DKP
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Der fol­gen­de Bei­trag be­ruht auf ei­nem Dis­kus­si­ons­bei­trag in „Theo­rie und Pra­xis“ Nr. 41 vom Juni 2016, der vom Ver­fas­ser er­wei­tert wur­de nach Dis­kus­sio­nen mit Le­sern. Zu nen­nen ist hier be­son­ders ein Bil­dungs­tag des Be­triebs­ak­tivs der DKP München und ein Tref­fen der Ar­beits­grup­pe „Kri­se“ der KAZ.

Olaf Harms, im Se­kre­ta­ri­at der DKP zuständig für Be­triebs- und Ge­werk­schafts­ar­beit, rech­net zu Recht den Kom­plex „Di­gi­ta­li­sie­rung der Ar­beit“ zu den The­men, die die Ar­bei­ter­be­we­gung für eine länge­re Zeit vor Her­aus­for­de­run­gen stel­len wird und for­dert auf, Grund­po­si­tio­nen dazu zu be­stim­men[1]. Die fol­gen­den Über­le­gun­gen sol­len dazu bei­tra­gen, ent­spre­chen­de Fra­ge­stel­lun­gen zu ent­wi­ckeln – im An­schluss an die Dis­kus­si­on ge­gen die The­sen vom Zu­sam­men­bruch des Ka­pi­ta­lis­mus, „dem die Ar­beit aus­geht“ (zu­letzt in „Theo­rie und Pra­xis“ Nr. 38 und KAZ Nr. 353) und die fol­gen­de Dis­kus­si­on im April 2016 zur „All­ge­mei­nen Kri­se“ im Rah­men der Marx-En­gels-Stif­tung im MEZ, Ber­lin (s.a. KAZ Nr. 352).

Die Di­gi­ta­li­sie­rung ändert Pro­duk­ti­on und Ver­tei­lung, greift also in die Re­pro­duk­ti­on des Ka­pi­tal­verhält­nis ein: Bricht da­durch der Ka­pi­ta­lis­mus zu­sam­men, wie ei­ni­ge be­haup­ten, oder sucht sich der Ka­pi­ta­lis­mus ent­spre­chend sei­ner Ent­wick­lungs­stu­fe im Im­pe­ria­lis­mus, als staats­mo­no­po­lis­ti­scher Ka­pi­ta­lis­mus (SMK) sei­nen Über­le­bens­weg? Das letz­te­re ist in der Dis­kus­si­on um den SMK und die All­ge­mei­ne Kri­se klar ge­wor­den.

An­zu­stre­ben wäre mei­ner Mei­nung nach in ei­ner wei­te­ren Dis­kus­si­on mehr Klar­heit zu fol­gen­den Punk­ten:

1. Ein­ord­nung des Cha­rak­ters der Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräfte un­ter dem Stich­wort „Di­gi­ta­li­sie­rung“

2. Zeit­ab­lauf des Pro­zes­ses – wir sind ja mit­ten drin

3. Be­deu­tung für das Ka­pi­tal

4. Be­deu­tung für die Ar­bei­ter­klas­se

5. Be­deu­tung für die Zwi­schen­schich­ten

6. Rol­le des Staats – im Im­pe­ria­lis­mus im Fo­kus: die Rüstung

7. Rück­bin­dung zur all­ge­mei­nen Kri­se

Zu die­sen Punk­ten sol­len hier Ansätze für Fra­ge­stel­lun­gen auf­ge­zeigt wer­den.

Mit der Di­gi­ta­li­sie­rung ist ein Ent­wick­lungs­schub der Pro­duk­tiv­kraft der Ar­beit un­ter­wegs, der wahr­schein­lich um­fas­sen­de Verände­run­gen für den Klas­sen­kampf zur Fol­ge hat. Die Fra­ge ist, wie die­se Pro­duk­tiv­kraft­ent­wick­lung in den Ge­samt­zu­sam­men­hang ein­zu­ord­nen ist. Dass die Fra­ge­stel­lung weit über das Re­gie­rungs­pro­jekt „In­dus­trie 4.0“ hin­aus­geht, hat auch das wei­te Spek­trum der Beiträge der Mar­xis­ti­schen Blätter 3/2016 un­ter dem Ti­tel „Ar­beit 4.0“ ge­zeigt, z.B. der Bei­trag des er­fah­re­nen Ge­werk­schaf­ters und Ko-Vor­sit­zen­den der Par­tei „Die Lin­ke“, Bernd Ri­ex­in­ger.

