Nachrichten
Zeige alle Artikel mit dem Schlagwort DDR
0

Fünf Überlegungen zum Umgang mit Geschichte (2007)

Kommunistische Plattform in der Linkspartei

Vor genau zehn Jahren veröffentlichten zehn Genossen die unten dokumentierten und noch immer aktuellen »Fünf Überlegungen zum Umgang mit Geschichte« [1] in einem Antrag an die 5. Tagung des 10. Landesparteitages der Linkspartei.PDS Berlin. Diesen Antrag und andere seit Mitte der 90er Jahre in den Mitteilungen der KPF erschienene Beiträge zur Geschichtsdebatte beinhaltet die Geschichtsdokumentation Klartexte (Paperback, ca. 400 Seiten, 2009) [2] mit rund 50 Arbeiten von 21 Autoren. Einige Exemplare des Buches sind noch über die Herausgeber zum Sonderpreis von 9,90 Euro zu beziehen. Kontakt: kpf@die-linke.de.

Kurt Goldstein, Arne Brix, Ellen Brombacher, Stefan Doernberg, Dorothea Döring, Rim Farha, Thomas Hecker, Wulf Kleus, Carsten Schulz, Sahra Wagenknecht

Fünf Überlegungen zum Umgang mit Geschichte

1. Wir sind für eine Versachlichung der Geschichtsdebatte

Zu allen Zeiten versuchten die jeweils Herrschenden, aus dem Gang der Geschichte eine Rechtfertigung für eigenes Handeln und die Aufrechterhaltung der eigenen Herrschaft abzuleiten. Es überrascht nicht, dass die Protagonisten des Kapitals schon das Nachdenken über eine nicht vom Prinzip der Profitmaximierung dominierte Gesellschaftsordnung verteufeln. Ihr besonderer Hass jedoch richtet sich gegen den gewesenen europäischen Sozialismus. Nicht minder verhasst ist ihnen zum Beispiel das sozialistische Kuba oder Chávez, der Verfechter des Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Dieser Hass ist logisch. Natürlich ist es der Kapitallogik zufolge ein Kapitalverbrechen, Hand an Privatbesitz von Produktionsmitteln zu legen oder gelegt zu haben. Der Kapitallogik nach ist das ein Eingriff in Freiheitsrechte. Gemeint ist das Recht auf Ausbeutung. Die Restauration des Kapitalismus zerstört alle Illusionen, Kapitallogik könne der Vernunft und dem Humanismus Rechnung tragen. Der »moderne« Kapitalismus treibt täglich mehr Menschen ins Elend, nicht zuletzt durch grauenhafte, die Existenz der gesamten Zivilisation gefährdende imperialistische Kriege. Das Leben selbst befördert erneutes Nachdenken über Luxemburgs Feststellung: »Sozialismus oder Barbarei«. Da Angriff als die beste Verteidigung gilt, wird dem gewesenen Sozialismus von seinen Gegnern unterstellt, er sei zuvörderst barbarisch gewesen. Barbarische Züge des Kapitalismus hingegen, sofern sie überhaupt zugegeben werden, sind lediglich Fehlentwicklungen. Das US-Lager Guantánamo ist ein leicht stinkender Ausfluss im edlen Kampf gegen den Terror. Das Zuchthaus Bautzen jedoch war ein Hort des Verbrechens. Die DDR war ein Unrechtsstaat. Die USA sind der engste Verbündete der Bundesrepublik Deutschland. In solche Schubladen werden Geschichte und Gegenwart einsortiert.

Dass die Herrschenden das so wünschen, ist normal. Wenn auch Linke sich diese Sichtweise zu eigen machen, trifft das Gegenteil zu: Es ist anormal. Führende Genossinnen und Genossen der PDS resp. Linkspartei.PDS haben in der Vergangenheit so manchen Kotau vor der veröffentlichten Meinung gemacht.

Erinnert sei an den Umgang mit der MfS-Problematik von Anbeginn, an die Kette von Entschuldigungen, zum Beispiel die 1946 vollzogene Vereinigung von SPD und KPD oder den Mauerbau betreffend, erinnert sei an Äußerungen, mit dem Untergang der DDR sei Sozialismus in Deutschland erst wieder möglich geworden oder dass die DDR partiell totalitärer gewesen sei als Nazideutschland, erinnert sei an die Präambel zum Berliner Koalitionsvertrag aus dem Jahr 2002. Die Aufzählung ließe sich mühelos fortsetzen.

Auch in jüngster Vergangenheit fehlte es nicht an Würdelosigkeiten. Sei es die Mitwirkung der PDS an Geschichtsklitterungen im Zusammenhang mit der früheren Haftanstalt des MfS in Hohenschönhausen. Sei es die Rolle unserer Partei bei der Errichtung des Gedenksteins »Den Opfern des Stalinismus« auf dem Friedhof der Sozialisten in Friedrichsfelde – um nur zwei Beispiele zu erwähnen. Um Missverständnisse zu vermeiden: Die Autoren dieses Diskussionspapiers reden nicht einem unkritischen Umgang mit unserer Geschichte das Wort. Widerstand gegen Denunziationen ist kein Verzicht auf Kritik. Wir sind für eine Versachlichung der Geschichtsdebatte, frei nach Friedrich Engels: »Über geschichtliche Ereignisse beklagt man sich nicht, man bemüht sich im Gegenteil, ihre Ursachen zu verstehen und damit auch ihre Folgen, die noch lange nicht erschöpft sind.« Das von Michael Schumann im Auftrag einer Arbeitsgruppe auf dem 89er Sonderparteitag vorgetragene Referat zeichnet sich durch das Bemühen aus, Ursachen für die tiefe Krise verstehen zu helfen, in der sich nicht nur die DDR, sondern vor allem auch die Sowjetunion befand. Noch gingen die Delegierten des Sonderparteitages von der Fortexistenz des real existierenden europäischen Sozialismus aus. Nicht die Verdammung seiner Geschichte, sondern Analyse war angesagt. Schlussfolgerungen für die Zukunft sollten gezogen werden; es kam bekanntlich anders. Man muss nicht mit allen Aussagen des Referats übereinstimmen – dessen Duktus ist nicht denunziatorisch. Wir plädieren dafür, es zu lesen. Diejenigen, die heute am lautesten vom Grundkonsens des 89er Parteitages sprechen und diesen beschwören, haben die Aussagen Schumanns zu den Errungenschaften des Sozialismus in der DDR, zur weltgeschichtlichen Bedeutung der Oktoberrevolution, zur Überwindung von Faschismus und Krieg längst verdrängt. Aber – eine Erneuerung, die das vergäße, so Schumann, träte mit einer neuen Unmoral an. Wie redlich also ist es, dass entsprechende Aussagen im Entwurf der programmatischen Eckpunkte vollends fehlen? Wie redlich wird die gegenwärtige Geschichtsdebatte geführt?

2. Warum eigentlich keine Aufklärung?

Am 23. Januar 2007 fand im Berliner Landesvorstand der Linkspartei.PDS zu dieser eine ausführliche Verständigung statt. In der Sofortinformation über diese Sitzung hieß es u.a.:

»In der … Diskussion wurde eingeschätzt, dass die Debatte in unserer Partei mit großer Heftigkeit geführt wird. Dabei wird deutlich, dass klare Positionen, die Vorstände formuliert haben, nicht ausreichend in der Basis verankert sind. Es zeigt sich ein Trend, sich ›wider den Zeitgeist‹ zu stellen, indem unter dem Druck der öffentlichen Verdammung der DDR von unserer eigenen Kritik Abstand genommen wird. Der antistalinistische Grundkonsens – unwiderruflicher Bruch mit dem Stalinismus als System – wird schwächer. Deshalb sieht der Landesvorstand in der Intensivierung der Geschichtsdebatte eine vorrangige Aufgabe der politischen Bildung. Dabei geht es nicht um historische Aufklärung, sondern um die Bewertung von Geschichte.«

Warum eigentlich keine Aufklärung? Aufklärung bedeutet, Licht in die Dunkelheit der Unwissenheit und der Vorurteile zu bringen. Ist das Wissen über Geschichte so gewaltig? Sind die nicht zuletzt medial erzeugten Vorurteile so unerheblich? Kant hat die Aufklärung 1784 als den »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit« definiert. Aufklärer sein heißt nach Kant, »den Mut haben, sich seines eigenen Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen«. Ist das überholt? Können wir die sich ständig perfektionierende Massenmanipulation einfach ignorieren? Aus welchem Grund konstruiert der Berliner Landesvorstand der Linkspartei.PDS faktisch einen Gegensatz zwischen politischer Bewertung und historischer Aufklärung? Wird als Begründung angeführt, wir hätten in der DDR gelebt und bedürften der Aufklärung daher nicht? Mitnichten. Der Landesvorstand selbst gibt eine andere Antwort. In der bereits erwähnten Sofortinformation heißt es weiter zur Geschichtsdebatte: Diese »ist auch für die neu entstehende Partei wichtig, sie betrifft junge und alte Parteimitglieder sowie Ost- und Westlinke.« Zumindest den Jungen und den Westlinken aber käme doch ein wenig Aufklärung im Sinne Kants eher gelegen. Doch genau diese scheint nicht erwünscht; sie zerstört den Schubladeneffekt. Marx und Engels definierten das Wesen der Aufklärung. Sie sei »[…] ein offener, ein ausgesprochener Kampf gegen […] alle Metaphysik«. Der zeitgeistdominierte Umgang mit der Geschichte des frühen Sozialismus allerdings ist zutiefst metaphysischer Natur. Bemühen wir noch einmal Marx und Engels:

»Für den Metaphysiker sind die Dinge und ihre Gedankenabbilder, die Begriffe, vereinzelte, eins nach dem anderen und ohne das andre zu betrachtende, feste, starre, ein für allemal gegebne Gegenstände der Untersuchung. Er denkt in lauter unvermittelten Gegensätzen: seine Rede ist ja, ja, nein, nein, was darüber ist, ist vom Übel. Für ihn existiert ein Ding entweder, oder es existiert nicht: ein Ding kann ebenso wenig zugleich es selbst und ein andres sein. Positiv und negativ schließen einander absolut aus; Ursache und Wirkung stehen ebenso in starrem Gegensatz zueinander. Diese Denkweise erscheint uns auf den ersten Blick deswegen äußerst plausibel, weil sie diejenige des sog. gesunden Menschenverstandes ist. Allein der gesunde Menschenverstand, ein so respektabler Geselle er auch in dem hausbackenen Gebiet seiner vier Wände ist, erlebt ganz wunderbare Abenteuer, sobald er sich in die weite Welt der Forschung wagt; und die metaphysische Anschauungsweise, auf so weiten, je nach der Natur des Gegenstandes ausgedehnten Gebieten sie auch berechtigt und sogar notwendig ist, stößt doch jedes Mal früher oder später auf eine Schranke, jenseits welcher sie einseitig, borniert, abstrakt wird und sich in unlösliche Widersprüche verirrt, weil sie über den einzelnen Dingen deren Zusammenhang, über ihrem Sein ihr Werden und Vergehen, über ihrer Ruhe ihre Bewegung vergißt, weil sie vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht.«

3. Dialektische Sicht und metaphysisches Herangehen

Vergessen wir über die einzelnen Dinge deren Zusammenhang nicht. Ursache und Wirkung stehen eben nicht in starrem Gegensatz zueinander. Positiv und negativ schließen einander eben nicht absolut aus. Man kann den real existiert habenden Sozialismus des vergangenen Jahrhunderts sehr unterschiedlich beurteilen. Dabei sollte man jedoch seine Daseinsweise niemals von den Gesamtumständen trennen, unter denen er um seine Existenz kämpfte.

Genau hier liegt die scharfe Trennung zwischen einer dialektischen Sicht auf unsere eigene Vergangenheit und einem metaphysischen Herangehen. Metaphysik und Voluntarismus in dieser Frage können aus ehrenwerten Träumen ebenso resultieren wie aus manipulativen Absichten: Wer realen Sozialismus an vollendeten kommunistischen Verhältnissen misst, kann nur zu dem Schluss gelangen, das Reale sei nicht das Erwünschte. Die auch in der Linkspartei nicht beendete Auseinandersetzung zum Thema Menschenrechte, erinnert sei an die Kuba-Debatte, widerspiegelt dieses Problem. Eine Übergangsperiode, also eine Übergangsgesellschaft – nichts anderes kann der frühe Sozialismus sein – ist alles andere als vollkommen. Es ist daher schlicht unredlich, das Erwünschte zur Denunziation des Realen zu benutzen, zu verlangen, das Reale müsse von heute auf morgen so werden wie das Erwünschte – wohl wissend, dass nur ein Wundertäter das bewerkstelligen könnte. Das angestrebte Ziel zu vergessen, ist auf Dauer tödlich; das Ideal mit der Wirklichkeit gleichzusetzen tötet auch.

