DKP
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Ein Diskussionsbeitrag zum „Aufruf der DKP zum 70. Jahrestag der Befreiung vom deutschen Faschismus“

Dieser Aufruf beinhaltet eine Menge Ansätze des Widerspruchs. Auf einen Abschnitt will ich mich beschränken.
Unter der Zwischenüberschrift „Verantwortung übernehmen für neue Kriege?“ folgen im Aufruf die Sätze: „Die faschistischen Aggressoren standen für die Ideologie und die Macht der Feinde aller demokratischen Freiheiten, für Rassismus, Pogrome und imperialistische Aggression. Die Überfallenen verkörperten die sozialistische Oktoberrevolution von 1917, den Sturz der kapitalistischen Ausbeutung und die Absage an imperialistische Kriege.“
Welche inhaltliche Verbindung gibt es zwischen diesen Aussagen? Auf welche Länder bezieht sich der letzte Satz? Verkörperten die überfallenen bürgerlichen Staaten West-, Nord- Ost- und Südeuropas die Oktoberrevolution? Bezogen auf die Staaten sicherlich nicht. Auf die Arbeiterklasse bezogen? Da gab es zweifellos den revolutionären Teil, der politisch die Oktoberrevolution verkörperte. Überfallen wurde aber nicht nur dieser revolutionäre Teil der Arbeiterklasse; überfallen wurden alle Klassen und soziale Schichten der Bevölkerung – abgesehen von den Quieslingen und Kollaborateuren.
Oder meint die PV-Mehrheit, eigentlich ging es dem deutschen Faschismus nur um die Sowjetunion. Und die übrigen Länder waren eigentlich keine Objekte „imperialistischer Aggression“, sondern nur feindliches Hinterland, das befriedet werden musste? Aber was soll dann die Feststellung, dass der Faschismus Feind „aller demokratischen Freiheiten“ war?
Auch die im Aufruf verstümmelte Definition des VII. Komintern-Kongresses 1935 besagt, dass es dem deutschen Finanzkapital um mehr ging als die Sowjetunion.
Möglich ist auch, dass den Befürworter_innen des Aufrufs solche Widersprüche unwichtig sind. Die revolutionäre Phrase entwickelt sich zum politischen und historischen Unsinn.
Anschließend wird im Text auf die Rolle Stalins hingewiesen.
Auf … „die besondere Unmenschlichkeit der Kriegsziele der deutschen Aggressoren (. Darauf) verwies der sowjetische Oberkommandierende und Vorsitzende des Staatlichen Verteidigungskomitees, J. W. Stalin, im belagerten Moskau am 24. Jahrestag der Oktoberrevolution in seiner Rede auf dem „Roten Platz“. Er zitierte vor den sowjetischen Armeeeinheiten aus einem Appell des deutschen Oberkommandos an die deutschen Soldaten. Darin hieß es: »Habe kein Herz und keine Nerven, man braucht sie im Kriege nicht. Vernichte in dir Erbarmen und Mitleid – töte jeden Sowjetrussen, mach nicht halt, auch wenn du einen Greis oder eine Frau, ein kleines Mädchen oder einen Jungen vor dir hast – töte, denn dadurch rettest du dich vorm Untergang, sicherst die Zukunft deiner Familie und erwirbst dir ewigen Ruhm.«“
Um „die besondere Unmenschlichkeit der Kriegsziele der deutschen Aggressoren“ im Großen Vaterländischen Krieg darzustellen, wird Stalin zitiert. Selbst in bürgerlichen Kreisen sind heute die Verbrechen der Wehrmacht bekannt, spätestens seit es die gleichnamige Ausstellung gibt. Und das Wüten von SS und weiteren Einheiten ist ja schon länger bekannt. Selbst der ZDF-Geschichtsfälscher Kopp kann das nicht verdrängen.
Stalin wird mit einem Zitat des Oberkommandos der Wehrmacht zitiert. Wenn es um den Wehrmachtsbefehl ginge, warum musste dazu Stalin bemüht werden; mit seinem vollen militärischen Rang wird er vorgestellt. Es ist völlig offensichtlich: Stalin musste als positive Persönlichkeit genannt werden.
Auf der Grundlage des Personenkultes war es Stalin mit der Ausrufung des Großen vaterländischen Krieges zweifellos gelungen, alle Kräfte der Völker der Sowjetunion zu mobilisieren. Die verbreitete Auffassung, ohne Stalin wäre die Befreiung nicht möglich gewesen, hat sicherlich ihre Berechtigung.
