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Ein Parteitag in Berlin

Die KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) ist aus der SED hervorgegangen und firmiert seit ihrer Gründung im Jahr 1990 unter dem Namen der alten „historischen“ KPD. Sie ist nicht zu verwechseln mit der DKP, die mit ihrer Neukonstituierung im Jahr 1968 in der alten BRD das Erbe der in Westdeutschland widerrechtlich verbotenen KPD fortsetzt und in den 1990er Jahren – lange zögerlich – begonnen hat, sich auch auf dem Staatsgebiet der ehemaligen DDR zu organisieren.

Die KPD weist sieben Landesorganisationen aus, mit Ausnahme Niedersachens alle in den „neuen Bundesländern“ gelegen, die nach der Annexon der DDR gebildet wurden. Ihr gehörte auch Erich Honecker an. Sie gibt die Rote Fahne als ihr Zentralorgan heraus, das monatlich erscheint.

Diese Partei hat am 30. November 2013 in Berlin ihren 28. Parteitag abgehalten. (Sie zählt ihre Parteitage von der Gründung der KPD im Jahr 1918 an.) Hier ihre Presseerklärung zu diesem Parteitag:  

 

Pressemitteilung der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD)

Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) führte am 30. November 2013 in Berlin unter der Losung „Kampf für die Partei und Festigung ihrer Reihen“ ihren 28.Parteitag durch.

Die Delegierten wählten den Genossen Torsten Schöwitz (Erfurt) zum neuen Vorsitzenden der Partei, zum stellvertretenden Vorsitzenden den Genossen Dieter Rolle (Zeitz). Im ebenfalls neu gewählten Zentralkomitee werden 21 Genossinnen und Genossen ihre politische Arbeit wahrnehmen, im neuen Sekretariat arbeiten künftig sechs Genossinnen und Genossen (Schöwitz, Rolle, Hebestreit, Müller, Harnack, Beckmann).

Der zuvor vorgetragene gemeinsame politische Rechenschaft des scheidenden Vorsitzenden Rolle und des in den vergangenen Monaten bereits als amtierender Vorsitzender tätigen Genossen Schöwitz erhielt die uneingeschränkte Zustimmung und Unterstützung der Delegierten, ebenso der Rechenschaftsbericht der Schieds- und Kontrollkommission sowie der Finanzbericht der Partei.

Besonders gewürdigt wurden die seit dem 27. Parteitag der KPD entwickelten Aktivitäten mit dem Ziel der Zusammenführung von Kommunisten, Sozialisten und anderen linken Kräften, die sich zum Marxismus-Leninismus bekennen. Dieses Ziel bleibt ein Schwerpunkt der politischen Arbeit der KPD – gleichberechtigt neben der großen Aufgabe, in Zeiten des sich verschärfenden Klassenkampfs und in der Atmosphäre eines weiter wachsenden Antikommunismus die Partei kontinuierlich zu stärken und ihre Kampfkraft zu festigen.

Dr. Frank Beckmann
i.A. des Sekretariats der KPD

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Über Junge und Alte

Wir übernehmen hier mit freundlicher Genehmigung den Leitartikel des RotFuchs-Heftes vom Dezember 2013. Der Autor ist der RotFuchs-Chefredakteur Klaus Steiniger. Klaus Steiniger ist Kandidat der DKP für die Wahlen zum EU-Parlament.

Wir Alten aus dem Osten, welche – die Zeit der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung nach 1945 nicht mitgerechnet – vier Jahrzehnte lang durch die Wissen, Erfahrung und Klassenbewußtsein vermittelnde Schule der DDR gegangen sind, setzen bei anderen oftmals Dinge voraus, die sie gar
nicht kennen können. Nicht nur bei den meisten älteren Landsleuten aus dem Westen, die während der gleichen 40 Jahre ohne Unterlaß im „schwarzen Kanal“ der kapitalistischen Medien gebadet wurden und dadurch zwangsläufig ein Zerrbild der DDR-Wirklichkeit verinnerlicht haben, sondern auch bei weitaus Jüngeren und ganz Jungen aus östlichen Breiten. Wahrheiten, die in der DDR jeder Oberschüler erfuhr, kommen ihnen begreiflicherweise wie böhmische Dörfer vor. Solide politische Bildung ist längst auch zwischen Chemnitz und Rostock zur Mangelware oder gar zum Fremdwort geworden.

Die Marxschen Erkenntnisse, daß alle menschliche Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen ist, daß jeder Staat nur als Machtinstrument der jeweils herrschenden Klasse und das Recht als deren zum Gesetz erhobener Wille zu betrachten sind, wurden in der guten alten DDR in jeder Volkshochschule vermittelt. Es handelte sich also keineswegs nur um theoretische Abstraktionen für eine „Parteielite“, sondern um gesellschaftliches Wissen, das sich Millionen Menschen erschloß.

Die inzwischen 20- bis 30jährigen, die heute im Osten lernen oder studieren, arbeiten oder ohne Job dastehen, haben von solchen Grundwahrheiten nie etwas gehört – es sei denn, sie kommen aus Elternhäusern, wo der wissenschaftliche Sozialismus noch eine Heimstatt besitzt.

In Gesprächen mit jungen Leuten auch aus dem eigenen Umfeld habe ich immer wieder feststellen müssen, daß die DDR – der trotz seiner Defizite und des Debakels am Ende beste Staat in der deutschen Geschichte – für sie so lange zurückliegt wie für uns der Große Deutsche Bauernkrieg. Begegnen sie aber aussagefähigen und an Bord gebliebenen Zeugen aus sozialistischen Tagen, empfinden sie die Schilderung des Geschehens nicht selten als regelrechte Offenbarung.

Vom Jahrgang 1932, habe ich ähnliche Erfahrungen mit Ereignissen vor „meiner Zeit“ sammeln können. Obwohl kurz vor der Machtauslieferung an die Hitlerfaschisten – also noch in der Weimarer Republik – geboren, empfinde ich diese bis heute als eine „relativ weit zurückliegende Etappe“ der deutschen Geschichte, vom 1. Weltkrieg, der erst 14 Jahre zuvor sein Ende gefunden hatte, ganz
abgesehen.

Solcherlei sollten wir uns stets vor Augen führen, wenn wir in die Gefahr geraten, der Unwissenheit nachfolgender Generationen mit dem Hochmut von Wissenden zu begegnen. Und noch etwas wäre da zu beachten: Weniger ist oft mehr. Es bringt keinen Nutzen, mit der Fülle eigener Kenntnisse und Erkenntnisse über Jüngere herzufallen. Einfühlsame Schilderungen von Wahrgenommenem, bei
denen nicht nur an den Kopf appelliert werden sollte, wecken weit eher Interesse als belehrende Monologe.

In einer glitzernden und gleißenden kapitalistischen Kulissenwelt, der gegenüber die schlichte Solidität der DDR scheinbar grau in grau war, ist das durchaus keine leichte Aufgabe. Hinzu kommt die Übermacht alter und neuer Medien, die zum Verzicht auf Tiefgründigkeit und inhaltliche
Werte auffordern. Die „gebildete Nation“, wie man die DDR-Bürger – obwohl das keineswegs alle betraf – einst mit gutem Grund nannte, ist längst Vergangenheit.

Dennoch sollte man nicht daran zweifeln, daß uns künftige Generationen darum beneiden werden, den vorerst einzigen ausbeutungsfreien, im Ansatz bereits sozialistischen Abschnitt der deutschen Geschichte selbst erlebt und mitgestaltet zu haben. Wenn ich in der Endphase meines Lebens
dessen Glückssträhnen – von ganz Persönlichem abgesehen – benennen sollte, fiele mir zweierlei ein: In diesem Monat sind es bereits 65 Jahre her, daß ich – gerade 16 – in Westberlin der Partei des solidarischen Händedrucks zwischen dem Kommunisten Wilhelm Pieck und dem Sozialdemokraten Otto Grotewohl beigetreten bin. In all dieser Zeit habe ich die Reihen organisierter Marxisten nie verlassen. Erwähnen möchte ich auch die Tatsache, daß ich mit der Übersiedlung nach Ostberlin 40 Jahre Bürger der Deutschen Demokratischen Republik sein durfte.

Bei deren Gründung im Steinsaal des späteren Hauses der Ministerien war ich unter jenen, welche das historische Ereignis von den Zuschauerplätzen aus verfolgen konnten, mit Sicherheit der Jüngste. Niemals hätte ich mir in dieser Sternstunde der Geschichte unseres Volkes vorstellen
können, daß unter BRD-Ägide ausgerechnet in Karlshorst, wo Hitlers später gehenkter Feldmarschall Keitel im Mai 1945 vor Stalins Heerführer Shukow kapitulieren mußte, einmal staatlich geschützte Plakate der legalen Faschistenpartei NPD zu deren Einzug ins Bundesparlament aufrufen würden. Während die DDR für Deutschland Ehre einlegte, schändet die BRD Tag für Tag dessen Namen.Auch deshalb war die Zerschlagung der DDR die größte Niederlage des Antifaschismus und der Arbeiterbewegung auf deutschem Boden.

Kehren wir zum Ausgangspunkt der Betrachtung zurück. Es gilt Verständnis dafür aufzubringen,
daß Jüngere und Heranwachsende völlig anderen Einflüssen ausgesetzt sind und unter mit den unseren absolut unvergleichbaren gesellschaftlichen Bedingungen aufwachsen.

Wir haben auf Redliche, denen der konterrevolutionäre Sieg und der Schmerz über eigenes Versagen in kritischer Stunde vorübergehend den klaren Blick nahmen, keine Steine geworfen. So müssen wir auch jenen, die von den uns „heiligen Kühen“ gar nichts wissen können, mit Fairneß und Geduld begegnen. Gut Ding will Weile haben, sagt der Volksmund, was keineswegs mit Tatenlosigkeit gleichzusetzen ist. Prinzipienfestigkeit und Toleranz gehören für uns zusammen.

Als im Herbst 1989 Wankelmütige und Abdriftende das Schicksal von SED und DDR besiegeln halfen, versammelten sich Abend für Abend Tausende vor dem Berliner ZKGebäude der Partei. Sie forderten Auskunft und warteten auf ein Hoffnungssignal. Fahnen und Spruchbänder waren in der Menge zu sehen. Für einen Augenblick erfaßte die Fernsehkamera auch das von einem kleinen Jungen emporgehaltene Schild. Auf ihm stand von Kinderhand geschrieben: „Denkt auch an mich!“ Sein Träger war, wie ich dann amBildschirm erfuhr, mein jüngster Sohn. Der ist inzwischen 33. Sein um 11 Jahre älterer Bruder, der ihn damals geschultert hatte, arbeitet seit etlichen Jahren als Internet-Redakteur bei der „jungen Welt“. Zwei ihrer Geschwister und deren Lebenspartner bekennen in der Linkspartei Farbe. Dieser Tage sagte der Jüngste fast beiläufig zu mir: „Es ist wohl an der Zeit, daß ich mich kommunistisch organisiere.“

So nimmt die Zahl der Nachwachsenden, die uns verstehen und zu uns stoßen, allmählich wieder zu. Tun wir etwas dafür!

Klaus Steiniger

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Archie und seine Freunde

Gewidmet Manfred Hocke, der am 7. November 2013 nach schwerer Krankheit verstarb

sozialismusArchie, das Kind der Gedankenwelt, der Hoffnungen, Träume und der Enttäuschungen des Manfred Hocke, hat seinen Vater verloren. Sein Leben wird ab jetzt mit Unsicherheiten verbunden sein und schließlich davon abhängen, ob an die Vaterstelle Weggefährten treten. Vielleicht begegnet Archie auf seinem Wege in die ungewisse Zukunft dem größeren Bruder Schwejk oder gar Melchior, dem Einfältigen. Sie könnten dann nach den heute in solidarischen Gemeinschaften üblichen Ritualen eine Parteigruppe bilden und in diesem zeit- und länderübergreifenden Kollektiv die Pforte zum unvergänglichen Erbe öffnen. „Aber doch nicht mit mir!“ – so wird Archie, in dem Versuch, sich einzuordnen, dagegen protestieren. Es könnte diese Mischung aus Selbstzweifel, Hintergründigkeit und Wissendrang gewesen sein, die Archie zur Welt kommen ließ. Und einmal geboren und zunächst in dem Bücherhaufen des Manfred Hocke nachlässig versteckt, wurde er bei seinen ersten Begegnungen mit einem zunächst kleinen Kreis von Gleichgesinnten zu einem munteren und aufmunternden Kerl. Zeiten, in den das geschieht, sind immer solche mit belastenden Umständen für das Volk: Entweder Kriege oder verlorene Schlachten (der Unterdrückten), Krisen oder soziale Not außerhalb der Krisen, reaktionäre Herrschaftssysteme oder demokratisch getünchte Ausbeutungsverhältnisse. Für Archie hielt die Geschichte an dieser Stelle eine seltene Konstellation bereit. Sein Vater, aus dem Elends- und Arme-Leute-Viertel Breslaus kommend, gerät in den Sozialismus und genießt in vollen Zügen alle sich ihm bietenden Möglichkeiten zu arbeiten, zu lernen und seine Fähigkeiten zu entfalten. Umso härter musste es ihn, wie Millionen andere Menschen, treffen, als dieser Sozialismus in Gestalt des Staates DDR in den kapitalistischen Schoß zurückfiel. Seitdem wird sein Suchen zum Grübeln und als er – wahrscheinlich gestützt durch verlässliche Freunde – aus der Verzweiflung auftaucht, beginnt er sich zu wehren mit seinem Geisteskind Archie. Daß er damit allen, die Archie begegneten, half, ihr Selbstvertrauen wiederzugewinnen und ihr Selbstbewusstsein zu stärken, hat er nur sehr zögerlich zur Kenntnis genommen. Diejenigen, die die Chance hatten, ihm noch einmal zu seinem 80. Geburtstag zu begegnen, haben ihm diese Wirkung nachdrücklich bestätigt in der Annahme, dass der Vater seinem Sohne noch etliche neue Seiten beibringen wird.  Die Lebens- oder Krankheitsumstände haben unter diese Rechnung einen sehr kurzen Strich gemacht. Seinen letzten der vielen Beiträge im „Berliner Anstoß“ beendete er mit dem Satz: „Und da ist er schon wieder, der Klabautermann, diesmal mit der Sense, der auf dem Gang mit der Schwester schäkert.“ Das war im November. Jetzt werden die Freunde des Manfred Hocke den Archie in ihre Mitte nehmen, damit dieser grüblerische Optimist die kurze Zeit eines Menschenlebens überdauert.

H.-G. Martin

Von Manfred Hocke sind im Verlag Wiljo Heinen erschienen:
„Heimatsüchtig“ und „Archies Pusteblume“
Verlag Wiljo Heinen
Franz-Mehring-Platz 1 • 10243 Berlin
Mail: bestellung@gutes-lesen.de

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Stellungnahme der DKP Berlin zur beabsichtigten Anbringung einer Gedenktafel am Karl-Liebknecht-Haus

Karl-Liebknecht-HausNoch in diesem Jahr soll an den Außenwänden des Karl-Liebknecht-Hauses eine Gedenktafel an deutsche Antifaschisten erinnern, die Leid ertrugen und ihr Leben ließen. Nicht aber etwa durch die Hand faschistischer Häscher und Mörder in Deutschland zwischen 1933 und 1945. Sie litten und starben in dieser Zeit in der Sowjetunion, ihrem Exilland auf Flucht vor den Nazis.
Per Beschluß vom 18. Oktober des Jahres entschied der Vorstand der Linkspartei, daß an seinem Sitz im Berliner Scheunenviertel eine Tafel angebracht werde, die folgenden Wortlaut haben soll: „Ehrendes Gedenken an Tausende deutsche Kommunistinnen und Kommunisten, Antifaschistinnen und Antifaschisten, die in der Sowjetunion zwischen den 1930er und 1950er Jahren willkürlich verfolgt, entrechtet, in Straflager deportiert, auf Jahrzehnte verbannt und ermordet wurden.“
An der historischen Tatsache selbst besteht kein Zweifel. Ebensowenig an der Notwendigkeit eines angemessenen Erinnerns. Der pauschal erhobene Verdacht profaschistischer Spionage- und Diversionstätigkeit und die darauf folgenden Inhaftierungen, Verschickungen und Exekutionen stellen eine schwere Verletzung sozialistischer Prinzipien dar. Diese Vorfälle sind untrennbar mit der Geschichte der kommunistischen Bewegung verbunden. Sich dieses häßliche Erbteil immer zu gewärtigen, sollte zugleich Pflicht und Mahnung der Kommunisten heute sein.

