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Denkmal Partisanen KärntenAuf den Spuren der slowenischen Partisanen gegen die faschistischen Besatzer

1989 verlor die SPÖ in Kärnten ihre jahrzehntelange Mehrheit an die FPÖ Jörg Haiders, der mit seinen rassistischen und deutschnationalen Sprüchen offenbar auch den braunen Mob mobilisieren konnte. Kärnten war zur Zeit des Hitlerfaschismus eine Hochburg der SS, und Jörg Haiders politischer Aufstieg begann mit einem Beitrag für einen Redewettbewerb: „Sind wir Österreicher Deutsche?“

Aber in Kärnten lebt nicht nur das faschistische Gedankengut weiter, sondern auch die Tradition eines in Europa einzigartigen Widerstands vor allem der slowenischen Minderheit. Und auch auf der anderen Seite der Grenze konnte die Konterrevolution in Jugoslawien die Erinnerung an die Partisanen nicht beseitigen, wie zahlreiche Denkmäler mit rotem Stern beweisen.
Die Faschisten betrieben nach ihrem Einmarsch in Österreich zunächst noch eine Politik der Assimilierung und Zurückdrängung des Slowenischen. Doch mit dem Überfall auf Jugoslawien am 6. April 1941 lautete der Auftrag auch für die Slowenen „dieses Land wieder deutsch“ zu machen – mit allen Mitteln. Alles Slowenische sollte vernichtet werden: die Vereine und Organisationen aufgelöst, ihr Vermögen beschlagnahmt, die Bibliotheken geplündert, Kultur und selbst die Sprache verboten – die Orts- und Straßennamen durch deutsche ersetzt. Selbst die Vornamen mussten germanisiert werden. Über tausend führende Kärntner Slowenen wurden nach längst vorbereiteten Listen im April 1942 verhaftet, in Lager und KZ deportiert.

Skrupellos bekämpften Wehrmacht und Polizei jede Regung von Widerstand. Ein erschütterndes Beispiel dafür erlebte die Reisegruppe, die in Kärnten und Slowenien unter der Leitung von Ernest Kaltenegger (KPÖ Graz) den Spuren der Partisanen folgte, gleich am Anfang. Auf einem Bauernhof nahe Bad Eisenkappel ermordeten Mitglieder des SS-Polizeiregiments 13 noch am 25. April 1945 elf Menschen der Familien Sadovnik und Kokoj, sieben Kinder und vier Erwachsene.
Im „Persmanhof“ sind heute eine Gedenkstätte und ein Museum untergebracht, das die Geschichte der slowenischen Minderheit in Kärnten und den Widerstand ausgezeichnet dokumentiert. Es war die brutale Germanisierungs- und Vernichtungspolitik der Faschisten, der deutschen und italienischen Okkupanten, die die Bevölkerung geschlossen gegen sie aufbrachte und zur Unterstützung des Widerstands oder zu den Partisanen trieb, was bei einer Volksgruppe, die mehrheitlich aus Bauern bestand und katholisch war, nicht selbstverständlich war.
Als Tito die jugoslawischen Völker zum bewaffneten Widerstand aufrief, wurde auch die Widerstandsbewegung der Slowenen, „Osvodobilna fronta“ (OF, Befreiungsfront) in Ljubljana gegründet.

 

Eindrucksvolle Zeugnisse des Widerstands

Wie stark der Rückhalt der Partisanen in der Bevölkerung war, dafür gibt es eindrucksvolle Zeugnisse, so das Krankenhaus bei Cerkno (Slowenien), nach der Leiterin, der Partisanenärztin Dr. Franja genannt. Es wurde 1943 in einer wilden, schwer zugänglichen Schlucht errichtet. Durch einen tosenden Bergbach musste das Baumaterial hinaufgetragen werden – äußerst mühsam, aber gut für die Verwischung der Spuren und auch für die Energiegewinnung. In 14 Holzbaracken konnten 778 schwerverwundete Partisanen behandelt werden, während die Leichtverwundeten in umliegenden kleineren Stationen versorgt wurden. Insgesamt gab es 45 kleinere Krankenhäuser oder Ambulanzen. Die Ärztinnen und Ärzte mussten von Fall zu Fall durch die Schlucht herbeigeholt werden. Und obwohl täglich ein großer Nachschub an Lebensmitteln, Verbandsmaterial und Arzneien benötigt wurde – was eine logistische Meisterleistung und ein großartiger Solidaritätsbeweis vor allem der Bauern war – wurde das Krankenhaus nie entdeckt, nie verraten. Leider wurde es durch ein Unwetter zu großen Teilen zerstört, aber originalgetreu wieder aufgebaut.

Auch die illegale Druckerei in der Nähe der Ortschaft Vojsko konnten die Faschisten nicht ausheben. Sie verfügte über eine noch heute funktionierende Druckmaschine „Rapida“, die aus Mailand her transportiert worden war. Täglich (!) wurden 7.000 bis 8.000 Zeitungen produziert, die „Partizamskis Dnevnik“ und andere, dazu noch Plakate, falsche Dokumente und sonstige Agitationsmaterialien. So wurde die Bevölkerung über den Kriegsverlauf, die Verbrechen der Faschisten und die Widerstandsbewegung gut informiert. Auch die Druckerei liegt in einer Schlucht an einem Bergbach, um die Stromerzeugung zu gewährleisten. Und die 40 Frauen und Männer, die hier arbeiteten, mussten ebenfalls mit Essen, aber auch Papier und Druckerfarbe versorgt werden. Täglich mussten die Kuriere über steile Waldwege die Zeitung holen und dann verbreiten – entdeckt oder verraten wurde die Druckerei nicht.