1. Zum Charakter der „Digitalisierung“

Ar­beit, nach Marx „ein Pro­zess, wor­in der Mensch sei­nen Stoff­wech­sel mit der Na­tur durch sei­ne ei­ge­ne Tat ver­mit­telt, re­gelt und kon­trol­liert[2], wird durch die Di­gi­ta­li­sie­rung neu be­stimmt. Die Li­nie ist zu zie­hen von der Pro­duk­tiv­kraft­stei­ge­rung durch Zer­le­gung von Ar­beits­schrit­ten in der Ma­nu­fak­tur über die Ma­schi­ne und die „große In­dus­trie“[3], die Takt­s­traße so­wie die elek­tro­ni­sche Ma­schi­nen­steue­rung bis hin zur di­gi­ta­len Steue­rung des ge­sam­ten Pro­duk­ti­ons- und Ver­tei­lungs­ab­laufs von der Roh­stoff­ge­win­nung zum Kon­su­men­ten. Die Tren­nung von Hand- und Kopf­ar­beit wird auf eine neue Stu­fe ge­ho­ben durch die Zer­le­gung bis­he­ri­ger Be­triebs­lei­tungs- und tech­ni­scher Ent­wick­lungs­schrit­te, die da­durch zu­neh­mend au­to­ma­ti­sier­bar und in­dus­tria­li­sier­bar wer­den. Während die Ma­schi­ne zunächst das „De­tail­ge­schick“ des Hand­ar­bei­ters überflüssig mach­te[4], geht die Ent­wick­lung nun da­hin, dass das „De­tail­ge­schick“ des Kopf­ar­bei­ters im­mer mehr durch die Ma­schi­ne er­setzt wird. Marx zeig­te auf, wie die Ar­beits­ma­schi­ne die be­reits in der Ma­nu­fak­tur in Teil­funk­tio­nen zer­leg­ten Ar­beits­schrit­te über­nimmt und der Ma­schi­nen­ar­bei­ter dem Ar­beits­ab­lauf un­ter­wor­fen wird, der von der Ma­schi­ne vor­ge­ge­ben wird. Die Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kraft im Ka­pi­tal­verhält­nis be­freit den Ar­bei­ter nicht von ermüden­der Rou­ti­ne­ar­beit. Im Ka­pi­ta­lis­mus wird so nicht freie Zeit für die Ar­bei­ter­klas­se ge­schaf­fen, son­dern „dis­po­sa­ble time“ (engl. Verfügba­re Zeit), die das Ka­pi­tal ge­gen den Ar­bei­ter dis­po­niert. Er wird als In­dus­trie­ar­bei­ter zum Anhäng­sel der Ma­schi­ne. Ähn­lich wer­den heu­te Be­triebs­or­ga­ni­sa­ti­on und tech­ni­sche Ent­wick­lung in Teil­schrit­te zer­legt und di­gi­ta­li­sier­bar ge­macht. Nicht nur ein­fa­che Ar­bei­ter und An­ge­stell­te, auch Tech­ni­ker und Be­triebs­or­ga­ni­sa­to­ren wer­den den Ar­beits­abläufen un­ter­wor­fen, die vom Rech­ner bzw. sei­ner Soft­ware vor­ge­ge­be­nen sind.

Die elek­tro­ni­sche Da­ten­ver­ar­bei­tung, in den 1940er Jah­ren ent­wi­ckelt, durch­dringt das ge­sam­te Wirt­schafts­le­ben und alle Be­rei­che der Re­pro­duk­ti­on. Sie be­stimmt die Pro­duk­tiv­kraft­ent­wick­lung in prak­tisch al­len Be­rei­chen der Kon­sum- wie In­ves­ti­ti­onsgüter­wirt­schaft, auch außer­halb der Elek­tro­nik und der In­for­ma­ti­ons- und Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­nik. Das gilt in der Che­mie und im ge­sam­ten Ma­schi­nen­bau, in der in­dus­tri­el­len Pro­duk­ti­on wie in der Land­wirt­schaft, in Stand­ort­ent­wick­lung und im Trans­port-, Ver­kehrs- und Nach­rich­ten­we­sen, eben­so wie für For­schung und Aus­bil­dung. In­so­fern ist die Be­zeich­nung ei­ner neu­en in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on na­he­lie­gend, je­den­falls geht es um eine neue Pha­se des Ma­schi­nen­zeit­al­ters.

Die zen­tra­le Fra­ge zum Cha­rak­ter der ge­genwärti­gen Pro­duk­tiv­kraft­ent­wick­lung scheint zu sein: Ist die Ver­net­zung der be­reits di­gi­tal ge­steu­er­ten Din­ge „nur“ eine Er­wei­te­rung der be­ste­hen­den Tech­nik oder ist die di­gi­ta­le In­fra­struk­tur be­reits Grund­la­ge ei­ner neu­en Stu­fe der Ent­wick­lung, von der aus „sys­te­misch“ alle we­sent­li­chen wei­te­ren Ent­wick­lun­gen aus­ge­hen? Gibt es durch die Ver­bin­dung der ein­zel­nen be­trieb­li­chen Clus­ter CNC/DNC-Ma­schi­nen welt­weit zu­sam­men mit Dis­po­si­ti­on und Be­reit­stel­lung von Werk­stof­fen und Fer­tig­pro­duk­ten und de­ren Ver­tei­lung ei­nen Um­schlag von Quan­tität in Qua­lität?

Die Be­deu­tung die­ser zunächst sehr abs­trakt klin­gen­den Fra­ge kann man ab­se­hen, wenn man sich die Fol­gen der in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on im Gan­zen und in ih­ren Ab­schnit­ten (die oft eben­falls als in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­tio­nen be­zeich­net wer­den) an­sieht, be­son­ders im Über­gang in den Im­pe­ria­lis­mus um 1900.