Die von den Autoren dieses Papiers geführten Auseinandersetzungen um eine historisch gerechte Bewertung des Sozialismus und daher auch der DDR waren zu keiner Zeit von Vereinfachungen gekennzeichnet. Gerade auch deshalb waren wir nie bereit, zu Kritisierendes und Bewahrenswertes einfach schematisch getrennt voneinander zu betrachten. Wir waren und sind vielmehr davon überzeugt, dass gerade ein differenzierter Umgang mit den sozialistischen und nichtsozialistischen Zügen der DDR ein grundsätzliches Bekenntnis zu ihr ermöglicht.

4. Wir bagatellisieren die Fehler, Irrtümer und Strukturdefizite des frühen Sozialismus nicht.

Den heute Herrschenden geht es absolut nicht um eine differenzierte Analyse der Sozialismusgeschichte, auch nicht um eine objektive Bewertung der Geheimdienste der untergegangenen sozialistischen Länder. Erinnert sei an die Auseinandersetzungen um das ehemalige MfS-Untersuchungsgefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. Die endlose Debatte über das MfS bedient einen anderen Zweck. Indem das MfS uneingeschränkt verteufelt wird, wird zum Kapitalverbrechen erklärt, dass die DDR Instrumente zu ihrem Schutz geschaffen hatte. Diese Denunziation eines Teils der Staatsmacht greift auf die Gesamtstrukturen des frühen Sozialismus über. Von der Verteufelung des MfS zur These vom Unrechtsstaat DDR ist es ein äußerst kurzer Weg. Die Unerbittlichkeit der Bewertung der Machtstrukturen des sozialistischen Versuchs resultiert aus der Ablehnung, dass da etwas anderes praktiziert wurde als Kapitalverwertung. Aus der Ablehnung des Sozialismus kommt der Hass der veröffentlichten Meinung, nicht aus den Fehlern und Gebrechen der nichtkapitalistischen Ordnung. Und der Hass kommt aus dem Wissen, dass das zunehmend mörderische Funktionieren des Profitmechanismus selbst das Verlangen nach einer gesellschaftlichen Alternative stimuliert. Unausbleiblichem Widerstand soll daher der Gedanke an eine alternative Perspektive genommen werden.

Zu diesem Zwecke wird die angebliche Untauglichkeit eines kommunistischen Gemeinwesens aus der Geschichte des real existiert habenden Sozialismus abgeleitet. Nichts wird seit Gorbatschow so sehr für Antikommunismus instrumentalisiert wie eine der sogenannten Totalitarismusdoktrin unterworfene Interpretation der Geschichte der Sowjetunion und der anderen sozialistischen Länder.

Zweifellos scheiden sich an der Frage der Bewertung der Oktoberrevolution sowie der nachfolgenden Entwicklungen in der Sowjetunion die Geister. Es ist vollkommen verständlich, dass in diesem Zusammenhang das Gespräch immer wieder auf Stalin kommt. Bereits 1995 – massiv konfrontiert mit dem Vorwurf, sie hätten ein apologetisches Verhältnis zu unserer Vergangenheit – entschlossen sich daher Genossinnen und Genossen, darunter Michael Benjamin und Sahra Wagenknecht, ihre Position zu dieser Problematik zu Papier zu bringen. Öffentlichkeit, auch innerparteiliche, blieb ihnen interessanterweise versagt. In dem Positionspapier heißt es unter anderem:

»Wir bagatellisieren die Fehler, Irrtümer und Strukturdefizite des frühen Sozialismus nicht, schon gar nicht die begangenen Verbrechen. Zugleich entspricht es unserer Überzeugung, daß die Welt berechenbarer und um viele Hoffnungen reicher war, als dieser unvollkommene, frühe Sozialismus ungebremste Kapitalherrschaft auf diesem Planeten verhinderte … Zweifellos war der frühe Sozialismus von sozialistischen und nicht-sozialistischen Zügen geprägt. Man kann ihn unseres Erachtens jedoch nicht in sozialistische und nicht-sozialistische Perioden aufteilen. Und wir lehnen es ab, die schmerzhafte Widersprüchlichkeit frühsozialistischer Entwicklung dadurch aus der Welt schaffen zu wollen, daß die Periode von 1917 bis 1990 als nicht-sozialistisch aus der Geschichte des gesellschaftlichen Fortschritts gestrichen wird.« [3]

In der erwähnten Erklärung wird auch die herausragende Rolle der Sowjetunion beim Sieg über den Hitlerfaschismus hervorgehoben. Am liebsten würde man die Sowjetunion und deren Verdienste bei der Zerschlagung der faschistischen Bestie aus dem Gedächtnis der Menschheit streichen. Doch solange das nicht möglich ist, sollen die Leistungen der Sowjetunion im Großen Vaterländischen Krieg wenigstens weitestgehend diskriminiert werden.

Und das funktioniert nur, wenn Menschen eingeimpft wird, der antifaschistische Kampf des sowjetischen Volkes sei ein minderwertiger gewesen. Minderwertig deshalb, weil sich sozusagen lediglich ein Unrechtssystem gegen ein anderes zur Wehr gesetzt hätte und weil im Ergebnis des Sieges des einen Systems über das andere lediglich neues Unrecht installiert worden sei. Und schon ist der überragende Anteil der UdSSR an der Zerschlagung der faschistischen Kriegs- und Mordmaschinerie beinahe selbst ein barbarischer Akt. Wozu nun das Ganze? Wozu soviel ideologisches Bemühen um Vergangenes, noch dazu, da die Sowjetunion gar nicht mehr existiert? Es geht darum, dem gewesenen realen Sozialismus das vielleicht einschneidendste historische Verdienst abzusprechen: die Zerschlagung der realen Barbarei. Nicht zuletzt auf diese Weise soll Menschen, die in Ländern des real existiert habenden Sozialismus lebten, und jenen, die allen jüngsten Entwicklungen zum Trotz ihrer Gesinnung treu geblieben sind, jegliche Identifikationsmöglichkeit genommen werden. Nichts, aber auch gar nichts war etwas wert – so lautet die Botschaft.

5. Der Sozialismus des vergangenen Jahrhunderts war historisch legitim

Auch die DDR wird auf ihre realen und vermeintlichen Negativseiten reduziert. Nicht nur durch politische Gegner. So wird im Entwurf der programmatischen Eckpunkte einer zukünftigen Linkspartei der gewesene frühe Sozialismus auf die Formel reduziert: »Wir lehnen jede Form von Diktatur ab und verurteilen den Stalinismus als verbrecherischen Missbrauch des Sozialismus«. Da nun der gewesene europäische Sozialismus in Gänze stalinistisch gewesen sein soll, ist, der Logik dieser Aussage zufolge, selbiger auch in Gänze verbrecherisch gewesen. Das kommt dem »Niveau« der am 25. Januar 2006 beschlossenen Antikommunismusresolution 1481 der parlamentarischen Versammlung des Europäischen Parlaments in gewisser Weise nahe. Es dürfte außer Zweifel stehen, dass die übergroße Mehrheit der Mitglieder der Linkspartei.PDS sowohl die Geschichte des gewesenen Sozialismus als auch ihr eigenes Leben anders beurteilt. Das wohl ist es, was den Berliner Landesvorstand veranlasste, zu beklagen, »dass klare Positionen, die Vorstände formuliert haben, nicht ausreichend in der Basis verankert sind«. Diese »klaren Positionen der Vorstände« sind nicht die unseren. Wir suchen nach Antworten jenseits der veröffentlichten Meinung. Für die Zukunft des Sozialismus ist zu fragen: Was war bewahrenswert? Was darf sich nicht wiederholen? Welches waren die Ursachen für die nichtsozialistischen Züge des gewesenen Sozialismus; waren sie unvermeidbar, oder hätten sie vermieden werden können? Natürlich kann niemals als Grundsatz akzeptiert werden, um einer zukünftigen Gerechtigkeit willen den jetzt Lebenden ins Gesicht zu schlagen. Wir wissen auch, dass Lebenden ins Gesicht geschlagen wurde. Dennoch meinen wir, dass der gewesene Sozialismus dem Profitsystem gegenüber historischen Fortschritt verkörperte, auch wenn er unterlag und alles andere war als vollkommen. Er war unvollkommen, gekennzeichnet auch durch Irrtümer und Fehler. Er war nicht frei von Verbrechen – er war, wie Karl Marx es prognostizierte »… eine kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer eigenen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoß sie herkommt.« Einen Sozialismus zu wünschen, der die Phase seiner Herkunft überspringt und wie Phönix aus der Asche steigt, ist leider Träumerei. Die Tragik des untergegangenen europäischen Sozialismus liegt nicht zuletzt darin, dass er im Überlebenskampf gegen das Kapital zu viel von seiner eigenen Identität preisgab. Der Sozialismus kam in eine tiefe Krise, und dafür ist bei weitem nicht nur der Gegner verantwortlich zu machen. Die Frage, ob sich der frühe Sozialismus erschöpfen musste oder ob er – ökonomisch vom ersten Tage an aus der schwächeren Position agierend – dennoch die Chance gehabt hätte, sich historisch mit dem ersten Anlauf durchzusetzen, wird uns sicher noch lange bewegen, ebenso die, welche Fehler und Fehlentwicklungen hätten vermieden werden müssen und können. Einfache Antworten auf diese Fragen gibt es nicht; weder so- noch andersherum. Außer Zweifel steht: Der Sozialismus ist bekämpft worden, bis aufs Blut. Und sehen wir uns die Welt von heute an, so ist nicht nur überdeutlich, warum das geschah, sondern die Konsequenzen seines Untergangs zeichnen sich täglich deutlicher ab. Wir sind weder bereit, so zu tun, als hätten wir alles richtig gemacht, noch, so zu tun, als hätten wir alles richtig machen können. Wir sind keine Verschwörungstheoretiker. Diese reduzieren komplexe Zusammenhänge auf einen Sündenbock. Wir wissen, dass es für den Untergang des Sozialismus des zwanzigsten Jahrhunderts auf europäischem Boden vielfältige Gründe gab, und wir wissen, dass die Auseinandersetzung über die Hauptursachen noch lange nicht beendet ist. Letztlich ist im Rahmen dieses Streits allerdings maßgeblich: War es legitim, die Macht des Kapitals zu brechen und durch Verhältnisse zu ersetzen, die nicht durch die Jagd nach Profit bestimmt waren, oder machten die Unzulänglichkeiten des frühen Sozialismus diesen zu einer illegitimen Angelegenheit?

Unsere Antwort auf diese Frage lautet ohne Wenn und Aber: Der Sozialismus des vergangenen Jahrhunderts war historisch legitim.

Anmerkungen

[1]  Mitteilungen der Kommunistischen Plattform der Linkspartei.PDS: März 2007, S. 3-9.

[2]  Ellen Brombacher, Thomas Hecker, Jürgen Herold, Friedrich Rabe, Werner Wüste (Hrsg.): Klartexte. Beiträge zur Geschichtsdebatte, Verlag am Park, Berlin 2009, ISBN 978-3-89793-230-2, 400 Seiten. Dort auf S. 38-47 von den genannten Autoren: Fünf Überlegungen zum Umgang mit Geschichte.

[3] Siehe auch: Klartexte (ebd.). Gemeinsame persönliche Erklärung von Prof. Michael Benjamin, Ellen Brombacher, Thomas Hecker, Prof. Heinz Karl, Dr. Heinz Marohn, Sahra Wagenknecht, S. 48-50.

0

 

Helmut Baumgarten

RotFuchs, Januar 2017

Alljährlich am 3. Oktober versammeln sich hochrangige Politiker und feiern die „Einheit“ Deutschlands und die „friedliche Revolution“. Hat es denn eine Vereinigung zweier souveräner Staaten gegeben, oder war es nicht vielmehr eine bedingungslose Kapitulation der Mehrheit der manipulierten Volkskammermitglieder der DDR?

Worin bestand das strategische Ziel der BRD von Anfang an? Zuerst mußte die Gesellschaftsordnung in der DDR zerschlagen und deren Elite von allen Strukturen des Staates entfernt werden. Die ökonomische Konkurrenz in Form der volkseigenen Betriebe und Kombinate sollte liquidiert, die DDR entindustrialisiert und zur verlängerten Werkbank der BRD umgestaltet werden. Die staatliche und genossenschaftliche Handelsorganisation wurde zerschlagen und so ein großer Absatzmarkt für westdeutsche Konzerne geschaffen.

Worin sehe ich die Ursachen für unsere Niederlage? Um diese ergründen zu können, muß man zu den Quellen zurückkehren.