Die politische Leitung des Widerstands befand sich in der Tiefe der Wälder von „Kocevski Rog“. Denn nach der Kapitulation Italiens im September 1943 wurde der vorige Standort in Laibach von deutscher Polizei, SS, Gestapo und Wehrmacht besetzt, war nicht mehr sicher und musste aufgegeben werden. Das schwer zugängliche Gebiet war gut geeignet, denn die früheren Bewohner, die deutschsprachigen Gottscheer, waren von den Nazis bereits 1941 umgesiedelt worden, so dass das Gebiet weitgehend menschenleer war. Dennoch mussten die Genossen der „Baza 20“ äußerste Vorsicht halten und eiserne Disziplin bei der Tarnung üben.

 

Bedeutung der Kommunisten im Widerstand

An dem Tag unseres Besuches war es kalt und regnerisch. Wir konnten uns gut vorstellen, wie es hier im Winter bei meterhohem Schnee war. Denn geheizt werden konnte tagsüber nicht, selbst nachts musste der Rauch auf den Boden gelenkt werden. Das Leben der Partisanen war von Kälte und Hunger bestimmt, tagelang konnten sie sich nicht waschen, und meist hatten sie nur notdürftige Verstecke. „Mit dem Winter hat die schlimmste Zeit begonnen, wenn die Kleider an Dir gefroren sind, Regen, Wind, und du bist ganz durchgefroren umhergezogen und konntest nirgends hin. Du hast Kämpfer gesehen, ihr Schuhwerk: manchen haben die Zehen herausgeschaut, Schnee und Winter, das war etwas Furchtbares, und man darf sich nicht wundern, wenn der eine oder andere genug hatte und kapitulierte.“

Einen der wenigen noch überlebenden Partisanen lernten wir mit Bogdan Mahor aus Kraijn kennen – genannt nach seinem Kampfnamen Ston – der 1941 als 16jähriger zur OF ging. Er stieg mit uns zu einem aus Holz gebauten Erdbunker an der Arih-Wand in der Nähe von Rosenbach auf, wo die Agitationsabteilung, der er angehörte, ab Herbst 1944 ihren Stützpunkt hatte. Ihre Aufgabe war es, die Bewohner der umliegenden Bauernhöfe zu informieren. Bis zu 13 Männer und drei Frauen waren hier auf engstem Raum untergebracht, ihre Namen finden sich in der Hütte. Als ihnen ein Angriff der Faschisten bekannt wurde – vermutlich war die Gruppe verraten worden – verließen sie den Bunker, gerieten jedoch in einen Hinterhalt. Wer nicht gleich erschossen wurde, wurde zu Tode gefoltert. Ston, der mit zwei anderen die Nachhut bildete, konnte entkommen.

Auf das Verhältnis der Partisanen zu den Kommunisten befragt, antwortete er spontan „dobre“ – gut! Die Leitung des slowenischen Widerstands hatte zu den Tito-Partisanen enge Verbindung, sie erhielten Waffen und Informationen. In der Druckerei zeugte ein Banner von Marx, Engels und Lenin, Druckvorlagen von Tito-Bildern sowie von Hammer und Sichel davon, dass hier Kommunisten am Werk waren.

Die slowenischen Nationalisten und Antikommunisten versuchen heute die Leistungen des antifaschistischen Widerstands zu leugnen. Es soll offenbar aus dem Bewusstsein der Menschen verschwinden, dass es ohne den Befreiungskampf der Partisanen keine unabhängiges und freies Jugoslawien gegeben hätte. Doch die vielen liebevoll gepflegten Denkmäler und Museen, die den aufopferungsvollen und mutigen Kampf der Partisanen dokumentieren, zeigen, dass dieser bis heute in den Herzen und Köpfen vieler Menschen fest verankert ist. Gerade auch Besuche ausländischer Gruppen können dazu beitragen, dass diese Gedenkstätten nicht in Vergessenheit geraten und sie als Dokumente des Widerstands gegen die Nazibesatzung erhalten bleiben.