Zur Dis­kus­si­on um den Cha­rak­ter der ge­genwärti­gen Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräfte kann glück­li­cher­wei­se auf die Ar­bei­ten der DDR-Wis­sen­schaft, be­son­ders aus der Schu­le von Jürgen Kuc­zyn­ski am In­sti­tut für Wirt­schafts­ge­schich­te (letz­te­res wird dar­ge­stellt in „jun­ge Welt“ vom 19.5.2016, S. 10) und am IPW zurück­ge­grif­fen wer­den, die z.T. von der BRD Wis­sen­schaft pla­gi­iert wur­den[5]. Erwähnens­wert sind be­son­ders zwei Wer­ke: Zum ei­nen die „Die Pro­duk­tiv­kräfte in der Ge­schich­te – Von den Anfängen in der Ur­ge­mein­schaft bis zum Be­ginn der in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on“, die un­ter Lei­tung von Wolf­gang Jo­nas von ihm, Va­len­ti­ne Lins­bau­er und Hel­ga Marx in den 60er Jah­ren er­ar­bei­tet wur­de. Zum an­de­ren sind un­ver­zicht­bar als Grund­la­ge der wis­sen­schaft­li­chen Ein­ord­nung der der­zei­ti­gen Pro­duk­tiv­kraft­ent­wick­lung die drei in Um­fang und In­halt ein­drucks­vol­len Bände „Ge­schich­te der Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräfte in Deutsch­land 1800 bis 1945“, in de­nen der Stand der For­schung un­ter dem Dach der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten der DDR fest­ge­hal­ten wur­de und de­ren zu­sam­men­fas­sen­de Einführun­gen Tho­mas Kuc­zyn­ski 1990 noch fer­tig­ge­stellt hat.

2. Geschwindigkeit der „Digitalisierung“

Der nächs­te Schritt der Di­gi­ta­li­sie­rung, die un­mit­tel­ba­re Steue­rung von phy­si­schen Sys­te­men un­ter­ein­an­der, d.h. Ma­schi­nen, Ver­kehrs­mit­teln oder Kon­sumgütern, wird häufig als der tech­ni­sche Kern des ge­genwärti­gen Pro­duk­tiv­kraft­schubs an­ge­se­hen. Das wird die Ar­beits­pro­zes­se stark verändern. Wie schnell wird sich die­se Ände­rung durch­set­zen? Das wird da­von abhängen, wie schnell die dazu not­wen­di­ge In­fra­struk­tur ge­schaf­fen wird. Be­steht die­se ein­mal, können sich die neu­en Pro­zes­se schnell durch­set­zen.

Der Präsi­dent der Fraun­ho­fer-Ge­sell­schaft Rai­mund Neu­ge­bau­er hat al­ler­dings im März 2016 dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die In­fra­struk­tur für den in­dus­tri­el­len Da­ten­raum über­haupt noch nicht be­steht[6]. Die Fraun­ho­fer-Ge­sell­schaft ist die staat­li­che Or­ga­ni­sa­ti­on der BRD, die die Trans­for­ma­ti­on wis­sen­schaft­li­cher For­schung in die Pri­vat­wirt­schaft gewähr­leis­ten soll, ein cha­rak­te­ris­ti­sches Ele­ment des ge­genwärti­gen staats­mo­no­po­lis­ti­schen Ka­pi­ta­lis­mus.

Bei­spie­le für die feh­len­de „In­fra­struk­tur des in­dus­tri­el­len Da­ten­raums“:

Es gibt kei­ne ver­bind­li­chen Stan­dards für die dafür not­wen­di­gen Da­ten­net­ze. We­der po­li­tisch noch recht­lich sind die ent­schei­den­den In­ter­es­sen geklärt. Der Streit um Staats- und da­durch Kon­kur­renz­zu­grif­fe auf Da­ten ist im Zu­sam­men­hang mit den NSA-An­grif­fen of­fen ge­wor­den zwi­schen den Macht­blöcken, in­ner­halb der EU, zwi­schen den Mo­no­po­len eben­so wie zwi­schen den Mo­no­po­len und dem auf die In­fra­struk­tur an­ge­wie­se­nen nicht­mo­no­po­lis­ti­schen Ka­pi­tal. Hier wird der Wi­der­spruch zwi­schen der ge­sell­schaft­li­chen Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kraft und der pri­va­ten An­eig­nung durch die ka­pi­ta­lis­ti­schen Ei­gentümer sicht­bar.

Die Tech­no­lo­gie für die not­wen­di­gen Da­ten­net­ze ist noch nicht voll ent­wi­ckelt. Die Ge­schwin­dig­keit zu­verlässi­ger Da­tenüber­tra­gung (La­tenz­zeit) z.B. von Bra­si­li­en nach Deutsch­land liegt noch bei über 80 Mil­li­se­kun­den. Nötig wäre max. 1 Mil­li­se­kun­de.

