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Revolutionäre Dimension

 

kmHans Heinz Holz (1927 – 2011) über Karl Marx

Karl Marx (* 5. Mai 1818 in Trier; † 14. März 1883 in London) leitete eine neue Periode der Wissenschaftsgeschichte ein.

Es ist nicht der Enthusiasmus eines Aficionado, nicht die Verehrung eines Sektierers, solches zu behaupten. Wir können die Entwicklung der Wissenschaften in Europa grob in drei Stufen einteilen: Die erste Stufe wurde betreten von Thales, der für Naturvorgänge nach innerweltlichen natürlichen Ursachen suchte, statt Götter, fremde Mächte oder Zauberei als Urheber zu betrachten. Auf der zweiten Stufe begriff Galilei die Naturvorgänge als gesetzlich und begann, das Verhältnis von Ursachen und Wirkungen durch Meßgrößen auszudrücken, also die Naturwissenschaften zu mathematisieren und damit zur Grundlage methodischen technischen Erfindens zu machen. Menschliches Handeln dagegen und der Verlauf der Geschichte wurden weiterhin aus subjektiven Willensentscheiden, Persönlichkeitsleistungen (und ihnen zugrundeliegenden Charakteren) und Zufällen erklärt; das heißt, sie blieben wissenschaftlicher Erforschung, die das Allgemeine im Einzelnen entdeckt, weithin entzogen.

Marx war es nun, der im Begründungszusammenhang von Bedürfnissen, Produktivkräften, Produktionsmitteln, Produktionsverhältnissen und ihrer wechselseitigen dialektischen Rückkoppelung das Strukturgesetz geschichtlich-gesellschaftlichen Handelns fand und also – wie Engels präzise sagte »in letzter Instanz« – die Wirtschaft und ihre Organisationsform als die tragende Bedingung der jeweils besonderen Gestalt historischer menschlicher Daseinsverwirklichung erkannte. Er konnte so die Geschichte nach der Abfolge von Gesellschaftsformationen gliedern und eine wissenschaftliche Methode für die Zielsetzungen politischen Handelns vorschlagen.

Thales, Galilei, Marx stehen selbstverständlich symbolisch für kollektive Prozesse der Wissenschaftsentwicklung. Die drei Stufen könnte man als die von Naturkunde, Natur- und Technikwissenschaft und Geschichts- und Gesellschaftswissenschaft bezeichnen. Auf jeder folgenden Stufe sind Erkenntnisse und Methoden der vorhergehenden aufgehoben und fortgebildet worden.

Kritik politischer Ökonomie

Die Wissenschaftsdisziplin, der Marx Profil gab, ist die Kritik der politischen Ökonomie. Ich betone, daß mit »Kritik« nicht ein von außen kommendes Verhältnis zu den Inhalten der politischen Ökonomie gemeint ist, wie wenn wir zum Beispiel von der Kritik einer Theateraufführung sprechen. In Übereinstimmung mit Marx ist an dem alten Kantschen Gebrauch des Terminus festzuhalten, demgemäß Kritik die Erklärung aus Gründen dafür sei, daß und wie etwas möglich ist und auf Zusammenhänge von Gründen geht. Kritik ist also die Bezeichnung für die Reflexion von Wissenschaft in bezug auf ihr methodisches Zustandekommen, ihre Inhalte und ihre Funktion.

Politische Ökonomie gab es schon vor Marx – etwa bei Smith und Ricardo – und Marx knüpfte an sie ausdrücklich an. Aber er zeigte die Mängel ihrer Kategorien, analysierte die empirischen Sachverhalte und entlarvte die ideologische Funktion der bürgerlichen Nationalökonomie. Indem er im Kapitalverhältnis die Triebkräfte der ökonomischen Bewegung freilegte – z. B. Mehrwert und Profit, Akkumulation des Kapitals, Konkurrenz im Weltmarktmaßstab –, entwarf er ein Erklärungsmuster für die politischen, ökonomischen und kulturellen Prozesse, das die einzelnen Sachverhalte aus einem Ganzen (dem »Gesamtzusammenhang«, wie Engels sagte) ableitet.

Zusammenhänge von Gründen sind systemförmig, das liegt im Begriff des Zusammenhangs. Natürlich kann nach Kant und Marx die Systemförmigkeit wissenschaftlichen Wissens nicht mehr als geschlossen, sich gegen das Neue im Prozeß der geschichtlichen Wirklichkeit von Natur und Gesellschaft abschließend, verstanden werden. Auch Hegel wäre falsch interpretiert, wollte man ihn so verstehen. Vielmehr ist es gerade die Aufgabe und Leistung einer materialistischen Dialektik, die wissenschaftliche Abbildung der Wirklichkeit als offenes System zu konstruieren. Was anders als ein offenes System ist denn die »kritische Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der wirklichen gesellschaftlichen Bewegung« (Marx)?

Eine, wenn auch nie mit dem Anspruch auf Endgültigkeit oder gar Vollständigkeit auftretende Systematik als Darstellungsform des Gesamtzusammenhangs ist eine unerläßliche Bedingung für die Orientierung in der Welt und damit für eine theoriegeleitete Praxis. In diesem Sinne ist die Charakterisierung der Marxschen Theorie als »kritische Wissenschaft« zu ergänzen um ihren zweiten Aspekt, nämlich den Grundriß einer »wissenschaftlichen Weltanschauung« zu entwerfen. Das Gemeinsame beider Aspekte ist die Insistenz auf der Wissenschaftlichkeit. Kritische Wissenschaft unterwirft sich der Kontrolle durch die Empirie, wissenschaftliche Weltanschauung aber überschreitet notwendigerweise die Empirie mit dem Blick auf die Totalität, die ja immer umfangreicher ist als jedes endliche Erfahrungswissen. Es gibt keine begründete Systematik des Empirischen ohne transempirische Horizonte, innerhalb derer die Erfahrung ihren Ort findet.