In Kärnten war und ist die Auseinandersetzung noch um vieles härter: die faschistischen Verbrecher wurden meist nicht zur Verantwortung gezogen, wie z. B. die Mörder der Frauen und Kinder vom Persmanhof. Im Staatsvertrag von 1955 wurde auf Druck der Alliierten Slowenisch als Amtssprache in allen gemischtsprachigen Gebieten und das Recht auf muttersprachlichen Unterricht beschlossen. Bei der Umsetzung gab es jedoch jahrzehntelange Auseinandersetzungen, die in den 70er Jahren im Ortstafelstreit eskalierten. Der damalige Bundeskanzler und SPÖ-Parteichef Bruno Kreisky wurde am 25. Oktober 1972 nach einem Auftritt in Klagenfurt von der vor dem ÖGB-Haus versammelten Menge physisch bedroht und musste von der Polizei beschützt werden.
Haider verstand es später, den Streit für seine rassistischen Ziele zu instrumentalisieren. Erst 2012 wurde erneut ein Gesetz im österreichischen Parlament beschlossen, dass bei 164 Ortschaften zweisprachige Schilder angebracht werden müssen.
Die Partisanen gelten in Kärnten für viele immer noch als Landesverräter, obwohl gerade sie einen wesentlichen Beitrag zur Befreiung Kärntens vom Nationalsozialismus beigetragen haben. In letzter Zeit ist durch das bewegende Buch von Maja Haderlap, die den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt, die Diskussion wieder in Gang gekommen. Ihre Familie steht für den bäuerlichen und katholisch geprägten Teil des Widerstands, doch die Zusammenarbeit mit den Kommunisten, die in den Kärntner Ortsauschüssen der OF eine führende Position hatten, war keine Frage. Ohne die Kommunisten und ihre Verbindung zu den Tito-Partisanen hätte der Widerstand nicht eine solche Bedeutung entwickeln können.

Renate Münder

Anmerkung: Überschriften, Unterüberschriften und Zwischenüberschriften wurden von der Redaktion bearbeitet bzw. eingefügt.

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Über strahlende Orchester und anachronistische Bollwerke

Von Stefan Klingersberger

Über 1300 venezolanische Kinder und Jugendliche weilen derzeit in Salzburg. Sie sind Teil des international bewunderten Sozialprojektes „El Sistema“, welches Kindern aus armen Familien eine musikalische Erziehung, Ausbildung und Bildung ermöglicht, und sie spielen nun bei den Salzburger Festspielen. Der Gründer dieses Projekts José Antonio Abreu war der diesjährige Eröffnungsredner.

El SistemaIm Gründungsjahr von El Sistema 1975 gab es in Venezuela lediglich zwei Sinfonieorchester, die zudem fast nur aus europäischen MusikerInnen bestanden – heute sind es 30 Orchester mit einheimischen MusikerInnen. Der Ökonom, Komponist, Visionär und Politiker José Antonio Abreu trommelte in diesem Jahr 11 junge MusikerInnen zu einer ersten Probe zusammen, bei der zweiten waren es 25, bei der dritten 46 und bei der vierten 75 MusikerInnen – heute umfasst das Projekt 350.000 Menschen. Nicht ohne Grund zählt El Sistema aber vorrangig als Sozialprojekt und erhält es die staatlichen Subventionen vom venezolanischen Sozialministerium und nicht etwa vom Kulturministerium: Es soll vor allem Kindern aus armen Familien den Zugang zur Musik ermöglichen.

Abreu erklärt in seiner Eröffnungsrede der diesjährigen Salzburger Festspiele die enorme Bedeutung musischer Erziehung für die gesellschaftliche Entwicklung und stellt dabei den Versuch an, die Einheit des Guten, Wahren und Schönen als Orientierung zu denken. Er spricht zuweilen erfüllt von utopischem Pathos, welcher aber kein leeres Geschwätz bleibt, sondern durch Abreu’s Taten konkretisiert wird. Ganz ohne leeres Geschwätz durfte die Festspieleröffnung aber freilich nicht ablaufen: Neben Abreu sprachen Festspieldirektorin Helga Rabl-Stadler, Landeshauptmann Wilfried Haslauer, Kulturministerin Claudia Schmied und UHBP Heinz Fischer.

Lassen wir Abreu also zu Wort kommen: „Mozarts Kunst muss heute mehr denn je Kinder und Jugendliche zu einer neuen Gesellschaft inspirieren, die wir uns wie ein wundervolles und strahlendes Orchester vorstellen und wie ein solches entwerfen und aufbauen müssen“ (1), denn: „Chor und Orchester bilden eine Gemeinschaft, die sich ständig aufeinander abstimmt: Mehr noch als eine künstlerische Einrichtung sind sie ein Vorbild, ein Spiegel und eine unübertreffliche Schule des gesellschaftlichen Lebens.“ (2) In einen solchen Spiegel des gesellschaftlichen Lebens im neuen Venezuela kann man unter anderem durch die Aufnahme des Neujahrskonzerts 2007 des Simón-Bolívar-Jugendorchesters in Caracas blicken (3): Die Begeisterung der MusikerInnen wie des Publikums ist ansteckend, unvergleichlich ist diese Aufnahme jedenfalls mit der österreichischen Konzertkultur klassischer Musik, wo oft nicht nur Schickimicki-Abendkleidung, sondern auch ein Stock im Arsch obligat zu sein scheint.