Lösun­gen zu die­sen Pro­blem­be­rei­chen gibt es noch nicht. Stan­dar­di­sie­rung und Zu­verlässig­keit sind aber Vor­be­din­gung der ge­plan­ten In­dus­tria­li­sie­rungs­schrit­te, d.h. Vor­be­din­gung für mas­sen­haf­te ein­heit­li­che An­wen­dung. Um in der Ent­wick­lung der In­fra­struk­tur ei­nen Vor­sprung vor dem US-geführ­ten Pro­jekt IIC (In­ter­na­tio­nal In­ter­net Con­sor­ti­um) zu be­kom­men, ha­ben sich die in der Di­gi­tal­wirt­schaft führen­den deut­schen Mo­no­po­le Sie­mens, Bosch, Te­le­kom und SAP mit der Fraun­ho­fer-Ge­sell­schaft zur Ent­wick­lung des RAMI (Rah­men­ar­chi­tek­tur­mo­dell-In­dus­trie­stan­dard) zu­sam­men­ge­schlos­sen. Es geht da­bei nicht um An­wen­dung von be­ste­hen­den For­schungs­er­geb­nis­sen, son­dern wich­ti­ge Ele­men­te der Ba­sis­tech­nik für das Da­ten­netz zur „Ver­net­zung der Din­ge“ müssen von der Wis­sen­schaft erst noch er­ar­bei­tet wer­den. Er­geb­nis­se sind eher in ei­nem 10-Jah­res- als in ei­nem 2-Jah­res­zeit­raum zu er­war­ten. Die ak­tu­el­le Durch­set­zung der be­ste­hen­den Da­ten­tech­nik geht da­bei wei­ter. Mit ei­nem Um­schlag von Quan­tität zu Qua­lität, ei­ner schub­wei­sen Durch­set­zung von Pro­duk­tiv­kraft­ent­wick­lung ist zu rech­nen, so­bald die In­fra­struk­tur ge­schaf­fen ist. Auch in die­ser Fra­ge, wann und wie schnell sich tech­ni­sche Umwälzun­gen durch­set­zen, ge­ben die oben erwähn­ten DDR-Quel­len wert­vol­le Hin­wei­se.

3. Entwicklung der kapitalistischen Konkurrenz und Rolle der Banken

Die Ent­wick­lung wird an­ge­trie­ben von der Kon­kur­renz der staats­mo­no­po­lis­tisch herr­schen­den Fi­nan­zo­lig­ar­chen. Wer zu spät und zu we­nig in­ves­tiert, ver­schwin­det vom Markt. Die Di­gi­talöko­no­mie ver­langt, wie jede neue Stu­fen­lei­ter der In­dus­tria­li­sie­rung, Ka­pi­ta­le neu­er Größen­ord­nung. Im Be­reich der Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­on und ih­rer An­wen­dungsmöglich­kei­ten ha­ben US-Kon­zer­ne Führungs­po­si­tio­nen über­nom­men. Zum Bei­spiel ha­ben App­le oder Goog­le größen­ord­nungsmäßig etwa den 10-fa­chen Börsen­wert von deut­schen Mo­no­po­len wie Sie­mens oder Daim­ler. Die Di­gi­ta­li­sie­rung schafft auch neue Abhängig­kei­ten. Bei­spiel: App­le pro­du­ziert selbst nicht, son­dern hat dazu die Tai­wan-Ge­sell­schaft Fox­conn hoch­ge­zo­gen, die in der VR Chi­na Be­trie­be mit ca. 1 Mil­li­on Ar­bei­tern hat. Der Spre­cher der Leit­kon­zer­ne der Di­gi­ta­li­sie­rung in Deutsch­land, Hen­ning Ka­ger­mann (bis 2009 Chef von SAP) sprach auf der Han­no­ver Mes­se 2016 un­ver­blümt aus, dass es bei „In­dus­trie 4.0“ auch um die Un­ter­ord­nung der „mit­telständi­schen“, d.h. nicht-mo­no­po­lis­ti­schen In­dus­trie un­ter die Leit­kon­zer­ne geht. Die Fra­ge, wer die Da­ten­ho­heit z.B. über die von ei­nem mit Sen­so­ren bestück­ten Auto hat, sei eine Macht­fra­ge.

Der hohe Ka­pi­tal­be­darf der Di­gi­talöko­no­mie hat zu tun mit den dort star­ken Ska­len­erträgen, d.h. hohe Fix­kos­ten für Soft­ware­ent­wick­lung und stark mit dem Um­fang der her­ge­stell­ten Men­ge sin­ken­de Stück­kos­ten. So ent­schei­det sich die Pro­fi­ta­bi­lität ei­ner Gründung erst, wenn sie zu­min­dest zeit­wei­se eine Mo­no­pol­stel­lung er­ringt. Bis da­hin muss ohne Pro­fit, we­gen des Ren­nens um die Mo­no­pol­stel­lung aber schnell und viel in­ves­tiert wer­den. Bei Er­folg gibt es hohe Ex­tra­pro­fi­te. So ge­nann­te Start-ups wer­den des­halb im Dut­zend fi­nan­ziert, um mit dem Er­folg ei­nes Über­le­ben­den den Ver­lust von zehn Flops aus­zu­glei­chen. Durch die­se verstärkt un­glei­che Ent­wick­lung ändert sich die Struk­tur der Großbank­wirt­schaft und ihre Ver­bin­dung zur In­dus­trie, da­mit also die Struk­tur der Fi­nan­zo­lig­ar­chie. So zie­hen z.B. Bosch und Sie­mens ei­ge­ne Start-ups hoch und über­neh­men da­mit wei­te­re Bank­funk­tio­nen.

Zur Un­ter­su­chung der Stra­te­gie un­se­res Haupt­fein­des, des deut­schen Im­pe­ria­lis­mus, wird zu fra­gen sein, wel­che Kon­se­quen­zen sich für die Stra­te­gi­en der deut­schen Mo­no­po­le durch die Ge­setzmäßig­kei­ten der Di­gi­talöko­no­mie er­ge­ben.

