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Zu einem Buch von Wolfgang Neugebauer

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Die Rote Armee in Wien

Der in der Nacht vom 11. zum 12. März 1938 von der Kommunistischen Partei Österreichs an alle Österreicher und an die Völker Europas und der Welt erfolgte Aufruf zum Widerstand gegen die Annexion Österreichs durch Deutschland war nicht zuletzt auch ein Aufruf an die ÖsterreicherInnen zum Widerstand aus eigener Kraft. Hat dieser Aufruf irgendeine Resonanz erzielt und hat es in Österreich in den Jahren 1938 bis 1945 einen relevanten Widerstand gegen die deutsche Herrschaft gegeben?

Eine nicht gern gehörte Antwort geben die späteren österreichischen Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger (1915-2000) und Kurt Waldheim (1918-2007). Der Katholik Kirchschläger, Bundespräsident 1974 bis 1986, hat als Hauptmann und Taktiklehrer der deutschen Wehrmacht in der Offiziersschule Wiener Neustadt am 31. März 1945 es als seine Pflicht angesehen, ein letztes Aufgebot von etwa 1200 Fahnenjunkern gegen die zur Befreiung Wiens angetretenen Sowjets anzutreiben, auch mit der Absicht, die in Flucht befindlichen Teile der SS-Armee von Sepp Dietrich aufzuhalten. Der Katholik Kurt Waldheim, Oberleutnant im Stab des verurteilten und hingerichteten Kriegsverbrechers Alexander Löhr und Bundespräsident 1986 bis 1992, verkörpert die österreichische Lebenslüge, wenn er sagte: „Ich habe im Krieg meine Pflicht erfüllt, wie hunderttausende Österreicher auch“. Da war nirgends eine Abgrenzung vom NS-Regime und dessen Kriege, da war kein Bedauern über die Opfer der Verfolgung und kein Wort über den österreichischen Widerstand zu hören, vielmehr hat sich Waldheim selbst als das Opfer einer ungeheueren Verleumdungskampagne hingestellt.

Waldheim und Kirchschläger sind Repräsentanten jener Österreicher, die es sich immer gerichtet haben. Heute ist das Bundespräsident Heinz Fischer, der in dieser österreichischen Tradition steht und zeit seines sozialdemokratischen Lebens es nie für nötig erachtet hat, sich mit erkennbarem Engagement mit den Befreiungs- und Widerstandskämpfern in der Welt seit 1945 zu solidarisieren. Schon das Land der brennenden Kinder war ihm als österreichischer Kadersozialist in seiner Studienzeit in den USA keine Solidarität wert. Aber es gibt ein anderes Österreich und dazu gehören mit den Arbeitern und den Bauern die vielen tausenden Männer und Frauen des heroischen Widerstandes gegen den Faschismus in seiner deutschen Ausformung!
Wolfgang Neugebauer (*1944) zeigt in seinem 2008 erstmals und jetzt überarbeiteten und neu erschienenen Werk, dass es einen im Volk wurzelnden österreichischen Widerstand gegeben hat. Der Autor verdient alle Anerkennung, weil er durch seine Forschungen und die Art seiner Präsentation erheblich dazu beigetragen hat, dass die Widerstandsforschung aus ihrer jahrzehntelangen Defensive herausgetreten ist. Es hat in Österreich lange, viel zu lange gedauert, dass umfassende Forschungsarbeiten zur Geschichte des österreichischen Widerstandes politisch und in der akademischen Welt überhaupt zur Kenntnis genommen wurden.