Das Verhältnis der militärischen Führung zu Stalin als sowjetischer Oberkommandierender und Vorsitzender des Staatlichen Verteidigungskomitees hat Marschall Schukow in seinen Erinnerungen benannt: „Stalin war für uns alle die höchste Autorität, und niemand hätte auch nur im entferntesten an seinen Überlegungen und Lageeinschätzungen gezweifelt.“ (S. 249) Die Tragödie für die Sowjetunion, die sich daraus ergab, ist in dem Buch sachlich dargestellt.
Denn der Krieg begann nicht erst am 24. Jahrestag der Oktoberrevolution, als die faschistischen Truppen vor den Toren Moskaus standen. Der Angriff begann am 22. Juni 1941. Die militärische Aufklärung der Roten Armee an der Westgrenze hatte von Februar an eine beständige Verstärkung der faschistischen Verbände und die Vorbereitung eines Angriffes festgestellt. (siehe Schukow, ab Seite 256) Sowjetische Kundschafter hatten der Sowjetregierung im Juni den bevorstehenden Angriff übermittelt; Richard Sorge hatte aus Tokio das Datum des Überfalls gemeldet. In den Tagen vor dem 22. Juni hatten die Aufklärer der Einheiten der Roten Armee, auch durch gefangene und übergelaufene Wehrmachtssoldaten, den unmittelbar bevorstehenden Angriff festgestellt.
Es ist bekannt, dass Stalin davon überzeugt war, dass Deutschland nicht wirklich angreifen würde, sondern nur provozieren würde. Selbst im Befehl an die westlichen Militärbezirke am Abend des 21. Juni zur Herstellung der Gefechtsbereitschaft wird vor Provokationen gewarnt.
Marschall Schukow lehnt jegliche Verantwortung für die militärische Tragödie ab; er bleibt in seinen Erinnerungen und Gedanken widersprüchlich. Zu den Berichten der sowjetischen Kundschafter über den bevorstehenden Kriegsbeginn, die nach Stalins Tod bekannt wurden, schreibt er: „Mit aller Verantwortlichkeit erlaube ich mir zu erklären, dass dies Hirngespinste sind. Die Sowjetregierung, der Volkskommissar für Verteidigung, und auch der Generalstab haben, soweit mir bekannt ist, über Angaben dieser Art nicht verfügt.“ (S. 271)
Einige Seiten davor jedoch heißt es: „Ich kann nicht genau sagen, ob Stalin wahrheitsgetreu informiert war, ob ihm der Termin des Überfalls wirklich mitgeteilt worden war. Stalin hat mir und dem Volkskommissar für Verteidigung keine wichtigen Informationen dieser Art, die ihm eventuell persönlich zugingen, mitgeteilt. Einmal sagte er mir allerdings: »Jemand übermittelt uns sehr wichtige Angaben über die Absichten der Hitlerregierung. Wir haben jedoch einige Zweifel. …« Wahrscheinlich meinte er Richard Sorge, … von dem ich erst nach dem Krieg erfuhr.“
Wer hat nun die Verantwortung für den Zusammenbruch der sowjetischen Front nach dem 22. Juni 1941? Wer, wenn nicht der Generalsekretär der Partei und Oberkommandierende der Roten Armee, J.W. Stalin, der seine völlig falsche politische und militärische Lagebeurteilung durchsetzte. Verantwortlich sind zweifellos auch der sowjetische Generalstab und der Kriegsrat, die unter den Bedingungen des stalinschen Systems und Personenkults handlungsunfähig waren.
Es ist nicht wahrscheinlich, dass den Autoren des Aufrufs die historischen Ereignisse unbekannt sind. Es ist nicht wahrscheinlich, dass der Mehrheit, die dem zugestimmt hat, dies unbekannt ist. Und wenn: PV-Mitglieder sollten wissen, was sie beschließen.
Es gibt keinerlei Gründe, den Stalin-Kult auch nur annähernd wiederzubeleben. Dieser Aufruf ist zum Schaden der DKP.

Quelle: G.K. Schukow, Erinnerungen und Gedanken; Berlin 1976, Militärverlag der DDR; Bd. 1

Marschall Schukow war zu Beginn des Großen Vaterländischen Krieges Chef des Generalstabes und Mitglied des Kriegsrates und wurde schließlich Stellvertreter des Oberkommandierenden

Autor

Rainer Dörrenbecher

Mitglied des Bezirksvorstandes Saarland der DKP

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