4. Entwicklung der Arbeiterklasse …

Mit der Tech­no­lo­gie verändern sich die Ar­beits­be­zie­hun­gen. Die Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on folgt dem von der Tech­nik vor­ge­ge­be­nen Pro­zess. Das Zu­sam­men­wir­ken der Beschäftig­ten in ei­ner Wertschöpfungs­ket­te bil­det eine mo­no­po­lis­ti­sche Abhängig­keits­struk­tur. Zum Bei­spiel bei BMW: Die Me­cha­tro­ni­ke­rin in der Werk­statt beim Au­tohänd­ler am Ende der Wertschöpfungs­ket­te und der Gal­va­nis­eur beim Klein­tei­le­zu­lie­fe­rer am An­fang der Ket­te sind letzt­lich abhängig von der Pro­fi­tak­ku­mu­la­ti­on bei BMW. Sie sind also kon­kret da­von abhängig, was die Ge­schwis­ter Ste­fan Quandt und Su­san­ne Klat­ten, die Mehr­heits­ei­gentümer des stärks­ten Glieds in der Ket­te, ent­schei­den. Die­se mo­no­po­lis­ti­sche Abhängig­keits­struk­tur wird durch die Di­gi­ta­li­sie­rung verstärkt. Zum Bei­spiel der kon­kre­te Ser­vice­auf­trag der Me­cha­tro­ni­ke­rin wird in Zu­kunft di­rekt vom BMW Zen­t­ral­da­ten­netz kom­men, mit dem das Auto des Kun­den fest ver­bun­den ist. Die Di­gi­ta­li­sie­rung be­stimmt die neue Art der Ar­beits­tei­lung, die auf der lo­gi­schen Zer­le­gung (Di­gi­ta­li­sie­rung) von Ar­beits­schrit­ten be­ruht, auch von Tätig­kei­ten, die bis­her der Steue­rungs-, Ent­wick­lungs- und Lei­tungs­ar­beit vor­be­hal­ten wa­ren. Schlag­wor­te dazu sind Crowd­sour­cing – Teil­ar­bei­ten wer­den im Netz aus­ge­schrie­ben – und Cloud­wor­king – Ar­beits­grup­pen wer­den im Netz ge­bil­det, mögli­cher­wei­se ohne sich je­mals im glei­chen Zim­mer zu tref­fen. Kon­kret zu un­ter­su­chen ist, wel­che Ar­beitsplätze sich im lau­fen­den Pro­zess der Di­gi­ta­li­sie­rung wie verändern, wel­che weg­fal­len und wel­che neu ent­ste­hen und wo. Da­bei muss die Zu­sam­men­ar­beit für die klein­tei­lig zer­leg­ten „Tasks“ ört­lich, zeit­lich und in­halt­lich nicht zu­sam­menhängen[7]. Es ist aber wei­ter das Ka­pi­tal, wel­ches das Pro­le­ta­ri­at „an sich“ or­ga­ni­siert, schult und dis­zi­pli­niert[8], am Bild­schirm wie in der Fa­brik­hal­le. Das In­dus­trie­pro­le­ta­ri­at, der Kern der Ar­bei­ter­klas­se, verändert sich auch in Deutsch­land. Aus­bil­dung, Ar­beit und Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on ha­ben sich für vie­le schon geändert. Die Zahl der di­rekt vom Großka­pi­tal or­ga­ni­sier­ten Beschäftig­ten in der (oben im Bei­spiel BMW be­schrie­be­nen) mo­no­po­lis­ti­schen Abhängig­keits­ket­te nimmt zu, sie­he dazu auch die Be­mer­kun­gen zur Ent­wick­lung der Zwi­schen­schich­ten im fol­gen­den Ab­schnitt. Bei der Fra­ge zur Ent­wick­lung der Ar­bei­ter­klas­se wird man da­her da­von aus­ge­hen können, dass sie größer und nicht klei­ner wird, al­ler­dings in ei­ner sich ändern­den Zu­sam­men­set­zung, die wir be­reits jetzt lau­fend ver­fol­gen.