Aber genau aus diesem Grund erachtet die DKP Berlin es als falsch, vermöge der Gedenktafel an das Schicksal der betroffenen Antifaschisten und Kommunisten zu erinnern. Dagegen spricht zunächst einmal der Ort. Das Karl-Liebknecht-Haus war zwischen 1926 und 1933 die Zentrale der KPD. Von hier aus entwickelte sie sich zur Massenpartei und orchestrierte den letztlich vergeblichen Widerstand gegen die wachsende faschistische Gefahr. Nach der Machtübertragung besetzte die SA das Gebäude und benannte es in „Horst-Wessel-Haus“ um. Das traditionsreiche Haus wurde von den Faschisten zunächst als „wildes“ KZ zur Terrorisierung von Nazigegegnern mißbraucht, später diente es unter anderem der Abteilung zur Bekämpfung des Bolschewismus der Politischen Polizei, dann der Gestapo, später der SA. Daran aber erinnert keine Tafel.

Die Erklärung, mit der die Entscheidung für die Anbringung der Tafel am Karl-Liebknecht-Haus begründet wird, wirkt konstruiert und verweist auf das grundsätzliche Problem. Für den Ort spreche der Umstand, daß Mitarbeiter der KPD-Zentrale später in der Sowjetunion ums Leben gekommen seien, man ihrer aber bisher nicht gedacht habe. Somit soll die Tafel auch an Verschwiegenheit und Unterdrückung schmerzlicher Wahrheiten während der DDR erinnern. Auf diesem Weg jedoch knüpft das Vorhaben an die Kette der Entschuldigungen an, die PDS bzw. Linkspartei stellvertretend für den untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaat in den letzten Jahren gegenüber diesem imperialistischen Staat erbracht haben, um endlich ankommen und mitmachen zu dürfen. Hier wie in anderen Fällen erfolgt eine eilfertige Distanzierung und Abtrennung von der eigenen Vergangenheit in einer Weise, die bezeugen soll, daß man mit all dem nichts mehr zu tun haben möchte.

Dafür spricht auch der Text. Ohne eine Berücksichtigung der historischen Zusammenhänge, mit deren Hilfe die bürgerkriegsgleichen Auseinandersetzungen beim Aufbau des Sozialismus in der akut kriegsbedrohten Sowjetunion jener Zeit erhellt werden können und müssen, gerät eine solche Erklärung nur allzu leicht in totalitarismustheoretisches Fahrwasser. Man erinnert dann bloß an das schlichtweg Unerklärliche und rundweg Böse.

Wer zurecht des geschehenen Unrechts gedenkt, der sollte stets auch darauf verweisen, daß die Sowjetunion die Hauptlast beim Kampf gegen den deutschen Faschismus mit über 20 Millionen Toten trug, sich selbst sowie große Teile des europäischen Kontinents vom faschistischen Joch befreite.
Wer sich der Anerkennung dieser Zusammenhänge verweigert, betreibt letztlich das Geschäft des Gegners, leistet vorauseilend Abbitte und Gesellschaftskritik auf Knien. Aus diesen Gründen hält die DKP Berlin Ort und Art des Erinnerns für ungeeignet.

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50 Jahre Marxistische Blätter

»Wir mußten probieren, was möglich war«

Gespräch mit Robert Steigerwald. Über die Gründung der Zeitschrift Marxistische Blätter im Herbst 1963 und ihre heutige Bedeutung, Bildungsarbeit von Kommunisten und in der Illegalität lebende Autoren

Interview: Arnold Schölzel

Der Philosoph, Politiker und Publizist Robert Steigerwald (geb. 1925) lebt in Eschborn. Er war Mitbegründer der Falken nach 1945, deren Landesvorsitzender in Hessen und Mitglied des Bundesvorstandes. 1948 trat er in die KPD ein, woraufhin er seine Stelle als Jugendredakteur beim Hessischen Rundfunk verlor. Wegen seiner Tätigkeit für die KPD wurde er zu insgesamt fünf Jahren Haft verurteilt. Er begründete 1963 die Zeitschrift Marxistische Blätter mit, deren Chefredakteur er jahrelang war und deren Redaktion er bis heute angehört. Er wurde nach Gründung der DKP 1968 Mitglied des Parteivorstandes.

A. S.: Seit 1960 waren Sie nach insgesamt fünf Jahren Haft wieder in Freiheit und im Zentralkomitee der 1956 in der Bundesrepublik verbotenen KPD für die Bildungsarbeit zuständig. In einem früheren jW-Interview erwähnten Sie, daß die Partei in dieser Zeit praktisch im ganzen Bundesgebiet mit Hilfe von Wissenschaftlern wie Wolfgang Abendroth marxistische Bildungsgemeinschaften aufbaute. War das eine Vorstufe für die Herausgabe der Marxistischen Blätter ab Ende 1963?

Robert Steigerwald: Nein, das war nicht so, aber wir konnten uns bei der Gründung der Zeitschrift auf eine solche Bildungsgemeinschaft stützen, auf die August-Bebel-Gesellschaft in Frankfurt am Main. Denn sie war eine Gemeinschaft von Kommunisten und Sozialdemokraten und konnte daher nicht als »Fortsetzung der Tätigkeit der verbotenen KPD«, wie der Straftatbestand hieß, verfolgt werden.

A.S.: Was für Themen wurden in diesen Studien- oder Schulungsgemeinschaften erörtert? Welche Ziele waren wichtig für diese Bildungsarbeit?

Robert Steigerwald: Es ging in der Zeitschrift nicht im strengen Sinn um Bildungsarbeit, also um Materialien für Seminare – die wir allerdings auch brachten – sondern um folgendes: Wir mußten davon ausgehen, daß das KPD-Verbot und die damit verbundene Verhinderung von Kenntnissen riesige Wissenslücken hinterlassen hatte. An deren Schließung wollten wir uns beteiligen.

In der Bundesrepublik waren z. B. die Materialien über die führenden Nazi-Aktivisten aus Industrie, Junkertum, Justiz, die Beratungen und Beschlüsse marxistischer Kräfte wie die des VII. Weltkongresses der Kommmunistischen Internationale 1935 oder der illegalen Tagungen der KPD, mit ihren Orientierungen für die Zeit nach der Zerschlagung des Hitler-Reiches, fast unbekannt. Die mußten verbreitet werden.

Wichtig war auch die Geschichte seit 1945, z. B. der von uns dokumentarisch geführte Nachweis, daß US-Präsident Harry S. Truman im Sommer 1945 absichtlich die japanische Kapitulationsbereitschaft ignorierte. Er wollte erst den Abwurf der Atombombe erleben, um, wie es hieß, »einen starken Knüppel« gegen Stalin in die Hand zu bekommen. Die Toten von Hiroshima und Nagasaki gehörten nicht zu den letzten des Zweiten Weltkrieges, sondern zu den ersten des Kalten Krieges.

A.S.: Bundeskanzler Konrad Adenauer wurde im Oktober 1963 aus seinem Amt verabschiedet, der Kalte Krieg war nach dem 13. August 1961 und der Kuba-Krise 1962 auf einem neuen Höhepunkt. Dennoch tolerierten die Behörden offenbar solche Studienvereinigungen. Deutete sich eine Änderung des geistigen Klimas in der Bundesrepublik an? Wenn ja, was waren die Ursachen?

Robert Steigerwald: Das hatte durchaus mehrere Gründe. Zunächst war es uns ja gelungen, etwa in Zusammenarbeit mit sozialdemokratischen Genossen vor Ort diese Bildungsgemeinschaften, aber auch legale Kleinzeitungen ins Leben zu rufen. Sie konnte man nicht einfach als Tätigkeit der verbotenen KPD verfolgen. Es gelang also, von unten her das Verbot zu durchlöchern. Und wir hatten beachtliches Personal bürgerlicher und kleinbürgerlicher Herkunft. Darunter war z. B. ein Luftschiff-Kapitän, ein berühmter Flottenoffizier der kaiserlichen Marine, der seinerzeit sehr bekannte Rennfahrer Manfred von Brauchitsch, ein ehemaliger Oberbürgermeister von Mönchen-Gladbach, die frühere Münchner SPD-Stadträtin Edith Höreth-Menge, ein ehemaliger Fliegergeneral der Nazis und viele andere. Außerdem gab es in dieser Zeit heftige Kritik aus dem Ausland an der Bundesrepublik und den politischen Zuständen.

Die 1963 entwickelte Konzeption Willy Brandts, der 1969 Bundeskanzler wurde, die DDR in der Umarmung zu erdrücken – Stichwort »Neue Ostpolitik« – stieß interessanterweise in dieser Zeit auf Widerstand auch bei unseren möglichen Bündnispartnern. Ihr Argument war: Die »Neue Ostpolitik«, also die Anerkennung der Grenzen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, werde nichts bringen, solange das KPD-Verbot existierte. In diesem Sinn, läßt sich sagen, erwies sich das Parteiverbot als Hindernis für die sogenannte Entspannung in den Beziehungen mit den sozialistischen Ländern.

A.S.: Worin bestand Ihr Anteil an der Herausgabe der Marxistischen Blätter?

Robert Steigerwald: Ich war damals Leiter der Abteilung Theorie und Marxistische Bildung im illegalen KPD-Zentralkomitee und als solcher natürlich mit den Aktivitäten vertraut. Aber die Hauptideen und Vorschläge kamen von Josef Schleifstein. Er war damals Professor für Philosophie in Leipzig und Kandidat des Politbüros sowie Mitglied des Sekretariats des ZK der KPD. Ich habe über ihn und seine Rolle ausführlich in der Wochenzeitung der DKP Unsere Zeit berichtet.

Was mich angeht: Ich hatte zwei Wohnsitze, einen in der DDR, in Berlin, und einen hier in Frankfurt am Main, war also nicht fern von der August-Bebel-Gesellschaft, einer solchen Studiengesellschaft. In dieser Frankfurter Vereinigung waren Heinz Jung, der Ökonom und Soziologe und später bis 1989 Leiter des Instituts für Marxistische Studien und Forschungen, und Hermann Krüger für die örtliche illegale KPD aktiv sowie der sozialdemokratische Ingenieur Karlheinz Schrodt. Natürlich wäre das alles – Bildungsgemeinschaften und Zeitschrift – nicht machbar gewesen, wenn es nicht eine intakte, illegal arbeitende KPD vor Ort gegeben hätte.

Von der August-Bebel-Gesellschaft wurden die Marxistischen Blätter bis 1969 herausgegeben. In das Gründungsjahr der Zeitschrift fiel auch der 50. Todestag August Bebels. Im Geleitwort zum ersten Heft vom November 1963 schreibt Karlheinz Schrodt, die nach Bebel benannte Gesellschaft habe sich die Aufgabe gestellt, »im Andenken an den großen deutschen Arbeiterführer die Lehre des wissenschaftlichen Sozialismus zu verbreiten«. Schaut man in die Hefte der 60er Jahre, finden sich dort Artikel zu aktuellen ökonomischen Fragen des Kapitalismus wie des Sozialismus, z. B. zum Neuen Ökonomischen System der Planung und Leitung in der DDR von Fritz Behrens, zu den sozialen Folgen der Automatisierung, zu den Notstandsgesetzen, aber auch zum damals vieldiskutierten Film »Das Schweigen« von Ingmar Bergman oder zur Diskussion um Franz Kafka.

A.S.: Das ging offensichtlich über bloßes Studienmaterial hinaus. Was stand im Vordergrund – aktuelle Auseinandersetzungen oder theoretische Grundlagen?

 

Robert Steigerwald: Im Vordergrund standen zunächst bewußt nicht die brandaktuellen Fragen. Es war nicht die Zeit, in der man sich als Kommunist legal und öffentlich in das Handgemenge werfen konnte. Wir mußten erst einmal ausprobieren, was möglich war und was nicht.

A.S.: Wer waren die Autoren? Viele Namen sind heute unbekannt, gab es Pseudonyme?

Robert Steigerwald: Autoren waren Josef »Jupp« Schleifstein und Max Schäfer, der nach 1945 die KPD-Organisation im Ruhrgebiet mit aufgebaut hatte und Mitglied des Politbüros der illegalen KPD war. Dann Fritz Rische, KPD-Bundestagsabgeordneter von 1949 bis 1953 und im Juli 1956 wegen der Erstellung und Propagierung des KPD-Programms zur deutschen Wiedervereinigung zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Dazu gehörte Oskar Neumann, der in der Kulturpolitik der Partei aktiv war und später ab 1970 die Literaturzeitschrift Kürbiskern mit herausgab. Es schrieb Jupp Angenfort, der frühere FDJ-Vorsitzende in Westdeutschland und Landtagsabgeordnete in Nordrhein-Westfalen, der zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden war.  Sie alle waren Parteimitglieder, die schon deswegen zunächst nur unter Pseudonym schrieben – was auch in meinem Fall so war.

Wir hatten durch Vermittlung von Jupp Schleifstein, der während des Zweiten Weltkrieges in Großbritannien in der Emigration war, hervorragende englische Autoren, z. B. solch einen weltbekannten Wissenschaftler wie den Physiker John Desmond Bernal. Er veröffentlichte gleich im ersten Heft der Marxistischen Blätter einen Aufsatz zum Thema »Organisation und Freiheit der Wissenschaft«. Und natürlich hatten wir Autoren aus der DDR, z. B. Politiker der SED wie Kurt Hager oder Paul Verner. Aus Österreich gewannen wir den marxistischen Philosophen und Psychoanalytiker Walter Hollitscher.

A.S.: Ein roter Faden in der Geschichte der Marxistischen Blätter ist die Auseinandersetzung mit antimarxistischen Auffassungen, aber auch mit falschen Freunden des Marxismus. Wie verlagerten sich die Schwerpunkte in den fünf Jahrzehnten?

Robert Steigerwald: Es ging uns mit der Zeit doch mehr darum, in die ideologisch-politischen Auseinandersetzungen des eigenen Landes einzugreifen – Themen gab es ja genug. Man denke nur daran, daß dies die Jahre der sogenannten 68er Bewegung oder der Auseinandersetzung mit dem Maoismus waren.

1970 veranstalteten wir eine große, auch international sehr beachtete Konferenz zur Frankfurter Schule, an der auch namhafte Angehörige dieser Gruppe von Philosophen und Sozialwissenschaftlern teilnahmen. Die damals gängigen ideologisch-politischen Debatten fanden sich wohl alle auf den Seiten der Zeitschrift wieder: Probleme des Friedens und des Krieges, der Rüstung, Nutzung von Kernenergie, »Grenzen des Wachstums«.

Aber selbstverständlich, wir waren und sind keine bloß theoriebesessenen Intellektuellen, es gab ständige Themen: Soziale Kämpfe, etwa die damaligen großen Streikauseinandersetzungen in der Bundesrepublik oder in Italien. Wir beschäftigten uns mit den Entwicklungen in der Tschechoslowakei oder in Ungarn in den sechziger Jahren, beteiligten uns an den Debatten über den sogenannten westeuropäischen Marxismus oder den »pluralen« Marxismus. Da war schon genug Musik drin.

A.S.: Was änderte sich für die Zeitschrift, als die DKP 1968 gegründet wurde? Wann und wodurch hatten die Blätter die größte Resonanz?