Die Frage ist, wie dieser spekulative Horizont in einer materialistischen Philosophie einzuholen ist, ohne daß diese sich wieder in Idealismus verwandelt. Auszugehen ist von der Nichtidentität von Wirklichkeit und Begriff, auf die Marx hingewiesen hat. Der Begriff unterscheidet sich in zweifacher Weise von der Wirklichkeit: Erstens ist er immer weniger als die Wirklichkeit, nämlich nur deren Repräsentation (Ausdruck, Widerspiegelung) – und diese Differenz muß festgehalten werden, sonst kommen wir wieder zum Idealismus, der Wirklichkeit und Begriff gleichsetzt. Zweitens aber ist der Begriff immer mehr als die einzelne von ihm (als bestimmtem Begriff) gemeinte Wirklichkeit, insofern der vollständige Begriff einer Sache nicht nur deren empirisches Sosein, sondern alle sie bedingenden und bestimmenden Momente (und also auch alle Beziehungen, in die sie eingeht) enthält und folglich die ganze Welt in einer bestimmten Perspektive ausdrückt. Beides – die intensionale Vollständigkeit des Begriffs und seine Virtualität gegenüber der reellen Sache selbst – muß in eine materialistische Theorie des Gesamtzusammenhangs eingehen. Und eine solche Theorie muß damit zugleich ihren eigenen Status als begriffliche Theorie – das heißt ihren Widerspiegelungscharakter – bestimmen.

Marx contra Positivismus

Demgegenüber war die Herausbildung des modernen Wissenschaftsbegriffs (der heute allerdings wieder fragwürdig zu werden beginnt) im 18. und 19. Jahrhundert ein kontinuierlicher Prozeß der Lösung der Erfahrungswissenschaften aus dem Zusammenhang einer universellen Philosophie als Wissenschaft vom Ganzen. Wobei dann die Philosophie selbst zu einer einzelwissenschaftichen Spezial­diszipin (z.B. Logik, Wissenschaftstheorie, Handlungstheorie usw.) wurde und ihrerseits in einzelwissenschaftliche Spezialdisziplinen zerfiel. Dagegen muß die Idee einer Enzyklopädie der Wissenschaften, wie sie von Leibniz bis Hegel das philosophische Programm des Wissenschaftsverständnisses der Aufklärung ausmachte, als kontradiktorisch zu dem im 19. Jahrhundert dominant werdenden Wissenschaftsverständnis angesehen werden: Induktion contra Spekulation, Experiment contra Konstruktion. Verbannung der Metaphysik aus dem Corpus der Wissenschaften. Während Johannes von Müller, der zu den Begründern der empirischen Wissenschaften gehört, 1826 in seiner Antrittsvorlesung noch »das Bedürfnis der Physiologie nach einer philosophischen Naturbetrachtung« begründete, haben seine Schüler Rudolf Virchow und Emil Dubois-Reymond der Philosophie als bloßer Gedankendichtung den Abschied gegeben.

Damals vollzog sich ein Bruch im Wissenschaftsverständnis. Die Wissenschaften galten nicht länger mehr als ein Teil einer universellen Abbildung oder Modellierung von Welt im Ganzen, als Darstellung von Momenten eines Gesamtzusammenhangs, sondern als Komplexe von Theorien über Subsysteme einer im Ganzen unerkennbaren Welt. Und daß es Methoden des Übergangs von auf Erfahrungswissen gegründeten, experimentell überprüfbaren Theorien zu einer Auffassung vom Ganzen geben könne, wurde schlechtweg bestritten oder doch ausgeblendet. Neben den Gegenständen der Einzelwissenschaften und dem Typus ihrer Methoden sollte kein eigener Gegenstandsbereich der Philosophie und kein eigener Typus ihrer Methoden zugelassen sein – es sei denn im Rahmen einer neukantianischen Trennung von naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Begriffsbildung, die auf die Konzeption der Einheit der Wissenschaften in einer enzyklopädischen philosophischen Weltanschauung verzichtet.

In der Abwendung der Wissenschaften von einem philosophischen Begriff des Ganzen wurde dem Irrationalismus beliebiger Weltanschauungserdichtungen Tür und Tor geöffnet. Es manifestiert sich darin das weltanschauliche Versagen (oder, wenn man dies lieber will: die weltanschauliche Abstinenz) der bürgerlichen Klasse, die Einheit, Totalität und Entwicklungsperspektive der Welt (ihrer Welt!) nicht mehr zu denken vermag.

Eine wissenschaftliche Philosophie darf die Welttotalität nicht als Phantasieprodukt ausdenken, sondern ist gebunden an die Anerkennung der grundlegenden Erkenntnisfunktion der Wissenschaften von Natur und Gesellschaft. Jedoch unterscheidet sich Philosophie – das heißt die Dialektik als »die Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs« (Engels) – spezifisch von den Einzelwissenschaften, weil der Gesamtzusammenhang nicht als empirisches Datum vorkommt und eine Theorie des Gesamtzusammenhangs nicht experimentell überprüfbar ist, sondern ihren eigenen »Rationalitätstypus« (Jindrich Zeleny) besitzt. Da die Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs immer die Wissenschaft vom Einzelnen voraussetzt, ist Philosophie den Einzelwissenschaften nicht vorgeordnet, sondern dialektisch zugeordnet.