Die ideo­lo­gi­sche und or­ga­ni­sa­to­ri­sche Stärke der ge­werk­schaft­li­chen Or­ga­ni­sa­ti­on wird ent­schei­den, in­wie­weit die Las­ten der kom­men­den „Ra­tio­na­li­sie­rungs­wel­le“ auf die Ar­bei­ter­klas­se ab­ge­la­den wer­den können. Die­se Stärke wird wie bis­her abhängen vom Kräfte­verhält­nis der klas­sen­be­wuss­ten Kräfte ge­gen die Klas­sen­versöhnungs­kräfte, die in Deutsch­land vor al­lem durch die Ver­bin­dung der SPD-Führung mit Be­triebsräten der Großin­dus­trie noch stark sind. Sicht­bar wird das der­zeit in den ver­schie­de­nen In­itia­ti­ven des Ka­pi­tals, un­se­re Ge­werk­schaf­ten in der Art der „Agen­da“ in das Re­gie­rungs­pro­jekt „In­dus­trie 4.0“ ein­zu­bin­den. Der ent­spre­chen­de Ein­fluss der Fi­nan­zo­lig­ar­chie hat aber mit der Agen­da-2010-Po­li­tik die he­ge­mo­nia­le ideo­lo­gi­sche Ein­bin­dungs­kraft der SPD über­spannt und zur Ent­ste­hung der Par­tei „Die Lin­ke“ geführt. Auch dort wird natürlich der Kampf der Fi­nan­zo­lig­ar­chie um Ein­fluss auch in der Di­gi­ta­li­sie­rungs­fra­ge sicht­bar. Das Kräfte­verhält­nis Klas­sen­be­wuss­te zu Klas­sen­versöhn­lern wird sich im Pro­zess der schritt­wei­sen Neu­for­mie­rung der Ar­bei­ter­klas­se durch die Di­gi­ta­li­sie­rung neu bil­den. In der Tech­nik der Di­gi­ta­li­sie­rung ist auf der ei­nen Sei­te die in­halt­li­che und ört­li­che Zer­le­gung der Ar­beits­schrit­te an­ge­legt und da­durch eine Ten­denz zur Zer­split­te­rung der Ar­bei­ter­klas­se. An­de­rer­seits bringt die Di­gi­ta­li­sie­rung Ver­net­zung auch für die in ihr Ar­bei­ten­den und da­durch die Ten­denz zum Zu­sam­men­schluss. Ohne die Her­stel­lung der in­ter­na­tio­na­len Ar­bei­ter­ein­heit in un­se­ren Ge­werk­schaf­ten kann die seit den 80er Jah­ren an­hal­ten­de Ten­denz zur Zer­split­te­rung der Ar­bei­ter­klas­se nicht auf­ge­hal­ten wer­den.

Die Fra­ge­stel­lung nach ent­spre­chen­den Kampf- und Or­ga­ni­sa­ti­ons­for­men liegt auf der Hand. Ers­te Ant­wor­ten bzw. Er­fol­ge sind zu be­ob­ach­ten. Ent­schei­dend wird aber die Fra­ge nach der Per­spek­ti­ve: Wie kann in der Her­aus­bil­dung der Ar­bei­ter­ein­heit die kom­mu­nis­ti­sche Par­tei ideo­lo­gisch he­ge­mo­ni­al wer­den? Wie kann es ihr als Vorkämp­fer der Ar­bei­ter­ein­heit ge­lin­gen, deut­lich zu ma­chen, dass wir aus dem schein­bar end­lo­sen De­fen­siv­kampf her­aus­kom­men können, weil die ka­pi­ta­lis­ti­sche Ver­ge­sell­schaf­tung der Pro­duk­tiv­kräfte alle Vor­aus­set­zun­gen für den Über­gang zu ei­ner „ra­tio­nel­len Re­ge­lung des Stoff­wech­sels mit der Na­tur[9], d.h. zum So­zia­lis­mus ge­schaf­fen hat?

5. … und die Entwicklung der Zwischenschichten

Die al­ten Zwi­schen­schich­ten, Händ­ler, Hand­wer­ker und selbständi­ge Aka­de­mi­ker wer­den durch die Di­gi­talöko­no­mie wei­ter re­du­ziert, ver­schwin­den oder wer­den – als „Fre­e­lan­cer“, Schein­selbstständi­ge, – Teil ei­ner mo­no­po­lis­ti­schen Abhängig­keits­ket­te. Das gilt auch für die Land­wirt­schaft. Die­ser Vor­gang der ob­jek­ti­ven Pro­le­ta­ri­sie­rungs­ten­denz ist in sei­ner ers­ten Wel­le im 19. Jahr­hun­dert, in sei­ner zwei­ten Wel­le im 20. Jahr­hun­dert mit den ent­spre­chen­den Pha­sen der in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on be­kannt, muss aber den heu­ti­gen kon­kre­ten Zu­sam­menhängen und Quan­titäten ent­spre­chend be­grif­fen wer­den. Dazu kommt, dass die neue­ren Zwi­schen­schich­ten des 20. Jahr­hun­derts, die in größerem Um­fang bei der Tren­nung von Ei­gen­tum und Be­triebs­lei­tung im Im­pe­ria­lis­mus ent­stan­den sind, In­ge­nieu­re (Ent­wick­lungs­funk­tio­nen) und Ma­na­ger al­ler Art (Lei­tungs- und Or­ga­ni­sa­ti­ons­funk­tio­nen), durch die Di­gi­ta­li­sie­rung zu­neh­mend de­qua­li­fi­ziert und überflüssig ge­macht wer­den. Mit der neu­en Be­triebs­wei­se ent­ste­hen aber auch neue Ent­wick­lungs- und Lei­tungs­funk­tio­nen und da­mit auch neue pri­vi­le­gier­te Schich­ten.

6. Rolle von Recht, Kultur und Politik – Rolle des Staates

Die Ent­wick­lung von Recht, Kul­tur und Po­li­tik wird im Im­pe­ria­lis­mus stark vom Rin­gen der Haupt­klas­sen um Ein­fluss auf die Zwi­schen­schich­ten und darüber hin­aus auf die Ränder der Ge­gen­klas­sen be­stimmt. Mit den Verände­run­gen, mit de­nen bei den Haupt­klas­sen zu rech­nen ist, ist auch mit Verände­run­gen im Über­bau der Ge­sell­schaft, im Klas­sen­kampf, zu rech­nen.