1945: bedingungslose Kapitulation des deutschen Faschismus. Nach dem Willen der Besatzungsmächte sollte der deutsche Staat erhalten, aber in vier Besatzungszonen bis zum Abschluß eines Friedensvertrags aufgeteilt werden. Deutschland lag in Schutt und Asche. Viele Menschen forderten, daß die Schuldigen an der Katastrophe entmachtet und die Kriegsgewinnler enteignet werden.

Auf westdeutscher Seite forderte dies selbst die CDU in ihrem Aalener Parteiprogramm. In Hessen wurde diese Forderung sogar in die Länderverfassung aufgenommen. SPD-Chef Schumacher faselte vom Sozialismus als Tagesaufgabe. Auch in der sowjetischen Besatzungszone gab es diese Forderung, dazu in Sachsen eine Volksabstimmung – deren Ergebnis wurde umgesetzt.

1948 tagte in den Westzonen ein selbsternannter, von den westlichen Besatzungsmächten bevollmächtigter Parlamentarischer Rat und schuf das Grundgesetz. Von vornherein war es als Provisorium angelegt, denn im § 146 stand, daß es nur bis zur Vereinigung Deutschlands bestehen und dann durch eine in einer Volksabstimmung legitimierte Verfassung abgelöst werden solle. Als Umgehungsmöglichkeit dessen wurde eine Beitrittsmöglichkeit festgelegt. Der nächste Schritt war die Installierung der parlamentarischen Demokratie. Konrad Adenauer wurde nur mit seiner eigenen Stimme zum Bundeskanzler gewählt.

Die BRD-Regierung erklärte sich zum Rechtsnachfolger des 3. Reiches. Sie erfand den Alleinvertretungsanspruch und sprach jetzt selbsternannt für alle Deutschen. Seit der Gründung der DDR führte die BRD einen Kampf zur Destabilisierung und Vereinnahmung der DDR. Der Antikommunismus wurde als Staatsdoktrin festgeschrieben. Mit der Rechtsnachfolge des 3. Reiches wurden die im Faschismus gezüchteten Antikommunisten in alle Bereiche des westdeutschen Staates integriert. Nazigeneräle, Geheimdienstchefs, Blutrichter, Staatsanwälte, Lehrer, Steuerbeamte u. a. fanden zurück in Amt und Würden.

Ein Mittel zur Destabilisierung der Lage in Ostdeutschland war die streng geheime Herstellung der Westmark in den USA und ihre nächtliche, unangekündigte Einführung mit der Absicht, daß die wertlose Mark jetzt zu Milliarden in die DDR fließen und dort einen Wirtschaftskollaps herbeiführen sollte.

Es folgte die Hallsteindoktrin, mit der allen souveränen Staaten, die die DDR diplomatisch anerkennen, Sanktionen angedroht wurden. Adenauer drängte die USA, Westdeutland den Zugang zu Atomwaffen zu ermöglichen. Geeinigt hat man sich auf nukleare Teilhabe der BRD. Die Vorschläge der UdSSR zum Abschluß eines Friedensvertrages und die Durchführung freier und geheimer Wahlen wurden genauso abgelehnt wie die Schaffung einer kernwaffenfreien Zone. Gegen diese Politik formierte sich in der BRD eine starke Friedensbewegung, auf die mit Unterdrückung und Verfolgung reagiert wurde. Es kam zum KPD-Verbot, zum Verbot demokratischer Organisationen und unter Bundeskanzler Willi Brandt zum Radikalenerlaß mit Berufsverboten für Hunderttausende Bürger. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen …

Etwas kompliziert wurde es für die westdeutsche Seite, als beide deutsche Staaten UN-Mitglieder wurden. Auch die BRD-Regierung hatte unterschrieben, sie werde die Unverletzlichkeit der Staatsgrenze, die staatliche Souveränität und das Gebot der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten des anderen Staates respektieren.

Es mußte also ein Weg gefunden werden, diese internationalen Verpflichtungen zu umgehen.

Hier setzt die jahrelang durch die BRD geförderte innere Opposition der DDR an, auch unter direkter Unterstützung maßgeblicher Kreise der christlichen Kirchen in der DDR. 1989/90 habe ich in Halle an jeder Versammlung, Demonstration und Kundgebung teilgenommen. Die Demonstranten sagten, sie wollten eine bessere DDR und die Beseitigung der im Sozialismus bestehenden Mängel. Der Herbst 1989 begann mit erst kleineren, dann immer größer werdenden Demonstrationen, gegenseitigem Niederbrüllen am Runden Tisch und landesweiten Sabotageakten, was intensiv durch BRD-Medien „begleitet“ wurde.

Seitens der BRD wurde suggeriert, daß sie die Forderungen der DDR-Bevölkerung respektieren würde und ihr helfen wolle. Noch bevor die Staatsgrenze geöffnet wurde, zog die BRD-Regierung die Spendierhosen an und köderte die DDR-Bevölkerung mit einem sogenannten Begrüßungsgeld. Dafür stand plötzlich über eine Milliarde DM zur Verfügung, denn man mußte ja damit rechnen, daß ca. zehn Millionen „Brüder und Schwestern“ in die BRD einreisen würden. Vor der Weihnachtszeit legten die Bayern noch 50 DM dazu. Im Kaufrausch glaubten jetzt viele DDR-Bürger, es würde immer so weitergehen. Doch nun begann das Pingpong-Spiel. Die Westpresse wies den Weg. Deren „Hinweise“ wurden dann von Dissidenten als Bitte an die BRD-Regierung gesandt, die dem natürlich nachkommen mußte. So verletze man doch keine internationalen Verträge, sondern zolle nur dem Willen des Volkes der DDR Respekt.

Die BRD und die DDR hatten in Helsinki und vor der UNO die Pflicht übernommen, sich nicht in die inneren Angelegenheiten des anderen Staates einzumischen. Hat sich die BRD daran gehalten?

Bekanntlich waren sofort nach der Öffnung der Staatsgrenze 176 hochrangige BRD-Politiker mit Bundeskanzler Helmut Kohl zur Stelle und präsentierten sich der DDR-Bevölkerung. Hinzu kamen über 3000 Meinungsmultiplikatoren. Sie mischten kräftig im Wahlkampf mit, versprachen den Wählern das Blaue vom Himmel, wohl wissend, daß sie nichts davon einhalten würden. Sie beschworen ihre freien und geheimen Wahlen als heiliges Gut der Demokratie. Jeder Bürger habe das Recht, alle vier Jahre seine Stimme einem Kandidaten oder einer Partei zu geben. Nach der Wahl gebe es dann eine parlamentarische, repräsentative Demokratie. Mit den von der BRD manipulierten „freien Wahlen“ kamen genügend willige Abgeordnete in die Volkskammer, die den Untergang der DDR bedingungslos vollziehen wollten.

Sinnigerweise hat man den mit allen Wassern gewaschenen Politprofi Wolfgang Schäuble und den Polit-Amateur Krause mit der Ausarbeitung des „Einigungsvertrages“, der eigentlich Anschlußvertrag heißen müßte, beauftragt. Wenige Stunden vor Beginn der Sitzung der Volkskammer erhielten die Abgeordneten den Vertragsentwurf, eine Diskussion mit dem Volk gab es nicht. All das ging als „friedliche Revolution“ in die Geschichte ein, bewußt ignorierend, daß eine „Vereinigung“ laut Grundgesetz § 146 auch eine neue Verfassung erfordert hätte. Es gibt sie bis heute nicht.

Das Ergebnis: Die alten Eigentums- und Machtverhältnisse wurden wieder hergestellt, und jede Erinnerung an die DDR soll ausgelöscht werden. Nichts, aber auch nichts darf nach Ansicht der Herrschenden an die Errungenschaften der DDR erinnern. Die Nachgeborenen sollen nur noch denken dürfen, was ihnen durch die Sieger und deren Medien serviert wird.

0

Dipl.-Ing. Hermann Ziegenbalg

RotFuchs, Heft Dezember 2016

Es gab einmal eine Zeit, da konnte man sich freuen, im Osten, in der DDR, zu wohnen. Besucher aus München oder Mainz warfen neidische Blicke auf unsere Mietabrechnungen oder schönen Gartenlauben. „Was, so wenig zahlt Ihr?“, wurden wir gefragt. Quadratmeterpreise in neuen Wohnungen von 0,79 Mark und ein symbolhafter Pachtpreis von einem Pfennig pro Quadratmeter Gartenland waren über Jahrzehnte gleichbleibend. Sucht man heute in Großstädten nach einer Wohnung, wird man des Lebens nicht mehr froh. Doch Parzellen-Gartenland, mühsam aufgebaut, erhält man fast nachgeschmissen. Während sich in Dresden oder Leipzig die Wohnungssuchenden bei Besichtigungen bis zur Straße hin schlängeln, reißt man in kleineren Städten und in ländlichen Gegenden Wohnraum ab. Das heißt aber jetzt nicht „Abriß“, sondern „Rückbau“. Die einmal mit dem Ersparten geschaffenen Gartenkolonien werden wie sauer Bier und zum Nulltarif nach „Wertabschätzung“ zum Schaden aller Gartenfreunde angeboten. In den ostdeutschen Städten gab es bisher noch immer eine lebendige soziale Mischung, was auch die Integration von Zugewanderten einschloß. Das ändert sich nun ganz gewaltig. Wohnungs- und auch Verbandspolitik wird nicht mehr nach sozialen, sondern nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten betrieben.

Als am 15. November 1962 der erste Spatenstich an der heutigen Wismarer Straße stattfand, war das der Beginn eines Wohnungsbauprogramms, um die Wohnungsversorgung der Riesaer Bevölkerung zu verbessern. Wohnungsnot herrschte ja nicht nur in unserer Stadt, zudem brauchte die sich extensiv erweiternde Industrie viele Arbeitskräfte. In der Zeit von 1962 bis 1990 wurden insgesamt über 9700 Mietwohnungen und etwa 320 Eigenheime geschaffen, dazu kamen Nachfolgeeinrichtungen wie Schulen, Kaufhallen, Polikliniken. Auch das Verlangen nach Freizeit und Erholung wurde mit der Schaffung des Kleingartenparks Riesa-Weida 1978 nicht vergessen. Hier fanden über 500 Familien ihren Platz im Grünen. Die immense Aufbauarbeit in der Geschichte der Riesaer Gartenbewegung wurde 1984 mit der Auszeichnung als „staatlich anerkanntes Naherholungsgebiet“ gewürdigt.

1990 folgte die große Umstellung. Ein Jahr später ist der Eigenbetrieb „Gebäudewirtschaft“ in eine Kapitalgesellschaft umgewandelt worden. Die bisherigen Mieteinnahmen, die bisher nur zwischen 10 und 15 Prozent der tatsächlichen Bewirtschaftungskosten lagen, konnten so nicht weiter getragen werden. Für den entstehenden Verlust kam der neue Staat nicht mehr auf. Während die Wohnung in der DDR als soziales Gut galt, wurde sie in der kapitalistischen Gesellschaft zum Wirtschaftsgut. Die sich daraus ergebenden Konsequenzen hatten nun auch die Kleingartenfreunde zu tragen. Durch die einsetzende Fluktuation der Riesaer Bevölkerung sah man sich veranlaßt, leerstehende Wohnungen abzureißen, die übriggebliebenen Bewohner, zumeist heute die „Alten“, haben sich eben einzuschränken und die finanziellen Folgen der kapitalistischen Wohnungspolitik zu tragen. Wer hilft diesen Menschen?

0

Der Reformationstag, das Reformationsfest oder der Gedenktag der Reformation wird von evangelischen Christen in Deutschland und Österreich am 31. Oktober im Gedenken an die Reformation der Kirche durch Martin Luther gefeiert. Aus diesem Anlass erinnern wir daran, wie die DDR und die SED ihr Verhältnis zu den evangelischen Christen bestimmten, am Beispiel der Thesen zum 500. Geburtstags Martin Luthers:

DDR-Thesen zum Lutherjahr 1983

Anlässlich des 500. Geburtstags Martin Luthers verfasste eine Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern der Akademie der Wissenschaften der DDR und von Vertretern der Universitäten 15 „Thesen über Martin Luther“. Darin hieß es:

Martin Luther (10. November 1483 – 18. Februar 1546) wirkte als ein Wegbereiter der großen geistigen und politischen Auseinandersetzungen, mit denen Deutschland und Europa in die Epoche des Verfalls des Feudalismus, der Herausbildung des Manufakturkapitalismus und der ersten bürgerlichen Revolutionen eintraten. Er gehört zu den großen Persönlichkeiten der deutschen Geschichte von Weltgeltung.