Zum Kampf gegen die Armut und für einen demokratischeren Zugang zu Bildung und Kultur gehört auch, jegliches elitäre Verständnis von Kunst zu verwerfen, damit sie sich stattdessen als Triebkraft der gesellschaftlichen Entwicklung frei entfalten kann: „In dem Maße, wie wir Erzieher mit noch leidenschaftlicher Überzeugung an die immensen Möglichkeiten einer Kunst glauben, die nicht mehr ein anachronistisches Bollwerk von Pseudoeliten ist, sondern Schwelle hin zu einer neuen Welt, Tor zu einem Neuen Himmel, werden wir endlich den Teufelskreis der Armut durchbrechen können.“ (4)

Zweifellos ist auch in Venezuela die Überwindung kapitalistischen Privateigentums Voraussetzung für den Übergang zum Sozialismus. Die „materielle Armut durch die Kunst in geistigen Reichtum“ (5) zu verwandeln, wie es Abreu in seiner Rede formuliert, ist notwendig und wichtig, aber nicht hinreichend, da die materielle Ebene sonst wohl noch weitgehend unberührt bleibt und sich selbst der reichste Geist nur durch die Tat verwirklichen kann. Nichtsdestotrotz ist El Sistema schon jetzt eine gewaltige geistige und gesellschaftliche Triebkraft, deren Potenzial sich in den chavistischen Regierungen seit 1999 noch vervielfacht hat. Das System des „Systems“ sowie seine Ziele und Ideen weisen jedenfalls über den Kapitalismus hinaus, mit dem sie längerfristig gesehen nicht vereinbar sind.

Schon heute kann Abreu unter Bezugnahme auf eine aktuelle Studie über die soziale Bedeutung von El Sistema urteilen: „Die hohe Kunst der Musik ist kein sozialer Luxus mehr.“ (6) Der zu einem international gefeierten Popstar der klassischen Musik avancierte Dirigent Gustavo Dudamel wiederum – selbst ein Produkt von El Sistema – hält das Projekt für eine Waffe gegen Drogen und Gewalt, um das Leben der Jugendlichen stattdessen mit etwas Positivem zu füllen und ihnen Perspektiven zu geben: „Will man bei der Jugend ankommen, ist Musik der beste Weg: Drogen, Alkohol und Gewalt werden durch unsere Stimmen und durch unsere Instrumente besiegt“ (7). Abreu kann daher behaupten: „Die hier anwesenden jungen Musiker kündigen eine neue Generation an.“ (8) Eine neue Generation von MusikerInnen, aber eben auch eine neue Generation venezolanischer Jugend, die mutig vorangeht um ein sozialistisches Venezuela aufzubauen – wie weit es derzeit auch noch entfernt sein mag, wie viele Hindernisse auch noch aus dem Weg zu schaffen sein mögen und wie viele Gefahren auch noch durch die politische Reaktion drohen.

Übrigens, während sich manche Seiten darüber empören, dass so viele MusikerInnen aus einer angeblichen „Diktatur“ nach Salzburg geladen werden und bürgerliche Medien schon seit Jahren nicht glauben wollen, „dass ein Politiker wie der derzeitige Präsident Hugo Chavez nicht versucht, El Sistema für seine Zwecke zu instrumentalisieren“ (9), weist Dudamel diese Unterstellung ganz entschieden zurück (10), Abreu wiederum attestiert der venezolanischen Regierung soziales Rückgrat: „Die Regierung unterstützt mein Projekt genau wegen seiner sozialen Ausrichtung. Der Staat hat sehr gut verstanden, dass das Projekt, wiewohl es mit Mitteln der Musik arbeitet, zuvorderst ein soziales ist: ein Projekt zur Förderung allgemeiner menschlicher Qualitäten.“ (11)

Neben Gustavo Dudamel und José Antonio Abreu haben etwa auch noch der Geiger Aléxis Cárdenas und der Kontrabassist Edicson Ruiz Weltruhm erlangt, viele venezolanische MusikerInnen sind international aktiv und jährlich kommen berühmte Dirigenten nach Venezuela, um mit dem Simón-Bolívar-Jugendorchester zu spielen. Es sei den jungen MusikerInnen auch durchaus vergönnt, sich dieser Tage in so großer Zahl in Europa präsentieren zu können. Den Salzburger Festspielen allerdings dient deren Beteiligung liediglich als möchtegernfortschrittliches Feigenblatt, um sich selbst zum Gönner des genialen venezolanischen Projekts zu stilisieren. Als Beweis kann Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler herhalten, die mit himmelschreiender Arroganz und Ignoranz meinte: „Möge ,El Sistema‘ von Salzburg aus Weltkarriere machen!“ (12)

Das von der KJÖ Salzburg am Rande der Proteste gegen den elitären Charakter der Festspiele verteilte Flugblatt (13) fordert eine Kunst, die von der sozialen Realität nicht abgehoben, sondern mit ihr verbunden ist, was ihr erst ermöglicht, künstlerisch wie politisch-gesellschaftlich in die Zukunft zu weisen. El Sistema erfüllt diesen Anspruch beispielhaft, mit El Sistema können wir in die Zukunft hineinhören. Ob der durchschnittliche, abgehobene Festspielgast diese Zukunft begreift darf gerne bezweifelt werden.