Robert Steigerwald: Wir erlebten einen großen Aufschwung während des damaligen raschen Wachstums der DKP, der erstaunlichen Entwicklung des Marxistischen Studentenbundes MSB und der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend SDAJ. Auf dem Höhepunkt hatten die Marxistischen Blätter bis zu 6000 Abonnenten. In den 80er Jahren versuchten wir sogar einmal, vom zweimonatlichen zum monatlichen Erscheinen überzugehen, aber das war doch eine Nummer zu groß für uns.

A.S.: Wie sehen Sie heute die Rolle der Blätter in den Diskussionen der 80er Jahre, insbesondere am Ende des Jahrzehnts, als die DDR verschwand und die DKP in schweren inneren Auseinandersetzungen stand?

Robert Steigerwald: Unsere Hauptprobleme ergaben sich wohl aus unserer doch oft recht unkritischen Haltung gegenüber Vorgängen in sozialistischen Staaten. Das war verständlich, wenn man bedenkt, daß aus unserer Sicht von dort – ex oriente lux! – aus dem Osten das Licht zu uns herüberleuchtete. Wir haben manche Entwicklung dort nur positiv gesehen. Das betrifft z. B. Probleme des Umweltschutzes oder des Umgangs mit der Atomenergie. An der Behandlung dieser Themen in der Zeitschrift hatte ich eine Aktie, die sich als nicht besonders werthaltig erwies. Dasselbe galt für Fragen der Demokratie.

A.S.: Welche Bedeutung haben die Blätter nach dem Ende des realen Sozialismus in Europa für die Bundesrepublik?

Robert Steigerwald: Meines Erachtens gibt es derzeit keine andere Zeitschrift in unserem Land mit unserer Orientierung und unserer Verankerung. Immerhin haben wir gut 2500 Abonnenten. Wenn man bedenkt, unter welchen Umständen die Herausgabe der Marxistischen Blätter Monat für Monat vollbracht werden muß, ist ihr Erscheinen eine beachtliche Leistung. Ich denke, daß wir ein wenig Grund haben, stolz auf diese 50 Jahre zu sein.

Wir sind eine weithin sichtbare, fest auf eigenem Boden verankerte Zeitschrift. Sie orientiert sich zwar eindeutig an der einheitlichen Theorie von Marx, Engels und Lenin, bemüht sich aber, Altes, Bewahrenswertes nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und mit neuen Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft Schritt zu halten. Sie legt keine Scheuklappen an, sondern schaut und prüft, was um uns herum, nicht nur im linken Lager, vor sich geht, um daraus, wo es möglich sein könnte, zu lernen.

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Am  23. November, veranstalteten die Marxistischen Blätter zusammen mit der Marx-Engels-Stiftung Wuppertal eine Arbeitstagung unter dem Titel »50 Jahre Marxistische Blätter – 50 Jahre Marxismus für die A-Klasse«. Referenten waren u. a. Dietmar Dath, Georg Fülberth, Domenico Losurdo und Anne Rieger.

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Übernommen von junge welt

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Seminar „Wie kam es zum Revisionismus und wie wirkte er sich aus?“
am 4., 5. und 6. Oktober 2013 in Berlin

von Wolfram Triller

Beitrag auf dem Seminar „Wie kam es zum Revisionismus und wie wirkte er sich aus ?“

Liebe Genossinnen und Genossen,

Das Thema unseres Seminars ist so komplex, dass es sehr schwierig ist, den richtigen Ansatzpunkt für die Diskussion zu finden. Man müsste z.B. folgende Fragen stellen:

1. Was wissen die Teilnehmer unseres Seminars über den Revisionismus, wenn sie vor allen Dingen Marx Engels und Lenin gelesen haben? Was kann deshalb als bekannt vorausgesetzt werden?

2. Um welche Fragen drehen sich gegenwärtig die ideologischen Auseinandersetzungen, bei denen bewusst oder unbewusst revisionistische Positionen vertreten werden?

3. Gibt es eindeutige Kriterien, die es ermöglichen, eine Position als revisionistisch zu charakterisieren?

4. Worin besteht das Ziel unseres Seminars und zu welchem Ergebnis wollen wir damit kommen?

Ich habe mich dazu entschieden, etwas zu einem möglichen und notwendigen wissenschaftstheoretischen Herangehen an den Revisionismus zu sagen. Das könnte zum Erkennen revisionistische Positionen beitragen.

Bei meinen Vorarbeiten zu diesem Beitrag stieß ich auf eine Bemerkung von Karl Marx: De omnibus dubitandum. (Deutsch: An allem ist zu zweifeln.)[i]

Hinter diesen Standpunkt standen allerdings seine wissenschaftlichen Erkenntnisse über den dialektisch-materialistischen Charakter der Geschichte verbunden mit einem System von Axiomen und Begriffen.

Berthold Brecht schreibt in den „Geschichten von Herrn Keuner“

„Ich habe bemerkt“, sagte Herr K., „daß wir viele abschrecken von unserer Lehre dadurch, daß wir auf alles eine Antwort wissen. Könnten wir nicht im Interesse der Propaganda eine Liste der Fragen aufstellen, die uns ganz ungelöst erscheinen?“

Als ich darüber nachdachte, fielen mir sofort ein Dutzend Frage ein (siehe Anlage 1).

Erfordert die Beantwortung der Fragen nicht auch eine Portion Phantasie, die Fähigkeit, über Nebenstraßen zum Ziel zu kommen? Und haben deshalb jene Recht, die meinen: Ein fester Standpunkt kann auch ein Zeichen von Phantasielosigkeit sein ?

Das Gesagte zwingt uns dazu, nach dem Wesen der wissenschaftlichen Weltanschauung des Marxismus zu fragen.[ii]

Im Vorwort zur 1. Auflage des Kapitals schreibt Marx: „Jedes Urteil wissenschaftlicher Kritik ist mir willkommen. Gegenüber den Vorurteilen der so genannten öffentlichen Meinung, der ich nie Konzessionen gemacht habe, gilt mir nach wie vor der Wahlspruch des großen Florentiners: Segui il tuo corso, e lascia dir le genti! (Gehe deinen Weg, und laß die Leute reden!)

Und Engels ergänzt: „… wie lächerlich … wäre (es), unsern jetzigen Anschauungen irgendwelche absolute Gültigkeit zuschreiben zu wollen,…“ [iii] . Denn: „Ein allumfassendes, ein für allemal abschließendes System der Erkenntnis von Natur und Geschichte steht im Widerspruch mit den Grundgesetzen des dialektischen Denkens; was indes keineswegs ausschließt, sondern im Gegenteil einschließt, daß die systematische Erkenntnis der gesamten äußern Welt von Geschlecht zu Geschlecht Riesenschritte machen kann.“[iv]

Über eine wissenschaftliche Weltanschauung heißt es im Kommunistischen Manifest: „Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unsern Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung.“[v]

Wenn „die theoretischen Sätze der Kommunisten … nur allgemeine Ausdrücke … (der) vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung“ sind, dann bedeutet das im Umkehrschluß, danach zu fragen, ob eine Aussage über gesellschaftliche Zusammenhänge und Entwicklungen die „vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung“ richtig widerspiegelt.

Der Kampf gegen revisionistische Auffassungen setzt deshalb als erstes die eigene wissenschaftliche Analyse der vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung voraus. Denn Engels hat uns davor gewarnt „… unsern jetzigen Anschauungen irgendwelche absolute Gültigkeit zuschreiben zu wollen“.

Nun beobachten wir aber gerade, daß von dieser Position aus die revisionistischen Angriffe auf unsere wissenschaftliche Weltanschauung erfolgen.

Auf diesen Umstand hat schon Marx verwiesen:

„Auf dem Gebiete der politischen Ökonomie begegnet die freie wissenschaftliche Forschung nicht nur demselben Feinde wie auf allen anderen Gebieten. Die eigentümliche Natur des Stoffes, den sie behandelt, ruft wider sie die heftigsten, kleinlichsten und gehässigsten Leidenschaften der menschlichen Brust, die Furien des Privatinteresses, auf den Kampfplatz.“[vi]

Die Frage danach, welche Interessen jemand mit seiner Argumentation verfolgt, kann zwar einen ersten Hinweis auf den Charakter seiner Position, auf ihren revisionistischen Gehalt geben. Doch um sie zu widerlegen, zur Wahrheit vorzudringen ist mehr notwendig. Es sind vor allem 3 Prüfstrategien anzuwenden:

1. Prüfung mit dem Instrument der materialistisch-dialektischen Methode und ihre Anwendung auf die Geschichte

Die materialistisch-dialektische Methode und ihre bewusste Anwendung ermöglicht es, die Wahrhaftigkeit von Aussagen und ihre Wirksamkeit im Klassenkampf zu prüfen. Das setzt allerdings die Beherrschung dieser Methode voraus.

Revisionistische Verfälschungen (oder Irrtümer) bestehen häufig darin, dass Erscheinungen aus dem Gesamtzusammenhang gerissen und nicht in ihrer historischen Entwicklung betrachtet werden. So stehen zwei Aussagen, die scheinbar das ähnliches beinhalten, doch in völligem Gegensatz:

Eduard Bernstein:

„Ich gestehe es offen, ich habe für das, was man gemeinhin unter „Endziel des Sozialismus“ versteht, außerordentlich wenig Sinn. Dieses Ziel, was immer es sei, ist mir gar nichts, die Bewegung alles.“[vii]

Karl Marx

„Jeder Schritt wirklicher Bewegung ist wichtiger als ein dutzend Programme“[viii]

Bernsteins Position ist der Verrat an der proletarischen Revolution.

Marx dagegen formulierte seinen Standpunkt als Kritik am Gothaer Programm. Diese Kritik war eine Verteidigung revolutionärer Positionen der Arbeiterklasse und ist nur verständlich, wenn man den, dem Zitat nachfolgenden Satz beachtet: „Konnte man also nicht – und die Zeitumstände ließen das nicht zu – über das Eisenacher Programm hinausgehn, so hätte man einfach eine Übereinkunft für Aktionen gegen den gemeinsamen Feind abschließen sollen. Macht man aber Prinzipienprogramme (statt diese bis zur Zeit aufzuschieben, wo dergleichen durch längere gemeinsame Tätigkeit vorbereitet war), so errichtet man vor aller Welt Marksteine, an denen sie die Höhe der Parteibewegung mißt.“[ix]

Der Marxismus schließt die Hegelsche Erkenntnis ein: „Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen.“[x]

Die Nichtbeachtung des Gesamtzusammenhangs, der konkreten historischen Situation, die Verabsolutierung einzelner Erscheinungen, die Nichtbeachtung der tatsächlichen Entwicklungsprozesse, die Missachtung von historischen und logischen Zusammenhängen – all das kann zu unwissenschaftlichen, antimarxistischen Aussagen und Positionen führen.

Dabei muß nicht immer auf bewussten Revisionismus geschlossen werden. Auf die Schwierigkeiten bei der Beherrschung einer wissenschaftlichen Weltanschauung hat schon Marx hingewiesen: „Die Untersuchungsmethode, deren ich mich bedient habe …, macht die Lektüre … ziemlich schwierig, und es ist zu befürchten, daß das französische Publikum, stets ungeduldig nach dem Ergebnis und begierig, den Zusammenhang zwischen den allgemeinen Grundsätzen und den Fragen zu erkennen, die es unmittelbar bewegen, sich abschrecken läßt, weil es nicht sofort weiter vordringen kann.

Das ist ein Nachteil, gegen den ich nichts weiter unternehmen kann, als die nach Wahrheit strebenden Leser von vornherein darauf hinzuweisen und gefaßt zu machen. Es gibt keine Landstraße für die Wissenschaft, und nur diejenigen haben, Aussicht, ihre lichten Höhen zu erreichen, die die Mühe nicht scheuen, ihre steilen Pfade zu erklimmen.“[xi]

Dabei besteht unter anderem die Schwierigkeit; „die wir dem Leser nicht ersparen konnten: die Benutzung von gewissen Ausdrücken in einem nicht nur vom Sprachgebrauch des täglichen Lebens, sondern auch dem der gewöhnlichen politischen Ökonomie verschiednen Sinne. Doch dies war unvermeidlich. Jede neue Auffassung einer Wissenschaft schließt eine Revolution in den Fachausdrücken dieser Wissenschaft ein.[xii] Ein Verzicht auf diese „Fachausdrücke“ in der theoretischen Auseinandersetzung ist eine spezifische Erscheinungsform des Revisionismus. In der Parteipropaganda muß ausgehend vom Erkenntnistand der Massen, eine Sprache benutzt werden, durch die die Brücke vom Alltagsbewusstsein zur wissenschaftlichen Weltanschauung gebaut wird.

2. Weiterentwicklung des Marxismus auf der Grundlage der sich ändernden Welt.

Die Auseinandersetzung mit dem Revisionismus steht in engem Zusammenhang mit dem Problem des Dogmatismus, der Verabsolutierung von Aussagen über die Wirklichkeit.[xiii] Der Dogmatismus ignoriert die Leninsche Feststellung:

„Wir betrachten die Theorie von Marx keineswegs als etwas Abgeschlossenes und Unantastbares; wir sind im Gegenteil davon überzeugt, daß sie nur das Fundament der Wissenschaft gelegt hat, die die Sozialisten nach allen Richtungen weiterentwickeln müssen, wenn sie nicht hinter dem Leben zurückbleiben wollen.“ [xiv]

„Lenin war Vertreter eines schöpferischen, eines dynamischen und revolutionären Marxismus. Seine »Treue« zur Lehre von Marx und seine erbitterte Gegnerschaft zu rechtsopportunistischen und revisionistischen Abweichungen vom revolutionären Grundverständnis des Marxismus, die er mit Rosa Luxemburg teilte, war die Plattform, von der er seine eigenen theoretischen praktischen politischen Vorstellungen und Konzepte entwickelte– einerseits mit Blick auf die nationalen Besonderheiten der russischen Revolution aber gleichzeitig auch mit Blick auf die internationale Besonderheit des Übergangs vom Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Monopolkapitalismus/Imperialismus. Seine selbständig erarbeitete Imperialismus-, Partei- und Revolutionstheorien – basieren auf klarem marxistischen Fundament. Das machte ihn zu einem »Klassiker des Marxismus«. Sein eigener Beitrag zur Weiterentwicklung der von Marx und Engels begründeten Lehre erlaubt es mit Recht, vom »Marxismus-Leninismus« als dem wissenschaftlichen Sozialismus des 20./21. Jahrhunderts zu sprechen.[xv]

Lenin beherzigte: „Ein allumfassendes, ein für allemal abschließendes System der Erkenntnis von Natur und Geschichte steht im Widerspruch mit den Grundgesetzen des dialektischen Denkens; was indes keineswegs ausschließt, sondern im Gegenteil einschließt, daß die systematische Erkenntnis der gesamten äußern Welt von Geschlecht zu Geschlecht Riesenschritte machen kann.“[xvi] Entsprechend gilt: „…die Einheit von Begriff und Erscheinung stellt sich dar als wesentlich unendlicher Prozess,…“[xvii]

„Die Geschichte der Philosophie und die Geschichte der Sozialwissenschaft zeigen mit aller Deutlichkeit, daß der Marxismus nichts enthält, was einem „Sektierertum“ im Sinne irgendeiner abgekapselten, verknöcherten Lehre ähnlich wäre, die abseits von der Heerstraße der Weltzivilisation entstanden ist.“[xviii]

Damit stellt sich die Frage, wie der Prozeß der Erkenntnis gestaltet werden muß, der zu einer wissenschaftlichen Interpretation der sich verändernden Wirklichkeit führt. Grundlegende Aussagen darüber hat Beate Landefeld in ihrem Beitrag über den Meinungspluralismus und Kommunistische Partei formuliert.[xix]

Dabei unterscheidet sie zwischen theoretischer Pluralismus, Pluralismus im wissenschaftlichen Meinungsstreit, Strömungspluralismus und Pluralismus bei der Umsetzung theoretischer Erkenntnisse bzw. von Parteibeschlüssen. Sie beantwortet die Frage: Ist Offenheit Beliebigkeit?