Zu se­hen ist be­reits, dass die erwähn­ten neu ent­ste­hen­den „Di­gi­talz­wi­schen­schich­ten“ hoch­qua­li­fi­zier­ter Ent­wick­ler und Ma­na­ger von der so­zi­al- und de­mo­kra­tie­feind­li­chen Ideo­lo­gie der Di­gi­tal­mo­no­po­le wie Goog­le, Face­book oder Ama­zon be­ein­flusst wer­den[10]. Der Aus­le­se­pro­zess der Start-ups der Di­gi­talöko­no­mie, ein Über­le­ben­der auf Zehn oder Zwan­zig, erhält Vor­bild­cha­rak­ter im Sinn des So­zi­al­dar­wi­nis­mus. Da­mit können Ver­tei­di­ger der von der Ar­bei­ter­klas­se erkämpf­ten so­zia­len und po­li­ti­schen Rech­te als „Ver­lie­rer­ty­pen“ aus­ge­grenzt wer­den.

Die wei­te­re Ent­wick­lung staats­mo­no­po­lis­ti­scher Ele­men­te wird in Deutsch­land sicht­bar durch das Pro­jekt „In­dus­trie 4.0“ und sei­ne Pro­pa­gan­da nach dem Vor­bild der Agen­da 2010.

Da­bei wer­den die fol­gen­den The­men eine Rol­le spie­len:

a. Zu­neh­mend di­rek­ter Ein­be­zug von Wis­sen­schaft und Aus­bil­dung in den lau­fen­den Pro­zess der Di­gi­ta­li­sie­rung der be­ste­hen­den Wirt­schaft.

b. Fi­nan­zie­rung von Ent­wick­lung und In­fra­struk­tur: Hier be­steht die Kon­kur­renz der Mo­no­po­le z.B. in der Fra­ge der Sub­ven­tio­nie­rung von E-Au­tos.

c. Re­gu­lie­rung der an­ge­spro­che­nen Wi­dersprüche im In­ne­ren, zwi­schen den Mo­no­po­len, zwi­schen Mo­no­po­len und nicht­mo­no­po­lis­ti­schen Ka­pi­ta­lis­ten, Zwi­schen­schich­ten und Ar­bei­ter­klas­se.

d. Auf­stel­lung in der in­ter­na­tio­na­len Kon­kur­renz: Di­gi­ta­li­sier­te Pro­duk­ti­on und Ver­tei­lung schafft neue Abhängig­kei­ten zwi­schen Ländern, zwi­schen den Großmäch­ten eben­so wie ge­genüber abhängi­gen Ländern. Im deut­schen Im­pe­ria­lis­mus gibt es dazu auch nach 1990 und der Auflösung der Nach­kriegs­ord­nung wei­ter zwei stra­te­gi­sche Haupt­ten­den­zen, die sich in der Ta­ges­po­li­tik oft tak­tisch über­schnei­den, wie in der Russ­land/Ukrai­ne-Fra­ge. Stra­te­gisch ori­en­tie­ren die „Trans­at­lan­ti­ker“ auf eine Ju­ni­or­po­si­ti­on hin­ter den USA, die in der Ent­wick­lung der Di­gi­talöko­no­mie führend sind, seit sie nach 1945 die Ent­wick­lung der IT do­mi­niert und kon­trol­liert ha­ben, während die „Eu­ropäer“ durch Un­ter­ord­nung der EU eine von den USA un­abhängi­ge di­gi­ta­le In­fra­struk­tur ent­wi­ckeln wol­len. Die Ent­schei­dung von VW, Daim­ler und BMW, die es­sen­ti­el­le Soft­ware für das fah­rer­lo­se Fah­ren, das Land­kar­ten­sys­tem, nicht von Goog­le zu über­neh­men, son­dern ge­mein­sam ei­nen Kar­ten­dienst zu kau­fen, zeigt eine Verstärkung der „eu­ropäischen Li­nie“ an. Eben­so, dass Daim­ler und BMW die Ver­hand­lun­gen mit App­le über eine Ko­ope­ra­ti­on ab­ge­bro­chen ha­ben, nach­dem App­le auf die Da­ten­ho­heit nicht ver­zich­ten woll­te. Die Rich­tung der Ge­samt­stra­te­gie wird letzt­lich, wenn auch in po­li­ti­schen Kämp­fen und mögli­cher­wei­se wech­seln­den Bünd­nis­sen, durch die Stra­te­gie der Ein­zel­kon­zer­ne ent­spre­chend ih­rer Stärke an­ge­ge­ben.

Das Re­gie­rungs­pro­jekt „In­dus­trie 4.0.“ ist aus­drück­lich dazu da, zu ver­hin­dern, dass die in Pro­duk­ti­ons­tech­nik führen­de deut­sche In­dus­trie zur Werk­bank, zum „Fox­conn“ der US-In­dus­trie wird. Der Vor­sprung in der Tech­no­lo­gie der elek­tro­ni­schen Ma­schi­nen­steue­rung soll ge­hal­ten und aus­ge­baut wer­den. Der deut­sche EU-Di­gi­tal­kom­mis­sar Oet­tin­ger setzt die „Di­gi­tal­uni­on“ auf die Ta­ges­ord­nung der EU, um eine von den USA un­abhängi­ge Netz-In­fra­struk­tur un­ter deut­scher Führung im Bünd­nis mit dem französi­schen Im­pe­ria­lis­mus durch­zu­set­zen.