Wissenschaftliche Weltanschauung

Der von Engels erkenntnisleitend in die sozialistische Theorie eingeführte Begriff der wissenschaftlichen Weltanschauung hat Marx’ Zustimmung gefunden (und damit deckt sich übrigens das Philosophieverständnis von Antonio Gramsci, der in der weltanschaulichen Dominanz von Werten, Verhaltensweisen, Sinndeutungen, Zukunftserwartungen die Hegemonie einer Klasse ausgedrückt sah). Wissenschaftliche Weltanschauung heißt Integration aller handlungsorientierenden Vorstellungen in eine Idee von Welt, die an Erkenntnis und Verfahrensweisen der Wissenschaft beim Entwurf eines Gesamtzusammenhangs gebunden ist. Dazu gehört der Ausschluß irrationaler Begründungen und die Reflexion des eigenen Standorts im Beziehungsnetz menschlichen Zusammen- und Gegeneinanderwirkens. Dazu gehört die Fixierung auf ein Handlungsziel, dessen Inhalte die weitere Entfaltung der historisch gegebenen Möglichkeiten humanen Daseins und mithin Fortschritt bedeuten. In diesem Sinne liegt die geschichtliche Wahrheit in der Annäherung an ein anzustrebendes Ideal von Menschlichkeit, das Marx das »Reich der Freiheit« nennt. Der gesellschaftlich-politische Prozeß wird von jenen getragen, die sich zu seiner Gestaltung organisieren und nicht durch Sonderinteressen abgelenkt sind. Das sind, wie im »Kommunistischen Manifest« dargestellt, die Kommunisten als bewußtester Teil der Arbeiterklasse. Sie sind die Partei des historischen Fortschritts, das heißt der historischen Wahrheit – und darum ist es legitim, von der Parteilichkeit der Wahrheit zu sprechen.

Diese Wendung, das handelnde Gattungssubjekt, die kämpfende Klasse, als Faktor in die Wissenschaftslogik der Gesellschaftswissenschaften einzubeziehen, bestätigt die These, mit Marx beginne eine neue Periode der Wissenschaftsgeschichte. Das neuzeitliche Wissenschaftsideal seit Galilei und Newton war definiert durch die strikte Trennung von Objekt und Beobachter. Objektivität hieß Darstellung eines Sachverhalts unter Absehen von den Eigenheiten und Eingriffen des Darstellenden. Ist ein Gegenstand so abgrenzbar, daß er isoliert von seiner Umgebung beschrieben und behandelt werden kann, dann erfüllt er diese Voraussetzung. Im naturwissenschaftlichen Experiment und in der Herstellung technischer Produkte ist das erreichbar. Geschichtlich-gesellschaftliche Komplexe und Vorgänge entziehen sich dieser artifiziellen Exaktheit. Sie sind nur durch eine verwickeltere Dialektik wechselseitiger Abhängigkeiten und Subjekt-Objekt-Rückwirkungen abzubilden. In diesem Sinne hat Marx einem – wie man heute wissenschaftstheoretisch sagt – neuen Paradigma Durchbruch verschafft; er hat den Grundriß eines neuen Modells vielgestaltiger Systemzusammenhänge gezeichnet. Der in der bürgerlichen Weltanschauung des Positivismus zerbröselte Weltbegriff gewinnt in der wissenschaftlichen Weltanschauung des Marxismus wieder eine einheitliche Kontur.

Von der Utopie zur Wissenschaft

Sozialismus bedeutet eine Gesellschaftsordnung, in der Ausbeutung, Unterdrückung und Unfrieden beseitigt und Solidarität, Selbstbestimmung aus Vernunftgründen und gerechte Verteilung des gesellschaftlich erzeugten Reichtums verwirklicht werden, bis im Kommunismus die Menge der erzeugten Güter die allseitig entwickelten Bedürfnisse befriedigen kann; so daß im Verhältnis von Produktion und Konsumtion das Prinzip gelten kann; »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen«.

Sozialistische Wunschvorstellungen gab es in der einen oder anderen Weise zu allen Zeiten. Ernst Bloch hat im »Prinzip Hoffnung« eine Enzyklopädie dieser sozialistischen Utopien unter dem Titel »Grundrisse einer besseren Welt« zusammengefaßt. Erst seit Marx gibt es für diese Träume von einem menschenwürdigen Leben – wir können auch sagen: für ein Leben in Freiheit – den »Fahrplan«, das heißt die Kenntnis der historischen Gesetzmäßigkeiten, nach denen der Fortschritt zum »Reich der Freiheit« erfolgt: Entwicklung der Produktivkräfte und der ihrem Stand entsprechenden Produktionsverhältnisse; fortschreitende Konzentration des Eigentums an den Produktionsmitteln; Überwindung der jeweils auftretenden Widersprüche im Klassenkampf; Aufhebung der Widersprüche zwischen den Interessen gesellschaftlicher Allgemeinheit und privater Einzelheit, also vernünftige Ordnung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Das ist der Inhalt der wissenschaftlichen Weltanschauung des Sozialismus.

Im Kern dieses wissenschaftlichen Begriffs einer in dauernder Weiterentwicklung begriffenen Welt steht die Kategorie des Widerspruchs. In einer unendlichen Mannigfaltigkeit gibt es immer Elemente, die zueinander in Widerspruch stehen. Wo Widersprüche in einer Situation miteinander verträglich gemacht werden, treten neue auf, die es wiederum zu überwinden gilt. Erst diese Erkenntnis der gesetzlichen Abfolge entstehender Gegensätze – das Gesetz der »bestimmten Negation«, wie die Philosophen sagen – erlaubt es, den fortgesetzten Kampf um die Überwindung der Widersprüche vernünftig, ohne selbstzerstörerische Folgen auszutragen. Das ist die praktische Erfüllung der Dialektik in einer klassenlosen Gesellschaft. Sie schließt ein, daß die Bewegungsform des geschichtlichen Fortschritts in allen Gesellschaften, in denen die Sonderinteressen einer herrschenden Klasse dominieren, der Klassenkampf ist, der organisiert von der Partei der Unterdrückten geführt wird. Ich ziehe daraus den Schluß, daß es auch in einer sozialistischen und kommunistischen Gesellschaft die Aufgabe einer Partei der Avantgarde sein wird, die Bewegungsform des Widerspruchs dann in nicht-anta­gonistischer Form zu organisieren.