Die Deutsche Demokratische Republik ist tief verwurzelt in der ganzen deutschen Geschichte. Als
sozialistischer deutscher Staat ist sie das Ergebnis des jahrhundertelangen Ringens aller progressiven Kräfte des deutschen Volkes für den gesellschaftlichen Fortschritt. Alles, was in der deutschen Geschichte an Progressivem hervorgebracht wurde, und alle, die es bewirkt haben, gehören zu ihren unverzichtbaren, die nationale Identität prägenden Traditionen. „Zu den progressiven Traditionen, die wir pflegen und weiterführen, gehören das Wirken und das Vermächtnis all derer, die zum Fortschritt, zur Entwicklung der Weltkultur beigetragen haben, ganz gleich, in welcher sozialen und klassenmäßigen Bindung sie sich befanden“ (Erich Honecker). In diesem Sinne würdigt die DDR die historischen Leistungen Martin Luthers und pflegt das von ihm hinterlassene progressive Erbe.
I. (…) Die gegebenen gesellschaftlichen und kirchlichen Verhältnisse bedingten die zentrale Bedeutung der Theologie in den politischen, sozialen und ideologischen Auseinandersetzungen und die religiöse Begründung der revolutionären Forderungen. Martin Luther löste durch seinen Kampf gegen das „internationale Zentrum des Feudalsystems“ (Friedrich Engels) die Reformation aus. Darin liegt sein bleibendes historisches Verdienst. Die Reformation wurde wesentlicher Bestandteil der beginnenden Revolution, bildete die ideologische Klammer für die sie tragenden höchst unterschiedlichen Klassenkräfte und gab im weiteren Verlauf des revolutionären Prozesses den Rahmen für deren rasche Differenzierung ab. Die Revolution kulminierte im deutschen Bauernkrieg von 1525, der jedoch mit einer Niederlage endete. Ihr historischer Platz im beginnenden Übergangsprozess vom Feudalismus zum Kapitalismus – unter noch unausgereiften objektiven und subjektiven Bedingungen – bestimmt den Charakter der Revolution als frühbürgerlich.

II. (…) Damit (d. h. mit seiner Kritik am Ablasshandel, M. E.) schuf Martin Luther theologische Grundlagen für die Herausbildung einer reformatorischen Ideologie, die unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen revolutionäre Wirkung erlangte; denn Reformation bedeutete nicht nur eine Reform der Kirche, sondern eine mehr oder weniger weitgehende Veränderung der Gesellschaft. Dieses Fundament zäh und unbeirrt verteidigt zu haben, ist jene persönliche Leistung Martin Luthers für die Entfaltung der frühbürgerlichen Revolution, die ihm von seinen Gegnern immer wieder abgenötigt wurde.
III. (…) Bürgerliche Oberschichten und mit dem Frühkapitalismus verbundene Kräfte, die Räte in vielen Städten sahen darin eigene Interessen ausgedrückt oder machten sich diese Ziele zu eigen. Die Reformation setzte Potenzen frei, den beginnenden Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus zu fördern. Dies verlieh ihr einen im Kern bürgerlich­-progressiven Charakter. Zugleich entwickelte sich eine zunächst von der bürgerlich­-städtischen Opposition getragene reformatorische Volksbewegung, deren Kräfte sich begeistert hinter Luther stellten (…)
V. (…) Die Volksbewegung nutzte die von Luther und den anderen Reformatoren gelieferten Argumente und biblischen Begründungen, beschränkte sich aber nicht darauf, im Sinne Luthers die Erfüllung ihrer Forderungen dem guten Willen der Obrigkeiten allein anheimzustellen.

Das Verhältnis zur Obrigkeit sowie die Frage nach den Mitteln zur Durchsetzung der reformatorischen Ziele wurden deshalb seit 1523/24 zu dem wichtigsten Streitpunkt zwischen Luther und der Volksbewegung. Zunächst unterstützte Martin Luther noch partiell die Volksbewegung und versuchte, die sich erweiternde Kluft zur adligen Ständeopposition zu überbrücken, obwohl er jetzt von weiterdrängenden Kräften, insbesondere von Thomas Müntzer, kritisiert und angegriffen wurde und sich seinerseits mit diesem auseinandersetzte. Noch von der Wartburg aus begründete er die Abschaffung der Messe in Wittenberg, die Ungültigkeit der Mönchsgelübde, die Einführung des Laienkelches und der deutschen Sprache in den Gottesdienst, die Übernahme des Kirchenvermögens in städtische Verwaltung und dessen Verwendung für die Armenfürsorge.

Anfang 1523 begründete Luther das Säkularisierungsprogramm der bürgerlich­-gemäßigten Reformation. Dieses Programm verfolgte das Ziel, das geistliche Eigentum in weltlichen Besitz zu überführen, und zwar vorwiegend zum Nutzen der weltlichen Feudalherren, bürgerlicher Oberschichten und der Gemeinde.
Luther erhob das Entscheidungsrecht der Gemeinde zum Prinzip der Reformation. So entwickelte Luther bis 1524 sein Programm der Reformation, das mit friedlichen Mitteln im Bündnis mit den weltlichen Obrigkeiten durchgesetzt werden sollte. In dem Maße, wie sich die Volksbewegung radikalisierte und sich auch gegen den weltlichen Feudalismus und die Fürsten richtete, wandte sich Luther von ihr ab. …

VIII. Martin Luthers Reformation übte eine nachhaltige Wirkung auf die europäischen Länder aus. Sie trieb die Lösung grundlegender Widersprüche der Feudalgesellschaft voran und wurde deshalb sehr rasch zu einer europäischen Erscheinung, die den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus beschleunigte. Europa trat damit in die Epoche der bürgerlichen Revolutionen ein, in denen sich das Bürgertum im Laufe der nächsten Jahrhunderte schrittweise zur ökonomischen auch die politische Macht erkämpfte. …

X. Die frühe Reformation war eine sehr breite, klassenmäßig heterogene, alle Volksschichten erfassende Bewegung zur revolutionären Umgestaltung. Der Sieg der Fürsten über das aufständische Volk im Bauernkrieg beschnitt die Klassenbasis dieser Bewegung und sicherte im Zusammenwirken mit den bürgerlichen Oberschichten die Aufrechterhaltung der feudalen Klassenherrschaft. …
XII. Karl Marx und Friedrich Engels schufen mit der Grundlegung des historischen Materialismus auch die Umrisse für eine wissenschaftliche Auffassung der Reformation und Martin Luthers. Sie würdigten Luther als den Initiator der Reformation und diese als erste Entscheidungsschlacht des europäischen Bürgertums gegen den Feudalismus. Sie zeigten zugleich, dass der Bauernkrieg und Thomas Müntzer, denen sich die revolutionäre Arbeiterbewegung in besonderem Maße verpflichtet fühlt, die notwendige Konsequenz aus den von Luther gegebenen Anstößen verkörperten. (…)

Die revolutionäre deutsche Arbeiterbewegung hat zwischen der epochalen historischen Leistung Martin Luthers, seiner klassenmäßigen Begrenztheit und dem reaktionären Missbrauch seines Erbes unterschieden und die unheilige Allianz von Thron, die sich für ihre Zwecke auf den Namen Luther berief, bekämpft. Sie hat Luther weder heroisiert noch missachtet, sondern seinen Platz in der Vielfalt der progressiven und revolutionären Bewegungen der deutschen Geschichte gewürdigt. …

XV. Mit dem Sieg der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten, mit dem Aufbau und der Gestaltung des Sozialismus sind in der Deutschen Demokratischen Republik die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür geschaffen, Martin Luther allseitig wissenschaftlich begründet und gerecht zu würdigen. Wir ehren die Kämpfer vergangener Generationen, die unter ihren Bedingungen mit dem Einsatz ihrer Persönlichkeit den Fortschritt vorangebracht und die Kultur bereichert haben. Wir würdigen sie kritisch, ohne ihre zeit­ und klassengebundenen Widersprüche zu übersehen und unhistorische Maßstäbe anzulegen. (…)

Die DDR pflegt die Gedenkstätten für Martin Luther und die Reformation und achtet die geistige Eigenart der damit verbundenen kulturellen und ethischen Werte. Die von Luther inspirierten und sich auf ihn berufenden protestantischen Kirchen haben wie alle anderen Glaubensgemeinschaften in der DDR verfassungsmäßig garantierte breite Möglichkeiten zu ihrer Betätigung. Im Kampf um die Lösung der Lebensfrage der Menschheit in der Gegenwart, die Erhaltung des Friedens, engagieren sich angesichts der komplizierter gewordenen Weltlage alle Bürger der DDR, einschließlich der Christen, für friedensstabilisierende Maßnahmen, Entspannung und effektive Abrüstung. Evangelische Christen lutherischer Prägung wie alle anderen Gläubigen bewähren sich als Mitgestalter der entwickelten sozialistischen Gesellschaft. Sie wirken nicht zuletzt aus christlicher Verpflichtung zur Nächstenliebe vor allem in der Diakonie aufopferungsvoll bei der Pflege von Behinderten und Kranken, Kindern und Alten. Sie bewahren und bereichern damit ihre spezifischen historischen Traditionen, die über Jahrhunderte hinweg Kultur und Ethik deutscher und anderer Länder mit geformt und bereichert haben.

Partei­ und Staatsführung der DDR waren und sind stets offen für die humanitären Anliegen der christlichen Kirchen und haben immer Sorge getragen für eine Zusammenarbeit in diesem Geiste. Luthers progressives Erbe ist aufgehoben in der sozialistischen deutschen Nationalkultur. Davon zeugt nicht zuletzt die Gründung des Martin­Luther-Komitees der Deutschen Demokratischen Republik unter dem Vorsitz von Erich Honecker, Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzender des Staatsrates der DDR. Die Würdigung Luthers und seines Werkes schließt auch die Bemühungen und den Kampf jener Kräfte ein, die heute unter Berufung auf Lehre, Vorbild und Leistung Martin Luthers für soziale Gerechtigkeit, Fortschritt und Frieden in der Welt kämpfen. „Mögen die Ehrungen zu seinem 500. Geburtstag, wie es der weltweiten Wirkung des Reformators entspricht, auch weltweit dem Ringen um die Bewahrung des Friedens, um das friedliche Zusammenleben der Völker und Staaten zugute kommen“ (Erich Honecker).

#Aus: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 29 (1981), S. 879 – 893.

0

Der 7. Oktober war in der DDR der Tag der Republik. Die DDR gibt es nicht mehr. Aber aus der Geschichte gelöscht werden kann sie nicht. Eine Würdigung von

Marta Rafael und Karl-Eduard von Schnitzler:

Die DDR in der deutschen Geschichte

Wir waren kürzlich aufgefordert, zwei Jubiläen zu begehen: Die Gründung der BRD und die Gründung der Deutschen Demokratischen Republik. Jubiläum kommt von „jubilieren“ – oder umgekehrt. Worüber sollen wir jubilieren?

Daß die DDR zugrunde ging? Darüber später. Die DDR ist so wenig „ehemalig“ wie das Kaiserreich oder die Weimarer Republik. Für sie gilt merkwürdigerweise kein „ehemalig“. Aber wir werden sehen.

Sollten wir darüber jubeln, daß in der Adenauer-Regierung des ersten deutschen Nachkriegsstaates mehr Nazis saßen als in der ersten Hitler-Regierung vom Januar 1933? Daß die Konzerne, Monopole und Banken, die Hitler die Regierungsgewalt – nicht etwa die Macht! – in den Schoß gelegt hatten, weiterbestehen (offen oder getarnt) und neue Macht besitzen und ausüben – gleichgültig, ob die Kanzler Kohl oder Schröder heißen? Die Deutsche und die Dresdner Bank, die Commerz- und Privatbank oder/und Krupp, Flick, Thyssen, AEG, Wintershall, Bosch, Portland, IG Farben, Norddeutscher Lloyd, Rheinmetall – sie alle und noch viele mehr und ihre Nachkommen haben Hitlers Krieg betrieben und an ihm verdient, haben die Hochrüstung in Gang gesetzt (schon vor Hitler!), den Krieg geführt, andere Völker ausgeplündert, Konzentrationslager installiert und an ihnen verdient wie am Holocaust – und nun haben sie ganze 5 Milliarden Mark im Angebot, die sie auch noch von der Steuer absetzen können, den Rest zur Summe von 10 Mrd. gibt der Staat, die Allgemeinheit, dazu – zu dem, was sie „Wiedergutmachung“ nennen. Sie sind wieder der Staat im Staate. Über all das jubilieren?? (…)

„Die Deutsche Demokratische Republik war das Beste, was in der Geschichte den Deutschen, den Völkern Europas und der Welt aus Deutschland widerfahren ist!“ Mit diesem Satz begann ich 1993 mein Buch „Provokation“. Und man ließ sich provozieren! Von A bis Z, von ARD über BILD, SPIEGEL und STERN bis ZDF heulten sie auf, weil ich in Erinnerung zu rufen gewagt hatte, daß der erste Staatspräsident dieses verruchten Staates, Wilhelm Pieck, den Satz geprägt hatte, den Walter Ulbricht aufgriff und Erich Honecker zur innen- und außenpolitischen Maxime erhoben hatte: VON DEUTSCHEM BODEN DARF NIE WIEDER KRIEG AUSGEHEN! (…)

Aber ist die DDR an ihren Fehlern und Schwächen zugrunde gegangen? Würde sie – die Frage muß erlaubt sein – in einem untadeligen, chemisch reinen sozialistischen Zustand heute noch existieren? Hat die Konterrevolution nicht erst in Polen, Ungarn, Budapest und dann erst in Rumänien, Bulgarien, der Tschechoslowakei und ganz zuletzt erst in der DDR gesiegt? Diese Frage erfordert ein erheblich ehrlicheres, gründlicheres wissenschaftliches Herangehen an das Problem, als es die heutigen „Historiker“, „Experten“, „Wissenschaftler“, Klugscheißer bis hinunter zu den Weisen aus dem Abendland der Journalistik sich erfrechen.