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(1) http://www.salzburgerfestspiele.at/blog/entryid/383
(2) Ebenda.
(3) http://www.youtube.com/playlist?list=PL4BA8A52943F2C07F
(4) http://www.salzburgerfestspiele.at/blog/entryid/383
(5) Ebenda.
(6) Ebenda.
(7) Ebenda.
(8) Ebenda.
(9) http://www.tagesspiegel.de/kultur/klassische-musik-gute-laune-das-ist-mein-job/1482210.html
(10) Ebenda.
(11) http://www.ethecon.org/de/758
(12) http://kurier.at/thema/festspielsommer/salzburger-festspiele-2013-sind-eroeffnet-abreu-instrumente-besiegen-drogen-und-gewalt/20.579.562
(13) https://www.facebook.com/media/set/?set=a.614528348567681.1073741829.280996281920891&type=1

Quelle: http://www.kominform.at/article.php/20130728231944490

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Game over, MussoliniUm 25. Juli 1943 wurde der „Duce“ des Faschismus Italiens in einer Palastrevolte von denselben führenden imperialistischen Kreisen (Großkapital, Militärs, Monarchie und Vatikan), die ihn 1922 an die Macht gehievt hatten, in einer Palastrevolte gestürzt. Das geschah ausgerechnet auf einer Sitzung des Gran Consiglio del Fascismo. Der von Mussolini als sein Führungsorgan gebildete Großrat forderte ihn zum Rücktritt als Regierungschef und zum Verzicht auf den Oberbefehl über die Streitkräfte auf. Von den anwesenden 28 Mitgliedern stimmten 19 für den Beschluss, sieben dagegen, eines enthielt sich. König Vittorio Emanuele III. übernahm den Beschluss des Großrates und entmachtete den „Duce“. Mussolini wähnte sich als Führer der Partei und Chef der Parteimilizen weiterhin an den entscheidenden Machthebeln und fügte sich – zumal er bereits plante, den König zu beseitigen. Beim Verlassen des Quirinals (des Königspalastes) erwartete ihn ein Hauptmann der Carabinieri und bat ihn, unter dem Vorwand der besseren Sicherung seines Schutzes bei möglichen Unruhen in einen Krankenwagen zu steigen. Von diesem Augenblick an war der Diktator jedoch verhaftet und landete nach verschiedenen Zwischenaufenthalten in einem Kurhotel auf dem etwa 150 Kilometer nordöstlich von Rom liegenden, 2.914 Meter hohen Gran Sasso in den Abruzzen.

 

Im Hintergrund führende Industriekreise

Die Palastverschwörer entledigten sich des „Duce“, weil sich seit der Niederlage der Wehrmacht bei Stalingrad an der Jahreswende abzeichnete, dass Hitlerdeutschland Krieg nicht mehr gewinnen konnte und sie sich in die Niederlage nicht hineinziehen lassen wollten. Zu dieser Erkenntnis hatte die fast vollständige Vernichtung der 230.000 Mann großen italienischen Hilfskorps im Umfeld von Stalingrad in der Schlacht am Don im November/Dezember 1942 beigetragen. Ein weiterer, fast noch wichtigerer Faktor war, dass die Militärs um den bei Italiens Kriegseintritt 1940 zurückgetretenen Generalstabschef des Heeres, Marschall Pietro Badoglio, einen Volksaufstand mit den Kommunisten (PCI) und Sozialisten (PSI) an der Spitze befürchteten. Hinter den Palastverschwörern standen führende Industriekreise wie der Eisen- und Stahlkönig, Enrico Falck, der Chef des Gummi-Konzerns Pirelli und der Präsident der Montedison (des größten Bergbau- und Chemiekonzerns), Guido Donegani, die „ihre Fühler nach Washington und London ausstreckten und mit Hitler brechen wollten. Im faschistischen Großrat gehörten Justizminister Dino Grandi und Mussolinis Schwiegersohn, Graf Galeazzo (seit 1926 Außenminister, im Februar 1943 jedoch abgesetzt), zu ihnen. Die amerikanische Zeitschrift „Life“ schrieb später (14. Dezember 1943): Den Organisatoren der Palastrevolte ging es darum, „sich von Mussolini und den Deutschfreundlichen zu befreien, das System aber zu erhalten.“

 

Aktionseinheitsabkommen Basis des Volkswiderstandes

Unter Führung der PCI war in den 1930er Jahren Schritt um Schritt der antifaschistische Widerstand angewachsen. Das 1934 zwischen Kommunisten und Sozialisten geschlossene Aktionseinheitsabkommen war 1937 im gemeinsamen Kampf zur Verteidigung der Spanischen Republik erneuert worden. Das einheitliche Handeln der Arbeiterparteien zog erhebliche kleinbürgerliche Schichten sowie Angehörige der Intelligenz auf ihre Seite. Studenten, Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler schlossen sich der antifaschistischen Bewegung an. Alberto Moravia, der bereits 1929 mit seinem Roman „Die Gleichgültigen“ den moralischen Niedergang der bürgerlichen Gesellschaft angeprangerte, veröffentlichte 1935 mit „Gefährliches Spiel“ Satiren auf den Faschismus. Von Cesare Pavesi erschienen unter dem Titel „Arbeit macht müde“ aufrüttelnde Gedichte. Elio Vittorini schrieb über die Unterdrückung der Volksschichten auf Sizilien. Renato Guttuso schuf das Gemälde „Erschießung“, das er dem von den Franco-Faschisten ermordeten spanischen Dichter Federico Garcia Lorca widmete. Der Bildhauer Giacomo Manzù trat dem Mailänder Kreis antifaschistischer Künstler bei, der die Zeitschrift „Corrente“ herausgab.