Am Anfang der Begründung des wissenschaftlichen Sozialismus steht das von Marx formulierte Programm: Die Aufhebung der Philosophie (als reine, praxisferne Theorie) habe die Verwirklichung der Philosophie (als theoretische Durchdringung und Leitung der Praxis, als Theorie-Praxis-Einheit) zu sein. Die Wissenschaft von der Geschichte und der in ihr gegebenen Bedingungen von Interpretation der Wirklichkeit schlägt um in ihre Veränderung. Marx hat der Wissenschaft ihre revolutionäre Dimension gegeben.

Quelle: Junge Welt 06.05.08

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Der folgende Text von Hans Heinz Holz erschien 2011 als Vorabdruck in junge welt:

Erklären, nicht verharmlosen

Vorabdruck. Theorie als materielle Gewalt. Die Klassiker der III. InternationaleVon Hans Heinz HolzIn diesen Tagen [März 2011] erscheint im Berliner Aurora-Verlag der zweite Band von Hans Heinz Holz’ auf drei Bände angelegter Studie »Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie«. Nachdem der erste Band die Aneignung und Umkehrung des Hegelschen Systems durch Marx und Engels sowie ihre Grundlegung der materialistischen Dialektik zum Thema hatte, befaßt sich Holz nun mit Lenin, Antonio Gramsci, Stalin und Mao Tse Tung. Wir veröffentlichen einen Auszug aus dem Kapitel zu Stalin.


Weder verteufeln noch anbeten: Stalins Handeln kann nur aus den Widersprüchen des sozialistischen Aufbaus in der Sowjetunion verstanden werden (mit dem Schriftsteller Maxim Gorki, 1931) Foto: jW-Archiv


Zu Band 3: Vom Begriff zur Tat
Zu Band 1: Hans Heinz Holz macht das Erbe der klassischen deutschen Philosophie fruchtbar


 

Heute mehr denn je ist »Stalinismus« ein antikommunistischer Kampfbegriff, gerade dann, wenn er unter dem Vorwand demokratischer Erneuerung dazu gebraucht wird, ein konsequent kommunistisches Sozialismusverständnis zu bekämpfen.

Dieser Begriff eignet sich so gut zu diesem Gebrauch, weil durch die Verbindung des Eigennamens mit einer Kollektivendung möglich wird, damit beliebig eine Phase im Aufbau des Sozialismus, eine Systemgestalt der kommunistischen Gesellschaft, eine theoretische Sonderform des Marxismus oder eine persönliche Art staatlicher Herrschaftsausübung zu benennen und so verschiedene Aspekte des Kommunismus zwischen der Oktoberrevolution und dem Zusammenbruch der sozialistischen Gesellschaften Osteuropas unterschiedslos diffamierend zusammenzufassen. Das Wort ist schon deshalb mißleitend, weil darunter auch eine Reihe von Erscheinungen der Organisation des Gesellschaftsprozesses und der kommunistischen Weltbewegung subsumiert werden, die sich erst nach der sogenannten Entstalinisierung des XX. Parteitages ausbildeten.

Die Personalisierung von systematischen Problemen und die Projektion auf eine »Unheilsfigur« lassen sich dann innerkommunistisch auch als Entlastungsstrategie funktionalisieren, um spätere Fehlentwicklungen einer früheren Ursache aufzubürden. Diese Entlastungsstrategie verhindert ein historisch-materialistisches Verständnis der Geschichte des Kommunismus und arbeitet in der Konsequenz (sicher bei vielen Genossen ganz gegen ihre Absicht und Erwartung) der Propaganda des Gegners in die Hände.

Die Begriffsverschiebung von »Stalinismus« zu »Stalin-Zeit« bringt keinen Erkenntnisfortschritt. Die »Stalin-Zeit« ist die Zeit ungeheurer Erfolge beim Aufbau des Sozialismus in einem ökonomisch, technisch und bildungsmäßig wenig entwickelten Land von riesigen Ausmaßen. Diese Erfolge beinhalten die beiden Hauptaspekte der Industrialisierung samt infrastruktureller Erschließung und der Herstellung nicht-kapitalistischer Eigentumsverhältnisse. Sie schließen ein überdurchschnittliches Wachstum des Lebensstandards der breiten Massen ein. Daß diese Erfolge seit der Gründung der Sowjetunion gegen die aggressive Politik militärischer, wirtschaftlicher und ideologischer Interventionen der kapitalistischen Mächte errungen werden mußten, gehört zur Gesamtsituation und macht die Leistung noch größer und schwerer.

Die »Stalin-Zeit« ist weiterhin die Zeit einer bewundernswerten Volksbildungs- und Kulturtätigkeit, der Alphabetisierung einer mehrheitlich noch analphabetischen Bevölkerung, der Förderung nationaler Kulturen im Rahmen des föderativen Unionsverbands, der Erarbeitung einer Verfassung, die auch nach den Maßstäben bürgerlicher Verfassungstheorie demokratisch genannt werden darf (womit noch nichts über die Anwendung, wohl aber etwas über die gewollte Entwicklungsrichtung gesagt ist). Die Arbeiterklasse der ganzen Welt sah in dieser Zeit in der Sowjetunion ihre Heimat – doch wohl nicht als Folge eines fatalen Mißverständnisses!