„Offenheit ist jedoch etwas anderes als Verlust an Systematik, an Schlüssigkeit. Würden wir dies verwechseln, dann würden wir den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit der marxistischen Theorie aufgeben. Ich halte deshalb auch nichts von Forderungen wie der nach einer „Koexistenz“ unterschiedlicher Marxismus-Auffassungen im Rahmen einer modernen kommunistischen Partei. Ein Sammelsurium von „Marxismen“ ist noch keine marxistische Theorieentwicklung. Diese entsteht erst dann, wenn Anstöße unterschiedlicher Herkunft für eine in sich schlüssige, systematische Theoriebildung verarbeitet werden. In diesem Sinne bleibt der Marxismus auch in seiner Entwicklung ein einheitliches Theoriengebäude. Er ist weder ein Steinruch, aus dem jeder nehmen kann, was er will, noch eine einfache Addition in sich selbst abgekapselter, unterschiedlicher „Marxismus- Konzeptionen“. Systematik, Offenheit und Dynamik stehen nicht gegeneinander, sondern bedingen einander.“[xx]

„Die Umbuchperiode fordert zu einem längeren Prozeß des Suchens nach neuen Antworten auf neue Fragen heraus. Daß solche Antworten nicht subjektivistisch aus der Tasche gezogen oder messianisch verkündet werden, sondern einem kollektiven Meinungsstreit ausgesetzt werden, wird im Endergebnis positiv in die Waagschale fallen. Auch zeitweilige Irrtümer müssen in diesem Prozeß des Suchens in Kauf genommen werden. Gefährlich sind nicht die (überwindbaren) Irrtümer, sondern viel eher die allzu rasch verkündeten Rezepte und „Wunderwaffen“, seien es nun `alte´ oder `neue´“[xxi].

Landefeld thematisiert nicht nur den antikommunistischen Druck auf die wissenschaftliche Weltanschauung der Arbeiterklasse sie verweist auch auf das problem: „Durch eigene Erfahrungen vieler Genossinnen und Genossen mit Mängeln in der Offenheit des Diskussionsklimas in der Praxis früherer Jahre ist ein Stau von Artikulationsbedürfnissen und Veränderungswünschen aufgelaufen.“[xxii]

Offenheit, gründliche Analyse der Wirklichkeit, wissenschaftlicher Meinungsstreit Nutzung vielfältiger Erfahrungen des Klassenkampfes – das sind wesentliche Bedingungen für die Weiterentwicklung der wissenschaftliche Weltanschauung der Arbeiterklasse, für den Kampf gegen Revisionismus und Dogmatismus. Wenn der Widerspruch die Triebkraft der Entwicklung ist, dann erfordert das auch in der Politik einen entsprechenden Umgang mit den Widersprüchen. Der neue DKP-Vorsitzenden zog deshalb aus den Debatten innerhalb der Partei die Konsequenz: „Meinungsstreit und Diskussionen gehen in den unterschiedlichsten Konstellationen natürlich weiter. Diskussionen und Streit unter Kommunistinnen sind ja nichts Schlechtes. Was ich tatsächlich glaube, ist, dass es eine Kombination gab aus Unzufriedenheit mit der Gesamtlage der Partei und auch mit Inhalten, wie sie zumindest von Teilen der alten Mehrheit in der Führung trotz aller Kritik vor allem nach dem 19. Parteitag weiter propagiert wurden.“[xxiii]

Allerdings wird die marxistische Erfassung der Wirklichkeit durch die Tatsache erschwert, dass auch immer der Zufall eine Rolle spielt. „Die Weltgeschichte wäre allerdings sehr bequem zu machen, wenn der Kampf unter den Bedingungen unfehlbar günstiger Chancen aufgenommen. Sie wäre andererseits sehr mystischer Natur, wenn „Zufälligkeiten“ keine Rolle spielten. Diese Zufälligkeiten fallen natürlich selbst in den allgemeinen Gang der Entwicklung und werden durch andere Zufälligkeiten wieder kompensiert. Aber Beschleunigung und Verzögerung sind sehr von solchen „Zufälligkeiten“ abhängig – unter denen auch der „Zufall“ des Charakters der Leute, die zuerst an der Spitze der Bewegung stehen, figuriert.“[xxiv] Das erfordert, dass Kommunisten immer bewusst auf „jähe Wendungen“ eingestellt sein müssen. Denn wer zu spät kommt, den bestraft das Leben – wer zu früh kommt, den aber auch.

3. Einheit von Theorie und Praxis

Zur Überwindung der Spaltung in der kommunistischen Bewegung gibt es viele Vorschläge. Als wenig wirksam hat sich die Methode erwiesen, mit einem „Prüfschema“ die verschiedenen Personen und Gruppen in „echte Kommunisten“ und in Abweichler oder gar Verräter einzuteilen. Vielmehr ist zu beachten: „Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“[xxv]

Deshalb ist als erstes die Fragen nach den Personen und Kräften zu stellen, die den jetzigen Zustand aufheben wollen und die zu einer gesellschaftsverändernden Kraft werden sollen und müssen. Deren Einstellungen, Motive und Weltanschauungen sind so vielfältig wie die gesellschaftliche Wirklichkeit. Ihre Ziele sind „Nah- und Fernziele“, „reformistische und revolutionäre Ziele“, „Gruppen- und gesamtgesellschaftliche Ziele“, „realistische und utopische Ziele“ und, und, und.

Kommunisten müssen die Frage beantworten, mit dem Kampf für welche Ziele kann ein gesellschaftlicher Transformationsprozess zur Vorbereitung eines revolutionären Umschwungs eingeleitet werden. Der gemeinsame Kampf unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen ist für alle zugleich ein Lernprozess über die Wirksamkeit der Kampfmethoden, für die Festigung des Kampfbündnisses und für die Weiterentwicklung der durchzusetzenden Ziele, der notwendigen nächsten Schritte.

Im gemeinsamen Kampf stehen die Kommunisten vor der Aufgabe, „sich von den übrigen proletarischen Parteien nur dadurch (zu unterscheiden), daß sie einerseits in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen, andrerseits dadurch, daß sie in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie durchläuft, stets das Interesse der Gesamtbewegung vertreten. Die Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weitertreibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder; sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus.“[xxvi]

Ihr Lernprozess besteht vor allem darin, sich in vielen Fällen, die „Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung“ unter den sich verändernden Bedingungen neu zu erarbeiten. Der Annäherungsprozess der Kommunisten schießt deshalb unverzichtbar den gemeinsamen Kampf zur Unterstützung des gesellschaftlichen Widerstandes ein. Dabei entwickeln sich auch solche Fähigkeiten wie Kompromissfähigkeit, Ausdauer, Geduld, Bescheidenheit, Rücksichtnahme, Aufgeschlossenheit; Ehrlichkeit, Vertrauen, Konsequenz, Solidarität. Alles moralische Eigenschaften, ohne die ein Zusammenwachen von Kampfgefährten und eine Führungsrolle bei der Verbreiterung einer Bewegung nicht möglich sind.

Unsere Veranstaltung zum Thema „Wie kam es zum Revisionismus und wie wirkte er sich aus?“ ist in diesem Sinne auch ein Austausch von Erfahrungen über unser Wirken in sehr verschiedenen Bündnissen und auf unterschiedlichen Kampffeldern – ein konkreter Beitrag gegen Revisionismus und Opportunismus. Vor allem aber trägt sie dazu bei, jene Wirkungsfelder zu bestimmen, auf denen wir besonders aktiv werden müssen und auf denen das Zusammenwirken von Kommunisten nachhaltig wirksam werden kann und muss.

Ein Kriterium für die Wirksamkeit unserer Arbeit sollte es sein, wie uns eine Verbreiterung unseres kommunistischen Bündnisses gelingt, wie ein Netzwerk kommunistischer Parteien und Gruppen entsteht, wie es gelingt bundesweite gemeinsame Aktionen von Kommunisten zu initiieren und zu realisieren. Ein Schritt auf diesem Wege müsste auch sein, die Internetplattformen der verschiedenen Gruppen dafür zu nutzen, auf Aktivitäten und Debatten in anderen Gruppen hinzuweisen und so den Erfahrungsaustausch und das Zusammenwirken zeitnah zu organisieren.

Vorschlag

Mit dem Vorstehenden wurde ein sehr breites Feld notwendiger Debatten und zu berücksichtigender Aspekte eröffnet. Es besteht die Gefahr, dass dadurch der „rote Faden“ verloren geht, dass das Gemeinsame und gesicherte Positionen verwischt werden. Notwendig ist aber „ein fester Punkt“ um die „Welt aus den Angeln zu heben“. Ein solcher Punkt könnten „Axiome einer wissenschaftlichen Weltanschauung“ – des Marxismus – sein (siehe Anlage 2). Leider muss ich an dieser Stelle darauf verzichten, eine Begründung für jene Axiome zu liefern, die meine theoretische und praktische Arbeit bestimmen. Ich würde mich darüber freuen, wenn sie als Diskussionsangebot verstanden werden und es kritische und weiterführende Reaktionen darauf gäbe.

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Anlage 1

Fragen, auf die Kommunisten Antworten finden und geben müssen

– Auf welche Weise wird die Arbeiterklasse von einer „Klasse an sich“ zu einer „Klasse für sich“?

– Wie entwickelt sich das Wechselverhältnis von Individuellen und Klasseninteressen?

– Welche Kompromisse sind im Kampf gegen den Imperialismus und beim Aufbau des Sozialismus zulässig?

– Welcher Erfahrungen der bürgerlichen Demokratie lassen sich für die Diktatur des Proletariats nutzen?

– Wann ist der Kampf um Reformen ein Verrat an der proletarischen Revolution?

– Was ist zu berücksichtigen, wenn das Hauptkettenglied und die Methoden für den Kampf der Kommunistischen Partei bestimmt werden sollen?

– Welche Methoden sind anzuwenden, um Fehler bei politischen Entscheidungen zu vermeiden bzw. zu erkennen, dass eine Entscheidung fehlerhaft war?

– Wie gelingt es, die Geschichte der kommunistischen Bewegung so aufzuarbeiten, dass die gewonnenen Erfahrungen in zukünftigen Kämpfen erfolgreich genutzt werden können?

– In welcher Weise müssen kommunistische Parteien zusammenwirken, damit sie Erfolg in nationalen Klassenkampf haben und einen möglichst großen Beitrag zum proletarischen Internationalismus leisten?

– In welche Weise wir sich ein weltweiter revolutionärer Prozeß der Beseitigung des Kapitalismus und des Aufbaus des Sozialismus/Kommunismus vollziehen?

– Welche Konsequenzen hat die differenzierte Situation der der Staaten auf der Welt hinsichtlich ihrer ökonomischen Entwicklung, der sozialen und Klassensituation, der nationalen Traditionen und anderer gesellschaftlicher Bedingungen auf der revolutionären Weltprozeß?

– Wann kann in einem Land von einer sozialistischen Entwicklung und dem sozialistischen Charakter des Landes gesprochen werden?

– Welches sind die Hauptursachen für das Scheitern des europäischen Sozialismus?

Sicher kann ein gebildeter und im Klassenkampf erfahrener Marxist (der nicht darauf angewiesen ist, einen Platz als Abgeordneter im Bundestag zu erringen) auf all diese Fragen fundierte Antworten geben. Aber sie werden immer unvollständig sein und nur in begrenztem Maße die sehr unterschiedlichen Bedingungen für die Wirkungsweise gesellschaftlicher Entwicklungsgesetze berücksichtigen. Da alle Fragen nur historisch konkret beantwortet werden können, ist ein Einzelner außerdem überfordert, da er nicht alle historischen Fakten, ihre Zusammenhänge und Folgen kennen kann. Die Antworten auf vorstehende Fragen können deshalb nur Ergebnis kollektiver wissenschaftlicher Analyse und Verallgemeinerung sein. Das schließt nicht aus, dass bestimmte Antworten als falsch zurückgewiesen werden können, weil sie grundlegenden Axiomen des ML widersprechen. Die grundlegenden Axiome des ML zu bestimmen ist deshalb eine Grundbedingung für die Suche nach hinreichend begründeten Antworten.

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Anlage 2

Axiome* des Marxismus-Leninismus

1. Die Welt ist materiell. Sie befindet sich in einem ständigen Wandlungsprozeß. Widersprüche sind die Triebkraft der Entwicklung. Quantitative Veränderungen führen zu qualitativen Sprüngen. Kausale Zusammenhänge können in Aussagen über Gesetze und Gesetzmäßigkeiten widergespiegelt werden. Die Existenz eines Gesetzes ist objektiv bedingt und unabhängig von seiner Erkenntnis. Die Wirkung von Gesetzen hängt von den Wirkungsbedingungen ab. Verändern sich die Wirkungsbedingungen, kann das zur Aufhebung ( im dialektischen Sinne) eines Gesetzes führen.

2. Im Bewusstsein wird die Wirklichkeit widergespiegelt. Die Wissenschaft sucht hinter den Erscheinungen das Wesen der Sache, die kausalen Zusammenhänge, die objektiven Gesetze und die Wirkungsbedingungen der Gesetze zu erkennen, die für die jeweilige Wissenschaft gelten Begriffe und die zwischen ihnen bestehenden Beziehungen zu definieren – die Wahrheit zu entdecken. Die Wahrheit ist das Ganze. Weder der Einzelne noch die Gesellschaft insgesamt besitzen das Wissen über „Das Ganze“. Wahrheit ist relativ – begrenzt durch den aktuellen Stand der Erkenntnis. Das Kriterium für den Wahrheitsgehalt einer Aussage ist die Praxis.

3. In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Dieses Bewusstsein wirkt über das Handeln der Menschen aktiv auf die Basis zurück.

4. Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die Geschichte von Klassenkämpfen. Als Klassen bezeichnet man große Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden nach ihrem Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, Die Abschaffung der Klassen ist unmöglich ohne die Diktatur der unterdrückten Klasse, des Proletariats. Ohne Klassenbewußtsein und ohne Organisiertheit der Massen, ohne ihre Schulung und Erziehung durch den offenen Klassenkampf gegen die gesamte Bourgeoisie kann von der sozialistischen Revolution keine Rede sein.

5. Der Mensch ist fähig, die Gesetze seines eigenen Tuns zu erkennen und bewusst nach ihnen zu handeln. Der Grad der Welterkenntnis und das daraus resultierende Bewusstsein werden durch das gesellschaftliche Sein bestimmt. Jeder Mensch verfügt über ein Alltagsbewusstsein und daraus resultierende Interessen. Sie werden differenziert durch Schule und Ausbildung, Stellung im Reproduktionsprozeß, soziale Stellung und Situation sowie die Erfahrungen aus der Teilnahme an gesellschaftlichen Kämpfen – durch Lebenserfahrung und den Grad ihrer bewussten Verarbeitung.

* Axiom: Aussage, deren Wahrheit durch die Erfahrung so oft bestätigt, durch die Praxis so oft bewiesen ist, dass sie als absolut gewiss betrachtet werden kann.

Axiomsystem: Die Gesamtheit der systematisierten Teilmengen von Aussagen (Axiome) eines Wissenschaftsbereichs, aus der sich alle übrigen Aussagen deduktiv ableiten lassen.

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[i] Karl Marx trug diese Feststellung in das Poesiealbum seiner Tochter Jenny Marx Longuet auf die Frage nach seinem Lieblingsmotto ein.

[ii] Da Lenin sich als Marxisten bezeichnete, ist in eine wissenschaftliche Weltanschauung von Marx, Engels Lenin und vielen anderen Theoretikern des Marxismus der „Leninismus“ eingeschlossen.

[iii] Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, MEW Bd. 20, S. 106-107

[iv] Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, MEW Bd. 20, S. 24)

[v] Marx/Engels: Manifest der kommunistischen Partei, MEW Bd. 4, S. 474-475

[vi] Marx: Karl Marx/Friedrich Engels – Werke, Band 23, „Das Kapital“, Bd. I, Vorwort zur ersten Auflage

[vii] Von Eduard Bernstein 1897 in der Zeitschrift Die Neue Zeit formuliert.

