vollem Lohnausgleich senken.

5. Der Lehrer muss wieder als Autorität betrachtet werden, zum geachteten Partner für die Gesellschaft und dadurch auch für die Eltern.

6. Der Berufsstatus muss von der Gesellschaft anerkannt und gewürdigt werden.

7. Elternhaus, staatliche Institutionen, Betriebe vor Ort müssen nicht nur in das Bildungssystem integriert werden, sondern sie haben feste Aufgaben zu lösen.

8. Nicht mehr nach dem Prinzip lehren: Mit möglichst wenig Aufwand und geringen Kosten möglichst schnell die Schüler zum Abschluss führen.

9. In engem Zusammenwirken mit den Eltern sollte man sich wieder auf die Tradition des Erzogenseins besinnen und sich nicht scheuen, diesen Fakt zu benennen. Und die Erziehung in sozialen Brennpunktfamilien darf nicht dem Zufall überlassen bleiben.

10. Lernerfolge müssen für die Schüler sichtbar werden, Lernen muss sich wieder lohnen, weil es Spaß machen kann.

11. Grundschulklassen mit kleineren Klassen und mehr Lehren und Erziehern ausstatten.

12. Die Vorschulbildung obligatorisch für jedes Kind einfordern und das kostenlos!

13. Die Bereitschaft der Schüler zum Lernen durch das Vermitteln von Techniken des geistigen Arbeitens anbieten, also das Lernen lehren. Die Lehrer sollten, wenn sie sich für den Beruf entschieden haben und diesen nicht aus Versorgungsgründen wählten, sich ausschließlich für die Schüler verantwortlich fühlen und nicht vordergründig sich als Staatsdiener fühlen.

Das Gespräch führte Rolf Jüngermann,  Studienrat im Ruhestand

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Quelle: UZ, Roter Brandenburger

via DDR-Kabinett-Bochum

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