Die »Stalin-Zeit« ist nicht zuletzt die Zeit des heroischen Kampfes des gesamten Sowjetvolkes– nicht nur seiner kommunistischen Teile – gegen den Faschismus, eines Kampfes auch um das in den wenig mehr als 20 Jahren zwischen der Oktoberrevolution und der deutschen Invasion Geleistete und Errungene.

Das alles muß bei der Beurteilung der Epoche festgehalten werden, bevor wir zur Feststellung der Unrechtshandlungen, Verbrechen und Fehlentwicklungen und zur Erforschung ihrer Ursachen übergehen; sonst wird das Gesamtbild verzerrt, sonst wird verdeckt, in welcher Tradition ihrer Geschichte Kommunisten stehen. Nur unter Voraussetzung dieser Leistungen können wir uns aufrecht und selbstkritisch statt verschämt und wehleidig mit den schrecklichen Verfehlungen auseinandersetzen, die gleichzeitig in dieser Epoche geschehen sind.

Befreiung und Gewalt

Wer nach Erklärungen fragt, wird schnell verdächtigt, er wolle verharmlosen, beschönigen, vertuschen. Es geht jedoch hier darum, die Auswirkungen von Widersprüchen zu verstehen, um daraus Lehren zu ziehen. Das heißt nicht, diese Auswirkungen zu billigen. Die Erklärung historischer Vorgänge und ihre moralische Beurteilung müssen auseinandergehalten werden. Moralisieren ist kein historisch-materialistisches Verhältnis zur Geschichte, obwohl Moral ein wichtiger, unverzichtbarer Faktor in historischen Situationen ist. Ich halte mit Willi Gerns und Robert Steigerwald fest: »Wir haben keine Probleme damit, wenn die Gewalt und der Terror der Konterrevolution mit revolutionärer Gewalt beantwortet werden. Das war in der großen Revolution unvermeidlich, wenn die Revolutionäre nicht vor dem Terror der Konterrevolution kapitulieren wollten.«

Die Geschichte ist voll von Beispielen des gewaltsamen Klassenkampfs mit unzähligen Opfern auf beiden Seiten. Selbstverständlich ist das schrecklich, und alle Kraft einer humanitären Politik muß darauf gerichtet werden, solche Ausbrüche von Gewalt zu verhindern oder zu begrenzen. Würden aber aus Friedfertigkeit und Moralitiät die Beherrschten darauf verzichten, ihre Emanzipation notfalls auch gewaltsam durchzusetzen, so blieben sie die wehrlosen Opfer der Gewalt der Herrschenden. Und Kurt Gossweiler hat recht, wenn er schreibt: »Es ist eine Tatsache, daß noch niemals eine unterdrückte Klasse das Joch der Unterdrückerklasse abgeworfen hat, ohne daß ihr revolutionärer Befreiungskampf und die Abwehr der konterrevolutionären Restaurationsversuche auch das Leben vieler Unschuldiger gekostet hat.«

Es geht bei dem »Stalinismus«-Vorwurf auch nicht eigentlich um die temporäre und begrenzte Anwendung von Gewalt, sondern um die Frage, ob zu dem Zeitpunkt der Ausübung des Terrors durch die staatlichen Organe noch eine revolutionär-konterrevolutionäre Lage bestand und was zu dem exzessiven Ausmaß des Terrors geführt hat. In Fortsetzung der ideologischen Linie, wie sie der XX. Parteitag (der KPdSU vom 14. bis 26.2.1956 – d. Red.) eingeschlagen hat, wird von den Kritikern der sogenannten Stalin-Zeit unterstellt, Stalins These, nach dem Sieg des Sozialismus in einem Land habe sich der Klassenkampf verschärft, sei falsch gewesen. Diese Unterstellung widerspricht aber allen historischen Tatsachen und der Logik der Sache.

Man überlege noch einmal: Für den Kapitalismus entsteht mit dem Beginn des Aufbaus des Sozialismus auf einem Sechstel der Erde zum ersten Mal ein äußerer, staatlich organisierter Gegner, während gleichzeitig in seinem eigenen Bereich die sozialen Widersprüche wachsen und der Klassenkampf härter wird; die Arbeiterbewegung im Inneren und der äußere Gegner Sowjet­union sind der Sache nach natürliche Verbündete. Unter diesen gegebenen Bedingungen war es die sich quasi von selbst ergebende Strategie der kapitalistischen Staaten, die Sowjetunion einzuschnüren, ihren Machtzuwachs zu verhindern und wenn möglich die Entwicklung des Sozialismus zu Fall zu bringen. Das läßt sich als Generallinie in der Außen- und Militärpolitik der kapitalistischen Staaten faktisch und dokumentarisch aufzeigen. Das Ziel, den Sozialismus zu Fall zu bringen, schloß auch die Zersetzung der kommunistischen Partei im Innern der SU, ihre Lähmung durch innerparteiliche Richtungskämpfe, die Unterstützung nicht- und antisozialistischer Kräfte und Verhaltensweisen als Teil der Strategie mit ein.

Nun waren mit der Oktoberrevolution die Klassen in Sowjetrußland (und später der UdSSR) nicht »abgeschafft«. Es gab sie unterhalb der sich verändernden Eigentumsverhältnisse noch als soziologisch definierbare Schichten, die in vielerlei Zusammenhängen (z. B. Familie, Kirche, Gemeinschaftsformen aller Art) erhalten waren, ihre Lebensweise, Erwartungen, Werteinstellungen usw. bewahrten und an ihre Kinder weitergaben und so einen (oft unausgesprochenen) gesellschaftlichen und ideologischen Gegensatz zu der im Aufbau befindlichen neuen Formation bildeten. Diese Schichten mußten, zum Teil (doch nicht nur) selbst gegen ihren bewußten, durch nationale Loyalität bestimmten Willen, Träger von Zersetzungserscheinungen im sozialistischen Aufbau sein, und Angehörige dieser Schichten konnten sich dafür auch instrumentalisieren lassen.