[viii] Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms, Brief an Wilhelm Bracke, London, 5. Mai 1875 , http://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1875/05/briefbracke.htm

[ix] Ebenda

[x] http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Wilhelm_Friedrich_Hegel#.
E2.80.9EDas_Wahre_ist_das_Ganze.E2.80.9C:_Idee.2C_Natur_und_Geist

[xi] Karl Marx/Friedrich Engels – Werke, Band 23, „Das Kapital“, Bd. I, Vor- und Nachwort zur französischen Ausgabe

[xii] Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Band 23, „Das Kapital“, Bd. I, Vorwort zur englischen Ausgabe

[xiii] Ich verstehe mich als „Dogmatiker“, als einer, der unter einem Dogma einen dialektisch begründeten Lehrsatz, eine feststehende Definition oder eine grundlegende, normative wissenschaftliche Erkenntnis – beruhend auf Axiomen – versteht, deren Wahrheitsanspruch als unumstößlich gilt.

[xiv] W.I. Lenin: Unser Programm, in LW Bd. 4, S. 204-206 )

[xv] Hans-Peter Brenner: Kein Marx ohne Lenin, in uni spezial, Beilage der jW vom 19.05.2010

[xvi] Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, in MEW Bd. 20, S. 24

[xvii] Friedrich Engels an Conrad Schmidt in Zürich, in: MEW, Bd. 39. S. 434

[xviii] W.I. Lenin: Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, in: Werke, Bd.19, S.3-9

[xix] Beate Lndefeld: Meinungspluralismus und Kommunistische Partei“, in: MBl 7/8 1989 und 3/13 2013, siehe auch Beate Landefeld: Zur kommunistischen Parteikonzeption, unter www.triller-online.de/k0699.htm

[xx] ebenda

[xxi] ebenda

[xxii] ebenda

[xxiii] Patrik Köbele: „Die Lust am Widerspruch konstruktiv nutzen“, In MBl 4/13 S. 26- 30

[xxiv] Karl Marx: An Ludwig Kugelman in Hannover, ME Werke Bd. 33 S. 209
Siehe auch Friedrich Engels an W. Borgius in Breslau; MEW; Bd. 39, S. 207: „Je weiter das Gebiet, dass wir gerade untersuchen, sie sich vom Ökonomischen entfernt und sich dem reinen abstrakt ideologischen nährt, desto mehr werden wir finden, dass es in seiner Entwicklung Zufälligkeiten aufweist, desto mehr im Zickzack verläuft seine Kurve. Zeichnen Sie aber die Durchschnittsachse der Kurve, so werden Sie finden, dass, je länger die betrachtete Periode und je größer das so behandelte Gebiet ist, dass diese Achse der Achse der ökonomischen Entwicklung umso mehr annähernd parallel verläuft.“

[xxv] Marx/Engels: Die deutsche Ideologie, MEW Bd. 3, S. 35
Siehe auch: Marx/Engels: Manifest der kommunistischen Partei, MEW Bd. 4, S. 474-475: „Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unsern Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung.“

[xxvi] Marx/Engels: Manifest der kommunistischen Partei, MEW Bd. 4,

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Übernommen von http://www.triller-online.de/index2.htm

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http://www.stoersender.tv/ :

Niemals oberflächlich

21.11.2013

Der wohl bekannteste politische Kabarettist Deutschlands ist tot: Dieter Hildebrandt starb in der Nacht zum Mittwoch in einem Münchner Krankenhaus im Alter von 86 Jahren im Kreis seiner Familie. Der 1927 im schlesischen Bunzlau geborene Kabarettist galt vielfach als politisches Gewissen der Bonner Republik. Bekannt wurde er als Mitbegründer der »Münchner Lach- und Schießgesellschaft« sowie durch die TV-Sendungen »Notizen aus der Provinz« (66 Folgen) und »Scheibenwischer« (145 Folgen). Darüber hinaus schrieb Hildebrandt Drehbücher, spielte in Filmen mit und ging noch bis wenige Monate vor seinem Tod auf Bühnentournee.

Politisch stand Hildebrandt der linken SPD nahe, machte sogar Wahlwerbung für Willy Brandt. Nachdem er sich anfänglich mit dem Adenauer-Deutschland auseinandergesetzt hatte, arbeitete er sich später an Politikern wie dem bayerischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß ab, der beleidigt mit dem Vorwurf der »politischen Giftmischerei« reagierte. Hildebrandt machte auch Fernsehgeschichte – ihm gelang es als erstem, die Phalanx der ARD zu sprengen: 1986 klinkte sich der Bayerische Rundfunk (BR) voller Empörung aus der Übertragung des »Scheibenwischer« aus.

Eine seine ersten größeren Rollen als Schauspieler hatte Hildebrandt in der 1963/64 produzierten Verfilmung der Böll-Novelle »Dr. Murkes gesammeltes Schweigen«. An der Seite von Franz Xaver Kroetz spielte er später in »Kir Royal« mit, einer Serie, die den Boulevardjournalismus auf die Schippe nahm. Für die Kino-Fortsetzung »Zettl« übernahm er die Rolle noch einmal.

Nachdem Hildebrandt 2003 aus Altersgründen aus dem »Scheibenwischer« ausgeschieden war, ging er mit Soloprogrammen auf Tournee. Zuletzt mit »Ich kann doch nichts dafür«, in dem er vor allem mit dem »Rentner-Rap« brillierte. Anfang 2013 gründete er gemeinsam mit Stefan Hanitsch das per »Crowdfunding« finanzierte Internet-TV »Störsender«.

»Bis zum Schluß hatte er Pläne, hatte gekämpft und wollte sich im Dezember auf der Bühne der Münchner Lach- und Schießgesellschaft von seinem Publikum verabschieden«, teilte die Kabarettgruppe am Mittwoch auf ihrer Internetseite mit. »Er hätte uns noch so viel zu sagen gehabt. Wir trauern mit seiner Familie um einen wunderbaren Menschen, lieben Freund, Förderer und eine moralische Instanz.« »Ich habe keinen Menschen gekannt, der moralisch integrer war als er«, sagte der Liedermacher Konstantin Wecker laut dpa gestern über Hildebrandt. »Gegenüber all diesen unglaubwürdigen Politikdarstellern ist er ein Leuchtturm gewesen.« Aus Sicht seines früheren »Scheibenwischer«-Kollegen Bruno Jonas hat niemand die Kabarett-Szene der Bundesrepublik so geprägt wie Hildebrandt. »Er war einmalig.« Dagmar Reim, Intendantin des RBB, der den »Scheibenwischer« lange Zeit produziert hatte, nannte Hildebrandt eine »Ausnahmeerscheinung«. Trotz früherer Zerwürfnisse würdigte auch der BR den Verstorbenen als »Großmeister des politischen Kabaretts«. Er habe »hintergründig, scharfzüngig und niemals oberflächlich« das Zeitgeschehen analysiert, erklärte BR-Intendant Ulrich Wilhelm. »Spiel, Satz und Sieg für Hildebrandt. Was für ein Leben!«, hieß es gestern auf der Startseite des »Störsender«. »Danke, lieber Dieter, für alles!« (pw)

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Eines der letzten Interviews, die Dieter Hildebrandt gab, stand  in junge welt

Dieter Hildebrandts „Rentner Rap

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via kominform.at

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Die Entfremdung des Menschen von der Natur unter hochentwickelten kapitalistischen Verhältnissen wie in Deutschland führt zu Gegenreaktionen. Der Ausgangspunkt ist oft das Unbehagen beim Konsum der industriell erzeugten Nahrungsmittel. Was essen wir, ohne zu wissen, was an chemischen Stoffen enthalten ist ? Machen solche Stoffe krank ? Ist es da nicht besser, „Bio“produkte zu konsumieren, vegetarisch zu leben, vielleicht sogar vegan ?

Die Sorge um die eigene Gesundheit verbindet sich mit weitergehenden Überlegungen. Ist der Umgang mit Nutztieren nicht moralisch verwerflich ? Untergräbt die industrialisierte Landwirtschaft nicht den Reprdouktionsprozess der Natur und zerstört ihn längerfristig ? Der Mensch als „Herr der Schöpfung“ – muss dieses Bild nicht ersetzt werden von einem anderen – der Mensch als Teil der Natur, Anpassung des Menschen an die Natur ? Haben nicht alle Lebewesen die gleichen „Rechte“ ? Muss man sich, wenn man moralisch handeln will, auf den Standpunkt der Natur und der Tiere stellen ? Steht damit eine neue Etappe der Zivilisierung des Menschen an ?

Solche Fragen stellen sich viele Menschen, nicht nur solche aus gutgestellten Kreisen, die viel Zeit haben, sich mit dem eigenen Bauchnabel zu beschäftigen, sondern auch gewöhnliche Lohnabhängige.

Wie stehen Marxisten zu solchen Fragen ?

Hier einige Überlegungen von Hans-Peter Brenner zu diesem Thema. Es handelt sich um einen Vortrag, den er für eine Veranstaltung der Assoziation „Dämmerung“ verfasst hat. Wir haben den Text geringfügig gekürzt.

 

Marxistisches Natur- und Menschenbild.

Die „bio-psychosoziale Einheit Mensch“ und deren Impulse für die Kooperation zwischen Ökologie- und revolutionärer Arbeiterbewegung

 

Thema „Mensch“ statt Thema „Tier“
Zunächst will ich etwas zu meiner persönlichen Beziehung zum Thema sagen:

Mein Vater stammt – als gelernter Schmied- aus eine „Bauernfamilie“ – so wurde mir erzählt. Ich kannte ihn kaum. Erst vor wenigen Jahren habe ich dann im Rahmen privater Nachforschungen herausgefunden, dass das etwas hochgestapelt war.
Der väterliche Stammbaum bis 1789 besagt, dass sowohl mein Großvater wie mein Urgroßvater ganz einfach nur „Tagelöhner“ waren.
Dazu passt, dass ich als 5jähriger in der Nachkriegszeit erlebt habe, wie mein Vater zeitweilig als Erntehelfer oder Knecht arbeitete. Sein „Lohn“ bestand u.a. darin, dass ich beim Bauern dann am Mittag- und Abendessen teilnehmen durfte. Ich konnte also noch aus eigener Anschauung einen Teil der alten Fron der körperlich harten Feld-, Wald und Ackerbauarbeit miterleben. Alles lief noch mit Handarbeit, Pferd und Pflug wie seit Generationen. …

Der zweite Bezug zum Thema: Ich habe darüber 2001 bei dem marxistischen Psychologen / Pädagogen W. Jantzen (Uni Bremen) und marxistischen Philosophen H.H. Holz (Uni Groningen) über die Entwicklung der marxistischen Persönlichkeitstheorie und die „biopsychosoziale Einheit Mensch“ promoviert. Zu HH Holz´ 80. Geburtstag habe ich im Rahmen einer kleinen Veranstaltung an dieses gemeinsame Projekt erinnert und einen neuen Anlauf gemacht die Frage meiner Dissertation zu beantworten. „Was ist der Mensch? Was macht seine Persönlichkeit aus?“ ‚

Der Philosoph Immanuel Kant hatte einst in seinen berühmten vier existentiellen Fragen sich diesem spannende Thema in Frageform angenähert und eine „Quadratur von Fragen“ entwickelt.

„Was kann ich wissen?
Was soll ich tun?
Was darf ich hoffen?
Was ist der Mensch?“

(I, Kant, Bd.9, 1910, S. 23f)

Wissen, Tun, Hoffen – und am Ende- DANN ERST – die Frage nach dem Menschen: War das ein Zufall? Oder hat das eventuell eine innere Logik?

Ich hatte im Jahr 2007 auf einer Parteiveranstaltung in Vorbereitung auf den 80. Geburtstag von HH Holz kurzzeitig gehofft, endlich eine leichte und einfache Antwort auf diese schwierige Frage gefunden zu haben. Denn die Frage, mit der sich Kant herumplagte und über die ich mich in meiner Arbeit auch über einige hundert Seiten ausgelassen hatte, schien mittlerweile beantwortet worden zu sein. Vom schlauen Internet-Lexikon-wikipedia. Da las ich folgendes:

„Der moderne Mensch (Homo sapiens) ist ein Säugetier aus der Ordnung  der Primaten. Er gehört zur Unterordnung der Trockennasenaffen und dort zur Familie  der Menschenaffen“ .

Und dann korrigiert wikipedia ganz nebenbei auch noch ein offenbar völlig überholtes Vorurteil:

„Früher wurden Mensch (Hominidae) und Menschenaffen (Pongidae) insbesondere aufgrund der besonderen geistigen Entwicklung des Menschen als zwei getrennte Familien betrachtet, jüngere Untersuchungen sehen zwischen beiden Gruppen ein engeres Verwandtschaftsverhältnis und stellen sie daher in eine gemeinsame Familie. Der moderne Mensch ist die einzige bis heute überlebende Art der Gattung Homo. So weit wikipedia.

Halten wir fest: Die „Gattung“ homo=Mensch ist von ihrer „Ordnung“ her ein Säugetier, ein allerdings etwas „untergeordnetes“ – ein Trockennasenaffe aus der „Familie“ der Menschenaffen.Damit könnte ich mit meiner Vorbemerkung eigentlich aufhören und sagen. „Es ist eigentlich egal ob wir von Mensch oder Tier reden. Wir sind alle Eins. Es gibt keinen Unterschied.“

Aber vielleicht ist es ja wie einst bei Kaiser Wilhelm Zwo zu Beginn des 1. Weltkrieges vor gut 100 Jahren, als der „sein Volk“ auf eine zusammengeschweißte Kriegernation mit den Worten einzuschwören suchte: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.“

Und vielleicht gilt auch hier gilt der alte Satz: „Gewogen und zu leicht befunden.“

Weder ließen sich die Klassenunterschieden durch den letzten Hohenzollernkaiser wegkommandieren, noch lassen sich heute die Unterschiede zwischen Mensch und Tier lexikalisch wegdefinieren.

Die stammes- und evolutionsgeschichtliche Verwandtschaft zwischen Hominiden und Pongiden ist zwar über einen Zeitraum von über 32 Millionen Jahren – seit dem Fossilienfund des „aegyptopitecus zeuxis“- verbürgt. Sie bedeutet aber nichts für eine angeblich gemeinsame Qualität von hominiden und pongiden Verwandten. Wenn wir die heutigen Affen und Menschen in dem gemeinsamen Konstrukt der „Primaten“ zusammenfassen, kann das nicht heißen, dass wir damit über deren jeweilige Besonderheiten und Wesensunterschiede hinwegsehen dürfen. … Wir sind als Gattung Mensch mehr und was anderes als nur Feuchtnasenaffen. Wir sind keine Tiere. …

Aber was ist denn die „differentia specifica“ zwischen Mensch und Tier? Ist es vielleicht die Brille oder das Hörgerät, das zumindest bei alten Menschen ,mittlerweile zur „Standardausrüstung“ zählt?
Warum nicht? Ich jedenfalls habe noch keine Affen mit Brille und Hörgerät gesehen. Aber reicht dieser Unterschied aus? Dann kann man auf viele andere Unterschiede verweisen. Z.B. darauf, dass ich keinen Affen mit einem Bücherregal kenne und vor allem keinen Affen, der ein bestimmtes Buch sein eigen nennt: nämlich ein Parteibuch. Also ist der wichtigste Unterschied zwischen Mensch und Tier das gesprochene oder geschriebene Wort? Und die Fähigkeit zur Bildung einer Parteiorganisation?

Die Fähigkeit Gefühltes und Gedachtes nicht nur in Grunzen, Knurren und Stöhnen auszudrücken, sondern in einer reflektierten Form, wie der menschlichen Sprache, bei der sogar Ironie und das Sich-selbst-in-Frage stellen möglich sind, und dies sogar mit einem anderen Medium in gedruckter, gepresster oder in digitalisierter Form – dazu noch in Reimen oder in Prosa- das spielt sicherlich eine ganz entscheidende Rolle.