Nicht weil wir Schwächen gehabt und Fehler gemacht haben, wurden wir in den weltweiten Klassenkampf einbezogen (und haben ihn zunächst einmal mitverloren), sondern weil wir das Schlimmste verkörperten, was sich der deutsche Imperialismus vorstellen kann: Auf deutschem Boden ein sozialistischer Staat, die Deutsche Demokratische Republik! Daß wir da waren, daß wir existierten – das war zuviel! Sie mußte weg! Mit allen Mitteln der Politik, der Außenpolitik, des Wirtschaftskrieges, des verdeckten Krieges, des Medienterrors und – anders als in der CSSR, in Polen, in der Sowjetunion und den anderen – mit derselben Sprache und breitgefächerten Verwandtschaften, mit Beziehungen hinüber und herüber. (…)

Und das sollte gefeiert werden, das sollte ein „Tag der Einheit“ sein? Das soll man „freundlich und kritisch betrachten“?

Wohlgemerkt: Ich wünsche mir nicht die Deutsche Demokratische Republik zurück. Die Geschichte ist weitergegangen. Und sie wird weitergehen.

Wir haben dafür zu sorgen, daß sie nicht so weitergeht, wie sie zur Zeit in Bewegung ist. Brutaler, räuberischer, unmenschlicher Kapitalismus kann nicht die letzte Antwort der Geschichte sein! Die Antwort kann nur SOZIALISMUS lauten. Der fällt nicht vom Himmel. Er will erkämpft sein, und das ist ein langer Prozeß. Aber wann wollen wir damit anfangen – wenn nicht jetzt!

Verzagen?

„Man muß sich möglichst nüchtern, klar und anschaulich Rechenschaft darüber ablegen, was wir eigentlich ‚zuende geführt’ haben und was wir nicht zuende geführt haben. Der Kopf wird dann frisch bleiben, es wird weder Übelkeit noch Illusionen noch Verzagtheit geben.“ Der das im Februar 1922 geschrieben hat, hieß Wladimir Iljitsch Lenin. Und er fuhr in seinem Brief fort: „Als rettungslos verloren müßte man diejenigen Kommunisten bezeichnen, die sich einbilden wollen, daß man ohne Fehler, ohne Rückzüge, ohne vielmaliges Neubeginnen des nicht zuende Geführten und des falsch Gemachten solch ein weltgeschichtliches ‚Unternehmen’ wie die Vollendung des Fundaments der sozialistischen Wirtschaft zu Ende führen könnte. Diejenigen Kommunisten aber, die weder in Illusionen noch in Verzagtheit verfallen, die sich die Kraft und die Geschmeidigkeit des Organismus bewahren, um beim Herangehen an die überaus schwierige Aufgabe ‚von Anfang zu beginnen’, sind nicht verloren!“ [*]

Auf DDR-Deutsch: Auf deutschem Boden wird der siegreiche Sozialismus unauslöschbare, unbesiegliche Züge der Deutschen Demokratischen Republik tragen – trotz alledem!


Zitat:
[*] Wladimir Iljitsch Lenin: Notizen eines Publizisten. Zuerst veröffentlicht am 16. April 1924 in der Prawda. In: W. I. Lenin: Werke Band 33, Berlin 1966, Seite 188-191

Quelle: sascha313

0

Ein Tag im Leben der DDR

Berlin_Leninplatz„Hell ist der Tag über der Deutschen Demokratischen Republik“, schreibt der Autor Freimut Keßner in seinen einführenden Worten zu dem 1974 erschienenen Bildband über unseren ersten sozialistischen deutschen Arbeiter- und Bauern-Staat, in dem mit Hilfe der Sowjetunion die bisherigen Machthaber, die Ausbeuterklasse, entmachtet worden war. Es war ein Staat, in dem die Produktionsmitteln sich in den Händes des Volkes befanden. Es war ein Staat, in dem es keine Arbeitslosen gab, keine Altersarmut und keine Obdachlosigkeit. Es war ein Staat, in dem soziale Sicherheit und eine gesicherte Zukunft zu einer Selbstverständlichkeit geworden waren. Und die Kriminalitätsrate war äußerst niedrig. Zwar war auch hier nicht alles perfekt, doch die DDR ist und bleibt für alle Zeiten ein Beispiel für eine gerechte, sozialistische Gesellschaft.  Nachfolgend ein kleiner Exkurs über unser „verschwundenes“ Heimatland, aus dessen Geschichte man vieles für die Zukunft lernen kann.

Wie war ein Tag im Leben der DDR?

Er leuchtete in allen Farben, die Freude und Frohsinn, Zuversicht und Zielstrebigkeit, Schöpfertum und Schaffenskraft dem Leben verleihen. Aus dem Dunkel einer grausamen Nacht ist dieser Tag mit dem Licht der Freiheit herausgetreten, das die Sowjetarmee mit der Zerschlagung des Hitlerfaschismus brachte. Immer klarer und farbiger wurde er, weil sich hier das Volk Freiheit und Leben verdiente, indem es sie ständig eroberte. Hart, unsagbar hart war dieses Erobern in seinem Beginn. Wenn inneres Leid den Blick trübt, das Elend den Lebensmut verschüttet, der Unglauben die Kräfte lähmt, Hoffnungslosigkeit und Hunger die Menschen in ihrem Würgegriff halten, läßt es schwer kämpfen.

Hell ist der Tag

Doch da war eine verschworene Gemeinschaft, gestählt im Kampf für die Freiheit des werktätigen Volkes und für ein Leben, das der Würde des Menschen entspricht: die Kommunistische Partei. Als einzige Partei in Deutschland besaß sie ein Programm für den Weg aus Elend und Not, zur Befreiung vom Joch der Ausbeutung und Unterdrückung. In einem Meer von Blut hatten die Feinde der Freiheit des Volkes und der Menschlichkeit alle jene zu ersticken versucht, die für dieses Programm standhaft eingetreten waren. Doch das Programm lebte trotz alledem, weil die Kraft der Wahrheit durch nichts zerschlagen werden kann. [1]

DDR11  DDR7  DDR6  DDR2 DDR5  DDR10

Was sehen wir auf den Bildern?

Einen Arbeiter, der – wie jeden Morgen – verantwortungsbewußt die Anlage überprüft, seine Anlage, in seinem Betrieb! Die Leipziger Messe, wo alljährlich Spitzenprodukte aus der DDR vorgestellt wurden, wo die Arbeiter voller Stolz präsentierten, was in ihrem Betrieb hergestellt wurde, wo sowjetische, ungarische oder polnische Nachbarn ihre Produkte zeigten, wo friedlicher Handel praktiziert wurde, ohne Neid und ohne Konkurrenz. Die NVA, die erste und bisher einzige Armee, die nie einen Krieg führte, die nur zum Schutz des Staates, des Volkseigentums, zum Schutz der fleißigen Arbeit der Arbeiter und Bauern, geschaffen worden war, und die dies auch getreu ihrem Eid tat. Wir sehen Wohngebiete, in denen man nachts auch ohne bewaffneten Begleitschutz durch dunkle Parks oder einsame Straßen gehen konnte. Wir sehen Urlaubsorte, wo sich Familien, einfache Arbeiter oder Mütter mit Kindern erholen konnten, ohne Sorge zu haben, daß man sie vertreiben würde, weil der Park oder See ein Privatbesitz ist, wo es sich jeder leisten konnte, Urlaub zu machen. Und wir sehen Forscher, in gemeinsamer schöpferischer Arbeit… Das alles ist keine Schlaraffenlandsphantasie, sondern es ist von Anfang an bis zu Ende die erlebte Wirklichkeit!


Wie war das in der DDR? – Fragen und Antworten.

Gab es Menschen, die keine Arbeit fanden, die vergeblich 30 Bewerbungen schreiben mußten? Gab es Menschen, die von Hartz4 leben mußten?

Natürlich nicht. In der DDR gab es keine Arbeitslosigkeit. Nach dem Schulabschluß und nach dem Studium gab es eine Berufslenkung, wo die Absolventen entsprechend ihren Fähigkeiten und unter Berücksichtigung ihrer Wünsche in die jeweiligen volkswirtschaftlich wichtigen Bereiche vermittelt wurden. Natürlich gab es keine solchen entwürdigenden Maßnahmen wie dieses Hartz4.

Was kostete der Kindergarten?

Der Kindergarten und Kinderkrippenbesuch war kostenlos und freiwillig. Es gab keine Zwangsauflagen für verspätetes Abholen und auch keine Fördervereine, weil der Staat sämtliche Kosten für die Gehälter und die Ausstattung der Kindereinrichtungen übernahm.

Wie war das in der Schule? Was kosteten die Schulbücher? Und wie war das sonst so?

Der Schulbesuch war natürlich kostenlos, aber eben nicht umsonst. Die Bildung und Erziehung der Jugend erfolgte in allen Schulen nach einem einheitlichen Konzept, das systematisch aufgebaut war und wissenschaftlich durchdacht. Die Schulbücher kosteten zwischen 1,50 und drei Mark, was soviel ist wie ein Dreipfundbrot. Sie waren auf Altpapier gedruckt (heute würde man sagen Recyclingpapier) und waren daher wesentlich leichter. Der Schulranzen wog vielleicht nur 5kg (anstatt 12kg wie heute). Das war natürlich viel gesünder und rückenschonender. Und die Schüler müßten auch nicht 20km mit dem Schulbus fahren, denn es gab in jedem kleinen Ort eine Schule und genügend Lehrer, einen Schuldirektor, eine Sekretärin und einen Hausmeister. Nicht wie heute, wo es überall an Lehrern fehlt, unsinniges Zeug unterrichtet wird, und manchmal eine Schulleiterin für zwei Schulen zuständig ist, und wo so manche Lehrerin das noch nebenbei machen muß, weil ein Direktor fehlt. In der DDR sind wir gern zur Schule gegangen. Mittwochs war Pioniernachmittag, und wer wollte, der konnte da an Exkursionen teilnehmen, an Bastelnachmittagen, in die Station Junger Touristen gehen oder ins Pionierhaus. In Berlin gab es sogar einen richtigen, großen und schönen Pionierpalast mit allerlei Attraktionen.

Wie war das mit der Arbeit, wie war das im Betrieb?

Wie schon gesagt: in der DDR gab es keine Arbeitslosen, keine Obdachlosen, keine Penner und Analphabeten. Die Arbeit war nicht immer leicht, aber man ist gern zur Arbeit gegangen, hatte guten Kontakt zu den Kollegen. Es gab oft Brigadefeiern, wo die Kollegen und der Chef gemütlich beieinandersaßen, wo man sich auch persönlich traf. Die Betriebskollektive waren in der Regel auch geprägt vom Miteinander, die Kollegen kümmerten sich um Außenseiter, und es wurde einander geholfen. So etwas wie Mobbing gab es damals nicht. Für Streitigkeiten oder Konflikte gab es die Konfliktkomission, ein gewähltes Greminum aus Arbeitern, Gewerkschaftern. Natürlich gab es in allen Betrieben eine Betriebsgewerkschaftsleitung (BGL) und eine Parteiorganisation (BPO). Im Betrieb hatte die Sozialistische Einheitspartei (SED) die führende Rolle. Aber um das alles nicht zu schön darzustellen natürlich gab es manchmal Konflikte, es gab auch da Karrieristen und Trittbrettfahrer. Die meisten von denen haben nach 1989 sehr schnell die Maske von sich geworfen und die Seite gewechselt. Und einige suchen heute immer noch nach Rechtfertigungen für ihr politisches und menschlichen Versagen. Das Entscheidende jedoch war, daß die Produktionsmittel in der DDR Volkseigentum waren, d.h. alle Betriebe, Maschinen, Werkzeuige, Grund und Boden gehörten dem Volk. Und manchmal mußte es das Volk eben auch noch lernen, mit seinem Eigentum pfleglich und sorgsam umzugehen.