Der Klassenkampf von außen und im Inneren dauerte also an, und er nahm durch die äußeren Pressionen und Interventionsdrohungen eine akut bedrohliche Wendung (wie auch in der Französischen Revolution die »Terreur« und die Invasion wie kommunizierende Röhren zusammenhingen). Im tatsächlichen Verlauf dieser Auseinandersetzungen um Prinzipien und Strategien gab es mancherlei Schwankungen und Frontenwechsel, weil sowohl in individuellen als auch in Gruppeninteressen sich je verschiedene Nahziele durchsetzten und durchkreuzten. Bei zunehmender äußerer Gefahr (Stärkung des Faschismus, Antikominternpakt, Franco-Putsch in Spanien, Japans Überfall auf China) erzeugten diese inneren Kontroversen das Risiko einer entscheidenden Schwächung oder gar des Zusammenbruchs des jungen Sozialismus.

Verschärfter Klassenkampf

Die Einschätzung, der Klassenkampf habe sich nach dem Sieg der Oktoberrevolution sogar noch verschärft, kann unter diesen Umständen nicht als abwegig gelten. Die Konsequenz aus dieser Einschätzung mußte sein, fraktionelle Richtungskämpfe in der Partei zu überwinden oder zu unterbinden und notfalls zu eliminieren und die materielle Basis für nicht-sozialistisches Bewußtsein in der Bevölkerung durch eine Beschleunigung der Umwandlung von Eigentums- und Produktionsverhältnissen zu beseitigen. Daß dieses Programm nicht ohne repressive Gewalt durchzuführen war, leuchtet ein.

Erst an dieser Stelle entsteht die Frage nach der Verletzung sozialistischer Normen. Es besteht kein Zweifel, daß in übergroßer Zahl nicht nur aktive Gegner des neuen Staats, sondern Unschuldige, darunter sogar viele treue Genossen, Opfer der Verfolgung wurden. Daß es so kam, ist aus dem Zustand Rußlands, als es durch die Oktoberrevolution zum Sowjetstaat wurde, leicht herzuleiten. Rechtsstaatliche Traditionen, wie sie sich in Westeuropa (seit dem Römischen Recht) in zwei Jahrtausenden allmählich (und auch immer wieder mit größeren Rückschlägen) herausgebildet hatten, gab es nicht. Vielmehr bestand gerade gegenüber dem notwendigen Formalismus einer Rechtsordnung, die bisher immer nur Unterdrückungsordnung gewesen war, tiefes Mißtrauen. Alte Gewohnheiten des zaristischen Obrigkeitsstaats, der schon über eine wohlorganisierte und ausgebreitete politische Polizei verfügt hatte, setzten sich fort. Mit dem raschen Anwachsen der KPdSU drangen in die Partei opportunistische und karrieristische Elemente ein, die gerade in der Veränderung und Ausschaltung alter revolutionärer Kader die Chance für ihren eigenen Aufstieg sahen. Sie nutzten die objektive Situation äußerer und innerer Bedrohung, um mittels der Erzeugung von Mißtrauen unkontrollierte Machtstrukturen zu rechtfertigen und sich ihrer zu bemächtigen. In einer solchen Atmosphäre gedeiht Denunziantenum.

Das alles hat natürlich mit Sozialismus nichts zu tun, sondern ist ein gesellschaftlicher Vorgang auf der Grundlage spezieller russischer Ausgangsverhältnisse. Die Parteiorganisation, aus kleinen Anfängen in dem riesigen Land relativ schnell und mit unzureichend geschulten Kräften aufgebaut, war nicht stark genug, diese Entwicklung unter Kontrolle zu halten, sie wurde von ihr mitgerissen. Daß es tatsächlich Verschwörungen gab (mehr, als viele heute zuzugestehen bereit sind), verstärkte diese Tendenz. (Und geben wir uns keinen Illusionen hin: Wo auch immer auf der Basis eines wenig entwickelten Landes der Sozialismus aufgebaut würde, entstünde die gleiche Gefahr von Fehlentwicklungen. Gerade darum ist es so wichtig, Ursachen zu erforschen, statt einfach Schuldzuweisungen vorzunehmen.)

Wie unter den Bedingungen der äußeren Bedrohung und des inneren Klassenkampfs, der ökonomisch-technischen Unterentwicklung, der Ausdehnung und des Entwicklungsgefälles des riesigen Landes, des Bildungsrückstands, des Fehlens bürgerlich-demokratischer und des Fortdauerns autoritärer Denkweisen schwerwiegende Fehlentwicklungen beim Aufbau des Sozialismus sich durchsetzten, habe ich im IV.Kapitel meines Buches »Niederlage und Zukunft des Sozialismus« kurz erörtert: Nichteinhaltung Leninscher Parteinormen, Bürokratisierung des Partei- und Staatsapparates, Institutionalisierung repressiver Herrschaftsformen und – bedeutsam für das Versagen des Prinzips der Selbstkritik – Stillstand und darauf folgend Verfall der Theorie. Der sozialistische Impuls kam auf der Ebene der Organisationsformen des gesellschaftlichen Lebens nicht zur Entfaltung. Ich möchte darum auch nicht von »Deformation des Sozialismus« sprechen, denn es gab noch gar keinen verwirklichten Sozialismus, der hätte deformiert werden können; sondern von inneren Widersprüchen und Fehlentwicklungen beim Versuch des Aufbaus des Sozialismus. In der Tat unternahm die Parteileitung viele Anläufe, dieser Fehlentwicklung Einhalt zu gebieten (z.B. die mehrmals versuchte Trennung von Partei- und Staatsfunktionen, für deren Durchführung es einfach an qualifizierten Kadern mangelte, so daß sich schließlich doch eine Art Personalunion in den Funktionen einstellte). So scheiterte sie an der Unreife und Schwerfälligkeit des Apparats und auch der objektiven Unmöglichkeit, Programme einzulösen, für die die materiellen Voraussetzungen nicht bestanden.

