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Arbeiterinnen united: Zu diesem Netzwerk gehören Näherinnen aus dem Süden und Verkäuferinnen aus dem Norden der Welt

 

Von Gudrun Giese

publik

Was verbindet die Näherin einer Textilfabrik in Bangladesch mit einer Verkäuferin bei H&M in Deutschland? Nicht nur die Billigklamotten, die die eine herstellt und die andere verkauft. Auch die Arbeitsbedingungen beider sind schlecht, ihr Lohn reicht hier wie dort kaum zum Leben, und gewerkschaftliches Engagement wird vom Arbeitgeber äußerst ungern gesehen. Umso wichtiger ist es, die Gemeinsamkeiten entlang der Produktions- und Lieferkette im Textilhandel deutlich zu machen, heißt es bei ver.di und dem von der Gewerkschaft mitgetragenen Netzwerk „ExChains“.

Die Wortkreation spielt mit dem Doppelsinn. Das englische „Exchange“ heißt zu Deutsch Austausch, „ExChains“ meint so viel wie „Fort mit den Ketten“. Das Netzwerk steht für beides. Anfang November wurden wieder die katastrophalen Arbeitsbedingungen in Textilfabriken Bangladeschs und Indiens in den Mittelpunkt gerückt: Anlässlich einer Betriebsrätekonferenz beim Textilhändler Zara in Hannover waren Prathiba Ramantha von der indischen Gewerkschaft Garment and Textile Workers Union und Hira Biswas von der National Garments Workers Federation in Bangladesch eingeladen, um der Geschäftsleitung von Zara Deutschland einen Forderungskatalog zu überreichen. Im Mittelpunkt der Forderungen stehen die Vereinigungsfreiheit in den Zulieferbetrieben von Zara, Zugangsrechte für Gewerkschaften in den Firmen und die Einrichtung von Komitees, die gegen sexuelle Gewalt am Arbeitsplatz vorgehen. Außerdem sollen multinationale Bekleidungsketten wie Zara, Primark, H&M die Namen ihrer Zulieferer und der Subunternehmen der Zulieferer offenlegen. Die Beschäftigten und ihre Vertretungen in den Zulieferbetrieben sollen über Bestellmengen, Preise und Lieferzeiten ebenso informiert werden wie über die Abwicklung der Aufträge.

Organisiert in Asien

„Die Unternehmen in Deutschland müssen die Gewerkschaften in der Produktion als direkte Verhandlungspartnerinnen anerkennen“, sagte Festim Lezi, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats bei Zara und aktives Mitglied im gewerkschaft- lichen Arbeitskreis „Junge Mode“. „Nur so können wirkliche Verbesserungen erreicht werden. Dafür werden wir Druck machen.“ Der Forderungskatalog soll in nächster Zeit an weitere Textilhändler überreicht werden, so an H&M.

Vorausgegangen war der Aktion in Hannover eine Organisierungskampagne in Textilfabriken Indiens, Bangladeschs und Sri Lankas, die Gewerkschaften vor Ort mit Unterstützung des ExChains-Netzwerks initiiert hatten. „Uns geht es darum, durch Vernetzung und Austausch die Beschäftigten in den Textilfabriken bei ihrem gewerkschaftlichen Engagement zu unterstützen“, sagt Damiano Quinto, der in der ver.di-Bundesfachgruppe Einzelhandel auch für Zara und H&M zuständig ist und zuvor Betriebsratsvorsitzender bei H&M in Trier war.

Das Netzwerk wolle nicht nur die miserablen Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten Südostasiens anprangern. „Bei ExChains steht die Aktivität im Mittelpunkt: Wir wollen Gewerkschaftsarbeit stärken, denn die Beschäftigten können am Ende ihre Probleme nur selbst lösen“, sagt Quinto. Und das gelte in einer Textilfabrik in Dhaka/Bangladesch genauso wie in einer Berliner Filiale von Zara, H&M oder Primark. Darauf zielte auch Saskia Stock, Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats bei H&M und im Arbeitskreis „Junge Mode“ aktiv, mit ihren Worten auf der Betriebsrätekonferenz in Hannover: „Wir begreifen uns als Kolleginnen und Kollegen einer Branche in Nord und Süd und arbeiten gleichberechtigt zusammen.“

Das ExChains-Netzwerk gibt es bereits seit 2002, es wird unter anderem von TIE Global (Transnational Information Exchange) und dem TIE Bildungswerk, dem DGB-Bildungswerk Bund, von ver.di sowie Textilgewerkschaften in Bangladesch, Indien und Sri Lanka getragen. Sein Ziel ist, „es Arbeiterinnen überall in der globalen Bekleidungsindustrie zu ermöglichen, die Kontrolle über ihr eigenes Arbeiten und Leben zu erlangen“. Dazu gehörten das Recht sich in unabhängigen Gewerkschaften zu organisieren sowie die Vermittlung von Wissen über wirtschaftliche Zusammenhänge – sowohl über den globalen Kapitalismus allgemein als auch über die globale Bekleidungsindustrie.

„Der Besitzer der ursprünglich spanischen, inzwischen längst globalen Bekleidungskette Zara, die zur Inditex-Gruppe gehört, ist einer der reichsten Männer der Welt“, sagt Quinto. „Wir wollen mit unseren Forderungen und Kampagnen klar machen, dass dieser Reichtum auch durch die Ausbeutung von Beschäftigten in Süd wie Nord zustande gekommen ist, indem den Kolleginnen die Möglichkeit genommen wird, etwas an ihrer Situation zu ändern.“ Sinn und Zweck der ExChains-Kampagnen ist es, hier anzusetzen und die Beschäftigten in ihren Handlungsmöglichkeiten zu stärken.

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