Und sicherlich ist die Frage der Qualität der sozialen Bindungen und Beziehungen, die Menschen eingehen und sich dazu die entsprechenden sozialen Organisationsstrukturen schaffen – eben bis hin zur Kommunistischen Partei- ein qualitatives Unterscheidungsmerkmal zwischen Tieren und Menschen, wobei ich nicht über Organisationsstrukturen – sogar „Staaten“bildungen“ und Funktionseliten bei Tieren hinwegsehen möchte.

Ist also „logos“ die Scheidegrenze?

Die Bibel sagt bekanntlich „Ja“. „In initio erat verbum, et verbum erat apud deum et deus erat verbum.“ (Johannes-Evangelium) „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.“ War und stand am Anfang der Menschwerdung also „logos“? Wobei „Logos“ mehr als nur „Wort“ bedeutet, sondern vielmehr „Vernunft“. In der Auffassung der stoischen Philosophie existiert ein „logos spermatikos“ (Vernunftkeim“). „Logos“ ist in jedem vernunftbegabten Wesen anzutreffen. Cicero spricht in diesem Zusammenhang von „mens mundi“ (Weltgeist).

Nicht nur die altgriechische oder römische Philosophie sondern auch die zeitgenössischen Human- , Natur- und Gesellschaftswissenschaften sehen sich mit der Frage nach ihrer jeweiligen Definition der Beziehungen zwischen Mensch- Natur im allgemeinen und der Beziehung zwischen Mensch-Tier im besonderen konfrontiert. Dabei geht es heute nicht nur und auch nicht einmal primär um neue empirische Erkenntnisse aus Biologie, Physiologie, Psychologie, Anthropologie, sondern eher um deren Integration zu einem wissenschaftlich fundierten Menschenbild

Dabei besteht jedoch eher „ ein Konsens „ex negativo“ denn im positiv Definitorischen. Defizitär und falsch wird auf jeden Fall von vielen ein Menschenbild empfunden, das den Menschen entweder als das „höchste Geschöpf Gottes“ und damit als ein von diesem abhängiges „Geschöpf“, oder als nichts anderes als einen „besonders intelligenten Affen“ oder als ein vorrangig mit rein (natur-)wissenschaftlichen Methoden zu begreifendes primär „zoon politicon“ (gesellschaftliches Wesen) – oder noch zugespitzter – primär als „homo öconomicus“- begreift-

An dieser Suche der Antwort auf die Frage „Was unterscheidet den menschen vom Tier?“ beteiligen sich neben ernsthaften Wissenschaftlern aus allen wesentlichen Disziplinen auch Theologen, Esoteriker und von den „Naturreligionen“ ausgehende Schamanen. Darunter Scharlatane, die die Menschheit mit manchmal eher komisch anmutenden „Erkenntnissen“ traktiert.

Zu den geradezu skurrilen Auswüchsen dieser Spezies gehört die Entdeckung– von „Genen des Glaubens“ oder dem „Gen der Religion“ und die damit verbundene Entstehung der sogenannten „Neurotheologie“.

Als marxistischer Psychologe ist meine Ausgangsposition also diese:

Wenn man davon ausgeht, das man den Menschen mit Hilfe vielfältigster diagnostischer und empirischer Messmethoden und den entsprechenden Methoden der Statistik und der mathematischen Korrelationberechnungen analysiert und definiert, dann landet man bei der modernen bürgerlichen Psychologie oder Soziologie.

Wenn man davon ausgeht, dass der Mensch nichts anderes ist als „auch nur ein Tier“ oder umgekehrt, das das „Tier auch nur ein Mensch“ sei, landet man UNWEIGERLICH im Biologismus.

Aber wo ist die Lösung?

Marxisten verfolgen in diesem breit gefächerten wissenschaftlichen Diskurs einen anderen Ansatz; der stark durch die Epochenwende 1989/90 beeinflusst wurde. Es ist die Vorstellung vom Menschen als eine „biopsychosozialen Einheit“. Diese fiel nicht vom Himmel und hat eine lange Vorgeschichte.

Der bundesdeutsche Psychologe Jens Brockmeier hat Anfang der 80ger Jahre mE den damaligen marxistischen Konsens mit folgenden Definitionsversuchen und Abgrenzungen so zum Ausdruck gebracht:

„Dass am Anfang nicht die »Idee« und schon gar nicht das »Wort« war, sondern die materielle »Tat«, das können wir heute nicht nur durch ein weitsichtiges (aber gleichwohl seinerzeit gewagtes) Dichterwort, sondern auch durch mannigfache empirische Tatsachen belegen. Will man die zweifelsohne allein menschlichen Fähigkeiten z.B. zur kulturellen Produktion also nicht nach dem Modell der Pfingstereignisse der biblischen Geschichtsschreibung deuten, sondern sie erklären, d.h. genetisch begründen, so kann man allein von dem Umstand ausgehen, dass der Mensch sich der Natur nicht wie das Tier bloß anpasst, nicht nur reines Naturprodukt ist, sondern dass er sich und dies in seiner Geschichte immer dominanter – die Natur selbst anpasst, also die inneren und äußeren Bedingungen seines Lebens selbst produziert.

»Man kann die Menschen durch das Bewusstsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden«, schreiben Marx und Engels in der ‚Deutschen Ideologie‘. »Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel selbst zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst.« (21)
Diese Erkenntnis, die heute auch von vielen Wissenschaftlern, die wenig von Marx halten oder kennen, kaum noch ernsthaft in Frage gestellt wird, ist nicht nur bemerkenswert angesichts der Tatsache, dass sie von zwei noch recht jungen Männern – Marx z.B. war gerade 27 – stammt. Sie ist es vor allem, wenn man sich den seinerzeit – 1845 – recht spärlichen Stand der frühgeschichtlichen und verhaltenswissenschaftlichen Forschungen und Entdeckungen vergegenwärtigt. Selbst ein Marxist, wenn er wissenschaftshistorisch denkt, wird zugeben, dass eine solche Auffassung in einer Zeit alles andere als unumstritten sein konnte, in der die Rousseausche Vorstellung eines Naturmenschen, der mit all seinen heutigen Eigenschaften ausgestattet an einem historischen Nullpunkt beginnt und durch den Gebrauch seines Verstandes allmählich das erfindet, was die moderne Welt charakterisiert, eine weit verbreitete Lehrmeinung war.“ (Jens Brockmeier (1983): Marx‘ Affe: Zur anthropologischen Deutung der menschlichen Arbeit und ihrer Kritik aus anthropogenetischer Sicht :Erweiterte Fassung eines Vortrags, gehalten am 9.12.1982 an der Hochschule Hildesheim.
Erschienen in: Forum Kritische Psychologie 11, S. 170-196)

Ganz unter dem Eindruck der Niederlage des realen Sozialismus und seinem kläglichen Ende in Europa und der UdSSR suchten marxistische Philosophen, Psychologen, Pädagogen, Kunst- und Kulturwissenschaftler, Mediziner oder auch einfach nur politische „Praktiker“ nach echten oder vermuteten Defiziten in der kommunistischen Gesellschaftspolitik der marxistischen Theorie, die eine Begründung dafür geben könnten, warum es zu dieser Katastrophe kommen konnte.

U. Osterkamp –selbst bekannte marxistische Psychologin und Frau und Partnerin des Begründers der marxistisch-orientierten „kritischen Psychologie“, Klaus Holzkamp, griff 1992 in ihrem Eröffnungsreferat eines Symposiums der Marx-Engels-Stiftung die damals – wie heute – weit verbreitete Frage auf, „ob im Marxismus nicht die ´Natur des Menschen` auf eine grundlegende Weise verkannt werde und ob nicht der Sozialismus schon deswegen notwendig scheitern müsse, weil die Menschen für das , was ihnen hier abverlangt werde, nicht geschaffen sind.“ ( Konferenzmaterial, S. 7)

In vielen Variationen wurde diese Frage gestellt. Der marxistische Kulturtheoretiker Th. Metscher , Mitglied unserer Partei, war es, der seine Fragestellung weiter fasste; seine Kritik war noch härter. „Die Fragestellung kann nicht radikal genug sein. Sämtliche Elemente der Theoriebildung sind zu hinterfragen. Und die Neubegründung, wenn es denn eine sein soll, muß fundamental sein.“ (ebenda S. 52)

Die Frage, „Lag es am Menschen?“ oder. „Lag es an der unzureichenden marxistischen Theoriebildung“ verweist jedenfalls auf den die Weltanschauungen und politische Systeme übergreifenden philosophischen und psychologischen Dauerdisput, den I. Kant in seinen berühmten vier Fragen zusammengefasst hatte:

In dieser zentralen Frage allen Philosophierens tat und tut sich die nicht-marxistische Anthropologie und Psychologie nicht minder schwer als die sich am Marxismus orientierende Persönlichkeitstheorie. Der berühmte Kernphysiker und Philosoph C. F. v. Weizsäcker hatte in seiner 1971 erstmals erschienenen Arbeit über „Die Einheit der Natur“ über die moderne Anthropologie und insbesondere über die moderne Psychologie gemeint, sie sei die „vielleicht zerstrittenste“ unter den Wissenschaften. Und gesagt:

„Auf verschiedenen Straßen ziehen die Heerhaufen zu diesem Schlachtfeld. … überall hier liegt ein von den ersten Entdeckern genial aufgespürter reeller Erfahrungsbereich zugrunde, der zugleich schon die Meister und noch mehr die Gefolgsleute zu dogmatischen Verallgemeinerungen verführt….
Der Kern des Problems ist wohl, dass unsere Zeit, deren zentrales moralisches Anliegen mit Recht unter dem Namen Menschlichkeit formuliert wird, keine Antwort auf die Frage bietet: ‚Was ist der Mensch?` Wissenschaftlich gesagt, besitzen wir keinen integrierenden anthropologischen Ansatz.“ (S. 28)

Sind wir heute weiter? Haben wir klarere Antworten? Und lässt sich heute überhaupt noch sagen, dass wir noch von „dem“ marxistischen Menschenbild sprechen können?

Ich möchte dazu 6 Thesen aufstellen:

1. Historischer Materialismus und Marxismus sind bzw. könnten bedeutsame Partner und Anreger sein für eine Mensch-Natur-Beziehung, die eine menschenwürdiges und artgemäßes Leben ohne Ausbeutung und rücksichtsloses Vernichten tierischen Lebens zugunsten der kapitalistischen Profitwirtschaft darstellen würden-

2. Historischer Materialismus und Marxismus gehen von einer Mensch-Tier-Beziehung aus die in allen Lebewesen ein verbindendes Band sieht: sie sind Produkte der einen „(Mutter) Natur“.

3. Historischer Materialismus und Marxismus gehen von einem integrativen Menschbild aus, das die Gattung Mensch – also Homo sapiens – als eine biopsychosoziale Einheit versteht, aus dem sowohl Gemeinsamkeiten wie aber auch die qualitativen Unterschiede zwischen dem Menschen und seinen tierischen Verwandten resultieren.

4. Umweltschutz- und Tierschutzbewegung haben in ihren grundlegenden Einschätzungen über die Verwandlung natürlicher Lebewesen in reine Waren- und dem kapitalistischen Verwertungsprinzip unterworfenen „Nutztieren“ gemeinsame Grundinteressen und gemeinsame Schnittmengen

5. Eine Anthropologisierung der tierischen Verwandten der Gattung Mensch ebenso wie eine „Animalisierung“ des Menschen wird weder der jeweiligen Spezifik beider Naturwesen gerecht noch führt dies zu einem „gerechteren“ System“, in dem das kapitalistische Verwertungsprozess überwunden und eine von Ausbeutung freie Mensch-Tier-Natur-Beziehung entwickelt werden kann.

6. Nur eine auf dem wissenschaftlichen Sozialismus, d.h. dem Marxismus-Leninismus, aufbauende Analyse von Natur und Gesellschaft versetzt uns in die Lage ein integratives Verständnis von den Wechselwirkungen zwischen Mensch-Tier, Natur und Gesellschaft, Psyche und Soma zu entwickeln, die sowohl den individuellen, kollektiven menschlichen und tierischen Bedürfnissen auf ein der jeweiligen Gattung angemesenes Leben gerecht wird.

Der Mensch hat also viele Gemeinsamkeiten mit dem Tier- aber er ist keines (mehr). Eine Gleichsetzung von Mensch und Tier ist Ausdruck nicht einer historisch-materialistischen Betrachtungsweise und auch nicht „marxistisch“.

Marxisten und Kommunisten müssen sich zum einem von dem von K. Marx im „Kapital“ formulierten „ökologischen Imperativ“ leiten lassen:
„Selbst eine ganze Gesellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften zusammengenommen, sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur ihre Besitzer, ihre Nutznießer, und haben sie als boni patres familias (gute Familienväter) den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen.“ 

Dieser von Karl Marx im Kapital propagierte allgemeine „ökologische Imperativ“ gilt natürlich auch für den Umgang zwischen Tier und Mensch.

Er verpflichtet jede Generation zur Verantwortung für die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen. Dazu gehört auch, das Leben der Tiere, das von uns zu respektieren ist und das jede Quälerei und eine nicht artgerechte Haltung und eine nur auf industrielle Verwertbarkeit und Nutzung verbietet – und zwar nicht als notwendiges Lebensmittel für den Menschen, sondern als reines Mittel der Profitsteigerung der Agrar- und Lebensmittelkonzerne.

Das schließt die Nutzung von tierischer Ernährung ein, die nicht nur in der Herausbildung der Gattung Mensch im Laufe der Evolution und ihres Herauswachsens aus der Tierwelt – in der Anthropogenese – biologisch objektiv notwendig war; wie wir bereits in Friedrich Engels´ Arbeit “Dialektik der Natur“ nachlesen können. Sie ist auch heute in der Ernährung vor allem bei Kindern und Jugendlichen unverzichtbar.

Die Einzigartigkeit der Gattung Mensch überträgt uns eine besondere Verantwortung für das Leben und ein lebenswertes Dasein schlechthin. Kein anderes Lebewesen kann diese Verantwortung übernehmen.

Der Kampf gegen die kapitalistische Deformierung der Beziehung zwischen Mensch- und Natur im allgemeinen und der Beziehung Mensch-Tier im besonderen ist eingeschlossen in das Verständnis , dass der Mensch in seiner Eigenart, gleichzeitig Naturwesen, wie auch gesellschaftliches Wesen in seiner individuellen subjektiven und psychischen Ausprägung zu sein, alles dafür tun muss, um die Untergrabung der natürlichen Existenzbedingungen für Mensch, Pflanze und Tier auf diesem Planeten zu verhindern.

Für Kommunistinnen und Kommunisten gilt grundsätzlich der übergeordnete und absolut nicht im Widerspruch zum „ökologischen Imperativ“ stehende von Marx formulierte „kategorische Imperativ“, der da lautet: “Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, eine verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ (K. Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, in Marx-Engels . Ausgewählte Werke Band 1, S. 18: Unterstreichung durch mich-HPB)

Die Befreiung der Menschheit vom System der Ausbeutung von Mensch und Natur durch das kapitalistische Profitsystem schafft die Grundlagen und wird in der Konsequenz dazu führen müssen, dass die „guten Familienmütter und –väter“ auch bewusst die Verantwortung dafür übernehmen werden, das Verhältnis zu den Tieren so zu gestalten, dass diese keine „verächtlichen Wesen“ mehr sein müssen.

Das könnte und müsste das gemeinsame Anliegen der Kommunistischen Partei und der Bewegung und der Organisationen derer sei, die sich speziell für die „Befreiung der Tiere“ aus den agrarkapitalistischen Verwertungsmechanismen einsetzen. Dies schließt durchaus große fortbestehende Unterschiede in der generellen Bestimmung der Tier-Mensch-Beziehung ein, die man nicht verwischen darf.

Für Marxisten gilt dabei: Der Mensch ist kein Tier, aber er muss sich „human“ zum Tier verhalten und darf es nicht als reine „Ware“ behandeln.

von Hans-Peter Brenner

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Im Kulturmaschinen Verlag ist ein neues Buch von Robert Steigerwald erschienen. „Bücher lesen reicht nicht“ ist ein Ausgangspunkt Steigerwalds. Er will streitbar in aktuelle Diskussionen eingreifen, die nicht um ihrer selbst Willen geführt werden sollten, sondern um die Sache der Arbeiterklasse voranzubringen.

