01Ich wuerde gerne betroffen reagieren koennen nach dem Anschlag in Paris.
Aber wie soll ich das, wenn ich folgende Saetze lese wie hier in der FAZ.

Tatsächlich muss sich niemand wundern, dass sich immer mehr Menschen vor dem Islam fürchten. In seinem Namen und unter Berufung auf den Koran werden Angst und Schrecken verbreitet. Die dünnen Stimmen, die bestreiten, dass der „Islamische Staat“ und andere Terrororganisationen das wahre Gesicht des Islam darstellten, werden immer wieder von den Explosionen der Bomben und den Schreien der auf bestialische Weise Ermordeten übertönt.

In meinem Kopf schreibt sich das um. Wie waere es denn so?

Tatsächlich muss sich niemand wundern, dass sich immer mehr Menschen vor dem Westen fürchten. In seinem Namen und unter Berufung auf Menschenrechte werden Angst und Schrecken verbreitet. Die dünnen Stimmen, die bestreiten, dass die NATO und andere Terrororganisationen das wahre Gesicht des Westens darstellten, werden immer wieder von den Explosionen der Bomben und den Schreien der auf bestialische Weise Ermordeten übertönt.

Wo blieben der Aufschrei und das weltweite Entsetzen, wenn die aus Deutschland gesteuerten Drohnen des Friedensnobelpreistraegers Obama in Afghanistan, Pakisten, Jemen oder Somalia Frauen und Kinder massakrieren, ja sogar ganze Hochzeitsgesellschaften ausloeschen. Wo bleiben Aufschrei und Entsetzen, wenn vor den Toren der Festung Europa Fluechtlinge im Mittelmeer zu Tausenden ersaufen. Menschen, von denen nicht wenige auch vor Obamas Drohnen fliehen. Wo blieb der Aufschrei in Deutschland, als der Massenmoerder von Kundus zum General befoerdert wurde.

Ja, ich merke, dass ich an Menschlichkeit verliere. Mein Verstand sagt mir, auch die Veroeffentlichung rassistischer Karikaturen ist kein Grund, Menschen zu ermorden. Mein Verstand appelliert an mein Mitgefuehl. Mein Gefuehlsapparat ist aber zu beschaeftigt, den Ekel niederzuringen, den die ungeheure Welle an Heuchelei in mir ausloest.

Ein Anschlag auf die Meinungsfreiheit? Dieser Anschlag auf die Meinungsfreiheit findet doch tagtaeglich und aeusserst erfolgreich in den wenigen grossen Medienkonzernen mit ihrer politischen Gleichschaltung statt, egal ob das durch Druck oder durch Ueberzeugung geschieht. Nur weil bei diesem Anschlag kein Blut fliesst, ist er nicht harmlos oder weniger wirklich. Ich betrachte mir die ganze Woge an verordnetem Mitgefuehl und ich kann den Rassismus, der sich darin ausdrueckt, nicht verdraengen. Es geht nicht mehr.

Ich weiss, dass es ein individueller Faktor ist, wann die Schwelle ueberschritten ist, und dass eigentlich die jahrelange Heuchelei des Westens haette reichen muessen. Das ganze Getue von Menschenrechten, waehrend es keine Sau interessiert, wenn Menschen anderer Hautfarbe erschossen, ausgehungert, vergiftet oder sonstwas werden, damit die Profite der weissen, westlichen Welt nicht leiden muessen.

Ich winde mich, wenn ich den Satz hoere: „Das ist ein Anschlag auf uns alle.“ Ich sehe mir an, wer in diesen Reihen steht und ich will nicht an deren Seite stehen. Mein Verstand sagt mir, dass ich nicht besser bin als sie, dass jedes menschliche Leben den gleichen Wert und jedes menschliche Leid das gleiche Mitgefuehl verdient hat. Mein Gefuehl aber sagt: trauert ihr doch. Das sind nicht meine Leute, das waren eure. Mein Gefuehl laeuft auf Automatik, wenn die herrschende Meinung die Klagegesaenge einschaltet. Es wendet sich ab.

Es gibt nach wie vor die rationale Ebene, die nuechtern anmerkt, dass ein Anschlag durch Bewohner Frankreichs auf andere Bewohner Frankreichs zuerst einmal ein Ausdruck der sozialen Verhaeltnisse ist und nicht religioeser Konflikte, selbst wenn eine religioese Maske darauf liegt. Dass die Verknuepfung dieses Anschlags mit dem Islam an sich wieder nur skrupellos genutzt wird, aus dem Tod von zwoelf Menschen eine propagandistische Bestaetigung einer fiktiven Wertegemeinschaft zu gewinnen, die alle Widersprüche in einer auf „Werte“ gegruendeten Volksgemeinschaft aufloest. Der Verstand dagegen wuenscht sich eine gruendliche Analyse.

Das Gefuehl aber ist leer und muede und viel zu sehr mit dem Ekel beschaeftigt, um noch Raum fuer Anderes zu haben und verweigert dem Verstand die Geduld, die fuer eine solche Betrachtung noetig ist. Fuer das Gefuehl ist die Welt schon lange in zwei Teile zerbrochen, an einer erratischen Linie vielleicht, aber sie ist zerbrochen. Das Gefuehl sagt, sollen sie ihre Toten beweinen, ich beweine meine.

Viele Gruesse
Cathrin

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Übernommen von Vietnam zwischen Tradition und Moderne