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TINA …

Gerald Schwember im Berliner Anstoß , Oktober 2015

„Schwember hat das Wort“:

Manchmal weiß ich wirklich nicht …
… sind sich Politiker eigentlich immer im Klaren
über die Dinge die sie gelegentlich so bedenkenlos in die Welt posaunen?

 

Ginge das überhaupt, wo sie nach eigenem Bekunden nichts wissen? Also nichts gewusst hatten. Zum Beispiel in diversen Untersuchungsausschüssen. Hier: BER! Null Ahnung vom kriminellen Geschäftsmodell Imtech! Oder dort: NSU! Wie, was, rechte Terror-Netzwerke, ja gibt’s den sowas? Da bleibt eben nur der Glaube, wenn nichts gewusst wird. Oder geglaubt wird, nichts zu wissen. Oder gewusst wird, nichts gewusst zu haben und auch weiterhin nichts zu wissen.

Weshalb auch nicht gewusst wird, dass Sokrates mit „ich weiß, dass ich nichts weiß“ seine Bescheidenheit der Erkenntnisfähigkeit hinsichtlich Tugend und Moral zum Ausdruck bringen wollte. Ach ja, die Bescheidenheit! In Sachen Bescheidenheit kennen sich Politiker schon mal ganz speziell aus. So manche abgeordnete Plaudertasche bescheidet sich plötzlich und schweigt! Was ist geschehen? Dann ist es vielleicht wichtig geworden, dass der Abgeordnete nichts wissen darf. Und die Staatsräson war bei ihm und machte ihm klar: „Nöö, hier wird nicht geplaudert.“ Die Staatsräson ist ja überall, in den Sitzungssälen, im Abgeordnetenbüro. Wenn früher so ein Volkszertreter die Cognacflasche noch allein aus seinem Schreibtisch angelte, ist jetzt – schwups – die Staatsräson schon da und schenkt ein. Weil aber die Staatsräson etwas zu bürgerfern daher kommt, wird sich ihrer öffentlich weniger bedient. Dann muss ihr Neffe herhalten – der Sachzwang! Der ist auch allenthalben zu finden. Macht der Abgeordnete die Klotür auf – peng – der Sachzwang sitzt schon da. Auf bohrende Fragen folgt der Sachzwang wie Harndrang. Und wo der landauf, landab Sachzwang, ist auch seine Zwillingsschwester nicht weit: die Alternativlosigkeit! Gelegentlich allerdings taucht ein unberechenbares Das wie aus dem Nichts auf. Das Gewissen! Na gut, beim Anzetteln von Kriegen und Mitmischen beim lustigen Bombenwerfen ist es gerade mit einer Heckler & Koch – Pauschalreise in Urlaub. Irgendwann aber macht sich dieses lästige G angesichts von Katastrophen, Elend, Not und Flüchtlingsströmen dummer Weise im Volk breit. Schon wird die Staatsräson hellwach, flüstert geschwind dem Politiker zu: „Gewissen zeigen!“ Doch woher nehmen? Das schwere Ding kann Mensch ja nicht pausenlos mit sich rumschleppen. Weshalb es ja auch sicher eingelagert wurde, z.B. bei der Deutschen Bank, oder bei Krauss-Maffei. Da liegt das Gewissen gut und sicher. So von der Last des Gewissens befreit erfährt der Politiker die tiefe Bedeutung der Gewissensfreiheit! Jetzt aber muss Gewissen gezeigt werden! Also gut, dann holt sich der Politiker mal eine kleine Dosis von der Bank und das hört sich dann so an: „Mit sprachlosem Entsetzen und voller Abscheu …. in tiefster Trauer und voller Mitgefühl für ….!“ Und so weiter und so fort. Das funktioniert immer noch. So wie die vorweihnachtlichen Spendenshows! Ein Herz für tralala, auch das Merkelchen ist da!

Nach dieser Pflichtübung taucht die politische Welt aber wieder in den Alltag ein. Die deutsche Journaille hat längst einen anderen Tsunami in den Mittelpunkt ihrer Nachrichten gestellt. Und auch die Politikerinnen und Politiker haben ihre alltäglichen Termine. Mit der Staatsräson über die Freiheit schwadronieren; mit dem Sachzwang und Freunden aus der Chemieindustrie im Adlon speisen oder auch mit der Alternativlosigkeit ins Bett gehen… Einige sollen auch in die Kirche gehen, Wegen des Glaubens, als Gewissheit, wenn sie sonst schon nichts wissen. Also, manchmal weiß ich wirklich nicht …

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