Nach dem Kriegseintritt Italiens 1940 hatten Kommunisten, Sozialisten und die kleinbürgerliche Gruppe Giustizia e Libertà im September 1941 ein Antikriegskomitee gebildet. Im Herbst 1942 bildeten verschiedene antifaschistischen Gruppen ein Komitee der nationalen Einheit. Die oppositionellen Katholiken der verbotenen Volkspartei bereiteten ihre Wiedergründung als Democrazia Cristiana vor. Giustizia e Libertà formierte sich als Aktionspartei mit einem radikaldemokratischen Programm. Ein weiteres Signal setzten die ersten großen Antikriegsstreiks, die am 5. März 1943 in der Industriemetropole Turin mit über 10.000 Teilnehmern begannen und von da auf weitere norditalienische Städte, darunter Piemont und Mailand, übergriffen. Die Katastrophe der Wehrmacht bei Stalingrad und die Niederlage des deutsch-italienischen Afrikakorps bei El Alamein spitzten die Krise des Faschismus weiter zu, die nach der Landung der Alliierten am 9. Juli auf Sizilien offen ausbrach.

 

Führende Militärs sicherten Sturz

Um die Ausschaltung des Duce militärisch abzusichern, leitete der an der Revolte beteiligte Chef des Generalstabes, Vittorio Ambrosio, umfangreiche Maßnahmen ein, da man seitens der faschistischen Partei, ihrer Miliz und besonders der so genannten Division „M“ – eines Panzerverbandes, den der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, für Mussolini aufgestellt hatte – Widerstand erwartete. Ambrosio unterstellte die Division dem Generalstab und kommandierte sie zu einer Übung außerhalb der Hauptstadt ab. Auch die Parteimilizen setzte er in die Umgebung von Rom in Marsch. Im Gegensatz dazu alarmierte er die Heeresdivision Piave und ließ sie vor den Toren der Hauptstadt Stellung beziehen. Spätestens hier drängt sich ein Vergleich zu dem im Juli 1944 dilettantisch in Szene gesetzten Attentat gegen Hitler auf, in dem der mutige Einsatz des Obersten Stauffenberg scheitern musste, nicht zuletzt auch deshalb, weil er im Gegensatz zu Italien keinerlei Rückhalt unter den herrschenden Kreisen der Wirtschaft hatte.

Fünf Stunden nach der Verhaftung Mussolinis gab der Rundfunk bekannt, dass der König den Oberbefehl über alle bewaffneten Kräfte übernommen und Marschall Pietro Badoglio mit der Bildung einer Militärregierung mit „allen Vollmachten“ beauftragt habe. Entgegen den Befürchtungen der Verschwörer regte sich seitens der faschistischen Partei und ihrer Gliederungen keinerlei Widerstand gegen die Entmachtung des „Duce“. Sein Sturz wurde von der Bevölkerung jubelnd begrüßt. In einigen Großstädten des Nordens stürmten Gegner des Regimes faschistische Parteisitze und Zeitungsredaktionen, in Turin das deutsche Konsulat. Eine beträchtliche Zahl faschistischer Parteigrößen floh nach Deutschland. Am 19. August entsandte Badoglio General Castellano nach Lissabon, wo dieser in der britischen Botschaft in Lissabon mit dem amerikanischen General Walter Bedell Smith zusammentraf, der ihm im Auftrag des angloamerikanischen Oberkommandierenden im Mittelmeerraum, General Eisenhower, den Text eines Waffenstillstandsabkommens übergab.

Gerhard Feldbauer

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Die Marxistischen Blätter 4-2013 sind neu erschienen – das im Folgenden veröffentlichte Editorial gibt einen Vorgeschmack, was die Leserinnen und Leser erwartet.

mb_4_2013Der Zeitpunkt, die materialistische Geschichtsauffassung zum Schwerpunktthema der Marxistischen Blätter zu machen, ist in mehrfacher Hinsicht günstig.

Zum einen: Geschichtsbeiträge – ob im Fernsehen, in Sachbüchern oder Romanen – stoßen auf anhaltend großes Publikumsinteresse. Einschaltquoten und Verkaufszahlen belegen das. Da wird Neues ausgegraben, in Archiven oder auf archäologischen Baustellen, das ins Verhältnis zu Bekanntem gesetzt, in Entwicklung eingeordnet werden will.

Zum anderen: Die Geschichtsbetrachtung und -interpretation ist nach wie vor ein zentrales Feld des Kampfes um die Köpfe. Da tobt ideologischer Klassenkampf um die Bewertung von historischen Ereignissen, Persönlichkeiten, Entwicklungsprozessen insbesondere des 20. Jahrhunderts. Da geht es natürlich nicht nur um Vergangenes, sondern auch um Lehren, Konsequenzen für Gegenwart und Zukunft. Da besteht die Systemkonkurrenz fort. Dass diejenigen, die sich seit 1989/90 als Sieger der Geschichte fühlen, alles geschäftsmäßig in ihrem Interesse und für ihre Interessen betreiben, auch die Geschichtswissenschaft wie -propaganda, werden MarxistInnen ihnen nicht vorwerfen. Tragischer ist, wie die ruhmreiche „alte Tante SPD“ ihren 150. Geburtstag nutzt, um die eigene Geschichte zu glätten, umzudeuten, zu fälschen, um sich von allem Sozialismus zu befreien und noch weiter von ihren Ursprüngen zu entfernen. Aber das nur am Rande.