Der Ausbruch des Krieges, die Ausnahmesituation der vier grauenvollen Jahre der Zerstörung des Landes und der ungeheuren Menschenverluste, die Jahre des »Von-vorn-wiederbeginnnen-Müssens« nach 1945 bedeuteten ohnehin eine Unterbrechung im strukturellen Sozialisierungsprozeß. Und die übermenschliche Verteidigungsleistung der Völker der Sowjetunion kam auch durch Mobilisierung der nationalen Ideologie, vor allem der russischen, zustande (»Großer Vaterländischer Krieg«), die in der Gleichsetzung vaterländischer und kommunistischer Gesinnung dem Internationalismus der kommunistischen Bewegung schadete.

Meiner Einschätzung nach versuchte Stalin in seinen letzten Lebensjahren– vor allem mit seinen, als Folge des XX. Parteitags nicht mehr rezipierten, Spätschriften über Ökonomie und theoretische Grundlagen am Beispiel der Sprachwissenschaften– eine Korrektur der genannten Fehlentwicklungen einzuleiten; vorsichtig und mit dem Bestreben, eine solche Korrektur nicht zur Erschütterung der durch den Krieg geschwächten und schon wieder von der aggressiv antisowjetischen Politik der USA herausgeforderten Sowjetunion werden zu lassen. Ob diese Einschätzung richtig ist, kann nur eine nicht von Emotionen verzerrte Analyse der Stalinschen Spätzeit (die bisher bei den Erörterungen des Problems fast ganz unbeachtet blieb) zeigen. Die »Stalinismus«-Diskussionen haben für eine solche emotionsfreie Analyse wenig Ansatzpunkte geboten.

Deformation der Theorie?

Mit allem Nachdruck möchte ich jedoch der von Gerns und Steigerwald vertretenen Auffassung von der »Deformation der Theorie« durch Stalin entgegentreten. Bezeichnenderweise stützen Gerns und Steigerwald sich dabei auf Bewertungen des (auch von mir hoch geschätzten) nicht-kommunistischen Soziologen Werner Hofmann, ohne allerdings die von Hofmann zuvor dargelegte Ursachenanalyse mit heranzuziehen. Dadurch ergibt sich ein schiefes Bild – und noch eines aus zweiter Hand.

Stalin hat sich in seinen theoretischen Arbeiten– vor allem mit dem Kapitel über historischen und dialektischen Materialismus im Kurzen Lehrgang der Geschichte der KPdSU – vor allem an die breiten Massen gewandt, die durch Bildungsarbeit überhaupt erstmals erfaßt wurden. Er hat mit einer bewundernswerten didaktischen Fähigkeit die schwierigen Fragen einer dialektischen Philosophie und Gesellschaftstheorie in einer auch für wissenschaftlich ganz unerfahrene Leser verständlichen Form dargestellt. Daß dabei vergröbernde Vereinfachungen vorgenommen werden mußten, ist jedem klar, der mit Lehrbüchern gearbeitet oder gar solche verfaßt hat. Zudem muß die dialektische Bewegungsform des Denkens in einer systematischen Zusammenfassung erstarren. Ich habe an anderer Stelle gezeigt1, daß die Stalinsche Systematisierung der Grundlagen marxistischer Philosophie sich eng an Leninsche Vorbilder anschließt, daß insbesondere die 16 Punkte der Dialektik, in denen Lenin seine Hegel-Lektüre resümiert, 2 mit den Stalinschen Hauptpunkten genau übereinstimmen. Anfang der dreißiger Jahre, vor Stalins Schrift, als in der kommunistischen Weltbewegung allenthalben das Bedürfnis nach lehrgerecht aufgebauten Grundrissen des dialektischen und historischen Materialismus bestand, haben bedeutende marxistische Philosophen in Westeuropa dieselben (und fast bis in den Wortlaut hinein gleichen) Systemschemata ausgearbeitet – ich nenne nur Max Raphael (1934) und Georges Politzer (1935).

Die vorläufige Analyse der theorierelevanten Stalinschen Schriften zeigte durchgängig das gleiche Bild: die Fähigkeit, schwierige komplexe Sachverhalte auf die hauptsächlichen Kernstrukturen zu reduzieren und durchsichtig zu machen; Zusammenhänge sehen zu lassen, wo der Stoff unübersichtlich ist; den eigenen Standpunkt gegenüber anderen Auffassungen klar herauszuarbeiten.

Es ist sicher nicht diesen Schriften anzulasten, sondern eher ein bildungs- und wissenssoziologisches Problem (und als solches auch von Werner Hofmann behandelt worden), daß die Stalinschen (und übrigens auch die Leninschen) Grundrißentwürfe und »Elementaria« von der sowjetischen Wissenschaft nicht etwa als eine Grundlage für Diskussion und weiterführende Forschungen genommen, sondern als dogmatische Grenze ihrer theoretischen Arbeiten gesetzt wurden. Und es muß betont werden, daß diese Dogmatisierung und Unbeweglichkeit in Grundfragen (bei gleichzeitigem politischem Opportunismus) überhaupt erst richtig in der Zeit nach Stalin zum dominanten Charakteristikum der Sowjetwissenschaft wurde. Die ersten Jahrgänge der Zeitschrift Sowjetwissenschaft zwischen 1948 und 1952 zeigen eine noch viel offenere und diskussionsfreudigere Wissenschaft am Werk.