e. Rüstung: Aus dem oben ge­sag­ten, der Ent­wick­lung der Wi­dersprüche im ge­genwärti­gen staats­mo­no­po­lis­ti­schen Ka­pi­ta­lis­mus, er­gibt sich die zen­tra­le Be­deu­tung der Rüstung. Da­ten­ho­heit ist eine Macht­fra­ge, Macht­fra­gen sind Fra­gen letzt­lich der mi­litäri­schen Stärke, zunächst des mi­litäri­schen Po­ten­ti­als. Die NSA-Dis­kus­si­on hat ge­zeigt, dass hier­bei die Di­gi­ta­li­sie­rung eine we­sent­li­che Rol­le spielt. Nach der Tren­nung der Cy­ber­spar­te von Air­bus fin­det in Deutsch­land auch in die­ser Rich­tung ein Um­bau der Rüstungs­in­dus­trie statt im Zu­sam­men­hang mit der Ent­wick­lung des Kräfte­verhält­nis­ses zwi­schen den Großmäch­ten (NATO/EU-Ar­mee). Da­bei ist die für ei­nen drit­ten An­lauf zur Welt­macht dies­mal bes­ser ver­deck­te Ag­gres­si­vität des deut­schen Im­pe­ria­lis­mus und sei­ne hohe Or­ga­ni­sa­ti­on in Verbänden und an­de­ren Macht­zir­keln zu berück­sich­ti­gen.

7. Durch Produktivkraft­entwicklung aus der Krise?

Der deut­sche Im­pe­ria­lis­mus steckt, wie sei­ne Kon­kur­ren­ten, in der Kri­se. Die etwa 10-jähri­gen zy­kli­schen Kri­sen seit 1958 wur­den von Mal zu Mal tie­fer. Seit 2007 folgt auf die Kri­se nur noch eine Be­le­bung, ohne ech­ten Auf­schwung. Rie­sen­ge­win­ne wer­den nicht in Pro­duk­ti­ons­er­wei­te­rung in­ves­tiert. Das Markt­pro­blem des deut­schen Im­pe­ria­lis­mus, der Man­gel an kauf­kräfti­ger Nach­fra­ge, war eine Zeit­lang vom star­ken Wachs­tum in Chi­na übertüncht wor­den. Re­la­tiv zur Aus­wei­tung der Märkte ist, wie in je­dem ka­pi­ta­lis­ti­schen Zy­klus zu viel Ka­pi­tal ak­ku­mu­liert wor­den. Die mas­sen­haf­te Er­neue­rung des fi­xen Ka­pi­tals (Ma­schi­nen und An­la­gen), Vor­aus­set­zung für ei­nen zy­kli­schen Auf­schwung, bleibt aber man­gels neu­er Ab­satzmöglich­kei­ten aus. Wie im vo­ri­gen Ab­schnitt an­ge­spro­chen, soll nun der Staat als „ide­el­ler Ge­samt­ka­pi­ta­list“, d.h. re­la­tiv un­abhängig von den Ein­zel­in­ter­es­sen der Mo­no­po­le, ei­nen Aus­weg aus der Kri­se fin­den. Um die Aus­wahl der Mit­tel geht der po­li­ti­sche Kampf zwi­schen den Mo­no­po­len, wor­aus sich tak­ti­sche Möglich­kei­ten der or­ga­ni­sier­ten Ar­bei­ter­klas­se er­ge­ben.

Wenn nun durch Staats­ein­grif­fe mas­siv in di­gi­ta­le In­fra­struk­tur in­ves­tiert wird, um die Nach­fra­ge­schwäche aus­zu­glei­chen, wird die oben an­ge­spro­che­ne Ra­tio­na­li­sie­rungs­wel­le be­schleu­nigt. Das Er­geb­nis wäre, wie nach der Ra­tio­na­li­sie­rungs­wel­le der 20er Jah­re, eine höhere Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zität mit we­ni­ger Nach­fra­ge nach Ar­beits­kraft, we­ni­ger Lohn­sum­me, an der die Nach­fra­ge nach Kon­sumgütern hängt – al­les in al­lem also eine Verschärfung der der­zei­ti­gen Kri­sen­si­tua­ti­on, auf die wir Ant­wor­ten fin­den müssen.

Ste­phan Müller

Anmerkungen:
  1. O. Harms (2016): Herausforderungen für die Arbeiterbewegung. DKP-Informationen 3/2016, S. 9.
  2. Karl Marx, Das Kapital, Band 1, MEW 23, S. 192.
  3. Ebd., S. 331 ff.
  4. Ebd., S. 442, 446.
  5. Wikipedia-Eintrag „Wolfgang Jonas“.
  6. Interview mit Raimund Neugebauer, Handelsblatt, 14.03.2016, S.16.
  7. A. Boes et al. (2016): „Digitalisierung und ‚Wissensarbeit‘“, Aus Politik und Zeitgeschichte, 18-19/2016.
  8. MEW 23, S. 790-791.
  9. Karl Marx, Das Kapital, Band 3, MEW 25, S. 828.
  10. Interessant dazu z.B. Th. Wagner (2015): Robokratie. Google, das Silicon Valley und der Mensch als Auslaufmodell, Köln

KAZ Nr. 356, September 2016

Autor

Stephan Müller

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