Wichtiger ist zum dritten: Den „Siegern der Geschichte“ und ihrer neoliberalen Politik bläst spätestens mit Beginn der „großen Krise“ immer heftiger ein historisch zu nennender Gegenwind ins Gesicht. Menschen gehen wieder massenhaft für ihre Interessen auf die Straße und greifen damit ins Rad der Geschichte, das sich von ganz alleine weder ewig vorwärts noch rückwärts dreht. Wobei allein die Sicht auf die Laufrichtung vom eigenen (Klassen-)Interesse abhängt. Vom Bosporus bis zur Copa Cabana und auch in den europäischen Metropolen geht es den Menschen in Bewegung nicht nur um‘s „Teewasser“, sondern um eine andere Richtung der Politik, die ein gutes Leben für alle zum Ziel hat. Eine Minderheit nennt das Sozialismus.

Und wenn zum vierten dabei besonders viel junge Weltveränderer in Bewegung kommen und auf dem Taksim-Platz wie auf deutschen Demo-Plätzen heute z. B. wieder Nazim Hikmet zitieren – „Leben einzeln und frei wie ein Baum und brüderlich wie ein Wald. Das ist unsere Sehnsucht.“ oder marxistische Klassiker lesen – dann wissen die alten, dass selbst ihre verlorenen Kämpfe nicht umsonst gewesen sind, sondern historische Vorläufer der aktuellen und zukünftiger. Dieses Wissen müssen sich die Jungen erst aneignen, um für sich selbst einen Platz in der Geschichte zu finden und für ihren Weg wie ihr Ziel die richtige Richtung. Das geht nun mal nicht ohne die materialistische Geschichtsauffassung, ohne die materialistische Analyse der Gesellschaft, der heutigen Klassenkämpfe und möglicher Wege der Veränderung. Diese Ausgabe der Marxistischen Blätter ist darum von der ersten bis zur letzten Seite als Ermunterung gedacht, sich historischen Materialismus und Optimismus anzueignen.

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Am Samstag, den 8. Juni 2013, verstarb noch langer Krankheit im Alter von 92 Jahren einer der bedeutendsten deutschen Grafiker und Maler des 20 Jahrhunderts in seinem Haus in Halle.

Willi SitteWer war dieser DDR Künstler, den selbst die führenden Medien der BRD zu seinem Tod nicht ignorieren konnten?
„Mein Vater und Großvater waren beide Mitbegründer der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei, also in Nordböhmen. Unsere Familie ist immer politisch orientiert gewesen; das hat sich auch im Dritten Reich nicht geändert. Ich bin eben kein Opportunist gewesen.“ sagt er selbst in einem Interview mit dem Tagesspiegel 2001. Da war gerade die große Ausstellung in Nürnberg geplatzt, heute spricht man vom „Verbot“ und es war ein Skandal.

Geboren 1921 in Kratzau/Chrastava besuchte er nach der Volks- und Bürgerschule die Kunstschule des nordböhmischen Gewerbemuseums in Reichenberg/Liberec. Später dann wurde er an die Herrmann Göhring Meisterschule für Malerei in Kronburg/Eifel empfohlen. Wegen Protestes gegen die dort herrschende Ausbeutung 1944 zum Militär überstellt, nahm er Kontakt zur italienischen Widerstandsbewegung auf. Als er enttart wurde, ging er zu den Partisanen. Er sagte: „Ich habe ein sehr gutes Gewissen gehabt, nicht mehr dazuzugehören zu denen, die gemordet, geplündert, zerstört, gemeuchelt haben. Diese Wehrmacht ist eben keine heile, wunderbare Einrichtung gewesen, wie es teilweise jetzt noch behauptet wird von einigen Leuten.“

Nach dem Krieg arbeitete er freischaffend in Vincenza und Venedig bis er 1946 über Kratzau/Chrastava in die SBZ, die spätere DDR, umsiedelte.
Der Anfang war nicht einfach. Zusammen mit Brecht, Eisler und anderen war Willi Sitte Formalismusvorwürfen ausgesetzt. In dieser Zeit heftigster Auseinandersetzungen prägte sich seine Intension aus, einen „dialektischen Realismus“ zu entwickeln. Zunächst hatte er damit jedoch keinen Erfolg, gehen wollte der Kommunist Willi Sitte aber nicht. In der Hoffnung, dass jene „Entgleisungen und Verzerrungen nur vorübergehend“ seien war er überzeugt, dass der Weg im „Großen und Ganzen richtig“ sei. 2001 stellte er fest, dass er zwar in der DDR durchaus gelitten hätte, aber auch, dass er  „wenigstens eine politische Heimat“ gehabt hätte.
Gemeinsam mit den Begründern der Leipziger Schule, Bernhard Heisig (1925-2011), Wolfgang Mattheuer (1927-2004) und Werner Tübke (1929-2004), bewahrte Sitte die Gegenständlichkeit in der Kunst und die handwerkliche Meisterschaft, während an den westdeutschen Kunsthochschulen die Abstraktion und die Konzeptkunst gelehrt wurden.