Der neue Band ist übertitelt mit „Mit Hegel, Marx und Lenin über Marx hinaus„. Steigerwald schreibt dazu:

Warum habe ich dieses Buch geschrieben?

Gibt es inmitten des Schlamassels, das uns umgibt, keine wichtigere Frage – oder ist nicht das von mir angesprochene Thema das vielleicht wichtigste von allen wichtigen Fragen? Ich möchte also vier Gründe benennen, die mich veranlassten dieses Buch zu schreiben.

1. In meiner Partei gibt es über das Wie und den Weg aus dem Kapitalismus in den Sozialismus zwei Konzeptionen, die einander ausschließen. Die erste nennt sich Transformation und sie wird in dieser Alternativen Buchmesse von einigen ihrer wichtigsten Verfechter, Conrad Schuhler, Fred Schmid, Leo Mayer und Walter Listl heute um 19 Uhr im Weißen Saal vorgestellt. (1)

Die andere versteht diesen Weg im Grund als einen im Wesentlichen unvorbereiteten Sprung aus dem Heute in die neue freie Welt.

Ich halte beide Konzeptionen für falsch, beide widerlegt durch Hegels Analyse des Entwicklungsproblems, denn dies ist das eigentliche Problem hinter beiden Konzeptionen – ich komme noch darauf zu sprechen -. Lenin schloss sich der Hegelschen Lösung des Problems an und meine Partei hat ihr Parteiprogramm auf dem Boden dieser Hegel-Leninschen Lösung erarbeitet.

Es geht also um die Frage des Bruchs mit dem Kapitalismus und das ist eines der Hauptthemen meines Buches. Ist man an diese Stelle der Diskussion gekommen, wird oft die Dialektik von Qualität und Quantität und als deren Beispiel die Änderung des Aggregatszustands des Wassers im Erwärmungsprozess benutzt, dies aber nicht in der theoretischen Art, wie Hegel sie entwickelte, sondern nur als Beispiele benutzt, was auch Hegel tut. Das setzt aber voraus, dass es auch Gegenbeispiele gibt oder geben kann. Die Beispiele verdeutlichen die Theorie, sind aber keine theoretische Lösung.

Also: Warum schrieb ich dieses Buch?

Im Kern gehe ich der Frage nach, was Entwicklung ist, wer oder was sie antreibt, wie sie verläuft und diese Kernfrage wirkt hinter den einzelnen Text-Passagen des Buches. Alles, womit wir es zu tun haben, befindet sich in Bewegung und wenn nicht, so handelt es sich lediglich um einen nur zeitweiligen Ruhezustand. Wir versuchen stets, dahinter zu kommen, warum diese Bewegung stattfindet. Das bekannteste Beispiel ist das Thema „Urknall“. Da handelt es sich offensichtlich um einen Widerspruch in sich selbst, denn das, was geurknallt hat, muss ja zuvor schon existiert haben, gab es also ein „Ur“ vor dem Urknall. Wir möchten wissen, warum und wie dieser sogenannte Urknall zustande kam und welche Auswirkungen er hatte, denn die Wissenschaft will uns davon überzeugen, dass sich mit diesem Knall unser heutiger Kosmos herausgebildet hat, also alles in die mit dem Knall eingetretene Entwicklung eingebunden ist. Das bedeutet: Hinter der Bewegung, die wir allerorts wahrnehmen, wirkt ein Entwicklungsprozess, und um dessen Erforschung bemühen sich Hunderte und Tausende von hochkarätigen Wissenschaftlern.

Wir wollen aber nicht nur wissen, wie es um Sonne, Mond und Sternen bestellt ist, wie bei ihnen Entwicklungsprozesse ablaufen, finden sie etwa auf gleiche Weise in anderen Bereichen statt, gibt es also Gesetzmäßigkeiten, die alle Entwicklung bestimmen? Diese Frage wäre dann nicht mehr allein eine solche der Physik oder Chemie, der Biologie oder der Geografie, sondern eine, die durch ihren Allgemeinheitsgrad philosophischen Charakters ist.

Die Philosophie hat drei Konzepte bereitgestellt, um das Entwicklungsproblem zu verstehen. Eines, von Demokrit herkommend ist das atomistische Entwicklungsgesetz. Ein zweites kommt ebenfalls von einem alten griechischen Philosophen, von Anaxagoras. Und das dritte, das hat unser Hegel erarbeitet.

Demokrit ging davon aus, dass es am Anfang, Entwicklung ermöglichend, ein Etwas geben muss, das nicht weiter teilbar, zerlegbar, analysierbar ist, Atom genannt, das sich aber nur bewegen und damit Entwicklung einleiten kann, wenn es auch noch den leeren Raum gibt. Anaxagoras war völlig anderer Meinung: Es kann einen solchen Ursprung gar nicht geben, denn alles befindet sich seit eh und je in fortwährender Bewegung, ohne Bruch, alles zusammenhängend, eine Art ewigen Kreislaufes bildend.

Um dafür ein Beispiel aus der neuern Geschichte der Philosophie zu nennen: Holbach, einer der Französischen Aufklärungs-Materialisten, meinte: „Wenn man aber behaupten würde, dass die Natur durch eine bestimmte Anzahl unveränderlicher allgemeiner Gesetze wirkt; wenn man behaupten würde, dass der Mensch, der Vierfüßer, der Fisch, das Insekt, der Pflanze usw. von aller Ewigkeit an das sind und ewig bleiben, was sie sind; wenn man behaupten würde, dass von aller Ewigkeit her die Sterne am Firmament geleuchtet hätten so würden wir dagegen nichts einzuwenden haben.“ (zitiert bei G. W. Plechanow, „Beiträge zur Geschichte des Materialismus“, Berlin 1946, S. 17).

Hegel wandte sich gegen beide Konzeptionen, weil z. B. das Atom und der leere Raum plötzlich, unvorbereitet, zu existieren begannen, es also auf diese Weise gar keine Klärung des Anfangs von Bewegung und Entwicklung gebe. Es ist bei Anaxagoras nicht anders: Bewegung ohne Anfang, ohne Änderung, das bedeutet- ohne wirkliche Entwicklungsmöglichkeit. Hegel entwickelte- die wohl bündigste Lösung des Problems, aber um dies zu verstehen, muss man wissen, dass seine Analyse-Gegenstände unsere gedanklichen Erkenntnismittel sind, nicht die realen Dinge und Prozesse, denn er hat ja, wie Marx einst sagte, den Denkprozess unter dem Namen Idee in den Demiurgen, den Weltschöpfer gemacht.

Hegel will an den wirklichen Ursprung von Bewegung und Entwicklung zurück gehen, er darf also nichts voraussetzen, das sich erst im Bewegungs- und Entwicklungsprozess herausbilden kann. Und dieses Anfängliche sind für ihn:

Das Nichts und das Sein, beide ohne Inhalt, leer, ohne „Vorgeschichte“, in dieser Hinsicht einanderidentisch, doch zugleich, weil das Nichts ja das Sein negiert und umgekehrt, beide einander widersprechend. Indem das Sein durch das Nichts negiert wird und umgekehrt, entspringen aus dem Widerspruch Bewegung, Entwicklung und wird so von Hegel in seinem Riesenwerk abgehandelt.

Und nun untersuche man mittels dieser Lösung des Bewegungs- und Entwicklungsproblems Geschichte, Politik. Hat ein geschichtlicher, ein politischer Prozess keinen Anfang, so auch keine Entwicklung. Wäre der Kapitalismus oder der Sozialismus – wie Demokrits Atom – ohne Entwicklung davor und aus dieser nicht erst durch einen qualitativen Sprung hervorgegangen – dann gab es den Kapitalismus oder den Sozialismus schon immer, war der eine oder der andere nur, seiner Kleinheit wegen, noch nicht wahrnehmbar, wuchs und vergrößerte er sich zwar aber er entstand nicht neu, wurde nur infolge seines Wachstums sichtbar. Und mit seinem Verschwinden ginge es ebenso, er verschwände nicht, werde nur immer kleiner und sei schließlich nicht mehr wahrnehmbar.

Dies nun aber ist die Streitfrage, um die es bei dem sog. Transformations-Konzept geht, das heute Abend durch einige seiner Hauptverfechter hier vorgestellt werden wird: Sie müssen entweder ihr Sozialismus-Konzept aus dem Nichts herleiten, also einen Ursprung negieren oder diesen aber als kleinen Ausgangspunkt annehmen, der sich nur durch Wachstum allmählich erkennen lässt, dieser Wachstumsprozess wäre so etwas wie Prozess von Reformen in Permanenz. Es würde da auch kein Bruch mit dem Kapitalismus nötig sein, der aus dem Kapitalismus in den Sozialismus hineinführte, denn der Sozialismus wüchse ja schon inmitten des Kapitalismusheran.

2. Es kam gegen Ende des Jahres 2011 ein zweites Thema hinzu. Damals erschienen im Verlag übersetzt durch Gudrun Havemann, zwei Bücher des russischen marxistischen Philosophen Viktor Vazjulin, das erste mit dem Titel „Die Logik des Kpitals“, das zweite, als Folgerung aus dem ersten,“Die Logik der Geschichte.“ Um diese Konzeption haben sich bereits international agierende wissenschaftliche Gremien gebildet.

Marx hatte einst geschrieben, wenn er jemals dazu die Zeit haben werde, wolle er auf einigen Druckbogen – na so, wie wir Marx kennen, wären das mehr als einige geworden – einen Abriss der Dialektik schreiben, er kam dazu aber nicht mehr.

Lenin hatte sich wohl so etwas Ähnliches vorgenommen, als er im Ersten Weltkrieg seine früheren Hegel-Studien fortsetzte und dazu bereits umfangeiche Ausarbeitungen anfertigte. Hatte er doch geschrieben, man könne das „Kapital“, insbesondere seine ersten Kapitel, nicht verstehen, ohne dieganze Logik des Hegel studiert zu haben und folgerte, also hat seit einem halben Jahrhundert kein Marxist „Das Kapital“ wirklich verstanden – will sagen, keiner hat den Hegel ernsthaft studiert.

Doch auch Lenin konnte

seinen Plan nicht verwirklichen, die Revolution und dann sein früher Tod kamen ihm dazwischen. Nun wollten wenigsten Vazjulin und Iljenkow, sowjetische Marxisten in Angriff nehmen, was also auch Lenin nicht mehr erledigen konnte und ein Ergebnis dessen sind die beiden Bücher Vazjulins. Sie haben mich fasziniert und ich machte mich daran, sie zu verstehen und – wenn möglich – das Verstandene anderen zu vermitteln (ich werde nun mal den Lehrer in mir nicht los!).

Aber das setzte voraus, mehr über Hegel mitzuteilen als das, was man so im Vorbeigehen über Hegel erfährt. Denn wie sollte ich Lenins Aphorismus zum Marx-Verständnis nutzen können, ohne den Hegel selbst einigermaßen kapiert zu haben? Aber als ich mich daran machte, meine rudimentären Hegel-Kenntnisse zu vervollständigen, also diese Arbeit zu bewältigen, merkte ich sehr bald, dass bei meinem vorgeschrittenen Alter – es werden bald 90 Jahre sein – und der doch auch nachlassenden intellektuellen Leistungsfähigkeit nicht zu machen sei, was ich gern gemacht hätte.

Folglich schloss ich mit meiner Ausfertigung den Text ab, und wendete mich einer Frage zu, die Vazjulin gestellt und wenigstens teilweise in seinem zweiten Buch untersucht hatte.

3. Er ging davon aus, dass der Marxismus in der Analyse und Kritik des Kapitalismus entstand, was zur Frage weiterleitet, was machen denn die Marxisten, wenn es dem unerforschlichen Ratschluss Gottes gemäß gelungen sein sollte, den Kapitalismus ohne Katstrophen mit all seinem Schlammassel unter die Erde zu bringen, werden sie dann arbeitslos? Wenn es keine Klassen, keinen Klassenkampf usw. mehr geben wird, wozu brachte man dann noch Parteien, Gewerkschaften? Wenn es keine feindlichen Staaten mehr gibt, wozu brauchte man denn dann noch Rüstungsproduktion und gar Kriege? Und wie würde sich das gestalten, wenn das Patriarchat wirklich überwunden sein wird mit der Rolle der Frau usw. usf.

Solche Fragen stellten sich mir und ich dachte, das wäre am besten in einem utopischen Roman zu behandeln, der vielleicht eine stärkere Anziehungskraft im breiten Volk hätte als unsere theoretischen Erwägungen.

4. Ich habe dann in einem weiteren Teil des Buches einige dieser Fragen diskutiert. Z. B. die, welche Faktoren bewirkten es, dass im arbeitenden Volk das Bewusstsein verloren ging, dass man aus dem Kapitalismus herauskommen müsse, wenn die Menschheit eine Zukunft haben soll. Wie es um die Frauenfrage (im Sozialismus, also in der Zukunft) steht am Beispiel der sowjetischen Familienpolitik – und solange es das Patriarchat gibt, ist die Familienfrage primär eine Frauenfrage. Oder ich untersuchte die Vorstellung meines Freundes Manfred Sohn über den künftigen Sozialismus, die er in seinem Buch „Der dritte Anlauf“ darstellte und die ich für unrealisierbar halte.

Dies sind einige der Motive für mein Buch und ich hoffe, dass man sie erkennen und vielleicht auch akzeptieren kann.

Robert Steigerwald

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(1) der Linken Buchmesse in Nürnberg

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In junge welt vom 9. November 2013 steht eine bewegende Schilderung der persönlichen Erfahrungen Klaus Steinigers mit Alvaro Cunhal – Information aus erster Hand, packend geschrieben. Der Autor Klaus Steiniger ist Chefredakteur des RotFuchs. Zu den EU-Wahlen 2014 kandidert er  für die DKP.

Zum 100. Geburtstag des portugiesischen Parteiführers, Grafikers und Literaten: Álvaro Cunhal – presente!

von Klaus Steiniger

Es ist sehr ungewöhnlich, die Skizzierung einiger Stationen des Lebensweges einer Persönlichkeit von historischem Rang mit der Schilderung ihres Todes zu beginnen. Doch gerade auch die letzten Stunden Álvaro Cunhals waren so voller Dramatik, daß die Leser den von mir gewählten Einstieg akzeptieren werden.

Der langjährige Generalsekretär des Partido Comunista Português (PCP) war – zumindest in seinem letzten Lebensabschnitt – mit General Vasco Gonçalves, dem Ministerpräsidenten der Jahre 1974/75, auf das engste befreundet. Als Companheiro Vasco, wie ihn nicht nur die besonders klassenbewußten Landproletarier der Südprovinz Alentejo nannten, am 11. Juni 2005 nach einem Bad im Swimmingpool seines Feriendomizils an der Algarve-Küste plötzlich verstorben war, schrieb Cunhal zwei Tage darauf einen Kondolenzbrief an die Witwe des einstigen Premiers von vier aufeinanderfolgenden provisorischen Regierungen. Nur Stunden danach war er selbst tot.

Die beiden großen Männer der glanzvollen Etappe in Portugals wechselhafter Geschichte, der Nelkenrevolution von 1974, wurden auf wohl einzigartige Weise zu Grabe getragen. Eine Viertelmillion der etwa elf Millionen Landesbürger folgte dem Sarg des Kommunisten, einstigen Ministers und Staatsratsmitglieds Álvaro Cunhal über die breiten Avenidas der Hauptstadt. Nicht das ihm gesetzlich zuteil werdende und mit allen offiziellen Ehren verbundene Staatsbegräbnis, sondern vor allem die tiefempfundene Liebe unzähliger einfacher Menschen und auch vieler Intellektueller war an jenem Tag das Herausragende. Selbst die Medien der portugiesischen Bourgeoisie wagten es nicht, das Ereignis kleinzureden oder gar zu verschweigen.