Sicher hängt dieser Theorieverfall mit der Bürokratisierung von Partei- und Staatsapparat zusammen, hat aber auch seine Wurzeln darin, daß es im vorrevolutionären Rußland nur eine sehr schmale Basis von Wissenschaft und Wissenschaftstradition gab, die noch durch die Abwanderung bürgerlicher Wissenschaftler nach der Revolution weiter geschwächt und erst nach und nach durch neue heranwachsende Bildungsschichten aufgefüllt wurde. Die Entwicklung einer wissenschaftlichen Kultur brauchte Generationen – und eine so lange Zeit hatte die Sowjetunion nicht. Dogmatische Kinderkrankheiten in der Frühphase einer Weltanschauung – man denke nur an die Dogmengeschichte des Christentums – sind in der Geschichte nicht ungewöhnlich. In langfristigen geschichtlichen Verläufen werden sie in der Regel überwunden, wenn die Gesellschaft im ganzen sich stabilisiert, ihrer Formationstypik entsprechend entwickelt und differenziert.

Der Entwicklungsbruch

Eine solche langfristige Entwicklung wurde durch den XX. Parteitag unterbrochen. Die Kritik an den Fehlern, Unrechtshandlungen und Verbrechen der vorangegangenen Jahre wurde nicht als Ergebnis einer historisch-materialistischen Analyse der objektiven Widersprüche beim Aufbau des Sozialismus in einem (wenig entwickelten) Lande und ihrer subjektiven Reflexe vorgetragen, sondern als eine moralisierende Anklage, die sich letzten Endes gegen eine einzige Person, den Übeltäter Stalin, richtet, dessen Mitarbeiter die Kritiker gewesen waren, die so (nach alter biblischer Manier) ihre eigene Mitverantwortung einem Sündenbock aufladen konnten. Seit dem XX. Parteitag hat die innerkommunistische »Stalinismus«-Kritik immer auch den Charakter einer Entschuldigung eigenen Versagens; wenn 36 Jahre nach dem Tode Stalins 1989 und folgend immer noch alle Fehlentwicklungen in der UdSSR dem »Stalinismus« zur Last gelegt werden, obwohl doch wahrlich Zeit genug und Möglichkeiten zur Erneuerung des revolutionären Geistes der Partei vorhanden waren, dann müssen die Kritiker doch besser nach den Fehlern gefragt werden, die sie selber in diesen 36 Jahren gemacht haben.

Zunehmender Opportunismus

Einer ausführlicheren Untersuchung muß vorbehalten bleiben, die entscheidenden Punkte aufzuzeigen, in denen die Politik des XX. Parteitags von einem leninistischen Kurs abwich.3 Jedenfalls halte ich die Einschätzung für richtig, daß mit Chruschtschow innerhalb der KPdSU eine opportunistische (und das heißt: revisionistische) Linie die Oberhand gewann. Opportunismus nenne ich eine Politik, die sich um kurzfristiger wirtschaftlicher Vorteile willen in Abhängigkeit von kapitalistischen Zulieferländern begibt; die »um des lieben Friedens willen« bereit ist, systemgefährdende Konzessionen an den Gegner zu machen; die den Integrationsprozeß des sozialistischen Lagers einseitig den besonderen Interessen der Vormacht unterordnet; die eine allmähliche Revision der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus durch Eindringen systemfremder theoretischer Konzepte unkritisch hinnimmt und das kritische Potential des Marxismus zu reiner Apologetik verkommen läßt; kurz, alle jene Erscheinungen, die ein Ermatten des klassenkämpferischen Elans und ein Vordringen reformistischer Auffassungen und Strategien zur Folge haben.

Diese Einschätzung des tendenziellen und allmählich zunehmenden Opportunismus in der sowjetischen Politik seit 1956 muß durch Untersuchung der Tatsachen und ihre perspektivische Bewertung geprüft werden. Sie kann nicht einfach als »stalinistisch« diffamiert werden. (…)

Es ist nötig, daß wir von dem Klischee »Stalinimus – Antistalinimus« wegkommen. Wir müssen unsere reiche und widersprüchliche Geschichte ohne solche Vorurteile erforschen. Und wir dürfen nicht vergessen, daß wir die Geschichte erforschen, um die Zukunft besser zu machen, um Fehler zu vermeiden, deren Muster wir jetzt kennen, um die Alternative zur kapitalistischen Gesellschaft der Ausbeutung und Unterdrückung zu Formen der Befreiung der Menschheit zu machen.

Anmerkungen

1 Dialektik als offenes System, Pahl Rugenstein Verlag, Köln 1986, S.16–26

2 LW 38, S.212–214

3 Hans Heinz Holz: »Niederlage und Zukunft des Sozialismus«, Neue Impluse Verlag, Essen 1992, S.102–104

Prof. Dr. Hans Heinz Holz ist Autor zahlreicher Publikationen zu marxistischer Philosophie, Kunsttheorie und Politik.

junge Welt


Hans Heinz Holz: »Integrale der Praxis – Aurora und die Eule der Minerva«. (Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie Band 3). Aurora Verlag, Berlin 2011, 320 Seiten, 24,95 Euro


Hans Heinz Holz: Theorie als Materielle Gewalt – Die Klassiker der III. Internationale. (Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie Band 2). Aurora Verlag, Berlin 2011, 320 Seiten, 24,95 Euro


Hans Heinz Holz: Die Algebra der Revolution – Von Hegel zu Marx. (Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie Band 1). Aurora Verlag, Berlin 2010, 320 Seiten, 24,95 Euro

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