Und durfte man in der DDR seine Meinung sagen?

Selbstverständlich durfte man in der DDR offen seine Meinung sagen, auch im Staatsbürgerkunde-Unterricht, im Betrieb oder in der Kneipe. Niemand wurde dafür inhaftiert, weil er eine andere Meinung hatte. Auch wer andere Ansichten hatte, durfte bspw. studieren (wie die heutige Kandesbunzlerin). Wer allerdings offen oder versteckt gegen die DDR konspirierte, wer im Betrieb sabotierte, wer klaute oder betrog, der wurde auch in der DDR strafrechtlich verfolgt. Denn es war das Recht des Volkes, das Volkseigentum zu schützen und den Staat zu verteidigen. Auch in den Haftanstalten galten die Gesetze. Es gab keine Folter und keine Rechtsbeugung. Die Richter und Anwälte, Lehrer und Offiziere kamen überwiegend aus der Arbeiterklasse. Da sich die DDR aber an der Nahtstelle zwischen zwei feindlichen Militärbündnissen befand, dem Warschauer Vertrag und der NATO, waren Kontakte zu Personen aus dem nichtsozialistischen Ausland (NSW) immer ein äußerst sensibler Bereich. Es muß hier sicher nicht erklärt werden, warum die imperialistische BRD kein befreundetes Nachbarland für die sozialistische DDR war. Deswegen waren Grenzverletzungen auch kein Kavaliersdelikt, sondern eine Straftat.

Wie verbrachten die DDR-Bürger ihren Urlaub? Durfte man auch ins Ausland reisen, oder war das verboten?

Die Urlaubsmöglichkeiten waren vielfältig. Jedem DDR-Bürger stand ein Grundurlaub von mindestens 18 Tagen zu, dazu kamen je nach Berufsgruppe und betrieblichen Regelungen zusätzliche Urlaubstage, so daß oftmals bis zu 24 Tagen Urlaub gewährt wurden. Die meisten verbrachten ihren Urlaub an der Ostsee, in FDGB-Ferienheimen (diese Urlaubsplätze waren sehr begehrt und wurden über die Gewerkschaft vergeben) oder in betrieblichen Ferienheimen. Kinderferien wurden zumeist über den Betrieb der Eltern organisiert und waren fast kostenlos. Manche waren aber auch begeisterte Campingfreunde, die alljährlich ihren Urlaub an einem der zahlreichen Seen oder Talsperren verbrachten. Und natürlich durfte man auch ins Ausland reisen. Viele DDR-Bürger fuhren privat oder mit dem Reisebüro der DDR ins sozialistische Ausland: nach Ungarn, Bulgarien, in die Sowjetunion, die Tschechoslowakei, nach Polen, Rumänien usw. Über „Jugendtourist“ wurden  sogar Reisen ins westliche Ausland angeboten. Diese Angebote waren allerdings beschränkt, denn z.B. die BRD war – wie gesagt – kein befreundetes Land, und nach wie vor herrschte zwischen Ost und West ein gespanntes Verhältnis und von seiten der BRD wurde nichts unversucht gelassen, um der DDR zu schaden. Deshalb unterlagen solche „Westreisen“einer strengen Kontrolle und nicht jedem konnte ein Visum erteilt werden. Das war keine Schikane, sondern eine Notwendigkeit!

Das sind nur ein paar kleine Fragen, aber vielleicht sieht man daran, daß es völlig neuartige Verhältnisse waren, es waren solidarische und kollegiale Verhältnisse, es waren Verhältnisse der gegenseitigen Hilfe und kameradschaftlichen Zusammenarbeit, die sich grundlegend von denen des Kapitalismus unterscheiden! Viele wünschten sich heute den Sozialismus zurück, obwohl es da eigentlich kein Zurück mehr geben kann, sondern nur noch ein Vorwärts! Hier nun noch ein paar Bilder:

Betrieb

Weimar

Damals schrieb man in diesem DDR-Bildband noch:

Heute kann sich in der Deutschen Demokratischen Republik ein junges Mädchen nur schwer vorstellen, daß eine Frau weniger Rechte als ein Mann haben könnte. Aber alle Mädchen und Frauen erleben, daß die Gleichberechtigung der Frau nicht nur ein von der Verfassung verbrieftes Recht ist, sondern daß auch durch die Arbeiter-und-Bauern-Macht alle Voraussetzungen gegeben sind, dieses Recht in vollem Umfange wahrzunehmen. Alle Mädchen und Frauen haben die gleichen Bildungschancen wie die Jungen und die Männer. Seit langem ist das Prinzip „Gleicher Lohn für gleiche Leistung“ voll verwirklicht. In allen Betrieben und Institutionen gibt es Frauenförderungspläne, jeder dritte Volksvertreter in der Deutschen Demokratischen Republik ist eine Frau. Ein dichtes Netz von Kindereinrichtungen wurde geschaffen, um eine wichtige Grundbedingung zur vollständigen sozialen Befreiung der Frau und ihrer wirklichen Gleichstellung mit dem Mann – die Berufstätigkeit – zu ermöglichen. Umfangreiche sozialpolitische Maßnahmen dienen der Förderung der Familie und gewährleisten der werktätigen Frau und Mutter, ihre ersönlichen Anlagen und Fähigkeiten allseitig zu entwickeln.

Heute ist in der Deutschen Demokratischen Republik die Angst vor dem Alter bei der älteren Generation nur noch eine mehr und mehr verblassende Erinnerung, weil alle alten Bürger in dem Staat, den sie durch ihre fleißige Arbeit mitgeschaffen haben, eine hohe Wertschätzung geießen und vom Staat und der ganzen Gesellschaft umsorgt und unterstützt werden. Wo immer man auch in der Deutschen Demoratischen Republik hinschaut – in jedem Bereich des Lebens wird sichtbar, wie die Arbeiterklasse als entscheidende Kraft unter Führung ihrer revolutionären Kampfpartei die gesellschaftlichen Verhältnisse menschlich gestaltet hat und so die ganze Lebensweise der Menschen veränderte. Überall offenbart sich, daß der reale Sozialismus die Realität sinnvollen Lebens ist. [2]

WIDER alle Lügen und Verleumdungen gegen unser einstiges sozialistisches Vaterland hier ein paar Fakten zur Lebenslage einer Familie in der DDR, hier die Vorzüge der DDR auf einen Blick:

In der DDR
…gab es ein Recht auf Arbeit und keine Arbeitslosigkeit.
…hatte jeder Jugendliche eine kostenlose Schulbildung.
…war das Hochschul-Studium kostenlos und die meisten Studenten erhielten Stipendien, die nicht zurückgezahlt werden mussten.
…erhielt jeder Jugendliche nach Schulabschluß eine Lehrstelle.
…gab es nur eine Krankenkasse für alle; deshalb waren die Krankenkassenbeiträge niedrig.
…zahlten die Krankenkassen jede Arztbehandlung und jeden Krankenhausaufenthalt und alle vom Arzt verordneten Medikamente.
…lag die Sozialversicherung in den Händen der Gewerkschaften
…wurden die Löhne und die Arbeitsbedingungen im Rahmen des Arbeitsgesetzbuches durch die Betriebsleitungen und die Gewerkschaften gemeinsam festgelegt, d.h., die Arbeiter haben über ihre Gewerkschaft dabei mitentschieden.
…war gesetzlich festgelegt: Ob Mann oder Frau – gleicher Lohn für gleiche Arbeit!
…lag der Wohnungsbau in den Händen des Staates, der Kommunen oder der Betriebe und Genossenschaften. Er diente nicht der Profiterwirtschaftung, sondern der Schaffung von Wohnraum für die Bevölkerung.
…lagen deshalb die Mietkosten weit unter denen in der BRD.
…gab es keine Obdachlosen.
…gab es auch eine Armee, die Nationale Volksarmee (NVA). Aber die war nur zur Verteidigung gegen Angriffe da, nicht dazu, Angriffskriege zu führen, wie die Bundeswehr, die Angriffskriege geführt hat in Jugoslawien, in Afghanistan und dort noch immer Krieg führt. Die NVA dagegen hat niemals Krieg geführt; denn die DDR-Regierung hielt sich an das von ihr geprägte Wort: Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen!
(Siehe: http://sascha313.blog.de/2010/08/27/kurt-gossweiler-ddr-9261941/)

Angemerkt sei noch:
Das durchschnittliche Einkommen eines Arbeiters bzw. einer Arbeiterin betrug etwa zwischen 450 und 1300 M im Monat (bei geregelten 43,75 bzw. 42 Std./Woche). Eine Monatsmiete für eine Dreiraum-Neubauwohnung betrug so zwischen 60-80 M. Ein halber Liter Milch kostete 56 Pfennig, ein Brötchen einen Fünfer, eine Briefmarke kostete (ebenso wie eine Straßenbahn- oder S-Bahnfahrt durch die ganze Stadt) nur 20 Pfennig. So war das! Und die Einzelhandelspreise in der DDR waren überall gleich und blieben stabil.

Schlußbemerkung: Das Ganze ist hier keine Nostalgie, sondern erlebte Erinnerung. Und wenn hier nicht von Mauerbau, Stasi und Bürgerrechtlern die Rede ist, so waren das absolute Randerscheinungen im Leben der DDR, die freilich von von den westlichen Medien mehr und mehr hochgespielt wurden, und die schließlich das Faß zum Überlaufen brachten. Über die Ursachen der Zerstörung der DDR, über ihre inneren Probleme, deren Gründe, und über die wachsende Unzufriedenheit der Menschen wurde viel geschrieben. Nicht immer Wahres, oft sehr Subjektives – dennoch ist es aus heutiger Sicht, und nach vielen unguten Erfahrungen, der zunehmenden Kriminalität, der militärischen Gewalt in allen Teilen der Welt, unumgänglich und nicht aufhaltbar, daß dieser Kapitalismus und dessen Grundlage, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, die auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln beruht, endlich abgeschafft werden muß.

Quelle:
DDR – farbige Impressionen aus der Deutschen Demokratischen Republik, VEB Brockhaus Verlag Leipzig 1975.
[1] Freimut Keßner: DDR im Spiel der Farben, ebd.S.5.
[2] Ders., ebd., S.6f.
Bildquelle: ebd.

0

Das Bildungswesen der DDR bleibt maßgeblich: Margot Honeckers Erdenspur

Von Matthias Krauß

junge Welt vom 14.05.2016

via secarts

 

Wer kann schon mit einem Brief von seiner einstigen Volksbildungsministerin aufwarten? »Mit Interesse und Gewinn« habe sie mein Buch »Völkermord statt Holocaust« (2007) über den DDR-Literaturunterricht gelesen, schrieb mir Margot Honecker vor einigen Jahren. »In der so niveaulos geführten Diskussion über die Geschichte, über Faschismus, Rassismus und Antifaschismus in Deutschland ist Ihre Arbeit ein Lichtblick«.

Von 1963 bis 1989 leitete diese Frau besagtes Ministerium. Als sie am 6. Mai in Chile starb, griffen die Qualitätsmedien hierzulande dankbar auf, dass sie im Spiegel einmal »Hexe« genannt worden war. Der Umgang mit ihr nach dem Mauerfall glich tatsächlich einer Hexenjagd.

Selten genug werden Ostdeutsche gefragt, was sie von der DDR vermissen. Wenn doch, landet immer »das Bildungswesen« vorn. Dem liegt ein Vergleich zugrunde, der öffentlich nie stattfindet, der zwischen Margot Honeckers Fahnenappellschule und dem Bildungswesen von heute, in dem stattlich bezahlte Beamte keinen Zugang zu Kindern von Hartz-IV-Beziehern finden, wie auch? Wer arbeitslose Zwangsurlauber zu Eltern und Geschwistern hat, wird in Erwartung lebenslanger Armut kaum Interesse oder Freude am Lernen entwickeln.

Die Polytechnische Oberschule der DDR kann als wichtigste Erdenspur Margot Honeckers gelten. Von dieser modernsten Schulform, die es je in Deutschland gab, ließen sich PISA-Leuchttürme wie Finnland inspirieren. Warum wohl ist das selten Thema?

Margot Honecker war als Kind über kommunistische Verwandte mit Wolf Biermann bekannt, der sie bei allen kaum gezügelten Hassausbrüchen gegen die SED praktisch nie angegriffen hat. Sonderlich beliebt war sie in der DDR nicht. Ihr Auftreten war das einer Schneekönigin, das Bild von ihr als lustiger Frau im »Jugendlexikon« eher untypisch. Aber taugt das zum Vorwurf? Eine Volksbildungsministerin ist nicht dazu da, von möglichst vielen geliebt zu werden. Und was die Bildung des Volkes anbelangt, ist Margot Honecker nicht allzuviel vorzuwerfen. Das war zu DDR-Zeiten weniger klar als heute.