Am seidenen Faden

Inmitten der ebenfalls riesigen Menge, die Vasco Gonçalves auf seinem letzten Weg begleitete, befanden sich Hunderte Offiziere aller Waffengattungen in der Uniform der zur NATO gehörenden portugiesischen Streitkräfte und noch weit mehr aktive oder in die Reserve versetzte Militärs in Zivil. Sie geleiteten die sterblichen Überreste des roten Generals, den viele als den eigentlichen »Architekten des 25. April« betrachteten, zum Friedhof.

Bei dem am ersten Septemberwochenende wie alljährlich in Seixal stattfindenden und stets von Hunderttausenden besuchten Volksfest des PCP-Zentralorgans Avante! nahm man in jenem Spätsommer eine Cunhal und Gonçalves gewidmete Riesentafel wahr. Und der heutige PCP-Generalsekretär Jerónimo de Sousa nannte in seiner bewegenden Gedenkrede auf dem Abschlußmeeting beide Namen in einem Atemzug.

Ich selbst bin Cunhal und Gonçalves, mit dem mich eine enge persönliche Freundschaft und ein jahrzehntelanger Briefwechsel verbanden, in größerer Runde wie unter vier Augen unzählige Male begegnet.

Am 25. April 1974 war die 48 Jahre währende faschistische Diktatur António Salazars und Marcelo Caetanos gestürzt worden. Keine drei Wochen später sah ich den erst kurz zuvor aus langjähriger Emigration zurückgekehrten kommunistischen Führer das erste Mal. Das war bei der Ernennungszeremonie der ersten provisorischen Regierung unter Einschluß Cunhals und eines weiteren Ministers aus der PCP durch den rechtsgerichteten und sich schon bald als übler Putschist erweisenden General António de Spínola im Schlößchen Queluz bei Lissabon.

Schon bald darauf wurde ich zu einer Pressekonferenz sehr besonderer Art eingeladen. Ernst-Otto Schwabe, damals Chefredakteur der renommierten DDR-Wochenzeitung horizont, und ich als Sonderkorrespondent des Neuen Deutschland gehörten zu den wenigen Auserwählten, die in den völlig abgedunkelten Saal des von Sicherheitskräften der gerade erst aus der Illegalität herausgetretenen Partei umstellten Sportklubs Campolide eingelassen worden waren. Schon in diesen zwei Stunden spürten wir das überragende Talent des Strategen und Taktikers Álvaro Cunhal. Der Parteiführer sollte sich überdies schon bald als befähigter Schriftsteller erweisen, der unter dem lange geheimgehaltenen Pseudonym Manuel Tiago etliche Bücher veröffentlichte, darunter das in einem illegalen Quartier geschriebene »Bis morgen, Genossen«. Es wurde nicht nur in Portugal, sondern auch in anderen Ländern, vor allem in der DDR, zu einem Erfolgstitel.

Bereits der erste Satz Cunhals auf der Pressekonferenz im Mai 1974 verblüffte das gute Dutzend eingeladener Reporter. »Wenn man euch vor vier Wochen gefragt hätte, wo in Europa zuerst eine Revolution ausbrechen könnte, hättet ihr bestimmt nicht an Portugal gedacht«, begann der Mann mit den markanten Gesichtszügen unter dem üppigen weißen Haar. »Der revolutionäre Prozeß verläuft irregulär und hält daher immer Überraschungen bereit.«

Nach der Konferenz bot sich Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch. Noch für denselben Abend lud uns Cunhal zu einer Unterredung in eine vorerst noch konspirative Wohnung ein, bei der auch Fragen der Solidarität der DDR mit den Siegern über den portugiesischen Faschismus zur Sprache gebracht werden sollten. Auf eine längere Autofahrt folgte ein Fußmarsch zum streng geheimgehaltenen Ort der Begegnung, den wir in Etappen zurücklegten. Nach jedem Wegabschnitt übergaben uns die begleitenden Genossen der nächsten Gruppe, wobei am Ende nur ein einziger Mann die Wohnung kannte, in der Cunhal diesmal übernachtete. Es war Octávio Pato, damals stellvertretender Generalsekretär und nur zwei Jahre später Kandidat der PCP zu den anstehenden Präsidentschaftswahlen. Das äußerst freimütige Gespräch unter acht Augen dauerte etwa zwei Stunden. Da ich damals des Portugiesischen noch nicht mächtig war und auch Ernst-Otto Schwabe diese Sprache nicht beherrschte, bedurfte es der Anwesenheit eines Dolmetschers. Imponierend war die nüchtern-realistische, jegliche Illusionen vermeidende Einschätzung der in Portugal entstandenen Situation durch Cunhal. Die zu erwartende Härte des bevorstehenden Kampfes verschwieg er nicht. »Noch hängt alles am seidenen Faden, der Faschismus kann jederzeit zurückkehren. Entscheidend ist das künftige Verhalten der Streitkräfte«, stellte er fest. Seine Partei konnte zu diesem Zeitpunkt mit etwa 3000 aus Haft, Untergrund und Emigration zurückkehrenden Genossen rechnen. Damals war in keiner Weise vorauszusehen, daß die PCP sogar noch nach dem Überschreiten des Scheitelpunktes der Revolution, als der gegenläufige Prozeß bereits erste Wirkungen zeigte, zu einer marxistisch-leninistischen Formation mit zeitweilig bis zu 200000 eingetragenen Mitgliedern anwachsen würde. Auch die Intersindical, Portugals von Kommunisten geführte gewerkschaftliche Dachorganisation, befand sich damals erst in einem frühen Stadium ihrer Formierung. Heute ist sie als CGTP die bei weitem größte Arbeiterzentrale des iberischen Landes.

In der roten Provinz

In den folgenden Monaten, in denen die PCP ihre Legalität ausbauen konnte, genauso wie während der insgesamt fünf Jahre meiner Tätigkeit als Beobachter des Geschehens und Weggefährte seiner Akteure sollte ich den beeindruckenden und verblüffenden Führungsstil des PCP-Generalsekretärs wieder und wieder erleben. Niemals zuvor begriff ich den Unterschied zwischen kleinen Bahnhöfen, die laut ausgerufen werden und von denen ich etliche im eigenen Land wie anderswo kennengelernt hatte, und den wirklich großen Stationen, die jeder ohne solche Hilfsmittel wahrnimmt, derart stark wie in der Nähe Cunhals. Sein gesamtes Handeln als kommunistischer Stratege und Taktiker, Theoretiker und Mann der Praxis, Agitator und Propagandist machte mir bewußt, warum es zwar den Begriff des Personenkults, nicht aber die in der Tat überflüssige Vokabel »Persönlichkeitskult« gibt. Während andere Parteiführer hier oder dort eines besonderen Podestes bedurften, um ihre Größe voll ausleben zu können, erstickte Cunhal jeden Versuch im Keim, sein Format noch künstlich zu multiplizieren. Als in den Stadien und auf Kundgebungen von der begeisterten Menge sein Name skandiert wurde, sorgte er dafür, daß solche Sprechchöre fortan unterblieben. Die PCP-Kader wurden instruiert, statt dessen die drei Anfangsbuchstaben des Parteinamens deutlich hörbar zu machen. Als irgendwann Abzeichen mit seinem Porträt zum Verkauf angeboten wurden, unterband Cunhal diese sicher gutgemeinte Geste sofort. Der Veröffentlichung seiner inzwischen international bekannten Gefängniszeichnungen, die er in 13 Jahren faschistischer Haft geschaffen hatte, gingen heftige Auseinandersetzungen voraus. Cunhal stimmte dem Druck dieser grafischen Meisterwerke erst zu, als ihn seine Genossen vom finanziellen Nutzen des Verkaufs der Mappen für die Partei überzeugt hatten.

Auf etlichen Kundgebungen – so in der Alentejo-Metropole Évora – habe ich den ersten Mann der PCP erlebt. Natürlich auch bei zahlreichen Pressekonferenzen, die meistens im Lissabonner Hotel Victória an der Avenida da Liberdade – dem Sitz der hauptstädtischen Parteiorganisation – stattfanden. Wenn der Generalsekretär vor die Journalisten der überwiegend antikommunistischen Medien des In- und Auslands trat, erfreute ihn augenscheinlich die Tatsache, daß er dabei stets einen befreundeten Reporter aus der DDR im Raum wußte, dem in besonders konfrontativen Situationen meist jene Fragen in den Sinn kamen, die Cunhal als Entlastungsangriff auffassen und nutzen konnte. So haben wir uns bisweilen die Bälle regelrecht zugespielt.

Unvergeßlich ist mir die erste Fahrt des Parteiführers in die traditionell rote Südprovinz Alentejo. Sie fand Mitte Mai 1974 statt. In das Märtyrerdorf Baleizão wurden an jenem Tage die Gebeine der durch die Faschisten 20 Jahre zuvor ermordeten und anderen Ortes verscharrten kommunistischen Heldin Catarina Eufémia umgebettet. Die junge Mutter dreier Kinder, die den kleinsten auf dem Arm trug und bald wieder Nachwuchs erwartete, war von einem faschistischen Gendarmerieoffizier als Streikführerin aus nächster Nähe erschossen worden. Im Alentejo kannte bereits zu Zeiten Salazars jeder den Namen dieser proletarischen Madonna. Bei Catarinas feierlicher Neubestattung auf dem Friedhof des Ortes, zu der auch das Militär der nahen Garnisonsstadt Beja erschienen war, sprach Cunhal zu Zehntausenden. Es war die erste PCP-Kundgebung nach dem 25. April.

Die Genossen der Parteisicherheit, die Cunhal und die ihn eskortierenden Offiziere umgaben, ließen mich – den Freund vermutend – ohne Komplikation durch, so daß ich rückwärts gehend aus einer Entfernung von nur etwa drei Metern erste Aufnahmen des kommunistischen Führers machen konnte. Übrigens habe ich nicht selten auch überschwengliches Lob aus bürgerlichem Munde über Cunhal vernommen. Immer wieder wurde dabei erklärt, andere Parteien Portugals bedürften eines solchen Führers. Sein »einziger Fehler« bestehe darin, daß er Kommunist sei.

Vorhergesagter Putsch

Zu den Höhepunkten meiner Begegnungen mit dem großen Portugiesen zählte ein langes Vieraugengespräch im Juli 1974. Auch diesmal wurden die Regeln strenger Absicherung, die an konspirative Zeiten erinnerten, strikt eingehalten. Einmal mehr traf ich den Minister der ersten provisorischen Regierung in einem geheimen Quartier. Zuvor hatte ich dem Sekretär des ZK der PCP für Internationale Beziehungen, Sergio Vilarigues, eine von mir zusammengestellte Liste mit etwa 15 Fragen übergeben, die taktische Floskeln vermieden und unmittelbar die weiteren Perspektiven der portugiesischen Revolution betrafen. Der ZK-Sekretär nahm offenbar an, es handle sich dabei um ein offizielles Auskunftsersuchen der Berliner SED-Führung. Mit dem Bemerken, darauf könne mir nur der Generalsekretär selbst antworten, nannte er mir die Stunde, zu der ich mich im Parteihauptquartier einfinden sollte, um in die von Cunhal gerade genutzte Wohnung gebracht zu werden. Die Genossen, die mich an jenem Abend kreuz und quer durch den Lissabonner Bezirk Estrela kutschierten, übersahen indes, daß wir mehrere Male ein Papierwarengeschäft mit der auffällig blauen Leuchtschrift »Volga« passierten, in dessen Nähe sich der Ort unserer Begegnung befand. So wäre eine Rekonstruktion der Lokalitäten unschwer möglich gewesen.

Cunhal bot Mineralwasser an und kam sofort zur Sache. Punkt für Punkt beantwortete er meine Fragen. Da er Französisch und Russisch gut beherrschte, ließen sich meine Defizite in der Landessprache unschwer überbrücken. Die brisanteste meiner Fragen lautete: »Wann wird Spínola zurücktreten?« Gemeint war der rechtsradikale Antipode des linken Ministerpräsidenten Vasco Gonçalves. Als Präsident der Republik stand er der Revolution im Wege. Ich hatte taktische Zurückhaltung erwartet. Doch Cunhal zögerte keinen Augenblick mit der Antwort. Spätestens im September werde Spínola putschen. Man bereite sich auf die sofortige Mobilisierung der Volksmassen und der antifaschistischen Bewegung der Streitkräfte – der MFA – vor. Die Gegenaktion werde den Mann mit dem Monokel zum Rücktritt zwingen. »Und wer wird der Nachfolger sein?« fragte ich. Cunhal antwortete auch diesmal ohne Umschweife: General Francisco da Costa Gomes sei im Gespräch, sagte er.

Da mir der seinerzeitige DDR-Botschafter in Lissabon solche »Phantasien« nicht abzunehmen bereit war, wußte ich Berlin auf anderem Wege über mein Gespräch mit Cunhal zu unterrichten. Es handelte sich übrigens keineswegs um überzogene Wunschvorstellungen: Am 28. September 1974 putschte Spínola tatsächlich. Volksmassen und MFA traten sofort in Aktion und errichteten überall Straßensperren, um einer von ihm einberufenen konterrevolutionären »Manifestation der schweigenden Mehrheit« den Weg zu verlegen. Als neuer Staatschef trat der politisch gemäßigte General Costa Gomes sein Amt an. Er wurde später sogar in das Präsidium des Weltfriedensrates gewählt.

Konterrevolution

Aus meiner Sicht bestand Cunhals größte Leistung als kommunistischer Politiker und Revolutionsführer darin, daß er sich nicht nur auf die Strategie des Vormarsches, sondern auch auf die Kunst des geordneten Rückzugs verstand. In der Aufstiegsetappe der Revolution waren in Regie der Partei sämtliche Latifundien des Alentejo in kurzer Zeit vom Agrarproletariat besetzt worden. Es schuf auf einer Fläche von mehr als 1,2 Millionen Hektar vormaligen Gutsbesitzerlandes 550 ausbeutungsfreie Kollektivgüter. Alle 250 inländischen Konzerne, Banken und Versicherungen wurden nationalisiert, eine Arbeiterkontrolle in vielen Betrieben eingeführt.

Als sich aber herausstellte, daß die Revolution in einem westeuropäischen NATO-Staat mit einer »weißen« Bevölkerungsmehrheit im Landesnorden, Franco-Spanien im Rücken und der 6. US-Flotte vor den Küsten die Machtfrage nicht zu ihren Gunsten werde entscheiden können, änderte die PCP ihre strategische Orientierung. Dabei stellte sie sowohl die enorme Intervention des Weltimperialismus und die erfolgreiche Wühltätigkeit der Sozialistischen Internationale in Rechnung als auch die Tatsache, daß ein erhofftes stärkeres Engagement der UdSSR leider ausgeblieben war, während die DDR und Kuba das ihnen Mögliche getan hatten.

Die PCP konzentrierte sich jetzt ganz auf die Verteidigung der bürgerlichen Demokratie gegen den neuerlichen Ansturm faschistoider Kräfte. Sie brachte ihre Kader in Sicherheit und behauptete sich trotz des Sieges der Konterrevolution – neben der griechischen KKE – als eine der beiden großen marxistisch-leninistischen Parteien in Westeuropa.

Am Beginn dieses Berichts war von der Beisetzung der beiden großen Männer der Portugiesischen Revolution die Rede. Mag am Schluß die Bemerkung stehen: Cunhal, der schon als Student der Rechtswissenschaften die besten Noten erhalten hatte, die in Portugal jemals auf diesem Gebiet vergeben wurden, war eine durch Freund und Feind in Rechnung gestellte Persönlichkeit, die – anders als kleinere Kaliber – keines Heiligenscheins bedurfte. Er gehört zu jenen kommunistischen Führern leninscher Schule, deren Name wie die von Dolores Ibárruri, Maurice Thorez, Palmiro Togliatti, Sen Katajama, Wilhelm Pieck, Luis Carlos Prestes, Henry Winston und Rodney Arismendi die Zeiten überdauern werden. So kann man mit Fug und Recht sagen: Álvaro Cunhal, presente!

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via kominform.at

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S. auch Die sechs grundlegenden Charakterzüge einer kommunistischen Partei

 

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