Ein zu Anfang der 1960er Jahre lanciertes und gut finanziertes Projekt der österreichischen Bundesregierung zur geschichtlichen Darstellung des Beitrages von Österreich zu seiner Befreiung im Sinne der Moskauer Deklaration (1943) ist mehr oder weniger missglückt. Christian Broda (1916-1987), legendärer österreichischer Sozialdemokrat und Justizminister (1960 bis 1966 und 1970 bis 1983), hatte verlangt, die Namen der Nazirichter – sie waren nach 1945 ja meist in ihrem Amte geblieben – aus der geplanten Dokumentation zu löschen, und Bruno Kreisky (1911-1990), legendärer österreichischer Sozialdemokrat und Bundeskanzler (1970 bis 1983), wollte zeitnahe kommunistische Publikationen von vorneherein als Quellen ausschliessen. Die zu Anfang dieses Projekts beteiligten Historiker wie Karl Stadler (1913-1987) oder Ludwig Jedlicka (1916-1977) haben sich an diese politischen Vorgaben gehalten. Neugebauer stellt fest: „Es ist evident, dass diesen massiven Interventionen Rechnung getragen worden ist“. (S. 17) Er selbst dokumentiert seriös die auf „Massenwiderstand zielenden kommunistischen Aktivitäten“ (S. 116) und insgesamt die grausamen Opfer des deutschen Justizapparats in Österreich.

Neugebauer war kein Assistent von dem aus der Emigration zurückgekehrten und seit 1968 als Zeithistoriker in Linz tätigen Karl Stadler. Stadler hat mit seiner opportunistischen und jedenfalls scharf antikommunistischen Haltung den karrierebewussten linken Historikernachwuchs nachhaltig infiziert. Neugebauer ist nach seinem Studium an der Wiener Universität und nach Abschluss seiner Dissertation beim Zeithistoriker Ludwig Jedlicka 1969 in das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) in Wien als Mitarbeiter eingetreten. Dieses war geprägt vom wissenschaftlichen Denken seines Gründers und Leiters Herbert Steiner (1923-2001) und vieler freiwilliger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem österreichischen Widerstand. Nach seiner Rückkehr aus dem Exil in Großbritannien, wo er sich in Young Austria und im Free Austrian Movement betätigt hat, war der Kommunist Steiner einige Jahre in der demokratischen Jugendarbeit in Wien beschäftigt gewesen und hat als Autodidakt der Geschichte seit 1959 mit dem Aufbau eines Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (Altes Rathaus, Wipplingerstraße) begonnen. Von Anfang an hat Steiner alle im Widerstand tätig gewesenen und an diesem interessierte Kräften in die Arbeit eingebunden.

Steiner wusste, dass es in Wien ohne akademische Titulatur nicht gehen würde. Ohne viel formale Hürden hat ihm die Prager Universität ermöglicht, mit seiner unter Benützung auch von tschechoslowakischen Archiven entstandenen Arbeit „Zur Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung 1867-1889“ 1963 zu promovieren. Steiners Doktorarbeit wurde 1964 gekürzt und etwas anders strukturiert gedruckt. Im selben Jahr erfolgte die offizielle Gründung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW), Steiner wurde sein Sekretär und wissenschaftlicher Leiter. 1982 hat sich Steiner sogar noch die Habilitation an der Wiener Universität angetan, um seinem Nachfolger Neugebauer den akademischen Weg irgendwie zu erleichtern.
Neugebauer kam 1969 nicht in eine etablierte wissenschaftliche Institution, sondern in eine auf schwer einzutreibende Förderungsmittel angewiesene Organisation, deren wissenschaftlicher Prozess noch offen war und da und dort sabotiert worden ist. 1982 schreibt Stadler an seinen früheren Konkurrenten Steiner: „Du weißt, was ich von dem mittleren Wunder halte, das Dir in der Form des DÖW aufzubauen gelungen ist; von Deiner mustergültigen Betreuung aller unserer jüngeren Freunde; und von Deiner eigenen wissenschaftlichen Tätigkeit“.

Das DÖW steht am Beginn der Erforschung des Widerstandes in Österreich. Steiner war auch der Wiener Ansprechpartner der 1964 in Wien installierten Internationalen Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung (ITH), die in ihrer Blütezeit wesentlich dazu beigetragen hat, dass die Geschichte der Arbeiterbewegung als eine selbständige Disziplin der historischen Wissenschaften gegolten hat.