Kanzlerin Angela Merkel beispielsweise war ein Förderkind des DDR-Bildungswesens. In einer schwachen Stunde räumte sie mal ein, man habe damals als Schüler im Osten »ordentlich Physik und Chemie gelernt«. Doch sei Dankbarkeit »keine Kategorie, in der ich die DDR sehen kann«. Sich vorzugsweise an die unangenehmen Seiten ihrer Kindheit zu erinnern, steht ihr natürlich frei.

Zweifellos hat der DDR-Schulalltag mit seinen Appellen und Pioniernachmittagen disziplinierende Wirkung entfaltet. In Fächern wie Staatsbürgerkunde oder Geschichte und auch sonst fand eine geistig-weltanschauliche Beeinflussung mit dem Ziel statt, »vielseitig entwickelte sozialistische Persönlichkeiten« hervorzubringen, manchmal sogar »allseitig entwickelte«. Jetzt darf gelacht werden, aber diese Fröhlichkeit trägt ein dummes Gesicht. Denn geistig Pate stand hier das Menschenbild der Renaissance. Der Uomo universale, der allseitige Mensch.

Honeckers Wirken in einem deutschen Staat, der keinen Krieg begann, wird auf Staatsbürger- und Wehrkunde reduziert. Einen Einblick in die Übungen zur Zivilverteidigung an den DDR-Schulen gewährt Andreas Dresens Film »Als wir träumten« (2015). Es ging vor allem darum, wer bei der Mund-zu-Mund-Beatmung von den Mädchen der 10. Klasse geküsst wird. In der Hölle landeten viele Kinder erst nach 1989, vermittelt der Film.

Das DDR-Bildungswesen brachte klar denkende, selbstbewusste, den Mitmenschen achtende und politisch interessierte Bürger hervor. Mit einem Bewusstsein für Unterdrückung, Ausbeutung und Ungerechtigkeit. Man kam nicht nur in Chemie und Physik ordentlich voran, hielt Antifaschisten in Ehren.

Was die Ostdeutschen an ihrem Bildungswesen hatten, wurde vielen erst später klar. Nach Jahren war dem Springer-Blatt Die Welt zu entnehmen, seit der »Wende« sei der Intelligenzquotient ostdeutscher Kinder von 102 (über dem europäischen Durchschnitt) auf 95 (westdeutsches Niveau) gefallen. Welche Überschrift sollte man da wählen? »In Freiheit verblödet«? Der Welt-Autor mutmaßte jedenfalls, dass die BRD mit dem DDR-Schulsystem im PISA-Ranking nicht hinten, sondern vorne gelandet wäre. Solche Anfälle von Ehrlichkeit dürfen als Ausnahme gelten. Der Siegeszug der DDR-Pädagogik vollzieht sich klammheimlich. In den Osländern wurden wichtige Elemente wieder eingeführt: Verhaltensnoten, Zentralabitur, Reifeprüfung nach zwölf Jahren. Lehrer werden wieder mit einem Erziehungsauftrag ausgestattet, richten sich nach verbindlichen Lehrplänen usw.

Platon zufolge ist die Erziehung der Kinder zu wichtig, um den Eltern überlassen zu werden. Mit Blick auf Teile der Jugend unserer selbstbestimmt-autistischen Spaß- und Klassengesellschaft ist man geneigt, ihm das Ohr zu leihen.

Die DDR-Erziehung beruhte auf der materialistischen Weltanschauung, appellierte dabei in hohem Maß an Uneigennützigkeit und Gemeinsinn, trug mithin sehr idealistische Züge. Anlehnungen an das Christentum waren offensichtlich. Es gab die zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik wie auch die zehn Gebote der Jungpioniere. Oft und geduldig wurde erklärt, dass das kommunistische Menschenbild im urchristlichen wurzelt. Die Kirche aber blieb vom Staat getrennt, auch vom Schulwesen. Das nahm die DDR fast so genau wie Frankreich.

Mit einem breiten Angebot an Arbeits- und Sportgemeinschaften nahmen Margots Schulen die umständlich und halbherzig eingeführte Ganztagsschule der Gegenwart leichten Schrittes vorweg. Alle Kinder lernten im DDR-Schulsport schwimmen, das ist heute so wenig garantiert wie die obligatorische Wanderfahrt jeder Schulklasse. Kinder, die nicht aus Akademikerkreisen stammten, wurden gezielt gefördert, nicht als »bildungsfern« eingestuft. Staatsdoktrin war die Brechung des bürgerlichen Bildungsmonopols. Nichts könnte weiter entfernt sein vom heutigen Streben der »besseren« Kreise, ihre Nachkommenschaft vor intellektueller Konkurrenz »von unten« zu schützen. Nirgends in Europa bestimmt die soziale Herkunft so sehr die Bildungsergebnisse wie in Deutschland. Die »neuen Bundesländer« sind da keine Ausnahme mehr.

 

0

Von Prof. Dr. sc. med. Herbert Kreibich

RotFuchs, Mai 2016

Von den Eltern, Lehrern und Hochschullehrern wie auch durch ältere Freunde wurden mir im Prozeß des Erwachsenwerdens immer wieder Humanität und Rationalität als Maßstäbe menschlichen Denkens und Handelns vorgegeben. Das galt in privater, beruflicher und politischer Hinsicht. Wenn Bundeskanzlerin Merkel zur enormen Zuspitzung gesellschaftlicher Widersprüche in der BRD geradezu mantramäßig „Wir schaffen das!“ predigt, kommt mir unwillkürlich der Gedanke, daß sie das vielleicht nicht nur aus christlicher Nächstenliebe, sondern auch auf Grund ihrer Erfahrungen als eine in der DDR Aufgewachsene tut. Die humanitäre Komponente nehme ich ihr ab, die politische Rationalität fehlt jedoch völlig – nicht nur bei Angela Merkel, sondern mehr noch bei jenen, die sich als „politische Klasse“ der BRD verstehen.

Die ökonomisch gegenüber der Alt-BRD schwächere DDR hat mit ihrer Solidarität gegenüber Einzelpersonen, Gewerkschaften, staatlichen und kirchlichen Stellen unterentwickelter Länder, ausgebeuteten und verfolgten Menschen, Kämpfern gegen Kolonialismus und imperialistische Kriege Geschichte geschrieben.

Auch die derzeitige Asyl- und Flüchtlingspolitik besitzt auf ihre Weise Tradition. Geschürt durch Konflikte und Kriege sowie unter Ausspielung des vermeintlichen „Wirtschaftswunders“ wurden in der alten BRD in großer Zahl Ankommende, oftmals durch Schleuserbanden organisiert, vor allem zur Deckung des eigenen Arbeitskräftebedarfs gebraucht. Damals strömten sie aus Griechenland, Italien, der Türkei, Jugoslawien, Polen, Rumänien, Südkorea und Südvietnam in die weitaus wohlhabendere BRD. Gezielt wurden qualifizierte Fachkräfte aus der DDR in großer Zahl abgeworben. Besonders perfide war der von den traditionellen Einwanderungsländern USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, der Schweiz und Australien seit jeher betriebene „Brain drain“, die „intellektuelle Enthauptung“ der Herkunftsländer. Zu keiner Zeit stand echte Hilfe vor Ort einschließlich Hilfe zur Selbsthilfe in den Heimatländern der Flüchtlinge zur Debatte.

Als Arzt, der über einige Jahre Verantwortung für die Koordinierung der DDR-Solidaritätsleistungen auf diesem Gebiet trug, möchte ich im Folgenden knapp und sachlich schildern, auf welchen Gebieten unser untergegangener Staat zur Beseitigung des Flüchtlingselends und zum Zurückdrängen der Entsolidarisierung beitrug.

Die medizinische Hilfe der DDR erfolgte über staatliche, darunter auch kommerzielle Verträge oder Gesundheitsabkommen in Form umfangreicher materieller und finanzieller Solidaritätsleistungen ohne Gegenleistung über Nichtregierungsorganisationen.

Es gab derartige Unterstützungsleistungen u. a. für Empfänger in folgende Staaten in Europa: BRD, Berlin-West, Griechenland, Rußland, Spanien, Ukraine und Ungarn; in Asien: Indien, Irak, Jemen, Kambodscha, Laos, Mongolei, Nordkorea, Palästina, Syrien und vor allem Vietnam; in Afrika: Ägypten, Äthiopien, Algerien, Angola, Guinea Bissau, Kongo-Brazzaville, Libyen, Moçambique, Namibia, Sansibar und Pemba – später Tansania –, São Tomé und Principé, Simbabwe, Sudan und Südafrika; in Lateinamerika: Chile, Kuba und Nikaragua. Die Arten der Unterstützung waren vielfältig:

1. Politisch Verfolgten wurde Asyl gewährt, um in der DDR lernen, arbeiten und leben zu können. Hierzu gehörte auch die unentgeltliche medizinische Betreuung. (Als prominenteste Beispiele sind unter Tausenden griechischen Kommunisten, die ins DDR-Exil gehen mußten, die Professoren Kritsikis und Phoutopoulos von der Berliner Charité zu nennen.) Aus der alten BRD kamen nach dem KPD-Verbot und den Prozessen, die sich u. a. auch gegen die FDJ richteten, sowie nach dem berüchtigten „Radikalen-Erlaß“ ebenfalls Tausende Flüchtlinge in die DDR. Aus Chile konnten nach dem Pinochet-Putsch gegen Salvador Allende Tausende Verfolgte in die DDR entkommen, wo sie ein normales Leben führten. Unter ihnen war auch die derzeitige chilenische Präsidentin Michèle Bachelet, die in der DDR Medizin studierte und Kinderärztin wurde, sowie Allendes Gesundheitsminister Dr. Concha.

2. Tausende und aber Tausende Kriegs- und Bürgerkriegsopfer erhielten in DDR-Krankenhäusern oder durch chirurgische Behandlung in den Heimatländern durch Spezialisten der DDR medizinische Hilfe. Dies traf besonders für Indochina (Kambodscha, Laos und Vietnam), Nikaragua sowie Angola, Moçambique, Namibia und Südafrika zu. Nelson Mandela äußerte sich dazu in seiner Autobiographie mit Dank für die Unterstützung zahlreicher ANC-Kämpfer.

3. Es erfolgten medizinische Voruntersuchungen an Ort und Stelle sowie integrierte medizinische Betreuung innerhalb der DDR von mehr als 100 000 jungen Frauen und Männern aus Ungarn, Nordkorea, Vietnam, Laos, Kambodscha, Palästina, Algerien, Angola, Moçambique, Namibia, Südafrika und Kuba, die sich zur Berufsausbildung und zum Studium im Lande befanden. Die Ausgebildeten kehrten in ihre Heimat zurück, bauten ihr Land wieder auf, wobei einige heute führende Positionen in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik bekleiden.

4. Entwicklungshilfe vor Ort. Markante Beispiele sind dafür: Beim Bau der internationalen Erdgastrasse „Drushba – Freundschaft“ vom Ural nach Zentraleuropa betrieb die DDR in der RSFSR und in der Ukraine Ambulatorien und Arztpraxen für die Monteure, aber auch für die Zivilbevölkerung. Gleiches gilt für das Urwaldkrankenhaus Moatize (Moçambique), wo Ärzte und Schwestern aus der DDR zusammen mit einheimischem Pflegepersonal die Betreuung von Bergleuten und der Bevölkerung im Norden des Landes bis zum Sambesi sicherten. In Gouda (Äthiopien) wurde die Medizinische Fakultät maßgeblich von Wissenschaftlern und Ärzten der Leipziger Karl-Marx-Universität getragen.

Mit einem Aufwand von vielen Millionen Mark – überwiegend monatlichen Spenden von FDGB-Gewerkschaftern – wurde das „Karl-Marx-Hospital“ in Managua (Nikaragua) gegründet. Auf Jahre hinaus sicherten Ärzte, medizinisches und technisches Fachpersonal sowie ausgebildete „Nikas“ die unentgeltliche Versorgung auf hohem Niveau.

5. Nicht unbedeutenden Anteil an der solidarischen Unterstützung für die Entwicklungsländer, oft im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation, hatte eine Vielzahl von Experten, welche in einigen dieser Länder massenhaft verbreitete Erkrankungen und Seuchen (z. B. Tuberkulose, Malaria, Schlafkrankheit, Geschlechtskrankheiten, Trachom, Pocken, Lepra) bekämpften, Impfungen durchführten, diagnostische Medizintechnik einführten und die Landesbehörden bei der Planung und Organisation als Berater unterstützten.