Er trat 1950 in den Verband Bildender Künstler ein und wurde 1974 zu dessen Präsident gewählt. Wenig später, im Jahr 1976, wurde er auch Abgeordneter der Volkskammer und 1986 sogar Mitglied des Zentralkommitees der SED. Diese Staatsnähe wurde ihm nach 1989 immer wieder vorgeworfen. Er wurde verfemt, angegriffen und seine Bilder verschwanden flächendeckend aus den Ausstellungen in die Depots der Museen. Groß war seine Enttäuschung, dass seine Partei so kläglich versagte und sich zahlreiche Künstler, für die er sich engagiert hatte, von ihm abwandten. „Ich habe gar nicht gewusst, dass ich Präsident eines Verbandes von lauter Widerstandskämpfern war“, formulierte er damals sarkastisch. Anders als diese hat er nie seinen Traum und seine Überzeugung verleugnet. Willi Sitte blieb sich als Kommunist treu.
Erst 2006 wurde die Willi-Sitte-Galerie in Merseburg eröffnet. Der Rechtfertigungen müde konnte Willi Sitte endlich wieder erleben, dass öffentlich wird, was ihn ausmacht: sein Werk.

„Willi Sitte war ein einzigartiger Künstler, ein Mensch, der seine Kunst auch für sein politisches Engagement einsetzte“ so die Linke-Vorsitzenden Katja Kipping und und Bernd Riexinger sowie Gregor Gysi. Ja, er war ein politischer Maler. Sein Werk enthielt zu jeder Zeit das Element des Widerspruchs zu Allem, was dieser besseren Welt nicht entsprach. Er war überzeugt „von der Notwendigkeit, an einer Alternative zum kapitalistischen Gesellschaftsmodell mitzuwirken“ (Sitte 1994). 1985 sagte Willi Sitte, dass es „von jeher zwei Grundmöglichkeiten gibt: die Feier des Guten und die Abwehr des Bösen. Bannen, feiern und die Zukunft zu antizipieren – das alles sind unersetzbare Möglichkeiten künstlerischer Weltsicht und Weltinterpretation.“
Eindrucksvoll hat er es in seinen Bildern umgesetzt. Die deutliche Anklage in „Ein Gekreuzigter“, „Potrait eines Terroristen“, „Unbeugsam“ oder „Sie wollten nur Lesen und Schreiben lehren“ gegen Rassismus und Krieg beeindruckt den Betrachter, ob er nun Intellektueller oder Arbeiter ist. Die Abrechnung mit Missständen wie zum Beispiel „Am kalten Büfett“ lässt die Protagonisten erkennbar werden und klagt deutlich an.
Aber auch das Gute ist zu finden. Beispiel hier sei das Bild von 1968 „Laufender Junge“. Diese Freiheit, Unbeschwertheit und das dargestellte Glück springen geradezu aus dem Bild und sind Sinnbild für diese Zukunft, die es zu erkämpfen gilt.
Einen großen Teil von Sittes Werk haben erotische Themen bestimmt. In der Beziehung der Geschlechter suchte er etwa über das gesellschaftliche Leben zu erfahren und zu zeigen. „Der Mensch ist ja gleichermaßen Natur- und gesellschaftliches Wesen. Auch seine natürliche Körperlichkeit sagt etwas über das gesellschaftliche Leben, das Wesen der Gesellschaft, über Harmonie und Widersprüche“ (Sitte 1974). Hier werden auch die Emanzipation und die aktivere Rolle der Frau thematisiert. Er malte die Realität mit allen Widersprüchen und Bewegungen – eben dialektisch.

Sittes „Feindbild“ war der Herr Mittelmaß. „Es sind Variationen eines Menschentyps,“ so sagte er,“der mich Zeit meines Lebens begleitet. Wahrscheinlich hat jeder entsprechend seiner Biografie eigene Vorstellungen von diesem Mr. Durchschnitt, der sich anpasst, mit schwimmt, nachplappert, statt genau hinzusehen und sich ein eigenes Urteil zu bilden. Leider hört das nie auf.“
Willi Sitte war prägend für den sozialistischen Realismus in der bildenden Kunst. Seine monumentale Bildgewalt verbunden mit einer Sensibilität für das wirkliche Leben, die Dynamik der Darstellung und die Klarheit der politischen Aussage in seinen Bildern ist unerreicht.

Seine Bilder „Propaganda-Malerei“? Ja – im besten Sinne! Es sind Bilder, die sich einmischen. Humanität einklagend, Phantasie weckend für eine besser Welt, anregend zum Nachdenken und sich Ungerechtigkeiten zu widersetzen. Dem Schlechten die hübsche Maske von Gesicht reißend und eine Alternative zum Kapitalismus propagierend! Er ist Symbol der Widerständigkeit und Leitbild einer proletarischen Kultur, um die es heute zu kämpfen gilt. Sein Werk ist Vorbild und Maßstab für die Bilder, die da noch kommen werden.

Toni Köhler-Terz

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