Die vielfältigen nationale und internationale wissenschaftliche und wissenschaftspolitische Erfahrung, die Neugebauer am DÖW gewonnen hat, spiegelt sich in seiner Arbeit wider. Er verschweigt seine antibolschewistischen Vorbehalte nicht (S. 132 f.), aber Neugebauer ist weit dasvon entfernt, Meinungen und Handlungen des Widerstandes moralisch zu gewichten. Der Widerstand einzelner Menschen, die nur nicht mitmarschieren wollten, ist ihm ebenso wichtig wie der Widerstand von in der KPÖ organisierten Menschen, die ihr Leben für die Zukunft eines menschlichen Zusammenlebens einzusetzen bereit waren. Es ist Grundeinstellung von Neugebauer wie sie die Grundeinstellung des DÖW auch unter seiner Leitung (1983-2004) gewesen ist, „dass der Widerstand in seiner Vielfalt, in seiner ganzen Breite und Tiefe, in all seinen Formen und Dimensionen, aber auch in seinen Problemen und Fehlern zu zeigen ist“ (S. 133).

Der österreichische Widerstand hat zur Befreiung Österreichs nicht wesentlich beigetragen, Österreich hat sich nicht wie Jugoslawien selbst befreit. Auch die Hoffnung des österreichischen Widerstandes, durch sein historisches Beispiel im befreiten Österreich gegen Manipulation und Entfremdung einzuwirken, wurde aus verschiedenen Gründen nirgends realisiert. Da und dort wird mühsam und mit leerem Gerede an Gedenktagen oder aus politischem Kalkül die Erinnerung an den Widerstand gepflegt, aber nirgends wird von den politischen Eliten der österreichische antifaschistische Widerstand dadurch der Zeit angemessen geehrt, indem Partei ergriffen wird für den Kampf in der Welt gegen alle Formen von Unfreiheit und Diskriminierung, gegen Krieg, Todesstrafe, Folter und Terror. Das Gegenteil ist der Fall. Österreich gehört mit Deutschland zu jenen korrumpierten Ländern, welche die Erinnerung an Auschwitz und die Verbrechen der Nazizeit so deuten und nutzen, als ob es eine längst vergangene, wenngleich sehr schreckliche Angelegenheit sei. Dem Auschwitz im neuen Paradigma der Gegenwart kommt keine zentrale Bedeutung bei. Diese Überlegung kommt dem Befreiungstheologen Jon Sobrino SJ bei seinem Blick auf und in die „Zivilisation des Reichtums“ in den Sinn. Sechs seiner Mitbrüder sind am 16. November 1989 wegen ihres Widerstandes gegen den US-Imperialismus in der Kommunität in El Salvador hingerichtet worden, er selbst war an diesem Tage zufällig auswärts. Yuli Novak, die als Offizierin in der israelischen Luftwaffe gedient hat, klagt als Geschäftsführerin von Breaking the Silence, wie die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) in den besetzten Gebieten „gezielte Tötungen“ vornehmen und Kampfmethoden entwickeln, „die zur Tötung von Hunderten von unschuldigen Zivilisten führen, einschliesslich Kindern und Säuglingen“. Der palästinensische Widerstand gegen den Würgegriff des Besatzungsregimes wird wie der kurdische Widerstand gegen das türkische Besatzungsregime im Europa des Hegemons Deutschland als Terrorismus eingeschätzt und verurteilt. Zahl und Leid der Opfer einer unmenschlichen Politik verschwinden hinter einer die Hitlerzeit noch übertreffenden ungeheueren Medienmanipulation.

Das Buch von Neugebauer ist auf dem Hintergrund dieses unseres Zeitgeschehens zu lesen, erst dann ist es viel mehr als ein Buch im Meer der Bücher.

Neugebauer, Wolfgang – Der österreichische Widerstand 1938-1945.
Überarbeitete und erweiterte Fassung.
Hardcover,  352 Seiten, ISBN: 978-3-902494-74-0;
Preis:  € 25,-/SFR 43,-


Gerhard Oberkofler 

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