0

14. April 2016

Willenserklärung der DKP Thüringen und Sachsen

Ausgehend vom Versuch der Landesregierung Thüringen, gebildet von einer Koalition aus Partei Die Linke, SPD und B90 / Die Grünen, die Kriminalisierung der DDR zu forcieren, wie im Bericht „Zu Stand und Weiterentwicklung der Aufarbeitung der SED-Diktatur in Thüringen“ zum Ausdruck kommt, erklären wir:

Nach allen Erfahrungen in Thüringen und anderen Bundesländern, in denen sich die Partei „Die Linke“ (PDL) als Regierungspartner anbietet oder gar Landespolitik „mitgestaltet“, ist nicht mehr damit zu rechnen, dass sich mit ihrer Hilfe eine Wende der Regierungspolitik gegen den Neoliberalismus vollziehen lässt. Im Gegenteil: Die PDL biedert sich den herrschenden Gegebenheiten an und ist deshalb nicht diejenige Partei, die die Lohnabhängigen – egal ob in Arbeitsverhältnissen, als Bezieher von ALG2 oder als Rentner – zur Wahrung und Durchsetzung ihrer Interessen brauchen.

Wir Kommunisten bestehen auf einer der Wahrheit verpflichteten Erinnerungskultur. Nicht nur um ihrer selbst Willen: Die Deutsche Kommunistische Partei ist programmgemäß eine revolutionäre Partei der Arbeiterklasse. Die DKP ist legitimer Kämpfer für die Interessen aller ausgebeuteten, ausgegrenzten, verarmten und besitzlosen Menschen in der BRD. Ihnen erklären wir: Mit der DDR entstand erstmals auf deutschem Boden eine antikapitalistische Gesellschaft, in der die private Aneignung des gesellschaftlich produzierten Reichtums abgeschafft und die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigt
wurde.

Unter der führenden Rolle der SED entzog die Macht des Volkes auf dem Gebiet der DDR jenen die Herrschaftsgrundlage, die im vergangenen Jahrhundert für irre Profite und Reichtum weniger die Welt in zwei verheerende Kriege mit abermillionen Toten, mit unendlichem Leid und bitterer Not gestürzt hatten. Dem deutschen und internationalen Kapital das Eigentum entzogen zu haben, das verzeihen uns die Bourgeoisie, insbesondere das Finanzkapital, und das Junkertum niemals. Ihre grenzenlose Wut darüber ist die schier unendliche Quelle für immer neue Hass- und Verleumdungstiraden und einer der Gründe, warum die Helfershelfer der heute Mächtigen die DDR so eifrig als „Unrechtsstaat“ verteufeln.

Daß sich Funktionäre der PDL scheinbar nahtlos dazu gesellen, zeugt von deren Verrat an den Interessen der ausgebeuteten, ausgegrenzten, verarmten und besitzlosen Menschen in der BRD. Der „Staat“ dankt dies mit wohlbezahlten Posten und
Pensionen.

Für die deutsche Arbeiterklasse und alle gleich ihr ausgebeuteten, ja auch verarmten und ausgegrenzten Menschen war, ist und bleibt die DDR – ihr konsequenter Antifaschismus, ihr Eintreten für Frieden, Entspannung und Abrüstung sowie die Verwirklichung elementarer sozialer Grundrechte – die größte Errungenschaft und Teil des humanistischen Erbes in der deutschen Geschichte. Für alle Menschen, die auch heute wieder unter den Bedingungen des Imperialismus leben und arbeiten, die Ausbeutung, Verarmung und Ausgrenzung erleben, ist die Erinnerung an die DDR und ihre positive Würdigung nicht nur eine Frage der historischen Wahrheit, sondern: Die DDR ist für sie eine geschichtliche Wirklichkeit, die zugleich eine Perspektive eröffnet auf ein besseres Leben. Für sie ist die DDR die einzige historische Alternative zum deutschen Imperialismus. Die antifaschistisch-demokratischen Veränderungen in der DDR entsprachen mehrheitlich den Interessen ihrer Bürgerinnen und Bürger; Volksbewegungen und Volksentscheide sind hierfür Beleg. Dies traf auch auf die spätere Orientierung eines sozialistischen Entwicklungsweges selbst zu.

Alle Verfassungen der DDR, besonders die durch einen Volksentscheid angenommene von 1968, enthielten nicht nur die traditionellen Menschenrechte, die politischen und Bürgerrechte, wie sie auch im Grundgesetz (GG) ihren Platz haben, sondern – im Gegensatz zum GG, dem solche Menschenrechte fremd waren und sind – darüber hinaus soziale und
kulturelle Menschenrechte, wie:

– das Recht auf Arbeit;

– das Recht auf unentgeltliche schulische und berufliche Bildung einschließlich der Hochschulbildung;

– das Recht auf unentgeltliche medizinische Versorgung bei Krankheit und Berufsunfähigkeit und

– alle anderen sozialen und kulturellen Menschenrechte

– solange es die DDR gab, ging kein Krieg von deutschem Boden aus!

Das alles weist der DDR einen hervorragenden, nicht auszulöschenden Platz in der deutschen Geschichte zu! Wessen sollten wir uns rühmen, wenn nicht der DDR (Peter Hacks). Wer den ausgebeuteten, verarmten und ausgegrenzten Menschen in Deutschland die Erinnerung an die DDR raubt und wer ihre positiven Errungenschaften historisch entstellt, der will das Wissen nehmen, dass eine sozialistische Alternative zum Imperialismus und ein besseres Leben möglich sind. Das Herausreißen geschichtlicher Tatsachen aus ihren gesellschaftspolitischen Zusammenhängen ist eine der Methoden zur Verteufelung der DDR mit dem Ziel, letztlich jeden Gedanken an eine nichtkapitalistische Zukunft zu diskreditieren.

Wir, die DKP Thüringen und Sachsen

– verteidigen mit aller Konsequenz diese historische Alternative.

– wenden uns scharf gegen die „Aufarbeitung“ der DDR als „Unrechtsstaat“ mit aktiver Unterstützung der PDL – wir verdeutlichen, wer hier im Interesse wessen handelt!

– unterstützen alle Bemühungen und Bestrebungen von Mitgliedern der PDL, dem Kurs der totalen Unterordnung der Parteipolitik unter die Kapitalinteressen Widerstand entgegen zu setzten. Wie sie betrachten auch wir die vorsätzliche Unterstützung der Geschichtsfälschung gegenüber dem Sozialismus, die dadurch bezweckte Delegitimierung der DDR durch die Herrschenden der BRD unter Zuhilfenahme der Dienste der PDL als empörend und eine Schande.

Ganz in diesem Grundverständnis liegt auch unsere Position zum „Gebrauch der Ereignisse um den 17. Juni 1953“. Der Kniefall wichtiger PDL-Funktionäre auch in dieser Frage belegt, wer hier Politik im Interesse wessen betreibt! Die herrschende Klasse darf jubeln – unter aktiver PDL-Mitwirkung wird ihr ein Feiertag beschert.

Aus den geschichtlichen Erfahrungen lernend richten wir den Blick nach vorn. Organisieren wir den Kampf gegen Imperialismus, Militarismus und Krieg als die Ursache für Existenzängste und Perspektivlosigkeit auch in der BRD.

Erheben wir unsere Stimme vernehmlich gegen Niedriglohn, Altersarmut und Hartz IV und „vor Ort“ gegen die lebensverschlechternde und bürgerunfreundliche Kommunalpolitik.

 

http://www.dkp-thueringen.de/

0

 

Von Dr. Ulrich Sommerfeld

RotFuchs, Heft April 2016

Der Palast der Republik befand sich am Berliner Marx-Engels-Platz und wäre am 23. April vierzig Jahre alt geworden. Symbol des „Unrechtsstaates DDR“, wurde er unter dem Vorwand der Asbestverseuchung zunächst geschlossen und später abgerissen. Seine Beseitigung war eine rein politische Entscheidung, die 2003 im Bundestag fiel.

Der Aufbau des Palasts begann im Oktober 1973. Die Baupläne dafür entwarf ein Kollektiv der DDR-Bauakademie unter Leitung von Heinz Graffunder. Der Palast wurde dort errichtet, wo einst das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Berliner Stadtschloß gestanden hatte. Er sollte ein großes modernes Gebäude werden, das sich in das Ensemble der historischen Berliner Mitte einpaßte.

Das Vorhaben erwies sich als nicht einfach, weil eine Art schwimmendes Fundament im sumpfigen Boden neben der Spree gebaut werden mußte. Viele Pfähle waren in den Untergrund zu rammen.

Die BRD ließ das Haus des Volkes …

Beim Aufbau des Palasts unterstützten Spezialkräfte der Nationalen Volksarmee die Bauarbeiter. Der Gebäudekomplex war planmäßig mit 250 Millionen DDR-Mark berechnet, kostete aber wahrscheinlich etwas mehr als das Doppelte. Im Unterschied zu heutigen Mega-Bauten der BRD, die oft die geplanten Kosten um ein Vielfaches überschreiten, wurde der Palast termingerecht eröffnet. Er hatte eine Länge von 180 und eine Breite von 86 Metern. Das Gesims war 25 und der Saalbau 32 Meter hoch. Die Foyers umfaßten mehr als 11 900 qm und dienten für Veranstaltungen. Im Großen Saal fanden bis zu 5000 Personen Platz. Im Palast konnte gegessen, getrunken, getanzt und Bowling gespielt werden. Es gab 13 gastronomische Einrichtungen, von denen das Palastrestaurant mit mehr als 300 Plätzen das größte war. Insgesamt hatte die Gastronomie des Palasts fast 1500 Plätze. Bekannt waren das Café Espresso, die Milchbar, die Bierstube, der Jugendtreff und das Spreerestaurant. Die Preise waren moderat, auch für kleine Einkommen erschwinglich. Etwa 1800 Angestellte sorgten für einen angenehmen Aufenthalt der Gäste.

Im westlichen Teil des Gebäudes befand sich die DDR-Volkskammer. Das DDR-Parlament, das auf der Grundlage einer vom Volk beschlossenen Verfassung gewählt wurde, bedurfte keiner Bannmeile.

Der Palast war ein Anziehungspunkt nicht nur für Hauptstadtbesucher, sondern auch für viele Berliner. Hier trafen sich Kinder und Familien. Entsprechend viele und sehr beliebte Veranstaltungen wurden durch die Mitarbeiter des Hauses organisiert.

Der Palast war das kulturelle Zentrum der Hauptstadt der DDR. Großer Beliebtheit erfreute sich das weithin bekannte Theater im Palast (TiP) mit seinen vielen erfolgreichen Inszenierungen, Erst- und Uraufführungen.

National und international bekannte Autoren stellten ihre Werke im Palast vor. Zu ihnen zählten Erwin Strittmatter, Christa Wolf, Heiner Müller, Günter Grass, Stanislaw Lem und Dschingis Aitmatow. Der Große Saal war immer gefüllt, gleich ob klassische oder Rockkonzerte oder Revuen auf dem Programm standen. Viele bekannte Musiker aus dem In- und Ausland traten im Palast auf, so die Puhdys, Silly, Ute Freudenberg, Harry Belafonte und James Last. Er beherbergte auch eine Reihe von Kunstwerken, die seit der „Wende“ in irgendwelchen Depots verschwunden sind. Wahrzeichen des Hauses war die Gläserne Blume von Reginald Richter und Richard Wilhelm. Im Foyer konnte man 16 Großgemälde betrachten. Zu ihren Schöpfern gehörten Willi Sitte, Werner Tübke, Walter Womacka, Bernhard Heisig, Wolfram Schubert, René Graetz und Günter Brendel. Im Palast fanden zahlreiche nationale und internationale Kongresse und Tagungen statt.

… in einen Trümmerhaufen verwandeln.

2006 begann der endgültige Abriß dieses herrlichen Gebäudes, nachdem der Palast bereits zuvor entkernt worden war. Das Haus des Volkes wurde in 78 000 t Schutt verwandelt. Die Abrißkosten sollen rund 120 Millionen Euro betragen haben. Der schwedische Stahl der Grundkonstruktion wurde zum Teil eingeschmolzen und an Volkswagen oder nach Dubai verscherbelt.

Sicherlich werden Hunderttausende einstige DDR-Bürger noch gute Erinnerungen an den Palast der Republik bewahren und an Kinder wie Enkel weitergeben. Er war eine bauliche und technische Meisterleistung, die einer einmaligen inhaltlichen Konzeption entsprang.

Im Areal, auf dem der Palast stand, lassen die Bundesregierung, das Land Berlin und eine ihnen dienende Stiftung jetzt die Attrappe des Stadtschlosses als ein Memorial des Preußentums aus Beton errichten. Es zeichnet sich ab, daß dieser Bau ein neues Millionengrab wird. Vorsichtshalber hat die Regierung der BRD die Kosten vorerst bei 590 Millionen Euro gedeckelt. Ein Haus des Volkes wird das umstrittene „Humboldt-Forum“ keineswegs, eher eine Inszenierung reaktionärer deutscher Selbstverklärung.

Seite 1 von 712345...Letzte »